Der Mann von nebenan - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Der englische Originaltitel dieses Krimis von Mignon G. Eberhart lautet ›The Man Next Door‹. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:336


Mignon G. Eberhart

Der Mann von nebenan

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen

FISCHER Digital

Inhalt

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel

1. Kapitel

Sie läutete und wartete. In der Dämmerung des Frühlingsabends wirkte das Haus sehr still und auch irgendwie leer. Steve hatte gesagt, daß die Dienstboten vielleicht nicht da sein würden.

Während Maida an der Türe zwischen den weißen Säulen stand, erinnerte sie sich daran; plötzlich fiel es ihr auf. Christine Blake – Steve Blakes reizende, verwitwete Schwägerin, in deren Haus er wohnte – war eine Hausfrau, die jede Kleinigkeit wichtig genug fand, um Vorsorge zu treffen. Wie konnte es dann möglich sein, daß man vergeblich an ihrer Haustüre läuten mußte?

Washington hatte sich durch den Krieg verändert. In vielen Dingen war es nötig, sich dem Druck der Verhältnisse anzupassen; vielleicht hatte der Dienstbotenmangel Christine zu einem Kompromiß gezwungen. Maida schob den Gedanken beiseite, drückte ihren kleinen behandschuhten Daumen abermals auf die Glocke und wartete weiter.

Durch die weiche Dämmerung drang von der Stadt her gedämpfter Verkehrslärm in den Park, und der warme Frühlingsabend strömte feuchte, zarte Düfte aus. Es war noch nicht ganz dunkel, aber ein leichter Dunst schien über die kahlen braunen Büsche schon einen Schleier aus weichem Blau zu legen. Einige Tulpen hatten zu treiben begonnen und durchstießen am Eisenzaun und am Hauseingang die winterliche Blätterdecke mit schlanken grünen Stielen. Der Hauseingang wirkte recht imposant. Christine war in diesem Haus auf die Welt gekommen und als Christine Favor darin aufgewachsen; nach ihrer Heirat mit Harcourt Blake, Steve Blakes älterem Bruder, hatte sie als Christine Blake weiter darin gelebt. Harcourt hatte in der Marine gedient; wann immer sie konnte, war sie auf eine Woche oder einen Monat zu ihm gereist und dazwischen in ihr Haus in Washington zurückgekehrt, während Harcourt auf See war.

In diesem Haus erfuhr sie seinen Tod – er fiel im Kampf, wenige Tage nach Pearl Harbour.

Aus diesem Grund fühlte sich Steve Blake veranlaßt, die schwierige und bedeutende Stellung anzunehmen, die ihm die Regierung anbot. Harcourts Tod und Steves Patriotismus waren der Grund. Denn auch Steve hatte in die Marine eintreten wollen; er hatte sich aktiven Dienst gewünscht, hatte alles vorher genau geplant, die körperliche Tauglichkeitsprüfung bestanden und sich um irgendein Kommando beworben, das ihn am Kampf teilnehmen ließe.

Dann hatte man einen neuen Regierungsposten geschaffen, aus der praktischen Notwendigkeit heraus, und Steve Blake war der passende Mann dafür, so daß die erste Wahl auf ihn fiel. Er war ein erfolgreicher Rechtsanwalt gewesen, bevor er sich für das Flugwesen interessierte und seine politische und berufliche Tätigkeit zuerst gegen einen Verwaltungsratsposten in einer Fluggesellschaft eintauschte, dann in einer Flugzeugfabrik Direktor und schließlich Präsident dieser Gesellschaft wurde. Er war noch jung, wenig über dreißig, aber seine hervorragende Intelligenz und sein unbeirrbarer Charakter standen außer Zweifel.

Schließlich wurde er endgültig gewählt. Der Telephonanruf aus Washington folgte unmittelbar auf die Nachricht von Harcourts Tod im Pazifik. Eine der stärksten Leidenschaften in Steves Leben war sein Patriotismus: er war mit der anfeuernden Rhetorik der großen amerikanischen Staatsmänner und Gesetzgeber aufgewachsen. Der Tod Harcourts, seines einzigen nahen Verwandten, ging ihm sehr nahe. Er diktierte Maida unzählige Schreiben, um seinem Nachfolger eingehende Informationen zu hinterlassen, sorgte persönlich für die Wahl dieses Nachfolgers, ließ seine Absichten auf aktiven Dienst fallen und fuhr nach Washington.

Das alles ging in großer Eile vor sich. Er hatte ein ganzes Departement zu organisieren, dessen Arbeit zwar fest umrissen war, für dessen Einteilung jedoch auf keine bestehenden Richtlinien zurückgegriffen werden konnte. Von einem Tag auf den andern stürzte er sich in die gewaltige Aufgabe.

Durch den Krieg hatte sich Washington aus einer schönen, ruhigen, würdevollen und wunderbar zeremoniellen Stadt in ein überfülltes, wild vibrierendes Zentrum verwandelt, in die wichtigste Stadt der Welt, wo Entscheidungen getroffen wurden, die das Leben von Generationen bestimmen sollten. «Zieh doch in mein Haus», hatte Christine zu ihrem Schwager gesagt. «Ich bin so einsam.»

Maida hörte es, denn Steve hatte sie nach Washington mitgenommen. Sie war seit drei Jahren seine Sekretärin; er kannte sie und ihre Familie seit sie ein zehnjähriges Schulmädchen war und er ein ungefähr zwanzigjähriger Rechtsstudent. Bei dem ersten Ball, den ihre reiche Tante Jason für sie gab, war er dabei gewesen, und als sie dann einen Sekretärinnenkurs absolvierte, weil sie Geld verdienen mußte, hatte er sie angestellt. Tante Jason spornte sie an, wenn auch unter Klagen. («Ein Mädchen mit einem so hübschen Gesicht sollte sich darauf konzentrieren, einen reichen Mann zu heiraten», hatte Tante Jason offen und mißbilligend gesagt, indem sie mit ihrem Stock auf die Armlehne ihres Stuhles klopfte. «Aber wenn du unabhängig sein mußt, bezahleich dir die Ausbildung – mehr allerdings nicht, daß du es nur weißt.»)

Maida arbeitete gern für Steve Blake. Auf seine Aufforderung hin war sie sofort nach Washington gefahren, um dort seine Privatsekretärin zu sein. Sie fand eine kleine Wohnung in der Connecticut Avenue, nicht weit von der Taft Bridge. Steve aber wohnte bei Christine, weil sich in der Eile keine Wohnung für ihn finden ließ, oder vielleicht vor allem deshalb, weil Christine auf ihrem Vorschlag beharrte und sie ihm leid tat. Dort wohnte er also – falls er nicht im Chichester war, dachte Maida plötzlich, wo Christines schöne jüngere Schwester, Angela Favor, in einem kleinen, luxuriösen Appartement lebte und sich fast ausschließlich damit beschäftigte, ein Zierstück der Gesellschaft darzustellen. Maida hatte Angela heute morgen Orchideen geschickt und den Blumenhändler gebeten, Steves Visitenkarte daranzuheften. Sie mußte dabei gegen die Versuchung kämpfen, ihn zu beauftragen, auch einen kräftigen Zweig giftigen Efeu beizufügen.

Orchideen für Angela! Sie dachte in einem Anflug melancholischer Belustigung, daß sie selbst es sein würde, Maida Lovell, Steve Blakes Sekretärin, die den giftigen Efeu bekäme, falls irgend jemand damit bedacht würde.

Sie zuckte in ihrem gutgeschnittenen grauen Tweedkostüm ungeduldig die Achseln; sie hatte keine Berechtigung, sich selbst zu bemitleiden, und sie tat es auch nicht. Abermals läutete sie und suchte in ihrer großen Handtasche aus Krokodilleder (einem Geschenk von Tante Jason) nach dem Hausschlüssel. Sie hatte ihn mitgenommen, und auch einen kleinen Schlüssel, der den Schreibtisch in Steves geräumigem, freundlichem Bureau öffnete.

Dabei blickte sie zu den Fenstern hinauf und sah, wie sich hinter einem Vorhang etwas bewegte.

Sie hielt inne. Es war eine kaum wahrnehmbare Bewegung gewesen. Im schwindenden Licht schien ihr nun, daß der Vorhang ganz gerade und unbewegt hing. Zweifellos stand niemand mehr am Fenster. Und doch hielt der erste und ziemlich unangenehme Eindruck in ihr an, daß jemand sie von oben beobachtet hatte. Jemand, der sie vergeblich läuten ließ und sich verstohlen zurückzog, als sie – vielleicht durch einen heimlichen Blick beeinflußt – gerade rechtzeitig hinaufgeschaut hatte, um den Hauch einer Bewegung zu bemerken.

Erstaunt und verwirrt wartete sie einen Augenblick. Sicherlich hatte sie sich doch getäuscht. Wenn irgend jemand im Haus wäre, hätte er die Türe geöffnet.

Nein, es war nur ein Lichtreflex gewesen, die Widerspiegelung eines Lichtes von – sie blickte umher und sah nirgends ein Licht, außer in den Fenstern des Nachbarhauses – nun, eines Lichtes von irgendwoher, entschied sie, steckte den Schlüssel ins Schloß und öffnete rasch die Türe.

Die Halle war dunkel; der angenehme Geruch eines gepflegten Hauses empfing sie, der gemischte saubere Geruch von Wachs und Blumenduft und frischer Luft. Sie tastete nach Licht, fand auf einem Tisch neben der Türe einige elektrische Kandelaber und zündete sie an. Sofort war die lange große Halle in sanftes Licht getaucht, die graziös geschwungene, weiß-braune Treppe wurde sichtbar und die Strahlen der Kandelaber ließen in den hohen, goldgerahmten Spiegeln kleine Lichter aufleuchten. Auch ihr eigenes Spiegelbild bewegte sich darin: eine schlanke, gepflegte Erscheinung in grauem Tailleur und blauem Hütchen. Der Pelz über ihrem Arm schwang hin und her; ihr helles, hochfrisiertes Haar schimmerte im Licht.

Sie schloß die Türe, deren Knarren die Leere des Hauses hervorzuheben schien. Nein, sie hatte sich getäuscht, als sie hinter einem Fenster im ersten Stock eine Bewegung wahrzunehmen glaubte; es war nur eine Einbildung gewesen, oder ein Reflex von irgendwoher, wiederholte sie sich.

Aber als sie sich umwandte und an der Treppe vorbei in die Halle schaute, sah sie, daß ein Zimmer am Ende der Halle erleuchtet war.

Sie hatte sich also doch nicht getäuscht. Aber der Mensch, der sich dort befand, war zweifellos stocktaub. Jedenfalls war es wohl angebracht, daß sie ihre Anwesenheit mitteilte.

Sie durchschritt die Halle und gelangte zu der Türe einer kleinen Bibliothek. Es war ein gemütliches kleines Zimmer, das man auch vom Garten her betreten konnte. Durch eine der offenstehenden Terrassentüren strömte die feuchtwarme Frühlingsluft herein. Ein Mann stand an einem Tisch, auf dem sich ein Tablett mit Gläsern und einer Siphonflasche befand. Maida erkannte den Mann sofort: ein junger, zierlicher, kleingewachsener Mann mit blonden Haaren und tadellos geschnittenem Anzug. Es war Walsh Rantoul. Der Mann von nebenan.

Sie erstarrte vor Abneigung und fühlte den Wunsch, nicht gekommen zu sein. Wenigstens hätte sie vorgezogen, daß sie sofort hinaufgegangen wäre und damit die Begegnung vermieden hätte.

Er wohnte in dem Landhaus neben Christine; die Gärten grenzten aneinander, früher hatte das Landhaus sogar zu Christines Besitz gehört. Erst vor kurzem, in Anbetracht des Wohnungsmangels, der in Washington durch den Krieg entstanden war, hatte Christine das kleine Haus renovieren und einrichten lassen und es dem Mann vermietet, der da am Tisch stand. Maida fühlte eine heftige Antipathie; er war nicht nur Steves Rivale bei Angela, sondern seine Rivalität war auf geschmacklose Weise weithin bekanntgeworden.

Offensichtlich wartete er auf jemand. Ehe sie die Flucht ergreifen konnte, drehte er sich um, sah sie an und lächelte.

Er hatte kleine, fast puppenhafte Züge – ein auffallend regelmäßiges Gesicht mit runden, nichtssagenden Augen und einem zarten, effeminierten Ausdruck um den kleinen Mund. Er kam ihr sofort entgegen.

«Ach, Miß Lovell, ich dachte, es wäre Angela. Ich warte nämlich hier auf sie.» Er lächelte und deutete auf das Tablett. «Ich habe mir gerade ein Glas eingeschenkt; möchten Sie es haben?»

«Nein, danke. Ich bin nur in Steves Auftrag gekommen.»

«Tatsächlich. Eine vollkommene Sekretärin. Die Arbeitszeit ist doch schon vorbei? Ich glaube, Steve beansprucht Sie zu sehr.» Er trat näher zu ihr – so nah, daß sie seine rosigen Lippen und die winzigen, überraschend zahlreichen Fältchen um seine Augen deutlich sehen konnte. «Ach Miß Lovell, haben Sie Mitleid mit mir, während ich auf – auf Angela warte. Sie ist immer unpünktlich. Sie hatte um Viertel vor sechs hier sein wollen. Sprechen Sie mit mir, bis sie kommt. Steve wird so lange warten können …»

«Nein, er hat es eilig.» Das stimmte eigentlich nicht; er hatte sie nur gebeten, die Notizen für eine Radioansprache zu holen und sie ihm ins Chichester zu bringen, wo er mit Angela essen wollte. («Bringen Sie sie wenn möglich vor neun Uhr», hatte er gesagt. «Um Viertel nach neun bin ich im Radio.»)

Während Maida sprach, wandte sie sich wieder zur Türe. Plötzlich sagte Walsh Rantoul mit dünner, weicher und wieder weiblich anmutender Stimme: «Sie mögen mich nicht, Miß Lovell, nicht wahr?»

«Ich …» Sie drehte sich überrascht zu ihm. «Was für eine seltsame Frage!» Sie versuchte zu lachen und nahm sich dabei vor, sich in keine Unterhaltung mit diesem kleinen, blonden Mann verstricken zu lassen, der ein so hübsches Puppengesicht und nichtssagende, auf einmal berechnende Augen hatte. Berechnend? Das war ein sonderbares Wort für Walsh Rantoul, der allgemein als durchaus nicht berechnend galt. Er nahm an vielen Gesellschaften teil, war überall zu sehen und bei den Damen beliebt; er gab kleine, zwanglose Abendeinladungen – sonst wußte sie nichts über ihn, dachte Maida plötzlich. Nur das eine natürlich, daß er Angela verehrte und dadurch Steves Rivale war. Einige Male war es ihm gelungen, in dieser Eigenschaft in den Gesellschaftsnachrichten der Zeitungen erwähnt zu werden, kürzlich (in der vergangenen Woche) sogar ausführlich. Im Gedanken daran biß sie sich auf die Lippe. Steve und sein Amt waren zu bedeutend, um in solcher Weise mit einem Mann wie Walsh Rantoul verknüpft zu werden.

Er beobachtete sie mit scharfblickenden, kühlen Augen. Dann meinte er lächelnd, aber immer noch beobachtend: «Sie wollen mir ausweichen. Sie wissen selbst ganz genau, daß Sie mich nicht mögen. Ich habe es von Anfang an gewußt. Tatsächlich schon vom ersten Augenblick an. Das war an einer Cocktailparty, die Christine gab. Erinnern Sie sich? In diesem Zimmer hier. Sie kamen mit Steve, und ich weiß noch, wie einige Leute Steve Komplimente über seine hübsche Sekretärin machten.» Er lächelte unentwegt, und seine Stimme klang sanft und dünn. «Eine hübsche Sekretärin ist ein großer Vorteil, Miß Lovell. Oder darf ich Maida sagen? Alle andern nennen Sie Maida – Christine und Steve und …» Er schaute auf seine Uhr. «Meine Güte. Angela kommt aber wirklich spät. Sie ist immer unpünktlich. Vermutlich hat Steve das auch schon bemerkt.»

Maida fühlte den Ärger in sich aufsteigen. Aber eigentlich war er keinen Ärger wert. Sie antwortete absichtlich kühl, absichtlich unpersönlich, indem sie über seine herausfordernden Worte hinwegging: «Ich will hinaufgehen und die Notizen holen, um die Steve mich bat. Die Dienstboten sind offenbar ausgegangen.»

«Was …» Er blinzelte, drehte dann das Glas in den Fingern und betrachtete die bernsteinfarbene Flüssigkeit. «Ja, ich glaube, sie sind ausgegangen. Es ist Montag. Und die Angestellten sind eben jetzt unabhängig. Es ist niemand im Haus. Ich bin auf dem Gartenweg von meinem Haus her gekommen. Einmal müssen Sie zum Essen kommen, Maida.» Plötzlich stellte er das Glas hin und trat dicht zu ihr: «Wollen Sie einmal zum Essen kommen? Nur wir beide. Ganz allein.» Er griff nach ihrer Hand und beugte sich lächelnd vor.

Er war kaum so groß wie sie, aber sehr selbstsicher, seines Charmes gewiß und der Sekretärin gegenüber etwas herablassend. Es zuckte ihr in der Hand, mit der fast mädchenhaften Wange, die nun so nahe an ihrer eigenen war, in scharfe Berührung zu kommen, als er seinen Arm fest um sie legte. Wahrscheinlich hatte Steve letzte Woche dasselbe gefühlt – nur hatte Steve ihn dann tatsächlich im Entrée eines der besten Hotels von Washington zu Boden geschlagen.

Sie wich so rasch und schroff zurück, daß er den Arm sofort sinken ließ. Aber immerhin war es nicht ihre Sache, mit einem Freund Christines und Angelas Streit zu beginnen. Sie sagte: «Danke, ich esse nie auswärts», und wollte fortgehen, aber er folgte ihr. Sein Gesicht war gerötet, und doch schien er über die Zurückweisung nicht verstimmt zu sein; sein Blick blieb nur berechnend – der Ausdruck seiner Augen verwunderte sie, trotz ihres Unwillens über die kleine Szene und die Lage, in die sie dadurch gebracht wurde. Weshalb wohl sah Walsh Rantoul so seltsam aus?

«Ah», sagte er sanft und immer noch lächelnd, indem er sich mit seiner beringten, manikürten Hand über die blonden Haare strich. «Sie gehen also nie zum Essen aus? Nur mit Steve, vermute ich. Mögen Sie mich deshalb nicht? Wegen Steve?»

«Das alles hat wirklich keinen Sinn …»

«Sie hassen mich, nicht wahr? Die meisten Frauen haben mich gern. Warum nicht auch Sie? Ist es wegen dieses Zusammenstoßes mit Steve, letzte Woche?»

«Sie meinen diesen äußerst geschickt veröffentlichten Zusammenstoß?» fragte sie scharf.

«Ich habe ihn nicht veröffentlicht, falls Sie das andeuten wollen.»

«Es stand alles in der Zeitung. Steve hätte das sicher zu vermeiden gesucht.»

«Mein liebes Kind, wenn ein Mann absichtlich einen andern angreift und ihn an einem so öffentlichen Ort niederschlägt, läßt sich das nicht geheimhalten. Erst recht nicht, wenn das Streitobjekt so hübsch und bekannt ist wie Angela.» Er lächelte abermals. «Angela hat sich nichts daraus gemacht.»

«Und Sie ja auch nicht», erwiderte Maida. «Diese Art Aufsehen berührt nur Steve.»

«Was für ein reizendes Gesichtchen Sie haben, Kind», sagte er langsam. «Jedenfalls wenn Sie wütend sind. Ihre Augen sind wirklich wie Sterne. Ich hatte immer gemeint, Sie seien ein komisches, kaltes kleines Ding. Jetzt sehe ich meinen Irrtum ein. Allerdings hätte Ihr Mund Sie längst verraten müssen.» Von neuem streckte er seinen Arm nach ihr aus. «Ein so schöner Mund», sagte er. «Warm und …»

Sie hätte ihn tatsächlich am liebsten geohrfeigt. Das war eine plötzliche, lächerliche und völlig nutzlose Regung, die ihr aber große Befriedigung verschafft hätte. Sie antwortete rasch: «Mein Mund ist meine eigene Angelegenheit, danke», und kam sich dabei ebenso kindisch vor, wie wenn sie der andern sinnlosen Regung nachgegeben hätte. Das einzig Richtige war fortzugehen, nicht mehr mit ihm zu sprechen, dieses alberne Gespräch abzubrechen. Sie entfernte sich eilig von ihm.

Er folgte ihr nicht mehr. Aber im Augenblick, als sie die Türe erreichte, sagte er mit so sanfter Stimme, daß es in dem dunklen, leeren Haus seltsam eindringlich klang: «Sie selbst sind in Steve verliebt.»

2. Kapitel

In der Halle schlug eine Uhr. Die langsamen, tiefen Schläge folgten sich in abgemessenen, würdevollen Abständen. In diesen langsamen Tönen lag eine Feierlichkeit, die fast wie ein Hinweis auf das rasche, unerbittliche Fliehen der Zeit, auf die unglaubliche Kürze des menschlichen Lebens wirkte.

Die offenstehende Türe zur Terrasse bewegte sich leise, und das dunkle Glas blitzte und fing hinter Walsh Rantouls zierlicher, eleganter Gestalt einen Lichtreflex auf. Die Luft schien plötzlich weniger warm und balsamisch – sie barg etwas Kühles und Unheilvolles, während die Uhr diese unwiederbringliche Stunde schlug.

Niemand war in der Nähe. Außer ihr und diesem Mann war niemand im Haus.

Die Uhr schwieg. Der letzte Schlag verhallte zögernd und langsam. Es war sechs Uhr; diese Stunde würde nie mehr wiederkehren.

Maida sagte langsam: «Ich gehe jetzt hinauf. Steve wartet auf mich.»

Walsh Rantoul antwortete: «Wissen Sie, Steve ist nicht der einzige Mann auf der Welt. Schon beim ersten Mal, als ich Sie zusammen sah, vermutete ich, daß Sie ihn lieben. Es liegt so in der Luft – in der Art, wie Sie ihn ansehen. Ich fühle das immer sofort.» Er lächelte dazu, aber diesmal gezwungen. Maida hatte den Eindruck, daß er auf etwas horchte; nicht auf die Uhr, denn sie schlug nicht mehr, sondern auf etwas anderes, vielleicht auf etwas so Ungreifbares wie die eilende Zeit. Er fuhr geistesabwesend fort: «Es muß für Sie recht unerfreulich sein zuzusehen, wie Steve sich so für Angela interessiert. Aber wie gesagt, meine Liebe, er ist ja nicht der einzige Mann auf dieser Welt.»

Sie trat in die Halle hinaus. Er ging ihr nach und sagte: «Bleiben Sie bei mir. Ich bin einsam. Trinken Sie ein Glas mit mir – bis Angela kommt.» Aber er dachte dabei an etwas anderes, etwas Dringendes – an etwas, schien ihr, woran ihn das Schlagen der Uhr erinnert hatte.

Er blieb an den Türrahmen gelehnt stehen, hielt das Glas in seiner kleinen Hand und lächelte sie an, immer nach etwas lauschend. Sie ging die Treppe hinauf. Oben war es dunkel, und sie sah am unteren Teil der Treppe keine Lichtschalter. Während sie die Stufen hinaufstieg und ihre behandschuhte Hand auf dem polierten Geländer entlanggleiten ließ, war sie sich ständig der schlanken Gestalt im Türrahmen bewußt, auf deren blondes Haar das Licht fiel und die ihr nachblickte, bis sie das Ende der Treppe erreichte.

Oben war es still und völlig dunkel. Die Fenster schimmerten nur als blasse Rechtecke im Zwielicht – das Fenster, dachte sie auf einmal, wo sie gesehen zu haben glaubte, wie sich jemand rasch ihrem Blick entzog, als sie an der Türe geläutet hatte.

Sie war schon oft in Christines Haus gewesen und kannte den Grundriß. Die kleine Zimmerflucht – ein Schlafzimmer, Badezimmer und ein winziges Arbeitszimmer – die Christine für Steve eingeräumt hatte, befand sich zu ihrer Linken. Sie tastete sich durch die offenstehende Tür, fand einen Schalter und sah nun im Licht einen großen Raum mit altmodischem Kamin und hübschen Mahagonimöbeln. Dieses Zimmer durchquerte sie und trat in Steves Arbeitszimmer.

Als erstes jedoch schloß sie die Türe zum Schlafzimmer hinter sich. Sie wußte nicht, weshalb sie das tat, aber sie vergewisserte sich sorgfältig, daß die Türe wirklich geschlossen war. Dann machte sie auch die Türe des Arbeitszimmers zu. Als sie die Leselampe anzündete, tauchte der Raum mit seinen Bücherregalen und Steves großem Schreibtisch aus tiefer Dunkelheit ins Licht. Sie ging zum bequemen rotledernen Schreibtischsessel und setzte sich.

Nachdem sie einen Augenblick auf den Briefbeschwerer aus buntem italienischen Glas gestarrt hatte, stützte sie die Arme auf und legte ihr Gesicht in die Hände.

So sichtbar war es also. So sichtbar, daß sogar Walsh Rantoul es erfaßte, obwohl er nicht besonders intelligent und sicherlich nicht sehr feinfühlig war.

Wußte es wohl auch Steve selbst? Und Christine?

Wußte es Angela?

Steve konnte nicht ahnen, daß etwas anderes als die offenste freundlichste Sympathie sie erfüllte. Im Rückblick schien es ihr auch gewiß, daß Christine zu sehr mit sich selbst und ihrem eigenen Schmerz beschäftigt war – und außerdem mit ihrer zwar gemäßigten, aber immer noch recht lebhaften Geselligkeit – um den Gefühlen irgendeines Menschen große Bedeutung zu schenken. «Ich darf mich nicht überwältigen lassen», hatte sie Christine sagen gehört, während sie ein Taschentuch an die Augen drückte. «Ich muß mich zwingen weiterzuleben. Übrigens», pflegte sie hinzuzufügen, «kann ich den Smiths nicht absagen ..» oder den Charmlays oder den Harrisens. «Und ihre Einladungen sind wirklich immer ganz nett.» Daraufhin steckte sie das Taschentuch weg, ließ sich ihr herrliches goldenes Haar frisieren und zog ein Abendkleid an; ein schwarzes natürlich, da sie in Trauer war, und Schwarz hob ihre blonde Schönheit besonders wirkungsvoll hervor.

Christine war von Grund auf vernünftig und gutherzig. Sie hatte sich viel Mühe gemacht, um für Maida eine Wohnung zu finden, ihr das Gefühl zu geben, daß sie bei Christine jederzeit willkommen war, und sie hatte jede Art von großzügiger Liebenswürdigkeit gegenüber einem jungen Mädchen bewiesen, das keinerlei Anspruch darauf hatte. Vielleicht hatte Steve sie darum gebeten – aber Maida vermutete eher, daß er es nicht getan hatte. Trotz ihres oberflächlichen Wesens war Christine Maida sympathisch; die warmherzige Güte, die sich darunter verbarg, zog sie an.

Nein, Christines konnte sie sicher sein.

Angela glich Christine in manchen Zügen, außer daß sie einen stärkeren Charakter und größeren Charme besaß. Sie hatte auch eine Art Egozentrik und Selbstsicherheit mit ihr gemeinsam, die, wenn auch in schwächerem Maß, eine der charakteristischsten Eigenschaften Christines war. Allerdings hatte Angela mehr Grund dazu. Sie war zehn Jahre jünger als Christine und viel unabhängiger veranlagt – was auch aus der Tatsache hervorging, daß sie es ablehnte, bei ihrer Schwester zu wohnen. Sie wollte ihr eigenes Leben führen. Von ihrem Vater hatte sie ebenso wie Christine ein beträchtliches Vermögen geerbt, womit sie sich luxuriöse Pelze und Kleider und Juwelen leisten konnte, zum Beispiel ihre berühmten Sternsaphire. Jedermann pflegte sofort zu sagen, daß diese Saphire mit ihren Augen übereinstimmten. In Wahrheit, dachte Maida mit einem Anflug von Befriedigung, waren Angelas Augen das am wenigsten Gewinnende an ihr; sie glichen durchaus nicht Saphiren. Sie waren hell türkisblau, etwas hart und klein, so sorgfältig sie sich auch schminkte. Aber sie war groß und schlank, hatte ein fehlerloses Gesicht und goldblonde Haare; ihr Lächeln und ihr Ausdruck waren warm und von offenem, sehr anziehendem Charme. Maida war zu ehrlich um sich einzureden, daß sie für Angela Sympathie fühlte, aber ihrer Schönheit, ihres Charmes und ihrer Großzügigkeit war sie sich voll bewußt.

Angela besaß einen großen Bekanntenkreis, und wenn sie nur wenige nahe Freundinnen hatte, so war dies vielleicht wegen ihrer allgemeinen Beliebtheit oder auch wegen ihrer Eitelkeit, die nicht nach naher, treuer Freundschaft suchte. Sie konnte auf überzeugendste Art das Loblied einer Freundin singen, und doch bestand die Wirkung darin, daß die Freundin daraufhin farbloser und weniger anziehend zu sein schien. Als einmal ein junger Marineoffizier sich bei einer Cocktailparty für Maida interessierte und sie nach Hause begleiten wollte, hatte Maida Angelas Methode erlebt. «Maida ist ein so liebes kleines Ding», hatte sie voller Wärme zu dem jungen Offizier gesagt. «Sie ist Steves Sekretärin. Wirklich ein liebes Mädchen, sehr gewissenhaft. Ich fürchte, es ist in Washington ziemlich langweilig für das arme Kind. Seien Sie doch recht nett mit ihr.»

Es ist leicht verständlich, daß die erste spontane Begeisterung des jungen Offiziers abflaute, nachdem Maida auf diese Weise von einer anziehenden, begehrenswerten jungen Frau in ein almosenbedürftiges Wesen verwandelt wurde. Dabei lag Angela durchaus nichts an dem jungen Offizier.

Aber auch Maida machte sich nichts aus ihm, denn neben Steve waren ihr von jeher alle Männer wie unbedeutende Zwerge erschienen. Und Angela zog auch Steve zu sich – oder doch beinahe.

Maida war nicht ganz davon überzeugt, daß Steve sich wirklich so stark für Angela interessierte, wie der kleine Mann im Parterre das behauptet hatte. Steve besaß eine außergewöhnliche Intelligenz und so wenig Eitelkeit, daß Schmeichelei ihn eher mißtrauisch machte als irreführte. Man konnte bei Steve nie sicher sein, was er dachte und wieviel er bemerkte und verstand. Zweifellos zeigte er sich Angela gegenüber sehr aufmerksam; er aß mit ihr, schickte ihr Blumen, begleitete sie zu Cocktailparties oder besuchte sie in ihrer Wohnung, um dort auszuruhen und zu rauchen, während Angela plauderte. Und Angela war ihm nützlich, das stand außer Frage. Sie war ihm in einer Weise nützlich, wie Maida es nicht sein konnte, denn Angela verkehrte mit Washington, kannte alle Fäden und wußte, welche Leute wichtig waren. Steve hatte keinen persönlichen Ehrgeiz, aber es lag ihm daran, die Aufgabe zu erfüllen, für die er nach Washington berufen worden war, und fast jedes öffentliche Amt hat einen politischen Hintergrund, dessen genaue Kenntnis vorteilhaft ist.

Angela kannte sich in diesem ständig wechselnden Hintergrund aus. Sie besaß auch einen gewissen Einfluß; vielleicht keinen so großen, wie sie vorgab, aber jedenfalls keinen unbedeutenden. Und sie verstand ihre Kenntnisse voll auszuwerten, die ihr das Leben in dieser glänzenden, oft grausamen, aber immer faszinierenden Stadt vermittelt hatte.

Maida vermochte nicht zu beurteilen, wie ernst es Steve tatsächlich mit Angela war, und wieweit sie ihn anzog. Der Streit (dieser sonderbar öffentliche Streit, der Steve so gar nicht entsprach) hatte sich angeblich um Angela gedreht. Natürlich hatte Steve selbst ihn überhaupt nicht erwähnt, das war nicht seine Art.

Nun, sie war nicht die erste Sekretärin, die sich in ihren Chef verliebte; sie konnte nichts anderes tun als ihre Arbeit so gut wie möglich fortsetzen – nicht nur für Steve, sondern auch deshalb, weil sie nur auf diese Weise ihrem Land dienen konnte. Eines Tages würde sie darüber hinwegkommen, oder auch nicht. Die Zeiten waren längst vorbei, in denen junge Mädchen wegen unglücklicher Liebe schmachteten und an gebrochenem Herzen starben. «Unsinn», murmelte Maida unwillig. «Genug davon.» Sie richtete sich auf, zog den Spiegel aus der Handtasche, puderte sich die Nase und betrachtete sich eine Weile. Eigentlich war sie nicht häßlich. Sogar hübscher als Angela, stellte sie fest; aber leider war das eben Geschmacksache. Sie schminkte sich die Lippen, schaute ihr Bild kritisch an und entfernte die Farbe wieder. Dann zündete sie sich eine Zigarette an und rauchte drei oder vier beruhigende Züge, bevor sie sie wieder ausdrückte und sich energisch mit ihrem Auftrag befaßte. Was hatte doch Steve gesagt, wo die Notizen für die Radioansprache zu finden wären? Ach ja, in der oberen rechten Schublade. Sie nahm den kleineren der beiden Schlüssel, die sie auf Steves telephonische Anweisung mitgebracht hatte, und wollte den Schreibtisch aufschließen, aber zu ihrer Überraschung war er schon offen.

Sie runzelte die Stirn. Er hatte ausdrücklich gesagt, daß der Schreibtisch verschlossen sei. Er schloß seine Sachen immer ab, denn es gingen viele wichtige Geheimdokumente durch seine Hände. Das war auch einer der Gründe, weshalb er Maida nach Washington mitgenommen hatte; er kannte sie und wußte, daß er sich auf sie verlassen konnte. Diesmal mußte er sich doch geirrt haben, überlegte sie.

Die Notizen waren nicht da. Sie selbst hatte sie zusammengeheftet und korrigiert. Während sie die Papierstöße abermals durchsuchte, wurde unten die Haustüre laut geöffnet und geschlossen. Sie hielt inne und horchte. Offenbar war jemand ins Haus gekommen; vielleicht Christine oder Angela, die mit Walsh Rantoul verabredet war. Es fiel Maida plötzlich auf, daß Angela ihre Verabredungen so dicht aufeinander folgen ließ: um sechs Uhr mit Walsh Rantoul in Christines Haus, und um acht Uhr sollte sie mit Steve essen.

Aber es war nicht Angela. Sie hörte rasche Schritte auf der Treppe, Männerschritte. Jemand kam den Gang entlang und trat in Steves Schlafzimmer, und als Maida aufstehen wollte, öffnete Steve selbst die Tür zum Arbeitszimmer, sah sie an und blieb stehn.

Er schien in Eile zu sein und atmete heftig. Seine Haare waren in Unordnung; offenbar hatte er an einem offiziellen Empfang teilgenommen, denn er trug gestreifte Hosen und Cutaway. Seinen Mantel hatte er um die Schultern gehängt. In seinem Knopfloch steckte eine dunkelrote Nelke; Maida hatte sie am Morgen zugleich mit den Orchideen für Angela bestellt.

Steve blieb stehen, groß, mager und gebräunt, hielt den Atem an und sagte rasch: «Ach, Maida! Wo ist Christine? Was ist los?»

«Nichts. Christine ist nicht da. Ich – verstehe nicht …»

«Nicht da?» rief er. «Sie hat doch telephoniert. Sie sagte, ich solle kommen. Es schien mir dringend zu sein.»

«Aber sie – nein, Steve, sie ist sicher nicht hier. Ich habe geläutet und geläutet und niemand hat aufgemacht. Sie ist ganz sicher nicht hier.»

«So?» Er runzelte die Stirn, dachte einen Augenblick nach und setzte sich dann ihr gegenüber. «Sonderbar», meinte er, während er seine langen Beine ausstreckte. Wieder dachte er nach, dann sagte er lächelnd: «Ach, jetzt fällt es mir ein. Sie wollte zu irgendeiner Cocktailparty, und die Dienstboten haben doch alle Ausgang. Sie wollte vermutlich, daß ich sie mit dem Wagen abhole. Ja, so ist es. Sie hat keinen Chauffeur. Man hat es mir falsch ausgerichtet. Ach …» Er gähnte heftig und schüttelte sich ein wenig. «Dann fahre ich eben hin und hole sie.»

«Es gibt doch auch Taxis», wandte Maida ein, die darüber nachdachte, wie müde er war und wie das jugendliche Aussehen jetzt oft in Augenblicken der Entspannung von seinem Gesicht verschwand, so daß er grau und sorgenvoll wirkte.

«Ach, Sie wissen ja, wie Christine ist.»

«Steve – es geht mich nichts an, aber Sie muten sich zuviel zu.»

Er warf einen scharfen Blick auf sie und gähnte dann plötzlich wieder. «Mir geht es ausgezeichnet. Es ist alles ganz in Ordnung. Ich bin nicht der einzige.»

«Das weiß ich. Aber – es sind eben solche Sachen, die Sie erschöpfen. Christine und …» Fast hätte sie gesagt: Angela.

Er lachte kurz auf. «Sie sind rührend, Maida. Aber Christine – ach, es ist noch so frisch. Er fehlt ihr so. Was ich tun kann, ist ohnedies nur wenig.» Sie wußte, daß er an Harcourt dachte. Sie schwiegen beide eine Weile. Dann richtete er sich plötzlich auf. «Ich gehe jetzt. Ich glaube, sie ist zu Slaters gegangen. Die Notizen kann ich gleich mitnehmen.»

«Hatten Sie nicht gesagt, sie müßten in der oberen Schublade sein?» «Ja. Warum? Haben Sie sie nicht gefunden?»

«Nein.» Sie durchblätterte noch einmal die Papiere.

«Sonderbar», sagte Steve. Er sah sie wieder mit gerunzelter Stirn an, mit dem Ausdruck von Konzentration in seinem gebräunten Gesicht, den sie so gut kannte. «Ich war ganz sicher, daß ich sie dorthin gelegt hatte», sagte er, stand auf und trat neben sie. Seine Hände waren lang, braun und kräftig. Maida hatte seine Hände besonders gern; sie fühlte den Wunsch sie zu berühren, als sie so nah neben ihren eigenen waren. Das Licht schien auf seine schwarzen, wirren Haare; mit einer Art Entsetzen über diese Regung fühlte Maida, daß sie auch seine Haare gern berührt hätte.

Sie antwortete ziemlich steif: «Ich habe alles durchsucht, Steve. Sie sind nicht da.»

«So. Nun …» Er zögerte und schaute auf die Uhr.

«Zum Kuckuck, wenn ich Christine abhole und von dort aus weiterfahre, zu … Aber die Notizen müssen irgendwo im Schreibtisch sein, Maida. Suchen Sie noch einmal nach, ja? Und bringen Sie sie mir dann, wie wir es abgemacht hatten – vor neun Uhr zu Angela. Ich muß mich beeilen.»

«Schön, Steve. Wenn ich sie nicht finden kann, hole ich die Durchschläge im Bureau.»

«Danke.» Er schaute wieder auf die Uhr und sah ihr dann in die Augen. Eine oder zwei Sekunden lang schwieg er.

Es war sehr still im Haus; Washington und das ganze unruhige Stadtleben schien in weite Ferne gerückt. Steves Augen blickten auf einmal dunkel und prüfend. Dann beugte er sich vor und legte seinen Handrücken an ihre Wange.

Es war nur eine kurze Berührung, leicht, warm und sanft. Während er noch immer in ihre Augen schaute, sagte er: «Ich bin Ihnen sehr dankbar, Maida. Für Vieles …»

Es war seltsam, wie schüchtern sie Steve gegenüber sein konnte. Sie antwortete beinahe kühl, aus Furcht, daß ihre Stimme zittern könnte, daß sie seine Hand an sich drücken oder ihren Kopf an seinen Arm schmiegen könnte: «Es ist nicht der Rede wert, Steve. Gute Nacht. Ich werde die Notizen abgeben, dann schickt man sie Ihnen gleich hinauf.» – Für den Bruchteil einer Sekunde noch zögerte seine Hand. Dann sagte er: «Dann wäre das in Ordnung. Also gute Nacht.» Und plötzlich war er fort.

Das kleine Zimmer war nur noch ein Zimmer, keine kleine verzauberte Insel mehr. Sie hörte, wie er durch sein Schlafzimmer ging und die Türe hinter sich schloß.

Gleich darauf erinnerte sie sich daran, daß Walsh Rantoul unten auf Angela wartete; sie hatte vergessen, es Steve zu sagen. Tatsächlich hatte sie an überhaupt nichts mehr gedacht, als seine Hand ihre Wange berührte.

Das war eine schöne Bescherung. Daß man sich von der kleinsten, oberflächlichsten Berührung einer Hand so erschüttern ließ. Und wo waren denn nun diese Notizen?

Vielleicht weil sie solchen Gedanken nachhing, konnte sie sich später nie genau erinnern, ob sie Steve eigentlich fortgehen hörte oder nicht. Sie hörte nicht mit Bewußtsein, daß die Haustür ins Schloß fiel, daß sein Wagen, der auf der Straße stehen mußte, wegfuhr. Aber nach einer Weile, während sie den Schreibtisch durchsuchte, hörte sie den Auspuff eines Autos knallen, laut und scharf, ganz in der Nähe.

Schließlich fand sie die Notizen unter der Schreibunterlage, nachdem sie lange in allen Schubladen gesucht hatte.

Sie erkannte sofort die Schrift ihrer Maschine und Steves handschriftliche Ergänzungen am Rand. Sie steckte sie in ihre Handtasche, stand auf, verschloß den Schreibtisch und löschte das Licht.

Erst als sie die obersten Stufen der Treppe erreichte, wurde sie sich zweier Tatsachen bewußt. Erstens war jetzt überhaupt kein Licht mehr im Parterre. Zweitens fühlte sie ein Widerstreben, in diese Dunkelheit hinabzusteigen. Es war, als wären keine Stufen mehr vorhanden; statt dessen gähnte ein bodenloser, furchtbarer, schwarzer Abgrund, vor dem ein tiefer, atavistischer Instinkt sie warnte. Sie empfand diese Warnung so deutlich und dringend, daß sie angsterfüllt oben an der Treppe stehenblieb.

In der Stille hörte sie etwas wimmern, als habe ein Hund Schmerzen. Der Laut drang von unten herauf.

3. Kapitel

Christine hatte einen Cockerspaniel namens Rosy. Maida dachte sofort an ihn. Dann erst wurde sie sich bewußt, daß sie die Wand nach einem Lichtschalter abtastete, während sie immer noch oben an der Treppe über dem furchterregenden schwarzen Abgrund stand. Licht – Licht – irgendwo mußte der Schalter sein. Endlich stießen ihre Finger daran.

Augenblicklich verschwand das entsetzliche schwarze Loch; sie sah die Halle unter sich, die genau so aussah wie bei ihrer Ankunft, und die Treppe war eine ganz alltägliche Treppe.

Abermals gab ein Lebewesen unten einen seltsamen halberstickten Laut von sich, der ihr Herz in der Kehle schlagen ließ und den Wunsch in ihr weckte, aus diesem Haus zu fliehen.

Aber das war unsinnig. Sie mußte sich beherrschen. Sie mußte hinuntergehen und feststellen, was dort so wimmerte – und weshalb.

Selbstverständlich war es der Hund. Er war wohl auf der Straße gewesen (denn er hatte nicht gebellt, als sie ins Haus kam), war vielleicht angefahren worden und durch den Garten in die Bibliothek gekrochen, wo ja die Terrassentüre offenstand. Ja, so mußte es sein. Offenbar war außer ihr niemand mehr im Haus. Falls Angela gekommen war, war sie mit Walsh Rantoul wieder fortgegangen, und auch Steve war fortgegangen; Maida hatte die Geräusche nur nicht beachtet.

In Gedanken ging sie die Treppe hinunter, indem sie sich zwang, einen Fuß vor den andern zu setzen. Ihre Hand klammerte sich am Geländer fest. Der Laut wiederholte sich nicht.

Ohne innezuhalten ging sie auf die Bibliothek zu. Es mußte sofort etwas für den Hund getan werden; sie überlegte, ob ein Tierarzt rasch zu erreichen sei. Sobald sie den Hund gesehen hatte, wollte sie in der Bibliothek telephonieren.

Vielleicht war es schon zu spät … Die Bibliothek war dunkel. Walsh Rantoul und Angela hatten also das Haus verlassen. Der Hund gab keinen Laut mehr von sich – vielleicht war es schon zu spät. Es konnten nur furchtbare Schmerzen, eine tödliche Wunde sein, was einer Kehle ein solches Wimmern entlockt hatte.

Sie fand den Lichtschalter an der Türe. Die Tischlampe strahlte auf. Die bunten Kissen, die Bücher, die Blumen, das glitzernde Kristall auf dem Tisch, alles war genau wie vorher.

Walsh Rantoul lag auf dem Boden wie ein Sack, seine Krawatte hatte sonderbare Flecken, sein Kopf war in unnatürlicher Haltung abgewandt. Er lag hinter einem geblümten Sofa, das rechtwinklig zur Türe stand.

Niemand im ganzen Haus regte sich. Nichts geschah. Die Uhr in der Halle tickte heiser – noch immer die Zeit messend. Die Uhr, die Walsh Rantouls letzte Stunde angezeigt hatte. Denn Maida wußte, daß er tot war. Kein lebender Mensch konnte so daliegen – so gestreckt, so zerbrochen, so tot. Jedes Leben war entflohen, es war kein Funken dieses geheimnisvollsten aller Geheimnisse mehr zu fühlen.

Also hatte nicht der Hund dieses hohe, halberstickte Stöhnen von sich gegeben. Es war der sterbende Walsh Rantoul gewesen.

Endlich bewegte sich Maida, und sogar ganz ruhig. Vermutlich war sie nur deshalb dazu imstande, weil sie vorher daran gedacht hatte, was sie für den Hund tun könnte. Irgend etwas mußte sie tun – es war eine Art innerer Zwang. Sie trat zu ihm und beugte sich hinter dem Sofa über ihn. Sie mußte ihn berühren und sich vergewissern, daß er tot war. Dabei bemerkte sie, daß seine puppenhaften Züge Spuren von Schlägen zeigten, und seine Augen waren leblos und spiegelten nur noch das Licht der Lampe wieder.

Die blutunterlaufenen Flecken auf seinem Gesicht konnten nicht die Todesursache sein. Und doch war er tot. Dann fiel ihr Blick auf die roten Flecken an seiner blauen Krawatte, und fast gleichzeitig sah sie unter seiner Jacke einen sich langsam ausbreitenden Flecken von dunklem Rot auf dem weißen Hemd.

Das war es also. Sie kniete nieder, vor Entsetzen erstarrt, aber unablässig nachdenkend. Ein Messer oder eine Revolverkugel konnten diese Wunde hervorgerufen haben. Sie hatte keinen Schuß gehört. Aber irgendein lautes, scharfes Geräusch hatte sie gehört, das, was sie für ein knallendes Auspuffrohr gehalten hatte. Sie ließ ihren Blick prüfend durch das Zimmer schweifen. Sie sah das zerbrochene Glas, wahrscheinlich dasselbe, das er in der Hand gehalten hatte, als er ihr nachschaute – vor erst zwanzig oder dreißig Minuten. Es lag auf dem Teppich in einer Lache von dunkler Flüssigkeit. Es hatte sich kein Kampf im Zimmer abgespielt – oder doch? Sein Gesicht war zerschlagen, aber das Zimmer sah ordentlich aus.

Nur dieses zerbrochene Glas ließ auf einen Kampf schließen. Die Türe zur Terrasse stand immer noch etwas offen. Nichts im ganzen Zimmer war verändert, außer dem leblosen Körper neben ihr.

Da sah sie plötzlich den Revolver.

Sein Glitzern ließ ihren Blick darauf fallen. Er lag halb unter dem Sofa. Sie streckte die Hand danach aus, dann aber fiel ihr ein, daß sie ihn nicht anrühren durfte; so hob sie nur den Rand der bunten Sofadecke auf und betrachtete ihn. Es war tatsächlich ein Revolver; ähnlich wie der, den Steve hatte. Sie sah näher hin und entdeckte, daß es Steves Revolver war.

Sie wußte das ganz genau, denn sie hatte ihn oft gesehen; meistens lag er in seinem Bureau, und Steve pflegte darüber zu scherzen. Irgend jemand hatte ihn Steve einmal geschenkt. Es war kein gewöhnlicher, sachlicher Revolver, sondern er hatte einen silbernen Griff und trug Steves Initialen: S.B. Im Schatten des Sofas konnte sie die Buchstaben deutlich erkennen.

Steves Revolver.

Aber Steve hatte Walsh Rantoul nicht erschossen. Ein anderer Mensch hatte Steves Revolver genommen und damit geschossen. Ein anderer …

In diesem Augenblick sah sie Steves rote Nelke. Sie lag zerdrückt auf dem Sofa, und ihre Farbe paßte sich dem Muster des Überwurfs so genau an, daß Maida sie bisher nicht beachtet hatte.

Vor der offenstehenden Terrassentüre wurden Schritte hörbar.

Jemand näherte sich mit leichten und ziemlich langsamen Schritten.