Der Mondscheingarten - Corina Bomann - E-Book
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Beschreibung

Im Garten der Vergangenheit  

Lilly ist vollkommen überrascht, als ihr jemand eine Geige bringt, die ihr gehören soll. Niemand in ihrer Familie hat mit Musik zu tun, es muss ein Irrtum sein. Als sie die Geschichte des wertvollen Instruments recherchiert, entdeckt sie das Geheimnis einer begnadeten Musikerin. Auf den Spuren der Sumatrarose reist Lilly ans andere Ende der Welt. Es ist eine Reise in die Vergangenheit. Dort, in einem alten Garten voller Erinnerungen, findet sie endlich ihre eigene Bestimmung.  

Eine einzigartige Story von Nr. 1-Bestsellerautorin Corina Bomann – zum Träumen schön.

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Seitenzahl:0


Das Buch

Als die Antiquitätenhändlerin Lilly eine alte Geige geschenkt bekommt, die angeblich ihr gehören soll, ist sie höchst verwirrt. Sie kann sich keinen Reim darauf machen, warum ausgerechnet sie das – wie sich schnell herausstellt – äußerst bekannte Stück geerbt haben soll. Sie spürt jedoch, dass die Geige ihr Leben verändern wird, wenn sie sich dem Rätsel stellt. Außerdem merkt sie, dass sie endlich die Kraft hat, über den Verlust ihres Mannes hinwegzukommen, wenn sie sich auf das bevorstehende Abenteuer einlässt. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Ellen und dem Musikexperten Gabriel macht sie sich auf die Spurensuche nach dem Vermächtnis der betörenden Violinistin, der die Geige einst gehörte. Diese Suche führt Lilly nach Italien und Indonesien, wo sie schließlich einem Geheimnis auf die Spur kommt, das nicht nur ihr eigenes Leben in einem ganz neuen Licht erscheinen lässt.

Die Autorin

Corina Bomann, geboren 1974 in Parchim, hat eigentlich Zahnarzthelferin gelernt. Doch ihre ausgeprägte Fantasie und ihre Liebe zur Geschichte waren stärker, so dass sie ihrer Leidenschaft für das Schreiben nachgegeben hat und heute als Bestsellerautorin große Erfolge feiert.

Von Corina Bomann außerdem in unserem Haus erschienen:

Die Schmetterlingsinsel

Corina Bomann

Der Mondscheingarten

Roman

Ullstein

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Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage April 2013

ISBN 978-3-8437-0453-3

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2013Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, MünchenTitelabbildung: © www.buerosued GmbH (Landschaft); © Nikaa/ Trevillion Images (Frau)eBook: LVD GmbH, Berlin

Prolog

London 1920

Verwirrt betrachtete Helen Carter ihr Spiegelbild. Ein langer Riss teilte ihr leichenblasses Gesicht in zwei Hälften, Schminke vermischt mit Tränen zeichnete ein Marmor­muster auf ihre Wangen. Ihre exotisch geschnittenen, bernsteinfarbenen Augen leuchteten seltsam inmitten des dick aufgetragenen schwarzen Lidschattens, der sie wie ein Stummfilmsternchen aussehen ließ.

Helen hatte sich nie fürs Lichtspieltheater interessiert, ihre Leidenschaft galt allein der Musik. Doch in diesem Augenblick fühlte sie sich, als würde sie in einem dieser Streifen mitspielen. Das, was eben geschehen war, hätte auch aus der Feder eines der Schreiberlinge stammen können, die mit Drehbüchern vor den Türen der Filmstudios herumlungerten in der Hoffnung, einen Produzenten zu treffen.

Helen lachte bitter, schluchzte dann kurz auf. Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen, die sich schwarz färbten, als sie über ihre Wangen glitten.

Bis vor wenigen Minuten war alles noch in Ordnung ge­wesen. Als aufstrebende Violinistin stand ihr die gesamte Welt offen. In einer halben Stunde sollte sie auf der Bühne der London Hall Tschaikowsky spielen – sogar King George V. würde mit seiner Gemahlin zugegen sein. Eine Ehre, wie sie einem Musiker nur selten zuteilwurde.

Helen hatte von jeher Glück gehabt. Mit gerade mal zehn Jahren als Wunderkind bekannt geworden, galt sie heute, knapp zwanzigjährig, als eine der besten Musikerinnen der Welt. In Italien hatten die Zeitungen sie, die gebürtige Engländerin, bereits als Paganinis Enkelin gefeiert. Als ihr Agent ihr diese Schlagzeile zeigte, hatte sie darüber gelächelt. Sollten die Leute glauben, was sie wollten! Sie selbst wusste, wem sie ihren Erfolg zu verdanken hatte. Nur zu gut erinnerte sie sich an das Versprechen, das sie gegeben hatte.

Doch dann war diese Frau aufgetaucht. Wie ein Schatten war sie ihr drei Tage lang an beinah alle Orte gefolgt. Wann immer Helen durch Londons Straßen gegangen war, geriet sie in ihr Blickfeld. Wann immer ihr Blick beim Üben aus dem Fenster geglitten war, sah sie sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Am ersten Tag hatte Helen es noch für Zufall gehalten, doch als sich das Geschehen an den beiden folgenden Tagen wiederholte, hatte sie begonnen, nervös zu werden. Hin und wieder gab es verrückte Bewunderer – auch weibliche –, die alles daransetzten, sie einen Augenblick allein anzutreffen.

Trevor Black, ihr Agent, hatte nur abgewunken, als sie ihm davon erzählte. »Das ist nur eine alte Frau, eine harmlose Verrückte.«

»Harmlos? Verrückte sind nie harmlos! Vielleicht hat sie ein Messer in der Tasche«, hatte Helen geantwortet, doch Trevor schien der Überzeugung zu sein, dass die Alte ihr nichts antun würde.

»Sollte sie dich nach dem Konzert immer noch belästigen, sagen wir der Polizei Bescheid.«

»Und warum nicht jetzt?«

»Weil sie uns auslachen würden. Schau sie dir doch an!« Trevor hatte auf das Fenster gedeutet, durch das die Fremde am anderen Ende der Straße zu sehen war. Ihre Gestalt wirkte ein wenig krumm, ihr schwarzes Kleid war altmodisch, und die Züge wirkten irgendwie … asiatisch! Helen wollte kein Grund einfallen, weshalb diese Frau ihr nachschleichen sollte. Für einen Moment fühlte sich Helen an ihre Kindheit erinnert, doch sie schob den Gedanken schnell beiseite.

Doch mittlerweile wusste sie, dass die Fremde sie tatsächlich beobachtet und auf eine Gelegenheit gewartet hatte, Helen allein zu sprechen. Irgendwie hatte sie es fertiggebracht, in ihre Garderobe vorzudringen, kurz nachdem Rosie auf Helens Wunsch losgegangen war, um nachzusehen, wie voll der Zuschauerraum war.

Helen hatte zunächst um Hilfe rufen wollen, doch die Frau hatte etwas geradezu Hypnotisches an sich gehabt, das es ihr unmöglich machte, zu schreien. Was ihr die Besucherin in dem kurzen Gespräch mitgeteilt hatte, war so ungeheuerlich und erschütternd gewesen, dass etwas in ihrem Innern gesprungen war. Wütend hatte Helen den ersten Gegenstand, der sich ihr bot, nach der Frau geworfen, sie aber verfehlt und den Garderobenspiegel getroffen.

Erschrocken hatte die Alte das Weite gesucht, aber ihre Behauptung hing immer noch im Raum. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass sie log, doch etwas sagte Helen, dass das nicht zutraf. Alles passte zueinander. Längst vergessene Bilder, Erinnerungen an gesprochene Worte, Gedanken, alles ergab plötzlich einen Sinn.

Helen blickte auf die Violine neben sich. Bevor die Fremde aufgetaucht war, hatte sie noch einmal eine besonders schwierige Passage des Konzerts üben wollen. Doch dazu war es nicht mehr gekommen.

Mit zitternden Händen griff die junge Frau nach dem Inst­rument und drehte es herum. Während ihre Finger über die dort eingebrannte Rose glitten, tauchte ein Gesicht vor Helens geistigem Auge auf. Das Gesicht der Frau, die ihr diese Geige geschenkt hatte. War es wirklich möglich …?

Als die Tür hinter Helen aufgestoßen wurde, gab die Violine ein seltsam blechernes Geräusch von sich. Die gerissene Saite peitschte über ihre Haut und hinterließ einen blutigen Striemen. Erschüttert beobachtete Helen, wie Blutstropfen aus dem Schnitt hervorquollen. Die Erinnerung an ihre grausame Musiklehrerin ließ Zorn in ihr hochwallen. Schon wollte sie aufspringen und die Geige wütend in die Ecke werfen, da erschien Rosies gütiges Gesicht hinter ihr im Spiegel. »Wir haben volles Haus!« Das Lächeln verging ihr augenblicklich. »Du lieber Himmel!« Erschrocken schlug die Garderobiere die Hand vor den Mund, als sie sah, dass Blut zwischen den Fingern der Geigerin hervorquoll. »Alles in Ordnung mit Ihnen?«

»Es ist nichts«, entgegnete Helen beherrscht. Den Schmerz an ihrem Handgelenk spürte sie kaum, denn der Zorn in ihrem Innern war stärker und überdeckte alle körperlichen Empfindungen. »Eine der Saiten ist gerissen, ich war unachtsam.«

Eigentlich hätte sie die Violine sogleich in Ordnung bringen lassen sollen. Doch sie schaffte es nicht, sich von ihrem Hocker zu erheben. Sie zweifelte sogar daran, sich jemals wieder erheben zu können.

»Soll ich Ihnen etwas holen, Miss Carter?«, fragte die Garderobiere ratlos, doch Helen schüttelte den Kopf.

»Nein, es ist gut, Rosie, ich brauche nichts.« Die Worte kamen ihr heftiger über die Lippen, als sie eigentlich sollten.

»Aber Ihr Auftritt ist doch gleich, Madam. Die Violine …«

Helen nickte abwesend. Ja, der Auftritt. So wie der Besuch etwas in ihrem Innern verändert hatte, so hatte er ihr auch die Zuversicht genommen, dieses Konzert spielen zu können. Vielleicht bedeutete es das Ende ihrer Karriere, aber in diesem Augenblick wollte Helen nur weg von hier und diese verfluchte Geige loswerden, die sie nun ebenso wie ihre Musiklehrerin verletzt hatte. Das Instrument, das ihr von einer Toten geschenkt worden war.

Mit der Violine in der Hand erhob Helen sich und schritt erhobenen Hauptes zur Tür, öffnete sie und verließ die Garderobe. Den Ruf der Garderobiere ignorierte sie ebenso wie die kaputte Saite, die gegen ihre Waden pendelte. Aus der Konzerthalle hörte sie die Geräusche der Musiker, die gerade ihre Instrumente stimmten. Vergebliche Mühe, denn das Konzert würde nicht stattfinden. Und auch das erwartungsvolle Raunen der Zuschauer war verschenkt.

Zielsicher fand sie den Weg zum Hinterausgang. Die verwunderten Blicke der Bühnenarbeiter ignorierte sie. Ich gehöre nicht hierher. Ich will das alles nicht. Ich will nur meine Ruhe, ich will … Klarheit.

Die Geige in ihrer Hand gab einen Misston von sich, als Helen die Tür aufstieß, fast so, als wollte sie sie warnen. Feuchtkalte Luft strömte Helen entgegen. Um diese Jahreszeit war London nachts besonders unangenehm, doch das war ihr egal. Der Schnitt an ihrer Hand pulsierte, die Violine wurde auf einmal schwer. Die Augen der toten Frau jagten Helen, trieben sie dazu an, einfach auf die Straße vor der London Hall zu laufen.

Erst als sie ein markerschütterndes Hupen neben sich hörte, erstarrte Helen und riss angesichts der auf sie zurasenden grellen Lichter die Arme hoch.

1

Berlin, Januar 2011

Als die Zeiger der großen Standuhr auf kurz vor fünf rückten, war Lilly Kaiser sicher, dass niemand mehr in ihren Laden kommen würde. Versteckt hinter hochgeschlagenen Mantelkrägen und unter tief ins Gesicht gezogenen Mützen, huschten die Leute an dem Schaufenster vorbei, ohne die Auslage eines Blickes zu würdigen.

In den ersten Wochen des neuen Jahres interessierte sich niemand mehr für Antiquitäten. Die Geldbörsen und Konten waren leer, die Menschen hatten kein Bedürfnis, irgendwelche besonderen Stücke für die liebe Verwandtschaft zu suchen. Das würde sich im Frühjahr und Sommer, wenn die ersten Touristen aus aller Welt wieder anrückten, ändern. Solange musste sie die Flaute irgendwie überbrücken.

Seufzend ließ sich Lilly auf einem kleinen Louis-XV.-Hocker nieder und blickte durch das Schaufenster zum Himmel hinauf, von dem schon seit Tagen unablässig Schnee fiel. Dabei streifte ihr Blick das Abbild ihres Gesichts in der blankpolierten Wand eines Schränkchens, das zur kleinen Armee ihrer Ladenhüter gehörte.

Ihre feinen, fast mädchenhaften Züge wirkten blass und abgespannt, nur ihr rotes Haar und ihre grünen Augen leuchteten. Die Weihnachtsfeiertage hatten ihr nicht viel Erholung gebracht. Der Besuch bei ihren Eltern hatte wieder einmal damit geendet, dass sie ihr ans Herz gelegt hatten, sich einen neuen Mann zu suchen.

Obwohl sie ihre Eltern liebte, war das zu viel für Lilly gewesen. Entnervt war sie nach Berlin zurückgefahren, um dort den Jahreswechsel allein in ihrer Wohnung zu verbringen und sich dann an die Inventur des Ladens zu machen.

Doch die war nun erledigt, und ihr blieb nur das Warten auf Kundschaft. Lilly hasste es, untätig zu sein. Aber was blieb ihr anderes übrig?

Vielleicht sollte ich den Laden einfach schließen und für acht Wochen in den Urlaub fahren, ging es ihr durch den Sinn. Wenn ich wiederkomme, ist der Schnee weg und der Laden wieder voll.

Der Klang der Türglocke – ein Stück, das aus einem Landhaus stammte und das stets das Bild einer umherwuselnden Dienerschaft in ihr heraufbeschwor – riss sie aus ihren Gedanken.

Auf dem Mantel des alten Mannes, der auf der Türschwelle stand und sich zu fragen schien, ob er hereinkommen durfte, glitzerten Schneeflocken, die in der Wärme des Raumes langsam zu Wassertropfen vergingen. Sein wettergegerbtes Gesicht hätte gut das eines Seemanns aus einem Werbespot sein können. Unter seinem Arm trug er einen alten, an einigen Stellen abgewetzten Geigenkasten. Wollte er ihn verkaufen?

Lilly erhob sich, strich kurz über ihre dunkelblaue Strickjacke und trat dem Mann entgegen. »Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«

Der Mann musterte sie kurz, dann erschien ein verhaltenes Lächeln auf seinem Gesicht. »Ich nehme an, Ihnen gehört dieses Geschäft.«

»Ja, genau«, antwortete Lilly lächelnd, während sie versuchte, sich ein Bild von ihrem Kunden zu machen. War er ein alternder Musiker auf dem Heimweg von einer Veranstaltung? Ein Geigenlehrer, der sich mit irgendwelchen mäßig talentierten Schülern herumschlagen musste? »Wie kann ich Ihnen helfen?«

Wieder musterte der Mann sie, als suchte er in ihrem Gesicht irgendwas. Dann nahm er den Geigenkasten unter seinem Arm hervor.

»Ich habe da etwas für Sie. Wenn Sie mir gestatten, es Ihnen zu zeigen?«

Eigentlich wollte Lilly in diesem Monat nichts Neues mehr ankaufen, aber dass ihr jemand ein Musikinstrument anbot, war so selten, dass sie nicht nein sagen konnte.

»Kommen Sie bitte mit rüber, da können Sie es mir zeigen.«

Sie führte den Mann zu einem einfachen Tisch neben dem Verkaufstresen. Hier ließ sie sich von Kunden, die kamen, um ihr etwas anzubieten, die Ware zeigen.

Meist war nicht viel Brauchbares darunter. Die Leute schätzten das, was sie auf den Dachböden und in den Nachlässen ihrer verstorbenen Angehörigen fanden, oft wertvoller ein, als es letztlich war. Wie oft hatte sie sich schon Vorwürfe anhören müssen, wenn sie behauptete, das alte Porzellan­figürchen sei Nippes.

Doch als der alte Mann den Deckel seines Geigenkastens öffnete, ahnte Lilly bereits, dass sie etwas Besonderes erwartete. Auf dem verschlissenen und mottenzerfressenen Futter, dessen Farbe früher einmal tiefrot gewesen sein musste, lag eine Violine. Eine alte Violine. Lilly war keine Expertin, doch sie schätzte, dass das Instrument mindestens hundert Jahre auf dem Buckel hatte, wenn nicht mehr.

»Nehmen Sie sie ruhig heraus«, sagte der alte Mann, während er sie ganz genau beobachtete.

Etwas zögerlich kam Lilly der Aufforderung nach. Vor Musikinstrumenten hatte sie allergrößten Respekt, auch wenn sie selbst keines spielte. Während sie den Hals der Geige umfasste, dachte sie an ihre Freundin Ellen, deren Beruf und Leidenschaft es war, Kostbarkeiten wie diese zu re­staurieren. Sie würde ihr den Schätzwert dieses Instruments schon nach einem Blick nennen können.

Doch noch während Lilly die Geige betrachtete – die ungewöhnliche Lackierung, die seltsam geformte Schnecke –, bemerkte sie auf der Rückseite eine Zeichnung. Die Rose wirkte grob und sehr stilisiert, beinahe so, als hätte ein Kind sie gezeichnet. Doch sie war einwandfrei als Rose zu erkennen.

Welcher Geigenbauer verzierte sein Instrument mit solch einem Ornament? Lilly machte sich im Geiste eine Notiz, Ellen gleich am Abend anzurufen. Sicher würde sie diese Vio­line nicht bezahlen können, aber immerhin wollte sie ihrer Freundin von der Zeichnung erzählen – und vielleicht gestattete ihr der Mann, ein Foto zu machen …

»Ich fürchte, ich habe nicht genug Geld, um Ihnen dieses Stück abzukaufen«, sagte sie, während sie die Geige vorsichtig in den Kasten zurücklegte. »Es ist sicher ein Vermögen wert.«

»Das ist sie in der Tat«, antwortete der alte Mann nachdenklich. »Ich höre Bedauern in Ihrer Stimme. Sie mögen diese Violine, nicht wahr?«

»Ja, sie … sie ist so besonders.«

»Nun, was würden Sie dazu sagen, wenn es mir nicht darum geht, sie zu verkaufen?«

Lilly zog verwundert die Augenbrauen hoch. »Weshalb sind Sie dann hier?«

Der Mann lächelte kurz in sich hinein, dann sagte er: »Sie gehört Ihnen.«

»Wie bitte?« Verwirrt blickte Lilly den Mann an. Das konnte er doch nicht wirklich gesagt haben … »Sie wollen mir diese Violine schenken?«, sprach sie den Gedanken, der ihr absurd erschien, aus.

»Nein, das nicht, denn man kann nur verschenken, was man besitzt. Diese Violine gehört Ihnen. Jedenfalls, wenn man dem Einwohnermeldeamt glauben darf. Es sei denn, Sie sind nicht Lilly Kaiser.«

»Natürlich bin ich die, aber …«

»Dann ist das Ihre Geige. Und es liegt noch etwas anderes dabei.«

Sein herzliches Lächeln konnte Lillys Verwirrung nicht zerstreuen. Ihr Verstand sagte ihr, dass das Ganze vielleicht ein Trick war, oder eine Verwechslung. Welchen Grund sollte der Mann haben, ihr eine Geige zu schenken? Sie hatte ihn in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen.

»Schauen Sie mal unter das Futter«, beharrte er. »Vielleicht sagt Ihnen das, was sich da befindet, etwas.«

Zunächst zögerlich, dann mit zitternden Händen zog Lilly einen mit Stockflecken übersäten Zettel hervor und faltete ihn auseinander.

»Ein Notenblatt?«, murmelte Lilly überrascht.

Betitelt war das dort niedergeschriebene Stück mit »Moonshine Garden« – Mondscheingarten. Die Noten wirkten fahrig, als seien sie in größter Eile niedergeschrieben worden. Der Name des Komponisten fehlte.

»Woher haben Sie die Geige?«, fragte Lilly verwirrt. »Und woher wussten Sie …«

Das Läuten der Türklingel unterbrach sie. Der Mann eilte mit langen Schritten davon, wie ein Dieb, der sich vor der Polizei in Sicherheit bringen wollte.

Zunächst stand Lilly wie erstarrt da, dann rannte sie zur Tür, riss sie auf und stürmte unter wütendem Gebimmel nach draußen. Doch da war der alte Mann, dessen Namen sie nicht kannte, bereits verschwunden. Stattdessen biss ihr der Frost kräftig in Wangen und Hände, durchdrang mühelos ihre Kleider und trieb sie schließlich wieder zurück in den Laden.

Dort lag die Geige noch immer in ihrem Kasten, und erst jetzt merkte Lilly, dass sie das Notenblatt immer noch in der Hand hielt.

Was sollte sie jetzt tun? Wieder blickte sie nach draußen, doch der alte Mann blieb verschwunden.

Ein Schauer überlief sie, als sie ihren Blick auf die seltsam gefärbte Geige richtete, die fest gespannten silbrigen Saiten auf dem schlanken Hals musterte und dann an der filigran geschwungenen Schnecke haltmachte. Was für ein wunderbares Instrument! Sie konnte noch immer nicht glauben, dass es wirklich ihres sein sollte. Und was war mit dem Notenblatt? Warum hatte er explizit darauf hingewiesen?

Ein Knall ließ sie zusammenzucken. Erschrocken wirbelte sie herum und sah gerade noch die Kinderhorde, die lärmend am Laden vorbeirannte. Ein Schneeball klebte auf dem vordersten A im Schriftzug »Antiquitätenhandel Kaiser«.

Aufatmend blickte Lilly wieder zur Geige. Ich sollte sie Ellen zeigen. Sie weiß vielleicht, wer sie gebaut hat – und mit etwas Glück findet sie auch heraus, wer dieses Stück komponiert hat.

Da sie sicher war, dass kein Kunde und ganz sicher auch kein weiterer alter Mann mit irgendeinem verwunschenen Musikinstrument auftauchen würden, ging sie zur Tür, drehte das Schild auf »Geschlossen« und holte ihren Mantel.

2

Mit dem Geigenkasten unter dem Arm stieg Lilly die Stufen zu ihrer Wohnung in der Berliner Straße hinauf. Das Haus war recht alt und befand sich direkt neben einem ehemaligen Theater, das schon seit einigen Jahren leer stand und auf einen neuen Besitzer oder Mieter wartete.

Die Stufen knarrten unter Lillys Füßen, das typische Odeur des Hauses umfing sie. Im Treppenhaus nisteten zahlreiche Gerüche, in jeder Etage ein anderer. Unten war es Katze, in der Mitte Rotkohl, und ganz oben würde es nach Muff und klammer Wäsche riechen – und das, obwohl keine der Parteien ihre Wäsche im Flur aufhängte. Hin und wieder verschoben sich die Geruchsgrenzen, sie wurden aber immer wieder aufgefrischt, indem jemand ein Sonntagsessen kochte, die Katze rausließ oder sonst etwas tat, das den Geruch seiner Etage erhielt.

Lillys Etage war die, die nach klammer Wäsche roch, vier Treppen musste sie hinter sich bringen, bis sie den Muff hinter ihrer Wohnungstür aussperren konnte.

Nur langsam kam wieder Leben in ihre von der Kälte betäubten Wangen. Auch ihre Hände waren trotz der Handschuhe gefühllos. Lilly konnte es kaum erwarten, sich einen Kaffee zu machen und dann mit Ellen zu telefonieren.

Auf halbem Weg kam ihr Sunny Berger entgegen, die zwanzigjährige Studentin mit den zahlreichen Tattoos, die manchmal in ihrem Laden aushalf und die ein sehr gutes Händchen für Antiquitäten hatte. Manche Kunden sahen sie zwar etwas verwundert an, wenn sie die Bilder auf ihrer Haut entdeckten, aber meist konnte Sunny sie mit ihrem Charme ganz rasch für sich einnehmen.

Bei Lilly war das jedenfalls sofort geschehen, nicht mal eine Woche nachdem die Studentin hier eingezogen war, hatte sie sich mit ihr angefreundet.

»Hey Sunny, wie geht’s?«, fragte Lilly, und wieder ging ihr die Idee durch den Kopf, sich einen kleinen Urlaub zu gönnen. Wenn sie jemanden bitten konnte, für sie einzuspringen, dann die Studentin.

»Gut, und dir?«, antwortete die junge Frau und zog fröhlich den Ärmel ihres Pullovers hoch. »Schau mal, das ist mein Neues.«

Das Tattoo zeigte ein Pin-up-Girl, das auf einer schwarzen Billardkugel mit der Nummer Acht ritt. Lilly wusste, dass sie sich selbst nie dazu durchringen würde, ihren Körper mit Bildern verzieren zu lassen. Doch in diesem Fall konnte sie nur Bewunderung für die saubere Arbeit und das Motiv äußern.

»Das ist sehr gut. Wo hast du das machen lassen?«

»In einem Laden in der Torstraße«, antwortete Sunny, wobei ein beinahe verliebtes Lächeln auf ihr Gesicht trat. »Ich glaub, da geh ich wieder hin, der Tätowierer war echt nett.«

»Was fürs Leben?«, fragte Lilly, denn im Gegensatz zu ­ihren Tattoos waren Sunnys Beziehungen alles andere als dauer­haft.

»Für das nächste Tattoo bestimmt. Aber sonst …« Bedauernd hob sie ihre linke Hand und tippte mit der rechten auf ihren Ringfinger, wo der feine Schriftzug »Love« tätowiert war.

»Ah, verheiratet«, stellte Lilly fest, worauf sie nickte.

»Ja, leider. Wäre schon was, sich einen Tätowierer zu angeln. Dann würde er mir die Tattoos kostenlos machen.«

»Und innerhalb eines Jahres hättest du dann keine freie Stelle mehr am Körper.«

»Stimmt auch wieder. Das würde ja langweilig werden. Aber trotzdem, Dennis ist sehr nett …«

»Freunde dich doch an mit ihm, dann gibt er dir vielleicht einen kleinen Nachlass.«

»Mal sehen. Wie sieht’s denn aus, brauchst du demnächst wieder etwas Hilfe im Laden?«, fragte Sunny, nachdem sie ihren Ärmel wieder heruntergekrempelt hatte.

Lilly lächelte in sich hinein. Sunny fragte das immer, wenn sie ein neues Tattoo hatte machen lassen. Die Körperzeichnungen rissen regelmäßig ein Loch in ihre Haushaltskasse, was sie aber nicht davon abhielt, sich immer wieder ein neues Bild zu gönnen.

Lilly wollte schon verneinen, als ihr die Sache mit dem Urlaub, der Flucht aus dem regnerischen Berlin in den Sinn kam.

»Wäre gut möglich«, antwortete sie also, denn wenn sie sich Sunny nicht warmhielt, hatte sie vielleicht niemanden, der im Ernstfall zur Verfügung stand. »Vielleicht in einer oder zwei Wochen. Könntest du da?«

»Na sicher doch!«, antwortete die junge Frau. »Ich halte mir die Zeit frei, musst mir nur sagen, wie lange du mich brauchst. Ich krieg ja bald Semesterferien.«

Drei Monate frei. Lilly dachte zurück an ihre Studienzeit. Auch wenn sie, ähnlich wie Sunny, immer auf der Suche nach einem Job gewesen war, der etwas Geld in die Kasse spülte, waren die Semesterferien immer die besten Zeiten ihres Studentendaseins gewesen.

»Und die will ich dir nicht ganz verderben, aber vielleicht kannst du dich auf drei oder vier Wochen einrichten.«

»Oh, willst du verreisen?«

»Vielleicht.« Ein Lächeln huschte über Lillys Gesicht, dann strich sie abwesend über den Geigenkasten unter ihrem Arm.

»Und dabei Geige spielen lernen?«

»Nein, die habe ich heute bekommen und …« Wenn sich ihre Freundin dafür interessierte, würde Lilly damit nach England reisen. Aber das wollte sie Sunny nicht erzählen. Noch nicht. »Mal sehen.«

»Okay, dann sag einfach Bescheid, wann du mich brauchst. Für deinen Laden lasse ich alles stehen und liegen.«

»Danke, ich melde mich in den nächsten Tagen.«

»Ist gut!« Damit huschte Sunny an ihr vorbei und verschwand in der Katzenetage. Lilly stapfte weiter nach oben, bis der Wäschegeruch sie umhüllte.

»Ah, Tach, Frau Kaiser!«, rief Martin Gepard, der im Begriff war, seine Wohnungstür zuzuschließen. Er war einen Monat nach Lilly hier eingezogen und arbeitete in einem ­Supermarkt ganz in der Nähe. Obwohl sie beide ungefähr im gleichen Alter waren und voneinander wussten, dass der jeweils andere ohne Partner war, hatte sich kein weiterer Kontakt zwischen ihnen ergeben.

Auch jetzt grüßte Lilly nur und verschwand dann in ihrer Wohnung, die der Hausflurmuff nicht erreichen konnte. Innerhalb ihrer vier Wände roch es nach Vanille, frischer Wäsche, Holz und Büchern.

In die Versuchung, antike Stücke aus ihrem Laden hier aufzustellen, war sie nie gekommen. Früher, in ihrem anderen Leben, hatte sie sehr viele antike Möbel gehabt, doch seit ihr Mann fort war, mochte Lilly es privat eher modern. Die Möbel waren neu, nichts besonders Wertvolles, sondern Stücke aus dem allgegenwärtigen schwedischen Möbelhaus. Das Einzige, was sie aus ihrem früheren Zuhause mitgenommen hatte, war ein Gemälde, das eine Frau zeigte, die am Fenster stand und auf einen etwas undeutlichen Garten hinausblickte.

Besonders in der ersten Zeit ihres neuen Lebens hatte Lilly sich darin wiedererkannt. Die Frau hatte ebenfalls rotes Haar und wirkte ein wenig ratlos. Was sich in dem undeutlichen Garten befand, war nicht zu erkennen, doch die Frau blickte nicht mit Freude darauf. Stattdessen schien sie sich zu fragen, was sie tun sollte und ob es sich lohnte, fortzugehen, den Garten hinter sich zu lassen.

Auch Lilly stellte sich diese Frage häufig. Die Wohnung war tadellos und ein Wegkommen allein wegen des Ladens nicht möglich. Für ein paar Tage und Wochen, ja, denn dafür hatte sie ja Sunny, aber aus Berlin fortzugehen, konnte sie sich nicht vorstellen. Wohin auch? Freunde hatte sie noch nie viele gehabt, und deren Zahl hatte sich seit dem Tod ihres Mannes noch verringert. Eigentlich war ihr nur Ellen geblieben. Doch darüber war Lilly nicht traurig, ganz im Gegenteil, denn nur von ihr konnte sie behaupten, dass sie immer für sie da war.

Lilly trug den Geigenkasten direkt zum Schreibtisch und legte ihn vorsichtig dort ab. Der Schein der Schreibtisch­lampe, die sie anknipste, verlieh dem alten Leder und den angelaufenen Beschlägen einen geheimnisvollen Schimmer.

»Was meinst du?«, fragte sie das Porträt eines Mannes, der ihr aus einem schmucklosen Bilderrahmen entgegenlächelte. »Soll ich mich mal wieder in ein Abenteuer stürzen?«

Ihr Mann war stets der Meinung gewesen, dass sie alle Chancen, die sich ihr boten, nutzen sollte. Und auch jetzt schien er ihr aufmunternd zuzulächeln. Lilly konnte kaum glauben, dass seit seinem Tod schon drei Jahre vergangen waren. Noch immer ertappte sie sich manchmal dabei, wie sie darauf wartete, dass er in den Laden kam, ihr je nach Jahreszeit heißen Kaffee oder Eis vorbeibrachte und dann ihre Neuzugänge bewunderte.

Peter hatte nicht viel Ahnung von Antiquitäten gehabt, aber einen treffsicheren Geschmack. Die Geige hätte ihm ganz sicher gefallen.

Liebevoll strich sie über das Porträt, doch als sie spürte, dass Tränen in ihre Augen schossen, wandte sie sich dem ­Telefon zu.

Das Gespräch mit Ellen würde sie auf andere Gedanken bringen. Während sie die Nummer wählte, erschien vor ihrem geistigen Auge das Bild einer lebensfrohen blonden Frau Ende dreißig mit strahlend blauen Augen, einer kurzen Nase und einem etwas zu energischen Kinn. Obwohl sie beide im selben Alter waren, hatte Ellen immer reifer und weniger kindlich gewirkt als Lilly selbst. Auch jetzt war das noch so. Ellen, die Starke, Selbstbewusste gegenüber Lilly, der Kind­lichen, Zweifelnden. Wahrscheinlich zementierte gerade dieser Gegensatz ihre Freundschaft so sehr.

»Hallo Ellen, hier ist Lilly«, sagte sie, nachdem sich eine rauchig klingende Frauenstimme am anderen Ende der Leitung gemeldet hatte.

»Lilly, du meine Güte!«, rief ihre Freundin aus. »Wie lange haben wir uns nicht mehr gesprochen!«

»Viel zu lange«, entgegnete Lilly, während sie nachrechnete. Mittlerweile war wieder ein Vierteljahr vergangen, seit sie zum letzten Mal telefoniert hatten. Natürlich schrieben sie sich regelmäßig E-Mails, doch das war nur ein dürftiger Ersatz für die langen, innigen Gespräche, die sie früher einmal geführt hatten.

»Das meine ich aber auch!« Ellen ließ ihr typisches glucksendes Lachen hören, dann fragte sie: »Welchem Umstand verdanke ich die Freude deines Anrufs?«

Wahrscheinlich stand Ellen gerade in der Küche, wie Lilly an den zischenden Geräuschen im Hintergrund erkannte. In London war es jetzt kurz vor neunzehn Uhr, die richtige Zeit, das Abendessen zu bereiten. Obwohl Ellen es sich hätte leisten können, beschäftigte sie keine Köchin, sondern bestand darauf, das Abendessen selbst zuzubereiten – jedenfalls, wenn sie zu Hause war.

»Ich hatte heute eine ganz seltsame Begegnung im Laden«, antwortete Lilly und konnte sich nur schwerlich zurückhalten, gleich mit der Geige herauszuplatzen. Aber sie wusste, dass Ellen es geheimnisvoll mochte und enttäuscht wäre, wenn sie ihr einfach nur den trockenen Sachverhalt schildern würde. Außerdem fand sie selbst ja die ganze Sache so unglaublich, dass sie fast schon daran zweifelte, sie überhaupt erlebt zu haben.

Sie berichtete also haarklein von dem Auftauchen des alten Mannes, seinen Worten und dem Geschenk, ungeachtet dessen, dass es ein teures Auslandsgespräch war.

»Er hat dir eine Geige geschenkt?« Ellens Stimme war voller Unglauben.

»Ja, das hat er. Und das Seltsame daran ist, dass er meinte, diese Geige sei für mich bestimmt. Und das, obwohl ich nirgendwo einen Hinweis darauf gefunden habe. Im Futter steckte lediglich ein Notenblatt mit dem Titel ›Moonshine Garden‹.«

»›Mondscheingarten‹, wie hübsch«, entgegnete Ellen. »Und du hast keine Adresse von dem Schenker?«

»Nein, er hat sich mir nicht mal namentlich vorgestellt. Und er war schneller weg, als ich gucken konnte.«

Ellen gab ein missbilligendes Schnalzen von sich. »Das sollte dir eine Lehre sein. Beim nächsten Mal fragst du besser. Es wäre möglich, dass man dir Diebesware andreht.«

Daran hatte Lilly keinen einzigen Gedanken verschwendet. Es war einer ihrer Grundsätze, nicht nach den Namen der Kunden zu fragen – es sei denn, diese benötigten eine detaillierte Quittung für ihren Verkauf.

Jetzt fuhr es ihr wie heißes Wasser durch die Glieder, und sie schalt sich für ihre Naivität. »Meinst du wirklich, dass sie gestohlen sein könnte?« Misstrauisch blickte sie zu dem Geigenkasten.

»Na, ausgeschlossen ist es nicht«, gab Ellen zurück. »Dagegen spricht allerdings, dass er dir die Geige geschenkt hat und meinte, sie sei deine. Als Dieb würde ich eher versuchen, einen möglichst guten Preis zu erzielen. Und wenn sich der nicht erzielen lässt, würde ich sie aus dem Autofenster werfen.«

»Das würdest du ganz gewiss nicht tun!«, entgegnete Lilly, jetzt wieder etwas beruhigter. Nein, die Geige war nicht gestohlen. Es war eindeutig etwas merkwürdig an ihr, aber Diebesgut war sie nicht.

»Okay, aus dem Fenster werfen würde ich wahrscheinlich kein Musikinstrument, aber ich bin ja auch kein Dieb. Also, wie sieht das Schätzchen denn aus?«

Lilly beschrieb, so gut sie konnte, das Aussehen der Geige, den Schwung der Schnecke, die Länge des Halses, den Sitz der F-Löcher. Außerdem Größe und Farbe. Die Erwähnung der Rose auf dem Rücken hob sie sich bis zuletzt auf. Als sie erzählte, dass sie aussähe, als sei sie mit einem heißen Eisen oder einem Lötkolben in das Holz gebrannt worden, schnappte Ellen entsetzt nach Luft. Hinter ihr schepperte es, wahrscheinlich kochte gerade etwas über.

»Sorry«, entschuldigte sie sich kurz, der Hörer klapperte auf den Küchentisch, und Lilly wurde nun Zeugin eines saftigen Fluchs, von Schritten und noch anderen Geräuschen.

Nach einer Minute wurde der Hörer wieder aufgenommen, und Ellens Stimme erklang.

»’tschuldige, das Stew wäre beinahe übergekocht.«

Lilly schmunzelte. Ellen war keine besonders gute Hausfrau, ihre Talente lagen deutlich woanders. Das brachte sie aber nicht davon ab, es am Herd immer wieder zu versuchen.

»Und? Was meinst du zu der Rose?«

»Zunächst einmal bin ich geschockt«, antwortete Ellen, dann schien sie sich zu setzen, wie der über den Boden scharrende Stuhl verriet. »Ist diese Zeichnung etwa in den Lack gebrannt worden? Welcher Banause macht so was?«

»Beruhige dich«, entgegnete Lilly, während sie zum Geigenkoffer hinübersah. »Das Brandzeichen ist unter dem Lack. Fast so, als hätte der Geigenbauer das Holzstück erst mal verziert, bevor er es gelackt hat. Beinahe wie eine Signatur.«

»Das wäre dann aber äußerst ungewöhnlich. Geigenbauer bringen ihre Signaturen nicht außen an der Geige an. Das machen heutzutage nur irgendwelche überkandidelten Musiker, die glauben, dass sie durch ihr Können allein schon Götter sind.«

»Aber irgendwie schien unser Geigenbauer aus seiner Geige etwas Besonderes machen zu wollen. Gibt es wirklich keine anderen Geigen mit irgendwelchen Mustern?«

»Doch, natürlich gibt es verzierte Geigen. Allerdings stammen die nicht von großen Meistern. Ich möchte mal sehen, wie Guarneri oder Stradivari reagiert hätten, wenn ­jemand eine bemalte Geige von ihnen gefordert hätte.«

»Wenn man sie gut dafür bezahlt hätte, hätten sie das sicher getan.«

»Nein, da irrst du dich, meine Liebe. Natürlich fertigten sie Auftragsarbeiten an, allerdings nicht solche, die ihr Prestige in Gefahr gebracht hätten. Wenn jemand eine mit Rosen verzierte Geige für seine Tochter haben wollte, egal, welche Auswirkungen der Zierrat auf den Klang hatte, konnte er damit rechnen, dass der Meister ablehnt und ihn zu einem weniger guten Kollegen schickt. Bei Stradivari und Co haben nur Instrumente die Werkstatt verlassen, die dem Meister alle Ehre gemacht hätten.«

»Dann kann ich davon ausgehen, dass ich eine völlig wertlose Geige bekommen habe.« Lilly konnte nicht sagen, dass sie darüber enttäuscht gewesen wäre. Eine kostbare Geige einfach zu verschenken, wäre noch verrückter gewesen.

»Dazu muss ich das Baby erst mal sehen. Warum kommst du nicht einfach mal her und lässt mich einen Blick drauf werfen? Und natürlich auch auf das Notenblatt.«

»Meinst du wirklich? Du hast doch sicher viel zu tun.«

»Und ob!«, seufzte Ellen, setzte aber gleich hinzu: »Aber du kommst auf jeden Fall! Es wird mir eine Freude sein, mir deine Geige und dein Notenblatt anzusehen und dich ein wenig durch London zu schleifen. Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen, und wenn ich ehrlich bin, habe ich in den letzten Wochen ständig nach einem Grund gesucht, dich hierherzulocken.«

»Dann hast du mir diesen alten Kauz mit der Geige geschickt?«

»Nein, ich schwöre, dahinter stecke ich nicht. Aber es ist eine gute Idee fürs nächste Mal. – Also, wann kannst du kommen?«

»Aber mache ich dir nicht zu viel Arbeit? Ich will nicht, dass das Ganze …«

»Quatsch!«, schnitt Ellen ihr das Wort ab. »Du machst mir nicht zu viel Arbeit, und es wird auch nicht in Stress ausarten, versprochen. Ich habe Abwechslung bitter nötig, außerdem will ich dich unbedingt sehen. Du fehlst mir tierisch, Lilly! Und Dean, Jessi und Norma werden sich auch freuen, dich mal wiederzusehen. Du weißt doch, wie sehr meine Mädchen in dich vernarrt sind.«

»Das weiß ich. Und ich freue mich auf euch alle.«

»Das heißt also, du kommst?«

Lilly jubelte innerlich auf. »Ja, das heißt es. Ich muss nur noch eine Vertretung für meinen Laden finden. Und du musst mir sagen, wann es passt, nicht, dass du da wieder nach New York jetten musst.«

»Keine Bange, es passt. Ich vermute mal, dass hinter deiner Geige eine sehr interessante Geschichte steckt. Oder sogar ein Geheimnis, das wir beide ergründen können. Erinnerst du dich noch an unsere Schatzsuche auf dem Dachboden eures Hauses?«

Lilly lächelte breit in sich hinein. »Ja, daran erinnere ich mich. Nur haben wir leider nie was wirklich Geheimnisvolles gefunden.«

»Dafür aber eine Menge Trödel. Wahrscheinlich hast du dort oben den Grundstein für deine Liebe zu Antiquitäten gelegt.«

Ja, das war durchaus möglich. Schon immer hatten Lilly alte Dinge interessiert. Der Dachboden ihres Elternhauses hatte ihr eine reiche Spielwiese geboten, auf der sie mit Ellen nur zu gern unterwegs gewesen war. Überall alte Kisten und Möbel. Gegenstände, die den Krieg überlebt hatten, unmodern geworden oder ganz einfach vergessen worden waren. Ellen hatte es gefallen, sich hinter den Kisten zu verstecken und sie zu erschrecken. Lilly hingegen hätte sich stundenlang in den Anblick einer geschnitzten Truhe versenken können, denn diese zeigte verschiedene Bilder, deren Bedeutung ihr als Kind nicht aufgegangen war. Mittlerweile wusste sie aber, dass es sich um einen Totentanz gehandelt hatte.

»Und du vielleicht deine Liebe zu alten Instrumenten gefunden«, entgegnete Lilly, die Erinnerung beiseiteschiebend.

Ellen lachte. »Natürlich! Erinnerst du dich an das alte Schifferklavier?«

»Und ob! Du hast grässlich darauf herumgeklimpert.«

»Das mag sein, aber seitdem bin ich von Instrumenten fasziniert, je älter, desto besser.«

Eine kleine Pause entstand, so als würde jede von ihnen Erinnerungen abschütteln müssen, um ins Hier und Jetzt zurückzukehren.

»Okay, ich kann also mit dir rechnen«, begann Ellen schließlich, und Lilly hörte förmlich, wie sie nach ihrem Stew schielte. Mittlerweile war eine halbe Stunde vergangen, und sicher kam Dean bald von der Arbeit heim. Außerdem würde sich Lillys Telefonanbieter über die Kosten freuen …

»Das kannst du. Ich kläre nur noch, wie das mit meinem Laden laufen soll, dann gebe ich dir Bescheid.«

»Bestens! Lass es dir solange gutgehen, hörst du? Und vergiss nicht, mir morgen eine Mail zu schreiben.«

»Versprochen. Grüß Dean und die Mädchen von mir.«

»Mach ich! Bye!«

Damit legten sie auf.

Lilly saß dann für ein paar Minuten einfach nur still da. Die wenigen Augenblicke ihres Telefonats hatten ein Fenster in ihrer Seele geöffnet. Seit ihrer Kinderzeit waren sie und Ellen Freundinnen, nein, beinahe eher so was wie Schwestern, wofür sie oftmals von ihrer Umwelt beneidet wurden. Sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel, und wenn sie sich doch mal stritten, dauerte es nicht lange, bis sie sich wieder versöhnten. Als Ellen bei einem Urlaub in England einen jungen Engländer kennengelernt hatte, war Lilly die Erste gewesen, die erfahren hatte, dass sie über und über in ihn verknallt war. Jahre später dann hatte sie als Trauzeugin in einer kleinen Kirche in London neben Ellen gestanden und bald mehr geweint als die Braut selbst.

Diese Erinnerungsfetzen schafften es stets, ein wenig Sonnenlicht in Lillys Herz zu zaubern. Nicht den vollen Schein, aber doch ein paar Lichtflecken, die durch die Wolken von Peters Tod fielen.

Schließlich erhob sie sich, ging zum Schreibtisch und klappte den Geigenkoffer auf. Der Lichtschein legte sich sanft auf den Firnis der Decke. Ob sie nun was wert war oder nicht, wen kümmerte das? Lilly wollte nur wissen, warum der alte Mann so überzeugt war, dass ihr diese Geige zustand – und warum er sich dann so schnell aus dem Staub gemacht hatte.

Vorsichtig zog sie das Notenblatt hervor und betrachtete es. »Mondscheingarten«, das klang so ungeheuer romantisch! Welchen Garten mochte der Komponist dort wohl verewigt haben? Und wer war er? War das Notenblatt der Schlüssel zur Herkunft der Geige? Und wie stand es mit ihr in Zusammenhang? So viele Fragen …

Ihr Entschluss stand fest.

3

»Denk dran, den Laden abzuschließen, wenn du eine Pause machst und rausgehst. Die Leute mögen sich sonst vielleicht nicht für Antiquitäten interessieren, aber wenn sie etwas gratis bekommen können, nehmen sie alles gern.«

»Klar doch«, entgegnete Sunny und unterdrückte sichtlich ein Augenrollen. Zu Recht, denn bisher hatte sich die junge Frau als sehr zuverlässig erwiesen. Auch wenn sie nebenbei ihre Hausarbeit für die Universität schrieb, würde sie stets ein Auge auf den Laden haben.

»Wenn jemand herkommt und dir etwas verkaufen will, gib ihm unsere Karte und vertröste ihn auf übernächste Woche. Ich möchte mir die Stücke selbst anschauen.«

»Logo, du hast ja schließlich auch mehr Ahnung davon als ich«, entgegnete Sunny ohne die leiseste Spur von Kränkung.

Dennoch fühlte sich Lilly bemüßigt, hinzuzufügen: »Ich glaube schon, dass du gut einschätzen kannst, welches Stück welchen Wert hat. Aber manchmal gibt es eben Ladenhüter, die man nie im Leben wieder loswird.« Sie deutete auf das Schränkchen, das sie heimlich »das Unverkäufliche« nannte. »Du siehst, dieses Stück dort ist wunderschön, aber aus unerfindlichen Gründen will es niemand. So als hätte es ein schlech­tes Karma.«

»Ich finde es wahnsinnig schön«, entfuhr es Sunny, dann presste sie die Lippen zusammen und lächelte verlegen.

»Wenn das so ist, vielleicht sollte ich es dir als Bezahlung fürs Vertreten geben, was meinst du?«

Sunny schüttelte abwehrend den Kopf. »Nee, Lilly, da hätte ich lieber die fünfhundert, die du mir versprochen hast. Den Schrank kannst du mir dann zu meiner Hochzeit schenken.«

»Mit dem Tätowierer nehme ich an?« Lilly zwinkerte ihr zu.

»Mit wem auch immer. Wenn er dann noch da ist, denn ich habe nicht vor, in den nächsten zehn Jahren zu heiraten.«

»Wenn der Schrank in zehn Jahren noch da ist, brauchst du nicht zu heiraten, dann schenke ich ihn dir zum Geburtstag.«

Lilly wusste nicht, wieso, aber auf einmal wurde ihr wieder schmerzlich bewusst, dass sie selbst auch eine Tochter in Sunnys Alter hätte haben können. Nun ja, nicht ganz, denn sie hatte Peter kennengelernt, als sie einundzwanzig war, aber dennoch hätte sie, wenn das Schicksal es besser mit ihr gemeint hätte, eine pubertierende Tochter haben können, die ihr im Laden aushalf und sie über ihren Verlust hinwegtröstete. Manchmal ertappte sie sich dabei, dass sie beinahe mütterliche Gefühle für Sunny hegte. Dann pfiff sie sich rasch zurück, denn sie mochte die Studentin zwar, aber sie wollte ihr nicht all den Seelenmüll aufladen, für den sie sich zweifelsohne nicht interessierte.

Du bist noch jung, sagte sie sich. Jung genug, um einen neuen Mann zu finden. Jung genug, um ein Kind zu bekommen. Doch ihre biologische Uhr tickte, und sie fühlte sich noch immer nicht bereit, sich auf einen anderen Mann einzulassen.

»Na ja, auf jeden Fall bist du ab sofort Herrin dieses Ladens, und ich verlasse mich drauf, dass ich bis auf die verkauften Sachen alles wiederfinde, wenn ich zurückkehre.« Damit zog Lilly ihre Geldbörse aus der Tasche und reichte ihr einen Hunderter. »Hier, als kleine Anzahlung. Den Rest bekommst du, wenn ich wieder zurück bin.«

»Danke – geht klar.« Sunny ließ den Geldschein in der ­Tasche ihrer Jeans verschwinden. »Und, bist du schon aufgeregt?«

Lilly blickte zu ihrem Gepäck, das neben der Tür auf sie wartete.

Eigentlich hatte sie nicht vorgehabt, viel mitzunehmen, doch dann hatte sich mehr und mehr »Nötiges« wie Gastgeschenke und andere kleine Dinge angesammelt, so dass nun ein Trolley und eine prall gefüllte Reisetasche auf sie warteten. Und natürlich der Geigenkasten, der sich jeder Verstauung in Koffer oder Tasche widersetzt hatte, als wollte er, dass die Passanten ihn bei Lilly sahen.

»Ja sicher, ich habe meine Freundin schon eine Weile nicht mehr gesehen.«

»Und die Geige nimmst du mit?«

»Ich will meiner Freundin die Geige zur Begutachtung übergeben.«

»Ist sie denn was wert?«

»Keine Ahnung. Auf jeden Fall interessiert es mich, wem sie früher gehört hat. Vielleicht kann ich das in Erfahrung bringen.«

»Das wirst du bestimmt. Und die wird sicher auch nicht zehn Jahre hier herumgammeln, bevor sie jemand kauft!«

Lilly verzichtete darauf, Sunny aufzuklären, dass sie nicht beabsichtigte, diese Geige zu verkaufen. Später, wenn sie wieder zurück war, würde sie ihr vielleicht die Geschichte erzählen – wenn es denn eine gab.

Nachdem sie sich noch einmal umgesehen hatte, als wollte sie sich das Aussehen ihres Ladens einprägen, schulterte sie ihre Reisetasche, klemmte sich den Geigenkoffer unter den Arm und zog mit der freien Hand den Trolley hinter sich her.

»Mach’s gut, Sunny!«

»Du auch, Lilly!«

Noch einmal läutete die Türglocke über ihr, dann trat sie hinaus in die winterliche Kälte.

Lilly fand es erstaunlich, wie schnell einige Dinge manchmal gingen. Gerade eben hatte sie an eine Reise gedacht, jetzt trat sie sie schon an. Gleich am Tag nach dem Telefonat hatte sie an Sunnys Wohnungstür geklingelt. Die Studentin war begeistert gewesen, gleich anfangen zu können, zumal sie einen ruhigen Ort brauchte, um an ihrer Hausarbeit zu feilen.

Alles danach hatte perfekt ineinandergegriffen wie die Zahnräder eines Uhrwerks. Anruf bei Ellen, Buchung des Fluges, Kofferpacken. Ihre Frage nach einem guten Hotel blockte Ellen mit einem herzhaften »Spinnst du? Du wohnst natürlich bei uns!« ab. Und da war sie nun, auf dem Weg nach London. In ein paar Stunden ging ihr Flug.

Mit einem erwartungsvollen Kribbeln in der Magengrube stapfte Lilly in Richtung S-Bahnhof. Der Frost biss ihr in die Wangen, und als wollte ihr das Wetter sagen, dass es richtig war, was sie tat, strahlte die Sonne von Wolken unbehelligt an einem tiefblauen Morgenhimmel. Die Schneeberge, die sich am Straßenrand auftürmten und das Parken beinahe unmöglich machten, glitzerten wie unzählige Brillanten, und auf einmal kamen ihr auch die Mienen der Passanten nicht mehr so mürrisch vor.

Lilly bedauerte es in diesem Augenblick ein wenig, dass sie nur noch so selten verreiste. Gegenüber ihrer Umgebung schob sie ihren Laden vor, doch tief in ihrem Innern wusste sie, dass Peter der Grund war. Die Angst davor, auf der Reise allein zu sein, keinen Anschluss zu finden und dann von Erinnerungen heimgesucht zu werden, die alles verdarben, war so übermächtig, dass sie sich damit begnügte, durch den ­Botanischen Garten zu wandern, wenn ihr mal die Decke auf den Kopf fiel.

Nach einer Dreiviertelstunde erreichte Lilly den Flughafen Tegel, wo sie sogleich eincheckte. Zwischendurch ging ihr Handy los, ohne dass sie rangehen konnte. Nachdem sie ihr Gepäck aufgegeben hatte und endlich nachsehen konnte, entdeckte sie eine Nachricht von Ellen auf ihrer Mailbox. Darin teilte diese ihr mit, dass Lilly nach ihrer Ankunft am besten gleich zu ihrem Haus fahren sollte, dort hätte sie etwas für sie vorbereitet.

Lilly lächelte in sich hinein, als sie wieder auflegte. Auch wenn sie unter Stress stand, ließ es sich Ellen nicht nehmen, für alles Vorkehrungen zu treffen.

Beim Einsteigen ins Flugzeug erntete sie wegen ihrer Geige einen verwunderten Blick der Flugbegleiterin, doch diese sagte nichts und verlegte sich darauf, unverbindlich zu lächeln. Lilly hatte es nicht übers Herz gebracht, das gute Stück mit dem restlichen Gepäck aufzugeben. Glücklicherweise war es leicht genug, um als Handgepäck durchzugehen.

Beim Versuch, den Kasten in die Gepäckablage zu hieven, scheiterte Lilly aufgrund ihrer eigenen geringen Größe.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte eine Männerstimme auf Englisch.

Als Lilly den Kopf umwandte, blickte sie zunächst auf eine von einem anthrazitfarbenen Hemd bedeckte Brust, dann ­hinauf in das Gesicht eines etwa vierzig Jahre alten Mannes, das von lockigem, leicht graumeliertem Haar umgeben wurde. Ein Typ wie aus der Werbung, schoss es Lilly durch den Sinn. Und obwohl sie eigentlich der Meinung war, das mit dem Geigenkasten irgendwie hinzubekommen, nickte sie und antwortete auf Englisch: »Ja, das wäre sehr freundlich.«

Der Engländer verstaute den Geigenkasten, dann fragte er: »Sind Sie Musikerin?«

Lilly schüttelte den Kopf. »Ich habe das Instrument geschenkt bekommen und möchte es jetzt begutachten lassen.«

»Und Sie selbst spielen nicht?«

Lilly schüttelte den Kopf. »Nein, ich verkaufe Antiquitäten.«

»Was für ein Jammer. Sie würden sicher eine gute Figur auf der Bühne abgeben.«

War das ein Kompliment? Lilly spürte, wie sie rot wurde.

»Ich glaube, man müsste mich auf einen Hocker stellen, damit man mich auf der Bühne sieht«, versuchte sie ihre Verlegenheit zu überspielen. Es war schon so lange her, dass ein Mann mal was Nettes zu ihr gesagt hatte.

Der Fremde lachte herzlich auf. »Da sage noch mal einer, die Deutschen haben keinen Humor!« Er streckte ihr die Hand entgegen. »Ich bin Gabriel Thornton und freue mich schon sehr darauf, den Flug mit Ihnen zu verbringen.«

»Lilly Kaiser«, entgegnete sie ein wenig verlegen und stellte fest, dass Mr Thornton in derselben Sitzreihe seinen Platz hatte wie sie.

Zwischen ihnen war zwar ein Platz frei, doch als der Mann, der eigentlich dort saß, anrückte, gelang es dem Engländer, ihn auf ganz charmante Art dazu zu überreden, mit ihm den Platz zu tauschen. Ein guter Tausch, denn immerhin hatte er einen Fensterplatz anzubieten. Einen Platz, den er aufgab, nur um mit ihr zu reden …

Kurz nachdem sie abgehoben hatten, erfuhr Lilly, dass Mr Thornton eine Musikschule in London leitete und nebenbei Musikwissenschaften unterrichtete. In Berlin war er wegen einer Serie von Gastvorlesungen, die am Tag zuvor zu Ende gegangen waren. Während er sprach, ertappte sie sich dabei, wie sie sich an seinem Mund, seiner Nase und seinen Augen festguckte. Um es etwas weniger auffällig wirken zu lassen, senkte sie den Blick, doch auch seine Hände waren eine Augenweide. Kräftig, aber dennoch geschmeidig und vor allem sehr gepflegt – die Hände eines Musikers.

»Und wie hat Ihnen Berlin gefallen?«, fragte Lilly, während es in ihrer Magengrube noch immer kribbelte – jetzt allerdings irgendwie anders als am Bahnsteig. Noch immer war sie voller Erwartungen, aber nun kam noch hinzu, dass sie ihren Gesprächspartner äußerst sympathisch fand.

»Eine schöne Stadt. Und schön zu sehen, dass sie nicht mehr von einer Mauer geteilt wird.«

»Das wird sie doch schon seit zwanzig Jahren nicht mehr«, entgegnete Lilly amüsiert. Konnte es sein, dass man im ­Ausland immer noch erwartete, den Todesstreifen vorzufinden?

»Ob Sie es mir glauben oder nicht, aber mein letzter Besuch hier war 1987, und da gab es die Mauer noch.«

»Sie waren also als Student hier.«

Thornton nickte. »Ja, voller Hoffnungen und Träume. Und voller Neugier auf die deutschen Mädchen.« Als er ihr zuzwinkerte, spürte Lilly, dass ihre Wangen warm wurden. Wurde sie rot? Der Mann war doch nur ihr Sitznachbar. Wahrscheinlich war er verheiratet, hatte eine hübsche Frau und süße Kinder, und sie würde ihn, wenn sie erst mal gelandet waren, niemals wiedersehen.

»Was ist mit Ihnen, sind Sie gebürtige Berlinerin?«, fragte er jetzt.

Lilly schüttelte den Kopf. »Nein, ich stamme ursprünglich aus Hamburg. Nach der Wende bin ich mit meinem Mann nach Berlin gegangen und habe dort ein Geschäft eröffnet.«

»Ihr Mann kann sich sehr glücklich schätzen, so eine reizende Frau abbekommen zu haben.«

Lilly presste die Lippen zusammen.

Es war eigentlich nicht ihre Art, jedem auf die Nase zu binden, was passiert war, aber weil der Mann nett zu sein schien, machte sie eine Ausnahme.

»Er war es – vielleicht.«

Eine nachdenkliche Falte erschien zwischen Thorntons Augenbrauen.

»Er ist gestorben«, mutmaßte er richtig. »Tut mir leid.«

»Es ist jetzt drei Jahre her«, entgegnete Lilly und senkte den Kopf. Dass ihr Mann einen Hirntumor gehabt hatte, sagte sie ihm allerdings nicht.

Thornton presste betroffen die Lippen zusammen, während Lilly versuchte, etwas zu finden, womit sie das Schweigen füllen konnte. Die Stewardess fragte nach ihren Wünschen, worauf Lilly ein Glas Wasser und Thornton Tomatensaft bestellte.

»Wussten Sie eigentlich, dass in Flugzeugen am liebsten Tomatensaft getrunken wird?«, fragte er sie, wobei das Lächeln wieder auf sein Gesicht zurückkehrte. »Und dass selbst Leute Tomatensaft bestellen, die sonst nichts mit dem Getränk am Hut haben?«

Lilly kam nicht umhin, das Lächeln zu erwidern. »Gibt es darüber eine Studie?«

»Nein, das habe ich irgendwo gelesen. Fragen Sie mich aber nicht, wo.«

Er lachte einnehmend und vertrieb damit endgültig die dunkle Wolke, die sich über ihre Köpfe geschoben hatte.

»Was ist mit Ihnen, Ihre Frau wird sich sicher freuen, wenn Sie nach so langer Zeit zurückkehren«, bemerkte Lilly, nachdem die Flugbegleiterin die Getränke vor ihnen abgestellt hatte. Als sie einen verstohlenen Blick zur Seite warf, entdeckte sie in ihrer Sitzreihe noch vier weitere rot gefüllte Gläser.

Ein geheimnisvolles Lächeln huschte um Thorntons Lippen. »Zweifellos – wenn ich denn eine Frau hätte.«

»Sie sind nicht …?« Peinlich berührt brach Lilly ab.

»Nein. Nicht mehr. Wir haben uns freundschaftlich getrennt, und hin und wieder sehen wir uns, das ist alles.«

Wieder folgte Schweigen, über mehrere Minuten, dann begann Thornton wieder: »Sie wollen die Geige also unter­suchen lassen?«

»Ja, will ich. Allerdings ist es kein besonders wertvolles Modell, es hat eher … ideellen Wert.«

»Haben Sie es von einem Verwandten bekommen?«

»Eher von einem flüchtigen Bekannten«, gab Lilly zurück. »Ein Mann kam in den Laden und gab sie mir. Einfach so. Dann ist er verschwunden, und ich habe keine Ahnung, wo ich ihn suchen soll. Jetzt will ich wissen, wie ich zu der Ehre komme.«

»Klingt spannend. Wen haben Sie da an der Hand?«

»Ellen Morris. Der Name sagt Ihnen vielleicht nichts, aber …«

»O doch, der Name sagt mir etwas! Sie ist eine der Besten auf dem Gebiet der Restauration. Persönlich hatte ich noch nicht das Vergnügen, sie kennenzulernen, aber ich höre von überall nur Gutes von ihr.«

Das wird Ellen freuen, dachte Lilly. Wenn er es denn ernst meint. Aber in seiner Stimme hatte sie keinerlei Ironie ausmachen können.

»Wie sind Sie an sie gekommen? Ich meine, in Deutschland gibt es sicher auch Experten auf diesem Gebiet.«

»Wir sind Freundinnen seit der Schulzeit. Sie ist eigentlich Deutsche, hat aber einen Engländer geheiratet, und dank ihres Vornamens wird sie jederzeit für eine Einheimische gehalten.«

Thornton zog überrascht die Augenbrauen hoch. »So? Also das wusste bisher bestimmt niemand. Vielen Dank für diese Info, vielleicht ist sie mal zu was nütze.«

»Meinen Sie?« Lilly verzog ihr Gesicht. »Ich glaube kaum, dass sie sich dadurch bewegen lässt, weniger für ihre Dienste zu nehmen.«

»Aber ich habe ein Gesprächsthema, wenn ich sie sehe. Ich frage sie einfach danach, wie es ihrer reizenden Freundin geht, und komme dann von einem aufs andere.«

Die Durchsage des Flugkapitäns, dass sie in Kürze in Heath­row landen würden, beendete ihr Gespräch. Sitzgurte wurden angelegt, Flugbegleiterinnen huschten noch einmal durch den Gang, dann wurde zur Landung angesetzt.

Schade, dachte Lilly. Diesen Mann hätte ich bei einem Langstreckenflug kennenlernen müssen. Sie war sicher, dass sie sich noch allerhand erzählen könnten.

Doch dafür reichte die Zeit nicht aus, und als sie sich beim Aussteigen schließlich verabschiedeten und sich dann beim Warten auf das Gepäck aus den Augen verloren, war sie beinahe ein wenig traurig.

4

Lilly hielt es für ein gutes Omen, dass London sie nicht klischeehaft mit düsteren Wolken und Regen empfing. Der Himmel über dem Flughafen war so blau wie auf einer Postkarte, und nur vereinzelt zeigte sich ein Federwölkchen. Es schien fast, als sei ihr das gute Wetter aus Berlin gefolgt.

Ellen hatte ihr zwar angeboten, sie vom Flughafen abzuholen, doch das hatte Lilly abgelehnt. Sie wusste nur zu gut, wie eingespannt ihre Freundin in ihre Arbeit war. Nachdem sie kurz überlegt hatte, ob sich ein Leihwagen lohnen würde, entschied sie sich für ein Taxi. Der Fahrer war etwa um die fünfzig und Schotte, wie man unschwer an seinem Akzent hörte. Mit seiner etwas ausgebeulten Tweedjacke, den Cordhosen und der Schirmmütze auf dem Kopf wirkte er wie der typische Pubbesucher aus englischen Fernsehserien.

»Sind Sie Musikerin?«, fragte er, kurz nachdem sie Heathrow hinter sich gelassen hatten, und deutete mit dem Kinn auf den Geigenkasten, der auf ihrem Schoß lag.

»Nein, ich handle mit Antiquitäten.« Lilly fragte sich im Stillen, wie oft sie diesen Umstand noch erklären musste.

»Dann spielen Sie hobbymäßig?«, bohrte der Taxifahrer weiter. »Mein Sohn schickt seine Kleine auf eine Musikschule in Belgravia, er bildet sich ein, dass sie eines Tages eine Stargeigerin wird.« Der Mann schnaufte verächtlich.

»Spielt Ihre Enkelin nicht gut?«

»Doch, klar tut sie das – für eine Siebenjährige. Ich bin aber der Meinung, dass die Kleine rausgehen und was mit anderen Kindern ihres Alters unternehmen sollte.«

Lilly schwieg nachdenklich. Natürlich hatte der Mann recht, wurde das Mädchen zum Geigespielen gezwungen, würde sie wahrscheinlich darunter leiden und das Instrument abstoßen, sobald ihr die Pubertät genügend Rebellion einimpfte. Doch vielleicht mochte sie es ja auch. Es gab sehr viele Künstler, die schon mit so jungen Jahren wussten, was sie machen wollten. Und denen es egal war, ob sie für normal gehalten wurden oder nicht. Nicht alle Kinder liebten es, durch den Matsch zu turnen und auf Bäume zu klettern.

»Vielleicht wird sie ja wirklich eine Stargeigerin«, entgegnete sie schließlich. »Und wenn sie das nicht werden will, wird sie früh genug aufhören, glauben Sie mir.«

Als das Gespräch mit dem Taxifahrer erstarb, richteten sich Lillys Gedanken wieder auf Mr Thornton.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass er irgendwas an sich hatte, das sie an Peter erinnerte. Äußerlich waren beide vollkommen unterschiedlich – Peter war blond und blauäugig gewesen, Thornton war dunkel in Haar- und Augenfarbe –, aber in der Wesensart des Engländers entdeckte sie im Nachhinein ein paar Gemeinsamkeiten. In der Art, wie er sprach oder sie lächelnd ansah …

»Meine Güte ist das ein Kasten!« Der Fahrer stieß einen bewundernden Pfiff aus, der Lilly aus ihren Gedanken riss. Als sie aufblickte, erkannte sie vor sich das Haus ihrer Freundin.

»Wollen Sie wirklich dorthin?«

»Ja, da wohnt meine Freundin«, erklärte Lilly und spürte, dass plötzlich ein warmes Gefühl ihren Körper flutete. Auf einmal hatte sie wieder den Duft eines der Weihnachtsfeste in der Nase, die sie mit Ellen und ihrer Familie hier verbracht hatte. Das gesamte Haus hatte nach gerösteten Mandeln, Zuckerzeug, Rosinen und Plumpudding gerochen.

Vor dem hohen Eisentor, das wohl noch aus elisabethanischer Zeit stammte, blieb das Taxi stehen. Lilly bezahlte den Fahrer, der ihr daraufhin noch den Koffer und die Tasche aus dem Kofferraum hievte und dann davonbrauste. Das Funkgerät, das sich bereits unterwegs mit einem ungeduldigen Rauschen gemeldet hatte, untersagte ihm, den Anblick des Anwesens auch nur einen Moment länger als nötig zu genießen.

Doch Lilly nahm er sofort gefangen. Wie verzaubert spähte sie durch die Gitterstäbe. Und gleichzeitig versetzte ihr der Neid einen mehr als kleinen Stich. Schon immer hatte ihre Freundin das Glück angezogen. Nicht nur, dass sie ihren Traumberuf ausübte, sie hatte einen wunderbaren Mann, zwei reizende Töchter und dieses Haus. Wobei die Bezeichnung Haus eindeutig untertrieben war, denn das hier war ein echter englischer Landsitz.

Das von Frost überzuckerte Wohnhaus verfügte über zahlreiche Giebel, Türmchen und Schornsteine, in den altertümlich belassenen Fenstern spiegelte sich der blaue Winterhimmel.

Ellen und ihr Mann Dean hatten das Haus vor etwa zehn Jahren einem englischen Geschäftsmann mit adeligen Wurzeln abgekauft. Damals war es ziemlich heruntergekommen gewesen, der Geschäftsmann hatte sich kaum darum kümmern können und war froh gewesen, den »Kasten« los zu sein.

Dean, dem ein großes Bauunternehmen in London gehörte, hatte innerhalb eines halben Jahres aus dem Schandfleck ein Kleinod gemacht, das trotz aller Modernisierung immer noch imstande war, den Besucher in Tudorzeiten zurückzuführen.

Lilly bedauerte auf einmal, dass sie seit Peters Tod nicht mehr oft hier gewesen war. Dean und Peter hatten sich hervorragend verstanden. Wahrscheinlich hatte sie sich davor gefürchtet, dass Dean und auch Ellen sie mit zu viel Mitleid überschütten könnten. Aber die Zeiten waren vorbei, und ­Lilly spürte bereits jetzt, dass der Besuch diesmal etwas in ihr ändern würde, also drückte sie den Knopf der Gegensprechanlage.

Als Antwort auf ihr Klingeln ertönte bedrohlich tiefes Bellen. Wenig später kamen zwei Rottweiler angerannt. Die beiden massigen Tiere drängten sich auf dem schmalen Kieselweg gegenseitig beiseite und zeigten ihre gefährlich gebleckten Gebisse. Als sie Lilly jedoch erkannten, entspannten sie sich, sprangen am Gitter hoch und hechelten ihr ihren heißen Atem entgegen.

Weniger bedrohlich wirkten sie dadurch nicht, aber Lilly, die vorsorglich ein Stück vorm Tor zurückgewichen war, wusste, dass sie eigentlich nur auf Zuruf bissen. Eigentlich.

»Ja, hallo?«, meldete sich nach einem lauten Knacken eine Kinderstimme, die Lilly sofort wiedererkannte, obwohl sie seit ihrem letzten Besuch ein wenig gereift war.

»Norma? Ich bin’s, Tante Lilly.«

»Hi!«, antwortete die Stimme freudig. »Warte, ich mach auf.«

Lilly hörte, wie das Tor aufschnappte, warf dann den Hunden einen skeptischen Blick zu. Wie hießen die beiden noch mal? Skippy und Dotty?

Lilly entschied sich, sie nicht anzusprechen, während sie vorsichtig das Tor aufschob.

Da ertönte ein schriller Pfiff. »He, ihr beiden, werdet ihr wohl die Lady in Ruhe lassen?«

Rufus, der Gärtner, winkte ihr zu. Lilly atmete erleichtert durch. Die Hunde hörten auf ihn. Nachdem sie noch einmal in ihre Richtung geblickt hatten, stürmten sie mit langen Sprüngen zu ihm.

Als sie näher kam, sah sie, dass er gerade ein paar Äste zusammengetragen hatte, um sie zu schreddern.

»Hallo, Mr Devon!«, grüßte Lilly den Gärtner, der etwas aus seiner Tasche zog und dann von sich schleuderte. Mit Erfolg, denn die Hunde hasteten dem Gegenstand, der wohl ein kleiner Ball war, hinterher.

»Hallo, Mrs Kaiser«, entgegnete er und wischte sich rasch die Hand an seiner Arbeitshose ab, bevor er sie Lilly reichte. »Mrs Morris hat mich schon vorgewarnt, dass Sie kommen. Ich habe ja gehofft, vorher schon alles fertig zu haben, leider halten mich die beiden Lauser dahinten immer wieder ab.«

Rufus Devon war ein Witzbold – und ein Hundenarr. Irgendwie schaffte er es, dass selbst die scheuesten oder rauflustigsten Hunde ihn mochten. Vielleicht lag das daran, dass er aus einer Familie von Hundezüchtern stammte, denen die Vierbeiner im Blut lagen.

»Ich glaube, selbst David Copperfield könnte keine Veilchen aus dem Schnee zaubern«, entgegnete Lilly. »Dass Sie herkommen und sich auch jetzt um den Garten kümmern, ist schon sehr viel, die eigentliche Saison beginnt doch erst in ein paar Monaten.«

»Stimmt, aber bis dahin will ich alles fertig haben. Soll doch wieder schön aussehen, der Park.«

»Das wird er, da bin ich sicher!«

Nachdem sich Lilly von Mr Devon verabschiedet hatte, wandte sie sich dem Haus zu. Dabei versuchte sie, möglichst bewusst einzuatmen, denn die Luft war völlig anders als in Berlin. Sie roch nach Holzspänen und Humus, nach faulenden Blättern und schmutzigem Schnee. Nach Tannennadeln, alten Balken, nach Schilfrohr und Teich.

Hinter Lilly begann nun der Schredder zu rattern, ein Geräusch, das ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Es wurde Zeit, dass sie ins Haus kam. Bei aller Sympathie zu Rufus Devon war sie geradezu allergisch gegen Lärm und froh, dass es ein wenig leiser wurde, als sie endlich vor der Treppe stand, die zur Eingangstür hinaufführte.

Wieder fühlte sie so etwas wie Neid, als sie zu den beiden kleinen Türmchen an der Vorderfront aufschaute. Ob Königin Elisabeth I. bei ihren Jagden hier Rast gemacht hatte? Die längst vergangene Zeit war noch immer spürbar.

Viel Zeit zum Nachdenken über früher hatte Lilly jedoch nicht, denn kaum war sie zwei Stufen hinauf, flog auch schon die Haustür auf. Ellens Töchter stürmten ihr entgegen, als sei sie der Weihnachtsmann, und umarmten sie so ungestüm, dass sie aufpassen musste, nicht von der Treppe zu fallen.