Beschreibung

Der Maskenball – Prescott Sisters 1 Champagner, wilde Partys und eine traditionsreiche Familie. Jeder hält Virginia Prescott für ein reiches Töchterchen, das von Daddys Vermögen lebt. Auf einem Maskenball beschließt sie kurzerhand, ihr Leben zu ändern. Sie verschweigt dem charmanten Australier Liam, wer sie wirklich ist, und stürzt sich in ein Abenteuer mit ihm. Die Aktion mit der geliehenen Identität ist ein Spiel mit dem Feuer, denn im ungünstigsten Moment fliegt ihre Lüge auf … "Zu viel Gentleman, sagst du? Du möchtest es also ein wenig … verspielter?" Fünf Schwestern – eine Familie und die ganz große Liebe mal fünf. In den fünf Bänden wird jede der fünf Schwestern unter die Haube gebracht – zur Freude von ihrer Granny, einer englischen Lady der alten Schule. Die Liebesgeschichten sind in sich abgeschlossen. Größtenteils spielt die Reihe in Shanghai, gelegentliche Abstecher in andere Länder sind bei den Prescotts und ihren Mr. Rights nicht ausgeschlossen. Wer es chronologisch mag, dem empfehle ich für den größten Lesegenuss folgende Reihenfolge: Band 1 Der Maskenball Band 2 Die Entführung Band 3 Der Meisterdieb  Band 4 Der Amerikaner Band 5 Der Bodyguard 

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Der Maskenball

Prescott Sisters 1

Karin Lindberg

Liebesroman

Lektorat: Dorothea KennewegKorrektorat: Andreas Fischer

2. Korrektorat: Martina König

Covergestaltung: Casandra Krammer

Copyright © Karin Lindberg 2017

Erstausgabe Mai 2017

www.karinlindberg.info

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Reihenfolge „Prescott Sisters“:

Band 1 Der Maskenball

Band 2 Die Entführung

Band 3 Der Meisterdieb

Band 4 Der Amerikaner

Band 5 Der Bodyguard

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

Am liebsten würde ich schreiend davonlaufen. Warum noch mal bin ich aus L.A. zurück nach Shanghai gekommen? Ich habe keine Ahnung. Ein Anflug von Heimweh oder der Sehnsucht, näher bei meiner Familie zu sein, vielleicht. Tatsächlich ist es so, dass ich mich in Los Angeles nie wirklich heimisch gefühlt habe. Der Alltag dort spielte sich auf einer ganz anderen, viel oberflächlicheren Ebene ab, mit der ich auf Dauer nichts anfangen konnte. Leider komme ich hier in Shanghai auch nicht mit meinem Leben zurecht. Wahrscheinlich war die Entscheidung, aus Amerika wegzugehen, ein großer Irrtum. Im Moment kommt es mir jedenfalls so vor, denn ich fühle mich ohne eine Sinn gebende Aufgabe schrecklich fehl am Platz und nutzlos. Die Sticheleien meiner Lieben sind dabei nicht hilfreich. Aber das habe ich mir selbst zuzuschreiben. Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass sie das Thema Zukunftspläne anschneiden. Nun ist es zu spät und ich muss da durch, ob ich will oder nicht.

„Virginia, Liebes“, höre ich meine Großmutter Eugenie sagen, „ich bin auch ganz gespannt, was du nun vorhast.“ So geht das nun schon seit einer halben Stunde, genauso lange, wie wir alle zusammen beim Tee sitzen. Mit „alle“ meine ich meine beiden Schwestern Megan und Kate und meine Granny. Zum Glück sind Ashley und Tessa nicht auch noch da, die jetten gerade irgendwo in der Welt herum. Unsere Familie ist sehr international, irgendwie sind wir überall und nirgendwo heimisch. Genau das ist wahrscheinlich mein Problem. Bin ich unterwegs, habe ich Heimweh, bin ich zu Hause, gehen mir alle auf den Keks. Ich liebe meine vier Geschwister, keine Frage, aber so viel Östrogen kann manchmal zu Streitereien führen, was wirklich anstrengend ist. Da ich die Jüngste bin, kann ich nicht mal den Spruch loslassen, dass ich mir immer einen Bruder gewünscht habe. Es war klar, dass es nach mir, dem fünften Kind, keinen weiteren Nachwuchs geben würde.

„Granny, ich glaube, sie hat keine Pläne. Bisher hat sie das Haus kaum verlassen, seit sie wieder zurück ist. Außer zum Shoppen natürlich.“ Kate steckt sich ein Petit Four in den Mund und kaut genüsslich. Leider hat sie absolut recht, trotzdem passt es mir nicht, dass alle jederzeit in meinem Leben mitreden wollen. Um es mal auf den Punkt zu bringen: Nesthäkchen zu sein, ist scheiße. Sie denken, das gäbe ihnen die Erlaubnis, mich für immer und ewig wie ein Baby zu behandeln.

„Himmelherrgott, ich bin fünfundzwanzig und gerade mit meinem Master fertig. Darf man sich da nicht mal etwas Bedenkzeit nehmen? Es ist ja nicht so, dass ich unter großem finanziellen Druck stünde.“

Megan seufzt theatralisch. Sie ist die Älteste von uns und hat, seit meine Mutter nicht mehr da ist, irgendwie das Bedürfnis, ihre Rolle zu übernehmen. Meiner Meinung nach ist Megan nicht besonders gut darin, aber wehe, man sagt was. Sie kann echt zur Furie werden. „Ich verstehe sowieso nicht, wieso du Schauspielerei und Drehbuchschreiben studiert hast. Du machst dir nicht mal was aus Filmen“, plappert sie die Worte zwischen ihren ungeschminkten Lippen hervor.

In diesen Momenten hasse ich sie sogar ein bisschen, denn sie hat leider recht. Unsere Mutter war eine erfolgreiche Schauspielerin und man sagte immer zu mir, dass insbesondere ich ihr wie aus dem Gesicht geschnitten sei und dass ich Talent hätte. Im Laufe der Zeit ist mir schon ein paarmal der Gedanke gekommen, dass meine Familie vielleicht versucht hat, mir mit dieser Ähnlichkeit eine Verbindung zu meiner Mutter herzustellen, damit ich mich besser fühle, weil ich mich nicht an sie erinnern kann. Es lag für mich nach diesen Ermutigungen nahe, dass ich Schauspielkunst studiere. Tja, bislang sind die bedeutenden Rollenangebote ausgeblieben und für alles gebe ich mich auch nicht her. Ich würde nie in zweitklassigen Streifen mitspielen. So langsam dämmert es mir, dass ich wahrscheinlich nicht das Zeug dazu habe, eine von den Großen zu werden, was mir natürlich nie jemand so knallhart vor den Latz hauen würde. Aber es durch die Blume gesagt zu bekommen, tut genauso weh. Seltsamerweise macht mich die Erkenntnis, dass ich vermutlich nie in die Fußstapfen meiner Mutter treten werde, gar nicht so schrecklich traurig. Es hilft mir nur momentan nicht weiter, weil ich auch nicht weiß, was ich stattdessen beruflich anstreben könnte.

„Kinder, jetzt hört auf, zu streiten. Das ist ja unerträglich.“ Meine Granny hält sich die Hand an die Stirn und schließt die Augen. „Ich krieg gleich eine Migräne!“

Ich unterdrücke ein Kichern, sage aber nichts, sondern nehme schweigend einen Schluck von meinem Tee. So hat sie es schon immer gemacht, wenn es ihr zu viel wurde. Und das muss recht häufig gewesen sein. Man stelle sich mal die Großmutter mit fünf Mädchen vor, die ohne ihre Mutter aufwachsen. Es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie mit uns nach Shanghai ausgewandert ist und für uns ihr Leben in England aufgegeben hat. Natürlich hatte sie Unterstützung von einer Nanny, das ist in unseren Kreisen völlig normal, aber die Hauptlast lag auf ihren Schultern. Mein Vater hat seit jeher viel gearbeitet und war ständig unterwegs. Heute beschäftigt er unser ehemaliges Kindermädchen Emma als persönliche Assistentin, die gleichzeitig seinen Haushalt organisiert. Verändert hat es an der Beziehung zu meiner Großmutter allerdings nichts. Granny schätzt ihre Arbeit, glaube ich, traurigerweise können sie sich jedoch nicht leiden, auch nach über zwanzig Jahren nicht. Ich habe nie kapiert, wieso, aber ich verstehe vieles in dieser Familie nicht. Irgendwann muss vielleicht einmal etwas vorgefallen sein, sehr wahrscheinlich sogar. Da die alte Dame in etwa so nachtragend ist wie ein Elefant, hat sich unser damaliges Kindermädchen womöglich mit einer Kleinigkeit alle Sympathien bei ihr verspielt. Ich habe keine Ahnung, aber eines Tages werde ich das herausfinden. Bisher hat mir keine von beiden auf Nachfragen jemals geantwortet. Selbst mein Dad wechselt einfach das Thema, wenn jemand auf das ambivalente Verhältnis zwischen unserer Nanny und unserer Großmutter zu sprechen kommt.

„Also, was hast du vor?“, fragt mich Kate und ich drehe eine Haarsträhne zwischen meinen Fingern, während ich mir eine einigermaßen befriedigende Antwort überlege. Ich habe auf diese Diskussion ungefähr so viel Lust wie auf eine Magenspiegelung. Trotzdem spüre ich, wie sich in meinem Bauch ein Knoten bildet, denn meine Schwester Kate hat im Gegensatz zu mir alles richtig gemacht. Sobald sie mir diese Frage stellt, habe ich das Gefühl, sie richtet ihren Zeigefinger nach dem Motto „Was ist bei dir nur schiefgelaufen, obwohl du jegliche Möglichkeiten hattest?“ auf mich. Sie ist die Vorzeigeschwester. Blond, groß, schlank und vor allem erfolgreich. Sie wusste immer, was sie wollte, und hat nach dem Abitur Innenarchitektur und Design studiert. Sie hat mit ein wenig Startkapitel von Dad ihre eigene Firma gegründet, die floriert, und kann sich vor Aufträgen – und Verehrern – kaum retten. Wenn ich mit ihr unterwegs bin, werde ich gern mal übersehen, dabei bin ich alles andere als hässlich. Kate überragt mich mit ihren eins fünfundsiebzig beinahe um einen Kopf und ihr glänzendes blondes Haar ist einfach ein Blickfang. Ich habe es gerade mal auf lächerliche eins dreiundfünfzig gebracht und bin brünett. Nicht förderlich, wenn man als Jüngste buchstäblich noch die Kleinste ist.

Ich greife mein Handy vom Tisch und werfe einen Blick in den Kalender. Ich weiß genau, dass sie nicht nach meinen Verabredungen für diese Woche gefragt hat, aber im Moment habe ich genug vom Thema Zukunft.

„Wenn du es exakt wissen willst: Heute Abend gehe ich mit Amélie aus, morgen habe ich einen Termin zur Pediküre und dann bin ich auf den roten Teppich bei den Wong Awards geladen. Und selbst?“ Ich lächele gezwungen.

Kate lacht und Megan hebt eine Augenbraue. Granny rührt mit dem silbernen Löffel im Tee und stellt sich auf meine Seite. „Nimm dir ruhig etwas Zeit, Virginia. Du kannst noch vierzig Jahre arbeiten, wenn du unbedingt möchtest. Ist ja nicht so, als ob du es nötig hättest. Dein Vater hat genug Geld.“

Meine Großmutter meint ja ohnehin, dass wir Frauen uns am besten einen tüchtigen und solventen Ehemann suchen sollten. In ihrer Generation und unseren Kreisen wurde man seinerzeit noch von den Eltern verheiratet. Leider ist keine von uns unter der Haube, was sie sehr bedauert. Ich sehe, wie Megan, die Älteste, sich auf ihrem Stuhl anspannt. Sie ahnt, was gleich kommt.

„Megan, Schätzchen, wie sieht es eigentlich aus bei dir? Triffst du jemanden?“

Bingo! Kate grinst breit und ich schnaufe durch, denn jetzt bin ich aus dem Schneider. Der einzige Vorteil, wenn man das Baby ist. Die kleine Virginia sollte gar keinen Freund haben, jedenfalls nicht, wenn es nach Daddy ginge. Der Arme hatte bisher an jedem was auszusetzen, den ich ihm ins Haus gebracht habe. Nicht, dass es viele gewesen wären …

„Das weißt du doch, Granny. Ich habe gar keine Zeit, Männer zu treffen“, versucht Megan sich rauszureden.

Oma schnaubt leise auf und schüttelt den Kopf. „Es ist mir völlig unverständlich. Ihr seid ausnahmslos hübsch. Na ja, wenn Ashley sich nicht immer die Haare so schrecklich bunt färben würde. Aber grundsätzlich, meine ich. Wie ist es möglich, dass keine von euch eine passende Partie ins Haus bringt?“

„Granny, wir sind emanzipiert“, versuche ich ihr zu erklären. „Es ist heutzutage okay, nicht Anfang zwanzig drei Kinder am Rockzipfel zu haben.“

„Pah, also so ein Quatsch. Die Uhr tickt bei euch allen. Bei der einen lauter, bei der anderen im Flüsterton. Am Ende schlagt ihr der Natur kein Schnippchen!“ Sie legt den Löffel geräuschvoll beiseite und trinkt von ihrem Tee.

Megan schnappt nach Luft und schiebt sich eine Strähne ihres kastanienbraunen Bobs hinters Ohr. Sie ist mit zweiunddreißig nach Grannys Berechnungen schon überfällig, das wissen wir alle. Ich habe keine Ahnung, was Megan darüber denkt oder ob sie sich einen Partner an ihrer Seite wünscht. Obwohl uns nur sieben Jahre trennen, haben wir keine so enge Beziehung zueinander, dass wir Derartiges teilen würden. Sie ist mir am entferntesten von allen Schwestern. Es hat auch damit zu tun, dass sie eine völlig andere Einstellung zum Leben hat als ich. Sie ist immer pflichtbewusst und korrekt. Absolut fokussiert und karrierebezogen. Nicht allein deswegen ist sie neben meinem Vater die unangefochtene Nummer zwei im Prescott-Konzern.

Ich komme am besten mit Ashley und Tessa klar, die wie ich ihre Macken haben. Kate und Megan sind so fehlerfrei und perfekt, dass es einem manchmal regelrecht schlecht werden kann. Natürlich liebe ich sie alle, aber dann und wann ist es einfach kompliziert. Nicht nur wegen unserer Vergangenheit. Viele Kinder wachsen schließlich ohne eine Mutter auf, das ist keine Entschuldigung. Es liegt auch an unseren unterschiedlichen Zukunftsvorstellungen. Ich zum Beispiel habe keine Ahnung, was ich aus meinem Leben machen soll. Vor allem, wenn sich nicht bald ein Projekt auftut, mit dem ich meine Karriere als Schauspielerin ankurbeln kann. Vielleicht sollte ich doch was ganz anderes ausprobieren.

Im Hause Prescott ist alles irgendwie leistungsorientiert und gerade jetzt fühle ich mich wie eine komplette Versagerin, deren größtes Talent darin besteht, Daddys Geld auszugeben. Leider ist es ein Stück weit tatsächlich so und das ärgert mich, obwohl ich es vor meinen Schwestern nie zugeben würde. Wenn ich ein einziges Mal ganz ehrlich zu mir bin, dann wünsche ich mir eine Aufgabe, die mich mit Stolz erfüllt, bei der ich am Ende des Tages etwas vorzeigen kann, das ich geleistet habe. Bislang ist mir das nicht gelungen. Ja, gut, immerhin habe ich es geschafft, in der Regelstudienzeit meinen Abschluss zu machen, aber auch da schwamm ich immer im Mittelfeld. Ich war nie irgendwo die Beste und das … wurmt mich. Keine Ahnung, warum es mich auf einmal so stört. Vielleicht ist es mein Alter, ich bin kein Kind mehr. Mit fünfundzwanzig kann man sich so langsam nicht länger damit herausreden, dass man noch nicht weiß, wo die Reise hingehen soll.

„War nett, mit euch zu plaudern“, sage ich, weil ich absolut genug von dem Thema habe, und nehme mir ein Törtchen vom Servierbrett. „Leider muss ich jetzt los. Wir sehen uns!“

Hastig schiebe ich meinen Stuhl zurück, gebe Grandma einen Kuss auf ihre faltige Wange und atme einen Hauch ihres Lavendeldufts ein. Auf dem Weg durch den Flur stoße ich beinahe mit Emma zusammen, die gerade ein Tablett balanciert.

„Hey, wo willst du denn so eilig hin?“, fragt sie mich und rettet lachend die Gläser.„Ich bin mit Amélie verabredet.“

„Ah, schön. Ich wünsche dir viel Spaß.“

Dass sie nicht tausend Fragen stellt, wie Granny oder Dad, liebe ich an ihr. Emma war unsere Nanny, so lange ich zurückdenken kann. Dass sie uns heute noch als Privatsekretärin Schrägstrich Haushälterin erhalten geblieben ist, ist für uns alle ein großes Glück. Ich kenne sie mein ganzes Leben und könnte mir den Alltag im Hause Prescott ohne sie nicht vorstellen. Sie ist für uns Schwestern damals wie heute ein Fels in der Brandung.

„Bis dann! Bye, Emma!“, rufe ich ihr über die Schulter zu und verlasse die Villa meines Vaters, um mich mit meiner Freundin zu treffen.

Bei Amélie kann ich mich endlich ein bisschen entspannen. Kraftlos lasse ich mich in einen der beiden dunkelbraunen Sitzsäcke fallen. Ein Sofa gibt es in ihrer winzigen Wohnung nicht. Sie will finanziell auf ihren eigenen Beinen stehen und nimmt kein Geld von ihren Eltern an. Da sind wir grundsätzlich verschieden und manchmal beneide ich sie ein Stück für ihre Courage.

„Ich bin fix und fertig, Amélie. Meine Familie stresst mich“, jammere ich und schließe erschöpft die Lider. Sie lacht und holt eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank. Da ihr Studioapartment nur aus einem Zimmer besteht, hat sie es nicht weit, ist nach wenigen Sekunden wieder neben mir und setzt sich auf den zweiten Sitzsack.

„Liebes, was ist eigentlich dein Problem?“

„Ach, du weißt schon. Alle gehen mir mit Fragen auf den Keks, was ich nun machen werde, nachdem ich L.A. hinter mir gelassen habe.“

Der Korken ploppt und es schäumt aus der Pulle. Sie schnappt sich ein Glas und fängt den überlaufenden Sekt damit auf. „Ja, aber, so ganz unrecht haben sie nicht.“

„Nein, nicht du auch noch!“, stöhne ich genervt. „Ich weiß nicht, was ich tun soll!“

Amélie reicht mir ein Glas und sieht mich mit ihren hübschen braunen Augen eindringlich an. Sie ist Französin, lebt, seit sie fünf Jahre alt ist, in Shanghai. Wir haben uns in der Schule kennengelernt und sind seitdem beste Freundinnen, obwohl wir total unterschiedliche Charaktere sind. Möglicherweise gerade deswegen.

„Du jammerst wie immer auf hohem Niveau, Chérie. Ich muss für mein Einkommen arbeiten, du bist einfach zu verwöhnt. Dein Vater sollte dir mal den Geldhahn zudrehen. Santé!“ Sie prostet mir zu und wir trinken einen Schluck. „Wollen wir uns jetzt fertig machen oder heulen?“

Für einen Moment beäuge ich sie irritiert, dann pruste ich los. „Okay, ist ja schon gut. Ich habe es verstanden. Lass uns ein andermal über meine berufliche Zukunft reden, ja? Vielleicht mache ich es wie du.“

Amélie sieht mich ungläubig an, spart sich aber einen Kommentar. Ist unter Umständen besser so, ich weiß ja selbst, dass ich ein klitzekleines bisschen verhätschelt bin. An Materiellem hat es uns nie gefehlt.

„Ich muss dir noch was sagen …“ Die Wangen meiner Freundin röten sich und ich habe eine Vorahnung, was sie mir gleich mitteilen wird. „Ich werde für zwei Wochen verreisen.“

Ich sehe sie fragend an. „Ja und?“

„Mit … Pierre.“

„Nein! Ach komm. Die Diskussion hatten wir doch schon hundertmal, Amélie“, poltere ich. Es regt mich einfach auf, wie eine so selbstständige Frau wie sie sich mit einem solchen Idioten abgeben kann.

„Aber er hat sich geändert. Ehrlich.“

Amélie steht auf und beschreibt große Kreise mit ihren Armen. Das tut sie jedes Mal, wenn sie aufgeregt ist und mir etwas erklärt. Ich will es gar nicht hören. Mit Pierre ist es immer die gleiche Leier. Sie sind zusammen, alles läuft gut, dann geht er fremd und Amélie hat furchtbaren Liebeskummer. Dann beendet sie die Beziehung und schwups, rennt er ihr wieder wie ein Welpe hinterher.

„Dazu muss ich echt nichts mehr äußern, oder?“

„Bitte, Virginia, er meint es ernst.“ Erst jetzt sehe ich den Klunker an ihrem linken Ringfinger und mir wird endgültig schlecht. Sie ist so intelligent und doch so dumm. Mit ihm wird sie sich ihr Leben versauen.

„Nein!“, rufe ich panisch. „Sag mir, dass das kein Verlobungsring ist!“

Sie sieht mich unglücklich an. „Ich dachte, du freust dich für mich.“

„Liebes, ich würde mich für dich freuen, wenn Pierre nicht so ein Arschloch wäre. Bitte, er wird sich nie ändern. Nie! Ich fasse es nicht. Du bist so selbstständig, so emanzipiert, und dann … er?“

Ich fluche und wuchte mich auf die Beine. In Amélies Augen glänzen Tränen.

„Nein, nein, jetzt heul doch nicht.“

Sie wedelt mit ihren Händen vor ihrem Gesicht und blinzelt im Sekundentakt. „Aber ich will mein Glück mit dir teilen. Pierre und ich fliegen nach Paris und suchen dort nach einer passenden Location.“

„Ihr wollt in Frankreich heiraten?“

„Ja, wir wollen vielleicht aus Shanghai wegziehen, sobald wir eine Familie gründen.“

„Ach du Schande. Das wird ja immer schlimmer. Das muss ich erst mal verdauen. Du hängst doch an deinem Leben hier!“ Ich nehme die Sektflasche und gieße mir nach.

„Ich liebe Pierre mehr. Wirst du meine Trauzeugin sein?“, fragt sie mich auch noch und nun stecke ich in einem elenden Dilemma.

„Ach Amélie. Ich würde nichts lieber sein als das, aber wie kann ich dich unterstützen, wenn du sehenden Auges in dein Unglück rennst?“

„Na du musst es ja wissen. Nicht wahr? Du bist ja der Beziehungsexperte.“

Autsch. Das hat gesessen. Ja, es ist wirklich eine Tatsache. Meine längste Beziehung hat gerade mal drei Monate gehalten. Bisher war nicht der Richtige dabei. Ich langweile mich einfach sehr schnell.

„Hey, komm mal her“, bitte ich sie und ziehe sie in meine Arme. „Ich hab dich doch lieb. Ich will dich nur beschützen.“

„Ich kann auf mich selbst aufpassen“, sagt sie so trotzig wie ein Kleinkind. Leider hat sie da absolut unrecht. Jedes einzelne Mal habe ich die Scherben ihres Herzens wieder aufgesammelt, nachdem Pierre es zerbrochen hat. Ich bin mir nicht sicher, wie oft es sich noch kleben lässt. Aber es bringt nichts, jetzt darauf herumzureiten. Deswegen belasse ich es vorerst dabei.

„Gut, Amélie. Sprechen wir nach eurer Reise über die Trauzeugengeschichte, okay? Sollen wir jetzt nicht ein bisschen Spaß haben?“

Sie drückt mich an sich und eigentlich bin ich diejenige, die sich an sie kuschelt, schließlich ist Amélie ein ganzes Stück größer als ich. „Na gut, Kleine. Dann machen wir uns mal hübsch.“

Kapitel 2

Ich trage einen Hauch von Nichts. Ich fühle mich verrucht und sexy. Mein Kleid ist schwarz, knöchellang und hat einen sündhaft tiefen Ausschnitt. Die Maske ist goldbraun mit dunklen, glänzenden Applikationen und ergänzt sich perfekt mit meinem kastanienbraunen Haar. Das Wichtigste allerdings: Sie verleiht mir den nötigen Schutz davor, erkannt zu werden. Es ist seltsam, aber ich bin heute so frei wie selten zuvor. Amélie trägt ein rotes Seidenkleid, das sich sanft an ihre zarten Kurven schmiegt. Da wir die gleiche Haarfarbe haben, könnten wir glatt als Schwestern durchgehen.

Gemeinsam betreten wir den riesigen Ballsaal und sehen uns einen Moment staunend um.

„Das ist ja der Wahnsinn“, flüstert Amélie beeindruckt, dreht sich einmal im Kreis und sieht nach oben zu den zahlreichen Lichtern.

„Nicht übel, oder? Ich sagte doch, das wird die Party des Jahres. Komm mit!“ Ich ziehe sie an der Hand durch den Saal, vorbei an den unzähligen Menschen. Ich kenne natürlich einige der Gäste, bin mir bei manchen aber nicht sicher, ob sie es tatsächlich sind. Es ist ein tolles Gefühl, unerkannt zu bleiben, und ich will auch mit niemandem reden außer mit Amélie. Wir wollen nur etwas Spaß haben, ehe sie für zwei Wochen verreist.

Für meine Verhältnisse habe ich schon einen ordentlichen Schwips, aber ein Glas Champagner geht noch. Wir bahnen uns den Weg zur Bar und beobachten die Szenerie einen Augenblick aus der Distanz, bevor wir uns ins Getümmel stürzen.

Dann wagen wir uns auf die Tanzfläche und wenig später geben wir alles. Über uns hängen dutzende Kronleuchter, was meine Orientierung beeinträchtigt. Mir wird schwindelig und ich taumele. Vielleicht war der letzte Schampus einer zu viel.

„Alles okay?“, fragt mich meine Freundin besorgt.

„Nur eine wenig zu heiß. Ich gehe mal frische Luft schnappen.“ Ich wedele mit beiden Händen vor meinem erhitzten Gesicht.

„Soll ich dich begleiten?“

„Nein, nicht nötig, Süße. Bin gleich wieder da.“ Ich will nicht, dass sie wegen mir eine Pause einlegen muss. Außerdem bin ich in der Lage, auf mich selbst aufzupassen.

„Alles klar, dann genieße ich es noch ein bisschen, hier zu tanzen.“ Ehe ich etwas erwidern kann, hat sie mir einen Luftkuss zugeworfen und sich umgedreht.

Meine Verbündete liebt es, eine flotte Sohle auf das Parkett zu legen. Ich erinnere mich nicht, wie viele Nächte wir zusammen durchgetanzt haben. Obwohl sie in Shanghai geblieben ist, während ich in den Staaten studiert habe, hat unsere Freundschaft nicht darunter gelitten. Eher im Gegenteil. Wir wissen, was wir aneinander haben, und müssen uns nicht jede Woche sehen, um weiterhin gut befreundet zu sein.

Ich bahne mir den Weg durch die Menschenmenge. Die Hitze im Saal ist nun beinahe unerträglich. Endlich habe ich es auf die großzügige Dachterrasse geschafft, die einen herrlichen Blick über den Fluss Huangpu hinweg auf den Bund, dem Vergnügungsviertel Shanghais, bietet. Hier und da stehen einige Gäste, die wie ich frische Luft schnappen wollen. Die Mainacht ist lau und hier oben weht ein angenehm kühler Wind. Ich gehe ein Stück und hinter ein paar Palmen finde ich sogar ein ungestörtes Plätzchen am Geländer.

„Verdammt!“, fluche ich, als ich feststelle, dass sich mein Absatz in einer Ritze zwischen den Holzdielen der Terrasse verhakt hat und ich, beziehungsweise mein Schuh, nun festhänge.

„Entschuldigung, kann ich behilflich sein?“, höre ich eine männliche Stimme hinter mir und zucke zusammen. Sein süßer australischer Akzent ist das Erste, was mir auffällt, noch bevor ich mich ihm zuwende.

„Jesus! Sie haben mich erschreckt.“ Ich lache und presse meine Hand aufs Dekolleté.

So weit wie möglich drehe ich mich in seine Richtung, um einen Blick auf meinen potenziellen Retter zu erhaschen. Er ist groß, ich schätze ihn auf mindestens eins fünfundachtzig. Ich muss ein ganzes Stück zu ihm aufsehen. Die schwarze Maske verdeckt den größten Teil seines Gesichts, hervorstechend sind seine strahlend blauen Augen, die meinen Puls in die Höhe treiben. Breite Schultern, ein gut sitzender Smoking, schmale Hüften, ein sinnlicher Mund …

„Darf ich?“, fragt er mich und geht vor mir in die Hocke. Mein ohnehin schon rasendes Herz schlägt noch schneller, als ich spüre, wie sich seine kraftvollen Hände um meine Fessel legen. Ich trage keine Strumpfhose, seine Finger ruhen auf meiner nackten Haut. Obwohl er mich nur sanft anfasst, springen elektrisierende Impulse auf mich über, bis er den Schuh mit einem Ruck – mit meinem Fuß darin – aus dem Spalt zieht.

„Voilà.“ Er lässt meinen Fuß los und richtet sich neben mir auf.

Sein Blick ist hypnotisierend, ich kann mich nicht von ihm abwenden. Ich will es auch gar nicht.

„Vielen Dank. Danke für die Rettung.“ Meine Stimme ist nur ein Hauch und klingt, als stände ich kurz vor einer Ohnmacht. Vielleicht bin ich das sogar.

„Was macht eine Frau wie Sie alleine hier draußen? Sie sind doch nicht etwa vor Ihrem Prinzen geflüchtet?“ Mein Gegenüber grinst und eine Reihe gerader weißer Zähne kommt zum Vorschein. Ich könnte ihm stundenlang zuhören, ich liebe seinen australischen Akzent.

„Nein. Kein Prinz. Ich wollte nur frische Luft schnappen. Und Sie? Flucht vor der Prinzessin?“ Zum Glück habe ich meine Schlagfertigkeit wiedergefunden.

„Ich habe das Gefühl, meine Prinzessin steht ganz dicht vor mir.“

Mir wird heiß und ich vergesse zu atmen. Es ist nicht nur das, was er sagt, sondern das Wie. Ich bin es gewohnt, umgarnt zu werden, hässlich bin ich ja nicht. Hinlänglich bekannt als gute Partie. Er hat irgendwas an sich, das meinen Körper in Schwingungen versetzt. Und das liegt nur zu einem kleinen Teil an meinem Schwips.

Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich in dieser Sekunde völlig klar, alle meine Sinne sind zum Zerreißen gespannt. Die Maskerade bietet mir die Anonymität, endlich mal etwas Dummes zu tun. Ich überlege, ob das nicht der perfekte Moment dafür wäre.

„Wirklich? Wie kommen Sie auf diesen Gedanken? Ein Krönchen trage ich nicht.“ So einfach will ich es ihm doch nicht machen, außerdem bereitet mir das Flirten mit ihm Vergnügen. Ich habe es nicht eilig, wieder in den stickigen Ballsaal zurückzukehren. Es ist schön hier draußen.

Er tritt einen Schritt auf mich zu. „Ich habe Sie eben aus einer schrecklichen Lage gerettet, habe ich mir damit nicht eine Belohnung verdient?“ Er streicht mir eine Strähne aus dem Gesicht und seine Finger bleiben an meiner erhitzten Wange liegen. Ich schmiege mich an seine warme Haut und sehe unter halb geschlossenen Lidern zu ihm auf.

„Meine Schulden begleiche ich immer sofort …“ Ich lege eine Hand in seinen Nacken, ziehe ihn zu mir und küsse ihn. Meine Lippen streichen sanft über seinen sinnlichen Mund. Vorsichtig liebkose ich ihn und schmecke seinen süßen Atem. Es fühlt sich himmlisch an und ich werde mutiger. Ich knabbere an seiner Unterlippe und spüre, wie er seine Hände um meine Taille legt. Kraftvoll und heiß drücken sie sich durch den dünnen Seidenstoff meines Kleides. Unsere Zungen treffen sich und lernen einander kennen. Zart neckend erforschen wir einander, bis der Kuss leidenschaftlicher und weniger verspielt wird. Schon jetzt stehe ich in Flammen, kann kaum mehr klar denken. Ich will nur, dass es niemals endet. Es ist, als wären seine Lippen für mich gemacht. Zwischen uns passt kein Blatt mehr, meine Brüste pressen sich an seinen Oberkörper und ich wünschte, es gäbe nicht all diesen störenden Stoff auf unserer Haut. Aus dem Funken der Lust ist in kürzester Zeit ein Inferno erwachsen, das mich mit seiner Intensität beinahe überwältigt. Dabei knutschen wir nur. Ich wage nicht, mich zu fragen, was passieren würde, wenn wir hier nicht auf einer Dachterrasse, sondern allein wären …

Es vibriert unter meinen Fingern. Es dauert einen Augenblick, bis ich begreife, dass es mein Handy in der Clutch ist.

Atemlos löse ich mich von ihm. Meine Güte. Was mache ich hier eigentlich? Ich weiß nicht mal, wie der Mann heißt, mit dem ich eben den sinnlichsten Kuss meines Lebens ausgetauscht habe.

Er scheint nicht minder mitgenommen zu sein. Er fährt sich durchs Haar und sieht mich mit seinen unglaublich intensiven blauen Augen an, die mich an das Farbenspiel in der Karibik erinnern.

„Sehen wir uns wieder, Prinzessin?“

Einen Atemzug lang überlege ich. Mein Mund ist schneller als mein Verstand. Aus meiner Tasche greife ich einen Stift und notiere meine Telefonnummer auf der Eintrittskarte, bevor ich sie ihm reiche.

„Ich bin Amélie.“ Ich hauche ihm einen letzten Kuss auf die Wange und stöckele davon.

Ich bin immer noch benommen, als ich Amélie auf der Tanzfläche wiederfinde, die sich im Takt zur Musik wiegt.

„Lass uns was trinken gehen“, schlage ich ihr vor und sie nickt.

Kurze Zeit später halten wir uns an einem weiteren Glas Champagner fest. Amélie hat zusätzlich ein Wasser neben sich stehen. Sie meinte, wenn sie den Champagner gegen den Durst hinunterstürzen würde, müsste ich sie bald nach Hause tragen. Das wollen wir beide vermeiden.

„Oh“, mache ich. „Was ist denn jetzt los?“

Die Partymusik ist verstummt und sanfte Walzerklänge tönen aus den Lautsprechern.

„Wow, da ist ja romantisch“, seufzt Amélie. „So habe ich mir einen Maskenball immer vorgestellt. Fehlt nur noch der Fremde, der einen zum Tanz auffordert …“

Sie hat recht. Ich denke da natürlich an einen ganz bestimmten Kandidaten und sehe mich in der Menge um. Gerade als ich etwas zu meiner Freundin sagen will, tippt mir jemand auf die Schulter.

„Darf ich bitten?“, höre ich eine angenehme dunkle Stimme mit australischem Akzent.

Aus dem Augenwinkel bekomme ich mit, wie überrascht Amélie dreinschaut. Mein Mund verzieht sich zu einem Lächeln. „Sehr gerne“, gebe ich zurück, lege meine Hand in seine, während er mich zur Tanzfläche dirigiert.