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Martin Wolf steht politisch unter Druck: Seine Wiederwahl als Bürgermeister ist in Gefahr, nachdem Oskar Lafontaine aus der Bundesregierung ausgeschieden ist und die Umfragewerte in den Keller gehen. Martin beschließt, seinen Freund und Förderer Erwin Lohse zu opfern, weil er zu alt ist. Doch Erwin nimmt den Kampf auf. Ein Kampf, der mit harten Bandagen im Stil der Mafia geführt wird. Währenddessen führt Erwin Lohses Sohn einen Ehekrieg gegen seine Frau. Mittendrin Erwins Enkeltochter Nina, die scheinbar einzige Familienangehörige, die einen klaren Kopf bewahrt. Als ein fürchterliches Familienunglück geschieht, erkennt Nina den Bürgermeister als Hauptschuldigen. Sie versucht, die Ehre ihrer Familie wiederherzustellen und die Wiederwahl Martin Wolfs mit allen Mitteln zu verhindern.
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Seitenzahl: 402
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Jens van der Kreet
Volksmund
11.03.1999 - 11.08.1999
Es war Christinas Idee gewesen, ins gemeindeeigene Hallenbad zu gehen. Jetzt saßen die beiden Mädchen gemeinsam nebeneinander am Beckenrand an der Längsgeraden des großen Schwimmerbeckens und quatschten über Gott und die Welt, während aus den Lautsprechern an den Seitenwänden leise Radiomusik lief, “Frozen” von Madonna.
Sie waren beide sechzehn, doch jemand, der sie nicht kannte, hätte sie nicht für gleichaltrig gehalten, dachte Nina, während sie ihre beste Freundin in ihrem vorteilhaften roten Bikini von der Seite betrachtete. Auf der einen Seite Christina Appeldorn, die Schönheit in der Blüte ihres Lebens, mit wallendem blonden Haar, ebenmäßigem Gesicht, hohen Wangenknochen, prallen Brüsten, einer Neunzig-Sechzig-NeunzigFigur. Auf der anderen Seite sie selbst, klein, zierlich, unscheinbar, mit kaum ausgebildetem Busen, aber dafür viel zu dünnen Beinchen, die sie zu häufig rasieren musste. Höchstens das Piercing in ihrem Bauchnabel verriet ihre Individualität, fand sie. Sie hätte sich selbst belügen müssen, wenn sie nicht zugegeben hätte, dass sie neidisch auf ihre Freundin war.
„Hast du den Typen da hinten gesehen?“ fragte Christina. Christina spielte auf einen etwa ein Meter neunzig großen Hünen an, der gerade vom Startblock gesprungen war, „hat der Muskeln.“
Nina, ganz in Gedanken, blickte zu ihr herüber.
„Lass uns doch wieder ins Wasser gehen. Mir ist langsam kalt!“ Nina hatte bereits überall Gänsehaut und begann zu bibbern.
„Weichei! Kein Wunder, dass du keinen Typen abkriegst!“
„Na warte!“
Nina war ins Wasser gesprungen, und zog Christina am Bein, um sie runter zu ziehen.
„Du hast nur Angst vor dem kalten Wasser!“, rief sie, und sie zerrte weiter an Christinas Bein, während diese sich verzweifelt am Beckenrand zu halten versuchte.
Plötzlich hielt Nina inne. Christina blickte sie überrascht an.
„Was ist los?“
„Du hast schon wieder blaue Flecken am Oberschenkel.“
„Und? Haben Sie ein Problem damit, Frau Doktor?“
„Hast du wieder Streit gehabt mit deinem Vater? Oder hast du die Flecken von Tim? Schlägt er dich?“
Christina lachte auf.
„Spinnst du jetzt, oder was?“
Nina sah ihr mit ernstem Blick in die Augen. Dabei fiel ihr ein weiteres Mal auf, dass man einem Menschen nie in beide Augen gleichzeitig sehen kann, sondern man blickt abwechselnd in jeweils eines davon.
„Ich meine es ernst – wirklich.“
„Das ist wieder mal typisch für dich. Die ernste Nina. Aber, lass dir das gesagt sein: Du siehst Gespenster! Ich meine, es ist lieb von dir, dass…“
Nina hielt ihrem abwehrenden Blick stand.
„Dann kannst du mir sicher erklären, woher deine blauen Flecken kommen. Bist du … die Treppe runter gefallen, oder was?“
Christina schüttelte den Kopf und warf ihr einen mitleidigen Blick zu, mit dem man den Insassen einer psychiatrischen Anstalt versieht, der einem glaubhaft versichert, vom Nachbarn vergiftet worden zu sein.
„Weißt du, Nina, daran sieht man mal wieder, woran es hapert bei dir. Die Flecken habe ich vom Sse-ex mit Tim. Hättest du selber Sse-ex, dann wüsstest du, dass es dabei etwas härter zur Sache geht. Du als Jungfrau kannst darüber natürlich nichts wissen.“
Diese Retourkutsche saß. Nina blickte pikiert zur Seite, schwieg, schmollte.
Christina ließ sich vom Beckenrand ins Wasser herabgleiten und legte ihrer Freundin fürsorglich den rechten Arm um die Schulter.
„Tut mir Leid. Ich wollte nicht deine Gefühle verletzen.“
Sie blickten sich wieder gegenseitig in die Augen. Christina lächelte.
„Freunde?“
Nach einer weiteren Minute, die sie Christina zappeln ließ, erwiderte sie deren Lächeln.
„Freunde.“
„Vergessen wir die Sache, und schwimmen eine Runde um die Wette?“
„Okay.“
„Wer als letzte ans Ziel kommt, muss das Vereinsheim putzen.“
„Dann hol schon mal den Schrubber“, erwiderte Nina, und schwamm in Richtung der Startblöcke. Christina schloss sich an.
Sie beschlossen ihren Nachmittag im Schwimmbad mit einem Besuch der Sonnenterrasse, wo Nina, die das Wettschwimmen siegreich für sich entschieden hatte, beim Anblick der von der Sonne unvorteilhaft angestrahlten Oberschenkelprellungen ihrer Freundin abermals ein mulmiges Gefühl beschlich.
Was soll’s, dachte sie, es ist ihr Leben.
Martin Wolf saß am Schreibtisch und studierte Personalakten, während auf dem PC die Website von Spiegel Online ihre knalligen Schlagzeilen in die Welt hinausblies und ihn auf dem Laufenden hielt. Er nutzte selten den Computer in seinem Büro; er gebrauchte ihn nur, wenn in der Welt etwas Wichtiges geschehen war. Heute war ein solcher Tag. Es war der erste sonnige Tag des Jahres nach diesem langen Winter, doch die Nachrichten dieses Tages standen ganz im Gegensatz zu den meteorologischen Frohbotschaften.
Es war Zeit zu handeln.
Es klopfte an der Tür.
Martin blickte auf seine goldene Armbanduhr.
17 Uhr.
„Herein!“, bellte Martin Wolf.
Christian Klein, der Fraktionsgeschäftsführer der Sozialdemokratischen Partei im Gemeinderat von Altweiler und in Personalunion Gemeindeverbandsvorsitzender der örtlichen Parteigliederung, betrat das Büro des Bürgermeisters. Klein, der im Hauptberuf als Referent im Saarbrücker Bildungsministerium an der Schnittstelle zur „großen“ Politik tätig war, trug einen schwarzen Dreireiher, Marke „Hugo Boss“, ein blaues Hemd und eine dunkle Krawatte.
„Du wolltest mich sehen. Was gibt‘s?“
Er sprach wie immer bestes Hochdeutsch.
Warum kann dieser Schnösel nicht einfach wie normale Menschen reden?
„Was wird es wohl geben? Warum glaubst du, dass ich dich herbestellt habe, um dir deine kostbare, vom Steuerzahler bezahlte Zeit zu stehlen?“
„Ich weiß es nicht, Martin, mach es nicht so spannend, es ist spät.“
Martin lachte.
„Die aktuelle politische Entwicklung zwingt uns, bestimmte Dinge, die seit Langem liegen geblieben sind, endlich in die Hand zu nehmen, um uns auf den Wahltermin im Juni besser vorzubereiten.“
Der Bürgermeister wies Klein an, Platz zu nehmen und bat seine Sekretärin Patricia darum, ihnen beiden Kaffee zu machen.
„Du weißt, was sich heute bundespolitisch ereignet hat?“, sagte Martin.
Die beiden Männer nahmen am Konferenztisch in der Mitte des Raumes Platz.
„Oskar Lafontaine ist zurückgetreten. Na und?“ antwortete Klein.
„Was bedeutet das für uns?“
Klein dachte lange nach. Soweit hatte er sich mit dem Thema noch gar nicht beschäftigt. Als Sozialdemokrat befand er sich an diesem Tage sozusagen in einem Schockzustand.
„Dass wir die Landtagswahl verlieren“, sagte er und sah dem Bürgermeister konzentriert in die Augen.
Martin stöhnte.
„Ich habe eben davon gesprochen. Welchen Termin haben wir Mitte Juni?“, fragte er seinen Fraktionsgeschäftsführer.
Klein schnippte mit den Fingern.
„Die Kommunalwahl. Aber warum sollte Oskars Rücktritt unsere Chancen bei der Kommunalwahl schmälern? Er war Bundesfinanzminister. Ich meine, was haben wir schon mit der Bundespolitik zu tun?“
„Weil unsere Wähler frustriert sind und nicht mehr wählen gehen. Die bleiben zuhause, und ich hab dann eine Mehrheit gegen mich, die mich sabotiert. Ich werde nichts mehr durchbringen können und bei der nächsten Bürgermeisterwahl wird man mich abwählen. So ist das! So einfach ist das!“
Martin erhob sich und begann, um den Mahagonitisch zu tigern.
Die beiden Herren sahen sich eine Weile an, dann ließ Klein seinen Blick über die Regale wandern. Martin hatte Verständnis dafür, dass Klein seinen Feierabend lieber mit seiner 16 Jahre jüngeren Lebensgefährtin verbringen würde. Doch hier ging es um Wichtigeres. Um ihn.
Klein stand an Position zwei der Liste für den Gemeinderat, und so hatte er Verantwortung zu tragen.
„Welche Gegenmaßnahme schlägst du vor?“, fragte Klein.
„Welche Gegenmaßnahmen können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch durchsetzen? Die Listen sind aufgestellt, die Wahlprogramme sind erarbeitet, kurz: Viel können wir nicht mehr tun. Aber einiges geht noch.“
„Konkret?“
„Ich will die Fraktion verjüngen.“
Klein spitzte die Ohren.
„Ich stelle mir das so vor, dass ein paar der Altvorderen auf ihre Ämter verzichten. Die meisten von ihnen haben das sechzigste Lebensjahr bereits überschritten.“
„An wen genau denkst du da?“
Patricia kam mit der Kanne und schenkte ihnen Kaffee ein.
„Ich schlage vor, wir fangen vorne an“, sagte Wolf.
Klein fiel die Kinnlade herunter.
„Du willst Erwin absägen?“
„Es ist unsere einzige Chance“, erwiderte Wolf, „wir wollen stärkste Fraktion werden. Und – sieh mal: Du hättest gleich zwei Vorteile davon. Du würdest den Fraktionsvorsitz übernehmen. Und du wärst Vorsitzender der stärksten Fraktion. Ist das ein Angebot?“
„Das kannst du nicht machen. Erwin ist zu beliebt bei den Menschen im Ort.“
„Erwins Zeit ist vorbei.“
„Hat er dir nicht all die Jahre den Rücken frei gehalten?“
„Brauche ich jemanden, der mir den Rücken freihält?“
„Weißt du noch, die Sache mit dem Bauauftrag für die Sporthalle damals? Der kalte Schweiß bricht mir aus, wenn ich daran denke. Es hätte uns allen den Job kosten können.“
„Mit Prämien für verdiente Genossen gewinne ich keine Wahl. Neue Zeiten erfordern neue Maßnahmen.“
„Wenn du einen neuen Spitzenmann aufbauen musst, so kurz vor der Wahl, dann schmälert das deine Chancen.“
„Es wundert mich, das von dir zu hören. Schließlich sollst du der neue Spitzenmann sein.“
„Mich kennen nur wenige Leute in der Gemeinde. Was passiert, wenn ich danach für ein mögliches Wahldesaster verantwortlich gemacht werde?“
„Wo wir hier unter uns sind, und ich verlasse mich darauf, dass diese Dinge unter uns bleiben: Die Verjüngung ist nur einer der Gründe, warum ich auf Erwin verzichten möchte.“
Wolf setzte sich wieder auf seinen Platz.
„Also ist deine Verjüngung nur ein Vorwand. Und um mir dieses Lügenmärchen anzuhören, vergeude ich meine Zeit. Ich bin gespannt, was wirklich dahinter steckt.“
„Kannst du dich an den gemeinsamen Antrag von der CDU und den Naturverbundenen Ökologen erinnern, den die beiden Fraktionen in den letzten Monaten mehrmals eingebracht haben?“
„Den Antrag, den wir mehrmals abgelehnt haben? Mit dem wir die Bevölkerung mehrmals gegen uns aufgebracht haben? Das Naturschutzgebiet.“
„Die Aue hinter dem Sportplatz. Seit dort Biber gesichtet wurden, ist es ein Prestigeprojekt der Naturverbundenen Ökologen gewesen, aber als dann die ersten vom Aussterben bedrohten Schlangen aufgetaucht sind …“
„Blindschleichen“, unterbrach ihn Klein.
„Gut, Blindschleichen“, sagte Wolf, „jedenfalls hat plötzlich die ganze Bevölkerung der Gemeinde ihr Herz für diese Brache entdeckt. Sogar die CDU ist auf den Zug aufgesprungen, nur wir nicht. Nach gültiger Rechtslage kann auf dem Gebiet nach wie vor gebaut werden.“
„Wir waren dagegen, weil das Gebiet von den Bürgern der Gemeinde als Freizeitgelände genutzt wird, zum Beispiel von Erwin, der dort sein Wochenendhaus hat. Wenn das Gelände als Naturschutzgebiet ausgewiesen wird, kann er es nicht mehr mit dem Auto befahren.“
„Nicht nur das. Das Haus ist beim Bauamt nicht genehmigt. Ich habe das überprüft. Wenn wir das Areal als Naturschutzgebiet ausweisen, dann können wir das Haus nicht mehr nachträglich genehmigen. Wir können es im Gegenteil jederzeit abreißen lassen. Wir werden das Gebiet als Naturschutzgebiet ausweisen, das Häuschen, für das keine Genehmigung vorliegt, zurückbauen und das ganze Gelände, soweit nötig, renaturieren. Voilà: Martin Wolf. Umweltfreundlich. Kompetent. Bürgernah. Vergiss nicht, dass in diesem Jahr zusätzlich die Grünen antreten. Das ist die Chance, die NÖP endlich aus dem Gemeinderat herauszubekommen.“
„Ich verstehe“, fasste Klein zusammen, „und Erwin als Besitzer dieses Wochenendhauses würde dieses Projekt natürlich hintertreiben. Das würde ich zumindest tun, wenn mir das Haus gehören würde.“
„Jedenfalls muss Erwin weg. Und du wirst ihn beerben. Das war‘s schon. Schönen Feierabend. Und vergiss nicht: morgen Abend! Fraktionssitzung!“
„Alles klar!“
Als er ging, hinterließ Klein ein schlechtes Gefühl beim Bürgermeister. Martin Wolf hätte gerade bei Christian Klein mehr Enthusiasmus und weniger Zweifel erwartet. War er nicht jung und ehrgeizig genug, sich auf den Fraktionsvorsitz zu freuen? Fürchtete er sich? Wenn ja, vor wem? Vor dem Fraktionsvorsitz? Vor dem Wähler? Oder doch vor Erwin? Wie weit ging seine Loyalität? Martin Wolf nahm sich vor, bei der anstehenden Umstrukturierung seiner Mannschaft äußerste Vorsicht an den Tag zu legen.
Erwin Lohse drückte auf das Gaspedal.
„19 Uhr“, meldete die sonore Stimme des Nachrichtensprechers der Europawelle, „Saarbrücken – Nach dem Rücktritt von Bundesfinanzminister Lafontaine wird dessen Privathaus in Saarbrücken weiterhin von Journalisten belagert …“.
Erwin drückte auf den Ausschaltknopf. Er konnte es nicht mehr hören, außerdem musste er sich auf den Verkehr konzentrieren, bei der Geschwindigkeit. Hoffentlich werde ich nicht noch von der Polizei angehalten, dachte er.
19 Uhr. Das heißt, die Fraktionssitzung hatte schon begonnen. Es war peinlich, wenn ausgerechnet der Fraktionsvorsitzende zu spät kam.
Er war am Nachmittag mit Hedi im Baumarkt einkaufen gewesen, danach hatte er begonnen, die frisch erworbene Stichsäge auszuprobieren, um die Renovierung des Partykellers fortzusetzen. Die Spanplatten, mit denen er die Wand des Kellers auskleiden wollte, lagen funktionsbereit im Keller, und es hatte nahe gelegen, schon mal mit der Montage zu beginnen. Darüber hatte er dann die Zeit vergessen. Ein Spaziergänger überquerte die Straße in Höhe des Rathauses. Beinahe hätte Erwin ihn übersehen, denn es war bereits dunkel, und der Spaziergänger trug keine Leuchtkleidung. Erwin, in dem die Wut wieder aufstieg, hupte. Seit Oskars Demission am Tag zuvor war er schlecht gelaunt.
Er parkte den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Rathaus, der jetzt relativ leer war. Er stürzte die Treppe zum Ratssaal hinauf. Neben dem prächtigen Ratssaal, in dem die Gemeinderatsitzungen stattfanden, befand sich ein kleinerer Konferenzraum, in dem die Fraktionssitzung stattfand.
Um 19.00 Uhr.
Er blickte auf seine Armbanduhr.
19.10 Uhr.
Zu spät.
Mist!
Er trat ein.
Martin Wolf hatte die Sitzung bereits eröffnet, was eigentlich Erwins Part als Fraktionsvorsitzender gewesen wäre. Er blickte in die Runde. Die Gesichter seiner Fraktionskollegen blickten ausdruckslos. Kein Scherz kam über ihre Lippen, es herrschte Totenstille. Hatte sie die politische Situation so mitgenommen?
Er klopfte auf den Tisch, der der Tür am nächsten lag, und an dem sein Kollege Rainer Späth Platz genommen hatte und schmetterte ein kraftvolles „Guten Abend“ in die Runde. Rainer Späth zupfte nervös an seinem Vollbart und blickte ihn grimmig an. Er grüßte nicht zurück.
Erwin nahm am Rande der U-förmigen Tischformation Platz, an der Wölbung des U saß der Bürgermeister wie eine Art Lehrer.
„Schön, dass du es noch geschafft hast, Erwin“, sagte Martin.
Seine Tonart klang einen Schwung kälter als er es von Martin gewohnt war.
„Mit derartiger Undiszipliniertheit ist die Kommunalwahl natürlich nicht zu gewinnen“, warf Erwins Stellvertreter Klein unaufgefordert ein.
Nur mühsam konnte Erwin ein Wort des Unmuts unterschlucken.
Bleib ruhig, dachte er.
Wolf wälzte sich durch weitere Tagesordnungspunkte, die Erwin mit einem flauen Gefühl in der Magengrube verfolgte. Ihm fiel auf, dass seine Genossen, in deren Mitte er saß, nicht über seine Witzchen lachten, ihm nichts zuflüsterten, kurz: ihn beständig ignorierten. Auf seine Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge wurde nicht eingegangen. Was ist los mit ihnen?, fragte er sich.
„Kommen wir zum Tagesordnungspunkt ‚Verschiedenes‘“, eröffnete Martin das letzte zu besprechende Thema. „Hier ist besonders die aktuelle politische Situation zu nennen, und die Auswirkungen, die sich daraus für unseren Wahlkampf ergeben.“
Es herrschte gespanntes Schweigen, was Wolf zu genießen schien.
„Eines ist klar: Solange die politischen Führungskräfte, die uns kurz vor dem Wahltag im Stich lassen, uns nicht helfen, müssen wir es selbst tun. Das bedeutet, dass unser personelles Angebot attraktiver werden muss. Zwar sind die Listen für die Gemeinderatswahl bereits aufgestellt, dennoch sollten wir noch nachsteuern.“
Er legte eine Folie auf den Projektor, der neben seinem Schreibtisch stand und knipste das Gerät an, das zunächst mit einem kräftigen Brummen antwortete, um nach kurzer Bedenkzeit sein Licht in Richtung der Wand auszustrahlen.
Auf der Grafik waren mehrere Balken in verschiedenen Farben abgebildet. Von links nach rechts wurden die Balken höher.
„Diese Grafik zeigt die Entwicklung der Durchschnittsalter unserer Gemeinderäte im Verlauf der letzten sieben Legislaturperioden“, sagte der Bürgermeister.
„Das Durchschnittsalter, das in den wilden Siebziger Jahren noch bei 45 Jahren gelegen hatte, ist nach und nach angestiegen. Die Juso-Vorsitzenden aus dieser Zeit sind in einigen Ortsteilen noch heute die jüngsten Vorstandsmitglieder. In den letzten beiden Legislaturperioden sind nur vier neue Leute für uns in den Gemeinderat hinein gekommen. Und von denen ist keiner unter vierzig. Statt unsere jungen Mitglieder zu fördern und sie frühzeitig in den Gemeinderat zu schicken, wie es die CDU tut, schicken wir sie Plakate kleben, und denken, damit hat es sich. Ein fataler Fehlschluss. Das Ergebnis ist, dass uns die jungen Leute nicht mehr wählen. Von der Kriegsgeneration wählen die meisten schon aus Prinzip die CDU, übrig bleiben die Alt-68er und die Bergleute. Und davon gibt es jeweils immer weniger. Das bedeutet: Wir müssen attraktiver für die Jugend werden“, schloss Wolf.
Dann geschah, was Erwin Lohse nicht für möglich gehalten hatte: Wolf erntete frenetischen Applaus.
Erwin stockte der Atem.
„Wenn ich da mal kurz einhaken darf“, sagte er, „Martin, du hast verhindert, dass Manuel Schneider in Kuhbach auf Platz zwei aufgestellt wird. Jetzt kommst du mir mit Verjüngung der Partei? Das ist doch nicht konsequent!“
„Anstatt dass wir hier über vergossene Milch reden, lass mich dir erläutern, wie ich mir diese Neuorientierung vorstelle“, fuhr der Bürgermeister fort, „wir werden das am besten so machen: Alle Kandidaten, die älter als 65 Jahre sind, treten von ihren Listenplätzen zurück, um Platz für die Jungen zu machen.“
Erwin schluckte. Der einzige in der Fraktion, der älter als 65 war, war er.
Was für eine ausgemachte Sauerei!
Eine solche Hinterlist hätte er Wolf niemals zugetraut.
„Martin, ich glaube nicht, dass solche Schnellschüsse geeignet sind, unsere Chancen bei der Wahl zu steigern. Ein solches Zeichen der Nervosität kommt beim Wahlvolk schlecht an. Außerdem ist Jugendlichkeit nicht alles. Die Leute wollen Männer mit Erfahrung. Mich kennt in Altweiler jeder. Bei den Vereinen habe ich einen guten Ruf. Die Leute wissen, was ich geleistet habe, und sind froh, dass ich nochmal antrete.“
„Aber du musst doch zugeben, dass du langsam zu alt dafür bist“, meinte Herbert Franz.
„Kompetenz ist keine Frage des Alters, Herbert.“
„Ich kann die betroffenen Genossen nur davor warnen, jetzt Unruhe in die Partei zu bringen, indem man aus persönlichen Gründen gegen die Strategie der Partei opponiert“, sagte Günther Schmidt, der Pressereferent des Gemeindeverbandes, der bislang eng und problemlos mit Erwin zusammengearbeitet hatte, „das müsstest du als unser langjähriger Fraktionsvorsitzender doch am besten wissen“.
„Ich denke, dass wir nun genug Aussprache zu diesem Thema hatten und bitte darum, dass diejenigen, die meinen Vorschlag unterstützen, die Hand heben“, sagte Martin.
Erwin hoffte, dass genügend Freunde, die er in der Fraktion hatte, diesen Vorschlag des Bürgermeisters ablehnen würden. Er glaubte aufgrund seiner Erfahrung, dass die meisten auf seiner Seite stünden. Dann wäre die Sache geklärt, und Erwin würde sie auf sich beruhen lassen und nicht nachkarten. Doch die Stimmung war bedrohlich.
Sie hatten ihn heute Abend wie einen Eindringling behandelt, der nicht wirklich willkommen war. Deshalb hätte er das Abstimmungsergebnis kommen sehen müssen. Dennoch traf es ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als alle außer ihm selbst ihre Hand hoben und sich für seine Demission aussprachen.
Vorbei.
Nach fünfunddreißig Jahren Mitgliedschaft im Gemeinderat von Altweiler hatte man ihn abserviert. Einfach so. Erwin fühlte eine große Leere in sich aufsteigen. Neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für die Arbeiterwohlfahrt und seiner Vorstandstätigkeit im örtlichen Kaninchenzuchtverein waren der Gemeinderat und die Arbeit für seine Partei eine Leidenschaft, die einen großen Teil seiner Lebensqualität ausmachte. Er konnte nicht fassen, dass die Leute, die ihm alle etwas zu verdanken hatten, für die er sich jahrelang aufgeopfert hatte, ihn einfach fallen lassen konnten.
Er blickte um sich. Seine Genossen setzten die Sitzung fort, als wäre nichts. Sie widerten ihn an. Erwin erhob sich von seinem Platz und verließ die Sitzung grußlos.
16.45 Uhr.
Michael Lohse hielt das Bier in seiner Linken, die Fernbedienung in seiner Rechten und glotzte auf den Fernseher.
Er war kein Freund des Herumzappens, es machte ihn nervös. Dennoch switchte er heute Nachmittag hin und her. Switchte von Stadion zu Stadion. Er konnte sich nicht richtig auf die Bundesliga konzentrieren, die im Fernsehen lief.
Früher wäre er samstags um diese Zeit nicht vor dem Fernseher anzutreffen gewesen. Früher hätte er mit seinen drei Kindern den Zoo besucht. Vor zwanzig Jahren hatte er sogar selbst samstags gespielt. Das waren noch Zeiten gewesen.
Jetzt glotzte er in diesen Kasten, in der Hoffnung, irgendeine Fußball-Sensation könnte ihn für kurze Zeit davon abhalten, sich selbst zu bemitleiden.
Es ist unglaublich, dachte er, dass man gar nicht merkt, wie man langsam aber sicher vereinsamt. Es ist ein schleichender Prozess. Irgendwo hatte er mal gelesen, dass Frösche, die in kochendes Wasser geworfen werden, sofort wieder herausspringen. Wenn das Wasser aber langsam erhitzt wird, während sie darin sitzen, dann bleiben sie drinnen. Und sterben.
Er nahm einen großzügigen Schluck aus seiner Flasche. Auf dem Wohnzimmertisch standen fünf weitere davon, die waren leer.
Genau wie der Frosch in das kochende Wasser, war er in die Einsamkeit gelangt. Er hatte es nicht bemerkt, als seine Kontakte allmählich weniger wurden. Er fand, dass an seinem Leben die Einsamkeit das mit Abstand schlimmste Übel war. Die Monotonie an sich war nur das zweitschlimmste. Er war nicht für die Einsamkeit gemacht.
Es begann, als er Renate kennen lernte. Er war damals siebzehn gewesen und hatte aktiv Fußball gespielt. Sie hatten ihn dafür bewundert, dass er mit Renate liiert war, einem Mädchen mit sportlichem Körper und glänzendem schwarzen Haar. Wenn man ehrlich war, hatte sie sich seitdem äußerst gut gehalten.
Er nahm einen weiteren Zug aus seiner Flasche.
Er hatte heute Nachmittag keinen Bock auf die Bundesliga. Warum hatte er sich dieses verfluchte Pay-TV gekauft? Würde besser mal wieder auf den Fußballplatz gehen, dachte Michael. Treffe ich den einen oder den anderen? Aber, wenn er es sich ehrlich überlegte, hatte er auf diese „Anderen“ keine Lust. Immer dieselben alten Nasen, die hier hängen geblieben sind, dachte er verbittert, so wie ich. Ich mag sie nicht mehr sehen.
Er nahm einen weiteren Schluck.
Das Bier schmeckte heute mal wieder erstklassig.
Ein Tor ist gefallen.
„Was interessiert es mich?“, sagte er laut. Was sagte es überhaupt über die Qualität einer Spielklasse, wenn ausgerechnet eine Mannschaft aus der Pfalz ihr amtierender Titelträger war? Ein Saarländer verzieh der Bundesliga so etwas nicht.
Er wusste, dass er etwas tun musste, um wieder einen Rhythmus in sein Leben zu bekommen. Doch es war nicht die leichteste Übung. Er war in diesem Trott drin, er konnte den Trott nicht aus seinem Leben herausbekommen, wenn sich sonst in seinem Leben nichts änderte.
Was aber sollte er denn schon ändern? Er lebte in diesem Kaff, er schuftete noch in demselben Betrieb, in dem er damals seine Lehre gemacht hatte, er und seine Frau schwiegen sich täglich von morgens bis abends an. Seine Kinder wurden ihm täglich fremder.
Ich lebe wie Al Bundy, dachte Michael. Nur mit dem Unterschied, dass dessen Frau nicht fremdging. Er nahm noch einen Schluck. Er wusste, dass sie es tat. Es war so offensichtlich.
Je länger diese Fußballspiele dauerten, desto mehr fiel ihm die Sendung auf die Nerven. Wieso habe ich diese Scheiße gekauft?, fragte er sich, früher hätte ich mich dafür geohrfeigt. Fußball war doch der Arbeitersport! Und Michael war ein Sozialist der reinen Schule gewesen. Früher wäre er niemals auf die Idee gekommen, sich an der kapitalistischen Ausplünderung seiner Lieblingssportart zu beteiligen.
Wir werden eben alle älter.
Michael fragte sich, wo diese Schlampe war.
Er verspürte bereits ein leichtes Rauschgefühl vom Alkohol. Dummheit frisst, Intelligenz säuft, das hatte schon sein Großvater Jonathan immer gesagt. Erstaunlich war jedoch, dass er sich trotz des Alkohols in seinem Blut nicht besser fühlte. Je länger er da saß und in die Glotze stierte, desto gereizter wurde er.
Er beschloss, die Glotze auszumachen und sich anzuziehen. Er entschied sich für seinen Sonntagsstaat. Blaues Hemd. Krawatte rot. Die schwarze Jacke. Wenn Renate samstags nachmittags das Haus verlassen konnte, dann konnte er das auch. Von seinen Mädchen ließ sich sowieso keine mehr blicken.
Es war kalt für einen Märztag. Es fiel ihm auf, als er die Straße betrat. Der Kragen der Jacke verursachte einen üblen Juckreiz an seinem roten Bart. Er fühlte sich nicht wohl.
Du blödes Kaff, dachte er. Seit fünfundvierzig Jahren wohne ich in dieser trüben Einsiedelei.
An der Einmündung seiner Tannenstraße in die Neuenwalder Straße musste er sich entscheiden, ob er rechts Richtung Sportplatz „Zu den drei Eichen“ abbiegen wollte, um seinem alten Club, den Sportfreunden Altweiler, beim Landesliga-Match gegen die benachbarte Kleinstadt zuschauen sollte oder ob er nach links Richtung Ortsmitte gehen wollte.
Er überlegte kurz, stellte sich vor, welche Leute in seinem Alter wohl auf dem Fußballplatz herumlungern würden, und entschied sich flugs für den Weg nach links. Das Herz schlägt links, dachte er.
Vielleicht hätten sich die Dinge anders entwickelt, wenn er stattdessen zum Sportplatz gegangen wäre.
Linke Hand vor dem Erreichen der Ortsmitte passierte er die Eulenklause.
Er blieb kurz stehen und dachte nach.
Dann betrat er die Kneipe.
Die holzgetäfelten dunkelbraunen Wände der Gaststätte versprühten ihren altertümlichen, wenig einladenden, etwas spießigen Charme. Die Kneipe war leer.
Er bestellte ein Bier. Die Gesellschaft tat ihm gut. Er verspürte eine heraufziehende Wärme in seinem Körper, nachdem er in dieser gut beheizten Pilsstube am Tresen Platz genommen hatte.
„Was darf ich dir zapfen?“ fragte Jupp.
„Rate mal“, entgegnete Michael. Jupp lachte.
Jupp stellte Michael ein frisch gezapftes Bier hin und befragte ihn dann, wie es seine Art war, zu den Themen, von denen er vermutete, dass sich der jeweilige Gast dafür interessierte. Michael lief aus unerfindlichen Gründen noch immer als SPD-Mann. Hätte Jupp gewusst, dass Michael das Fußballpaket gekauft hatte, hätte er ihn zu seiner Meinung über die Bundesliga befragt.
„Wie ist denn deine Meinung zum Rücktritt von Oskar Lafontaine?“
„Der wird sich noch wundern, wie langweilig es zuhause ist“, sagte Michael.
„Nun, er erhält eine gute Pension. Da kann es ihm doch egal sein.“
„Ich glaube, ohne Arbeit würde ich endgültig kaputt gehen. Ich würde mich zu Tode langweilen.“
„Du hast doch bestimmt genug Arbeit zuhause. Ich zum Beispiel habe einen Stall voller Enten, und demnächst schaffe ich mir noch Hühner an. Ich hätte genug zu tun, ich könnte morgen hier aufhören.“
„Es ist nicht einmal das, was ich auf der Arbeit tue“, entgegnete Michael. „Es ist nur, wenn ich alleine zuhause sitze, und – was weiß ich – den Estrich lege, dann fehlen mir die Arbeitskollegen. Verstehst du? Für mich ist Arbeit nicht nur arbeiten. Es ist in unserer heutigen Zeit die einzige Möglichkeit, unter Leuten zu sein. Du hast hier auch den ganzen Tag Leute um dich herum!“
„Die ganze Nacht, meinst du.“
Michael nahm einen großen Schluck und unterdrückte ein Aufstoßen.
„Ich verstehe was du meinst“, sagte Jupp, „du meinst, das ist wie in der Steinzeit. Wo du mit deinen Leuten gemeinsam auf die Jagd gehst.“
„Wir Jungs sind so programmiert.“
„Glaubst du, dass der Schröder jetzt hinschmeißt?“
„Die haben bisher schlechte Politik gemacht, warum sollen die nicht auch in Zukunft schlechte Politik machen können? Aber - mal was ganz anderes, Jupp. Ist es bei dir in der Kneipe immer so leer wie heute?“
„Normalerweise nicht. Der Bürgermeister feiert doch heute seinen fünfzigsten Geburtstag. Er gibt einen großen Empfang im Dorfgemeinschaftshaus.“
„Ach ja?“
„Er hat eine ganze Menge Leute eingeladen. Man hört, es sei auch viel Politprominenz anwesend. Wieso weißt du davon nichts, ich dachte, du bist in der Partei?“
„Ich bin schon lange nicht mehr politisch aktiv. Andererseits wundert mich, warum mein Vater nichts erwähnt hat. Er nimmt wahrscheinlich daran teil.“
Michael errötete. Es kam nicht gut an, von wichtigen gesellschaftlichen Anlässen ausgeschlossen zu sein.
Er trank noch weitere zwei Bier und zwei Ramazzotti, dann bezahlte er und verließ die Eulenklause.
Richtung Ortsmitte wurde der Verkehr hektischer. Untypisch für einen Samstagabend in einem solchen Kaff, dachte Michael, große Ereignisse werfen eben ihre Schatten voraus.
Auf dem großen Parkplatz vor dem Dorfgemeinschaftshaus, das umrahmt von Geschäften, unweit neben dem Rathaus auf der gleichen Straßenseite der Neuenwalder Straße gelegen war, war es voll geworden. Hier standen einige schwarze Mercedes und BMWs neben unscheinbareren Autos.
Aha, dachte Michael, die Politprominenz erweist dem Bürgermeister die Ehre. Die ganze Landes-Parteispitze ist angetreten.
Rein zufällig hatte sein Spaziergang Michael an die Eingangstür des Dorfgemeinschaftshauses geführt, wo gerade Winfried Bauer, der Kreisvorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, und seine Frau den Raum betraten. Bauer hielt seiner Gattin die Tür auf. Als Michael ihn grüßte, rümpfte er die Nase, um ihm zu verstehen zu geben, dass man seinen Zustand riechen konnte.
Verstohlen blickte Michael Lohse durch das Fenster des Festsaales. Der riesige Saal war voll mit Gästen. In einem improvisierten Halbrund hatten sie sich um das Geburtstagskind, das gerade eine Rede zu halten schien, versammelt. Viele hatten ein Sektglas in der Hand, einige applaudierten. Offenbar war der Jubilar also gerade mit seiner Lobhudelei fertig geworden.
Idioten, dachte Michael Lohse. Schleimen diesen aufgeblasenen Schnösel an. Haben alle doch keine Würde und keine Selbstachtung mehr, diese Narren.
Kalter Wind umwehte ihn, doch stieg ihm aufgrund seiner Erregung das Blut zu Kopf und erhitzte sein Gemüt. Michael blickte um sich. Stille. Niemand betrat mehr das Dorfgemeinschaftshaus. Offenbar waren alle wichtigen Leute aus dem weiten Umkreis jetzt in diesem Raum. Er schaute sich die Versammlung an.
Die sehen mich nicht, dachte er, hier draußen ist es dunkel und innen Kronleuchter.
Er erkannte den Landesparteivorsitzenden und Ministerpräsidenten Reinhard Klimmt, er erkannte Winfried Bauer, er erblickte den Vorsitzenden seines Fußballvereins und noch ein paar weitere Vereinsvorsitzende aus dem Dorf, er erkannte Leute aus der Partei.
Seltsam, dachte Michael, mein Vater ist gar nicht da. Seit Urzeiten hatte er in der Partei mitgemischt. Früher wäre er an herausgehobener Stelle präsent gewesen. Doch die Zeiten ändern sich.
Plötzlich stockte ihm der Atem. Was er da sah, konnte er kaum glauben. War das da vorne tatsächlich seine Frau? Renate war eingeladen?! Michael war perplex. Unglaublich. Biedert sich diese Schlampe bei diesem Wichtigtuer an. Wie erstarrt, beobachtete Michael Lohse, wie seine Frau, ein Glas Sekt in der Hand, sich mit diesem eingebildeten Wichtigtuer unterhielt. Flüsterte sie ihm was ins Ohr?
Plötzlich hörte Michael den Groschen fallen.
Martin. Es ist Martin Wolf. Sie tut es mit ihm.
Seine Selbstbeherrschung wurde einer harten Prüfung unterzogen. Einer Prüfung, die sie nicht bestehen konnte. Ohne weiter nachzudenken betrat er das Dorfgemeinschaftshaus.
Anzugträger sahen ihm gleichgültig zu, wie er sich zielstrebig dem Festsaal näherte. Heiner Plattling, der Vorsitzende des Angelsportvereins, begrüßte ihn freundlich. Ohne eine Miene zu verziehen oder ihn gar zu grüßen, ging Michael an ihm vorbei.
Der Festsaal war mit Girlanden geschmückt. An der linken Seite des Saals entlang erstreckte sich ein riesiges Buffet, auf dem sich kalte und warme Speisen in reichlicher Fülle sowie viele frisch gefüllte Gläser mit Sekt und Sekt-Orange dem Publikum präsentierten.
Martin Wolf stand am Mikrofon, etwa an der Stelle, wo er wenige Minuten zuvor seine Rede gehalten hatte.
„Das Buffet ist …“, begann er, dann wurde er von dem Eindringling überrascht. Rüde drückte Michael Martin vom Mikrofon weg und versuchte, ihn mit einem ungeschickten Schlag auf die Schulter, zu Boden zu stoßen.
„Du Schwein“, schrie Michael, und an das Publikum gerichtet, plärrte er ins Mikrofon: „Dieser Mann hier ist ein primitiver Lustmolch.“
In diesem Moment versuchten zwei Leute aus Martin Wolfs Gästeriege Michael von hinten vom Mikrofon weg zu zerren. Michael gelang es mit der Kraft eines angegriffenen Tieres, sich loszureißen.
„Michael, lass gut sein, du hast doch getrunken. Du riechst nach Alkohol! So beruhige dich doch“, sagte Martin.
Doch Michael dachte nicht daran, sich einwickeln zu lassen.
„Du fieses Arschloch“, schrie er, „du hast meine Frau gefickt!“
Ein Raunen ging durch das Publikum. In diesem Moment erblickte Michael Lohse seine Gattin, die sich aus Scham im hintersten Winkel des Saales, zwischen Buffet und Fenster zusammengekauert hatte.
„Ach – da ist unser kleines Luder!“ schrie er, sich gegen erneute Versuche der Gäste wehrend, ihn zu ergreifen, „na, wie ist denn unser Bürgermeister im Bett?“
Michaels Wut wurde in dem Maße stärker, in dem er sich in die Sache hinein steigerte.
„Kann unser kleiner Freund mittlerweile gut bumsen, wo er früher gestottert hat, wenn ein Mädchen in der Nähe war?“, brüllte er.
Mit irrem Blick näherte er sich seiner Frau, wobei er die Hand hob, andeutend, dass er sie schlagen wolle.
„Du widerliches Flittchen!“ brüllte er noch einmal, und anstatt sie zu schlagen, zog er mit der Wucht, die nach acht Bier und zwei Ramazzotti übrig geblieben war, an der Tischdecke, auf der das kostbare Buffet stand. Da die Tischdecke sich über den gesamten Tisch, auf dem das Büffet aufgebaut war, erstreckte, war der Schaden immens.
Zunächst kippten die Warmhaltegefäße, in denen das Fleisch, der Fisch und die Soßen aufbewahrt wurden, nach vorne über, dann fielen die Porzellanschüsseln mit den Salaten von den Tischen und zerbrachen. Die Sektgläser fielen bald danach von den Tischen, zersplitterten und verletzten Renate an ihrem Unterarm, während sich Sekt und Orangensaft auf den Parkettboden ergossen und sich mit den Antipasti vermischten, woraus sich ein widerlicher Brei ergab.
Michael war gerade im Begriff, seiner Frau mit dem Handrücken ins Gesicht zu schlagen, als ihn der Vorsitzende des Judoclubs, Manfred Schäfer mit einem geschickten Handgriff aufs Kreuz legte.
Dann wurde Michael schwarz vor Augen.
Der Wintergarten war der schönste Platz im Haus ihrer Großeltern in der Augustinusstraße, fand Nina. Besonders natürlich, wenn es regnete oder schneite. Mit altmodischen Teppichen ausgelegt, fühlte sie sich durch das hölzerne Dach geschützt und sicher, und ein wohliges Frösteln lief über ihren Rücken, wenn die dicken Regentropfen gegen das Glas der Wintergartenwand prasselten.
Hinzu kam, dass in diesem mit Möbeln aus den fünfziger Jahren und dem muffigen Geruch des Gestern ausgestatteten Raum die Erinnerung an ihre Kindheit stets lebendig geblieben war, denn es war der Ort, an dem ihre Großeltern stundenlang Mau-Mau oder „Mensch ärgere dich nicht“ mit ihr gespielt hatten. Nun saßen sie hier im Wintergarten bei Kaffee und Kuchen.
„Dein Vater ist ein kranker Mann, Nina“, versuchte Oma noch einmal auf das Thema zurück zu kommen. Nina hatte wenig Interesse, sich mit dieser peinlichen Geschichte zu beschäftigen, doch letztlich blieb ihr nichts anderes übrig, denn er war schließlich ihr Vater.
Ohrenbetäubender Lärm erschütterte den idyllischen Anbau.
„Was ist das für ein Krach?“, fragte Nina.
„Das war bloß Großvater mit der Bohrmaschine.“
„Was hantiert er mit der Bohrmaschine herum?“
„Du weißt doch, dass er den Partykeller renoviert. Es ist mir lieber so.“
„Warum?“
„Er hat schlechte Laune.“
„Wegen der Sache letzte Woche?“
„Ja, auch deswegen.“
Nina schwieg, das Wort „auch“ überhörte sie.
Ich will es so genau nicht wissen, ich muss mich nicht noch mehr belasten.
„Wer außer dir soll denn die Ordnung bei euch zuhause noch aufrechterhalten? Deine Mutter? Ist verschwunden und hat die Scheidung eingereicht. Deine große Schwester wohnt nicht mehr bei euch.“
Sie schaute Nina mit ernster Miene an.
„Also wird es wohl an dir hängen bleiben.“
Verlegen bohrte das Mädchen mit ihrer Kuchengabel im Käsekuchen.
Nina war ein sozial engagierter Mensch, aber dennoch glaubte sie, ein Anrecht auf ein eigenes Leben, eine eigene Entwicklung hin zu einer eigenständigen erwachsenen Persönlichkeit zu haben, und mit sechzehn hatte sie andere Sorgen, als sich um ihren alkoholisierten Vater und ihre kleine Schwester zu kümmern. Doch was blieb ihr übrig?
Nina war es nicht gewohnt, dass ihre Oma so mit ihr redete. Es war nicht die Art, erwachsen zu werden, die sie sich gewünscht hatte.
Erwin brachte sich mit einem durchdringenden Bohrgeräusch in Erinnerung.
Ein Albtraum.
Nina sah auf die Uhr.
Sie beruhigte sich damit, dass sie mit Christina den heutigen Abend im Pub am Markt ausklingen lassen würde. Sie konnte es kaum erwarten, das Haus ihrer Großeltern zu verlassen. Der einzige Trost, schien es ihr, war der, dass ihr Großvater sie nicht auch noch seine miese Laune spüren ließ. Doch jetzt musste sie da erst mal durch.
Ihre Großmutter hatte ihnen beiden noch Kaffee geholt. Sie setzte sich auf das Chaiselongue des Wintergartens und lehnte sich zurück.
„Was hast du denn heute Abend noch vor?“
Der spontane Themenwechsel zauberte Nina ein Lächeln ins Gesicht.
„Christy und ich gehen ins Pub am Markt Billard spielen.“
„Oh, Billard“, erregte sich ihre Oma, „wird das denn heute noch gespielt.“
„Nicht mehr so oft, aber im Pub haben sie noch eins.“
„Sind denn auch junge Männer da?“, fragte die Großmutter mit einem Unterton, der Nina wütend machte.
Die unvermittelte Röte ihrer zarten Gesichtshaut überspielend, meinte sie cool, dass natürlich Jungs da wären, denn denen könne man schließlich kein Hausverbot geben. Doch ihre Großmutter gab noch nicht auf.
„Hast du denn noch keinen Freund?“, fragte sie, wobei sie letzteres Wort in die Länge zog, als sei es ein unanständiges.
„Nein, Oma.“
„Das ist aber nicht normal! In deinem Alter hat man als junges Mädchen heutzutage doch einen Freund!“
Merkt man, dass man erwachsen wird, daran, dass man die Besuche bei seinen Großeltern nicht mehr erträgt?
„Früher war das alles ganz anders. Als dein Großvater mir damals, nach der Tanzstunde, einen Blumenstrauß überreicht hat… Aber das war kurz nach dem Krieg.“
„Ich habe aber keinen Freund“, sagte Nina und entschuldigte sich dafür, dass sie denn nun gehen müsse. Die Großmutter zeigte sich verständig, unter der Bedingung, dass sie dann heute Abend aber bestimmt nach einem Freund Ausschau halten müsse.
Als sie bereits auf der Türschwelle stand, hatte die Neugier Ninas Bedürfnis nach seelischem Frieden besiegt. Sie konnte nicht anders, als ihrer Großmutter die Frage zu stellen, die ihr die ganze Zeit im Hinterkopf herumkasperte:
„Was ist denn mit Großvater eigentlich wirklich los?“
„Wieso?“ fragte Hedi.
„Du hast doch eben gesagt, Großvater sei ‚auch‘ wegen der Sache mit Vater schlecht gelaunt. Das heißt doch nichts anderes, als dass er noch wegen etwas Anderem schlecht gelaunt sein muss.“
„Ach mein Mädchen“, sagte Hedi und streichelte Nina zärtlich mit ihrer rechten Hand über das schwarze glänzende Haar ihrer Enkelin, „du willst es immer ganz genau wissen. Es ist nichts Schlimmes, er hat bloß Ärger mit der Partei und mit dem Bürgermeister. Du weißt ja, wie das ist in der Politik.“
„Ach so“, sagte Nina und verabschiedete sich.
Hedi küsste sie zum Abschied zärtlich auf die Stirn.
Drei Stunden später stand ihre beste Freundin Christina in der Tür, um sie abzuholen. Wie üblich hatte sich Christina schick gekleidet, sodass Nina sich trotz ihrer langen Vorarbeit an diesem Nachmittag in Blue Jeans und rotem Top mal wieder allzu gewöhnlich vorkam.
„Wohin gehen wir denn?“ fragte Nina Christina.
„Dumme Frage. Gibt ja nicht viel Auswahl hier.“
„Schätze, wir fangen mal im Pub am Markt an, oder?“
„Wir können später noch woanders hin. Vielleicht nimmt uns noch einer mit ins Eclair. Ein bisschen Tanzen muss schon sein“, schlug Christina vor.
„Was macht denn Tim heut’ Abend?“ fragte Nina.
„Der ist auf der Geburtstagsfeier von Kai, im Tennisheim.“
„Ah.“
Nina atmete auf.
„Wie gefällt dir mein neuer Lippenstift?“ fragte Christina, und deutete auf ihre dunkelrot geschminkten, allzu vollen Lippen.
„Willst du damit heute noch einen aufreißen?“
„Du spinnst wohl, Nina.“
„Schade.“
„Sei bloß still. Ich sollte dir erst mal einen Kerl besorgen.“
Nina knuffte sie von der Seite an.
„Einen, der es dir besorgt“, stichelte Christina weiter und kicherte.
Nina knuffte sie ein weiteres Mal, diesmal benutzte sie beide Fäuste. Dann machten sie sich auf den Weg.
Im Pub am Markt war um diese Zeit wenig los. An der Theke stand der einzige Gast außer ihnen beiden: Ein großer, wuchtiger Typ mit schulterlangen dunkelblonden Haaren und Vollbart, den Nina schon häufiger hier gesehen hatte. Er rauchte und musterte die beiden Mädchen, die das Lokal betraten.
Das Pub am Markt war nicht im rustikal-irischen Stil eingerichtet, wie andere Lokale, die sich mit dem englischen Wort für Gasthaus schmückten. Viel mehr ähnelte es einem Bistro für eine studentische Klientel, wie es in Großstädten üblich war: Der Boden des gesamten Gastraumes war mit dunklem Parkettboden ausgekleidet, Tische und Stühle schwarz, glatt und ohne Schnörkel. Keine Tischdecken, bloß eine Kerze in der Mitte des Tischs. Keine Gardinen, bloß große Fenster, die so viel Licht wie möglich in den Gastraum ließen. Vor dem Tresen waren Barhocker aus Stahl mit einer Sitzfläche aus schwarzem Leder festgeschraubt.
„Billard?“ fragte Christina.
„Gute Idee“, erwiderte Nina. Sie strebten nach dem Poolbillardtisch, der – etwas abseits – weit links in der Spielecke stand.
Christina war gut in Form. Sie konnte kurz nach dem Anstoß schon bald vier Kugeln einlochen, während Nina sogar mehrmals die Kugel verfehlte und den Queue in das grüne Filz rammte.
„Du wirkst unkonzentriert. Was ist los mit dir?“, fragte Christina.
Nina drehte den Kopf in Richtung des blonden Mannes am Tresen.
„Ich glaube, dieser Typ beobachtet uns“, flüsterte sie.
„Das ist voll der Psycho“, entgegnete Christina in normaler Lautstärke.
„Nicht so laut“, flüsterte Nina und lief rot an. Die Musik war noch nicht an, deshalb wunderte sich Nina darüber, dass ihre Freundin so laut redete, dass der Typ es mitbekommen könnte.
„Was denn?“ blaffte Christina zurück, „der hat mich an der Bushaltestelle letztens abends saudumm angelabert, als es geregnet hat, weißt du? Da hab ich auf der Bank gesessen und mit meinem Handy gespielt. Dann kommt der und grinst mich an. Und ich grins natürlich zurück. Dachte nicht, dass der mir dumm kommt. Dann fängt der an zu labern. Hat mir irgendwas erzählt von … Schmetterling und Orkan und so. Voll penetrant, der Typ. Dabei war ich doch grad dabei, voll den neuen Rekord aufzustellen bei Snake …“
„Du und dein Handyspiel. Wozu brauchst du überhaupt ein Handy?“
Nina schien die Anekdote als Beweislage nicht ausreichend, um den Typen offiziell als Psycho einzustufen. Sie beschloss, nicht mehr darüber nachzudenken und weiterzuspielen. Doch der große Wurf wollte ihr heute nicht gelingen. Christina gewann das Spiel nach dreißig Minuten. Als die beiden an ihren Stammplatz am Fenster auf die gegenüberliegende Seite des Pubs am Markt strebten, saß der Typ noch da. Er hatte einen Bierkrug vor sich und den Kopf zwischen den Armen eingeklemmt. Entweder schlief er oder er meditierte.
Die beiden unterhielten sich kurz über die Ereignisse der vergangenen Woche, da setzte Christina plötzlich ein hämisches Grinsen auf.
„Was ist los? Was glotzt du mich an?“, fragte Nina.
„Nichts“, erwiderte Christina.
„Dann ist gut.“
Doch Christina behielt ihren leicht herablassenden Gesichtsausdruck bei.
„Ich kann dir einen besorgen“, sagte Christina.
„Was?“ fragte Nina.
„Ich kann dir einen Typen besorgen.“
„Ich will keinen Typen von dir, Christina. Wir haben lang und breit drüber gesprochen.“
„Ehrlich. Er ist süß. Passt zu dir. Ich hab mit Miriam drüber gesprochen.“
„Du hast … was?“ fragte Nina, „du hast mit Miriam drüber geredet?“
„Ja, hihi.“
„Na toll, dann weiß es bald jeder in meiner Schule. Hast du echt gut hingekriegt!“
Christina kramte ein Passfoto aus ihrer Handtasche und hielt es Nina hin.
Auf dem Foto war ein blässlicher Junge mit kurzgeschorenen dunkelbraunen Haaren, hohen Wangenknochen und Pickeln abgebildet.
„Na?“ fragte Christina.
Nina hielt das Foto in einer Armlänge Abstand von sich weg und betrachtete dann das Bild des Jünglings.
„Er ist schon ganz niedlich“, sagte sie, „ein Automatenfoto. Nun ja, jeder hat mal einen schlechten Tag.“
„Das ist Basti. Der gehört zu der Clique, die Nadine und Michelle letzte Woche im Eclair kennen gelernt haben. Er hat noch keine Freundin. Aber er sucht eine, die aussieht wie du“, erläuterte Christina.
„Hat er das gesagt?“
„Er hat gesagt, er sucht eine mit langen roten Haaren, großen Titten und einsachtzig groß.“
„Was will er dann von mir?“
„Ich glaube, er hat sich nicht so genau festgelegt.“
„Und jetzt?“
„Jetzt würde ich sagen, treffen wir uns doch einfach mal mit Basti. Tim und ich kommen mit. Wir können ihn unter irgendeinem Vorwand mitnehmen. Und dann ergibt sich das wie zufällig.“
Nina schüttelte den Kopf. Christina hatte schon viel dummes Zeug erzählt, aber das hier war die Krönung.
„Das ist so abgeschmackt. Da merkt doch jeder gleich, was los ist. Was glaubst du, wie verkrampft die Stimmung bei dem Treffen sein wird?“
„Na und? Dann weiß er es eben. Hauptsache, ihr lernt euch endlich einmal kennen.“
„Na gut, ich mache den Quatsch mit. Aber nur einmal. Damit du Ruhe gibst.“
„Klar“, antwortete Christina und küsste ihre Freundin auf die Wange.
„Du, ich muss mal zur Toilette. Kommst du mit oder passt du auf die Getränke auf?“ Ninas Caipirinha war noch voll.
„Ich bleib hier, schaffst du das auch alleine?“, antwortete Christina und holte ihr Handy aus der Handtasche.
Sie hat zu tun, dachte Nina, na denn.
Mittlerweile dröhnte laute Musik aus den Boxen, gerade lief ihr aktuelles Lieblingslied „Narcotic“ von Liquido. Doch die Musik konnte nicht den gellenden Schrei übertönen, der plötzlich den Raum erfüllte und der von der Toilette zu kommen schien.
„Du Scheiß-Ding!!!“ schrie die Person wie am Spieß.
Nina, die gerade auf dem Weg dahin war, konnte sehen, dass der Schrei von dem Typen mit der langen Mähne kam, der in der Mitte des Raumes gesessen hatte, als Christina und sie den Pub betreten hatten. Dem Typen, den Christina einen Psycho genannt hatte.
Jetzt, da sie der Toilette näher kam, konnte sie sehen, wie der Blonde seinen Fuß mit Schwung gegen den Zigarettenautomaten donnerte, der ein altmodisches, klobiges Teil war.
„Was soll denn das?“, blaffte ihn André, der Kellner, an, der herbeigeeilt war.
„Der Automat da ist kaputt. Ich habe fünf Mark hineingeworfen, und der Schacht klemmt. Und zurück gibt er mir das Geld nicht“, sagte der Typ.
„Ich will nicht, dass du mir hier die Bude zerlegst“, sagte André.
„Ist schon gut“, sagte der Typ und drückte wie bekloppt auf den Knopf, der die Münzenrückgabe aktivieren sollte.
Nina, die darauf wartete, dass André den engen Weg zur Toilette räumte, damit sie an dem rebellierenden Gast vorbei zum Klo gehen konnte, fand die Szenerie peinlich.
„Dieses Scheißding“, wiederholte der Langhaarige.
Als Nina von der Toilette zurückkam, stand er noch da. Diesmal hämmerte er mit der Handfläche gegen den Ausgabeschacht des altmodischen Gerätes.
„Wenn du mich fragst, hat das alles Methode“, nuschelte er.
„Sprichst du mit mir?“, fragte Nina. Ihr wurde mit einem Male mulmig.
„Mafia-Methoden sind das, jawohl“, ereiferte sich der Dunkelblonde und schaute Nina dabei an.
Nina ging wortlos an dem Mann vorbei und zu ihrem Tisch zurück.
„Der Typ da spinnt voll“, sagte sie.
„Sag ich doch“, meinte Christina, „ich habe den Krach gehört. Es war ja auch nicht zu überhören.“
Der blonde Typ trottete jetzt an ihnen beiden vorbei.
„Psycho! Psycho!“ raunzte Christina ihn an.
Verständnislos glotzte der Typ Christina an und ging dann kommentarlos an ihr vorbei.
„Sag mal, spinnst du?“ warf Nina ein.
„Ich? Wieso ich jetzt auf einmal?“
„Na, du kannst ihn doch nicht einfach so mit Schimpfwörtern überhäufen. Was würdest du denn sagen, wenn dir jemand auf der Straße die Worte ‚Schlampe! Schlampeʽ entgegenschleudern würde?“
„Das kann man doch überhaupt nicht vergleichen.“
Als sie sich wieder gesetzt hatten, hakte Christina nochmal nach.
„Oder findest du gut, wie er sich benimmt?“
„Vielleicht hat er gar nicht so Unrecht. Weißt du? Er möchte etwas haben. Er möchte rauchen. Und das ist ihm so wichtig, dass er dafür auf die Barrikaden geht. Vielleicht sollte ich das auch einmal tun.“
„Was? Einen Zigarettenautomaten zerstören?“
„Auf die Barrikaden gehen. Ich könnte auch mal zu Oma gehen und ihr ins Gesicht schleudern, dass ich mit sechzehn Jahren nicht mein kaputtes Elternhaus kitten, meine Schwester erziehen und meinen Vater in die Entzugsklinik bringen kann und dass ich das alles auch nicht will. Oder, was sagst du dazu?“
Schweigen.
„Was hast du gesagt? Ich habe gerade nicht zugehört.“
„Schon okay.“
„Ich habe übrigens eben, als du zur Toilette warst, Marc und Jonas angerufen. Die nehmen uns mit ins Eclair.“
Marc und Jonas waren Jungs, die die beiden aus dem Jugendclub kannten.
„Oh, cool“, erwiderte Nina.
Kurze Zeit darauf kamen die Jungs vorbei und nahmen die Mädchen mit zur Disko.
Als sie die Kneipe verließen, warf der verrückte Typ Nina noch einen verschwörerischen Blick zu. Sie bekam kurz Gänsehaut, dann vergaß sie die Geschichte bald.
Im Keller des Hauses in der Augustinusstraße hatte Erwin, während er mit den Renovierungsarbeiten beschäftigt war, eine einsame, aber – wie er glaubte – mutige und verantwortungsvolle Entscheidung getroffen.
Er würde nicht zurücktreten.
Aus Respekt vor den Mechanismen einer repräsentativen Demokratie – immerhin war er von den Parteigremien ordnungsgemäß gewählt worden. Und weil er es ihnen zeigen wollte.
Erwin hatte, nachdem sie ihn abserviert hatten, kurze Zeit darüber nachgedacht, ob das Häuschen unten am Sportplatz, das er besaß, der heimliche Grund gewesen sein könnte, dass sie ihn absägen wollten. Hatte nicht damals die Naturverbundene Ökologische Partei das Gelände als Naturschutzgebiet ausweisen wollen? Er meinte sogar, in seiner Fraktion Unterstützer für dieses Projekt ausgemacht zu haben, aber aus Rücksicht zu ihm hatte sich offenbar keiner aus der Deckung gewagt.
Das war schade, denn dann hätte er ihnen die beruhigende Antwort geben können, dass er das Häuschen, das er seit Jahren nicht mehr gepflegt hatte, sowieso abreißen wollte. Jeder, der sein Freund war, wusste es im Prinzip. Jeder, der nicht sein Freund war, hätte jederzeit erfahren können, dass ihm an diesem Wochenendhäuschen nichts mehr lag, sondern dass er für die nächsten paar Jahre die Renovierung seines Wohnhauses in der Augustinusstraße als Daueraufgabe anvisiert hatte: Zunächst den Partykeller, dann den Wintergarten, schließlich die Küche, das Wohnzimmer, den Dachboden … Er hatte für die nächsten paar Jahre mehr als genug zu tun damit.
