Der Mann, der niemals lebte - David Ignatius - E-Book + Hörbuch

Der Mann, der niemals lebte Hörbuch

David Ignatius

4,4

Beschreibung

Ein Toter kämpft im geheimen Krieg Bombenattentate in europäischen Großstädten versetzen den Westen in Aufruhr. Die CIA ist ratlos: Eine neue Terrorgruppe, ihr Führer nennt sich «Süleyman», mehr weiß man nicht. Als die Kette der Anschläge nicht abreißt, hat Nahostexperte Roger Ferris eine Idee: Wenn man den Feind nicht infiltrieren kann, dann muss man eben so tun, als ob. Im Rückzugsgebiet der Gruppe wird daraufhin eine präparierte Leiche platziert, mit Scheinidentität und einer Tasche voller brisanter Unterlagen. Und der Plan scheint aufzugehen: Der verunsicherte Gegner macht die ersten Fehler. Doch nicht nur die Agenten der CIA spielen ein doppeltes Spiel … «Einer der besten Spionage-Thriller seit dem 11. September.» Publishers Weekly

Das Hörbuch können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Zeit:7 Std. 7 min

Veröffentlichungsjahr: 2009

Sprecher:Johannes Steck

Bewertungen
4,4 (22 Bewertungen)
14
3
5
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


David Ignatius

Der Mann, der niemals lebte

Thriller

Über dieses Buch

Ein Toter kämpft im geheimen Krieg.

 

Bombenattentate in europäischen Großstädten versetzen den Westen in Aufruhr. Die CIA ist ratlos: Eine neue Terrorgruppe, ihr Führer nennt sich «Süleiman», mehr weiß man nicht. Als die Kette der Anschläge nicht abreißt, hat Nahostexperte Roger Ferris eine Idee: Wenn man den Feind nicht infiltrieren kann, dann muss man eben so tun, als ob. Im Rückzugsgebiet der Gruppe wird daraufhin eine präparierte Leiche platziert, mit Scheinidentität und einer Tasche voller brisanter Unterlagen. Und der Plan scheint aufzugehen: Der verunsicherte Gegner macht die ersten Fehler. Doch nicht nur die Agenten der CIA spielen ein doppeltes Spiel …

 

«Eine bislang noch nicht da gewesene, unglaublich präzise Darstellung der Spielregeln, nach denen Geheimdienste operieren.» (Bob Woodward)

 

«Keiner kennt die Welt der CI im Nahen Osten so gut wie David Ignatius, und ‹Der Mann, der niemals lebte› führt dem Leser von der ersten Seite an die so zweifelhaften wie letztlich erfolglosen Anstrengungen unseres Landes in diesem Teil der Erde vor Augen. Ein hochkarätiger Lesegenuss.» (Seymour Hersh)

 

«David Ignatius hat es wieder geschafft … ‹Der Mann, der niemals lebte› ist ein fiktives Werk, das sich wie ein Tatsachenbericht liest. CI bewundern Ignatius, weil er besser als jeder andere Schriftsteller die Feinheiten ihres Geschäfts versteht. Faszinierend.» (George Tenet, ehemaliger Direktor des CIA)

 

«Einer der besten Spionage-Thriller seit dem 11. September.» (Publishers Weekly)

Vita

David Ignatius ist Kolumnist und Herausgeber bei der «Washington Post». Außerdem schreibt er für «International Herald Tribune», «New York Times Magazine», «The Atlantic Monthly», «Foreign Affairs» und «The New Republic». Als Spezialist für die Themen Geheimdienste und Naher Osten ist er einer der renommiertesten politischen Journalisten seines Landes. «Der Mann, der niemals lebte» wurde von Ridley Scott mit Leonardo DiCaprio und Russell Crowe in den Hauptrollen verfilmt.

 

Weitere Veröffentlichung:

Das Netzwerk

Für Eve

«Den Feind zu verwirren und irrezuführen war stets eines der Grundprinzipien der Kriegsführung. Infolgedessen haben die verschiedenartigsten Kriegslisten in fast jedem Feldzug seit der Geschichte mit dem Trojanischen Pferd, vielleicht sogar schon früher, eine Rolle gespielt. Dieses Spiel ist seit so langer Zeit gespielt worden, dass es nicht mehr leicht ist, neue Methoden zu ersinnen, um die eigene Stärke oder die eigenen Absichten zu verschleiern. Außerdem muss bei der Planung und Ausführung solcher Operationen größte Sorgfalt angewandt werden – andernfalls verraten sie nur das Spiel, statt den Feind zu täuschen.»

 

Lord Ismay im Vorwort zu Der Mann, den es nie gab (1975)

Es dauerte fast einen Monat, bis sie den richtigen Leichnam fanden. Roger Ferris hatte ziemlich genaue Vorstellungen: Er wollte einen Mann Mitte dreißig, der körperlich fit und nach Möglichkeit blond, auf jeden Fall aber ein Weißer war. Er durfte keine erkennbaren Anzeichen von Krankheiten oder Verletzungen haben. Und natürlich keine Schusswunden – die hätten die Sache viel zu kompliziert gemacht.

Weil Ferris auf Einsatz im Nahen Osten war, musste sein Chef Ed Hoffman die Leiche organisieren. Seinen Mitarbeitern traute Hoffman nicht zu, eine derartige Aufgabe so zu erledigen, dass nicht irgendein Kongresskomitee davon Wind bekam, aber er wusste genau, wo es Leute gab, die jederzeit zu praktisch allem bereit waren: bei der Armee. Und so setzte er sich mit einem ehrgeizigen Colonel beim Kommando für Spezialaufgaben auf dem Luftwaffenstützpunkt MacDill in Verbindung, der ihm schon früher bei ähnlichen Problemen behilflich gewesen war, und fragte ihn, ob er ihm einen etwas ungewöhnlichen Gefallen tun könne. Er brauche einen Weißen, der etwa eins achtzig groß und Anfang bis Mitte dreißig war. Außerdem sollte er durchtrainiert genug sein, um als CIA-Agent durchzugehen, aber nicht so muskelbepackt wie ein Elitesoldat. Der ideale Kandidat wäre außerdem nicht beschnitten. Und er müsste natürlich tot sein.

Drei Wochen später hatte der Colonel einen passenden Kandidaten in einem Leichenhaus in Florida ausfindig gemacht. Dazu hatte er ein Netzwerk von ehemaligen Offizieren angezapft, die inzwischen allein privaten Sicherheitsfirmen untergekommen waren und von sich behaupteten, sie könnten einem so ziemlich alles besorgen. Der Tote war ein Urlauber namens James Borden, der tags zuvor beim Windsurfen vor der Küste bei Naples ertrunken war; ein Rechtsanwalt aus Chicago, aber körperlich gut in Form und im vollen Besitz seiner Vorhaut. Außerdem war er gesund, hatte braunes Haar und war sechsunddreißig Jahre alt. Damit erfüllte er alle Anforderungen, aber die Sache hatte trotzdem einen kleinen Haken: Der Leichnam sollte in zwei Tagen in Highland Park, Illinois, eingeäschert werden. Hoffman fragte den Colonel, ob er schon mal ein krummes Ding gedreht habe, und der Colonel antwortete: Nein – aber er sei für alles zu haben. So eine Gesinnung traf Hoffman bei der CIA nur selten an.

Gemeinsam erarbeiteten sie sich die Leichenfledderer-Version des altbekannten Hütchenspiels, bei der eine Leiche in Fort Myers in den Frachtraum eines Flugzeugs kam und eine andere auf dem O’Hare-Flughafen in Chicago ausgeladen wurde. Der Sarg war derselbe, nur lag bei seiner Ankunft in Illinois nicht mehr James Borden darin, sondern ein achtundsiebzigjähriger, an einem Herzinfarkt verstorbener Versicherungsvertreter. Der Colonel schickte sogar einen Unteroffizier zu dem Bestattungsunternehmen in Highland Park, der verhindern sollte, dass der Sarg in letzter Minute doch noch geöffnet wurde. Für den Fall, dass trotz allem etwas schiefging, hatte sich Hoffman eine Geschichte zurechtgelegt: Die Fluggesellschaft habe leider beim Ausladen die beiden Särge vertauscht, ein bedauerlicher Fehler, der nun aber nicht mehr rückgängig zu machen sei, da man den anderen Toten vor wenigen Stunden in Milwaukee eingeäschert habe. Zum Glück kam sie nie zum Einsatz.

James Borden war zwar nicht ideal, aber er erfüllte seinen Zweck. Er war muskulös, hatte aber auch einen leichten Bauchansatz, und am Hinterkopf gingen ihm schon ein wenig die Haare aus. Außerdemstellte sich heraus, dass er einen Hodenhochstand hatte. Je mehr Hoffman allerdings über diese Mängel nachdachte, desto besser gefielen sie ihm – handelte es sich doch um echte, menschliche Details, was die Täuschung nur glaubwürdiger machen würde. Um perfekt zu sein, musste ein Trick auch gewisse Fehler beinhalten.

Hoffman ging nun daran, den Toten mit einer Lebensgeschichte auszustatten. Er hieß nicht mehr James Borden, sondern Harry Meeker und bekam eine Wohnung in Alexandria sowie eine Festnetz- und eine Handynummer. Mit dem Bild aus Bordens in Illinois ausgestelltem Führerschein fertigten die Spezialisten bei der CIA einen aus Virginia an, während sie für den Reisepass, den sie auch gleich mit den richtigen Stempeln und Visa versahen, ein Portraitfoto von Bordens Kanzleiwebsite verwendeten, das sich Hoffmans Mitarbeiter Sami Azhar heruntergeladen hatte.

Weil es zu Harry Meekers Tarnung gehörte, dass er bei der US-Agentur für Internationale Entwicklung tätig war, stellten sie für ihn auch noch einen Ausweis von der USAID aus sowie Visitenkarten mit seiner Privat- und seiner Geschäftsnummer. Deren erste drei Ziffern – 712 – waren echt, aber wenn man dann die Nummer der Nebenstelle wählte, meldete sich ein Anrufbeantworter mit einer Stimme, die gerade so verdächtig klang, dass man dahinter keine richtige Sekretärin, sondern die Tarnung eines Agenten vermutete. Hoffmans Leute besorgten Meeker einen Mietparkplatz vor dem Reagan Building in der Pennsylvania Avenue, wo die AID ihre Zentrale hatte, und dazu ein Kärtchen für seine Brieftasche, auf dem die Nummer des Stellplatzes verzeichnet war. All diese Dinge waren eher einfach zu beschaffen und gehörten mehr oder weniger zum üblichen Prozedere, mit dem die CIA jemandem zu einer falschen Identität verhalf. Harry Meeker hatte damit zwar Papiere, ein richtiger Mensch war er aber noch nicht.

Als solcher brauchte er zunächst einmal Kleidung. Um die auszusuchen,war Hoffman, der sich überhaupt nichts aus Mode machte und alles anzog, was seine Frau ihm vom Herrenausstatter mitbrachte, nicht der geeignete Mann. Deshalb wurde Sami Azhar zu Nordstrom’s geschickt, wo sich die aufstrebenden Manager in Nordvirginia einkleideten: modisch, aber doch seriös. Der Harry Meeker, den sie vor Augen hatten, war ein ehrgeiziger CIA-Agent, der bei der Abteilung für Terrorabwehr in der Zentrale Karriere machen wollte, ein überdurchschnittlich begabter Bursche, der ziemlich gut Arabisch sprach und ausgebufft genug war, um auch heikle Missionen zu übernehmen. Bis jetzt wussten sie noch nicht, wo er letztendlich hintransportiert werden sollte, aber es war gut möglich, dass es die Nordgrenze von Pakistan sein würde, wo es empfindlich kalt werden konnte. Deshalb kaufte Azhar einen wärmeren Blazer, eine wollene Dockers-Hose mit Bügelfalten, ein weißes Hemd und ein paar feste Schuhe mit Gummisohlen, die man sowohl in der Stadt als auch draußen im Gelände tragen konnte. Die Kleidung konnte man mehrmals reinigen lassen, bis sie aussah, als würde sie schon länger getragen, aber mit den Schuhen war das eine andere Sache. Selbst nachdem Azhar sie absichtlich verschrammt hatte, wirkten sie immer noch wie neu und nicht so, als hätten echte, schwitzende Füße darin gesteckt. Die Lösung war schließlich, dass Azhar selbst eine ganze Woche lang damit herumlief, wobei er ein zweites Paar Socken tragen musste, um sich keine Blasen zu holen.

Als Nächstes war Harry Meekers Privatleben dran. Ferris hatte festgelegt, dass er unbedingt geschieden sein musste. Dieses biographische Detail erwartete man nun einmal von einem CIA-Mitarbeiter: dass er seine erste Frau verlassen hatte und sich munter durch die Gegend vögelte. Als Hinweis auf die Scheidung verfasste Azhar den Brief eines Anwalts, der Meekers imaginäre Ex-Frau vertrat. Darin ließ «Amy» ihrem Ex-Mann mitteilen, dass er die Alimente künftigan eine neue Adresse zu senden habe und dabei keinesfalls persönlich Kontakt mit ihr aufnehmen dürfe. Hatte die Frau einen anderen, oder war Meeker einfach nur ein Mistkerl? Beides erschien plausibel.

Nun brauchte Harry Meeker noch eine Freundin. Sie sollte nicht nur hübsch sein, sondern auch sexy, denn alle Welt – Dschihadisten mit eingeschlossen – wusste aus den James-Bond-Filmen, dass ein richtiger Geheimagent grundsätzlich nur mit einer Superbraut herummachte. Hoffman wollte ein Foto von einer Blondine mit großen Brüsten im knappen Bikini, aber Azhar war dagegen, weil ein solcher Pamela-Anderson-Verschnitt doch ein wenig zu dick aufgetragen gewesen wäre. Meekers Freundin sollte zwar sexy sein, aber andererseits auch so aussehen, als könnte sie ebenfalls für die CIA arbeiten. Ferris hatte schließlich die zündende Idee: Warum nahmen sie nicht einfach eine Afroamerikanerin? Das war gerade so unwahrscheinlich, dass es schon wieder glaubwürdig wirkte. Hoffman fragte seine Sekretärin – eine dunkelhäutige Schönheit mit einem umwerfenden Lächeln –, ob sie nicht in einer tief ausgeschnittenen Bluse für ein Bild posieren wolle. Denise war einverstanden, und weil auch ihr Name genau den richtigen Klang hatte, bat Hoffman sie gleich noch, auf den Abzug «Für Dich, Baby. In Liebe, Denise» zu schreiben und darunter ein kleines Herzchen zu malen.

Ferris hatte auch einen Liebesbrief in Erwägung gezogen, die Idee dann aber wieder verworfen, weil in Zeiten von E-Mail kein Mensch mehr Liebesbriefe schrieb. Da Harry Meekers Leiche aber keinen Laptop bei sich haben würde, schlug Azhar vor, das Ganze per SMS zu machen. Weil alle das für eine gute Idee hielten, verfasste er auf «Denises» Handy zwei kurze Mitteilungen. Die eine lautete nur: «Du böser Junge!», die andere «Baby, du fehlst mir. Komm bald zurück. Dee.» Das war sexy, aber nicht zu explizit, geschweige denn ordinär. Trotzdem meinte Hoffman, Harry solle unbedingt ein Kondom inder Brieftasche haben für den Fall, dass sich im Ausland ein kleiner Seitensprung ergab. Und um ein paar gesendete Nachrichten würden sie sich auch noch kümmern.

Meekers Handy zu präparieren machte eine ganze Menge Arbeit. Azhar tippte Denises Nummer und die der USAID-Zentrale ein und dazu die – frei erfundene – einer weiteren Freundin, die er «Sheila» nannte, sowie die eines imaginären Freundes namens «Rusty», dessen Telefonnummer in Wirklichkeit die von Azhars Privatanschluss war. Außerdem rief er das Handy von diversen Telefonen in der CIA-Zentrale an. Wer sich auskannte, konnte diese Nummern ohne große Mühe erkennen, weil sie alle mit 482 begannen. Aber das waren nicht die einzigen Leckerbissen, die Azhar in den Listen der eingegangenen und getätigten Anrufe platzierte. Unter anderem waren hier die Nummern diverser Restaurants in der Nähe der CIA-Zentrale sowie des Pentagons zu finden, ebenso wie die der amerikanischen Botschaften in Islamabad und Tiflis. Jeder Eintrag in solchen Listen war eine digitale Spur, und wenn man den Spuren auf diesem Handy nur lange genug folgte, kam man unweigerlich zu dem Schluss, dass sein Besitzer ein geheimes Doppelleben führte.

An einem Tag im Spätherbst sollte der Leichnam in einem speziell für diesen Zweck von Hoffman eingerichteten Kühlraum unter dem nördlichen Parkplatz der CIA-Zentrale eingekleidet werden. Harrys tiefgekühlte Haut hatte die Farbe von vergilbtem Elfenbein, und sein Haar war ein wenig struppig geworden, weshalb sie es ganz kurz schnitten und ihm damit eine Art Bruce-Willis-Look verpassten. Als Harry so nackt vor ihnen auf der Bahre lag, konnte man seinen Hodenhochstand deutlich sehen.

«Zieht ihm schleunigst eine Unterhose an», brummte Hoffman und schlug einen Slip vor, aber Azhar schüttelte skeptisch den Kopf und sagte: «Passt nicht zu ihm.» Schließlich entschieden sie sich fürausgewaschene Boxershorts und streiften sie dem Toten über. Kurz überlegten sie, ob sie ihm auch ein Unterhemd anziehen sollten, fanden das dann aber doch zu spießig. Hemd und Hose bereiteten ihnen relativ wenig Probleme, aber bei den Schuhen verhielt es sich anders, weil sich die gutgekühlten Füße weder an den Zehen noch an den Knöcheln bewegen ließen. Schließlich musste Hoffmans Sekretärin einen Reisefön kaufen, mit dessen Hilfe sie die Füße ein wenig antauen und beweglich machen konnten.

Zu guter Letzt steckten sie der Leiche noch eine Brieftasche mit Ausweisen, Rechnungen und Kreditkartenbelegen ins Jackett und füllten die Hosentaschen mit allem möglichen Krimskrams, der Harry Meeker nicht nur ein Stück glaubwürdiger machen, sondern auch zu seiner Enttarnung als CIA-Agent beitragen würde. Unter den Kreditkartenbelegen waren auch welche vom Afghan Alley, einem Restaurant in McLean, wo CIA-Leute häufig ihre Mittagspause verbrachten, sowie von der Kinkead’s Colvin Run Tavern in Tyson’s Corner, in der ein Abendessen für zwei Personen schon mal zweihundert Dollar kostete und die von Agenten wie Harry gern aufgesucht wurde, wenn es darum ging, mit ihren Freundinnen irgendwelche Spesengelder zu verbraten. Harry schien es wirklich ernst zu meinen mit Denise. Darauf wies auch die Geschäftskarte eines Juweliers in Fairfax hin, auf deren Rückseite Ferris handschriftlich «2 Karat – 5000 Dollar?» notiert hatte. Offenbar dachte Harry an einen Verlobungsring, kämpfte aber noch mit seiner Knauserigkeit. Auf Azhars Anregung hin gaben sie ihm auch noch einen Abholschein für eine Reinigung im McLean Shopping Center in die Brieftasche. Schließlich vergaßen die Leute ständig, ihre Sachen von der Reinigung abzuholen, bevor sie auf eine längere Reise gingen. Auch eine Tankquittung von der Exxon-Station an der Route 123, die direkt vor der CIA-Zentrale lag, ging auf Azhars Initiative zurück. Sie war ein ebenso liebevolles Detail wieder Gutschein für eine Gratis-Autowäsche bei einer Waschstraße in Alexandria, direkt neben Harrys Wohnhaus.

Hoffman wollte, dass Harry einen iPod besaß, und eine Zeit lang überlegten sie alle gemeinsam, welche Art von Musik sie ihm draufladen sollten, bis Azhar schließlich auf die glänzende Idee kam, stattdessen einen Arabischkurs auf den MP3-Player zu spielen. Wer auch immer die Leiche fand, würde unendlich viel Zeit damit verbringen, die vermeintlichen Geheimbotschaften in den Lektionen zu entschlüsseln, und schließlich zu der Erkenntnis gelangen, dass es sich doch bloß um Übungssätze zum Arabischlernen handelte. Außerdem war ein Sprachkurs genau das, was ein ehrgeiziger Agent, der in jeder freien Minute an der Verbesserung seiner Fähigkeiten arbeitete, mit auf einen Auslandseinsatz nahm. So gewissenhaft. So penetrant amerikanisch. Zum Ausgleich steckte Hoffman dem Toten noch eine abgerissene Eintrittskarte für ein Spiel der Washington Redskins aus der letzten Playoff-Serie in die Innentasche seines Jacketts.

Das Wichtigste allerdings würde der Tote erst später bekommen: die Dokumente, die Harry Meeker angeblich seinem Kontaktmann bei der al-Qaida bringen sollte, sowie die Fotos und ausgedruckten Botschaften. All das würde wie eine Bombe hochgehen, wenn es in der Hierarchie des Netzwerks zu den richtigen Leuten gelangte. Schließlich war es Beweis dafür, dass eine wichtige Zelle des Organismus ins feindliche Lager übergelaufen war und Verrat begangen hatte. Der angebliche Harry Meeker war nichts weiter als eine Giftpille, die so glaubwürdig und verlockend verpackt war, dass der Gegner einfach danach greifen musste. Wenn sie ihre Wirkung entfaltete, würde sie jeden Nerv und jedes Blutgefäß im Körper des Gegners zerstören. Aber dazu musste er sie erst einmal schlucken.

Berlin

Vier Tage nachdem die Autobombe in Mailand hochgegangen war, reiste Roger Ferris mit Hani Salaam, dem Chef des jordanischen Geheimdienstes, nach Berlin. Der Nachrichtenverkehr im CIA-Büro in Amman hatte die Ausmaße eines digitalen Blizzards angenommen, in den oberen Etagen schrien sie lauthals nach irgendwelchen brauchbaren Informationen über die Bombenleger von Mailand, die der Direktor dem Präsidenten präsentieren konnte. Aber im Hauptquartier schrie man ständig nach irgendetwas, und Ferris erschien die Reise mit Hani im Augenblick wichtiger. Wie sich herausstellte, sollte er damit ganz recht behalten.

Ferris hatte schon viele Geschichten über die Großtaten des jordanischen Geheimdienstes gehört. Bei der CIA hießen die Jordanier nur «die Herzen», einerseits natürlich wegen ihres Kryptonyms, QM HEART, andererseits aber auch, weil sie ihre Operationen immer recht beherzt angingen. Bis zu seiner Berlinreise hatte Ferris die Herzen allerdings noch nie in Aktion erlebt. Die Sache an sich war nicht besonders aufregend. Die Planungen und Vorbereitungen hatten zwar Monate in Anspruch genommen, aber als die Operation schließlich zur Durchführung kam, war sie ein Kinderspiel. Ferris machte sich dabei keine Gedanken über die komplexen Zusammenhänge außerhalb seines Blickfelds: Das Labyrinth war so perfekt konstruiert, dass man gar nicht auf die Idee kam zu fragen, ob es nicht vielleicht Teil eines größeren Labyrinths sein könnte. Und der Ausgang war so leicht zu finden, dass man nicht lange überlegte, ob er nicht vielleicht ein Eingang zu etwas anderem war.

Sie waren auf dem Weg in einen der Außenbezirke Ostberlins, der sich nie richtig davon erholt hatte, dass er 1945 von der Roten Armee niedergewalzt worden war. Während eine bleiche Oktobersonne dem wolkigen Himmel einen leicht metallischen Glanz verlieh, war das Stadtviertel darunter ein erdiges, mattes Braun: hellbrauner Putz an den Häuserwänden, ölig schillernde Pfützen aus bräunlichem Wasser in den Schlaglöchern der Straßen. Selbst der stumpf gewordene Lack eines klapprigen Trabbis am Straßenrand hatte eine unbestimmte, schlammbraune Farbe. Am anderen Ende der Straße spielten ein paar türkische Jungs Fußball, man hörte den Verkehrslärm von der einen Block entfernten Hauptstraße. Sonst war alles still. Vor ihnen lagen die trostlosen Wohnblocks, die vor Jahrzehnten für die Arbeiter der nahe gelegenen Fabrik gebaut worden waren. Inzwischen waren sie so heruntergekommen, dass nur noch Aussiedler und Hausbesetzer darin wohnten und ein paar alte Leute, die schon zu senil oder zu demoralisiert waren, um noch wegzuziehen. Aus den wenigen offenen Fenstern roch es nicht nach Kohl oder Schnitzel, sondern nach Knoblauch und billigem Olivenöl.

Ferris war knapp eins achtzig groß, hatte widerspenstiges schwarzes Haar und weiche Züge. Ständig schien ein Lächeln um seinen Mund zu spielen, und in seinen Augen lag ein Funkeln, das Neugier und Interesse signalisierte, auch wenn er nichts dergleichen empfand. Seinen einzigen körperlichen Makel, ein leichtes Humpeln, verdankte er einer Panzerfaust, die sechs Monate zuvor auf einer Straße nördlich von Balad im Irak auf seinen Wagen abgefeuert worden war. Ferris hatte Glück gehabt: Sein Bein war zwar von Granatsplittern durchsiebt worden, aber er hatte überlebt, während der irakische Agent, der den Wagen fuhr, gestorben war. Gute Geheimdienstagenten sind angeblich farblose Menschen, deren Gesicht man in einem belebten Raum gleich wieder vergisst. Daran gemessen hatte Ferris den falschen Beruf gewählt. Ihm sah man auf den ersten Blick an, dass er hungrig und ungeduldig war und etwas zu suchen schien, was er bisher noch nicht gefunden hatte.

Hinter Hani und dessen Assistenten Marwan stieg Ferris über den Abfall, der aus den überquellenden Mülltonnen auf den Weg gefallen war, und arbeitete sich bis zum Hintereingang vor. Die Hauswände waren mit Graffiti beschmiert, große, dicke Lettern, ein Mischmasch aus Türkisch und Deutsch. Gleich neben der Tür stand ein Wort, das man als «Allah», aber auch als «ABBA» lesen konnte. Hani legte den Finger an die Lippen und deutete zu den Fenstern im dritten Stock hinauf. Hinter schmutzigen braunen Vorhängen schimmerte etwas Licht hervor. Die Zielperson war zu Hause, aber das war nicht weiter verwunderlich. Hanis Leute hatten die Wohnung seit Monaten unter Beobachtung. Sie machten keine Fehler.

 

Der Jordanier Hani Salaam war ein gewandter, elegant gekleideter Mann. Sein Haar war glänzend schwarz, zu schwarz für jemanden Ende fünfzig, aber der graumelierte Schnurrbart verriet sein wahres Alter. Er leitete das General Intelligence Department, das GID, wie sich die jordanische Geheimpolizei nannte, und er war ein ehrfurchtgebietender, eloquenter Mann, der gewöhnlich mit dem osmanischen Ehrentitel «Hani Pascha» angesprochen wurde – in Jordanien sprach man das Wort mit einem weichen «B»-Laut, sodass es wie «Bascha» klang. Anfangs hatte Ferris sich ein bisschen vor ihm gefürchtet, aber nach ein paar Wochen fing er an, ihn als arabische Version von Dean Martin zu betrachten. Hani Salaam war ein cooler Hund, von den auf Hochglanz polierten Schuhen bis hinauf zu den rauchfarbenen Gläsern seiner Sonnenbrille. Wie die meisten erfolgreichen Männer im Nahen Osten wirkte auch er zurückhaltend, beinahe reserviert, und seine formvollendeten Manieren muteten zunächst fast britisch an, ein Überbleibsel des einen Semesters, das er vor langer Zeit einmal in Sandhurst verbracht hatte. Doch den Kern seines Wesens bildete der ebenso großherzige wie geheimnisvolle Geist eines beduinischen Stammesfürsten. Er war ein Mensch, der einem niemals alles sagte, was er wusste.

Als Hani zum ersten Mal mit Ferris durch das Hauptgebäude des GID in Amman ging, hatte er gescherzt, die Jordanier hätten solche Angst vor der Geheimpolizei, dass sie deren Hauptsitz gern als «Fingernagelfabrik» bezeichneten. «Das ist natürlich blanker Unsinn», fuhr er mit abschätziger Handbewegung fort. Er würde es seinen Leuten selbstverständlich niemals gestatten, jemandem die Fingernägel auszureißen. Das führte ja auch zu nichts: Die Gefangenen sagten einem alles, was man hören wollte, damit es nur nicht mehr wehtat. Hani hatte nichts dagegen, für grausam gehalten zu werden, aber er verabscheute den Gedanken, man könnte ihn für ineffizient halten. Bei dieser ersten Begegnung hatte er Ferris auch erzählt, wie er vorging, wenn er einen neuen al-Qaida-Gefangenen bekam: Er setzte ihn – meist waren es junge Kerle – in das Verhörzimmer, das in Jordanien nur «das blaue Hotel» hieß. Dann zwang er ihn, ein paar Tage lang wach zu bleiben, und zeigte ihm anschließend ein Foto seiner Mutter, seines Vaters oder auch seiner Geschwister. Häufig reichte das schon. Familienangehörige, hatte Hani Ferris anvertraut, bewirkten sehr viel mehr als tausend Hiebe vom Gefängniswärter. Sie untergruben die Bereitschaft zu sterben und stärkten den Lebenswillen.

Zu Hause in Langley bezeichneten sie Hani immer als «Profi». Darin lag etwas Herablassendes, wie bei einem Weißen, der über einen redegewandten Schwarzen sagt, er könne sich «gut ausdrücken». Doch vor allem verschleierte dieses Lob die Tatsache, dass die CIA inzwischen sehr viel abhängiger von Hani Salaam war, als ihr guttat. Als kommissarischer Leiter des Büros in Jordanien hatte Ferris die Aufgabe, für gute Beziehungen zum Chef der dortigen Geheimpolizei zu sorgen. Es war also eine große Sache, dass Dean Martin ihn zwei Tage zuvor höchstpersönlich darum gebeten hatte, sich einer Operation in Deutschland anzuschließen. Die Bürohengste aus der Nahost-Abteilung hatten natürlich protestiert: Er solle gefälligst an seinem Schreibtisch bleiben und Anfragen zu der Mailänder Autobombe beantworten. Aber da hatte Ed Hoffman, der Chef der Abteilung, eingegriffen. «Alles Idioten», hatte er über die Untergebenen gesagt, die Ferris’ Reise verhindern wollten, und Ferris nur das Versprechen abgenommen, ihn gleich nach Abschluss der Operation anzurufen.

 

Vorsichtig schob der Jordanier die Hintertür auf und bedeutete Ferris und Marwan, ihm zu folgen. In dem dunklen, feuchten Flur lag ein modriger Geruch. Auf den Zehenspitzen seiner handgefertigten Slipper schlich Hani die Betonstufen hinauf, so leise, dass nur sein rasselnder Raucheratem zu hören war. Marwan folgte ihm. Er sah aus wie ein ziemlich heruntergekommener Schlägertyp, den man Ferris zuliebe ein bisschen hergerichtet hatte. An der rechten Wange hatte er eine Narbe, die bis zum Auge hinaufreichte, und sein ganzer Körper war so drahtig und gespannt wie der eines Straßenköters. Während Ferris hinter ihm die Treppe hinaufschlich, fing sein kaputtes Bein wieder zu schmerzen an.

Marwan zog seine automatische Pistole, deren Halfter sich deutlich unter seiner Jacke abzeichnete. Sie blieben dicht hintereinander und bewegten sich im Gleichschritt voran. Als im Stockwerk über ihnen eine Tür aufging, blieb Hani abrupt stehen. Er machte Marwan ein Zeichen, der nickte und stützte die Hand mit der Waffe auf dem Oberschenkel ab – doch es war nur eine ältere deutsche Dame, die mit ihrem Rollwägelchen zum Einkaufen aufbrach. Sie ging an den drei Männern vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Hani stieg weiter die Treppe hinauf. In Amman hatte er Ferris nur erzählt, dass er diese Operation schon seit Monaten vorbereite. «Kommen Sie doch mit, und schauen Sie zu, wie ich den Burschen erlege» – das waren seine Worte gewesen. Ferris war sich nicht sicher, ob Hani und Marwan tatsächlich vorhatten, jemanden zu erschießen. Strenggenommen war es natürlich verboten, an einer solchen Aktion teilzunehmen, aber im Hauptquartier würde man schon nichts dagegen haben, wenn er seinen Bericht entsprechend formulierte. Sie machten längst keinen großen Wind mehr um solche Dinge. Schließlich befand sich Amerika im Krieg. Und in Kriegszeiten galten andere Regeln, das sagte zumindest Hoffman immer wieder.

Als sie im dritten Stock angekommen waren, bedeutete Hani Salaam ihnen, stehen zu bleiben. Er zog ein Handy aus der Tasche, hielt es ans Ohr und flüsterte etwas auf Arabisch hinein. Dann nickte er ihnen zu, und sie schlichen zu dritt zur Tür des Appartements. Hani wusste, dass Mustafa Karami an diesem Nachmittag zu Hause sein würde. Im Grunde wusste er praktisch alles über ihn: wo er arbeitete, was für Gewohnheiten er hatte, mit wem er als Junge in Zarqa befreundet gewesen war und welche seiner Angehörigen noch in Amman lebten. Er wusste, in welche Berliner Moschee der Mann zum Beten ging, welche Handynummern er verwendete und welche hawala ihm Geld aus Dubai überwies. Vor allem aber wusste er, dass Mustafa Karami sich in Afghanistan der al-Qaida angeschlossen hatte und immer noch mit ihr in Kontakt stand. Man konnte gewissermaßen behaupten, dass Hani den Mann studiert hatte. Jetzt war es Zeit für die Abschlussprüfung.

Als Hani sich der Tür näherte, brachte Marwan seine Waffe in Anschlag. Ferris hielt sich ein paar Meter hinter ihnen im Dunkel des Flurs. Er griff unter den Mantel, wo seine eigene Waffe in ihrem Halfter steckte, und schloss die rechte Hand um den geriffelten Metallgriff. Aus einer anderen Wohnung weiter oben hörte er gedämpfte arabische Musik. Hani hob die Hand, um zu signalisieren, dass er bereit war. Er klopfte einmal nachdrücklich an die Tür, wartete einen Augenblick und klopfte dann noch ein zweites Mal.

Die Tür wurde einen Spaltbreit geöffnet, und jemand knurrte auf Deutsch: «Ja, bitte?» Karami hatte die Kette vorgelegt und äugte misstrauisch durch den Türspalt. Als er die fremden Gesichter sah, wollte er die Tür gleich wieder zuschlagen, doch Hani schob rasch den Fuß dazwischen.

«Hallo, Mustafa, mein Freund», sagte er auf Arabisch. «Gott ist groß. Friede sei mit dir.» Marwan brachte sich in Position, um, wenn nötig, die Tür einzutreten.

«Was wollen Sie?», fragte die Stimme aus der Wohnung. Die Kette blieb vorgelegt.

«Ich habe hier jemanden, der mit dir sprechen möchte», sagte Hani. «Bitte, nimm dieses Telefon. Es ist nur ein Telefon, versprochen. Hab keine Angst.» Vorsichtig schob er das Handy durch den Türspalt. Doch Karami wollte es zuerst nicht anrühren.

«Nimm das Telefon, mein Sohn», sagte Hani sanft.

«Warum? Wer will mich denn da sprechen?»

«Rede mit deiner Mutter.»

«Was?»

«Rede mit deiner Mutter. Sie wartet hier am Telefon darauf, mit dir zu sprechen.»

Der junge Araber hielt das Handy ans Ohr und hörte eine Stimme, die er seit drei Jahren nicht mehr gehört hatte. Anfangs hatte er Schwierigkeiten, sie überhaupt zu verstehen. Sie erzählte ihm, wie stolz sie auf ihn sei. Sie habe immer schon gewusst, dass er einmal Erfolg haben würde, schon damals in Zarqa, als er noch ein kleiner Junge war. Und jetzt vollbringe er große Dinge. Er habe ihr Geld geschickt, einen Kühlschrank bringen lassen und nun auch noch einen neuen Fernseher. Mit dem Geld könne sie sich endlich eine neue Wohnung leisten, wo sie in ihrem Sessel sitzen und zusehen könne, wie die Sonne hinter den Hügeln unterging. Sie sei so stolz auf ihn, jetzt, da er so erfolgreich sei. Er sei ein wundervoller Sohn, Gott sei dafür gepriesen. Der Traum einer jeden Mutter. Ein Geschenk Gottes. Sie weinte. Und als sie sich verabschiedete, weinte auch Mustafa: vermutlich vor Freude, weil er die Stimme seiner Mutter gehört hatte, aber sicher auch vor Verzweiflung, weil er wusste, dass er in der Falle saß.

«Du bist der Augenstern deiner Mutter», sagte Hani zu ihm.

«Was haben Sie mit ihr gemacht?» Mustafa wischte sich die Tränen aus den Augen. «Ich habe nichts von dem getan, was sie da erzählt. Sie haben sie belogen.»

«Lass mich herein, dann können wir uns unterhalten.»

Mustafa zögerte, schien noch über eine letzte Fluchtmöglichkeit nachzudenken, doch er war längst in Hanis Gewalt. Schließlich löste er die Kette, öffnete die Tür, und die drei Männer traten ein. Das Zimmer war beklemmend kahl, keine Möbel, keine Bilder, nur eine Matratze in der Ecke und ein nach Mekka ausgerichteter Gebetsteppich. Der hagere junge Araber wirkte schlaff und kraftlos. «Was wollen Sie?», fragte er. Seine Hände zitterten.

«Ich habe deiner Mutter geholfen», sagte Hani. Ehrfurchtgebietend stand er vor dem jüngeren Mann und brauchte gar nicht mehr eigens zu erwähnen, was sich logischerweise daraus ergab: dass er ihr ebenso gut etwas antun konnte, anstatt ihr zu helfen.

«Sie haben sie belogen», wiederholte Mustafa bebend.

«Aber nein, wir haben sie lediglich ein wenig unterstützt. Wir haben ihr ein paar Geschenke zukommen lassen und ihr erzählt, es seien Geschenke von ihrem Sohn, den sie über alles liebt. Das ist eine hasanna, eine gute Tat.» Hani ließ seine Worte ein wenig nachhallen.

«Ist sie im Gefängnis?», fragte Mustafa. Seine Hände zitterten immer noch. Hani reichte ihm eine Zigarette und gab ihm Feuer.

«Was redest du denn da? Natürlich nicht. Klang sie etwa, als säße sie im Gefängnis? Sie ist glücklich. Und ich wünsche mir, dass das auch so bleibt, bis ans Ende ihrer Tage.»

Von der Zimmerecke aus beobachtete Ferris das Ganze mit großen Augen. Er wagte kaum, sich zu rühren, um Hani nur ja nicht aus dem Rhythmus zu bringen. Obwohl sein eigener Arbeitgeber diese Show in mancher Hinsicht finanziert hatte, war Ferris selbst jetzt nur Zuschauer.

Das Schweigen hielt ein paar Sekunden an, während Mustafa über seine Lage nachdachte. Sie hatten seine Mutter. Und ihn hatten sie zum Helden stilisiert. Wenn sie wollten, konnten sie ihn und seine Mutter vernichten. So sah es aus.

«Und was wollen Sie von mir?», fragte er schließlich. Ferris lauschte angestrengt, damit ihm auch nicht ein arabisches Wort entging. Es kam ihm vor, als erlebe er die einzige Aufführung eines Meisterwerks. Hani hatte den Mann nicht angerührt, ihm nicht offen gedroht und bisher auch nicht versucht, ihn zum Überlaufen zu bewegen. Gerade das war ja das Schöne an dieser Operation. Hani hatte einen Strudel erzeugt, in den sein Opfer jetzt ebenso unfreiwillig wie unaufhaltsam hineingezogen wurde.

«Wir möchten, dass du uns hilfst», sagte Hani. «Was du tun sollst, ist ganz einfach. Wir möchten, dass du dein Leben genau so weiterführst wie bisher. Du sollst kein Verräter werden, auch kein schlechter Muslim, und du sollst auch sonst nichts tun, was haram wäre. Wir wollen nur, dass du unser Freund bist. Und ein guter Sohn.»

«Sie wollen, dass ich als Agent für Sie arbeite.»

«Aber nein. Das verstehst du ganz falsch. Wir besprechen das alles später. Zunächst möchte ich dir ein Telefon geben, damit du mich jederzeit anrufen kannst.» Hani reichte ihm ein kleines Handy, das Mustafa so misstrauisch beäugte, als hielte er es für eine Bombe, die jeden Moment hochgehen konnte.

«Wir treffen uns morgen an einem sicheren Ort, wo wir uns unterhalten können», fuhr Hani fort. Er gab Mustafa eine Karteikarte, auf der eine Adresse in einem anderen Berliner Vorort stand. «Präg dir diese Adresse ein und gib mir dann die Karte zurück.»

Mustafa wandte den Blick ab. Irgendwie schien er dem Netz doch noch entkommen zu wollen, das sich immer enger um ihn zog. «Und wenn ich nein sage?», fragte er. Seine Stimme bebte leicht dabei.

«Das würde deine Mutter sehr unglücklich machen. Sie ist so stolz auf dich. Du bist Gottes Geschenk an eine alte Frau. Und deshalb weiß ich auch, dass du nicht ablehnen wirst.»

Die Worte klangen sanft, doch Hanis Blick sprach eine andere Sprache. Mustafa erkannte, dass es keinen Ausweg gab. Er schaute wieder auf die Karteikarte, studierte die Adresse zehn Sekunden lang und schloss dann die Augen.

«Gib mir die Karte, wenn du so weit bist», sagte Hani. Der junge Mann warf einen letzten Blick darauf und gab ihm die Karte zurück.

«Braver Junge.» Hani lächelte ihn aufmunternd an. «Dann sind wir uns also einig. Wir treffen uns morgen um vier in der Händelstraße 23. Du klopfst an die Tür und fragst, ob Abdul-Aziz da ist. Ich werde mit der Frage kontern, ob du Mohsen bist, darauf sagst du ja. Das ist unser Erkennungszeichen. Ich bin Abdul-Aziz, du bist Mohsen. Falls du morgen Nachmittag nicht kommen kannst, kommst du am darauffolgenden Vormittag um zehn zur selben Adresse und verwendest dieselben Namen. Hast du das verstanden?»

Mustafa nickte.

«Falls du vorhast, uns hereinzulegen und zu fliehen, werden wir dich finden. Und falls du versuchst, Freunde zu kontaktieren, erfahren wir ebenfalls davon. Wir beobachten dich Tag und Nacht. Wenn du Dummheiten machst, schadest du dir selbst und den Menschen, die du liebst. Also mach keine Dummheiten. Hast du mich verstanden?»

Der junge Mann nickte ein zweites Mal.

«Jetzt wiederhol die Namen, die Uhrzeiten und die Anschrift.»

«Abdul-Aziz und Mohsen. Morgen Nachmittag um vier, und falls ich das nicht schaffe, übermorgen um zehn. Die Anschrift ist Händelstraße 23.»

Der Chef der jordanischen Geheimpolizei nahm Mustafa bei der Hand und zog ihn ganz nah zu sich, und Mustafa küsste den Älteren folgsam auf beide Wangen. «Möge Gott dich beschützen», sagte Hani.

«Gott sei gepriesen», erwiderte der junge Mann. Er sprach so leise, dass man ihn kaum verstehen konnte.

 

Am selben Abend – sie saßen an einem ruhigen Tisch in einem halbleeren Restaurant am Kurfürstendamm – stellte Ferris Hani eine Frage. Eigentlich hätte er am liebsten geschwiegen und einfach nur in der Stille den letzten gerade verklungenen Tönen nachgelauscht, wie ein Konzertbesucher nach einem unvergesslichen Kunstgenuss. Aber er musste ihn einfach fragen.

«Kann der Mann uns mit dem Anschlag in Mailand weiterhelfen?» Etwas anderes würde die Jungs an den Schreibtischen der Nahost-Abteilung nicht interessieren.

«Nun, das will ich doch sehr hoffen. Und falls nicht mit diesem Anschlag, dann doch sicherlich mit dem nächsten oder auch mit dem übernächsten. Das ist ein langwieriger Krieg. Es wird noch viele Angriffe geben. Jetzt haben wir einen neuen Faden des Netzes in der Hand, und dem werden wir folgen. Wenn wir wissen, wohin er führt, werden wir vielleicht auch all die Anschläge begreifen. Glauben Sie nicht?»

Ferris nickte. Im Grunde war das keine Antwort, zumindest keine, die die Bürohengste verstehen würden. Sie würden wissen wollen, warum er denn nun eigentlich mit dem Jordanier bis nach Berlin gereist war, wenn er doch gar nichts erfahren hatte. Und das war ja auch eine durchaus berechtigte Frage.

«Warum haben Sie mich überhaupt mitgenommen?», fragte er beherzt. «Ich war doch eigentlich überflüssig.»

«Weil ich Sie mag, Roger. Sie sind klüger als die Leute, die Ed Hoffman uns bisher nach Amman geschickt hat. Ich wollte, dass Sie sehen, wie wir arbeiten, damit Sie nicht dieselben Fehler machen wie die anderen. Ich möchte nicht, dass Sie arrogant werden. Das ist doch die amerikanische Krankheit schlechthin, nicht wahr? An der sollen Sie nicht sterben.»

Ferris musterte Hani, der fast hinter den bläulichen Rauchschwaden seiner Zigarette verschwand. Der Terror hatte eine neue Qualität bekommen. Einen Monat vor der Bombe in Mailand war bereits eine in Rotterdam hochgegangen. Autobomben in Europa waren inzwischen fast schon an der Tagesordnung. Eigentlich hätte es durch solche Anschläge leichter werden müssen, die Mitglieder des verantwortlichen Netzwerks aufzuspüren, doch das genaue Gegenteil war der Fall. Der Feind hatte die Kampfordnung verändert. Es lag eine neue Intensität in der Planung der Attacken: eine neue Handschrift. Ferris war überzeugt davon, dass auch Hani das erkannt hatte – das musste der Faden sein, von dem er sprach. Und das hatte sie heute beide nach Berlin geführt.

«Hinter wem sind Sie her?», fragte Ferris leise.

Hani lächelte hinter seinem Rauchschleier hervor. «Das kann ich Ihnen nicht sagen, mein Bester.»

Doch Ferris glaubte es ohnehin zu wissen. Hani jagte denselben Mann wie er – den Mann, dessen Gegenwart Ferris Monate zuvor zum ersten Mal gespürt hatte, in einem sicheren Haus nördlich von Balad, nur wenige Tage, bevor die Granatsplitter sein Bein zerfetzt hatten. Wenn Ferris jetzt die Augen schloss, sah er im Geist ein unscharfes, flimmerndes Bild vor sich: einen Mann, der seine Bombenleger in die Großstädte einer Welt entsandte, die sich selbst immer noch als zivilisiert betrachtete. Es gab kein Foto, keinen Ort, nicht einmal die Gewissheit, dass dieser Mann tatsächlich existierte. Es gab nur einen Namen, und als Ferris’ irakischer Informant diesen Namen an jenem Tag in der Nähe von Balad ausgesprochen hatte, war seine Stimme nicht mehr als ein verängstigtes Flüstern gewesen. «Süleyman», hatte der Informant gesagt. Er hatte das Wort fast verschluckt, als könnte es ihn das Leben kosten, wenn man es zu deutlich hörbar aussprach. Süleyman. Das war der Name des Terrors.

Amman

Als Ferris am nächsten Tag zurück nach Amman kam, herrschte dort eine gereizte und angsterfüllte Stimmung, aber das war in diesen Tagen eigentlich fast überall so. Amerika hatte im Irak ein Wespennest angestochen, und diese Wespen, die bereits durch sämtliche Souks und Moscheen der arabischen Welt schwirrten, fingen nun auch an, die Einkaufszentren und öffentlichen Verkehrsmittel westlicher Großstädte heimzusuchen. Die Analytiker in Langley nannten diese rapide Ausbreitung des irakischen Terrorismus ein «Überschwappen». Auf dem Rückflug von Berlin hatte Ferris in der Crown Class der Royal Jordanian Airline mit angehört, wie sich zwei gutgekleidete Araber in der Reihe vor ihm angelegentlich über das Bombenattentat in Mailand unterhielten. Die Autobombe sei ja von derselben Machart gewesen wie die in Rotterdam, allerdings größer, und in dem Fahrzeug hätten außerdem noch zusätzlich Propangasflaschen gelegen, um die Sprengwirkung zu verstärken. Das sei ganz zweifelsohne das Werk der al-Qaida – nein, falsch, das Werk von Schiiten, die so taten, als seien sie die al-Qaida – nein, eine ganz neue Gruppierung sei das, noch viel gefährlicher als alle anderen. Die beiden waren sich eigentlich in nichts einig, außer darin, dass die Amerikaner an allem schuld seien.

Selbst die Stewardess kam Ferris auf diesem Flug irgendwie nervös vor. Sie trug ein rotes Kostüm mit engem, figurbetontem Rock sowie ein kleines, rundes Hütchen in derselben Farbe, wie es beim Kabinenpersonal anderer Fluggesellschaften längst aus der Mode gekommen war. Das war das Liebenswerte an der Royal Jordanian: In ihren Maschinen – ebenso wie in Jordanien selbst – fühlte man sich immer so, als wäre man in ein Zeitloch geraten. Doch diesmal hatte die Stewardess auf Ferris’ Versuch, einen kleinen Plausch anzufangen, gar nicht reagiert, und als sie ihm das Essen brachte, hatte sie sogar ganz leicht das Gesicht verzogen, als wolle sie ihm sagen: Das habt ihr euch alles selbst zuzuschreiben, ihr Amerikaner.

Auch als Ferris in Amman durch die Passkontrolle ging, hatte er das Gefühl, als würden ihn alle feindselig anstarren. Etwa zeitgleich mit seiner war eine Maschine aus Israel gelandet, und die Jordanier warfen jedem, der israelisch oder amerikanisch aussah, böse Blicke zu. Die Juden. Und die Kreuzfahrer. Für die Araber waren sie ein und dasselbe geworden. Ferris wollte so schnell wie möglich wieder an die Arbeit gehen und etwas dafür tun, dass diese zornigen Menschen nicht noch mehr Unheil anrichteten. Obwohl es später Nachmittag war, würden die meisten Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft bestimmt noch an ihrem Arbeitsplatz sein. Er selbst würde Hoffman anrufen, seine Nachrichten abhören und verschlüsselte Botschaften beantworten, die während seiner Abwesenheit für ihn gekommen waren. Außerdem würde er sich eine Antwort auf die Frage überlegen, wie er, Roger Ferris, die Bombenleger stoppen wolle, bevor sie in Peoria oder Petaluma ihr Unwesen trieben.

 

Die Plakattafeln entlang der Autobahn vom Flughafen in die Innenstadt von Amman konnten einen fast glauben machen, dass es noch immer einen weltweiten Aufschwung gab: Die Tarife mehrerer miteinander konkurrierender Mobilfunknetze wurden ebenso angepriesen wie Immobilien am Strand von Dubai, die Citibank und das Hotel Four Seasons sowie eine Unzahl diverser Dienstleistungen, die eine globalisierte Marktwirtschaft über der arabischen Wüste ausgegossen hatte. Dazwischen sah man immer wieder riesige Bilder des jungen Königs, entweder in arabischer Stammeskleidung (die an ihm fast lächerlich wirkte, weil er sie im richtigen Leben so gut wie niemals trug) oder in inniger Umarmung mit seinem verstorbenen Vater – als sollte suggeriert werden, der alte Mann sei irgendwie doch noch am Leben. Diese Aufnahmen waren nichts anderes als Amulette eines nationalen Selbstbewusstseins, mit denen einer zunehmend nervösen Stimmung in der Bevölkerung entgegengewirkt werden sollte. Jordanien war nach wie vor das Land der Lügen und der Geheimnisse, in dem das einzige wahre Ziel der Politik das Überleben war.

Ferris mochte Amman trotzdem. Mit ihren weißgetünchten, fast klösterlich wirkenden Häusern verkörperte die Stadt für ihn die trockene Reinheit der Wüste, von der ihm manchmal fast schwindelig wurde und die einmal in jedem Jahrtausend die Menschen so verrückt machte, dass sie eine neue Religion erfanden. Selbst um die Mittagszeit im Hochsommer fühlte man sich in Amman eher wie in einer belebenden Sauna als in einem ermüdenden Dampfbad wie beispielsweise im Jemen oder einem Glutofen, mit dem Ferris das gnadenlos heiße Balad häufig verglich. In Amman hatte sich außerdem viel von den ursprünglichen arabischen Lebensformen erhalten, zu denen es wohl auch gehörte, dass selbst hier, an der Flughafenautobahn, zehnjährige Jungs in kleinen Buden Obst und Gemüse verkauften und aromatisch bitteren arabischen Kaffee in winzigen Tassen ausschenkten. Hin und wieder trieben auch Schafhirten, die in ihren langen, wallenden Umhängen aussahen, als wären sie soeben aus einer Zeitkapsel gefallen, in aller Seelenruhe ihre blökende Herde über die Schnellstraße. Auch wenn sich Jordanien alle erdenkliche Mühe gab, wie ein westliches Land zu wirken, war und blieb es doch immer tiefster Orient. Und so fanden sich auf seinen Märkten immer noch jene typischen Gewürzverkäufer, Wahrsager und Waffenhändler, deren geheimnisvolles Treiben nichts mit der aus dem Westen importierten Welt von McDonald’s, Coca-Cola und Vodafone zu tun hatte.

Gut zu leben war vielleicht nicht die beste Form der Rache, aber eine andere stand den Palästinensern, die inzwischen die Mehrheit der jordanischen Bevölkerung ausmachten, meist nicht zur Verfügung. Diejenigen von ihnen, die sich in Doha und Riad ein kleines Vermögen erarbeitet hatten, bauten sich davon in Amman großzügige Villen, in die sie sich gegenseitig einluden, um miteinander Geschäfte zu machen, ihre Gäste zu unterhalten und auf westliche Art ihre schönen Frauen zur Schau zu stellen. Kosmetische Chirurgie war eine der gefragtesten Dienstleistungen im neuen Amman geworden, und eine Frau wurde erst nach einer Nasenoperation oder einer Brustvergrößerung gesellschaftlich wirklich anerkannt. Es war wie ein Los Angeles ohne Meer. In Amman wurde sogar eine Zeitschrift namens Living Well herausgegeben, die junge arabische Frauen darüber informierte, wo man Bikinis, Sex and the City-DVDs und Möbel im Retro-Design kaufen konnte. Und die reichen Flüchtlinge, die in letzter Zeit aus dem Irak gekommen waren, gaben der Stadt ihre eigene, nicht ganz unproblematische Note, indem sie ihre neuerworbenen Häuser von ganzen Armeen von Schlägern bewachen und vor anderen Armeen von Schlägern beschützen ließen.

Der junge König schien verstanden zu haben, dass Jordanien als Nation von der Gier zusammengehalten wurde. Seit er an der Macht war, hatte sich das früher eher harmlose Bakschisch-Zahlen in eine zu voller Blüte aufgehende Korruption libanesischen Zuschnitts verwandelt, an der sich inzwischen sogar einige Armeegeneräle beteiligten. Die Namen der führenden Strippenzieher kannte in Amman jedes Kind, aber niemand nannte sie in der Öffentlichkeit. Diese ganz besondere Form von Verschwiegenheit sog man hier schon mit der Muttermilch ein.

Und dann gab es in Jordanien noch den Islam, der für alle arabischen Länder geheime Inspirationsquelle und quälende Geißel zugleich war. Neben der Betreuung des jungen Königs machte das dem örtlichen Ableger der CIA die meisten Sorgen. Die Jordanier waren Sunniten, deren Geistlichkeit mindestens ebenso verknöchert war wie der Klerus der anglikanischen Kirche. Die große, rosa-weiß gestreifte Al-Husseini-Moschee im Zentrum von Amman war an Freitagen nur schlecht besucht, weil die frommen Muslime fast alle in kleinen, in den Slums und Flüchtlingslagern außerhalb der Innenstadt gelegenen Moscheen beteten. Viele von ihnen trafen sich auch in Zarqa, der großen Industriestadt nördlich von Amman, wo der Untergrund den meisten Nachwuchs rekrutierte. Manchmal schien es, als wären die fundamentalistischen Scheichs die Einzigen, die in dieser Gesellschaft noch die Wahrheit sagten: Sie wetterten gegen die Korruptheit und Dekadenz der neuen Elite und drückten damit offen die Neidgefühle aus, die viele ihrer Gläubigen beim Anblick sündhaft teurer Nobelkarossen von Mercedes oder BMW empfanden. Mochte der junge König auch die führenden Köpfe des Weltwirtschaftsforums in die feinsten Luxushotels am Toten Meer einladen, in den Gassen von Zarqa verkaufte man zur selben Zeit Teppiche mit dem Bild Osama bin Ladens und lauschte Tonbandkassetten mit seiner Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten von Amerika.

Ein paar Wochen nach seiner Ankunft in Amman hatte Ferris in einer Nachricht an Hoffman die Moscheen von Zarqa als «Pipeline» bezeichnet, durch die ein fundamentalistisches Terrornetzwerk Menschen aus Jordanien in den Irak und aus dem Irak nach Jordanien schleuste. Aus den Lymphknoten der arabischen Welt gelangten diese Gotteskrieger dann in die globale Blutbahn. In den zwei Monaten, seit er in Jordanien war, hatte Ferris hart daran gearbeitet, dieses Netzwerk zu enttarnen, das für ihn einen Namen hatte: den Namen nämlich, für den er im Irak einen so hohen Preis hatte zahlen müssen. Er wusste, wo das sichere Haus in Amman lag, in dem man seinen irakischen Informanten rekrutiert hatte, und er kannte ein paar Namen von Fundamentalisten, die ständig zwischen Zarqa und Ramadi hin- und herpendelten. Und obwohl diese bruchstückhaften Informationen ihn fast das Leben gekostet hatten, so waren sie doch nur der Anfang.

Von seinem ersten Tag in Amman an hatte Ferris sie als eine Art Brechstange benutzt, mit der er eine Tür zum geheimen Versteck des Netzwerks aufstemmen konnte. Er ließ das Haus rund um die Uhr observieren und hatte dafür gesorgt, dass die NSA die Telefone und Computer sämtlicher Personen überwachte, die man auch nur in der Nähe dieses Hauses gesehen hatte. Zusätzlich wurde jedes Fahrzeug, das die Villa verließ, von Aufklärungsdrohnen verfolgt. Ferris hatte Hani nie gesagt, auf wen er es abgesehen hatte, aber er vermutete, dass das auch gar nicht nötig war. Seit Berlin war er davon überzeugt, dass sie beide denselben Mann jagten.

 

Die amerikanische Botschaft stand wie eine protzige Festung in dem nahe dem Zentrum gelegenen Stadtteil Abdoun. Sie hatte eine Fassade aus weißem Marmor und einen halbkreisförmigen, mit lachsfarbenem Stein gepflasterten Innenhof. Obwohl das Gebäude eigentlich hübsch anzuschauen war, hatte es auch etwas Furchteinflößendes an sich. Vor dem Eingang standen Schützenpanzer mit hakennasigen, blau uniformierten Elitesoldaten der jordanischen Armee – als befände das Gebäude sich im Belagerungszustand. Auf gewisse Weise entsprach das ja auch den Tatsachen. Nachdem Ferris im Innenhof aus dem Wagen gestiegen war, ging er die Treppen hinauf in das oberste Stockwerk, wo sich die geheimen Büros der CIA befanden. Wie er vermutet hatte, saßen die meisten seiner Mitarbeiter noch an ihren Schreibtischen. Vielleicht taten sie das ja nur, um einen guten Eindruck auf ihn zu machen, aber wahrscheinlich hatten sie einfach nichts Besseres zu tun, als im Büro zu sitzen.

Ferris schloss die Tür seines eigenen Büros hinter sich und rief über eine sichere Leitung Hoffman an. Obwohl er ihm bereits aus Berlin einen kurzen Bericht geschickt hatte, wollte er noch einmal persönlich mit seinem Abteilungsleiter sprechen. Im Lauf der Jahre hatte er gelernt, dass man bei Hoffman nie sicher wissen konnte, was er wirklich wollte. Wie die CIA selbst, schien der Mann mehrere sehr verschiedene Abteilungen zu haben, und immer wenn man glaubte, man habe begriffen, was hier gerade gespielt wurde, ließ Hoffman durchscheinen, dass er sich zurzeit eigentlich in einer ganz anderen Abteilung aufhielt und brennend für etwas interessierte, an das man überhaupt noch nicht gedacht hatte. Ferris hatte außerdem gelernt, dass man am besten erst den diensthabenden Beamten anrief, wenn man den Chef sprechen wollte. Die Leute bei der Nahost-Abteilung hatten immer Probleme, ihn zu finden, wobei Ferris nie wusste, ob das wirklich stimmte oder ob sie nur so taten. Diesmal stellte der Beamte Ferris sofort durch.

«Ich warte schon die ganze Zeit auf Ihren Anruf», sagte Hoffman. «Wo waren Sie denn?»

«Im Flugzeug, und dann bin ich hierhergefahren. Aber jetzt bin ich in meinem Büro.» Ferris hatte eigentlich erwartet, dass Hoffman nur einen mündlichen Bericht über die Operation in Berlin verlangen würde, aber seinem schroffen Ton nach zu schließen ging es ihm um etwas ganz anderes.

«Wen hat Hani im Visier?», fragte er. «Das ist alles, was mich interessiert. Bringt uns diese Berlingeschichte unserem Ziel irgendwie näher?»

«Das weiß ich noch nicht. Hani hat mir nicht viel erzählt. Sie kennen ihn besser als ich, aber mir kommt es vor, als hätte er sein eigenes Tempo. Er mag es nicht, wenn man ihn hetzt.»

«Das können Sie laut sagen. Gegen den ist sogar eine Schnecke noch rasend schnell. Aber mit diesem verdammten Kriechtempo ist es jetzt vorbei. Wir müssen ihn dazu bewegen, dass er schleunigst einen schnelleren Gang einlegt. Seit der Bombe in Mailand sind alle völlig durchgedreht. Der Präsident hat sich unseren Direktor vorgenommen. Er will wissen, wieso wir diesen Typen nicht das Handwerk legen, und der Direktor lässt seinen Frust dann an mir aus. Wir müssen dieses Netzwerk zerschlagen, und zwar sofort. Sagen Sie Hani das.»

«Er ist noch in Berlin.»

«Na wunderbar! Das bedeutet, dass er sich seinen neuen Jungen ohne uns vorknöpft. Aber nicht mit mir! Wer zahlt, schafft an!»

Ferris überlegte einen Augenblick und entschied sich dann, Hoffman von seinem Verdacht zu erzählen. «Ich vermute, er sucht denselben Mann wie ich. Ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich glaube, dass es bei der Sache in Berlin darum gegangen ist.»

«Süleyman?»

«Ja, Sir. Ich kann mir keinen anderen Grund dafür vorstellen, dass diese Sache ihm so wichtig ist. Und dass er mich dabeihaben wollte. Bestimmt hat er vor, in das Netzwerk von Süleyman einzudringen.»

«Das reicht», sagte Hoffman. «Ich komme rüber zu Ihnen. Diese Sache darf uns keiner wegnehmen, sonst macht der Präsident Hackfleisch aus mir. Und aus Ihnen auch, ganz nebenbei. Ich schicke Ihnen ein paar nette Sachen für Hani, damit er weiß, wie gern wir ihn haben. Versuchen Sie, ihm etwas Honig um den Bart zu schmieren, wenn er wieder da ist. Und dann kommt Big Daddy und kümmert sich um ihn.»

«Sind Sie sicher, dass das eine gute Idee ist?», fragte Ferris, der auf einmal ein ganz schlechtes Gefühl dabei hatte. Zum Teil lag das sicher daran, dass er nun nicht mehr allein für die Berlinsache verantwortlich war, aber da war noch etwas, das er nicht in Worte fassen konnte, nicht einmal für sich selbst. In diesem Teil der Welt liefen die Sachen nicht so, wie Hoffman glaubte. Hier konnte man niemandem in den Hintern treten und glauben, dass er auch dann noch mit einem zusammenarbeiten würde. Schließlich hatte man es hier nicht mit dem KGB zu tun, sondern mit Arabern, und Araber halfen einem nur dann, wenn sie einem vertrauten. Für einen Freund taten sie alles, für einen Fremden nichts. Und für jemanden, der sie respektlos behandelte, taten sie noch weniger als nichts. Ferris wollte Hoffman gerade dazu überreden, auf die Reise nach Amman zu verzichten, als ein Klicken in der Leitung ihm sagte, dass sein Chef aufgelegt hatte.

Balad, Irak

Zum ersten Mal hörte Ferris den Namen Süleyman am Anfang eines für ein Jahr geplanten Einsatzes im Irak, in der CIA-Niederlassung in Balad. Zunächst hatte Hoffman, der Ferris gerne als persönlichen Assistenten in der Zentrale behalten hätte, sich geweigert, ihn in den Irak zu schicken, aber Ferris hatte nicht lockergelassen. Wenn jemand in den Irak geschickt werden musste, dann doch wohl er: Schließlich beherrschte Ferris die Sprache und war mit der dortigen Kultur vertraut. Seit er vor etwa zehn Jahren während seines Studiums an der Columbia angefangen hatte, sich mit islamischem Fundamentalismus zu befassen, verfolgte er dieses Ziel auf die eine oder andere Weise.

«Der Irak ist am Arsch», hatte Hoffman erklärt.

«Na und?», hatte Ferris erwidert. «Das macht ihn ja gerade so interessant.»

Ferris interessierte sich nicht für Politik, das überließ er dem Außenministerium oder den Leuten in den Fernseh-Talkshows. Vermutlich war er der einzige Mensch in ganz Amerika, der keine Lust hatte, über die Katastrophe im Irak zu reden, und stattdessen einfach nur hinwollte. Während seiner Arbeit für Hoffman hatte er unter anderem einen Katalog von Verhaltensweisen entwickelt, der jungen Agenten im Irak bessere Überlebenschancen garantierte: arabische Gewänder und Kopfbedeckungen sowie billige Schuhe und schwarzgefärbte Schnurrbärte, klapprige Autos mit Gebetsperlen am Rückspiegel und dazu arabische Musik in voller Lautstärke aus dem Radio. Manche Leute waren eben so veranlagt, dass sie sich nur für diese Art von Einsatz interessierten. Und als Hoffman erkannte, dass er seinen Schützling doch nicht aufhalten konnte, hatte er ihm eine Aufgabe übertragen, bei der er tatsächlich etwas bewirken konnte.

«Ihr Job ist es, den Maschinen Futter zu geben», hatte er zum Abschied zu Ferris gesagt. Und Ferris begriff erst, was er damit meinte, als er auf dem Luftwaffenstützpunkt in Balad, etwa achtzig Kilometer nördlich von Bagdad, ankam. Dort waren die «Predator»-Drohnen des Geheimdienstes stationiert, und die meisten CIA-Mitarbeiter verbrachten ihre Tage damit, «Predator-Pornos» zu gucken, wie sie es nannten. Gemeint waren die Echtzeit-Bilder von den Kameras der drei unbemannten Drohnen, die träge über dem Irak kreisten und dabei ständig ihre Informationen zur Erde funkten. Kurz nach Ferris’ Eintreffen in Balad führte ihn der Kommandeur des Stützpunkts in die Einsatzzentrale und zeigte auf einen riesigen Bildschirm hoch über ihnen.

«Meine Staragenten», verkündete er. Unter dem Bildschirm prangten drei Namen in militärüblichen Großbuchstaben: «CHILI», «SPECK» und «NITRAT». Es hätten ebenso gut die Namen von Haustieren oder Comicfiguren sein können, doch es waren die Codebezeichnungen der drei Aufklärungsdrohnen, die von Balad aus eingesetzt wurden. Ein kleinerer Bildschirm zeigte die Übertragungen dreier weiterer Drohnen aus Afghanistan: «PACMAN», «SKYBIRD» und «ROULETTE». Selbst wenn man nicht genau wusste, was man da vor sich hatte, fesselten einen die Bilder augenblicklich. Auf dem irakischen Bildschirm sah Ferris einen dunklen Wagen von einer zweispurigen Straße auf einen schmalen Weg abbiegen, der mitten in die Wüste hineinführte. Der Predator folgte ihm gemächlich in gut dreihundert Metern Höhe, wo er weder zu hören noch zu sehen war. Ferris wollte wissen, wo sich dieser Wagen genau befand.

«Im Westirak, nahe der syrischen Grenze», erklärte der Kommandeur. «Wir vermuten, dass er eine wichtige Zielperson abgeholt hat.» Sie standen etwa zehn Minuten lang nebeneinander und sahen dem Wagen zu, dann wurde der Bildschirm plötzlich schwarz. Der Kommandeur redete kurz mit dem Mann am Kontrollpult, dann sagte er an Ferris gewandt: «Fehlanzeige», was letztlich nur bedeutete, dass die Zielperson, wer immer sie auch sein mochte, doch nicht in dem Wagen saß. Und Ferris wurde langsam klar, wo hier das Problem lag.

Dann musste der Kommandeur zu einer Videokonferenz mit Langley und sagte Ferris, er könne solange auf seinem Stuhl am Kommandotisch der Einsatzzentrale Platz nehmen. In dem Raum herrschte stille, aber intensive Aktivität. Die Leute starrten auf lange Reihen von Flachbildschirmen, vor denen sie den Routinetätigkeiten des Planens, Zielsetzens und Auswertens nachgingen. Der Agent, der Ferris am nächsten saß, beobachtete ein halbes Dutzend verschiedener Online-Chatrooms, in denen sich alle möglichen verdächtigen Individuen tummelten. Und dann brach inmitten dieser normalen, eintönigen Geheimdienstarbeit urplötzlich hektische Betriebsamkeit aus, und aller Augen richteten sich auf den Afghanistan-Bildschirm.

«Bei PACMAN ist irgendwas los», brummte ein Unteroffizier der Air Force, der am Schreibtisch auf der anderen Seite von Ferris saß. PACMAN befand sich an diesem Nachmittag über Waziristan im Nordwesten von Pakistan, wo er aus luftiger Höhe nach einem flüchtigen al-Qaida-Führer suchte. Jetzt zog er enge Kreise über einer Höhle hoch oben in den unzugänglichen Bergen und schwenkte seine Kamera über zerklüftete Abhänge und schneebedeckte Gipfel in der Erwartung, dass sein Opfer sich endlich zeigte. «Ich glaube, in der Höhle hat sich was bewegt!», rief einer der Beobachter, und schlagartig verstummten sämtliche Gespräche in dem großen, dunklen Raum.

Die Leute, die PACMAN steuerten, saßen in der CIA-Zentrale in Langley in einem Gebäude draußen auf dem Parkplatz. Auch sie starrten jetzt auf ihre eigenen Bildschirme, bereit, eine Hellfire-Rakete abzufeuern, falls aus dem Dunkel der Höhle ein hochgewachsener, hagerer Mann nach draußen treten sollte. Auch Ferris sah jetzt, dass sich in den Schatten des Höhleneingangs etwas nach draußen, ans Licht bewegte, und er dachte: Jetzt haben wir ihn.

Aber dann war es nur ein Yak, der aus den schwarzen Tiefen der Höhle hinaus ins Sonnenlicht getrabt kam. Ein enttäuschtes Stöhnen lief durch den Raum. Wieder einmal hatte PACMAN sie zu einer Schatzkammer geführt, die nur Fledermäuse, Ungeziefer und Tierkot zu bieten hatte. Ferris sah trotzdem weiter zu, wie PACMAN sich zu seinen neuen Koordinaten aufmachte und mit seiner Kamera über die Schluchten, Steilhänge und reißenden Flüsse des Hindukusch huschte. Diese Bilder, die sonst nur Falken oder Adler zu Gesicht bekamen, faszinierten ihn. Darin offenbarte sich das Genie amerikanischer Geheimdienste: Sie konnten ihre künstlichen Raubvögel auch noch über den unwirtlichsten Gegenden der Welt kreisen lassen. Dummerweise wussten diese High-Tech-Adler die meiste Zeit über nicht, wonach sie da unten eigentlich suchten. Es waren Vögel mit extrem scharfen Augen, aber ohne jeden Verstand.

Den Maschinen Futter geben. Jetzt begriff Ferris, was Hoffman damit gemeint hatte: Er sollte echte Informationen heranschaffen, damit die hier im Einsatzzentrum wussten, wo sie ihre Drohnen hinschicken sollten. Nur so konnten sie herausfinden, wer wirklich in dem Wagen saß, der sich da an der syrischen Grenze entlangschlängelte, welcher altersschwache Bus eine Gruppe von Dschihadisten vom Flughafen in Damaskus zu einem sicheren Haus außerhalb von Bagdad beförderte und welcher abgetakelte Pick-up dem Einsatzplaner eines Terrornetzwerks gehörte. Wenn es Ferris gelang, diese Informationen zu beschaffen, konnte der Predator jeden noch so kleinen Schritt der Zielpersonen dokumentieren. Er konnte jeden ihrer Komplizen ebenso festhalten wie jeden Ort, an dem sie anhielten, um etwas zu essen, zu schlafen oder auf die Toilette zu gehen. Die Maschine war unglaublich effektiv, aber jemand musste ihr das richtige Futter geben.

«Sie sind genau der Richtige für diese Aufgabe, Sie armer Irrer», hatte Hoffman zu ihm gesagt. Und er hatte recht gehabt. Ferris konnte sich fließend verständigen, er hatte so dunkles Haar und einen so dunklen Hautton, dass ihn mit Thoub – dem traditionellen Gewand der Araber – und Kufija-Kopftuch jeder für einen Einheimischen hielt. Vor allem aber hatte er diesen inneren Hunger, den er nur dadurch stillen zu können glaubte, dass er große Risiken einging.

 

Vor seinem eigentlichen Einsatz hatte Ferris eine Woche mit dem Einsatzleiter in Bagdad verbracht, einem stämmigen Iren namens Jack, der aber ohne weiteres als sunnitischer Scheich durchging, wenn er sich das rote Haar und den Schnurrbart färbte und sich in einen Thoub hüllte. Jack zeigte Ferris die verschiedenen geheimen Stützpunkte, die der Geheimdienst in der von den Amerikanern kontrollierten Grünen Zone unterhielt, und auch die Werkstätten, wo man über Nacht einen Wagen umlackieren lassen konnte und in denen es Hunderte gefälschter Nummernschilder gab. Er zeigte ihm die Wege, auf denen die CIA ihre Agenten hinaus in die Rote Zone schmuggelte, in der sich das wahre Leben der irakischen Hauptstadt abspielte. Er sagte ihm, wo er dort die verbeulten und heruntergekommenen Autos fand, die für Agenten wie ihn abgestellt waren, und er nannte ihm die Adressen der sicheren Häuser im Zentralirak, der Ferris’ Einsatzgebiet werden würde. Jack und Ferris soffen viel und lachten viel, um die Angst zu vertreiben.

«Lass dich nicht erwischen», schärfte ihm Jack am letzten Tag ein, bevor Ferris nach Norden aufbrechen sollte. «Das ist die wichtigste Regel hier. Wenn sie dich erwischen, bringen sie dich irgendwann um, aber vorher bringen sie dich noch zum Reden. Also lass dich nicht erwischen. Das ist der einzige Weg. Wenn du irgendwo eine Straßensperre siehst und denkst, sie werden dich vielleicht aufhalten, fang einfach an zu schießen und schieß so lange weiter, bis du entweder durch bist oder tot.»

«Ich kann ziemlich gut Arabisch», sagte Ferris.