Der Marquis von Flandern - S.B. Sasori - E-Book

Der Marquis von Flandern E-Book

S.B. Sasori

5,0

Beschreibung

Geliebter Hendrik! So beginnt jeder der sieben Briefe, die Hendrik de Ruiter zwischen den Seiten antiker Bibeln gefunden hat. Der Verfasser nennt sich selbst der Marquis und scheint den ersten Brief vor sechshundert Jahren geschrieben zu haben, während der letzte auf den Tag von Hendriks Geburt datiert ist. Hendrik kann nicht glauben, dass sie an ihn gerichtet sind, nur weil er zufällig denselben Namen des flämischen Bauernsohnes trägt. Erst, als der Schreiber in einem der Pergamente einen grausamen Mord gesteht, beginnt Hendrik, nachzuforschen. Er stößt auf das Geheimnis einer über Jahrhunderte andauernden Liebe und erkennt, dass er ein Teil davon ist.

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Seitenzahl: 282

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1. Prolog
2. Erster Brief
3. Zweiter Brief
4. Dritter Brief
5. Vierter Brief
6. Fünfter Brief
7. Sechster Brief
8. Siebter Brief
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Der Marquis von Flandern

S.B. SASORI

1. Prolog

Flandern, Winter 1369

Ich fühle meine Zehen nicht mehr. Versinke bei jedem Schritt bis über die Waden im Schnee. Die Kälte beißt mir ins Gesicht, in die Finger. Ich ziehe die Ärmel der Jacke darüber, versuche, Anhaltspunkte zu finden.

Wo bin ich? Ein paar Stunden nordwestlich von Vaters Hof, dennoch erkenne ich die Landschaft nicht, dabei leuchtet der Vollmond, verwandelt die Nacht in sanftes Glitzern. Sicher war ich schon einmal hier. Mit Jongen. Ich reite so oft und so weit es geht mit ihm aus.

Mein Pferd. Ich durfte es nicht mitnehmen. Das kann ich Vater niemals verzeihen. Niemanden hat Jongen auf seinem Rücken geduldet. Nur mich.

Es fällt mir leicht, mit Pferden umzugehen. Sie sind sanft. Nicht immer nach außen hin. Ganz gewiss nicht. Aber innen. Ich überfalle sie nicht, zwinge ihnen keinen Sattel, kein Zaumzeug auf. Ich bin einfach eine Weile bei ihnen, so nah, wie sie mich rankommen lassen. Werden sie unruhig, gebe ich ihnen Zeit.

Manche mögen es, wenn ich mit ihnen rede. Ich erzähle ihnen meine Gedanken, für die mich mein Großvater hasst und die mir mein Vater verboten hat.

Zu gefährlich. Sie brächten den Körper ins Feuer und die Seele in die Hölle, wo sie dann das fleischliche Schicksal teilt. Das Fegefeuer ist immerhin auch ein Feuer.

Ich kann mir keine Hölle vorstellen. Gott ist ein Freund. War er für mich immer gewesen, wird er für mich immer sein.

Sollte ich ihm irgendwann nachsehen können, dass er meinem Vater erlaubt hat, mich in den Kältetod zu schicken.

Und das nur vier Tage nach Weihnachten.

Eventuell ist er doch kein Freund mehr. Nur ein Bekannter. Das muss ihm genügen. Im Augenblick wäre mir Jongen ohnehin lieber. Er liebt das Schweigen. Je weniger ich mit ihm rede, umso fügsamer ist er. Ihm genügt es, wenn ich mit den Fingern durch seine Mähne fahre. Er stupst mich dabei an. Sehr sacht. Mit seiner samtigen Pferdeschnauze.

Zwischen uns ist alles klar.

Vertrauen.

Ich mag es. Auch wenn es kaum Menschen gibt, denen ich es schenke. Menschen lügen, fügen Schmerzen zu, machen deshalb Dinge, vor denen ich mich fürchte. Den Pferden geht es genau so. Mein Vater glaubt mir das nicht. Er sagt: Tiere besäßen keine Seele.

Ist mir egal. Meine Seele habe ich ebenfalls noch nicht gesehen und die von Großvater kann ich mir nur sturmgrau vorstellen. Marten de Ruiter ist der verhärmteste Mann, der je auf Gottes Erdboden wandelte.

Ich würde gerne jemandem vertrauen. Gerade jetzt. Einer der kommt und mir sagt: Es wird alles gut. Du wirst in dieser Nacht weder erfrieren, noch in der Dunkelheit verloren gehen. Du wirst achtzehn werden, dann neunzehn, dann zwanzig. Du wirst glücklich sein, einen Baum pflanzen und vielleicht ein Haus bauen. Du wirst keinen Sohn zeugen, dafür den Knecht vögeln und trotzdem nicht in der Hölle verbrennen. Weil Gott ein Freund ist, dem es egal ist, was du mit deinem Schwanz machst. Solange du keinem damit wehtust, niemanden deinem Willen aufzwingst.

Ja, ich hätte jetzt wirklich gern jemanden an meiner Seite, der mir genau das sagt.

Liebe.

Auch ein Wort wie Vertrauen.

Deshalb mögen die Pferde meinen Vater nicht. Er schlägt sie, wenn sie nicht gehorchen. Er zwingt sie zum Springen, treibt sie ins Wasser, auch wenn sie sich davor fürchten.

Ich mache das nie.

So ein Pferd ist größer als ich. Sanfter. Mag sein, dass es sogar klüger ist als ich. Von der Kopfgröße her käme es hin. Will es nicht springen, weiß es, warum.

Manche kommen mit dem Sattel zurecht. Dann reite ich mit Sattel. Manche ertragen nur eine Decke auf dem Rücken. Dann eben so. Macht mir nichts aus. Ich kann beides. Auch ohne.

Vater sagt, ich sei ein läppischer Querkopf. Ein Mann muss seinen Weg gehen und alle und jedes, was zu ihm gehört, muss ihm folgen. Weib, Kinder, Knechte, Mägde, Tiere.

Vielleicht vögelt er deshalb lieber die Magd als Mutter. Mutter folgt ihm schon länger. Die Magd ist neu. Auch eine Art des Zureitens.

Pferde sind anders. Eigentlich lassen sie sich nicht zureiten, nicht freiwillig. Ein Pferd hat seinen eigenen Weg. Es ist nett von ihm, davon abzuweichen, um mich auf meinem weiter zu bringen. Das weiß ich zu schätzen. Daher zwinge ich nicht.

Nie.

Oh Gott, ist das kalt. Die Tränen frieren mir an den Wimpern fest.

Jongen lässt Vater nicht aufsitzen. Vater wird ihn dafür schlagen, ihn verkaufen. An irgendjemanden, den Jongen genauso wenig auf seinem Rücken duldet. Auch der wird es ihn spüren lassen.

Mein Herz ist schwer wie ein Eisblock.

Das kastanienbraune Fell, durchzogen von blutigen Striemen. So wird Jongen aussehen, wenn er bei Vater nicht pariert.

Nein. Der Gedanke ist zu böse, um ihn zu denken. Fast noch böser als der an meinen Tod.

Reiten ist Vertrauen.

Reiten ist Liebe.

Liebe ist, sich nicht fürchten zu müssen. Geborgenheit.

Das, was ich heute verloren habe.

Unsinn.

Das, was ich nie besessen habe.

»Wunderbar, Hendrik! Suhl dich in deinem Selbstmitleid. Das bringt dich nirgendwo hin, also steck es dir in den Arsch!« Der kennt nur meinen Finger. Wäre ein neues Erlebnis.

Der Schnee schluckt meine Stimme, als hätte sie nur in einem Traum den Mund verlassen. Habe mich nie zuvor so allein gefühlt.

Alleinsein war bisher etwas Gutes für mich. Niemand, der mich ermahnt, der mich grimmig beäugt, der mich zur Arbeit treibt oder mir einfach nur in der Sonne steht.

Jetzt macht mir die Einsamkeit Angst.

Bei Gott, die Gegend müsste mir vertraut sein. Ich weiß es. Ich bin oft weit im Umkreis des Hofes geritten.

Sie ist es nicht.

Überall Sterne. Sie sehen mir beim Erfrieren zu.

»Bitte verschone mich.« Vielleicht ist Gott ein besserer Zuhörer als mein Vater. »Du brauchst mich nicht. Weder im Himmel, noch in der Hölle. Wenn du mich lebend durch die Kälte bringst, bete ich in jeder Kirche ein Vaterunser, an der mich mein Weg vorbeiführen wird.« Allzu viele werden das kaum sein. Meine unfreiwillige Reise endet in Antwerpen, so ich diese Stadt jemals erreiche. »Ich zünde dir in der Abteikirche auch eine Kerze dazu an.« Stankt Michael. Dorthin sollte ich mich wenden und die Mönche um Beistand bitten.

Ein Leben im Kloster.

Plötzlich fühlt sich die Nacht dunkler und kälter an.

Ich liebe frische Luft, einen freien Himmel über mir und weites Land um mich herum. Klostermauern erdrücken mich. Mein Vater weiß das. Er hätte schweigen sollen, statt mir diesen Rat zu geben.

Oder mich gleich erstechen. Wäre gnädiger gewesen.

Ich habe ihn angefleht, mich nicht während der Nacht fortzuschicken. Er hat nur den Kopf geschüttelt und zur Tür gewiesen. Selbst von Mutter durfte ich mich nicht verabschieden.

Alles wegen etwas, das es nicht gibt.

Ein Mal auf meiner Stirn.

Mein Großvater behauptet, es in Vollmondnächten zu sehen. Nächten wie dieser hier. Deshalb sterbe ich zwischen Schnee und Eis, weil ein alter Mann ein Problem mit seinen Augen hat.

Da ist kein Mal! Niemand außer ihm hat mich je darauf angesprochen. Meine Mutter nicht, meine Schwester nicht, meine zwei Brüder nicht, Jette nicht. Selbst mein Vater beteuerte oft, dass dort nichts wäre. Fortgeschickt hat er mich dennoch. Ich soll mein Glück in Antwerpen suchen. Wenn mich die Mönche von der Schwelle jagen, könnte ich es ja bei einem der Tuchhändler probieren.

Antwerpen. Das sind zwei Tagesmärsche. Entweder erreiche ich die Stadt mit abgefrorenen Füßen oder der Frost verschlingt mich am Stück. Meine Beine fühlen sich immer steifer an. Ich muss sie zu jedem Schritt zwingen. Meine Muskeln schmerzen, vor allem die in den Oberschenkeln. Vielleicht rinnt es mir deshalb aus den Augen.

Nein. Mit dem Schmerz komme ich klar. Mit dem Gedanken, dass Vater Jongen prügelt, nicht.

Ein Wunder. Genau das, was ich brauche.

»Jetzt, verdammt!« Scheiße, die Tränen frieren mir die Wimpern zu. »Gott, los! Jetzt! Oder hast du ein Problem mit meinen Haaren?« Rotblond. Großvater sagt, der Teufel hätte mir in die Wiege gespuckt. Dabei sind sie nicht richtig rot. Mehr so kupferfarben. Und ich sehe gut damit aus, verdammt! Während der Markttage verrenken sich die Mädchen die Köpfe nach mir und werfen mir Blicke zu, die meiner Seele zwar guttun, meinen Unterleib aber kalt lassen. Liegt daran, dass es eben Mädchen sind. Der Knecht sagt mir auch manchmal, ich sei ein verflucht hübscher Bengel. Von dem höre ich das gern.

Großvater droht mir regelmäßig, Eitelkeit wäre eine Sünde und Schönheit würde den Weg in die Hölle ebnen.

Reiner Neid. Seine Visage ist vor Grieskram komplett verknittert und verzerrt. Störte sich Gott an Schönheit, hätte er keine Rosen erschaffen.

Ich liebe Rosen. Sie duften, ihre Blüten fühlen sich samtig an und um die Dornen beneide ich sie.

Ein Wunder. Ich brauche es immer noch.

Erst Wärme und ein Dach über dem Kopf. Dann eine Fügung. Egal welche, aber sie muss mich reich machen. Reich genug, um zum Hof zurückzukehren und meinem Vater Jongen abzukaufen.

Er wird denken, ich hätte ihn im Stich gelassen. Habe ich auch. Warum bin ich nicht in den Stall gerannt, um ihn mitzunehmen? Wie hätte mich Vater aufhalten wollen? Ich bin fast so groß, fast so stark wie er. Nur den Knecht hätte er nicht zu Hilfe rufen dürfen.

Ein Gefühl, als würden meine Muskeln reißen.

Oder mein Herz.

Oder beides.

Lange halte ich nicht mehr aus.

Irgendeinen Unterschlupf, der mich bis morgen früh rettet. Dann komme ich wieder klar. Meinethalben auch allein.

Der dunkle Schatten im Schnee. Ein Wäldchen? Er reicht nicht weit nach beiden Seiten. Eher ein Hain.

Hoffnung. So etwas Seltsames wie Vertrauen und Liebe.

»Es hat mit dir zu tun, Gott. Der Wanderprediger hat davon gesprochen.« Von den Sanftmütigen, denen das Reich der Erde gehören soll. Und denen, die hungern nach Gerechtigkeit. Sie sollen satt werden.

Eines Tages.

Wer weiß, wann das sein wird. Ich hungere im Moment so sehr nach Gerechtigkeit, dass mir schon flau im Magen ist.

Der Mann war nett. Etwas ausgemergelt, aber freundlich. Die Kirchenmänner predigen nur über die Hölle und Gottesfurcht. Sie drohen mit der ewigen Verdammnis, wenn man sich nicht haarklein an jedes Wort in der Bibel hält.

Ich kann diese Worte nicht lesen. Nicht nur, weil ich die Sprache nicht kenne, sondern auch, weil ich eben nicht lesen kann. Ohne die Übersetzung des Kirchenmannes wäre das gesamte Dorf aufgeschmissen.

Himmel, der kann uns viel erzählen. Wer weiß, ob das alles stimmt? Da war mir der Wanderprediger lieber. Zwar sprach er die Worte seltsam aus, aber sie waren flämisch.

Er käme aus dem Süden, hat er gesagt. Da, wo die Berge den Himmel berührten und aus den Wolken schauten.

Am Tag, als er wieder aufbrechen wollte, galoppierten Berittene samt einer Kutsche und einem Kirchenmann ins Dorf. Ich hatte den Kerl nie zuvor hier gesehen, doch seiner Robe nach war er verflixt reich.

Vater versteckte mich. Ich sollte mich nicht blicken lassen.

Wieso?, hab ich gefragt. Aber er hat mir nur eins übergezogen und mich in den Schuppen gesperrt.

Dann, irgendwann, hörte ich die Schreie, roch den Rauch. Vater verbot mir zu fragen. Warum, weshalb, das ginge einen wie mich nichts an. Ich sollte den Wanderprediger vergessen, Gott hätte ihn verdammt und die Soldaten wären diesem Urteil nachgekommen.

Wozu braucht Gott eine Hölle, wenn er die Sünder gleich an Ort und Stelle verbrennen lässt? Den Aufwand hätte er sich sparen können.

Ich sagte Vater, dass es nicht stimmen würde. Gott verdammt nicht. Er vergibt.

Er verpasste mir eine schallende Ohrfeige. Von solchen Dingen hätte jemand wie ich keine Ahnung. Niemals, wirklich niemals dürfte ich die Kirche infrage stellen. Die de Ruiters hätten ihr als auch dem Grafen stets treu gedient.

Mein Vater gehörte zu den berittenen Boten Ludwigs I. Für seine treuen Dienste schenkte ihm der Graf einen Ring und das Land, das wir seitdem bewirtschaften. Als freie Bauern. Das ist schon mal was und ich bin stolz darauf.

Trotzdem: Jemand wie ich, hat Vater gesagt.

Warum bin ich anders als die anderen? Weil ich sage, was ich denke? Weil ich sage, was ich weiß? Ich spreche aus Erfahrung. Gott vergibt mir eine Menge Sünden. In erster Linie haben sie mit meinem Schwanz zu tun und den Gedanken, die ich in meinen Kopf locke, während ich ihn reibe.

Eventuell vergibt er mir auch nicht. Sonst wäre ich nicht hier. Allein, verlassen, gleich tot.

Eigenartig, ich war sicher, ich könnte Gott vertrauen. So wie Jongen mir. Doch ebenso wie ich mein Pferd im Stich lasse, lässt Gott mich im Stich.

»Willst du, dass ich erfriere? Als Bestrafung? Los, sag es frei heraus! Aber du bist spät dran mit der Prügel. Ich besorge es mir schon seit Jahren selbst und träume dabei vom Arsch des Knechtes!« Jetzt ist eh alles egal. Ich sterbe, komme in die Hölle. Dort ist es warm.

Nein. Sie ist ein Feuer. Menschenfleisch stinkt, wenn es verbrennt. In meinen Albträumen höre ich die Schreie des Wanderpredigers.

Mir wird schlecht.

Selig sind die Sanftmütigen.

Jongen ist sanft.

Vater wird ihm seinen Willen aufzwängen. Ich sehe sein strenges Gesicht vor mir, die stets zu einem Strich gepressten Lippen.

»Genügen dir zwei Söhne?« Ich hätte meinen Brüdern den Hof nicht streitig gemacht. Irgendwann wäre ich gegangen. Nur nicht mitten in der kältesten Nacht, verflucht!

Ich ziehe mir den Schal über den Mund. Er ist steifgefroren. Von meiner Atemluft, aber auch von meinen Tränen. Hier in der Einsamkeit kümmert sich niemand darum, ob ich heule wie ein Mädchen. Vorhin war mir danach. Jetzt nicht mehr.

Ich werde mein Zuhause niemals wiedersehen.

Doch, mir ist immer noch nach heulen zumute.

Ich bin kurz davor, Großvater einen Sturz in die Jauchegrube zu wünschen. Schon als ich ein Kind war, hat er mich mit seinen misstrauischen Blicken verfolgt. Kein gutes Wort, keine Berührung oder gar eine Umarmung. Als trüge ich die Pest mit mir herum. Ständig hing er meinem Vater mit diesem lächerlichen Mal in den Ohren.

Reibe mir die Stirn. Fühle sie nicht mehr.

Kein Mal. Wie auch? Jede Pfütze hätte es mir gezeigt.

Hat sie aber nicht. Nie.

Im Sommer sollte ich heiraten. Nach der Kornernte.

Daraus wird wohl nichts werden.

Jette vom Nachbarhof.

Sie bedeutet mir nichts. Ihre Augen sind glanzlos, ihr Haar ist stumpf, ihr Körper so weich, dass es mich bei dem Gedanken schaudert, mich auf ihn legen zu müssen. Als einziges von acht Kindern hat sie die Pest überlebt. Meine Mutter schwört, Gott würde seine Hand über Jette halten.

Soll er sie doch zur Frau nehmen. Dann wäre er beschäftigt und müsste keine Bauernsöhne in Vollmondnächten erfrieren lassen.

»Verzeih mir«, wispere ich sicherheitshalber in den Nachtwind. »Ich bin dabei, zu sterben. So was verbittert.« Ein Vorteil der Einsamkeit. Niemand rügt mich wegen mangelnden Respekts ihm gegenüber. »Ein Gebet und eine Kerze. Mehr ist nicht drin.«

Mein Gewissen schüttelt mich. Die Hölle ist ein furchtbarer Ort. Gefüllt mit Teufeln und Kreaturen, die einen entsetzlich leiden lassen.

Ich leide entsetzlich. Hier, mitten in Flandern.

Tagsüber im Sommer, wenn ich über die Wiesen reite, der Wind mein Haar kämmt, erscheint mir diese Gegend wie das Paradies. Seltsam, was Winter und Nacht bewirken können.

Meine Gedanken frieren ein wie der Rest von mir.

Behalte deine verderbten Gedanken hinter deinen Lippen.

Der Handrücken meines Vaters kann echte Schmerzen hervorrufen. Das liegt vor allem an dem Ring, den er stets trägt. Ein springendes Pferd auf einem Schild, dahinter eine Briefrolle.

Wenn der auftrifft, so mit Wucht und Schwung, glitzern Sterne vor den Augen.

Ich mag meine verbotenen Gedanken. Sie sind frei wie die Sommerfalken. Manche von ihnen sind auch wüst. Andere bildschön. Einige so sinnlich und berauschend, dass es mir beim Denken heiß in die Lenden steigt. Passt die Gelegenheit, suche ich mir in solchen Momenten ein stilles Eckchen und berühre mich ausgiebig. Doch spucken lasse ich meinen Schwanz erst, wenn ich das Gefühl habe, dass es mich sonst zerreißt. Die schönen Dinge im Leben ähneln den verbotenen. Man muss sie hinauszögern, um sie bis zum Schluss genießen zu können.

Gebe ich mich diesem absoluten Glücksgefühl hin, verschwende ich nie einen Gedanken an Jette. Nur an den strammen Arsch unseres Knechtes.

Das geht niemanden etwas an. Vater nicht, Mutter nicht, die Kirchenmänner nicht und Großvater schon gar nicht. Gott auch nicht. Aber wenn er alles sieht, sieht er auch das.

»Mein Angebot steht, nimm dir Jette und danach reden wir noch einmal zum Thema Sünde.«

Ich werde zur Hölle fahren. Gleich nachdem ich erfroren bin.

Bis auf mein keuchendes Atmen und das Knirschen des Schnees unter meinen Schritten herrscht Stille. Langsam macht sie mir Angst. So wie die Gefühllosigkeit in den Beinen. Ein Wunder, dass ich die Füße voreinandersetzen kann.

Kann ich nicht mehr.

Am Saum des Wäldchens versagen sie mir den Dienst.

Ich falle, kann es nicht ändern. Über mir die Sterne unter mir Schnee. Die Nacht wird es kaum bemerken, dass sich ein bisschen Leben dazwischen auflöst.

Ich ziehe den Schal über mein Gesicht, kreuze die Arme vor der Brust und stecke die Hände unter meine Achseln. Dann erfriert es sich langsamer.

Ich hätte Jongen mitnehmen sollen.

Schwachsinn. Er wäre ebenso erfroren, wie ich es gleich sein werde.

Wenn nur der Wind nicht so eisig wäre. Er weht immer stärker.

Ich sollte mich wieder aufsetzten.

Meine Lider sinken. Als ob Steine darauf lägen.

Versuche sie zu heben. Es geht nicht.

Muss ja nicht sein.

Über mir knackt es. Nein, eher ein Splittern.

Dumpfer Schmerz. So plötzlich.

Schwere, die mich lähmt.

Ich wäre so gern achtzehn geworden.

~*~

2. Erster Brief

Gent, 24. Dezember 2017

»Er will was? Wieso das denn?« Mein Vater runzelt die Stirn, wendet sich von mir ab. »Aha, Sie sind also sein Notar. Na dann: Frohe Weihnachten.« Seine Finger schließen sich fester um das Telefon. »Hören Sie, guter Mann. Marten de Ruiter ist ein verrückter alter Kerl. Seit der Taufe unseres Sohnes, und das ist beinahe fünfundzwanzig Jahre her, haben wir nichts mehr von ihm gehört.« Er lauscht, runzelt die Stirn stärker. »Nein, das kann nicht sein. Wir haben uns im Streit voneinander abgewendet. Er tickte aus, als er erfuhr, dass wir unser Kind Hendrik genannt haben. Als hätten wir seine Einwilligung dazu gebraucht!« Er schnauft wütend, hört weiter zu. »Wie lange noch?« Seine Brauen schießen in die Höhe. »So bald schon?« Sein Blick huscht zu mir, nimmt einen seltsamen Ausdruck an. »Na ja, im Moment ist Hendrik bei uns in Gent. Die Feiertage über. Dann reist er wieder Gott weiß wohin. Irgendwo in den Süden. Da, wo es warm ist. Das macht der seit Jahren so.«

Aus jeder Silbe kling Missbilligung.

Irgendwo in den Süden ist konkret Barcelona, was mein Vater ebenso ablehnt wie meinen Job als Restaurator antiker Möbel. Es ist nicht meine Werkstatt. Ich arbeite für einen Freund und für einen eher übersichtlichen Lohn, doch ich liebe diese Stadt und im Winter sinken die Temperaturen nicht unter null Grad Celsius. Das ist es mir wert. Auch wenn ich mich mit der katalanischen Sprache etwas herumschlage. Ein deutscher Bekannter sagte einmal, es klänge wie polnisches Spanisch mit einem Hauch Französisch. Ich habe keine Ahnung, ob das hinkommt, aber die Beschreibung ist amüsant. Von der Sprache abgesehen verstehe ich jedoch den Wunsch der Katalanen, nach Freiheit und Selbstbestimmung. Jeder, der denken kann, teilt ihn.

»Wissen Sie«, dringt die gekünstelt bedauernde Stimme meines Vaters durch meine Gedanken »Hendrik ist nicht ganz so fit, wie wir es uns wünschten.«

Oh Scheiße! Meine Faust knallt von allein auf den Tisch.

Mutter rollt mit den Augen, tätschelt meine verkrampfte Hand. »Xander lernt’s einfach nicht«, sagt sie laut genug, dass es der Notar am anderen Ende garantiert ebenfalls hört.

Ich hasse es, wenn mich Xander als Krüppel hinstellt.

Ich komme klar mit meinen Beinen. Nur nicht im Winter. Fallen die Temperaturen unter null Grad, schmerzen die Nerven in ihnen so stark, dass ich etwas an die Wand werfen will. Meine Muskeln verkrampfen sich und ich humpele wie ein alter Mann durch die Gegend. Schmerzmittel helfen nicht. Auch keine Akupunktur oder Hypnose. Alles schon ausprobiert. Nur ein heißes Wannenbad und ab und zu eine Massage.

Der Mist begleitet mich, solange ich denken kann. Meine Mutter hat mich früher zu zig Ärzten geschleppt. Die haben nichts gefunden und sich auf eine seltsame, da Temperatur abhängige Form der Neuropathie geeinigt.

Diese sinnlose Diagnose hat mir bisher nicht weitergeholfen. Ebenso wenig wie die der Psychologin. Meine Beine wären ein Sinnbild meiner Seele, die vor etwas fliehen will, es jedoch nicht kann. Ich sollte mich dem stellen und die Schmerzen würden vergehen. Ein Problem mit meiner Mutter?

Nein. Mit Eline komme ich zurecht.

Mit meinem Vater?

Er nervt mich, sobald ich ihn sehe. Aber da das meistens nur an Weihnachten geschieht, ist es auszuhalten.

Ich will nur vor einem fliehen, der Kälte. Und ich werde den Teufel tun, mich ihr freiwillig zu stellen. Meistens habe ich Glück und erst mit dem Beginn des neuen Jahres wird es hier richtig ungemütlich. Daher feiere ich Silvester lieber in Barcelona. Überhaupt feiert es sich dort besser als an den meisten anderen Orten, die ich kenne. Es liegt an den Menschen. Ich bin kein ausgelassener Typ, doch mit meinen spanischen Freunden fällt es mir leicht, mich durch die Nacht zu lachen, zu trinken, zu tanzen, manchmal auch zu vögeln, und am Morgen keine Sekunde davon zu bereuen.

Mein Lieblingsfest ist jedoch der St. Jordi-Tag am dreiundzwanzigsten April. Ein Tag der Bücher und der Verliebten. Alles ist mit Rosen geschmückt und an jeder Ecke sind Buchstände aufgebaut. Der Junge schenkt seiner Auserwählten eine rote Rose. Erwidert sie seine Gefühle, bekommt er dafür ein Buch.

Bisher beschenkte ich meist Männer mit der schönsten aller Blumen, was mir interessante Literatur beschert hat.

»Er soll kommen? Heute noch?« Xander bläht die Wangen. »Und dann? Die Hand von dem alten Kerl halten, bis er endlich hinüber ist?«

»Xander!« Mutters Blick sprüht Funken. »Um was geht es überhaupt?«

»Klappe, Eline!« Wie aufgezogen marschiert er auf und ab. Seine Stirn runzelt sich immer stärker. »Ich weiß, dass er erwachsen ist und natürlich freue ich mich für ihn. Aber ein Haus zu erben, ist nicht unbedingt ein Segen in diesem Land. Haben Sie eine Ahnung, wie hoch die Erbschaftsteuern sind?«

Ein Haus?

»Ach, haben Sie?« Xanders Brauen schießen nach oben. »Na dann wissen Sie auch, dass er es sich nicht leisten kann.«

»Um was, verdammt, geht es?«, zischt Eline wie eine auf den Schwanz getretene Schlange.

Xander winkt hektisch ab. »So, er darf es verkaufen. Na bloß gut. Ist denn sonst noch was Wertvolles in dem alten Kasten? In diesem Fall könnte er damit die Steuern bezahlen und das Haus behalten.« Ein geradezu biblisch strenger Blick deklariert mich als Verräter. »Vielleicht ist das der Anreiz für ihn, endlich wieder in die Heimat zurückzukommen.«

Er hat sich gewünscht, dass ich eines Tages seinen Betrieb übernehme. Eine Kaffeerösterei mit integriertem Café. Beides läuft gut.

Mein Vater, mein Chef. Und tagein tagaus Zynismus und Besserwisserei ertragen.

Im Leben nicht.

»Marten will dir offenbar sein Haus in Antwerpen vermachen.« Mutter grinst. »Ich war erst einmal dort, ist ewig her. Aber ich erinnere mich an jede Menge alter Gemälde und antiker Bücher.«

»Warum?«

»Warum er so altes Zeug hat. Weiß ich doch nicht!«

»Warum er mir etwas vererben will. Er kennt mich überhaupt nicht.« Und ich ihn nur vom Hörensagen.

»Na und? Was man hat, hat man. Selbst wenn du alles verkaufst, bleibt sicherlich noch ein schönes Sümmchen für dich übrig.«

»Wieso wollen Sie meinen Sohn sprechen?«, faucht Vater ins Telefon.

»Weil er erwachsen ist?«, wispert Mutter und wendet resigniert die Handflächen gen Himmel.

»Ach so, richtig.« Verwirrt reicht er mir das Telefon.

»Hendrik de Ruiter«, melde ich mich förmlich. »Was ist denn los?«

Am anderen Ende seufzt es erleichtert. »Guten Tag Herr de Ruiter. Ich bin Rouven van Donker, der Notar ihres Großonkels. Er liegt im Sterben und wünscht, Sie zu sehen.«

Unglaublich, wie sympathisch die Stimme klingt. Angenehm tief, dennoch sanft, obwohl etwas Raues mitschwingt. Unter dem Strich absolut vertrauenerweckend.

»Herr de Ruiter?«

»Entschuldigung, ich war in Gedanken.« Wenn der Charakter des Notars seinem Timbre entspricht, handelt es sich um den attraktivsten Mann, der mir je zu Ohren gekommen ist. »Ich bin meinem Großonkel nie begegnet und Sie haben ja gehört, was mein Vater dazu gesagt hat. Ich verstehe nicht, weshalb ich sein Erbe sein soll, er kennt mich nicht.«

»Das möchte er gern ändern. Sollten Sie ihm seinen letzten Wunsch erfüllen, ist er bereit, Ihnen sein Haus samt Inventar und sämtlichen Gegenständen zu vermachen, die darinnen sind.«

»Ich weiß nicht, ob ich mir das leisten kann. Außerdem lebe ich nicht in Belgien, sondern in Spanien. Ich müsste es verkaufen.«

Vater winkt ab, tippt hektisch auf seinem Handy herum. »Ich frage meinen Steuerberater«, wispert er. »Sag erst mal ja!«

»Sie können das Erbe auch ausschlagen«, informiert mich van Donker. »Oder eben alles verkaufen, wie Sie schon sagten. Aber gleichgültig, ob Sie Ihr Erbe antreten möchten oder nicht, bitte ich Sie dringend, Ihren Großonkel zu besuchen. Es ist ihm eine echte Herzensangelegenheit.«

»Ich verstehe nicht …«

»Er sprach von sehr alten, sehr wichtigen Dokumenten, die er Ihnen unbedingt anvertrauen möchte. Offenbar handelt es sich um Briefe, die für Sie bestimmt sind. Er fürchtet um seinen Seelenfrieden, sollte er sterben, bevor er sie Ihnen überreicht hat. Mehr kann ich leider nicht dazu sagen.«

»Das klingt so, als müsste ich heute noch zu ihm kommen.« Mich erfasst ein mulmiges Gefühl.

»Er stirbt? Heute?« Xander schüttelt den Kopf. »Es ist Heilig Abend! Der soll sich mal zusammenreißen!«

Himmel!

»Das wäre das Beste«, dringt van Donkers Stimme beruhigend durch meinen Ärger. »Aber bitte kommen Sie allein, ohne Ihre Eltern. Herr de Ruiter bestand darauf.«

Demnach ist ihm Xanders Enthusiasmus, mich nach wie vor wie ein Kind zu behandeln, nicht entgangen. Dieses Mal bin ich es, der ihm einen strengen Blick zuwirft. Und wie immer prallt er an seiner Ignoranz ab. Was Xander nicht passt, was er jedoch nicht ändern kann, versucht er, mehr oder weniger erfolgreich, aus seinem Universum zu tilgen. Das gilt für meine Entscheidung, in Spanien zu leben ebenso wie für meine Bisexualität.

An dem Brocken schluckt er seit Jahren, ohne ihn auch nur ein Stückchen weiter heruntergewürgt zu haben.

Ich lasse mich von Augen und Stimmen verführen. Verzaubert mich beides, ist es mir egal, ob ich mich in einem Mann oder einer Frau versenke.

Welche Augenfarbe der Notar wohl hat?

»Kommen Sie mit dem Wagen?«, durchbricht er höflich meine Fantasien.

»Nein. Mit dem Zug.« Wir wohnen in der Nähe des Bahnhofs und der IC ist schneller. Außerdem neigen meine dämlichen Beine im Winter zu Krämpfen, was hinter dem Steuer kein Scherz ist.

»Sehen Sie meine Nummer?«

»Ja, natürlich.«

»Gut. Dann schicken Sie mir eine Nachricht, sobald Sie wissen, wann Sie ankommen. Ich hole Sie ab und bringe Sie zu Ihrem Großonkel.«

»Das ist sehr freundlich. Danke.«

»Hendrik?«

»Ja?«

»Es ist wirklich wichtig, dass Sie so schnell wie möglich kommen.«

»Kein Problem.« Ich werde den nächsten Zug nehmen.

Seltsam, dass er mich Hendrik und nicht Herr de Ruiter genannt hat. Wahrscheinlich sind es ihm zu viele de Ruiters.

Mein Kopf schwirrt vor wilden Gedanken, während ich Jacke und Schal anziehe und meinen Rucksack schultere.

»Nimm das Nötigste für eine Nacht mit.« Eline reckt den Zeigefinger. »Wer weiß, vielleicht sollst du bei Marten bleiben, bis er so richtig tot ist.«

Mein Brauenzucken ignoriert sie.

»Das kann dauern. Also denke an frische Wäsche und …«

»Schon gut.« Ich packe alles ein, was ich für eine Übernachtung im Hotel benötige.

Meine Eltern sind aufgeregter als ich. Besonders Xander freut sich, weil er sich einbildet, sein nichtsnutziger Sohn käme endlich zu Vermögen.

Mir bedeutet Geld nicht viel. Ich brauche es, um meine Miete zu bezahlen, mit Freunden in Cafés zu gehen und abends hin und wieder zum Tanzen. Etwas, das in Belgien zu dieser Jahreszeit für mich nicht möglich wäre. Ich könnte nur plump auf der Tanzfläche herumstapfen.

Eline fährt mich zum Bahnhof, fragt, ob es mir trotz der Kälte gutgeht und ich sage ja. Zwar steige ich etwas schwerfällig in den Zug, aber noch ist das Ziehen ein Ziehen und kein Brennen. Dass sich meine Beinmuskeln steif anfühlen, nehme ich hin. Ein warmes Bad vorm Schlafengehen wird das beheben.

Ich schreibe van Donker eine Nachricht, dass ich unterwegs bin, lehne mich zurück und versuche, zu entspannen.

Warum will Großonkel Marten ausgerechnet mir das Haus vermachen, wo er nicht einmal mit meinem Namen klarkommt? Und von welchen Briefen hat der Notar gesprochen?

Ich sehe den Dörfern beim Vorbeirauschen zu, kann mir keinen Reim auf alles machen.

Der Zug fährt in den Centraal Bahnhof in Antwerpen ein. Ein Ort, der mir stets ein leises Fernweh entlockt. Oder Heimweh. Mir fällt es schwer, beides auseinanderzuhalten.

Ich schnappe meinen Rucksack, humpele durch den Gang bis zum Ausstieg. Auch wenn es nur eine Stunde war, das Sitzen ist mir nicht bekommen. Meine Beinmuskeln sind bretthart. Vielleicht ist auch die Anspannung daran schuld.

Ich muss mich am Handlauf festhalten, um nicht über die Stufen zu stolpern.

»Hendrik?«

Ein Mann kommt auf mich zu. Schulterlange blonde Haare, mit denen der Wind macht, was er will. Dazwischen die strahlend blauesten Augen, die ich jemals gesehen habe. Todernst in der Tiefe, doch darüber schimmert blanke Euphorie. Als würde er sich über die Maßen freuen, mich zu sehen. Dennoch ist da kein Lächeln in dem schmalen Gesicht. Unterhalb der Wangenknochen wird es von einem Bart verdeckt. Ich mag es lieber glattrasiert, aber er passt zu der hageren Physiognomie.

Jeans, dunkelblauer Rollkragenpullover, ein schlichter Übergangsmantel, ein wenig abgewetzte Boots.

Ist das Rouven van Donker? Einen Notar habe ich mir anders vorgestellt.

Trete ins Leere.

Scheiße!

»Vorsicht!« Sorge im Blick. Plötzlich steht er neben mir, fängt mich auf, bevor ich stürze.

Verdammt! »Ist schon gut!« Ich schüttele seinen Griff ab.

»Okay.« Sein verhaltenes Lächeln ist ebenso sympathisch wie erleichtert. »Ich bin Rouven van Donker, der Notar Ihres Großonkels.«

Ein frischer, angenehm harziger Duft streift mich.

»Tut mir leid.« Er wollte mir nur helfen und ich fahre ihn an. »Normalerweise funktionieren meine Beine problemlos.« Jedenfalls in Barcelona.

Er sieht mich mit einem beinahe erschütternden Ernst an, nickt schließlich. »Kein Problem.« Aus der Manteltasche zieht er ein Haargummi, fängt seine wild um den Kopf wirbelnden Strähnen ein. Einfach so, ohne sie vorher glattzustreichen. Ihm scheint es egal zu sein, wie seine Frisur aussieht.

Smart, auf eine verwegene Art.

So wie der Rest von ihm.

»Alles in Ordnung?«

Ich starre. Und er hat mich dabei ertappt. »Entschuldigung. Aber Sie sehen so ganz anders aus, als ich erwartete.«

»Ich mag es unkonventionell.« Nebenbei nimmt er mir den Rucksack ab und schleudert ihn sich selbst über die Schulter. »Außerdem habe ich schon in zu vielen Jobs an zu vielen Orten dieser Welt gearbeitet, um mich von Berufsbezeichnungen oder gar Erwartungshaltungen einschränken zu lassen.«

Für jemand mit so weitreichender Erfahrung erscheint er mir recht jung. Sicher ist er kaum älter als ich.

Sein Seitenblick streift mich, wandert tiefer bis zu meinen Beinen.

Natürlich, ich humpele. Dabei muss ich es nicht. Konzentriere ich mich und beiße ein bisschen die Zähne zusammen, geht es ganz gut ohne.

Genau das mache ich. Ich bin kein Krüppel und er soll mich auch nicht für einen halten.

»Wo wir gerade beim Thema Unkonventionalität sind. Ist es in Ordnung, wenn wir uns duzen? Im Augenblick gibt es zu viele Herr de Ruiters in meinem Alltag.«

»Dachte ich mir schon.« Ich mag seine unkomplizierte Art. »Hendrik.« Ich reiche ihm die Hand und er schlägt ein.

»Rouven.«

Schlanke, lange Finger. »Spielst du Klavier?« Es würde zu ihm passen.

»Geige. Aber nicht den ganzen Bach-Kram, sondern eher in Richtung Zigeunermusik.« Er zwinkert mir zu, wirkt dabei jedoch ernst. »Du findest mich überall, doch nicht in einem klassischen Konzert. Es sei denn, sie spielen Saint-Saëns.«

»La danse macabre.«

Rouven bleibt stehen. »Du pickst dir ausgerechnet den Totentanz heraus?«

»Fiel mir spontan ein.« Ehrlich gesagt kenne ich von dem Komponisten nur dieses Stück.

Über das Blau seiner Augen schiebt sich ein Hauch Eisgrau. »Nur makabere Tänze sind es wert, getanzt zu werden.«

Mich fröstelt. Kein Wunder. Es ist kalt und zugig.

Wir setzen den Weg fort bis zur Rolltreppe. Rouven greift mir sehr dezent an den Ellbogen. »Du hast Schwierigkeiten mit deinen Beinen«, reagiert er auf meinen wahrscheinlich abweisenden Blick. »Vor allem das linke ziehst du etwas nach.«

»Das war immer so. Weshalb der Sportunterricht schon in der Grundschule eine reine Freude für mich war.« Sarkasmus hilft mir. Und schlichte Themenwechsel. »Erzähle mir von Marten. Ich begreife nicht, was er von mir will.«

»Marten«, seufzt Rouven und klingt bis ins Mark resigniert. »Zweifelsfrei gehört er zu den verbittertsten Menschen, die mir je begegnet sind. Erschrick nicht, wenn du ihm begegnest. Manchmal ist er komplett verwirrt und gehässig zu jedem, der ihn besucht.«

»Wie alt ist er?«

»Laut seines Ausweises hundertundzwei.«

»Hegst du Zweifel daran?«

»Ich bin ein Notar. Wie käme ich dazu, behördliche Dokumente anzuzweifeln?« Wieder ein Zwinkern. »Wie auch immer. Dein Großonkel erfreut sich eines beeindruckenden Alters.«

»Und er wohnt noch allein?«

»Allerdings. Er gehört nicht zu den Menschen, die Gesellschaft ertragen. Bis auf die Putzfrau lässt er niemanden ins Haus.«

»Und dich.«

»Richtig. Aber er hat mich erst vor etwa einer Woche beauftragt, seine Angelegenheiten zu regeln. Kurz davor hatte ihm sein Hausarzt gesagt, dass sich sein Leben dem Ende neigt.« Er steuert zum Taxistand, öffnet mir die hintere Tür. »Bitte in die Klosterstraat 13.« Er umrundet den Wagen, steigt neben mir ein. »Sein Arzt ist bei ihm. Dr. Kok. Er versucht, Marten so lange am Leben zu halten, bis du eintriffst. Marten war angeblich nie in einem Krankenhaus und weigert sich, das auf die letzten hundert Meter zu ändern.«

»Er imponiert mir.« Dennoch werde ich immer nervöser. Ich habe bisher nie jemanden in den Tod begleitet.

»Ja, mir auch.« Zwischen seinen Brauen bildet sich eine Falte. »Ich hoffe nur, er hat die Dokumente bereitgelegt, die er dir geben will.«

»Die Briefe?«

Rouven nickt.