0,99 €
Der alte Tagebau ist nur scheinbar ein einsamer und verlassener Ort. Unbemerkt von der Außenwelt hat sich in der aufgegebenen Braunkohlegrube ein Mann niedergelassen, freiwillig und im Einklang mit sich und der Natur. Doch eines Tages erhält er aus jener Welt Besuch, der er eigentlich für immer entfliehen wollte. Lesestoff für zwischendurch.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Der Mann in der Grube
Eine Erzählung von Pelle Gernot
Impressum
1. Auflage - 2023
Alle Rechte vorbehalten.
Kontakt über:
Gerald Pelchen
Samuel-Lampel-Straße 2b
04357 Leipzig
www.pelle-gernot.de
https://www.instagram.com/pelle.gernot.autor
https://www.facebook.com/Pelle.Gernot.Autor
Erweitertes Korrektorat: Ilka Sommer
Covergestaltung: Dream Design
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung, Verbreitung, Übersetzung oder anderweitige Verarbeitung bedarf der schriftlichen Genehmigung des Autors.
Der Mann in der Grube
Das orangefarbene Licht der untergehenden Sonne verbreitete in der Grube eine friedliche Atmosphäre. Der Spätfrühling hatte Einzug gehalten und der laue Abendwind strich dem Mann durch das zottlige Haar.
Obwohl ihm die Halden den Blick in die Ferne verwehrten, hatte er sich auf einen der zahllosen Gesteinsbrocken gesetzt. Die eingeschränkte Sicht störte den Mann nicht, denn dem Land hinter der Grube hatte er schon vor vielen Jahren entsagt. Losgelöst von jeglicher Sehnsucht galten seine Gedanken seitdem nur noch selten dem Land, das jenseits der Halden lag.
Die stille Stunde war angebrochen, jene Stunde, in der die Natur den Atem anhielt und der vergehende Tag die karge Landschaft in ein dämmriges Licht hüllte.
Wie es ihm zur Gewohnheit geworden war, wartete der Mann zwischen den Halden den Einbruch der Nacht ab. Das Tagewerk war erledigt und das schwindende Licht versprach ... Unvermittelt zuckte der Mann zusammen.
Da war ein Geräusch gewesen, ein Laut, eine Stimme, etwas, das nicht hierhergehörte und das ihn zusammenfahren ließ.
Angestrengt horchte er in die Nacht hinaus, die ihm plötzlich fremd und bedrohlich erschien. Erneut vernahm er die seltsamen Laute, die andersartig waren und doch von einer solchen Vertrautheit, dass sie ihm einen Schauer über den Rücken jagten.
Der Mann schüttelte sich und vertrieb damit die wirren Bilder, die ihm durch den Kopf schossen. In der Grube drohte ihm von nichts und niemandem Gefahr. Dennoch, das Geräusch beunruhigte ihn und fraß sich, verbunden mit einem unheimlichen Gefühl, durch seinen Körper.
Um sich der aufkommenden Beklemmung zu entledigen, erklomm er in hastiger Eile den steilen Hang der Halde und schlich, immer darauf bedacht, die nächtlichen Schatten nicht zu verlassen, in nördlicher Richtung weiter.
Wieder hörte er das Geräusch, diesmal aber viel näher und deutlicher als zuvor. Irritiert stellte er fest, dass es fast wie ein weinerliches Schluchzen klang. Der Mann hielt mitten im Schritt inne und glaubte für einen Augenblick, dass ihm seine Sinne einen Streich spielten. Außer ihm gab es niemanden in der Grube, niemanden der schluchzen und weinen konnte oder zu einer ähnlichen Regung fähig wäre.
Von einer unbändigen Neugier erfasst setzte er seinen Weg fort und lauschte angestrengt in die Dunkelheit. Nach einigen Schritten war er sich völlig sicher, jemanden weinen zu hören, leise, fast lautlos klagend und in hilfloser Verzweiflung. Unversehens, nur wenige Meter von ihm entfernt, entdeckte er endlich die Umrisse einer am Boden hockenden Gestalt.
Unfähig, sich auch nur einen Schritt weiterzubewegen, blieb der Mann stehen und blickte zu dem, in sich zusammengesunkenen Bündel. Da war jemand, hier, mitten in der Einöde, dem einsamste Ort, den es auf diesem Planeten gab.
Die Gestalt hob den Kopf und das Weinen erstarb augenblicklich.
Der Mann glaubte, für einen Moment den Bezug zur Wirklichkeit verloren zu haben. Doch seine Augen belogen ihn nicht. Da hockte, die Arme eng um die Knie geschlungen, ein menschliches Wesen vor ihm, ein Kind, ein kleines Kind, ein Kind, das mit Sicherheit nicht in die Grube gehörte.
Instinktiv ging er in die Hocke und spürte plötzlich etwas, das ihm in den vergangenen Jahren fremd geworden war – Furcht. Eine völlig unbegreifliche, kaum erklärbare Angst, die unerbittlich Besitz von ihm ergriff und keinen klaren Gedanken mehr fassen ließ.
Unwillkürlich musste er an die Höhle denken, die er sich neben der Feuerstelle in die Halde gegraben hatte. Er könnte fliehen, sich zurückziehen, in eine Sicherheit, die er bisher für unantastbar gehalten hatte. Der Fluchtgedanke war ein lächerliches, geradezu aberwitziges Verlangen. Er wusste, dass er damit der Wirklichkeit nicht zu entfliehen vermochte.
Dennoch, die Erkenntnis, dass sich außer ihm ein weiteres menschliches Wesen in dem verlassenen Tagebau befand, traf ihn mit der Wucht eines Keulenschlags. Er hatte die Jahre nicht gezählt, aber seit er in der Grube lebte, war sie eine kleine, in sich abgeschlossene Welt gewesen, die vom Rest der Menschheit aufgegeben worden war. Doch nun schien sich mit einem Schlag alles zu verändern und genau jene Befürchtungen einzutreten, die ihn seit Jahren begleiteten.
In den Augen des Kindes spiegelten sich zugleich Angst und Hoffnung wider. Eine Hoffnung, die ihn daran hinderte, aufzuspringen und davonzulaufen, wie ihm andererseits die Angst gebot, sich dem Kind nicht weiter zu nähern.
Ohne sich aus den Augen zu lassen, hockten sie sich eine ganze Zeit gegenüber, so wie zwei Wesen, die offensichtlich zueinander gehörten und sich doch vor der Nähe des anderen fürchteten.
»Wer bist du?« In der Stimme des Kindes schwang bereits jener weiche Tonfall mit, der nur Mädchen zu eigen war.
Es wunderte und beschämte den Mann zugleich, dass sie als Erste den Mut aufbrachte, das Schweigen zu brechen.
»Bringst du mich weg von hier?«, stellte das Kind eine weitere Frage, und er wurde sich plötzlich dessen bewusst, dass sein wortloses Verharren auf das Mädchen bedrohlich wirken musste.
»Wo kommst du her?« Der Mann erschrak über den ihm fremd gewordenen Klang seiner Stimme.
Das Kind prallte zurück, kippte dabei leicht nach hinten und musste sich mit den Armen abstützen. Der Mann blieb unbeweglich hocken und sah, wie das Mädchen in ihrem Fluchtreflex innehielt. »Du bist keine Frau.« Das Kind zitterte am ganzen Körper.
»Nein.« Er fuhr sich mit den Fingerspitzen durch das struppige Haar, das ihm bis über die Schultern fiel. »Ich bin keine Frau.« Obwohl er leise und ruhig sprach, musterte ihn das Kind mit unverhohlenem Misstrauen. »Wo kommst du her?«, wiederholte er seine Frage und fand sie zugleich töricht. Natürlich stammte sie aus der Stadt, jenem Ungetüm, aus dem er schon vor langer Zeit geflohen war.
»Ich habe Angst und weiß nicht, wo ich bin.« Das Mädchen sprach in einer Art, wie es nur ein Kind konnte, einfach und geradeheraus, verbunden mit dem Eingeständnis der eigenen Ratlosigkeit.
Der Mann war noch immer damit beschäftigt, seine Gedanken zu ordnen. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn das Mädchen schreiend davongelaufen wäre. Dass sie blieb und dem Fluchtreflex nicht nachgab, steigerte seine Verwirrung.
Urplötzlich, so wie manchmal ein Blitz aus heiterem Himmel fuhr, war er nicht mehr allein. Er fühlte sich entdeckt und ertappt und dem weiteren Schicksal hilflos ausgeliefert. »Du bist in der Grube.« Er fand, dass er sich nach den vielen wortlosen Jahren schrecklich anhörte.
»In der Grube?«
»Im Tagebau«, probierte er es mit einem anderen Wort.
Das Mädchen starrte ihn mit großen Augen an. »Im Tagebau.« Nachdenklich senkte sie den Blick, nur aber, um ihn einen Augenblick darauf wieder zu heben. »Bringst du mich nach Hause?«
»Es ist Nacht.« Der Mann verspürte nicht die geringste Lust, sich zum Rand der Grube zu begeben. Gleich neben dem Tagebau begann die Stadt und dort lebten die anderen Menschen, Menschen, die ihm fremd geworden waren und nach deren Gesellschaft er sich nicht sehnte. Selbst wenn er wollte, konnte er das Mädchen jetzt nicht zurückbringen. Die Stadt befand sich zu dieser Stunde schon längst in einem traumlosen Schlaf und womöglich würde er dann gezwungen sein, sich in fremdes Gebiet zu wagen.
»Ich will aber zu meiner Mami.«
»Es ist dunkel und wir würden uns verlaufen«, versuchte er dem Mädchen zu erklären, warum er sie nicht in die Stadt bringen konnte. »Hast du Hunger?«
Trotzig schüttelte sie den Kopf und wischte sich mit den schmutzigen Händen die Tränen aus dem Gesicht.
»Morgen, wenn es hell wird, bringe ich dich zum Ausgang der Grube.« Der Mann richtete sich langsam auf und ging einen ersten zaghaften Schritt auf das Mädchen zu. Zu seiner Erleichterung wich das Kind nicht zurück. Mit angehaltenem Atmen nahm er seinen ganzen Mut zusammen und machte einen weiteren Schritt. Noch einen und noch einen und schließlich stand er neben dem Mädchen und streckte ihm seine Hand entgegen.
Das Kind zögerte und sog die Luft durch die Nase ein. Doch dann erhob es sich, reichte ihm die eiskalte Hand und brach erneut in Tränen aus.
Behutsam nahm er es auf den Arm, richtete sich auf und machte sich auf den Weg zur Feuerstelle. »Du brauchst keine Angst zu haben, ich habe etwas zu essen und zu trinken und morgen wirst du deine Mami wiedersehen.« Er sprach mit leiser Stimme und hoffte damit, das Kind zu beruhigen und die eigenen Ängste zu vertreiben.
