Verlag: epubli Kategorie: Ratgeber Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Der Meister-Detektiv: Ein lustiger Fankfurt-Krimi E-Book

Dieter Burkard  

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E-Book-Beschreibung Der Meister-Detektiv: Ein lustiger Fankfurt-Krimi - Dieter Burkard

Davids erster Fall: Der 28-jährige Sonnyboy David Meister sucht das verschwundene Model Gina und stolpert über einen alten Mordfall. Ist Gina Opfer eines in Frankfurt am Main wütenden Serienmörders geworden? Die Spur führt zu einem Schönheitschirurgen mit ungewöhnlichen Geschäftspraktiken. Gebrochene Tabus, peinliche und komische Situationen begleiten die Recherchen. Die Erlebnisse in Miami Beach, Florida, stellen David auf die Probe. Kaum ist das Rätsel gelöst, gerät David selbst in Not. Nichts ist, wie es scheint und alles wird anders als es war … Bonus ab Seite 387: Das Leben von David Meister. Die Liebesgeschichte beginnt 10 Jahre vor dem Krimi. Die 14-jährigen, unerfahrenen Freundinnen Julia und Sandra richten in einem Freibad spontan ihren Liegeplatz neben zwei gut aussehenden Jungs ein. Vorurteile und Ängste verwandeln sich in Neugier. Innerhalb weniger Stunden verändert sich das Leben aller Beteiligten extrem unterschiedlich … für immer!

Meinungen über das E-Book Der Meister-Detektiv: Ein lustiger Fankfurt-Krimi - Dieter Burkard

E-Book-Leseprobe Der Meister-Detektiv: Ein lustiger Fankfurt-Krimi - Dieter Burkard

Vorwort

Vielen Dank, dass Sie die Sonderausgabe zum Beginn der Reihe Der Meister-Detektiv in den Händen halten! Sie lernen in diesem Buch einige sympathische und andere, nicht ganz so nette Personen, ihre Stärken und Schwächen sowie die Hintergründe kennen. Begleiten Sie David Meister in seinem ersten Fall.

Der erste Teil dieses Buches ist im Handel unter dem Titel Der Meister-Detektiv: Chicken oder Pasta? Ein lustiger Frankfurt-Krimi auch einzeln erhältlich. Im zweiten Teil lesen Sie als Bonus Das Leben von David Meister. Die Vorgeschichte beginnt zehn Jahre vor dem Krimi und ist unter dem Titel Schnuckelchen gesucht … David gefunden! ebenfalls einzeln im Handel verfügbar.

Der nächste Band mit einem neuen Kriminalfall ist für Mitte des Jahres 2019 geplant.

Für die Unterstützung durch Lob, Anregungen, Kritik und spannende Diskussionen danke ich allen Testleserinnen und Testlesern sowie meinen Geschwistern Doris und Peter Burkard, Christian und Stefan Nell, Gabriele Hoyer und Danijela Krcic-Milenkovic.

Viel Spaß beim Lesen!

Neu-Isenburg, im November 2018

Dieter Burkard

Über das Buch

Davids erster Fall:

Der 28-jährige Sonnyboy David sucht das verschwundene Model Gina und stolpert über einen alten Mordfall. Ist Gina Opfer eines in Frankfurt am Main wütenden Serienmörders geworden?

Die Spur führt zu einem Schönheitschirurgen mit ungewöhnlichen Geschäftspraktiken. Gebrochene Tabus, peinliche und komische Situationen begleiten die Recherchen. Die Erlebnisse in Miami Beach, Florida, stellen David auf die Probe. Kaum ist das Rätsel gelöst, gerät David selbst in Not. Nichts ist, wie es scheint und alles wird anders als es war …

Bonusgeschichte: Das Leben von David Meister.

Die Liebesgeschichte beginnt 10 Jahre vor dem Krimi.

Die 14-jährigen, unerfahrenen Freundinnen Julia und Sandra richten in einem Freibad spontan ihren Liegeplatz neben zwei gut aussehenden Jungs ein. Vorurteile und Ängste verwandeln sich in Neugier. Innerhalb weniger Stunden verändert sich das Leben aller Beteiligten extrem unterschiedlich … für immer!

Über den Autor

Dieter Burkard wurde 1970 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main und arbeitet seit 1999 als Volljurist in Neu-Isenburg.

Auf Reisen, die ihn oft in die USA, aber auch in viele andere Länder führen, sammelt er Ideen für spannende Geschichten und entdeckt darin auch die komischen Seiten des Alltags.

Informationen im Internet:

www.meister-detektiv.de

www.dieter-burkard.com

Impressum

Text:

© 2018 Dieter Burkard

Umschlaggestaltung:

Simone Just und Dieter Burkard

Bildnachweis:

Petra Riesinger

istock.com/instamatics

istock.com/cookeIma

istock.com/Jacob Wackerhausen

E-Book-Gestaltung:

Dieter Burkard

Verlag:

Dieter Burkard

Schönbornring 34

63263 Neu-Isenburg

E-Mail: info@Dieter-Burkard.com

Inhalt

Vorwort

Über das Buch und den Autor

Impressum

Der erste Fall

Der Flug

Die Suche

Annäherungen

Privatleben

Bekanntschaften

Alles wird schön?

Der Hausbesuch

Das Model

Enthüllungen

Begleitservice

Auslandseinsatz

Zimmer 321

Die Party

Freundschaften

Forderungen

Schneller Besuch

Männertag

Ein Bild von einem Mann

Showtime!

Der Empfang

Hilfsbereitschaft

Bonus:

Das Leben von David Meister

Vorgeschichte

Prolog

Freier Nachmittag

Freundschaften

Gleich und doch ungleich

Verwechselungen

Abschluss

Reifeprüfung

Eltern

Frauenurlaub

Männerurlaub

Was aus uns wurde

Der Flug

Chicken oder Pasta?«, fragte die Flugbegleiterin den blonden Mann in der 30. Reihe des fast voll besetzten Flugzeugs.

Die Linienmaschine befand sich über dem Atlantik auf dem Rückflug von Miami, Florida, nach Frankfurt am Main.

»Was schmeckt Ihnen denn besser?«

Das routinierte Lächeln der Stewardess verschwand für einen Augenblick. Vor ihr saß der 28-jährige blonde Sonnyboy David und schaute sie mit seinen blauen Augen erwartungsvoll an. Er übte wegen seines schönen Gesichts und der sportlichen Erscheinung seit seiner Jugend eine Faszination auf Frauen aus. Nach außen strahlte David eine unglaubliche Ruhe aus, sodass ihm alle Menschen freundlich begegneten. Nur so war zu erklären, dass er nach kurzer Bedenkzeit eine ungewöhnlich ehrliche und dennoch diplomatische Bewertung der Qualität der angebotenen Speisen erhielt.

»Der Nachtisch ist bei beiden Essen gleich und schmeckt eigentlich ganz gut.«

»Ich glaube, ich verzichte lieber auf das Essen.«

Der Sitznachbar des spontan appetitlos gewordenen David erwachte, da in seiner Gegenwart nicht nur von Essen gesprochen wurde, sondern auch der Geruch von aufgewärmten Speisen zu seiner Nase gelangte. Seit dem Abflug beschränkte sich die Tätigkeit des fülligen Mannes auf vollständiges Ausfüllen seines Sitzplatzes unter Einbeziehung der angrenzenden Armlehnen und Schwitzen. »Wenn Sie nichts essen wollen, darf ich Ihr Menü dann haben? Ich gebe Ihnen gerne meinen Nachtisch. Ich mag sowieso keine kleinen Kuchenstücke.«

»Sie können gerne …«

»Chicken oder Pasta?«, fragte die Serviererin erneut. Sie war wohl darauf bedacht, die übrigen Passagiere nicht länger warten zu lassen.

»Beides bitte! Mein Nachbar hat mir sein Essen freundlicherweise überlassen.«

Die Flugbegleiterin reichte dem Herrn ein Tablett mit Chicken als Hauptgericht.

»Danke!«

Danach nahm sie ein weiteres Tablett aus dem Servierwagen und legte eine Alu-Schale mit Pasta darauf.

»Darf ich mein zweites Essen bei Ihnen auf dem Klapptisch parken?«

»Ja, ich wollte sowieso gerade aufstehen und meine Beine bewegen. Moment …, lassen Sie mich bitte zuerst raus, bevor Sie das zweite Tablett nehmen«, bat er die Stewardess.

Die Flugbegleiterin zog ihren rappelnden Servierwagen etwas nach hinten, um David die Flucht nach vorne zu ermöglichen. Es war offensichtlich, dass er nicht Zeuge werden wollte, wie sein Nachbar auf engstem Raum zwei Essen vertilgen und dabei sicherlich noch mehr transpirieren würde.

* * * *

Auf dem kurzen Spaziergang durch die Kabine betrachtete David interessiert die anderen Fluggäste, wie sie ihr Essen aus den Verpackungen pulten und sich dabei teilweise bekleckerten. Einige Passagiere, vor allem die weiblichen, folgten ihm mit ihren Augen, als er langsam vorbeiging und in die Sitzreihen schaute. Bei Reihe 13 zögerte er kurz, hatte er doch einen Passagier entdeckt, der ihm auf dem Hinflug aufgefallen und deutlich in Erinnerung geblieben war.

* * * *

Eine Woche zuvor hatte David auf dem Hinflug von Frankfurt nach Miami zufällig neben dem Herrn gesessen. David wurde beim Einsteigen freundlich gebeten, sich auf einen anderen Platz zu setzen, da sein Sitz beim vorherigen Flug durch einen ungeschickten Passagier mit Tomatensaft getränkt worden war. Neben dem neu zugewiesenen Platz saß eine hübsche, blonde, junge Frau, die durch einen älteren Herrn begleitet wurde.

Während des Fluges wollte David mit ihr Kontakt aufnehmen, um die Reise kurzweiliger zu gestalten. Eine Frage sollte nach seiner Vorstellung ausreichen, um das Eis zu brechen. »Hallo, ich bin David Meister. Fliegen Sie mit Ihrem Vater auch nach Miami?«

Als wenn sie nur auf eine Frage gewartet hätte, startete die Blonde eine Art Vorstellungsrunde. »Ja, da fliege ich auch hin. Was für ein Zufall! Ich heiße Gina. Das ist aber nicht mein richtiger Name. Ich bin nämlich Fotomodel und Heike klingt nicht so gut, sagt Heinz.«

»Wer ist Heinz?«

»Das ist der Mann neben mir. Er ist leider nicht mein Vater, aber er ist gut zu mir. Was machst du so, Süßer?«

Erstaunt über die unerwartet intime Ansprache zögerte David kurz. »Model?«

»Ach, du auch? … Passt zu dir, du siehst suuuper toll aus!«, antwortete Gina spontan und legte ihre linke Hand auf sein rechtes Bein.

»Nein, ich bin kein Model, sondern Verwaltungsangestellter«, erklärte David.

»Als Fotomodel könntest du sehr erfolgreich sein. Ich erkenne Talente, wenn ich sie sehe.«

»Machen Sie Modenschauen oder Kataloge?«

Gina bewegte ihre Hand weiter aufwärts über Davids Bein, der auf dem Sitz vor Schreck zurückrutschte und eine extrem aufrechte Haltung einnahm. »Beides, Süßer. Ich bin Model für Bodymods, hat mir Heinz gesagt.«

»Was ist das denn?«

»Das kann mein Chef besser erklären. Heinz … Heinz?«

Mit wohlklingend männlicher Stimme stellte sich der Mann auf dem Fenstersitzplatz mit dunklem Anzug und Krawatte im Stil eines Autoverkäufers vor: »Guten Tag, ich bin Prof. Dr. med. Heinz Gustav Winkel. Gina präsentiert meine neuesten Entwicklungen, für die ich Marktführer bin, weltweit, versteht sich. Sehen Sie zum Beispiel hier an den Wangenknochen«, sagte er und deutete mit dem Zeigefinger auf ihr Gesicht. Er drückte dann eine Delle in die Haut. »Das bekommt kein anderer so gut hin. Gina war vorher total hässlich und jetzt ist sie total neu, total innovativ und total schön. Oder hier: In die Brust rechts habe ich das neue Implantat X747 eingesetzt. Links ist noch das Standard-Modell drin.«

»Aha. … Warum verschiedene Implantate?«

»Wir präsentieren den Unterschied auf einer Fachmesse in Miami Beach. Übernächste Woche machen wir vielleicht auch die andere Seite …«, sagte der Professor und beugte sich vor Gina. Er ergriff ohne Ankündigung Davids rechte Hand und führte sie zu Gina. »Legen Sie mal Ihre Hand auf die linke Brust und dann auf die rechte. Sie werden erstaunt sein.« Er drehte sich auf seinem Sitz nach links, um das Geschehen besser kontrollieren zu können. »Warten Sie. … So geht das nicht. … Gina, öffne mal deine Bluse, damit Herr Meister sich von den Vorteilen überzeugen kann.«

David wusste nicht, wie ihm geschah und erst recht nicht, ob er auf die sehr ungewöhnliche Situation nur peinlich überrascht oder sogar schon schockiert reagieren sollte. »Ich weiß nicht. Das ist mir aber jetzt ein wenig …«

»Sind Sie etwa nicht an moderner Wissenschaft interessiert, Herr Meister?«, fragte er erstaunt über das Zögern.

»Doch, doch … ich bin ja auch Wissenschaftler. Ich entwickle nämlich Verwaltungsvorschriften«, erläuterte David und versuchte, seine Unsicherheit durch Reden auf sachlicher Ebene zu verbergen. »Ich denke, ich sollte die Vorteile durch intensiven sensorischen Vergleich der beiden Warenmuster …«

Die unmittelbar bevorstehende Begutachtung wurde durch eine schrille weibliche Stimme von der linken Seite unterbrochen. »Entschuldigen Sie mal bitte …«

David und der Professor wendeten ihre Köpfe nach links, während Gina weiterhin auf die Rückenlehne vor ihr starrte. Auf der anderen Seite des Gangs saß in derselben Reihe eine dunkelblonde, ca. 34 Jahre alte Frau in Begleitung ihrer beiden Kinder. »Wir?«, fragten die zwei Herren zugleich. Der Professor hielt dabei Davids Hand noch in seiner Hand.

»Ja, genau Sie! Können Sie Ihre perversen Spiele bitte nicht in Gegenwart meiner Kinder Florian-Sebastian und Janine-Chantal machen? Eine Unverschämtheit! … Stewardess! … Stewardess!!!«, rief die echauffierte Mutter über den Gang hinweg.

Der Professor bemerkte die von ihm nicht beabsichtigte Einbeziehung der Öffentlichkeit und versuchte, die Frau zu beruhigen. »Bitte nicht aufregen. Möchten Sie meinen neuen Herbstkatalog haben?«, fragte der Professor. Er ließ Davids Hand los und beugte sich nach vorne zu seiner Tasche, die er unter den Vordersitz geschoben hatte. »Vielleicht ist ja was für Sie, Ihren Mann oder Ihre reizenden Kinder dabei? Ich würde Ihnen einen Vorzugspreis mit Familientarif und Chefarztbehandlung machen. Das ginge jedoch nicht vor dem 19. nächsten Monat, weil …«

Die schrille Stimme übertönte den Professor erneut. Zugleich drückte die Frau in schneller Folge auf die Ruftaste für das Flugpersonal. »Stewardess!!!«, schrie die um das Wohl ihrer Zöglinge besorgte Mutter mit der grünen Häkeljacke und dem zwischenzeitlich dunkelroten Gesicht.

David durfte auf Geheiß der herbeigeeilten Flugbegleiterin bis zur Ankunft in Miami die Vorzüge der Business-Klasse genießen und erfahren, dass man im Flugzeug auch gutes Essen bekommen konnte, wie er es gewohnt war. »So bekommt man also ein Upgrade«, sagte er leise zu sich selbst, während er sich entspannt im Sessel zurückgelehnt und aus seinem Fenster die Wolken unter ihm betrachtet hatte.

* * * *

David stand noch immer in Reihe 13 und sah den allein reisenden Professor entgeistert an. ›O Gott, der peinliche Professor vom Hinflug. Hoffentlich sieht er mich nicht. Aber wo ist Gina?‹, dachte David und ging langsam weiter, ohne dass der Professor ihn bemerkte.

Die Essensausgabe war beendet. Um seinem Sitznachbarn in der 30. Reihe etwas mehr Zeit für die Nahrungsaufnahme zu gewähren, lief David auch den Gang auf der anderen Seite des Flugzeugs ab. Auf der Suche nach Gina schaute er in die Gesichter der vielen Fluggäste, die seine Blickkontakte teilweise freundlich erwiderten. Eine junge Frau versuchte mit ihm zu flirten und sah ihm hinterher. Manchmal werden Reisende getrennt gesetzt, wenn die Sitzplätze nicht reserviert wurden, wie David wusste, sodass er damit rechnete, Gina jeden Moment zu finden. Aber auch die intensivste und doppelte Suche blieb erfolglos.

David setzte sich auf seinen Sessel neben den inzwischen schon wieder eingeschlafenen dicken Sitznachbarn. Die Eskalation des Hinflugs noch in peinlicher Erinnerung, beschloss er, den Professor nicht nach dem Verbleib von Gina zu fragen. Er musste den ganzen Flug über an sie denken, weil er sich aus einem unerfindlichen Grund Sorgen machte und blickte immer zur Seite, wenn eine Frau durch den Gang lief.

* * * *

Nach der pünktlichen Landung in Frankfurt am Main erreichte das Flugzeug die Parkposition am Terminal. Überall hörte man Handys der Fluggäste piepen, als diese die entgangenen Nachrichten der vergangenen Stunden empfingen. In den engen Gängen standen die Passagiere dicht gedrängt. Einige versuchten, ihr schweres Handgepäck aus der Gepäckablage zu wuchten, ohne den Nachbarn zu erschlagen und sahen sehnsüchtig dem Augenblick entgegen, in dem sich die Warteschlange in Bewegung setzen würde.

Die Flugzeugtür öffnete sich und die Passagiere eilten zur Passkontrolle und dann weiter zur Gepäckausgabe, als wenn es einen Wettlauf gegeben hätte.

In der Halle versammelten sich die Reisenden rund um das Gepäckband Nummer fünf und fast jeder versuchte, einen Platz in der ersten Reihe zu bekommen. Da warteten sie nun alle 20 Minuten, bis das Band anlief und nach einer Weile ein bunter Trolley auf das untere Gepäckband rutschte. Weitere Koffer kamen in rascher Folge und es gab kleinere Rangeleien zwischen den dicht an das Band gedrängten Leuten, bis der Koffernachschub stoppte und wieder eine Phase des Wartens begann.

Die ganze Zeit über beobachtete David die Wartenden. Dabei gab es einige kurze Blickkontakte zu den Mitreisenden und die junge Frau, die bereits im Flugzeug an David interessiert war, lächelte ihn an. Müde vom langen Rückflug, ignorierte er den Versuch, ihn kennenzulernen. Gina konnte er auch hier nicht entdecken. Dann sah er gerade noch den Professor am Ende der Halle beim Passieren der Zollkontrolle. Ihm war entgangen, dass dieser seinen Koffer bereits vom Band genommen hatte.

Das Ausgabeband lief wieder an. Davids schwarzer Hartschalenkoffer kam zuerst, rutsche unsanft die Schräge herunter und knallte gegen den Rand des Gepäckbandes. Nachdem David sich nochmals vergewissert hatte, keinen ähnlich aussehenden Koffer heruntergenommen zu haben, ging er zum Ende der Halle und wählte den grün markierten Ausgang, da er nichts zu verzollen hatte. Die Zöllnerin ließ ihn ohne Kontrolle passieren.

* * * *

Vor dem Ausgang in der Halle des Flughafens warteten viele Leute, die teilweise Schilder mit groß geschriebenen Namen vor sich hielten.

David wusste, dass ihn niemand empfangen würde. Etwas neidisch blickte er daher auf die Reisenden, die ihren Angehörigen freudestrahlend in den Armen lagen. Er trottete an ihnen vorbei, zog seinen Koffer hinter sich her, verließ das Terminalgebäude und freute sich über das schöne Wetter. Bereits am Vormittag war es warm und die Sonne schien, sodass er das tropische Klima von Florida nicht sehr vermisste. Er ging zu den wartenden Taxis und wollte gerade in einen Wagen einsteigen, als er den Professor in einem vorbeifahrenden Taxi auf dem Beifahrersitz entdeckte. ›Ich hätte ihn doch nach Gina fragen sollen‹, dachte er und ärgerte sich über sich selbst.

Kurz darauf verließ David den Flughafen und ließ sich nach Hause bringen. Auf dem Heimweg unterhielt er sich nicht mit dem Taxifahrer, sondern dachte über die verpasste Gelegenheit nach, seine Frage beantwortet zu bekommen. Er verstand selbst nicht, warum er sich so sehr für Gina und ihren Verbleib interessierte. Irgendetwas faszinierte und beunruhigte ihn zugleich, ohne dass er den Grund dafür kannte.

Die Suche

Den nächsten Tag wollte David ruhig angehen. Sechs Stunden Zeitverschiebung entfalteten ihre Wirkung durch große Müdigkeit. Am späten Vormittag fuhr er ziellos mit seinem Fahrrad in die Frankfurter Innenstadt. Er hatte seine Lieblingskleidung an: kurze Jeanshose, ein graues T-Shirt, weiße Sneaker und eine Baseballmütze, die er gerne umgekehrt trug. Die Augen schützte er mit einer dunklen Sonnenbrille, da die Sonne an diesem Tag extrem hell vom wolkenlosen Himmel schien. Nach einigen Tagen Abwesenheit wollte er die Stadt wiedersehen, die er so sehr liebte. Hier hatte er sein gesamtes bisheriges Leben glücklich verbracht.

Vermutlich lenkten seine Gedanken sein Rad. So kam es, dass er gegen 12:00 Uhr ungeplant an einem kleinen Internetcafé im Stadtteil Sachsenhausen anhielt und das Fahrrad vor der mit greller Werbung beklebten Schaufensterscheibe abstellte.

Im Laden waren alle Arbeitsplätze belegt. Die Wärme der elektrischen Geräte, die Geräusche der Computer und das Rauschen der Ventilatoren, die der Ladeninhaber wegen der Hitze aufgestellt hatte, machten den Aufenthalt nicht besonders angenehm. Ein paar Nutzer telefonierten, ihre Stimmen in unterschiedlichen Sprachen überlagerten sich.

David betrat das Geschäft und hatte Glück, dass gerade ein Computer frei wurde. Die Zeit an dem Arbeitsplatz war noch nicht abgelaufen. Ohne eine weitere Münze einwerfen zu müssen, konnte er den Rechner nutzen. Dies war dem Betreiber des Ladens offensichtlich entgangen, sonst hätte er die Weiternutzung des nicht aufgebrauchten Guthabens sicherlich unterbunden. David setzte sich und begann im Internet zu suchen. Er bemerkte nicht, dass ihm gegenüber eine gelangweilte jüngere Frau mit leichter Sommerkleidung saß.

Sie versuchte krampfhaft, mit ihm Blickkontakt aufzunehmen. Vermutlich kam sie nur in den Laden, um Leute kennenzulernen. Sie saß untätig vor ihrem Bildschirm, strich hin und wieder mit ihrer rechten Hand durch ihre langen Haare und hoffte auf ihr Glück.

David wollte unbedingt den Professor finden. Er ärgerte sich noch immer über seine Entscheidung, ihn auf dem Rückflug nicht nach dem Verbleib von Gina zu fragen. An der auffälligen Gina hatte er kein Interesse. Ihn beschäftigte nur die Ungewissheit, was mit ihr passiert sein könnte. Instinktiv fühlte er, dass etwas nicht stimmte. Dummerweise wusste er den Namen des Professors nicht mehr genau und versuchte, sich an ihn zu erinnern. War es Hans Winkelmann? Nach welchem Beruf sollte er suchen? David tippte hektisch Suchbegriffe, wie Schönheit oder Brustvergrößerung ein. Schließlich konnte er die Suche auf zwei Ärzte eingrenzen und dann sogar den richtigen anhand eines Fotos auf der Internetseite finden:

Prof. Dr. med. Heinz Gustav Winkel.

Der Spezialist für Ihre Schönheit!

Unverbindliche und kostenlose Erstberatung.

Viel Mühe hatte sich der Schönheitsspezialist mit seiner Internetseite nicht gegeben. Das Design war veraltet und es gab nur wenige Bilder, keinen Lebenslauf oder andere Angaben, die man hätte erwarten können. Er fand die Adresse und hatte Glück: Der Arzt hatte seine Praxis in Frankfurt. Schnell druckte er die Anschrift auf dem Drucker neben seinem Arbeitsplatz aus, um sich die Daten nicht merken zu müssen. Er stand auf und nahm das Blatt aus dem Gerät.

»Können Sie mir kurz helfen?«, fragte die Frau vor dem Monitor gegenüber und sah ihn erwartungsvoll an.

»Ich muss leider gehen, vielleicht nächstes Mal?« Er verließ eilig den Laden.

Als David das Schloss an seinem Fahrrad öffnete, bemerkte er, dass ihn die Frau aus dem Café beobachtete. Er konnte sehen, wie sie ihn durch die Lücken zwischen den aufgeklebten Buchstaben auf dem Schaufenster ansah, bis er davonradelte.

* * * *

David kannte sich in Frankfurt sehr gut aus, sodass er keine Probleme hatte, die Adresse in der Nähe des Palmengartens im Westend zu finden. Er überquerte die Alte Brücke, von der er einen herrlichen, klaren Blick auf die Frankfurter Skyline hatte. Obwohl der Anblick ihm vertraut war, schaute er nach links, um das Ensemble von Hochhäusern der berühmten Skyline sehen zu können. Jedes Mal, wenn er diese Ansicht von Frankfurt vor sich hatte, wirkte sie anders auf ihn: Die Tageszeit, das Wetter und die Jahreszeiten veränderten den Anblick, der ihn immer wieder erneut faszinierte. Er fuhr mit dem Rad ein langes Stück durch die Stadt und nutzte dabei alle Abkürzungen, die ihm einfielen. Auf den Straßen herrschte dichter Verkehr, sodass er mit seinem Fahrrad schneller war. Einige Autofahrer hupten David an. Sie glaubten wohl, er fahre rücksichtslos. Vielleicht waren sie in ihren langsamen, stickigen Autos aber nur neidisch auf die raschere Fortbewegungsart, während sie wegen der zahlreichen Baustellen kaum vorankamen.

* * * *

Die unangenehme Suche eines Parkplatzes, die vor allem im Westend immer besonders schwierig war, entfiel für David. Er stelle sein Rad einfach vor dem sehr gepflegten, beeindruckenden Altbau mit Sandsteinfassade ab. Neben dem Hauseingang fiel ihm eine glänzende Messingtafel auf:

Prof. Dr. med. Heinz Gustav Winkel

Plastischer Chirurg

3. OG

Unverbindliche Erstberatung

dienstags von 14 bis 15 Uhr

David betrat das Haus kurz nach 14 Uhr. Im Foyer hing ein auffälliges Schild mit einem Pfeil, der Besuchern den Weg zur Praxis von Prof. Dr. Winkel zeigte. Sie lag in der obersten Etage, in die man spektakulär mit einem alten Aufzug gelangen konnte. David fiel auf, dass der Lift dennoch nahezu geräuschlos nach oben fuhr. Seine positive Einschätzung setzte sich fort, als sich die Tür zur Arztpraxis vor ihm automatisch öffnete.

Die Praxis war luxuriös eingerichtet. Der Tresen am Empfang bestand aus massivem Tropenholz mit einer Arbeitsplatte aus hochglänzendem Marmor, eingefasst von runden Säulen, die bis zur Decke reichten. Gegenüber der Theke stand ein Glastisch mit einer Porzellan-Blumenvase, die mit einem großen Strauß frischer Rosen gefüllt war. Ein hochwertiger Parkettboden war im Eingangsbereich verlegt, der sich in den Flur zu den Räumen der Praxis fortsetzte. Der Empfang wurde stimmungsvoll durch kleine Spots beleuchtet, die teilweise ihre Lichtkegel auf die Seidentapeten warfen und die goldfarbenen Ornamente an den Wänden glänzen ließen. Es roch nicht nach Reinigungs- oder Desinfektionsmitteln, wie es in Arztpraxen und Krankenhäusern häufig der Fall ist. Vielmehr lag ein angenehmer, dezenter Rosenduft in der Luft, der passend durch leise klassische Musik untermalt wurde. Der Empfang wirkte auf David wie die Rezeption der Wellness-Landschaft eines Luxushotels. Er fühlte sich sofort wohl und spürte, dass der Professor seinen Job lieben musste.

David nahm seine Sonnenbrille und die Kappe ab. Die blonden Haare darunter waren feucht und wirkten ungekämmt. »Guten Tag, ich bin David Meister und möchte gerne den Professor sprechen«, sagte er zu der stark geschminkten, aber insgesamt gut gestylten 23 Jahre alten Sprechstundenhilfe.

»Sie haben Glück. Es ist gerade nichts zu tun. Ich bringe Sie ins Sprechzimmer. Die Formalien machen wir später, falls der Professor sie annimmt.«

Überrascht über die unerwartet schnelle Bedienung folgte er der Helferin, deren Namensschild am Kittel die Aufschrift Maggie trug. Sie durchschritten den Flur auf dem glänzenden Parkettboden. An den Wänden hingen Gemälde von Landschaften.

Die 1,65 m große Sprechstundenhilfe Maggie forderte ihn freundlich, aber bestimmt auf, in das Untersuchungszimmer zu gehen. »Nehmen Sie hier bitte Platz. Der Chef kommt gleich«. Sie schloss die Tür und ging zu ihrem Arbeitsplatz am Eingang zurück.

Der Raum war einfach dekoriert und bildete einen starken Kontrast zum vorderen Teil der Praxis. Auf dem Schreibtisch stand ein Telefon. Viele bunte Filzstifte warteten parallel angeordnet auf ihre Nutzung. Außerdem standen eine Liege, drei Stühle und ein sehr großer Spiegel auf Rollen im Zimmer.

David legte seine Mütze und die Sonnenbrille auf die Liege und nahm auf einem Stuhl Platz.

Eine gefühlte Viertelstunde später öffnete sich die Tür und der Professor trat ein. Er trug einen dunklen Anzug und eine gestreifte Krawatte.

David stand höflich auf.

Das bemerkte der Professor aber nicht, da er gedankenverloren in einer Akte blätterte. »Guten Tag! Bitte ausziehen!«, forderte er, schloss die Tür und blickte dabei unentwegt in seine Unterlagen.

»Hallo, Herr Professor, ich …«

»Ausziehen, ich habe nicht viel Zeit.«

David war fassungslos über die unhöfliche Art des Mediziners, die gar nicht zu seinem ersten Eindruck von der Praxis passte und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Vermutlich leistete er deswegen der Aufforderung unverzüglich Folge. Das graue, von der Fahrt mit dem Rad leicht verschwitzte T-Shirt und die kurze Jeanshose hatte er auf einem Bein hüpfend schnell abgestreift, während er zugleich die weißen Sneaker auszog. Jetzt hatte er nur noch kurze graue Socken und eine schwarze Boxer-Shorts an.

»Bitte ganz ausziehen!«

Der Mann kannte keine Kompromisse, das wurde David sofort klar. Er hatte das Gefühl, bei einer Musterung durch die Bundeswehr zu sein anstatt einem Arzt zu begegnen, zu dem ein Patient ein Vertrauensverhältnis aufbauen konnte. Schließlich fielen auch die letzten Textilien. David warf seine Kleidungsstücke im hohen Bogen auf die Liege.

»Ich muss Maggie sagen, dass sie die nächsten Patienten besser vorbereiten soll, so geht das nicht«, sagte der Professor und legte die Akte auf den Schreibtisch. Er zog einen weißen Kittel über und sah danach seinen Besucher erstmals aufmerksam an. Hierzu lief er prüfend zwei Runden um den Patienten, rückte dabei seine Brille zurecht und fasste David an eine Schulter, um ihn nochmals zu drehen. »Junger Mann, wollen Sie meine Zeit verschwenden?«, fragte der Professor und nahm seine Brille ab, um sie sogleich wieder aufzusetzen.

Davids Gesichtsausdruck wandelte sich von unterwürfig zu erstaunt.

»An Ihnen ist alles dran«, fuhr er fort. »Außer Fett! Die Proportionen sind perfekt und ebenmäßig, klar definierte Muskeln! Glückwunsch! Sie leben offensichtlich gesund! An Ihnen gibt es fast nichts zu verbessern!«

»Außer?«

»Gehen Sie mal wieder zum Frisör, dann ist auch der allerletzte minimale Mangel behoben.«

David strich mit einer Hand durch seine verwuschelten Haare und versuchte, diese zu ordnen.

Der Professor schaute ihm nochmals genauer ins Gesicht, zögerte kurz und nahm seine Brille ab. Sein bisher etwas grimmiger Gesichtsausdruck hellte sich auf und verwandelte sich in ein freundliches Lächeln. »Jetzt erkenne ich Sie erst! Wir haben uns doch im Flugzeug nach Miami so nett über fachliche Themen unterhalten, bis sich diese aufdringliche Frau eingemischt hat. Erinnern Sie sich an mich?« Er ging zum Telefon auf seinem Schreibtisch, drückte eine Taste und kam zurück.

»Ja, ich erinnere mich. … Deshalb bin ich hier.«

»Es ehrt mich, dass Sie zu mir kommen und sich mir anvertrauen möchten«, sagte der Professor stolz. »Mal ganz im Ernst, Herr Meister, so heißen Sie doch, wenn ich mit richtig erinnere.«

David nickte zustimmend.

»Es ist mir ein Rätsel, was Sie erwarten. Ich habe noch nie einen so perfekten Körper eines jungen Mannes gesehen. Da stimmt das ganze Paket, unglaublich!«

In dem Augenblick öffnete sich die Tür und Maggie kam herein. Ihr Blick fiel sofort auf den nackten David in der Mitte des Raumes und blieb an ihm haften. Ehrfürchtig blieb sie stehen.

»Sehen Sie, Maggie!«, sagte der Professor und zeigte auf David. »Das habe ich neulich gemeint, als ich von einem perfekten Körper sprach. Den muss Michelangelo als Vorbild im Kopf gehabt haben, als er seinen David aus einem einzigen Marmorblock schuf. Schaue dir seinen Namensvetter genau an … rein wissenschaftlich, natürlich!«

›Ja, rein wissenschaftlich und natürlich ungefragt‹, dachte David. Stolz nahm er eine gerade Haltung an.

Entzückt umrundete Maggie David mehrmals und betrachtete seinen Körper ausgiebig von allen Seiten.

»Ja, ich verstehe jetzt, was Sie meinen, Herr Professor. … Wirklich sehr schön. … Gefällt mir sehr gut. Ich finde es toll, dass man die Muskeln am Oberkörper so gut sehen kann, weil er schön rasiert ist.« Maggie ging einen Schritt zurück, um nochmals einen Gesamteindruck zu erhalten. »Der Rest ist aber auch sehr schön, finde ich. … Vor allem der …«

»Maggie, jetzt bedanke dich bei Herrn Meister, dass er dir erlaubt hat, ihn als Studienobjekt in Augenschein zu nehmen und bringe uns einen Kaffee. … Ich meine natürlich zwei: einen für jeden von uns.«

»Danke, Herr Meister«, sagte sie weisungsgemäß mit strahlenden Augen.

»Ich hoffe, ich konnte bei Ihrer Fortbildung helfen«, antwortete er leicht verlegen.

»Darf ich bei dem Gespräch dabei bleiben und das Studienobjekt noch genauer betrachten, Herr Professor? Ich kann bestimmt viel lernen! Ich kenne noch nicht alle männlichen Körperteile so gut.«

»Nein, bitte kümmere dich um den Empfang«, antwortete er ablehnend und schob Maggie Richtung Tür.

Sie wollte das Zimmer jedoch noch nicht verlassen, wich dem Professor mit einem Schritt zur Seite aus und sah zu David. »Schade! … Schwanz … äh schwarz oder mit Milch und Zucker, Herr Meister?«, fragte sie erschrocken über ihre Freudsche Fehlleistung mit gerötetem Gesicht.

»Schwarz, bitte«, antwortete David und sah grinsend zu Maggie.

»Gerne! Herr Meister, können Sie mir bitte Ihre Telefonnummer geben?«

Der Professor hob eine Hand. »Nein, Maggie. Er wird kein Patient.« Er schob sie sanft Richtung Tür.

David hatte verstanden, dass die Frage mehr privater Natur war. Er ging nicht darauf ein und war froh, dass der Professor für ihn entschieden hatte.

Enttäuscht verließ Maggie das Zimmer.

Der Professor betrachtete David nochmals und ging eine weitere Runde um ihn herum. »25?«

»28, wenn Sie mein Alter meinen.«

»Wie oft treiben Sie Sport?«

»Etwa zwei Mal wöchentlich.«

»Welche Sportarten?«

»Manchmal Schwimmen, Badminton oder auch Volleyball – je nachdem, was sich ergibt. Hauptsache, es macht Spaß!«

»Erstaunlich … ganz erstaunlich!«, sagte er und legte eine Hand an sein Kinn.

»Danke!«

»Wissen Sie, woran ich gerade arbeite?«

»Nein, wie sollte ich?«

»War eine rhetorische Frage. Passen Sie auf …«

In dem Augenblick ging schon wieder die Tür auf.

»Jetzt nicht!«, rief der Professor.

»Ich bringe doch nur den Kaffee …«, lautete die schüchterne Antwort durch eine für David unbekannte, junge und unsichere Stimme.

»Ach ja, richtig. Komm rein, Anna.«

David drehte sich zur Tür. Dort stand ein Mädchen, die Praktikantin Anna. Sie trug einen zu großen Kittel, an den ein von Hand geschriebenes Namensschild geheftet war. Sie hatte einen Kurzhaarschnitt und trug große Ohrringe. Anna wollte gerne Arzthelferin werden und in ihrem Praktikum herausfinden, ob der Beruf für ihre Zukunft der richtige war.

Schüchtern brachte sie den Kaffee herein und sah dabei nur auf David. Einen wie ihn hatte sie noch nie gesehen. Daher bemerkte sie vermutlich nicht die Schuhe, die er zuvor hastig ausgezogen und einfach auf dem Boden liegen gelassen hatte. Anna stolperte und fiel mitsamt dem Tablett hin. Die Tassen flogen im hohen Bogen durch das Zimmer und prallten gegen Davids Oberkörper. Dort trennten sich Geschirr und Inhalt: die Tassen fielen zu Boden und zersprangen klirrend in viele Teile, während der Kaffee an David herunterlief.

Erschrocken sah sie wie ein verletztes Rehkitz zu David auf, der direkt vor ihr stand.

»Haben Sie sich wehgetan?«

»Nein, ich glaube nicht«, antwortete sie leise und wirkte total hilflos.

Die beiden Herren versuchten Anna beim Aufstehen zu helfen, die sich dabei unnötigerweise eng an David klammerte, sodass er seine ganze Kraft aufwenden musste, um sie aufzurichten.

Nachdem Anna wieder stand, zog sie ihren Kittel mit den Fingerspitzen zurecht. »Es tut mir leid, Herr Meister, dass ich Sie mit Kaffee bespritzt habe. Zum Glück war er nicht sehr heiß«, entschuldigte sie sich für das Missgeschick.

»Nein, ich muss mich entschuldigen, ich habe meine Schuhe im Weg liegen gelassen«, beruhigte David das erschrockene Mädchen. »Machen Sie sich keine Sorgen! Haben Sie sich auch wirklich nicht verletzt?«

Anna schüttelte den Kopf und riss einige Papiertücher von einer Rolle ab. Sie tupfte David vorsichtig die restlichen Kaffeespritzer vom Körper, die ihr Kittel beim Aufstehen nicht aufgesaugt hatte. Die benutzten Papiertücher warf sie auf das am Boden liegende Tablett, das von Scherben umgeben war.

»Ziehen Sie sich lieber wieder an, bevor hier noch mehr Unfälle passieren. Sie haben ja eine umwerfende Wirkung auf Frauen, höchst beneidenswert!«

»Mache ich.«

»Gehen wir in mein Büro«, ordnete der Professor an und betrachtete die Bescherung auf dem Fußboden. Zugleich kratzte er sich mit seiner rechten Hand am Kinn. Scherben der Tassen hatten sich überall verteilt und die Kaffeespritzer hatten viele kleine Pfützen auf dem Bodenbelag gebildet. »Anna, mach bitte die Sauerei auf dem Boden sauber.«

Sie ging in die Knie und begann, die Bruchstücke aufzulesen. Dabei schaute sie die ganze Zeit auf David.

Er unternahm barfuß einige vorsichtige Schritte zur Liege und versuchte, nicht in Splitter des Geschirrs oder in Pfützen zu treten. David sammelte seine Kleidungsstücke ein und stellte erfreut fest, dass sie keine Spritzer abbekommen hatten.

Der Professor sah Anna beim Einsammeln der Scherben zu und zeigte auf die einzelnen Bruchstücke, damit sie kein Teil übersah.

David streifte seine Kleidung schnell über. Nachdem er sich angezogen hatte, folgte er dem Professor in sein Arbeitszimmer, wie ein Schüler seinem Meister in die Werkstatt folgen würde, um ausgebildet zu werden.

* * * *

Das Büro war wohnlich ausgestattet. Hier empfing er die wichtigen Patienten. Hinter dem massiven Holzschreibtisch mit glänzender Oberfläche stand ein großer, schwarzer Chefsessel. Gegenüber befanden sich zwei bequeme, breite Ledersessel, die etwas niedriger waren und damit zugleich signalisierten, wer in diesem Zimmer das Sagen hatte. Auf der ledernen Schreibunterlage lagen durch Sonnenlicht ausgeblichene Akten. Eine mit Wasser gefüllte Karaffe und mehrere Gläser standen auf einem Tisch an der Wand in der Nähe des Schreibtisches. Daneben schlossen sich einige Holzregale mit Fachliteratur an. Die Sonne schien in das Zimmer und beleuchtete die Wand gegenüber dem Fenster. Die Lichtstrahlen fielen auf Karten mit anatomischen Zeichnungen sowie in Bilderrahmen sorgfältig angeordnete Urkunden, die den Namen des Professors in großen Buchstaben trugen.

Der Arzt ging zu seinem Platz und bot David auf dem Weg dorthin mit einer Handbewegung einen Sitzplatz an. Er zog den Kittel aus und hängte ihn an einen Kleiderhaken. Dann setzte er sich und lehnte sich entspannt zurück, während David versuchte, in dem weichen Sessel eine angenehme Sitzposition zu finden. »Wo waren wir gerade? … Ach ja, ich wollte Ihnen sagen, woran ich momentan arbeite: Selbst feinjustierendeImplantate!«, sagte er stolz, um David zugleich neugierig zu machen.

»Was? … Woran arbeiten Sie?«

»Ja, Sie haben richtig gehört! Selbst feinjustierende Implantate – kurz: Selfies«, erklärte der Professor und prüfte mit der rechten Hand den Sitz seiner Krawatte.

David schaute den Professor ratlos an, als hätte jemand ein großes Fragezeichen in sein Gesicht gemalt.

»Ist das nicht wunderbar? Ich erkläre Ihnen mal, wofür meine Selfies sind.« Der Professor bekam glänzende Augen. »… Lassen Sie mich anders anfangen. … Ist es nicht so? Immer wenn es warm ist, darf es ein wenig mehr in der Bluse sein, also zum Beispiel im Schwimmbad, am Strand, in der Sauna …«

»… oder im Krematorium?«, setzte David die Aufzählung fort, musste grinsen und schlug seine Beine übereinander.

»Äääh … ja, genau. Sie haben also schon vom Selfie-Projekt gehört? Haha, Sie haben ja meinen Humor! … Ich mag Sie!«, lobte er und schlug dabei mit seiner flachen Hand auf den Schreibtisch.

»Könnten Sie mir davon bitte später berichten?«, bat David und unterbrach die fröhliche Stimmung. »Ich wollte Sie etwas Wichtiges fragen.«

»Ja, Sie haben recht, die Zeit reicht heute sowieso nicht. Nun, worum geht es?«

»Ich möchte gerne Gina sprechen.«

»Sie ist ungeplant zwei Tage vor mir zurückgeflogen. Danach habe ich sie nicht mehr gesehen. Ich habe ihr mehrfach auf den Anrufbeantworter gesprochen«, erklärte er und machte ein besorgtes Gesicht.

»Haben Sie ihre Adresse?«

»Dort war ich schon. Sie war nicht zu Hause. Übrigens, den Selfie-Prototyp, den Gina in sich trägt, haben wir auf der Ausstellung gezeigt. Der ist eingeschlagen wie eine Bombe! Viele wollten anfassen und vergleichen. … Es gab großes Interesse und sogar Anfragen, weitere Vorträge zu halten. Wahrscheinlich muss ich bald wieder verreisen. Ich hoffe, Gina meldet sich bei mir.«

Maggie betrat das Zimmer, ohne anzuklopfen. »Frau von Hohenwald ist da.«

»Herr Meister, entschuldigen Sie mich bitte. Können wir unser Gespräch ein anderes Mal fortsetzen?«, fragte er, stand schnell auf und ging zur Tür hinaus.

»Muss ja ein wichtiger Termin sein«, sagte David zu Maggie und wunderte sich, dass der Professor sich nicht von ihm verabschiedete. Dann fiel ihm ein, dass er auch nicht begrüßt wurde, sodass sein Verhalten wenigstens konsequent war.

»O ja, sehr wichtig. Der Chef glaubt, dass die Patientin vielleicht als erste Kundin seine Neuentwicklung bestellen wird.«

»Na dann …«, sagte er und ging zur Zimmertür. Zu seiner Überraschung schloss Maggie die Tür und blieb zwischen dem Ausgang und David stehen. »Gibt es noch etwas zu besprechen?«

»Haben Sie eine Freundin, Herr Meister?«

David verblüffte die direkte Frage, sodass er einen Augenblick nachdenken musste. »Ich bin nicht verheiratet, so wie Sie. … Sie tragen auch keinen Ring.«

»Dann können wir uns mal privat treffen?«

»Wenn Sie das gerne möchten«, sagte er und überlegte kurz. »Wie wäre es beim Italiener an der Ecke um 18:30 Uhr?«

»Echt? Das wäre ja toll! … O mein Gott, wir können uns wirklich heute noch treffen?« Maggie quietschte vor Freude und hob dabei kurz ihren linken Fuß an. Sie blieb wie angewurzelt stehen und starrte David verträumt an.

»Darf ich?«, fragte er.

»Bei mir dürfen Sie alles.«

»Das ist gut. … Dann darf ich jetzt gehen?«

»Entschuldigung.« Maggie öffnete die Tür und ging aus dem Zimmer. »Vergessen Sie Ihre Kappe und die Brille nicht. Ich habe sie vorne auf die Theke gelegt.«

»Danke, sehr aufmerksam.« Er folgte ihr aus dem Büro zum Ausgang der Praxis.

Maggie stellte sich hinter die Theke und gab ihm die Sonnenbrille und die Mütze zurück.

Er setzte seine Baseballkappe und die Sonnenbrille sofort auf und lächelte sie an. »Also, bis später! Ich freue mich.«

»Ja, halb sieben … unten … beim Italiener«, rief sie noch im Telegrammstil hinterher. Vermutlich wollte sie Missverständnisse ausschließen, indem sie die Eckpunkte ihrer Vereinbarung wiederholte.

Maggie entsprach nicht dem Geschmack von David. Er bevorzugte weniger optisch auffällige und weniger extrovertierte Frauen. Nach seiner Ansicht konnte eine schöne Frau auch schön schnell wieder weg sein. Er mochte Beständigkeit und eigentlich nur seine Freundin Susanne. Das Date hatte er nur akzeptiert, um mehr über den Professor und Gina in Erfahrung bringen zu können, nachdem der Besuch der Praxis ganz anders verlaufen war als er sich vorgestellt hatte.

Annäherungen

Alles Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, sagt ein altes Sprichwort. Ein solches Glück erfuhr Maggie genau um 18:25 Uhr, als ihr Ritter mit goldenen Haaren zwar nicht auf einem Ross, sondern nur auf einem alten, roten Drahtesel sitzend, am Eingang des italienischen Restaurants vorfuhr. Der Vergleich mag zwar übertrieben sein, denn die golden glänzenden Haare waren eher blond und die Ritterrüstung bestand aus der Kleidung, die der junge Mann nachmittags bereits in der Praxis trug, jedoch spiegelte dieser Maggies Erwartungen wider. Noch vor ein paar Stunden gab es für sie nur die Hoffnung, irgendwann einmal ihrem Traummann zu begegnen und plötzlich sollte sie wenige Minuten später mit ihm zusammen an einem Tisch sitzen. Wie glücklich musste die junge Frau sein?

David lächelte Maggie zu, die schon sehnsüchtig vor dem Lokal wartete, als er mit geübtem Schwung vom rostigen Rad abstieg und es am Zaun des Vorgartens anschloss. Ein neues Fahrrad wollte er sich nicht kaufen, da er befürchtete, es würde ihm in der Stadt schneller gestohlen werden und das vertraute Gefährt leistete ihm noch immer gute Dienste.

* * * *

Luigi, der kleine runde Ober mit Oberlippenbart und umgebundener Schürze, sollte sich um das vermeintliche Liebespaar kümmern. Er begrüßte beide sehr herzlich und schlug vor, einen Tisch im Vorgarten zu besetzen. Mit einer übertrieben wirkenden Handbewegung zeigte er auf einen Tisch am Eingang. Er hoffte wohl, dass ein bildhübsches Paar am Eingang des Lokals weitere Gäste anlocken könnte. Die andere Sorte Gäste platzierte er gerne an weniger exponierten Stellen.

»Nein, nicht hier. Unser Treffen ist sehr privat. Geben Sie uns bitte den Tisch da hinten?«

»Sie möchten nicht an meine beste Tisch sitzen? Dann folgen Sie mir bitte.«

Am Tisch angekommen, rückte Luigi die Stühle zurecht und erleichterte so beiden Gästen das Hinsetzen. »Darfe ich Ihne schon etwas zu trinke bringe? Eine Aperitif vielleicht?« Während er sprach, entfernte Luigi nebenbei einzelne Blütenblätter von der Tischdecke, die der Wind dort hingeweht hatte. Er stellte die Kerze in die Mitte neben die rote Rose, die in einer alten Weinflasche steckte.

»Wir trinken keinen Alkohol, eine Flasche Wasser bitte!«

Überrascht über die Bevormundung bezüglich der Getränkeauswahl überspielte Maggie ihre Enttäuschung, indem sie Luigi ihr Handy gab. »Können Sie ein Foto von uns machen?«

Diesmal hatte sie David überrumpelt, als wenn sie sich für den entgangenen Alkohol rächen wollte. Wie sehr sie David mit dem Fotoauftrag verärgerte, konnte sie nicht erahnen. Sie konnte nicht wissen, dass er Fotos von sich abgrundtief hasste, weil er sein Aussehen nicht mochte.

»So eine schöne Paar! Ich gerne eine Foto mache. Ich bringen zwei Cocktails, geht auf Haus, sieht schön auf Bild aus!«, sagte Luigi begeistert.

Kurz darauf kam er mit zwei Gläsern, in denen Strohhalme und Schirmchen steckten, wieder und stellte sie dekorativ auf den Tisch. Damit das Bild natürlich und spontan wirken konnte, waren noch einige Vorbereitungen erforderlich. Er dirigierte seine Gäste wie ein großer Fotograf. »Junge Frau, umarmen Ihren Freund – schöne Bild!«

Das ließ Maggie sich nicht zweimal sagen. Sie umarmte David und beide blickten in die Kameralinse des Handys.

Luigi ging etwas zurück, dann wieder vor, hielt das Handy hoch und dann wieder etwas tiefer. Es dauerte eine Weile, bis er eine Perspektive fand, die seinen Vorstellungen entsprach. Er machte mehrere Bilder und gab das Handy zurück. »Junger Herr hatten am Anfang Augen zu.«

Maggie bedankte sich bei Luigi überschwänglich und nutzte die Umarmung aus. Sie drückte David einen dicken Kuss auf die linke Wange und bedankte sich abermals für das gemeinsame Bild.

›Schön, dass sie sich so freut, aber muss sie mich deshalb gleich abknutschen? Bäh …‹, dachte er und wischte sein Gesicht sogleich mit einer weißen Stoffserviette ab, die er danach wieder vor sich legte, während Maggie euphorisch die Qualität der Bilder auf ihrem Mobiltelefon prüfte.

»Schau mal, die Bilder sind super geworden!«, sagte sie und hielt ihm das Handy direkt vor das Gesicht.

David warf einen flüchtigen Blick darauf, während Maggie die Bilder durchblätterte. Er enthielt sich jedoch einer Bewertung.

»Danke, für den tollen Abend!«, sagte sie, als wenn sie ihr Ziel schon erreicht hatte. Maggie steckte das Handy in ihre Handtasche und wirkte glücklich. Mit Hilfe des Cocktails, an dem sie sich ausgiebig bediente, wurde ihr Verhalten zunehmend lockerer und persönlicher.

»Gerne!«, antwortete er höflich und fragte sich, ob ein paar Schlucke Alkohol sie bereits zutraulich gemacht haben könnten. Er schob seinen Cocktail zur Seite, da er dem Getränk nicht traute.

Maggie zog das Glas zu sich, als wenn sie es sich als Reserve sichern wollte.

Luigi ging zurück ins Lokal. »So eine schöne Paar, wie in Italia! Mama Mia!«, schwärmte er.

Nachdem Maggie ihr Cocktailglas ausgetrunken hatte, nahm sie das zweite Glas und saugte am Strohhalm.

»Wollen wir uns duzen?«, fragte Maggie voller Hoffnung.

»Gute Idee, das macht das Gespräch einfacher.«

Völlig unvorhersehbar für David, legte er mit seiner Zustimmung den Startpunkt für eine sich rapide steigernde Annäherung durch Maggie. Sie sah die einzelnen Sprossen, die sie auf der Leiter zu ihrem Traumprinz bereits erklommen hatte, nämlich als Erfolg anstatt als bloße Höflichkeit an, wie David sein Verhalten verstanden wissen wollte. Ein weiterer Unterschied war, dass er niemals der Frosch war, den sie durch einen Kuss zum Traumprinz verwandeln musste. Ein solcher war er für sie von Anfang an.

Luigi brachte das Wasser und öffnete die versiegelte Flasche mit Schraubverschluss erst am Tisch, als wenn er beweisen wollte, dass die Flaschen in seinem Lokal nicht wieder mit Leitungswasser gefüllt wurden. Er schenkte ein, stellte ein Brotkörbchen auf den Tisch und verteilte die Speisekarten.

Mit der Frage: »Seit wann arbeiten Sie … äh arbeitest du in der Praxis?« begann David den investigativen Teil des Abends.

»Ich habe vor etwa einem Jahr als Aushilfe angefangen. Als Petra aufhören musste, bin ich fest angestellt worden.«

»Warum hat sie aufgehört?«

Maggie beugte sich ein wenig zu ihm herüber und begann zu flüstern. »Weil sie schwanger war. Anna hat mir das im Vertrauen verraten. Der Sohn vom Chef hat ihre ältere Schwester Petra geschwängert. Anna hat die beiden abends auf der Liege im Untersuchungsraum überrascht, als sie ihre Schwester in der Praxis von der Arbeit abholen wollte.«

Endlich begannen sich Davids Erwartungen an den Abend zu erfüllen. Er wunderte sich sogar ein wenig darüber, wie offen Maggie über Interna sprach. »Mit Anna meinst du das schüchterne Mädchen, das mich heute mit Kaffee bekleckert hat? Ich hoffe, sie hat sich von dem Schreck erholt. Ihr war das so peinlich!«, sagte er ebenfalls im Flüsterton.

»Mach dir keine Sorgen. Das war Absicht!«, erklärte sie in ihrer normalen Lautstärke.

»Was meinst du?«

»Nachdem ich aus dem Untersuchungszimmer kam, hatte ich von dir und deinem Body geschwärmt. Ich wollte gerade den Kaffee reinbringen, als Anna mir das Tablett im Flur aus den Händen nahm. Sie wollte es unbedingt in das Zimmer tragen, weil sie dich auch sehen wollte. Sie schüttete einen Teil des Kaffees aus den Tassen und füllte mit kaltem Wasser auf.«

»Das hätte ich Anna gar nicht zugetraut. Der Unfall war geplant? Und ich habe mir Vorwürfe gemacht, weil ich meine Schuhe auf dem Boden liegen ließ.«

»Die brauchst du dir nicht zu machen. Anna wäre auch gestolpert, wenn nichts auf dem Boden gelegen hätte. Vorhin hat sie sogar noch damit angegeben, dir ganz nahe gekommen zu sein, als du ihr beim Aufstehen geholfen hast. Sie war total happy und hat nur noch von dir geredet.«

David setzte sich wieder gerade hin, schüttelte den Kopf und begann zu lachen. »Unglaublich! … Haha … Eigentlich sollte ich auf Anna sauer sein, dass sie mich reingelegt hat, aber irgendwie finde ich das Ganze jetzt sogar lustig! Hahaha – das sind Geschichten, die das Leben schreibt – so was kann man sich nicht ausdenken.«

»Jedenfalls war ich den ganzen Nachmittag neidisch auf Annas geiles Erlebnis – aber jetzt sind wir ja zusammen.«

›Was? … Wir sind zusammen?‹, dachte er, nahm einen Schluck Wasser und beschloss herauszufinden, ob sie Gina kannte. »War Gina heute gar nicht da?«

»Gina? … Kenne ich nicht«, antwortete sie mit leichtem Zucken der Schultern.

»Entschuldige, ich meinte natürlich Heike – wie komme ich denn auf Gina? … Liegt bestimmt am italienischen Lokal«, gab er vor, um festzustellen, ob Gina ihr unter dem bürgerlichen Namen bekannt war.

»Der Name sagt mir auch nichts. Jetzt mache ich meine beste Freundin Biggie neidisch. Ich schicke ihr schnell ein Foto von uns«, kündigte sie an, nahm ihr Handy aus der Tasche und fummelte daran herum. »Ich hatte ja schon lange keinen richtigen Freund mehr. Sie meinte, ich könnte keine Männer mehr kennenlernen. … Die wird sich wundern!«

»Ich hasse Bilder von mir und will erst recht keine Fotos von uns im Internet, wo sie jeder sehen kann. Lass uns bestellen. Kannst du bitte reingehen und den Ober holen? Ich glaube, der hat uns vergessen!« Er wollte sie unter einem Vorwand wegschicken, um die Fotos löschen zu können.

»Schatz, wenn du das möchtest, mache ich das gerne für dich«, sagte sie und legte das Handy auf den Tisch.

›Hat sie mich gerade Schatz genannt? Was bildet die sich ein?‹, dachte sich David.

Sie stand auf und genau in dem Augenblick kam Luigi an den Tisch zurück, sodass sie sich wieder setzte und David angrinste.

»Habe Sie schon gewählt?«, fragte Luigi in Erwartung der Bestellung.

»Ich nehme die Spaghetti Bolognese«, sagte David, ohne zuvor in die Speisekarte gesehen zu haben.

»Sehr gerne. Eine gute Wahl! Und Sie?«

Maggie, die ebenfalls noch nicht in die Karte gesehen hatte, sagte aus Verlegenheit: »Ein halbes Hähnchen, … haben Sie das?«

»Ja, natürlich! Also Chicken und Pasta. Noch eine Wunsch?«

»Nein, danke!«, sagte David.

»Ich gehe schnell auf Toilette, bevor das Essen kommt«, verkündete Maggie so laut, dass man sie an den Nachbartischen gehört hätte, wenn sie besetzt gewesen wären. Sie stand auf und nahm ihre Handtasche mit.

Ein paar Meter war sie bereits vom Tisch entfernt, als David nach ihrem Handy griff.

Plötzlich kehrte Maggie um und sah ihn mit ihrem Telefon in seiner Hand.

»Du hast dein Handy vergessen!«, sagte er und streckte es ihr entgegen, als wenn er ein Fundstück vorzeigen wollte. Dieser freundliche Hinweis rettete die Situation. Er hätte wohl kaum erklären können, was er mit ihrem Handy machen wollte.

»Danke, Liebling!« Sie nahm ihr Handy aus seiner Hand und ging in das Lokal.

›Erst Schatz und jetzt schon Liebling? Ob das der Alkohol ist? Ich will nicht, dass sie sich irgendeine Beziehung mit mir einbildet. Andererseits kann ich ihr das nicht sagen, sonst erzählt sie mir nichts mehr. … Blöde Situation‹, dachte David und blickte ungeduldig hin und her. Er wartete darauf, dass etwas passieren würde und wurde unruhig. Er trank hastig mehrere Schlucke Wasser aus seinem Glas und malte sich aus, dass Maggie genau in diesem Augenblick das gemeinsame Foto in alle sozialen Netzwerke mit nicht vorherzusehenden Folgen versenden könnte. Das Bild von ihm mit ihr würde für immer und überall auf der Welt für jeden zu sehen sein. Wie weit würde Maggie wohl noch gehen? Sie redete sich offensichtlich schon eine ernste Beziehung ein, obwohl sich die beiden eigentlich noch gar nicht richtig kannten. Würde sie ihrer Freundin Biggie irgendwelche intimen Fantasien vorlügen? Und würde Biggie diese als Neuigkeit lawinenartig verbreiten? ›Ich glaube, die will mit mir ins Bett steigen. Ist es wirklich so leicht, eine fremde Frau soweit zu kriegen? Schätzt sie mich so ein?‹, überlegte er und dachte sofort an seine Freundin Susanne. Sein Rücken wurde feucht, da er zu schwitzen begann. Ob das an dem kalten Wasser oder seinen Ängsten, verführt zu werden, lag, wusste er nicht. Vermutlich trug beides dazu bei. Mit einem großen Schluck leerte er sein Wasserglas zum zweiten Mal.

* * * *

Luigi brachte das Essen, das er dampfend auf die rot-weiß karierte Tischdecke stellte. »Chicken für die Dame, Pasta für den Herrn.«

»Danke.«

Die Situation hatte Ähnlichkeit mit der berühmten Szene mit Susi und Strolch, die sich verliebt näher kamen, als sie an der gleichen Spaghetti saugten. David war genauso schüchtern, wie der Hund Strolch aus dem Film und Maggie genauso verliebt, wie die Hündin Susi. Diese Zuneigung empfand David jedoch nicht eine einzige Sekunde für Maggie. Vielmehr dachte er dauernd an seine Freundin Susanne.

»Gute Appetit«, wünschte Luigi, füllte Davids Glas auf und kündigte an, eine weitere Flasche zu bringen.

* * * *

Maggie kam fluchend aus dem Lokal in den Vorgarten zurück. »So ein Mist, auf dem Klo war gar kein Empfang!«, sagte sie auf dem Weg zum Tisch. Diese Information half den anderen Gästen, an denen sie vorbei ging, bestimmt weiter, konnten sie sich doch den unnötigen Weg für geplante Telefongespräche an einem stillen Ort sparen. Sie wurde durch die Blicke der über ihre Toilettengewohnheiten aufgeklärten Gäste zum Tisch zurückbegleitet.

›Glück gehabt‹, dachte David und lehnte sich beruhigt auf seinem Stuhl zurück.

»Aber vor der Toilette … da hatte ich Empfang.«

David zuckte zusammen und schaute wieder besorgt.

»Nutzte aber nichts. … Mein Guthaben ist aufgebraucht. Ich hätte das Bild so gerne meiner besten Freundin Biggie geschickt.«

»Zeig mal!« Er nahm das Handy aus Maggies Hand, tippte darauf herum und löschte die Bilder. Danach legte er das Handy auf den Tisch. »Du hast deine Freundin schon ein paar Mal erwähnt. Wie ist sie?«

»Biggie ist einfach eine super Freundin. Wir kennen uns schon richtig lange. Wir erzählen uns alles. Leider sehe ich sie nicht mehr so oft.«

»Warum nicht?«, fragte David und drehte seine Gabel in den Nudeln auf seinem Teller.

»Sie arbeitet beim Schlüsseldienst häufig nachts.«

»Ist das nicht gefährlich?«

»Wenn sie in eine miese Gegend muss, nimmt sie eine Waffe mit. Hat sie aber noch nie gebraucht. Sie hat eine kräftige Figur, die haut keiner so leicht um.«

»Vielleicht ändern sich die Arbeitszeiten wieder?«

»Glaube nicht. Sie wollte das so. Nachts geben die Kunden mehr Trinkgeld.« Maggie riss den Hähnchenschenkel ab und biss hinein.

»Guten Appetit!«

»Wünsche ich dir auch, Liebling«, sagte Maggie mit vollem Mund.

Jetzt wurde David die ständige, intime Ansprache zu viel. »Wieso sagst du immer Liebling oder Schatz zu mir? … Wir kennen uns doch gar nicht.«

»Ich mag dich halt so gerne. Ich sage immer, was ich denke. Ich hätte auch noch ganz andere Wörter für dich.«

»Ach, wirklich? … Welches würde denn nach deiner Meinung am besten passen?«, fragte er neugierig.

»Sahneschnittchen!«, sagte sie und blickte direkt in seine blauen Augen.

›Uppps‹, dachte er. ›So ein schönes Kompliment habe ich bisher noch nicht bekommen.‹ Er war völlig unvorbereitet auf diese Höchstwertung. »Danke, das ist schön, aber bitte nenne mich jetzt nicht immer so.«

Einmal mehr kehrte Luigi an den am weitesten vom Eingang entfernten Tisch zurück. »Alles gut?«

David nickte kauend.

Luigi fühlte sich über die guten Leistungen der Küche bestätigt, füllte die Gläser auf und tauschte die Flasche durch eine volle, bereits geöffnete Wasserflasche aus. An der kalten Flasche lief das Wasser genauso schnell herunter wie an Davids Rücken.

»Was machst du beruflich, Schatz?«, fragte Maggie schmatzend.

Er schluckte und benutzte die Serviette. »Ich bin Verwaltungsangestellter und entwerfe Vorschriften.«

Sie legte den Hähnchenschenkel zur Seite und leckte ihre Finger kurz ab. »Ich hatte gehofft, dass du einen spannenden Beruf hast«, stellte sie enttäuscht fest und griff zur Serviette.

»Aber den habe ich doch!«

Das Gespräch geriet ins Stocken. Die Teller waren fast leer gegessen, als Luigi erneut an ihren Tisch kam. Er hielt eine Mappe in der Hand.

»Möchte Sie eine Dessert? Wir habe heute schöne Tiramisu, Panna Cotta, schöne Crêpes mit Orangenlikör … oder lieber eine schöne große Eisbecher für zwei?«

»O ja, ich möchte gerne einen großen Eisbecher mit dir zusammen essen«, sagte sie begeistert.

»Für mich war das Essen ausreichend, schaffst du den Eisbecher alleine?«

»Nein, ich hätte ihn gerne mit dir zusammen gegessen. … Ich glaube, dann möchte ich doch keinen Eisbecher mehr haben«, sagte sie enttäuscht und blickte vor sich auf die Tischdecke.

›O nein, was mache ich denn jetzt? Sie spielt beleidigte Leberwurst. Ich mag es nicht, wenn sie wegen mir traurig ist‹, dachte er. »Wir nehmen das Eis und müssen es ja nicht ganz aufessen. Bringen Sie uns bitte den Eisbecher für zwei.«

»Sehr gerne!«, antwortete Luigi und ging weg.

Maggie freute sich über Davids Meinungswechsel und schaute ihn wieder an. Die beiden schwiegen eine Weile, bis er erneut die Praxis ansprach.

»Ist die Praxis immer so leer wie heute?«

»Ja, seit einiger Zeit kommen nicht mehr viele Patienten.«

»Dann ist die kostenlose Erstberatung eine Werbeaktion?«

»Nein, das macht er schon länger. Der Professor sucht Herausforderungen. Er möchte so auch an Leute herankommen, die sonst nicht zu ihm kämen.«

»Die können sich seine Dienste dann aber finanziell vielleicht nicht leisten?«

»Der Professor hat schon Frauen umsonst operiert«, berichtete Maggie und war selbst erstaunt.

»Echt? Du meinst kostenlos?«

»Ja, habe ich doch gesagt! Er operiert umsonst.«

»Das ist ja ungewöhnlich großzügig.«

Luigi unterbrach das Gespräch, als er den heiß ersehnten riesigen Eisbecher brachte, der mit Sahne und vielen Früchten garniert war. Links und rechts von einem filigranen Schokoladenherz steckten zwei lange Eislöffel.

Maggie zog einen Löffel heraus, probierte schnell von der Sahne und schaufelte sich zu den Eiskugeln durch. Sie musste sich ein wenig von ihrem Stuhl erheben, um mit dem Löffel richtig in den pokalförmigen Becher zu kommen, so hoch war das Gefäß.

David legte das Schokoladenherz zur Seite und ging etwas langsamer vor. Er testete die Erdbeeren auf ihren Geschmack, schob die Sahne weg und probierte das Eis. »Hmmm… das Schoko-Eis schmeckt richtig gut.«

»Ja, lecker! Und das hätten wir fast verpasst! Du solltest öfter auf mich hören!«

David stocherte mit seinem Löffel weiter herum und probierte von den anderen Eissorten und den Fruchtstücken, während Maggie weniger wählerisch war.

Schließlich war nicht mehr viel Eis im Becher, als sie stöhnend aufgab und sich auf ihrem Stuhl zurücklehnte. »Puh, das reicht. Mehr schaffe ich nicht«, sagte sie und legte ihren langstieligen Löffel beiseite.

»Mir reicht es auch.« David schaute zu Luigi, der ein paar Tische weiter stand und dort die Karten und Dekoration ordnete. »Die Rechnung bitte!«

»Sehr gerne! … Mario! Kannste du bitte die Tische 13 kassieren?«, rief Luigi seinem Kollegen zu, der offensichtlich für die Kasse zuständig war.

»Möchtest du noch zu mir nach Hause kommen?«, fragte Maggie und legte ihre Hand auf seine.

›Oje, sie möchte wirklich was von mir. Andererseits wäre es interessant zu sehen, wie sie lebt. … Nein, das geht nicht, ich kann nicht in ihre Wohnung gehen. Das wäre geradezu eine Einwilligung für Sex‹, dachte er und zog seine Hand weg. »Ich fühle mich unwohl, mein Shirt ist total verschwitzt.«

»Ich wohne gegenüber. Du kannst bei mir duschen!«

»Nein, lieber nicht. Danke für dein Angebot.«

Mario kam mit der Rechnung.

David bemerkte, dass die Cocktails auch auf der Rechnung standen, obwohl diese gratis sein sollten. Er wollte aber nicht mehr diskutieren, sondern nur noch gehen. Er zahlte die Rechnung, gab ein Trinkgeld und stand auf.

Mario half Maggie beim Aufstehen, indem er ihren Stuhl zurückzog. Luigi und Mario begleiteten beide zum Ausgang des Vorgartens.

»Du magst mich nicht«, sagte Maggie enttäuscht auf der Straße vor dem Lokal.

»Mir geht alles viel zu schnell«, lautete seine diplomatische Antwort. »Ich rufe dich in der Praxis an.«

In den meisten Fällen bleibt es bei der Ankündigung, wenn sich jemand mit dem Versprechen, anzurufen, verabschiedet. David meinte es aber ernst, und zwar nicht, weil er Maggie wieder treffen wollte, sondern weil eine Fortsetzung des Gesprächs mit dem Professor stattfinden sollte. Der Blonde hatte noch den Ausdruck aus dem Internetcafé, auf dem sowohl die Adresse als auch die Telefonnummer von Maggies Arbeitsplatz stand.

David öffnete das Fahrradschloss, nahm sein rostiges Fahrrad und drehte es herum, um aufsteigen zu können. Dabei übersah er einen kleinen Jungen, der mit einer Portion Schokoladeneis in seiner Hand an ihm vorbeigehen wollte und nur auf seine Leckerei achtete. Die Mutter konnte das Kind gerade noch zur Seite ziehen, sodass ein kräftiger Zusammenstoß verhindert werden konnte. Das Schokoladeneis landete jedoch vollständig auf Davids Hose und klatschte von dort direkt auf den Gehweg.

Der Junge schaute auf den Boden und fing an zu weinen. »Mama, mein Eis!«

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte die Mutter.

»Sie können nichts dafür. Ich hatte es eilig und dabei nicht aufgepasst. Ich muss mich entschuldigen. Junge, hast du dir wehgetan?«

»Mein Eis!«, jammerte der Junge noch immer und starrte auf das leere Waffelhörnchen in seiner Hand.

David holte aus seiner Hosentasche einen 10-Euro-Schein heraus. »Hier Kleiner, kauf dir davon ein neues Eis oder zwei, okay?«

»Danke«, sagte der Junge schluchzend.

Die Mutter ging mit ihrem Kind weiter und man konnte hören, wie sie es belehrte, besser aufzupassen.

Maggie gab David ein Papiertaschentuch, mit dem er seine Hose abwischte.

»Wie oft werde ich heute eigentlich noch vollgekleckert?«, fragte er verärgert. »Steht dein Angebot noch? Darf ich kurz mit zu dir nach Hause gehen?«

»Ja, natürlich!«

Er warf das zusammengeknüllte Taschentuch in den Mülleimer am Eingang des Restaurants und war froh, unter einem unerwarteten Vorwand doch noch einen Einblick in Maggies Lebensbereich erhalten zu können, ohne ihre Erwartungen erfüllen zu müssen. Danach gingen sie zum Altbau auf der anderen Seite der Straße.

* * * *

Maggie wohnte im ersten Obergeschoss in einer Einzimmerwohnung. Das Grundstück und das Haus wirkten von außen sehr gepflegt. Vermutlich war der letzte Fassadenanstrich noch nicht lange her.

David nahm sein Fahrrad mit in das Treppenhaus, um es vor die Wohnungstür zu stellen.

Die Haustür schloss sich langsam mit einem schleifenden Geräusch. Der Steinfußboden glänzte feucht und es roch nach einem billigen Reinigungsmittel.

Eine alte Frau mit einem kleinen Hund kam ihnen entgegen. Sie starrte auf Davids Hose. »Sie haben da was!«

»Ja, das ist mein Fahrrad, gefällt es Ihnen?«

»Halten Sie mich für senil? Ich weiß, dass das ein Fahrrad ist! Ich wollte Sie auf den Fleck auf Ihrer Hose aufmerksam machen.«

»Danke, sehr freundlich von Ihnen.«

»Machen Sie das Treppenhaus nicht dreckig, ich habe gerade erst gewischt, macht ja keiner außer mir. Nächste Woche putzen Sie aber wieder. Andernfalls werde ich mich bei der Hausverwaltung beschweren.«

»Ist gut, Frau Alt«, sagte Maggie. »Dann können Sie die Verwaltung bei der Gelegenheit auch gleich über den Hund informieren, den Sie sich zugelegt haben. Vergessen Sie nicht zu sagen, dass er das Haus verschmutzt und nachts bellt.«

Frau Alt wendete schnell ihren Kopf nach vorne und murmelte »Frechheit« vor sich hin. Als sie weiterging, schnüffelte ihr Hund an Davids Hose. Nach einem kräftigen Ruck am Halsband lief der Vierbeiner weiter.

Sie gingen die restlichen Stufen hoch bis zu Maggies Wohnungstür. Er stellte sein Fahrrad ab, während sie die Tür aufschloss und sich kräftig dagegen stemmte, bis sie sich öffnete.

»Die Tür klemmt manchmal. … Bitte komm rein.«

Ihre kleine Wohnung war nur mit dem Nötigsten eingerichtet. Der einzige Wohnraum war zugleich das Schlafzimmer. Die Kleidung hing auf einer Stange neben dem breiten Bett und in einer Zimmerecke stand ein zusammengeklapptes Bügelbrett. In dem Regal zwischen Bett und Sofa befanden sich einige Stofftiere und Gegenstände aus Maggies Kindheit, die erst wenige Jahre zurücklag. In der Mitte des Regals lag neben einem Siegerpokal für Turmspringen ein goldener Bilderrahmen mit dem Bild nach unten. Ein kleiner Fernseher auf einem runden Tisch und ein Stapel DVDs dienten ihrer Unterhaltung an einsamen Abenden. Auf der breiten Fensterbank standen zwei prächtig blühende Orchideen, die etwas Farbe und Leben in das ansonsten lieblos gestaltete Zimmer brachten.

David konnte sich nicht daran erinnern, schon einmal eine derart spartanisch eingerichtete Wohnung gesehen zu haben. Ihm gefiel jedoch, dass alles sauber war. »Schön hast du es hier, gefällt mir!«, gab er vor.

»Danke. Ich kann mir nichts Besseres leisten.«

»Du hast doch einen guten Job.«

»Der Chef zahlt nicht gut und dann manchmal verspätet. Ich weiß häufig nicht, wovon ich meine Rechnungen bezahlen soll. Es ist nicht leicht, einen besseren Job zu finden.«

David wunderte sich, da er bisher dachte, der Professor hätte keine finanziellen Probleme.