Der Mann in der fünften Reihe - Véronique Olmi - E-Book

Der Mann in der fünften Reihe E-Book

Véronique Olmi

0,0
9,99 €

Beschreibung

Mitten in der Nacht, auf einer Bank in der Gare de L’Est: Die Züge stehen still, und auch das Leben scheint zum Stillstand gekommen. Wer hier sitzt, ist gestrandet, aus der Welt gefallen. Was hat Nelly, die erfolgreiche Theaterschauspielerin, hier zu suchen? Bis gestern war ihr Tageslauf, ihr ganzes Denken magnetisch auf die Rolle, auf das fremde Leben ausgerichtet, das sie abends auf der Bühne verkörpert. Bis gestern, als sie im Moment ihres Auftritts den Mann in der fünften Reihe sah, der als einziger nicht zu ihr hinblickte. Was will er von ihr, dieser Mann, von dem sie sich vor Monaten getrennt hat, den sie immer noch liebt, selbst wenn sie sich weigert, auch nur seinen Namen zu denken? Der Körper versagt der Schauspielerin den Dienst, denn diese Liebe war kein Spiel.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 105

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Zum Buch

Um eine unbedingte Leidenschaft geht es in Véronique Olmis neuem Roman, um Liebe und Theater – und die Momente, in denen ein ganzes Leben auf dem Spiel steht.

Mitten in der Nacht, auf einer Bank in der Gare de L’Est: Die Züge stehen still, und auch das Leben scheint zum Stillstand gekommen. Wer hier sitzt, ist gestrandet, aus der Welt gefallen. Was hat Nelly, die erfolgreiche Theaterschauspielerin, hier zu suchen?

Bis gestern war ihr Tageslauf, ihr ganzes Denken magnetisch auf die Rolle, auf das fremde Leben ausgerichtet, das sie abends auf der Bühne verkörpert. Bis gestern, als sie im Moment ihres Auftritts den Mann in der fünften Reihe sah, der als einziger nicht zu ihr hinblickte. Was will er von ihr, dieser Mann, von dem sie sich vor Monaten getrennt hat, den sie immer noch liebt, selbst wenn sie sich weigert, auch nur seinen Namen zu denken? Der Körper versagt der Schauspielerin den Dienst, denn diese Liebe war kein Spiel.

Über die Autorin

Véronique Olmi wurde 1962 in Nizza geboren und lebt in Paris. In Frankreich wurde sie, als eine der bekanntesten Dramatikerinnen des Landes, für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ihre Theaterstücke wurden in viele Sprachen übersetzt und werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgeführt. Ihre Romane stehen seit Jahren auf den Bestsellerlisten. In Deutschland erschien von ihr zuletzt Nacht der Wahrheit (Kunstmann 2015).

Véronique Olmi

Der Mann in derfünften Reihe

Roman

Aus dem Französischen vonClaudia Steinitz

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

Für meine Schwester Isabelle

 

 

 

Käme ihr Mann oder Liebhaber zurück und sagte ihr, er leide noch immer – bist du sicher, sie würde nein sagen?

ALFRED DE MUSSETMan spielt nicht mit der Liebe

 

 

 

ICH WEISS NICHT, WIE LANGE ich schon auf dieser Bank sitze. Seit Stunden fährt kein Zug mehr ab, kommt keiner mehr an. Ein regloser Bahnhof. Eisige Stille bis ins Mark meiner Knochen. Hinter mir eine riesige, verschlossene Stadt. Vor mir die leeren Züge wie gestrandete Wale. Und Sie. Vielleicht hören Sie mir zu. Es ist eine Welt, die nichts mehr zu sagen hat. In der ich mich verloren habe. In ein paar Stunden geht der Verkehr wieder los. Beginnt der Tag. Ich weiß nicht, was ich mit ihm anfangen werde. Ich weiß nicht, was ich jetzt mit mir anfangen soll. Vor vierundzwanzig Stunden war alles noch gewohnt und vertraut. Ich dachte, ich würde entscheiden und hätte alles im Griff. Ich dachte, ich würde leben.

 

 

 

GESTERN BIN ICH WIE ÜBLICH spät aufgewacht. Es war nach zehn, und ich blieb noch lange im Bett, ehe ich mich hinaustraute. In der Nacht hatte ich einen Albtraum gehabt, in dem alle Linien horizontal waren. Eine Welt ohne Vertikalität. Endlose Straßen. Ohne mögliche Ausfahrt. Ich konnte weder aus- noch einsteigen. Alles war statisch. Ich spürte, dass ich starb. Aber ich starb nicht. Denn in diesem horizontalen Universum gab es weder Ober- noch Unterwelt.

Der Albtraum blieb in mir, er war deutlich und irritierend, hielt mich irgendwie fest, dann fiel mir ein, dass Dienstag war. Das erschreckte und beruhigte mich. Heute Abend spiele ich, dachte ich mit einem kleinen, kurzen Schmerz. Aber der Schmerz war auch Erleichterung: Ich hatte recht gehabt, am Vorabend zu Hause zu bleiben. Ich hatte nichts verpasst; die Seltsamkeit eines Tages ohne Theater war vorübergegangen. Ich bin Schauspielerin. Theaterschauspielerin. Meine Woche, oder besser mein Leben, beginnt am Dienstag. Der Montag hängt irgendwie in der Luft. Ich fülle ihn mit möglichst vielen Verpflichtungen und treffe alle möglichen Menschen. Bin Mutter. Tochter. Freundin. Geliebte. Nachbarin. Ich verkörpere all diese Rollen. Aber der Montag ist eine schmerzhafte Untreue; auch in diesen Stunden, die ich dem Alltag opfere, höre ich nie auf, an die nächste Vorstellung zu denken, bin nur auf sie fixiert. Ich durchlebe den vorstellungsfreien Tag in der ständigen Angst, dass er mich von der Rolle ablenkt. Ständige Angst. Das verstehen Sie bestimmt.

Es kommt mir vor, als trüge ich ständig eine zweite Welt auf den Schultern. Als schwebte sie über meinem Kopf. Es ist keine Bedrohung. Es ist real, eine Präsenz, die ich nur im Theater anbeten kann. Außerhalb des Theaters muss ich in einer einzigen, gewöhnlichen Dimension leben. Das ist wie ein ständiger Verrat. Eine Sackgasse.

Gestern früh hinterließ der Albtraum einer zweidimensionalen Welt mit seinen starken und deutlichen Bildern einen bitteren Nachgeschmack, den ich nicht loswurde. Ich verstand seine Bedeutung nicht. Dann versuchte ich, nicht mehr daran zu denken. Ich wollte ihn vergessen. Es war ein filmischer Traum, weiter nichts. Vielleicht ein ästhetischer Traum. Das zu glauben war falsch.

Ich habe das Radio angemacht, um mich abzulenken, aber es half nicht. Ich verstand nicht, was sie sagten, mir entging der Sinn einzelner Wörter, Begriffe auf Englisch, aus der Welt des Internets und der Finanzen. Das ist offenbar eine universelle Sprache, und ich fand es schade, dass ich nichts davon begriff. Aber die Stimmen des Journalisten und seiner Gäste – Experten – klangen besorgt und prophezeiten das Schlimmste. Ich überlegte mir, dass meine Kinder in einer Welt voller Katastrophen und Experten aufwuchsen, und fragte mich, ob ihnen das Leben weit offen oder eng und voller Fallstricke erschien. Meine Kinder, Tom und Louis, waren früh zur Schule gegangen. Ihre Stundenpläne merke ich mir nie. Das Blatt mit ihrem Wochenplan, das am Kühlschrank hängt, ist unzuverlässig, es gibt Arbeitsgemeinschaften, Vertretungsstunden, Turniere, alles ändert sich von einem Tag zum anderen, und ich merke mir nichts davon.

Ich hatte Mühe, aufzustehen, das Rollo war nicht ganz heruntergelassen, und auf dem Balkonboden sah ich das blasse Februarlicht ohne Substanz. Es war offenbar windig: Ich hörte den Verkehr vom ziemlich weit entfernten Stadtring. Es klang wie ein Fluss, ein fortwährendes Strömen, das unweigerlich durch alle Ritzen dringt. So stelle ich es mir meistens vor, um das Geräusch zu mögen. Ein Fluss in der Stadt.

Ich bin froh, dem alltäglichen Rhythmus der Staus und der überfüllten Metros zu entgehen, aber auch irgendwie argwöhnisch, als hätte man mich vergessen und als wäre das Vergessen ein Privileg, dessen ich mich nicht rühmen sollte. Ich lebe und spiele am Abend, eine gute Entschuldigung, um nicht früh aufzustehen. Denn eine Entschuldigung braucht man. Was eine unglaubliche Verletzung der Privatsphäre ist. Jeder sollte über seine Nutzung der Zeit entscheiden können, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Der Morgen sollte eine neutrale Zone sein, die man nur mit dem oder der teilt, der oder die neben einem schläft. Der Morgen müsste zur Nacht gehören. Die Nacht, das sind jetzt Sie. Diese Bank. Dieser Bahnhof. Diese Kälte.

Gestern noch kannte ich ein gemächliches Erwachen, die kleinen, so vertrauten Ängste, kannte ich die Rituale und den genauen Ablauf der Stunden. Während ich meinen Tee trank, las ich online die Zeitungen. Schlagzeilen über Massaker in Zentralafrika, erinnere ich mich, und Artikel über einen Streit zwischen Fernsehmoderatoren, die ich nicht kenne. Die Massaker in Zentralafrika zählten nicht zu den »meistgelesenen Artikeln«, im Unterschied zu denen über den Moderatorenstreit. Aber bei den Massakern bat man uns abzustimmen, für oder gegen eine Intervention. Ich hoffe, dass niemand in Zentralafrika weiß, was wir uns da trauen. Ich frage mich, wie ich zurückkäme, wenn ich dorthin gehen würde, »an den Kriegsschauplatz«, wie man sagt. Für einen einzigen Tag. Eine Stunde. Eine halbe Stunde. Fünf Minuten. Fünf Minuten braucht man, um einen Zeitungsartikel zu lesen, schätze ich. Die Realität einer Welt aufzunehmen. Aber es ist nicht meine.

Ich bin am Mittelmeer aufgewachsen, an den guten Stränden. Und in den guten Zeiten. Aber es könnte sein, dass die Gewalt in das Land der Kindheit drängt. Dann würden sich meine Erinnerungen ändern. Meine Sommer am Strand wären nicht mehr meine, sie würden einer Generation gehören, wären eher Teil einer Epoche als meiner Jugend. So werden die Karten neu verteilt. Ob man mitspielen will oder nicht. Das wissen Sie auch.

Ich bin in einer Welt aufgewachsen, wo die Sonne den Horizont überflutet, und die Schönheit überraschte mich nicht, ich dachte, sie sei gerecht verteilt. Die Welt glich dem, was ich davon sah. Meiner Stadt zwischen Gebirge und Meer. Getragen vom Wellenrauschen. Das Leben lag mir zu Füßen wie eine natürliche Treue. Alles schien an seinem Platz.

Ich sehe meinen Vater vor mir, der den Hosensaum hochkrempelte und lange allein am Meer entlanglief. Ich frage mich, woran er dachte. Damals fragte ich mich das nicht. Ich sah ihn als Mann, der, nachdem er langsam gelaufen war, zu uns zurückkam und meine Brüder und mich aufforderte, nach Hause zu gehen. Heute weiß ich, dass mein Vater uns niemals dazu aufgefordert hätte, wenn der Strand endlos gewesen wäre. Niemals wäre er zu uns zurückgekommen.

Während ich meinen Tee trank, stimmte ich für eine Intervention in Zentralafrika. Dann sah ich, dass ich zur Mehrheit gehörte. Ich zog langsam das Rollo hoch, um die Welt gegenüber auftauchen zu sehen. Schornsteine rauchten. Die Dächer waren noch mit Reif bedeckt. Der Himmel war von lichtlosem Weiß, wie ein Loch. Es sah sehr kalt aus, hinter der Fensterfront. Heute Nacht, hier neben Ihnen, spüre ich diese Kälte, als gehörte sie mir schon lange. Ich hatte sie bereits in mir und wusste es nicht. Jetzt befreit sie sich und breitet sich aus.

Nachdem ich das Rollo hochgezogen hatte, sah ich den Mann im Haus gegenüber. Vormittags ist er immer nackt, sommers wie winters. Nackt vor seiner Frau, nackt vor seinen Kindern. Die nicht nackt sind. Ich glaube, er ist krank. Er ist sich entweder seines eigenen Körpers oder der anderen nicht bewusst Ich frage mich, wie man einem nackten Vater gehorcht. Wenn ich seine Tochter wäre, würde ich ihn nur von hinten ertragen. Viele Leute, auch angezogene, erträgt man nur von hinten. Wenn sie gehen. Besser so.

Während ich zuschaute, wie er telefonierte und dabei im Zimmer herumlief, klingelte mein Mobiltelefon. Es war meine Mutter. Sie ruft immer vor elf Uhr an, »damit ich dich auch sicher erwische«, wie sie sagt. Meistens tue ich, was mir der Arzt empfohlen hat: Ich frage sie, welcher Tag heute ist, was sie gestern getan hat, was sie heute tun wird. Ich orientiere sie, denn sie ist so wenig orientiert. Wird sie, wenn sie mich heute anruft, merken, dass unsere Sätze in andere Geräusche getaucht sind? Hat sie noch einen Rest Intuition?

Gestern früh habe ich sie gleich gefragt: »Es ist schön für einen Februartag, was machst du heute?« Halb ärgerlich, halb irritiert hat sie die Frage von allen Seiten betrachtet und die Antwort hinausgeschoben. Ich habe Hinweise eingestreut, so wie man mit einem Kind spielt, das nicht verlieren soll:

»Triffst du dich dienstags immer noch mit Geneviève?«

»Geneviève? Ja. Ja, ich habe sie gesehen. Sie kam gerade aus Marokko. Ja. Sie hat mir ihre Fotos gezeigt. Mindestens hundert Fotos von den Souks! So was von langweilig!«

Ich beobachtete meinen nackten Nachbarn, der auch telefonierte. Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, mit ihm zu sprechen. Er schien wütend zu sein; so, mit gesenktem Kopf und gebeugtem Rücken, sah er aus wie ein kleiner Stier.

»Gestern war Montag, Maman. Geneviève kommt doch immer dienstags, oder?«

Der Mann schüttelte den Kopf. Sein Fuß scharrte auf dem Boden.

»Du hörst gar nicht zu, was ich sage, Nelly.«

(Ich heiße Nelly, Nelly Bauchard, das ist mein Bühnenname. Auch mein Alltagsname. Mein ständiger Name.)

Meine Mutter sprach weiter:

»Ich sage dir doch, dass sie mir ihre Urlaubsfotos gezeigt hat!«

»Aber wann?«

»Na gestern, als sie hier war. Verlierst du den Verstand oder was?«

»Maman, gestern war Montag, das weiß ich, es war spielfrei.«

»Spielfrei?«

»Die Theater waren zu, meine ich.«

»Du spielst gerade, stimmt’s?«

Es ist wunderbar, dass sie sich daran erinnert. Ich war so glücklich darüber, als wäre ihre Krankheit heilbar, als könnten wir uns woanders wiederfinden, in einer anderen Zeit, und unsere Plätze wären noch unverändert. Ich entfernte mich vom Fenster, von dem Mann, von allem, was nicht sie und ich war.

»Ich mag dich in Tschechow nicht besonders, das weißt du ja.«

»Ich spiele seit acht Tagen Pirandello, erinnerst du dich nicht? Du warst mit den Kindern in der Premiere. Hast du deine Medikamente genommen? Heute ist Dienstag, Geneviève hat dir nicht gestern ihre Fotos gezeigt. Geneviève kommt bald, du sagst, dass du sie nicht magst, aber du willst nicht auf ihren Besuch verzichten. Und sie war in Island.«