Der Mann im Park - Pontus Ljunghill - E-Book

Der Mann im Park E-Book

Pontus Ljunghill

4,5
9,99 €

oder
  • Herausgeber: Heyne
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

Ein herausragendes Debüt – fesselnd, originell und stilistisch brillant

Die achtjährige Ingrid wird ermordet aufgefunden. Kommissar John Stierna verspricht der verzweifelten Mutter, den Mörder zu finden. Jahre später hat Stierna dem Kriminaldienst den Rücken gekehrt. Doch der Mord an der kleinen Ingrid hat sich in sein Gedächtnis gefräst. Als ihn ein Journalist kontaktiert, der über den Fall schreiben will, entflammt Stiernas Spürsinn erneut. Was ist damals wirklich passiert?

Stockholm 1928: Auf einer verlassenen Werft wird die achtjährige Ingrid Bengtsson grausam zugerichtet aufgefunden. Der Fall sorgt für Aufsehen, und der junge Kommissar John Stierna wird mit den Ermittlungen betraut. Es beginnt die Jagd nach einem Mörder, der so gut wie keine Spuren hinterlassen hat. Doch Stierna ist sich seiner Sache sicher, und er verspricht der verzweifelten Mutter des Mädchens, den Mörder ihrer Tochter zu finden.

Gotland 1953: John Stierna hat dem Kriminaldienst den Rücken gekehrt. Den Mord an der kleinen Ingrid hat er jedoch niemals vergessen, und als er von einem Journalisten kontaktiert wird, der an einem Artikel über spektakuläre Mordfälle arbeitet, beginnt Stierna sich erneut mit dem Fall zu beschäftigen. Doch die Zeit drängt, in wenigen Tagen verjährt der Mord an dem Mädchen, und der Täter könnte für immer entkommen.

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Seitenzahl: 600

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PONTUS LJUNGHILL

DER MANNIM PARK

Thriller

Aus dem Schwedischenvon Christel Hildebrandt

Die Originalausgabe erschien unter dem TitelEn Osynlig bei Wahlström & Widstrand, Stockholm

Copyright © 2012 by Pontus Ljunghill by Agreement with Grand AgencyCopyright © 2013 der deutschen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHRedaktion: Nike MüllerUmschlaggestaltung: Johannes Wiebel / punchdesign, MünchenUmschlagabbildung: Johannes Wiebel unter Verwendung eines Motivs von Picsfive / shutterstock.comKartografie: GeoKarta, Altensteig-WartSatz: C. Schaber Datentechnik, Wels

ISBN 978-3-641-09906-0

www.heyne.de

Fast scheint es, als wählte die Macht, die über das Leben der Menschen herrscht … die Verdienstvollsten für den Untergang aus und schonte diejenigen, die am unwürdigsten sind.

Chevalier de Johnstone,Schottischer Rebell, die Schlacht bei Culloden, 1746

Stockholm 1928

1

Er schaute auf die Uhr. Es war kurz vor drei.

Das Werftgelände lag dunkel und verlassen da. Die großen, leeren Gebäude erschienen ihm wie reglose Schattengestalten. Er befand sich unten am Wasser, schaute über den Sund. Auf der anderen Seite standen einige Häuser. Links lag die schwach beleuchtete Holzbrücke.

Er schob sich den Hut zurecht und schaute auf seinen schwarzen Anzug hinab. Der war neu gekauft, saß jedoch schlecht. So war es meistens. Er war schlank, und wegen seiner breiten Schultern passten die Sachen oft nicht richtig. Den schwarzen Regenmantel hatte er in eine Tasche gepackt, er war so blutverschmiert, dass er ihn nicht anziehen konnte.

Er zündete sich eine Zigarette an und nahm ein paar tiefe Züge. Er dachte daran, wie er hierhergekommen war. Nach all den Jahren war er schließlich auf dieser dunklen, verlassenen Werft auf Djurgården gelandet. Der Weg hierher war nicht gerade verlaufen, sondern in vielen Windungen bergauf und bergab, doch er hatte ihn unerbittlich hierhergeführt.

Die Nacht war klar, im Wasser spiegelte sich der Vollmond. Er hatte schon vor langer Zeit erkannt, dass das Leben selbst schuld daran war, dass er auf die schiefe Bahn geraten und schließlich zum Mörder geworden war. Erniedrigung und Gleichgültigkeit hatten ihn geformt. Er hatte keine nennenswerten sozialen Kontakte. Die Menschen, die er traf, interessierten ihn ebenso wenig wie die monotone Arbeit, die er die vielen Jahre hindurch getan hatte. Jetzt lebte er überwiegend von Taschendiebstählen in den Geschäftsstraßen von Norrmalm und auf dem Hauptbahnhof; das brachte mehr ein. Ab und zu knackte er Autos; oft lohnte sich das nicht, aber manchmal war es die reinste Goldgrube. Oft gehörten die Autos reichen Leuten. Er hatte schon teure Anzüge erbeutet. Champagner. Dicke Brieftaschen. Hin und wieder brach er auch in Villen in den feineren Wohngegenden ein. In Holzhäuschen in Äppelviken. Sommerhäuser auf Stora Essingen.

Eine Verbrecherlaufbahn. Anfangs war sie voller Überraschungen gewesen. Inzwischen war ihm fast genauso langweilig wie früher, als er sein Geld noch auf ehrliche Weise verdient hatte.

Der Mann im Anzug rauchte seine Zigarette und strich sich mit der linken Hand übers Kinn. Seit drei Tagen hatte er sich nicht mehr rasiert. Das lag in erster Linie an der Anspannung der letzten Monate. Normalerweise achtete er sehr auf sein Äußeres.

Er warf den Zigarettenstummel auf den Boden und drückte die Glut mit der rechten Schuhspitze aus. Dann hob er den Stummel auf und steckte ihn ein.

Als Teenager hatte er in Läden geklaut, meistens Kleinigkeiten. Allmählich hatte er seine Technik verfeinert, allerlei Tricks und Kniffe gelernt. Nie war er erwischt worden.

Letzte Nacht hatte er einen Schritt in eine andere Richtung getan. Einen Schritt, zu dem er gezwungen gewesen war. Das erleichterte ihn, gleichzeitig fühlte er sich verwirrt, fast schwindlig. In dieser Nacht hatte er einen Menschen getötet.

Er drehte sich um und ging durch die Dunkelheit. Der Kies knirschte unter seinen Füßen. Er blieb vor einem großen Gebäude aus Wellblech stehen, öffnete die Tür und trat ein.

Drinnen war es sehr dunkel, überall stapelte sich Gerümpel: Bretter, verrostete Motoren und Blechplatten. Früher einmal, vor nicht allzu langer Zeit, hatten hier Menschen gearbeitet. Jetzt war die Werft stillgelegt und verfiel.

Vorsichtig stieg er eine wacklige Holztreppe hinauf.

Die obere Etage war viel kleiner, höchstens ein Drittel vom Erdgeschoss. Er zündete eine Petroleumlampe an, die gleich neben der Treppe auf dem Boden stand.

Um einen Holztisch standen ein paar Holzstühle. Unter einem Fenster befand sich eine schmutzige Badewanne. In ihr lag die Tasche mit seinen Sachen: der Strick mit der Schlinge. Der Knüppel, in ein blutiges Handtuch gewickelt. Kurze Hosen. Wäsche. Die Laufschuhe.

Das Mädchen lag auf dem Boden. Er konnte deutlich das Blut in ihrem blonden Haar erkennen. Und die Blutlachen um sie herum. Die dicken Spritzer über ihrem Kopf. Sie hatte stark geblutet, als er sie mit dem Knüppel erschlagen hatte, aber er nahm an, dass sie nicht lange gelitten hatte.

Er stand auf und ging vorsichtig um das Blut herum, achtete darauf, nicht hineinzutreten.

Sie hieß Ingrid. Vor vier Wochen hatte er sie das erste Mal allein im Vasapark getroffen und mit ihr gesprochen. Anfangs war sie sehr schüchtern gewesen. Er hatte ihr Kleingeld für Glanzbilder gegeben. Seitdem war er jeden Tag in den Park gegangen. Lange hatte er immer auf derselben Parkbank gesessen, Zeitung gelesen oder nur das Treiben um sich herum betrachtet.

Er hatte sie seitdem ein paarmal getroffen. Langsam ihr Vertrauen gewonnen. Gefragt, wie es in der Schule lief. Einmal hatte er ihr sogar eines seiner Sammelbilder geschenkt. Er hatte sie gemocht.

Bereits bei ihrem zweiten Treffen hatte sie ihm erzählt, dass sie bei ihrer Mutter lebte. Dass sie ihren Vater nie gesehen hatte. Er hatte nach dem Namen des Vaters gefragt. Behauptet, er würde ihn kennen.

Vor einer Woche hatte er sich den Wagen besorgt. War in den letzten Tagen in ihm herumgefahren. Angehalten, ausgestiegen. Hatte gesucht. Am letzten Nachmittag hatte er den Wagen in einer Seitenstraße nahe dem Vasapark abgestellt. Er hatte Erdbeeren dabei, die er am Tag zuvor auf dem Hötorget gekauft hatte. Er hatte sich auf dieselbe Bank wie immer gesetzt, die an der großen Rasenfläche, nahe dem Weg, den sie immer nahm. Er hatte die Stockholms-Tidningen durchgeblättert. Die Leute um ihn herum betrachtet. Mehrere Stunden hatte er dort gesessen. Immer weniger Menschen kamen und gingen. Die Dunkelheit setzte ein, der Laternenanzünder verrichtete seine Arbeit.

Sie war gegen neun gekommen; er war verwundert darüber gewesen, dass sie so spät noch unterwegs war. Sie war neben der Bank stehen geblieben. Hatte ein Gespräch mit ihm angefangen. Er spürte, dass sie ihm vertraute, und er hatte ihr erzählt, dass ihr Vater in der Stadt sei, dass sie ihn endlich kennenlernen könne. Und sie war mit ihm gegangen.

2

Harry Schiller kletterte mühsam den steilen Abhang am Ende der Nordenskiöldsgatan hinauf. Es war kurz nach vier Uhr, und kein Mensch ließ sich blicken.

Schiller blieb vor einem der Mietshäuser stehen. Der Abend hatte im Restaurant »Tennstopet« begonnen. Weitergegangen war es in einigen Bierkneipen innerhalb der Stadtgrenzen. Er hatte sich Orte ausgesucht, an denen er nicht als Säufer bekannt war, als Stadtstreicher, als jemand, der nicht bedient wurde. Die Kneipenrunde hatte bei Julia im Narvavägen ihr Ende gefunden. Dort hatten sie ihn aufgefordert zu gehen, kurz bevor sie um zwölf Uhr schlossen. Er war inzwischen total betrunken und so gut wie pleite.

Er hatte in der Nähe der Djurgårdsbrücke einen Schlafplatz gefunden, aber er war nur dünn angezogen, und gegen halb vier war er aufgewacht und hatte eingesehen, dass er etwas Bequemeres suchen musste.

Er öffnete ein Eisengitter, das zum Innenhof führte. Der war ziemlich klein und fast quadratisch. An einer Hauswand befand sich ein Ständer mit mehreren Fahrrädern. Ein Stück weiter verlief ein halbhoher Gitterzaun.

Schiller ging auf den Zaun zu. Unterhalb von diesem lag das Werftgelände. Die Werft selbst war seit Langem stillgelegt, und er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, mehrere Male in der Woche dort zu schlafen.

Er kletterte über den Zaun. Eine Mauer, die auf der anderen Seite ein paar Meter abfiel, zog sich bis zur Werft hin. Dicht an der Mauer wuchsen mehrere Bäume. Er lehnte sich zu einem hinüber, und trotz seines Rausches gelang es ihm hinunterzuklettern. Er hatte es schon so oft gemacht.

Glücklich unten angekommen, stellte er sich an die Wand des nächstgelegenen großen gelben Metallgebäudes und pinkelte. Anders als sonst stand die kaputte Tür offen.

Er knöpfte seine Hose zu und ging hinein.

Auf dem Weg zur Treppe stieß er mehrmals gegen verrostete Maschinen. Alkohol und Dunkelheit waren der Grund, dass er sich unsicherer fühlte als sonst. Während er hochstieg, summte er leise eine Melodie. Dann war er im ersten Stock angekommen.

Es dauerte einige Sekunden, bis er das Mädchen sah. Zuerst hatte er aus dem kleinen Fenster geschaut, erst dann auf den Boden.

Das Mädchen lag auf dem Rücken. Sie trug einen weißen Rock, eine weiße Bluse und eine Strickjacke. An den Füßen hatte sie Sandalen. Ihr blondes Haar war blutgetränkt. Die Unterhose war heruntergezogen und hing über dem linken Fuß. Er sah um sie herum Blutlachen, Blutspritzer.

Das Schreckliche war mit Händen zu greifen. Er hörte kein Atmen.

Harry Schillers Blick flackerte. Er stolperte und fiel fast auf die Badewanne. Die Wanne war schmutzig. Er sah, dass eine Tasche darin stand, eine große, dunkle Ledertasche. Sie war ein Stück geöffnet, sodass er einiges von ihrem Inhalt erkennen konnte. Etwas war in ein blutiges Handtuch gewickelt, etwas Längliches, Rundes, wie ein Schlagstock. Unter dem Handtuch lugten ein Paar Sportschuhe und eine kurze Hose hervor.

Plötzlich war aus dem Erdgeschoss ein Knall zu hören. Schiller zuckte zusammen und blieb wie erstarrt stehen. Jemand hatte soeben das große Werftgebäude betreten. Leichte Schritte waren von unten zu hören.

Harry Schiller spürte die Panik in sich aufsteigen. Ihn beherrschte nur noch ein einziger Gedanke: Er musste sich verstecken.

Schiller schaute sich um. An einer Wand stand ein Metallschrank, ein Stück von ihr abgerückt. Er schätzte, dass dahinter genug Platz für ihn war.

Ein Mann kam die Treppe herauf. Im Dunkeln war sein Gesicht nicht zu erkennen, aber er trug ein Jackett und einen Hut. Außerdem hatte er anscheinend Handschuhe an.

Der Mann ging zu dem Mädchen, er bewegte sich langsam und ließ seinen Blick über den Boden schweifen, als suchte er nach etwas. Er trat an die Badewanne, sah die Tasche und hob sie heraus.

Harry Schiller konnte den Atem nicht länger anhalten. Vorsichtig ließ er die Luft durch die Mundwinkel heraus. Dann atmete er wieder ein und hoffte, dass es nicht zu hören war. Das hätte noch gefehlt.

Der Mann schaute noch einmal in die Runde. Dann drehte er sich um und ging fast lautlos die Treppe hinunter.

Harry Schiller wartete lange Zeit hinter dem Regal, bevor er sich hervorwagte. Wie lange, das konnte er nicht sagen. Vielleicht waren es zehn Minuten, vielleicht eine halbe Stunde.

Schließlich lief er aus dem Gebäude hinaus. Verließ das Gelände auf demselben Weg, den er gekommen war, und bald stand er wieder auf der Nordenskiöldsgatan. Seine Hände zitterten, er fror am ganzen Körper. Dann rannte er los.

Kurz vor Skansen fand Harry Schiller eine Telefonzelle. Stotternd bat er darum, mit der Polizei verbunden zu werden. Eine souverän klingende Stimme meldete sich.

»Polizei.«

»Sie müssen kommen«, begann Harry. »Es ist etwas passiert …«

Plötzlich spürte er Übelkeit in sich aufsteigen.

»Hallo, mit wem spreche ich?«

Harry holte tief Luft.

»Das ist doch egal. Auf der Djurgårdswerft liegt ein Mädchen. Ich glaube, sie ist tot. Jemand muss sie umgebracht haben.«

»Ein Mädchen auf der Djurgårdswerft – wo dort?«

»Im Obergeschoss … In der größten Halle … Da ist einer gekommen …«

»Wer ist gekommen?«

Harry Schiller schluckte. Es ging ihm gar nicht gut.

»Wo sind Sie?«, fragte die Stimme am anderen Ende. »Bleiben Sie, wo Sie sind, wir kommen. Dann können Sie uns zeigen, wo das Mädchen sich befindet. Wo sind Sie?«

»Bleiben … ich werde versuchen hierzubleiben. Werde versuchen, noch mal hinzugehen …«

Jetzt spürte er, wie er es nicht länger unterdrücken konnte. Er legte den Hörer auf und sprang aus der Zelle. Direkt vor dem Eingang zu dem großen Tierpark erbrach er sich.

1953

3

John Stierna versuchte sich zu konzentrieren, um das Fünkchen Inspiration nicht verlöschen zu lassen, doch das war nicht so einfach. Für einen Polizeibeamten konnte er gut schreiben, und immer war er derjenige, der die Texte für die Schaukästen des Kriminalmuseums verfasste.

Der Schreibtisch war staubig geworden, es schien, als würden die Putzfrauen nicht bis zum Dachgeschoss in dem riesigen neuen Polizeigebäude in der Bergsgatan finden. Was eigentlich auch kein Wunder war, das Museum lag wirklich versteckt.

Stierna saß hinter seiner Schreibmaschine. Er feilte an den Formulierungen, doch die Arbeit ging ihm nicht so recht von der Hand.

Der Text handelte vom Sabbatsaboteur. Er hatte damals nichts mit den Ermittlungen zu tun gehabt, dennoch konnte er sich noch sehr genau an die Silvesternacht 1947 erinnern. In der Nacht wurde ein Achtzehnjähriger am Tatort festgenommen, nachdem in Observatorielunden eine Sprengladung explodiert war und zwei weitere bei der Stadtbibliothek. Das war das Ende einer Terrorwelle gewesen.

Eine gewaltige Dynamitladung war anderthalb Monate zuvor auf dem Stockholmer Hauptbahnhof hochgegangen, eine andere beim Polizeirevier Klara. Insgesamt hatte es sich um neun Explosionen gehandelt.

Auf dem Schreibtisch lagen einige Gegenstände verstreut. Neun Dynamitstangen, fünfundachtzig Zündhütchen, gut sieben Meter Lunte und die Zange, die der Sabbatsaboteur bei sich gehabt hatte, als er festgenommen wurde. Und es gab ein Foto des damals Achtzehnjährigen, der heute kurz vor seinem vierundzwanzigsten Geburtstag stand, und seiner beiden Komplizen. Alle mit einem schwarzen Balken vor dem Gesicht. Damit die Anonymität gewahrt blieb.

Der Attentäter war nicht der Typ, den man erwartet hatte. Er war kein Wahnsinniger, der von inneren Stimmen getrieben wurde, wie die Psychiater geglaubt hatten. Menschenleben waren ihm nicht gleichgültig, die Wahrheit lag weit entfernt von dem düsteren Raunen der Presse. Es hatte sich um einen jungen Mann gehandelt, der nie eine Chance bekommen hatte, der in so ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war, dass er trotz seiner Begabung nicht hatte studieren können, und der weniger begabte, aber reiche junge Männer gesehen hatte, die an ihm vorbei nach oben strebten. Der Täter hatte die Grenze überschritten, hatte auf gewaltsame Art und Weise gegen die Gesellschaft revoltiert. Und er war von den Hetzartikeln der Presse weitergetrieben worden, hatte jedoch immer darauf geachtet, dass kein Blut an seinen Händen klebte.

Auf Långholmen hatte man dem Sabbatsaboteur eine Chance gegeben. Dort hatte er sich zum Ingenieur ausbilden lassen. Stierna überlegte, ob er wohl jemals wieder von dem Mann hören würde. Er nahm es nicht an, nicht, nachdem der junge Mann die Möglichkeit bekommen hatte, etwas Besseres zu machen. Aber es gab viele, die nie diese Möglichkeit bekamen.

Stierna zog das Blatt Papier aus der Schreibmaschine und stand auf.

»Guten Tag, Chef. Wie geht’s?«

Stierna drehte sich um. Ein Mann war ins Zimmer gekommen. Er war groß, hatte graues Haar und trug eine helle Hose und ein kurzärmliges blaues Hemd.

»Danke, gut, Gösta.«

Gösta Berg war jetzt seit mehr als drei Jahren im Kriminalmuseum. Berg war ein paar Jahre älter als er und hatte im siebten Polizeirevier in der Smålandsgatan gearbeitet; trotzdem konnte Stierna sich nicht daran erinnern, jemals im Dienst auf ihn gestoßen zu sein, bis zu dem Tag, an dem er ihm das erste Mal hier oben auf dem Dachboden in der Bergsgatan begegnete, im Frühling 1950.

»Wann machst du Feierabend?«

»Weiß ich noch nicht«, antwortete Stierna. »Aber wohl nicht so spät, ich muss ja die Fähre kriegen. Spätestens um vier muss ich hier los.«

»Du weißt, ich werde immer ganz nervös, wenn du nicht da bist. Und jetzt kommst du gar nicht mehr.«

Stierna konnte nicht sagen, wie oft Berg genau diesen Satz von sich gegeben hatte: »Ich werde immer ganz nervös, wenn du nicht da bist.« Er hatte nie sagen können, ob der Kollege es ernst meinte oder nicht. Hatte sich aber auch nie die Mühe gemacht, das herauszufinden.

»Wir können die Vitrine mit dem Sabbatsaboteur zurechtmachen«, sagte Stierna. »Ich habe den Text fertig, und das Archiv hat genau das geschickt, was wir haben wollten. Die Dynamitstangen, die Lunte und die Fotos.«

»Gut«, sagte Berg. »Ich werde dafür sorgen, dass das heute noch gemacht wird.«

Stierna setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und verschränkte die Hände im Nacken.

»Gibt es heute noch weitere Führungen? Ich meine mich zu erinnern, dass eine Gruppe von Jurastudenten aus Uppsala noch kommen sollte.«

»Ja, stimmt«, nickte Berg. »Für drei Uhr sind sie angemeldet. Eigentlich sollte Ljungman sie übernehmen, aber er ist noch nicht aufgetaucht.«

»Ist er noch nicht zurück? Wann ist er denn gefahren? Doch schon vor zwei Stunden, oder?«

»Mindestens«, bestätigte Berg.

Gösta Berg, Allan Ljungman und ich, dachte Stierna. Ein merkwürdiger Haufen.

Allan Ljungman war dreiundsechzig, der älteste der drei, und Stierna war ihm gegenüber immer misstrauisch gewesen. Vielleicht lag es daran, dass Ljungman in den Vierzigern für den Geheimdienst gearbeitet hatte. Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass es Gerüchte gab, wonach er im Zweiten Weltkrieg Listen über politische Abweichler geführt habe. Auf jeden Fall hatte Stierna das Gefühl, dass er den Kollegen nicht so richtig fassen konnte.

An diesem Tag, seinem letzten im Kriminalmuseum, seinem allerletzten im Polizeidienst, hatte Stierna Ljungman gebeten, Akten aus dem Archiv zu holen. Was eigentlich nicht länger als zwanzig Minuten dauern durfte. Aber Ljungman war nach gut zwei Stunden immer noch nicht zurück.

»Kannst du das übernehmen, wenn er noch nicht wieder da ist?«, fragte Stierna. »Ich möchte heute nicht nach Hause hetzen.«

»Natürlich«, nickte Berg.

Stierna stand wieder auf. Er musste trotz allem noch einmal nachsehen, wie es mit den Uniformen stand.

Er ergriff den Stock, der neben dem Schreibtisch stand. Humpelnd verließ er das große Zimmer. Er ging durch den unangenehmsten Raum des Museums, in dem Mord, Selbstmord und Verkehrsunfälle gezeigt wurden. Vorbei an der Abteilung der Geheimpolizei und an einem Raum mit verschiedenen Kunstfälschungen.

Während er die Säle durchschritt, fiel ihm eine Begebenheit ein, die sich vor knapp einem Jahr ereignet hatte. Da war Gösta Berg zu ihm gekommen und hatte ihm erzählt, warum er seine Polizeikarriere in einem Museum beenden wollte. Fast so nebenbei, beim Mittagessen. Stierna war das merkwürdig vorgekommen, später war ihm klar geworden, dass es eine Geste des Kollegen gewesen war. Eine Bestätigung dafür, dass sie wirklich befreundet waren.

Stierna war lange davon überzeugt gewesen, dass es mit dem Alter zu tun hatte, doch da irrte er sich. Es ging um Angst.

An einem Tag Ende Februar 1950 waren Berg und zwei Kollegen in eine Wohnung in der Grevgatan gerufen worden. Ein gesuchter Verbrecher war in einer Wohnung im Erdgeschoss gesehen worden. Berg hatte den Einsatz geleitet. Die Wohnung gehörte einer jungen Frau, von der sie wussten, dass sie den Gesuchten kannte und Kontakt mit ihm hatte. Sie hatten gewartet, bis die Frau die Wohnung verlassen hatte, dann waren sie eingedrungen, schnell und ohne Probleme.

Der Mann hatte mit einem Messer in der rechten Hand im Flur gestanden. Der jüngste der Kollegen war gleich getroffen worden, im Schenkel. Als der Mann noch einmal zustoßen wollte, hatte Gösta Berg auf ihn geschossen. Die Kugel durchschlug den Unterarm und flog weiter ins Wohnzimmer. Der Schuss war nicht lebensgefährlich gewesen, aber der Verdächtige war zu Boden gegangen, nicht mehr in der Lage, Widerstand zu leisten, dazu waren die Schmerzen zu groß.

Es hatte einige Sekunden gedauert, bis die Kinderschreie kamen. Zuerst leise, fast gurgelnd. Dann in voller Lautstärke.

Berg hatte gewusst, dass die Frau einen kleinen Sohn hatte. Er hätte daran denken müssen, hätte sich vergewissern müssen, dass sich kein Kind in der Wohnung befand, als sie eindrangen. Der Junge war fünf Jahre alt, er hatte im Zimmer hinter dem Flur gestanden. Sie hatten seine Anwesenheit gar nicht bemerkt. Bergs Kugel hatte ihn in der Seite getroffen.

Gösta Berg hatte den stark blutenden Jungen selbst zum Sabbatsberg gefahren. Noch nie in seinem Leben war er so schnell gefahren.

Ein paar Minuten später, und der Fünfjährige wäre gestorben. Doch er war durchgekommen.

Einen Monat später reichte Gösta Berg sein Gesuch um Versetzung ein, so weit weg von der Arbeit auf Stockholms Straßen wie nur möglich. Die Angst, in Zukunft noch einmal in eine derartige Situation zu geraten, war zu groß. Er hatte einen Fehler gemacht, der einen kleinen Jungen fast das Leben gekostet hatte. Berg wusste, es konnte ein nächstes Mal geben, bei dem er vielleicht nicht das Glück auf seiner Seite haben würde.

Er hatte sich fürs Kriminalmuseum beworben.

Wir haben alle unsere Gründe, dachte Stierna. Berg. Ich selbst. Ljungman sicher auch.

Die Uniformen hingen ganz hinten in dem großen Saal, gleich bei der Eingangstür.

Im Lauf der Jahre hatte sich so einiges angesammelt. Vom Modell von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum jüngsten von 1941. Bald würde es an der Zeit sein, wieder mal zu wechseln. Stierna hatte gehört, dass die neue Kollektion teurer werden sollte, als sich irgendjemand hätte vorstellen können.

Ein kurzes Klingeln ertönte. Stierna ging zur Tür.

Der Mann draußen war groß, trug einen dunklen Anzug und eine kleine, runde Brille. Das graue Haar war streng nach hinten gekämmt. In der Hand hielt er eine schwarze Aktentasche.

»John. Ich wollte mich nur verabschieden, bevor du fährst.«

»Kriminaldirektor Lindberg«, sagte Stierna. »Hereinspaziert.«

Der Besucher musste lachen.

»Du bist ja förmlich heute.«

Stierna schloss die Tür hinter dem Besucher.

»Wie geht es dem Bein?«, fragte Lindberg, während sie durch die Säle des Museums gingen.

Das fragte er jedes Mal, wenn sie sich trafen. Und Stierna antwortete jedes Mal: »Man humpelt so dahin.«

Sie kamen in das große Büro. Berg war nicht da.

Stierna stellte den Stock ab und setzte sich an seinen Schreibtisch. Mit der Hand zeigte er auf den Besucherstuhl ihm gegenüber.

Lindberg setzte sich.

»Was für ein Gefühl ist das?«, fragte er.

»Ein ziemlich gutes«, antwortete Stierna.

»Die Polizei wird nicht mehr die gleiche sein, wenn du nicht mehr da bist.«

Stierna lehnte sich zurück.

»Meinst du? Die Frage ist doch wohl eher, wie viele überhaupt bemerken werden, dass ich fort bin.«

»Ich werde dich vermissen«, sagte Lindberg. »Und du bist dir ganz sicher?«

»Ja, das bin ich. Es ist an der Zeit. Eigentlich bin ich schon viel zu lange hier.«

»Ich muss sagen, ich bewundere dich. Dass du es wagst, das alles hinter dir zu lassen und noch einmal neu anzufangen. In gewisser Weise beneide ich dich sogar.«

»Warum?«, wollte Stierna schon fragen, doch dann schluckte er die Frage hinunter und schwieg. Das war eine Taktik, die er im Lauf der Jahre bei vielen Verhören angewandt hatte, eine Methode, um den Befragten dazu zu bringen, genauer zu werden. Schweigen konnte äußerst effektiv sein, es konnte auch den verstocktesten Verbrecher dazu bringen, etwas Unbedachtes zu sagen. Aber Lindberg war kein Verbrecher, und er dachte gar nicht daran zu erklären, was er dachte.

»Was wirst du tun?«, fragte er stattdessen.

»Mal sehen«, antwortete Stierna. »Noch ein Jahr, dann bekomme ich meine Pension, und bis dahin brauche ich nichts zu verdienen, ich hab genug auf die Seite gelegt. Außerdem habe ich für eine alte, mottenzerfressene Uniform, die seit Jahren bei mir auf dem Dachboden gehangen hat, noch ein hübsches Sümmchen bekommen. Die hab ich zu der Zeit getragen, als wir auf Södermalm Streife gegangen sind. Und schließlich haben mir meine Eltern was hinterlassen. Das hab ich noch nicht angerührt.«

Lindberg stand auf und lief in dem großen Raum hin und her.

»Waren viele hier, um sich von dir zu verabschieden?«

»Nein.«

»Keiner von der alten Truppe?«

»Niemand außer dir.«

»Bestimmt kommen noch ein paar. Es ist ja erst halb drei. Wann fährst du?«

»In anderthalb Stunden«, antwortete Stierna.

Lindberg blieb stehen, schaute zu Boden.

»Triffst du noch jemanden aus der Zeit damals?«, fragte er.

»Aus welcher Zeit?«

»Na, aus der Zeit bei der alten Kriminalabteilung.«

»Es kommt schon vor, dass mir mal einer über den Weg läuft«, erwiderte Stierna. »Aber meistens bleibt’s bei Guten Tag und Auf Wiedersehen. Vor ein paar Wochen habe ich Strand getroffen.«

»Kommissar Strand.«

»Ja, ich hab gehört, dass er den Kommissarslehrgang abgeschlossen hat. Ich erinnere mich noch, als er Karl Högstedts Gehilfe war.«

Lindberg setzte sich wieder auf den Besucherstuhl. Es schien, als dächte er die ganze Zeit über etwas nach, vielleicht suchte er nur nach den richtigen Worten.

»Irgendwie vermisse ich diese Zeit. Als wir noch nicht so uralt waren.«

»Uralt? Sind wir das? Du und ich?«

»Du weißt, was ich meine. Ich vermisse diese Zeit. Ich vermisse die alte Truppe. Die jungen Polizisten von heute, die sind nicht mehr vom gleichen Schrot und Korn wie wir damals.«

Die alte Truppe, dachte Stierna. Männer, für die er früher einmal ganz selbstverständlich der Leiter gewesen war. Was nicht an seinem Alter lag, denn er war der jüngste Kommissar in der ganzen Abteilung für Kriminalfälle gewesen. Ein Teil von ihnen war bereits in Pension, aber viele gab es noch, hoch oben in der Polizeihierarchie.

Stierna selbst war den umgekehrten Weg gegangen. Er hatte es nicht zum Kriminaldirektor gebracht, wie viele geglaubt hatten. Mit vierunddreißig hatte er an der Spitze gestanden. Jetzt, fünfundzwanzig Jahre später, war er auf dem Altenteil, in einem Museum. Hierher war er vor neun Jahren versetzt worden, auf eigenen Wunsch.

Gösta Berg kam ins Zimmer. Lindberg begrüßte ihn höflich.

»Guten Tag, Berg. Na, wie geht’s?«

»Guten Tag, Herr Direktor. Gut, danke. Bis auf die Tatsache, dass John aufhört.«

»Ich verstehe. Und wer wird sein Nachfolger?«

»Ljungman.«

»Ach so, ich verstehe.«

Berg wandte sich Stierna zu.

»Es gibt etwas zu essen«, sagte er. »Hackbraten von gestern und Brot. Hast du Hunger?«

Stierna überlegte. Sein Appetit war im Lauf der Jahre immer geringer geworden, aber er hatte seit dem Frühstück nichts gegessen.

»Ja, danke, Gösta«, sagte er. »Ich glaube, ich brauche etwas im Bauch, bevor ich losfahre.«

Berg ging in die kleine Küche, die an das Büro angrenzte. Auf halbem Weg blieb er stehen.

»Ist der Herr Direktor auch hungrig?«, fragte er. »Es reicht für drei.«

Lindberg stand auf und nahm seine Aktentasche.

»Nein, vielen Dank, Berg. Ein andermal. Ich muss los, zu einer Konferenz.«

Er wandte sich Stierna zu.

»Wir hören voneinander.«

»Sicher«, nickte Stierna.

Lindberg streckte ihm die rechte Hand hin. Stierna drückte sie.

»Ja, dann adieu, John.«

»Adieu, Roland.«

Der Kriminaldirektor verließ das Museum. Stierna ergriff den Stock und ging in die Küche.

Berg hatte den Tisch gedeckt. Stierna setzte sich.

Sie aßen schweigend.

Die Uhr schlug vier. John Stierna blätterte gedankenverloren in einem Handbuch für Kriminaltechnik von Anfang der 30er-Jahre. Aus dem Museumssaal war Gösta Bergs klare Stimme zu vernehmen.

Stierna legte das Buch hin und stand auf. Er nahm seinen Stock, seine Tasche und seine Jacke und ging hinaus in den Saal. Hier war Berg vor einem plumpen Destillierapparat stehen geblieben; die Studenten aus Uppsala hörten ihm interessiert zu.

Stierna ging langsam durch den Saal. Er blieb stehen, hob die rechte Hand und winkte Gösta Berg kurz zu.

Draußen auf der Straße schien die Sonne.

Er ging die Bergsgatan hinunter. Dann bog er ab in die Polhemsgatan und ging den Kronoberget hinauf. Ein alter Mann führte seinen struppigen Dackel auf einer der Rasenflächen aus. Weiter unten lärmten einige kleinere Kinder am Planschbecken.

Stierna ging zum Fridhemsplan, um dort auf die Straßenbahn zu warten. Wie üblich war sie einige Minuten verspätet, aber das machte ihm nichts aus. Er hatte es nicht eilig. Und er musste vorsichtig gehen. Wenn er zu schnell lief, bekam er Rückenschmerzen.

Er schaute zum Eingang zur Untergrundbahn, die es jetzt seit ein paar Jahren gab. Aber Stierna nahm trotzdem fast immer lieber die Straßenbahn, nur einmal war er mit ihr gefahren, der Untergrundbahn, die ganz bis nach Vällingby fuhr. Die neue Stadt, die erste der AWE-Vororte. Arbeiten. Wohnen. Einkaufen. In Vällingby sollte man arbeiten, wohnen und einkaufen können, ohne erst in die Innenstadt fahren zu müssen. Ohne etwas anderes sehen zu müssen. Vällingby Zentrum war noch nicht eingeweiht, aber Stierna hatte bereits Skizzen der langweiligen Bauten gesehen. In erster Linie hatte er die Probleme dort gesehen, nicht die Chancen. Damals, als er die U-Bahn genommen hatte, war er nur bis Alvik gefahren, er hatte nichts draußen in Vällingby zu erledigen.

Die Straßenbahn kam. Stierna setzte sich ganz nach hinten. Er öffnete seine Aktentasche und holte die Dagens Nyheter heraus. Warf einen Blick auf die Titelseite. Wieder gab es Unruhen in Ostberlin. Alkohol sollte, wie es hieß, in Schweden »auf Probe frei verkäuflich sein«. Bald würde das Einkaufsbuch nur noch eine Erinnerung sein. Er wusste, was das mit sich führen würde: mehr Betrunkene, mehr Streitereien.

In New York hatten besorgte Eltern die Gesundheitsbehörde gestürmt, nachdem die Polioimpfstoffe streng rationiert worden waren.

Am Södermalmstorg stieg Stierna aus. Das tat er fast immer, denn der Spaziergang von gut einer Viertelstunde heim in die Södermannagatan tat ihm gut. Zumindest bildete er sich das ein.

Wenige Minuten später stand er vor seinem Haus. Er öffnete die braune Holztür und trat ein. Der Flur wirkte düster, als er aus dem Sonnenschein eintrat.

Die Wohnung war fast leer. Er hatte das meiste verkauft oder weggegeben. In der Küche standen nur noch Herd und Kühlschrank. Die Vorratskammer war leer, das Geschirr verkauft. Es war mehr wert gewesen, als er gedacht hatte.

Stierna ging an dem Raum vorbei, der sein Arbeitszimmer und vor langer, langer Zeit einmal das Spielzimmer für ihn und seinen Bruder gewesen war, und betrat das größte Zimmer der Wohnung. Auf dem Boden standen zwei Taschen. Sie enthielten in erster Linie Kleidung, aber auch ein paar Bücher, die ihm viel bedeuteten.

Die Wohnung würde in der Familie bleiben, das machte es ihm um einiges leichter, sie zu verlassen. In der kommenden Woche würde sein Bruder Erik mit seiner Frau Maud einziehen. Ohne ihre Kinder, die waren alle schon ausgeflogen und lebten ihr eigenes Leben.

Es war kurz vor fünf Uhr.

Er nahm die Taschen, verließ das Haus und fuhr mit einem Taxi bis Klara Strand.

John Stierna stand an der Reling, als die Fähre in Stockholm ablegte. Er fragte sich, wann er wohl zurückkommen würde, und musste sich eingestehen, dass es sicher lange dauern würde.

4

Stierna hatte das Gasthaus sorgfältig ausgesucht. In den letzten Monaten hatte er diverse Broschüren über Gotland gelesen. Er hatte lange Zeit gebraucht, um eine Entscheidung zu treffen, schließlich hatte er sich für das »Rosengården« in Visby entschieden. Das Gebäude war alt, und die Zimmer sahen auf den Fotos gemütlich aus. Die Pension war klein und intim, sie hatte nur etwa dreißig Zimmer.

Das »Rosengården« lag dem Dom gegenüber, Sankta Maria, und Stierna wohnte im obersten Stock, im dritten. Sein Fenster ging auf die Straße und somit auch zu den Kirchenglocken. Und die ließen ihren dumpfen Schlag bis in die frühen Morgenstunden erklingen. Vielleicht würde das seinen Nachtschlaf stören. Aber egal, er schlief sowieso schlecht.

Ansonsten war das Zimmer in Ordnung: groß, mit einem breiten Bett, Dusche und Radio. Am Fenster stand ein kleiner runder Tisch mit zwei weißen Sesseln. Auf dem Nachttisch lag eine rote Bibel.

In der ersten Nacht fand er nur schwer in den Schlaf. Ob das nur an den dumpfen Schlägen der Kirchenglocken lag, konnte er nicht sagen.

*

Am folgenden Nachmittag ging er ans Wasser hinunter, nur wenige Hundert Meter vom Hafen entfernt, in dem die Fähre angelegt hatte. Es gab nicht viel Strand. Ein kleiner Sandfleck, ein paar Stege ein Stück ins Wasser hinaus. Im Sommer war das wohl das Meerbad. Sonst gab es nur einen schmalen, aber sehr langen Uferstreifen, voll mit Steinen, die vom Meer rund geschliffen worden waren.

Stierna ging das Ufer entlang. Nur dreißig Meter rechts von ihm verlief die mittelalterliche Ringmauer, dazwischen lag ein Grünstreifen mit gepflegten Rasenflächen und einigen Büschen und Bäumen. Ein staubiger Fußweg verlief durch das Grün.

Das Meer erschien endlos, in welche Himmelsrichtung er auch schaute. Der muffige Geruch nach Algen schlug ihm entgegen.

Unten am Strand war es fast menschenleer. Die Touristensaison war vorbei, der Herbst kündigte sich an. Eigentlich hatte er kein bestimmtes Ziel für seinen Spaziergang, er diente nur dazu, die Gedanken zu klären. Stierna ging langsam, denn der Stock rutschte immer wieder zwischen die Steine.

Das ist also Gotland, dachte er. Die Insel, von der ich schon so viel gehört habe, auf der ich aber noch nie gewesen bin. Er konnte sich bis jetzt kein genaueres Bild von der Insel machen, ging aber davon aus, dass sie ihm gefallen würde. Visby, das war so gar nicht schwedisch. Eher eine Mischung aus der Altstadt daheim in Stockholm und einem kleinen Ort am Mittelmeer. Zwar war er nie am Mittelmeer gewesen, aber er stellte sich vor, dass es dort so aussehen könnte. Enge Gassen, niedrige alte Häuser. Viel Grün.

Unter Mühen setzte er sich auf die runden Steine, legte seinen Stock neben sich und nahm den Rucksack ab. Sein letzter Tag als Polizist schien schon lange zurückzuliegen. Aber war er in den letzten neun Jahren wirklich noch Polizist gewesen? Wohl doch eher so eine Art Museumsdirektor. Das war er geworden, als er die Polizeiarbeit nicht mehr ertragen hatte. Als ihm alles zu viel geworden war.

Die wenigen Menschen, denen er davon erzählt hatte, waren verwundert gewesen, als er sein Abschiedsgesuch nur gut ein Jahr vor seinem sechzigsten Geburtstag eingereicht hatte, darüber, dass er nicht bis zum letzten Tag mit der Pensionierung gewartet hatte. Stierna war fast neunundfünfzig, beinahe sein gesamtes Erwachsenenleben hatte er bei der Polizei verbracht.

Und trotzdem war ihm klar gewesen, dass er dieses letzte Jahr nicht mehr ertragen hätte. In zwölf Monaten, also in nicht allzu langer Zeit, würde er trotz allem Pensionär sein, sechzig Prozent seines Kommissargehalts für den Rest seines Lebens ausbezahlt bekommen. Davon würde er sicher leben können, er hatte keine besonders hohen Ansprüche.

Es war höchste Zeit gewesen, aufzuhören. Selbst im Museum hatten sich die Schattenseiten jeden Tag in Erinnerung gerufen. All diese Vitrinen über Mörder, Tresorknacker und Erpresser. Nicht einmal dort war er ihnen entkommen.

Er war nicht direkt enttäuscht darüber, dass nur zwei Personen sich von ihm verabschiedeten, als er die Truppe verließ, in der er den größten Teil seines Lebens verbracht hatte. Eigentlich hatte er nichts anderes erwartet.

Stierna öffnete den grünen Rucksack, holte eines der Butterbrote heraus, wickelte es aus dem Papier und biss von dem Brot mit Mettwurst ab. Aß, während er die Vögel unten am Wasser beobachtete.

*

Er brauchte fast eine Viertelstunde, um wieder zu dem Gasthof zurückzukommen. Ging dort an der Rezeption vorbei, in den Speisesaal.

Es war schon spät geworden, und er war fast der einzige Gast. Ein dunkelhaariger Kellner mittleren Alters führte ihn schweigend zu einem Fenstertisch. Doch Stierna beharrte darauf, draußen serviert zu bekommen, in dem kleinen Innenhof.

Hier saß außer ihm noch ein junges Paar.

Der Kellner verschwand gleich wieder, um die Karte zu holen. Und bald stand auch das junge Paar auf und ging, Stierna blieb allein zurück. Er zündete sich eine Zigarette an und schaute ins Dunkel. Die Natur stand immer noch in Blüte, die Bäume waren dicht belaubt.

Stierna bekam die Speisekarte, entschied sich für Heilbutt. Und zum Fisch ein Pils.

Er dachte über den vergangenen Tag nach. Vor allem über das Gespräch mit Lindberg. Der alte Kollege hatte behauptet, er bewundere Stierna, weil dieser sich getraut hatte, alles hinter sich zu lassen und noch einmal neu anzufangen. Doch das war keine Frage des Muts, eher im Gegenteil. Stierna ließ nicht alles hinter sich, um neu anzufangen, um einen neuen Abschnitt in seinem Leben zu beginnen. Er wollte nur fort, fühlte sich gezwungen aufzuhören.

Er bestellte noch ein Bier. Und zum Kaffee gönnte er sich einen Cognac.

Er ging die drei Treppen hinauf, Fahrstuhl gab es keinen.

Anscheinend war er ganz allein auf der Etage. Jedenfalls hörte er kein Geräusch aus den anderen Zimmern, und bis jetzt hatte er noch niemanden hinein- oder herausgehen sehen. Aber er war ja erst einen Tag da.

Auch über Stiernas Zimmer lag Stille, obwohl die Kirchenglocken jede Stunde läuteten. Doch es waren dumpfe Schläge, die ihn in eine Art Ruhe hüllten.

Stierna hatte noch nicht alles ausgepackt. Der größte Teil der Kleidung lag noch in der Kiste, ebenso die Tagebücher. Er hatte jemanden dafür bezahlt, dass ihm die große Holzkiste mit seinen Sachen ins Wirtshaus gebracht wurde. Er besaß inzwischen fünfundzwanzig Tagebücher. Vor gut neunzehn Jahren hatte er angefangen zu schreiben.

Er setzte sich an den Schreibtisch und überlegte eine Weile, ob er an diesem Abend etwas schreiben sollte, stellte aber bald fest, dass ihm die Inspiration fehlte.

Er setzte sich aufs Bett. Das gerahmte Foto auf seinem Nachttisch zeigte eine junge Frau im Sommerkleid, von der Seite. Sie stand auf einem Steg, auf einer Insel in den Schären. Sie war schön, auf eine aparte Art. Das blonde, glatte Haar war mit einem Seitenscheitel gekämmt. Die Stirn war hoch, die Augen ungewöhnlich groß. Er hatte ihr immer wieder erklärt, dass sie authentisch war, und das war das Beste, was er von einem Menschen sagen konnte. Karolina war wirklich authentisch gewesen. Wahrscheinlich war sie es immer noch.

Draußen erklang der dumpfe Schlag der Kirchenglocke. Es war bereits Mitternacht. Morgen wollte er mehr von Visby kennenlernen.

Doch erst gegen Morgen schlief er ein.

5

Es klopfte an die Tür. Stierna drehte sich um und schaute auf seine Taschenuhr. Er war überrascht, dass er gut acht Stunden geschlafen hatte.

Der Mann draußen war um die fünfzig. Er hatte dunkles Haar, einen grau melierten Bart und einen Bauchansatz, aber das Gesicht war knochig und schmal. Stierna erschien er widersprüchlich.

»Kommissar Stierna?«, fragte der Mann.

»Wer möchte das wissen?«

»Mein Name ist Grönwall. Börje Grönwall. Ich arbeite als freier Journalist. Ich hatte heute Morgen in der Rezeption Bescheid gesagt, dass ich Sie gern sprechen wollte. Hat man Ihnen das ausgerichtet?«

Stierna antwortete nicht auf die Frage. Es war elf Uhr, fast schon Zeit fürs Mittagessen.

»Was wollen Sie von mir?«, fragte er stattdessen.

»Darf ich hereinkommen?«

Stierna wiederholte seine Frage.

»Was wollen Sie?«

Börje Grönwall versuchte ins Zimmer zu schauen. Stierna blieb in der Türöffnung stehen.

»Es geht um einen Fall, um Ermittlungen, die Sie geleitet haben. Einen Mordfall. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern …«

»Ich erinnere mich an so gut wie alle meine Ermittlungen«, unterbrach Stierna ihn. »Und an alle Mordfälle.«

»Dann also garantiert auch an diesen.«

»Von welchem Fall reden Sie?«

»Ingrid Bengtsson.«

Stierna schwieg, was dem Besucher anscheinend unangenehm war.

»Sie erinnern sich?«

»Ja, ich erinnere mich.«

»Darf ich reinkommen, Herrr Kommissar?«

Stierna trat zur Seite und hielt die Tür auf.

Börje Grönwall trat mit vorsichtigen Schritten ein. Er stellte sich ans Fenster.

Stierna schloss die Tür und ging langsam zu ihm.

»Darf ich mich setzen?«, fragte Börje Grönwall.

»Ja, natürlich.« Stierna zeigte auf einen der weißen Sessel.

Eine Weile blieben sie schweigend sitzen. Stierna fragte sich, warum er den Journalisten überhaupt hereingelassen hatte; eigentlich wollte er doch nur seine Ruhe haben.

Börje Grönwall holte einen Notizblock und einige Stifte heraus.

»Also, ich schreibe einen Artikel über den Mord an Ingrid Bengtsson 1928.«

Stierna setzte sich, legte die Hände auf den Tisch.

»Warum?«, fragte er kurz.

»Warum? Was meinen Sie damit?«

»Ja, warum? Der Fall ist ja wohl nicht besonders aktuell. Hat keinen Neuigkeitswert, oder wie sagt man? Wer erinnert sich denn heute noch daran?«

»Ach so, jetzt verstehe ich Sie, Herr Kommissar.«

Stierna unterbrach ihn.

»Ich bin kein Kommissar mehr. Ich habe aufgehört.«

Der Journalist nickte.

»Ja, ich habe davon gehört. Und … Nein, das ist kein Artikel für die Rubrik Neuigkeiten. Ich schreibe eine Serie über schwedische Kriminalfälle. Das ist eher etwas Historisches. Etwas eher Unterhaltsames für die Leser.«

Unterhaltsames, dachte Stierna. Nur ein Journalist konnte den Mord an Ingrid Bengtsson als unterhaltsam bezeichnen.

»Für wen schreiben Sie?«

»Für die Månads-Tidskriften. Die nehmen die Artikel unbesehen. Wenn ich jemanden, der dabei gewesen ist, dazu bringen kann, mir zu berichten. Wie Sie.«

»Ja. Jäher, gewaltsamer Tod, das war noch nie schwer zu verkaufen.«

Der Journalist ging nicht auf Stiernas Einwurf ein.

»Und ich wollte mit dem Mord an Ingrid Bengtsson anfangen«, erklärte er stattdessen.

»Über welche anderen Fälle schreiben Sie noch?«

»Es werden drei Fälle sein. Ingrid Bengtsson, die Sala-Gruppe natürlich …«

»Natürlich«, murmelte Stierna unkonzentriert.

»Und dann die Explosion in der Pipersgatan. Direktor Flyborg. Waren Sie da zuständig?«

»Ja.«

Stierna erinnerte sich. Ein Taxi war in Stockholm in der Pipersgatan in die Luft gesprengt worden, eines Nachts im März 1926. Die Explosion hatte ganz Kungsholmen erschüttert. Stierna hatte damals Dienst gehabt, saß an seinem Schreibtisch und wäre fast vom Stuhl gefallen. Er erinnerte sich, dass seine Kaffeetasse zu Boden gefallen und zerbrochen war.

Der gesamte hintere Teil des Wagens, in dem Direktor Sixten Flyborg gesessen hatte, war in die Luft gesprengt worden. Sie hatten den Körper erst eine Stunde später gefunden, hundert Meter entfernt, auf einem Hof nahe der Piperschen Mauer. Stierna war als einer der Ersten vor Ort gewesen. Er hatte den Körper gesehen, oder besser gesagt, das, was von ihm übrig geblieben war.

Zwei Kompagnons von Flyborg steckten hinter der Tat. Das Motiv war wie so oft Geld. Es brauchte nur wenige Tage, um die Mörder zu fassen.

»Aber wie gesagt, ich wollte mit Ingrid Bengtsson anfangen«, sagte Grönwall. »Möchten Sie mir von dem Fall erzählen? Und natürlich können Sie alles lesen, bevor es in Druck geht.«

»Wie haben Sie mich gefunden?«

Börje Grönwall schien nicht verwundert über die Frage zu sein.

»Ich bin Journalist. Unsere Arbeit erinnert in vielem an die von Ihnen und Ihren Kollegen. Alte, ehrliche Polizeiarbeit.«

»Aha.«

»Nein, Spaß beiseite. Ich habe im Kriminalmuseum nach Ihnen gefragt. Dort wurde mir gesagt, dass Sie nach Visby gefahren sind, man wusste aber nicht, wo Sie wohnen. Ich habe mit einem gewissen Gösta Berg gesprochen, und er gab mir den Tipp, dass Kriminaldirektor Lindberg genauer wissen könnte, wo Sie sind. Gesagt, getan, ich habe mit Lindberg gesprochen, und ja, er gab mir die richtige Adresse.«

»Beeindruckend«, murmelte Stierna.

»Ja, und nun bin ich hier. Mit Block und Stift und ganz Ohr für eine gute Geschichte.«

Stierna musste trotz allem über die Dreistigkeit des Journalisten lachen.

»Wollen Sie mir erzählen?«, fragte Grönwall. »Von Ingrid Bengtsson?«

Stockholm 1928

6

Kriminaldirektor Gustaf Berner hatte schon zweimal vergeblich bei Kommissar Stierna angerufen. Niemand hatte abgenommen, nachdem er durchgestellt worden war. Was eigentlich nicht überraschend war, Berner wusste, dass Stierna am vergangenen Abend noch lange gearbeitet hatte.

Berner ging zu seiner Hausbar und nahm eine Zigarrenkiste heraus.

Sein Entschluss stand bereits fest. Er hatte ihn schon in dem Moment gefasst, als er vor fast einer halben Stunde den Anruf bekommen hatte.

Auf dem Tisch lag der Block mit den kurzen Stichworten:

Djurgårdswerft.

Blondes Mädchen, ca. 10 Jahre alt, möglicherweise jünger.

Quetschungen linke Schläfe.

Anzeichen für Vergewaltigung.

Identität unbekannt.

Er stand im Esszimmer seiner Dienstwohnung im Polizeigebäude auf Kungsholmen. Es war halb sieben Uhr morgens, am Montag, den 3. September 1928.

Der junge Polizist, der ihn angerufen hatte, war tief erschüttert gewesen.

Die beiden Schutzleute vom siebten Distrikt, die als Erste am Tatort gewesen waren, hatten getan, was zu tun war. Auf den Arzt gewartet, der, als er mit dem Rettungswagen kam, nur noch feststellen konnte, dass das Mädchen tot war. Den Tatort möglichst unberührt gelassen. Notiert, wo sie sich selbst innerhalb des Geländes bewegt hatten, und es dann abgesperrt. Notiert, wie das Mädchen dalag, wie es um es aussah. Und sie hatten auf der Werft gesucht, ob der Mörder eventuell noch dort zu finden war. Doch es gab keinen Täter vor Ort. Nur den betrunkenen Mann, der die Polizei alarmiert hatte.

Berner wollte nicht der üblichen Routine folgen. Eigentlich hätte das dritte Dezernat, das in der Nacht Dienst gehabt hatte, als das Mädchen gefunden wurde, auch die Ermittlungen übernehmen müssen. Aber Berner wollte stattdessen eine eigene Mordkommission bilden. Handverlesene Leute wollte er haben, wie immer bei verdächtigen Todesfällen.

Berner hatte einen Entschluss gefasst. Als Chef des Kriminalressorts der Stockholmer Polizei war er derjenige, der entschied, wer die Ermittlungen leiten sollte, tatsächlich, draußen auf dem Feld. Er hatte sich für Stierna entschieden, obwohl dieser keinen Dienst gehabt hatte, als das Mädchen gefunden worden war. Das Problem war nur, dass der Kommissar nicht ans Telefon ging.

Der Kriminaldirektor griff wieder zum Telefonhörer und bat die Telefonistin, ihn noch einmal zu verbinden. Auch dieses Mal erhielt er keine Antwort.

Berner stand auf und ging im Speisezimmer auf und ab. Es war frisch geputzt, die Hausangestellte hatte es abends noch sauber gemacht. Ein tüchtiges Mädchen, vielleicht war es ja an der Zeit für eine Lohnerhöhung? Gute Leute waren heutzutage schwer zu finden. Zumindest nahm Berner das an.

Er öffnete das Fenster und schaute auf den kleinen Park hinaus. Die Luft war angenehm, man konnte noch auf den Mantel verzichten.

Berner musste sich konzentrieren. Überlegen, wie er weiter vorgehen sollte.

Er hatte seine zweite Wahl bereits getroffen, aber eigentlich gefiel sie ihm nicht. Kommissar Oskar Wallbom. Wallbom war ein ganz anderer Typ als Stierna. Berner hatte ihn noch nie gemocht. Er war plump und allzu beflissen. Aber er machte seine Sache gut. Außerdem war er mit der Tochter des Polizeipräsidenten verheiratet. Stierna war anders. Jung, noch keine vierunddreißig, und gewissenhaft. Und er konnte Menschen führen, ohne die Stimme heben zu müssen.

Der Direktor ging zurück zum Telefon, er wusste, es eilte. Auf dem Esstisch lag das Telefonbuch. Er schlug den Buchstaben W auf.

Wallbom hatte seine Dienstwohnung im Polizeigebäude, genau wie er selbst. Er wollte schon direkt über den internen Apparat wählen, entschied sich dann aber anders. Stattdessen wurde es wieder Kungsholmen 301, die Nummer kannte er inzwischen auswendig.

Sein vierter Versuch sollte der letzte sein. Diesmal erreichte er Kommissar Stierna.

7

Erst als er an der Djurgårdswerft angekommen war, begann Stierna wirklich nachzudenken.

Er hatte seinen Dienst in der letzten Nacht um zwei Uhr beendet und anschließend nur schwer einschlafen können. Es war keine besonders aufregende Schicht gewesen, eher eine durchschnittliche. Wenn überhaupt. Um das meiste hatten sich die Streifen gekümmert. Ungewöhnlich wenige Betrunkene in den Lokalen unten in der Innenstadt. Ein Einbruch in eine Werkstatt auf Södermalm. Ein Verhör mit einem aufgebrachten Mann, der seine Frau vor den Augen ihrer dreijährigen Tochter geschlagen hatte.

Er dachte an das, was ihn erwartete. Ein erschlagenes Mädchen, vielleicht nicht einmal zehn Jahre alt. Vielleicht vergewaltigt. Er konnte nicht gerade sagen, dass er sich darauf freute.

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