Der Mörder bittet um Antwort - Mignon G. Eberhart - E-Book
Beschreibung

Als der bekannte Strafverteidiger Orle Hilliard an der Riviera stirbt, hinterläßt er seiner Tochter ein hoch verschuldetes Haus – und ein Tagebuch. Bald darauf erhält Miss Hilliard eine Bonbonniere mit fünftausend Dollar in kleinen Scheinen – und den Besuch eines alten Bekannten: Richard Amberly hat ebenfalls einen teuren Toten zu beklagen – seine Frau. Sie wurde ermordet. Miss Hilliards Vater hatte Amberly verteidigt und vor der Verurteilung wegen Mordes bewahrt – durch ein falsches Alibi. Noch ahnt Miss Hilliard nichts von dem schrecklichen Geheimnis des Tagebuches, des einzigen Vermächtnisses ihres Vaters, an dem mehrere Unbekannte und die Polizei brennend interessiert sind ... (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:302


Mignon G. Eberhart

Der Mörder bittet um Antwort

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen von Gretel Spitzer

FISCHER Digital

Inhalt

Beide Häuser sind verkauft. [...]

Beide Häuser sind verkauft.

Das Haus am Gramercy Park hat ein Club erworben. Ich frage mich, ob wohl jemand über die marmornen Locken der Venus, die in der Halle steht, einen Hut gestülpt hat oder ob jemand ihre weiße Blöße mit einem Mantel bedeckte. Es ist ein sehr exklusiver Club.

Ich frage mich auch, ob ein bestimmter Raum in dem Haus wirklich jemals warm wird.

Richard sagte einmal: «Auf unseren beiden Häusern liegt ein Fluch.» Er lachte, doch seine Augen blickten mich ernst dabei an.

Der Prozeß gehört der Vergangenheit an. Vielleicht hätte man seinen Ausgang voraussehen können.

Heute ist wieder Silvester. Die Sonne hat den ganzen Tag golden gestrahlt, das Meer leuchtete sehr blau und färbte sich purpurn, als die Sonne sank. Auf der Promenade sah ich einen Herrn und eine Dame, die mich an Lord und Lady Tweed erinnerten. Doch ich hatte mich geirrt; als ich sie einholte, wandten sie mir ausdruckslose höfliche Gesichter zu.

Heute abend wird es überall Festessen geben. Um Mitternacht werden die Tanzkapellen einen Augenblick pausieren, das Licht wird kurz verlöschen, und jeder wird jeden küssen. Und dann werden die Lampen von neuem erstrahlen, und das neue Jahr wird einziehen.

Vielleicht war diese Rückkehr nach Nizza unvermeidlich. Eigentlich hatte dort nichts seinen Anfang genommen, die Ausgangspunkte waren unklar, wurden nur auf einmal alle zusammengefaßt und erreichten gleichzeitig ihren Höhepunkt. Doch für mich fing alles in Nizza an.

Das war am ersten Weihnachtsfeiertag vor einem Jahr, und alle Glocken läuteten Noël, Noël.

Bleierner Himmel lagerte über New York, und ein Schneesturm kündigte sich an. Ich dachte an die weihnachtlich geschmückten Fenster der Geschäfte in der Fifth Avenue. An die Weihnachtsmänner an allen Straßenecken mit ihren roten Mänteln und ausgestopften Bäuchen, den weißen Haaren und Bärten. Ich fragte mich, was nach Weihnachten aus ihnen wurde. Legten sie ihre roten Mäntel, die Perücken und Polster ab und verschwanden? New York schien sehr weit weg von Nizza, und ich war in Nizza.

Ich ging zum Gottesdienst in die Kathedrale, lief dann zur Promenade des Anglais. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, daß mir jemand folgte.

Es war einer dieser blau-goldenen Tage in Nizza, an denen das Mittelmeer aussah, als hätte es alle Blautöne der Welt in sich aufgesaugt und sein eigenes, fast unirdisches Blau daraus gemacht. Es hatten sich noch mehr Spaziergänger auf der Promenade eingefunden, – die übliche junge französische Familie, die üblichen wie ausgestopft wirkenden Engländer. Aus einem Bus stieg eine ganze Ladung von Beduinen, wie ich vermutete, in wehenden weißen Burnussen. Der Kontrast ihrer Kleidung und Erscheinungen amüsierte mich und lenkte mich einen Augenblick ab. Dann merkte ich, daß jemand an mich herangetreten war, als hätte er nur auf den geeigneten Augenblick gewartet, um sich aus dem Hinterhalt auf mich zu stürzen. Er war gewandt, dunkel, lächelte und sagte: «Miss Hilliard.»

Dann zog er seinen schicken Hut – schwarzes Haar kam zum Vorschein, glänzend wie seine Schuhe – und erklärte: «Ich möchte gern mit Ihnen sprechen. Es betrifft Ihren Vater.»

Eine Wolke schweren Parfüms hüllte mich ein. Er lächelte, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Ihr Ausdruck gefiel mir ganz und gar nicht. Und besonders mißfiel mir sein Parfüm.

Es war allerdings möglich, daß es sich um etwas Geschäftliches handelte. Um eine Rechnung vielleicht, die mit der Krankheit und dem Tode meines Vaters zusammenhing und die ich noch nicht bezahlt hatte. Ein Gefühl des Unbehagens überkam mich, denn meine Reiseschecks waren ziemlich zusammengeschmolzen. Ehe ich fragen konnte, sagte er: «Mein Name ist Benni …», den Rest verstand ich nicht … Bennivici, Bennedetto? Er sah mich dabei listig an, als ob mir sein Name etwas sagen müßte.

Ich fragte: «Handelt es sich um eine unbezahlte Rechnung?»

Seine Augen flackerten kurz auf, wie das Klicken einer Kamera. «Nein, nein. Das heißt … Ihr Vater … geschäftlich … ein kleines Gespräch mit Ihnen – einer seiner Klienten …»

Mein Vater war Anwalt gewesen. Strafverteidiger. Den- noch hielt ich es für unwahrscheinlich, daß Benni zu dem Typ von Klienten gehörte, den mein Vater angenommen haben würde.

Plötzlich wurde mir fast schlagartig bewußt, daß ich überhaupt keine Vorstellung davon hatte, welche Kategorie von Klienten mein Vater vertrat. Dieser Teil seines Lebens war mir stets verschlossen geblieben. Ich sagte: «Ich weiß überhaupt nichts über die geschäftlichen Angelegenheiten meines Vaters. Sein Büro ist in New York.»

Bennis dunkle Augen wurden mehr als unangenehm und sehr skeptisch. Das war unübersehbar.

Nach einer Pause sagte er: «Es wird Sie vielleicht interessieren zu hören, daß die Rechnung beglichen werden wird. Ich glaube, eine Unterhaltung mit Ihnen wäre nützlich. Wir sollten über die Bedingungen sprechen. Ich habe meinen Wagen hier – wie wäre es mit einer Spazierfahrt? Es ist so schönes Wetter heute.»

Nie wäre ich mit ihm gefahren. Wenn ich auch nicht annahm, daß er mein wunderschönes Chanel-Kostüm mit einem Messer durchbohrt hätte, während wir die Promenade entlanggingen. Auf alle Fälle bot sich keine Möglichkeit dazu, denn in diesem Augenblick kamen Lord und Lady Tweed auf uns zu. Sie hießen gar nicht so, wohnten aber im selben Hotel, und ich hatte diesen Namen für sie erfunden. Lady Tweed sagte: «Wie geht’s?» und schien über ihre eigene Initiative bestürzt. Lord Tweed räusperte sich, sah auf das Mittelmeer hinaus und murmelte: «… zurück zum Hotel … vielleicht kommen Sie mit …» und sah noch verlegener, wenn auch entschiedener aus als seine Frau.

Am liebsten wäre ich ihnen um den Hals gefallen. «Danke», sagte ich, und zu Benni gewandt, dessen Augen jetzt kalt und böse geworden waren: «Wenn Sie an das Büro meines Vaters schreiben wollen? Ich weiß wirklich nichts von seinen geschäftlichen Angelegenheiten …»

«Die Quittung», sagte Benni. Ich hatte den Eindruck, daß er mich am Arm packen wollte. «Ich … das heißt Bedingungen und die – die Quittung!»

«Tut mir leid, wenden Sie sich doch an sein Büro. Guten Morgen.» Ich zog zwischen den beiden Tweeds los und sah nicht zurück, hatte jedoch das unbehagliche Gefühl, daß Benni stocksteif dastand und mich mit seinem häßlichen Blick verfolgte, der meinen Rücken zu durchbohren schien.

«Nicht der Richtige», meinte Lord Tweed.

«Junges Mädchen wie Sie», ergänzte Lady Tweed.

Ich begriff beide, als ob sie eine lange Rede gehalten hätten, und sagte nochmals: «Danke.»

Lord Tweed grunzte vor sich hin, der Kerl solle sich gefälligst an die Anwälte wenden und nicht an ein junges Mädchen.

Im Hotel trennten wir uns vor der Tür des Speisesaals. Lord Tweed hustete und sagte: «Habe von Ihrem Vater gehört. Tut mir leid. Ein Jammer.» Unerwartet schüttelte Lady Tweed mir fest die Hand. Ich sah sie niemals wieder, habe sie aber nie vergessen.

Während der nächsten Stunden allerdings vergaß ich sie, ebenso wie das Mittagessen und den parfümierten Benni, denn trotz Weihnachten hatte der Portier einen eingeschriebenen Brief für mich. Es war ein länglicher Umschlag mit Mr. Hatever als Absender, der viele Jahre hindurch der Sozius meines Vaters gewesen war.

Der Brief hatte lange auf sich warten lassen; ein paar Formalitäten waren ihm vorausgegangen. Ich hatte Hatever telegrafisch von der Krankheit und dem Tode meines Vaters unterrichtet. Ich hatte ihn auch aus einem einfachen Grunde über das Vermögen meines Vaters um Rat gebeten, denn mein Geld nahm rapide ab, und ich hatte keine Reserven. Hatever hatte sein Beileid ausgedrückt und mitgeteilt, daß er eine Vollmacht brauche, um mich zu vertreten. Ich hatte sie ihm sofort vom erstbesten Notar zustellen lassen, auf den ich in Hotelnähe gestoßen war. Er hatte den Empfang bestätigt, und dann hörte ich bis zu jenem Tage und Brief nichts.

Ich lief schnell in das Appartement, das mein Vater extravaganterweise genommen hatte, und das ich ebenso extravaganterweise behalten hatte, wenn ich auch das Schlafzimmer meines Vaters nach seinem Tode aufgegeben und sein Gepäck und seine Kleider in einem Schrank in meinem Zimmer untergebracht hatte. Ich las den Brief im Wohnzimmer und fragte mich zehn Minuten später, wie ich alles bezahlen, womit ich die Rückreise finanzieren sollte. Ich hatte über vieles nachzudenken, denn meine gesicherte und beschützte, wenn auch ziemlich merkwürdige Welt war zusammengestürzt. Hatevers Brief war voller Bedauern, gütig und absolut eindeutig.

Mein Vater war Anwalt gewesen. Er hatte kein Testament hinterlassen. Das spiele keine Rolle, erklärte Hatever, da ich die einzige Erbin sei. Tatsächlich gäbe es aber nichts zu erben. Es war so gut wie nichts vorhanden, das man jemandem hätte hinterlassen können.

Hatever hatte die für die Erbschaftssteuer zuständige Behörde veranlaßt, diesen Fall beschleunigt zu bearbeiten, doch diese Eile stellte sich als übertrieben heraus. Es gab keine Lebensversicherung. Nur ein überzogenes Bankkonto und ein zweites mit insgesamt einhundertdreiunddreißig Dollar. Es gab keinen Safe, ganz einfach weil da nichts zu deponieren war. Da war das Haus Pennyroyal Street 90 beim Gramercy Park. Es stellte sich heraus, daß mein Vater kurz vor unserer unvorhergesehenen Europareise die schon beachtliche Hypothek auf das Haus erhöht hatte. Hatever drückte sein Mitgefühl aus und wünschte mir alles Gute, und ich dachte, daß ich die guten Wünsche brauchen würde.

Ich las den Brief wieder und wieder, obwohl ich nach dem ersten Schock nicht nur Hatever glaubte, sondern auch wußte, daß die Lage völlig dem Charakter meines Vaters entsprach.

Er hatte gutes Geld verdient, sogar große Einkünfte gehabt. Er hatte aber auch viel ausgegeben. Er lebte auf großem Fuß, wie er alles in großem Stile tat. Vielleicht war es seine schauspielerische Veranlagung, vielleicht war es für die Fassade nötig, die er der Welt bot. Auf alle Fälle war das der Rahmen gewesen, den er seinem Leben gegeben hatte.

Und er war genau zur richtigen Zeit gestorben. Das widerfährt nicht jedem. Seine berufliche Karriere mußte schon vor längerer Zeit ihren Höhepunkt überschritten haben, und er war zu klug, um das nicht zu wissen. Mir wurde klar, daß die Mittel für diese Auslandsreise von der erhöhten Hypothek auf das Haus am Gramercy Park stammten. Ich ahnte auch, daß mein Vater gelogen hatte, als er behauptete, nie vor seiner kurzen, schmerzlosen Krankheit und dem seinem Tod vorangegangenen Anfall eine Herzattacke gehabt zu haben. Er war sich über seinen Zustand völlig im klaren gewesen, und deshalb hatte er mich so plötzlich aus der Schule genommen. Auf seine Art hatte er die Jahre wettmachen wollen, in denen wir uns so selten gesehen hatten.

Diese Schule war übrigens eine von vielen in New York, in Paris und in der Schweiz gewesen. Ich hatte längst gespürt, daß mein Vater nicht recht wußte, was er mit mir anfangen sollte, und Schulen schienen die Antwort zu sein, zumindest solange ich noch so jung war. Ich war weder dafür noch dagegen. Aus reinem Selbsterhaltungstrieb wählte ich neue Sprachen als Spezialgebiet. Allerdings kann ich nicht behaupten, daß ich es zum Experten brachte. Ich hatte jedoch beschlossen, diesem andauernden Erziehungsprozeß ein Ende zu setzen. Ich war zwanzig und wollte meinem Vater im kommenden Sommer sagen, daß ich nun genug habe und für immer nach Hause zurückkehren wolle.

Doch da holte er mich plötzlich aus dem letzten Internat in der Schweiz. Wir waren nach Paris und dann an die Riviera gefahren, und in Nizza, während eines Abstechers nach Rom, wurde er krank.

Ich betrachtete mein elegantes Chanel-Kostüm, so naiv war ich nicht, um diesen Namen nicht zu kennen. Mein Vater hatte mich in Paris neu eingekleidet. Er selbst hatte meine Garderobe ausgewählt. Mit einem ärgerlichen Blick auf meinen Kamelhaarmantel und die Mütze hatte er erklärt, er gedenke nicht mit einer Vogelscheuche von Schulmädchen zu reisen.

All diese Sachen von geborgtem Geld, dachte ich nun. Und diese kurze, aber luxuriöse Reise, von allem das Beste, nicht nur mit geborgtem Geld, sondern auch, wie er gewußt haben mußte, dem Tode abgerungen.

Aber gerade das war es eben. Er hatte sich sehnlich gewünscht, ein Vater-Tochter-Verhältnis zwischen uns herzustellen. Vielleicht hatte er auf seine Weise an mir als seinem Kind gehangen. Wir fingen gerade an uns kennenzulernen.

In dieser Hinsicht war es, wie Lord Tweed gesagt hatte, ein Jammer.

Als das Telefon läutete, stellte ich verwundert fest, daß es dämmrig im Zimmer war. Am purpurnen Himmel leuchtete schon der Abendstern. Ich nahm den Hörer auf, und der Portier meldete mir, daß mich ein Mr. Richard Amberly sprechen wolle.

«Amberly!»

«Ja, Miess. Miesster Richaire Amberlee.»

Ich ließ Mr. Amberly in mein Appartement bitten. Nach ein oder zwei Sekunden der Überraschung lief ich ins Schlafzimmer, bürstete mein Haar, legte Lippenstift auf und zog meine weiße Bluse glatt. Ich konnte mich nicht sehr deutlich an Richard Amberly erinnern. Ab und zu mußte ich ihm als Kind begegnet sein, denn ich war seinerzeit mit seiner Schwester Stella in New York zur Schule gegangen. Stella war einige Jahre älter als ich. Wir hatten dieselben Kindergesellschaften besucht. Die Amberlys waren Freunde meines Vaters, doch meines Wissens keine sehr engen.

Aber ich erinnerte mich an die Zeitungsberichte, die schrecklichen Schlagzeilen vor anderthalb Jahren. Ich hielt mich damals in Paris auf, und hatte in den Pariser Ausgaben der New Yorker Blätter davon gelesen.

Dabei hatte ich mich flüchtig gefragt, wie jemand diese Berichte und alles, was damit zusammenhing, überstehen konnte. Solche Ereignisse mußten Richard Amberly und allen, die darin verwickelt waren, sogar der freundlichen, phlegmatischen Stella, ihren Stempel aufgedrückt haben.

Nun hatte Richard offensichtlich vom Tode meines Vaters gehört. Er war in der Nähe und stattete mir daher einen freundschaftlichen Kondolenzbesuch ab, wie ich meinte. Gerade jetzt konnte ich einen Freund dringend brauchen, und da läutete schon die Glocke. Ich lief zur Tür, öffnete und war erleichtert, ein paar Minuten vor dem Spiegel zugebracht zu haben – eine rein instinktive weibliche Reaktion.

Er ähnelte Stella nicht. Ich erinnerte mich genau an sie; untersetzt, blond und mit Sommersprossen. Richard war groß, dunkelhaarig und unleugbar attraktiv, wenn er auch älter aussah, als ich erwartet hatte. Ich überlegte kurz, daß wohl die hinter ihm liegende Tragödie für den angespannten Ausdruck seines Gesichts verantwortlich war. Er lächelte nicht. Es war reichlich merkwürdig, daß er meine ausgestreckte Hand übersah und ins Zimmer trat, während ich die Tür hinter ihm schloß, und einfach im Dämmerlicht dastand, den korrekten schwarzen Homburg in der Hand, und mich auf eine Weise ansah, die mir gerade jetzt wenig angemessen erschien. Kein Lächeln. Kein Wort des Beileids.

Er sagte: «Ich habe Ihren Brief erhalten.»

«Meinen – was?» Ich hatte ihm nicht geschrieben.

«Besser gesagt: den Brief Ihres Vaters. Ich war geschäftlich in Paris. Der Brief war nach New York gegangen und mir nachgeschickt worden.» Er sprach ziemlich abgehackt und keineswegs freundlich.

Das war ein merkwürdiger Eindruck. Ich sagte: «Setzen Sie sich bitte. Es ist liebenswürdig von Ihnen, mich aufzusuchen. Ich wußte nicht, daß mein Vater Ihnen geschrieben hatte.»

Ich setzte mich auf einen der vergoldeten, rosa gepolsterten Sessel. Er blieb stehen. Ich sah auf. Sein Blick war bis zu meinen Füßen gewandert und dort mit leiser Verblüffung hängen geblieben, und ich wußte weshalb. Ich hatte meine alten flachen Schulschuhe zur Kirche angezogen, weil ich anschließend noch ein Stück laufen wollte, und ich trug sie noch. Ich wünschte, ich hätte sie gegen hochhackige Schuhe vertauscht.

«So jung habe ich Sie mir nicht vorgestellt», fuhr er fort. «Stella scheint die Ehe gut zu bekommen, vielleicht ist es das. Aber Ihr Vater muß wirklich den Verstand verloren haben.»

«Ich – aber wirklich –» ich holte Luft. «Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Mein Vater war bis zu seinem Tode bei vollem Verstand. Das heißt …», um der Wahrheit willen mußte ich das etwas einschränken …«so klar, wie ein kranker Mensch sein kann.»

«Er kann nicht bei vollem Verstand gewesen sein!» Richard Amberly drehte sich zum Fenster, starrte auf das purpurne Meer hinaus und wandte sich dann wieder mir zu. «Es hat keinen Sinn, um die Sache herumzureden, Miss Hilliard.»

Miss Hilliard, dachte ich. Es wäre natürlicher gewesen, wenn er mich Fran oder auch Frances genannt hätte, obwohl mich nur mein Vater Frances gerufen hatte.

Er fuhr fort. «Ich sagte Ihnen bereits, daß ich den Brief bekommen habe. Ich bin hier, um zunächst eindeutig festzustellen, daß ich nicht beabsichtige, mich erpressen zu lassen.»

«Sie … was …» Ich stand auf und griff nach der Sessellehne.

«Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe Ihren Vater konsultiert. Auf Anraten von Wilbur. Aber es war mein freier Wille. Diese Entscheidung war falsch.»

Leise fragte ich: «Wilbur?»

Er machte eine ungeduldige Bewegung. «Stellas Mann. Wilbur Cullen. Ein fähiger Bankier.»

«Oh ja.» Ich hatte eine Einladung zu Stellas Hochzeit erhalten.

Richard setzte sich und legte seinen schwarzen Homburg auf den Boden. «In gewisser Weise sollte ich Ihnen dankbar sein. Damit hat sich entschieden, was ich zu tun habe. Ich wußte natürlich die ganze Zeit, daß es töricht war, was ich tat. Ich hoffte aber, daß alles vorbei wäre. Auch das war ein Irrtum. Es ist nicht erledigt. Ich fahre nach New York zurück und gehe geradewegs zur Polizei und sage dort die volle Wahrheit. Aber zunächst muß ich dieses Tagebuch haben.»

«Dieses – sagten Sie, Tagebuch?»

Er warf mir einen vernichtenden Blick zu. «Es nützt nichts. Ich zahle kein Erpressungsgeld. Ich werde selbst zur Polizei gehen, mit der ganzen Geschichte, so daß es nichts gibt, dessentwegen Sie mich erpressen könnten –»

«Sie müssen mir erklären, wovon Sie überhaupt sprechen!»

Er sah mich einen Augenblick an. Dann griff er in die Tasche, zog ein Stück gefalteten Papiers hervor, stand auf und gab es mir. Ich erkannte das Hotelbriefpapier.

«Frischen Sie Ihr Gedächtnis auf», sagte er.

Es schien ein Tag voller unaussprechlich schockierender Briefe zu sein. Das war mein zweiter. Er war in der wenn auch etwas zittrigen Handschrift meines Vaters geschrieben und lautete: «Mein lieber Richard, ich habe einen schweren Herzanfall gehabt. Es ist nicht der erste. Die Ärzte lügen mich an. Ich weiß, daß ich nicht mehr gesund werde. Ich vertraue meine geliebte Tochter Frances Ihrer besonderen Obhut an. Sie wird sie brauchen, das muß ich zu meinem Bedauern sagen, doch ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann. So ungefähr das einzige, was sie als Erbe hat, ist mein Tagebuch. Meine Dankbarkeit entspricht der, die Sie mir in der Vergangenheit entgegenbrachten.»

Die etwas kräftigere Unterschrift lautete: Orle Hilliard. Der Brief war drei Tage vor seinem Tode datiert – vor zwei Wochen und drei Tagen. Vorsorglich, zu vorsorglich, hatte er den Namen seiner Bank unter den Namenszug gesetzt. Es war zufällig die Bank, bei der er das Konto überzogen hatte.

Vielleicht schärft eine Gefühlskrise die Wahrnehmungsfähigkeit. Unter gewöhnlichen Umständen wäre wohl die Wahrheit nicht einmal an den Rand meines Bewußtseins gedrungen. Doch in dem Augenblick wußte ich sofort, was mein Vater mit dem Brief beabsichtigt hatte und weshalb. Wahrscheinlich überzeugte mich die sehr augenfällige Anspielung auf ein quid pro quo am Schluß.

Die Drohung war nicht zu verkennen. Sogar der Name der Bank, die als Nachsendeadresse hätte wirken können, bedeutete, wie ich sofort erkannte, daß er Geld auf sein Konto eingezahlt haben wollte. Répondez s’il vous plait, empfand ich als merkwürdig, doch die Antwort wurde in Form von Geld erwartet. Mein Vater hätte nie gewollt, daß ich etwas von seinem Vorgehen oder über seine Geldquelle erfuhr.

Ich faltete den Brief mit Fingern, die erstaunlicherweise nicht zitterten. Ebenso ruhig sagte ich: «Ich wünsche keine Hilfe von Ihnen.»

«Sie geben also zu, daß es ein Erpresserbrief ist?»

Bedrückt sagte ich: «Ich wüßte nicht, was es sonst sein sollte. Ich wußte nichts davon. Vermutlich werden Sie mir das nicht glauben. Ich habe kein Tagebuch. Ich habe nie ein Tagebuch gesehen. Ich will Ihr Geld nicht.»

«Es ist ein sehr gefährliches Spiel, das wissen Sie. Einmal verstößt es gegen das Gesetz. Und außerdem – nun, ich werde Sie nicht umbringen, aber eine andere Sorte Mensch könnte es tun.»

Ich warf ihm den Brief zu und setzte mich wieder, weil ich mich etwas schwach in den Knien fühlte.

«Bin ich Ihr einziges As im Spiel?»

Das verstand ich zuerst nicht recht. Er erklärte: «Hat Ihr Vater mehr solcher Briefe geschrieben?»

Das hatte er. Ich erinnerte mich daran. Einige Tage vor seinem Tode hatte mir mein Vater einen kleinen Stapel Umschläge gegeben und mich nachdrücklich gebeten, daran erinnerte ich mich jetzt ziemlich unglücklich, ich möchte sie selbst in den Kasten werfen. Ich war zum nächsten Postamt gegangen, damit ich meinem Vater sagen konnte, sie wären tatsächlich bei der Post.

Richard Amberly sagte mit merkwürdiger Stimme: «Ich stelle fest, daß er es getan hat. Wie viele?»

Ich wußte es genau. Ich hatte sie gezählt, um sicherzugehen, daß ich keinen verlöre. «Fünf.»

«Großer Gott!» rief Richard Amberly aus.

Ich glaubte nicht sprechen zu können, stieß dann aber heiser hervor: «Vielleicht waren es nicht Briefe wie – wie Ihrer.»

Wir schwiegen, bis er langsam sagte: «Wissen Sie genau, daß Sie dieses Tagebuch nicht haben?»

«Ich habe es nicht. Ich habe es nie gesehen. Ich wußte nichts davon.»

Er blickte auf, ohne mich wirklich zu sehen, und dachte angestrengt nach. «Wo ist es dann?»

«Ich weiß es nicht.»

«Ich muß es haben.»

«Ich sage Ihnen doch, daß ich nichts davon weiß.»

Mit gesenktem Kopf lief er im Zimmer auf und ab. Schließlich blieb er vor mir stehen. «Ihr Vater nahm offenbar an, daß das, was er über mich wußte, für eine Mordanklage ausreicht, wenn die Polizei davon erfährt. Und so wird es wohl auch kommen.»

«Mord?»

«Ihr Vater war Rechtsanwalt, ein wohlbekannter Strafverteidiger, ein brillanter und möglicherweise skrupelloser Mensch. Er mag einige gefährliche Geheimnisse gewußt oder erraten haben, die andere Menschen betreffen. Ebenso gefährlich wie mein Geheimnis, das er kannte. Ich nehme an, daß er alle diese Briefe in Nizza schrieb.»

«J – ja. Nur wenige Tage, bevor er starb.»

«Mein Brief wurde auf Hotelbogen geschrieben. Das machte es mir leicht, Sie aufzufinden. Ich glaube, es ist besser, wenn Sie Nizza verlassen.»

Die Tragweite dieses Rates war so ungewöhnlich, so außerhalb des engen Rahmens meiner Erfahrungswelt, daß ich völlig verwirrt war. Aber einer Sache war ich mir plötzlich sicher. «Sie glauben mir», sagte ich.

Richard Amberly sah mich überrascht an. Ich fuhr fort: «Sie denken nicht mehr, daß ich etwas von diesem Brief oder dem Tagebuch gewußt habe. Sie glauben mir.»

«Ich würde Ihnen gerne glauben. Genau genommen glaube ich nicht, daß Sie eine so gute Schauspielerin sind, um so wirkungsvoll Überraschung, Schock und all das, was Sie gezeigt haben, vorzutäuschen. Ich denke nicht, daß Sie es spielten, es schien mir echt. Worum es geht, ist, daß Ihnen, ob Sie mir nun die Wahrheit sagen oder nicht, etwas sehr Unangenehmes und möglicherweise Gefährliches bevorsteht. Wie ich schon sagte, meiner Meinung nach wäre es besser, wenn Sie Nizza verließen.»

«Ich weiß doch aber nicht – ich meine, lesen Sie lieber das.»

Diesmal reichte ich ihm einen Brief. Mr. Hatever’s Brief, der auf den Fußboden gefallen war. Ich hob ihn auf und beobachtete Richard Amberly, wie er ihn unter die Lampe hielt, um besser lesen zu können. Er sah älter aus, viel reifer, als er hätte aussehen sollen. Winzige Falten liefen um seinen Mund, der etwas zu fest zusammengepreßt war. Es war ein sehr beherrschtes aber auch ziemlich trauriges Gesicht, aber niemals das eines Mörders.

Als mir diese Worte durch den Kopf gingen, ordnete sich eine ganze Reihe von komplizierten, wenn auch unbewußten Gedankengängen, und es wurde erschreckend klar: mein Vater hatte geglaubt, er wisse etwas, was so gefährlich für Richard Amberly war, daß er Schweigegeld zahlen würde, statt es die Polizei erfahren zu lassen. Richard hatte gesagt, daß er einen Fehler gemacht hätte, und daß er sich, um welche Tatsache es sich auch handeln mochte, der Gefahr einer Mordanklage aussetze, wüßte die Polizei davon. Mord ist etwas Ungewöhnliches. Bei dem Mord, in den Richard auf so schreckliche Weise verwickelt war, handelte es sich, wie ich mich erinnerte, um den an seiner Frau.

Ein Mörder kann wie jeder beliebige Mensch aussehen. Richard Amberly hatte nicht das Gesicht eines Mörders, dachte ich beharrlich. Er sah auf mich herunter. «Daraus erklärt sich einiges über das Vorgehen Ihres Vaters. Dennoch bin ich immer noch der Ansicht, daß er nicht ganz bei Sinnen war.»

«Er war sehr krank. Verzweifelt, nehme ich an. Und so versuchte er, etwas für mich zu tun.»

Richard dachte darüber nach, während er Mr. Hatever’s Brief zusammenlegte. Er sagte: «Natürlich kann sich niemand in die Gedankenwelt eines sterbenden Mannes versetzen – eines Mannes, der weiß, daß er sterben muß und dem plötzlich klar wird, daß er seine Tochter mittellos hinterläßt. Auf jeden Fall –», er runzelte die Stirn und dachte wieder nach. «Sie müssen versuchen, sich an die Adressen der andern Briefempfänger zu erinnern. Können Sie das? Wenigstens an ein oder zwei Namen? Sie entsinnen sich an meinen, nicht wahr? Versuchen Sie es!»

Ich dachte an jenen Nachmittag zurück, wie ich meine Handtasche nahm, die Briefe zählte und dann fortging, um sie aufzugeben. «Nein. Man sieht sich Briefe anderer nicht richtig an. Ich meine, man kontrolliert Namen und Adressen nicht. Ich habe sie nur schnell gezählt. Es waren fünf. Dann habe ich sie aufgegeben.»

Richard Amberly seufzte. «Alle außer meinem können freundschaftliche Briefe gewesen sein. Allerdings sollten wir wohl lieber annehmen, daß sie es nicht waren. Ich wünschte, Sie hätten sich die Namen gemerkt. Dann könnten Sie nämlich an diese Leute schreiben und ihnen klarmachen, daß diese Drohungen ohne Ihr Wissen geäußert wurden. Sie müßten eindeutig erklären, daß Sie das Tagebuch vernichten würden. Nachdem Sie es mich lesen ließen, hoffe ich.»

«Ich hätte diese Briefe nie abgeschickt. Ich hätte ihn sie nie schreiben lassen.»

«Ich glaube nicht, daß irgend jemand Ihren Vater von irgend etwas abgehalten hätte, zu dem er entschlossen war. Nicht wie ich ihn in Erinnerung habe. Versuchen Sie also, sich auf die Namen zu entsinnen. Eine Erpresserkarriere ist nämlich nichts für Sie, wissen Sie.»

«Ich kann mich beim besten Willen nicht an irgendeinen Namen oder eine Adresse erinnern.»

«Sie müssen einige gelesen haben. Wie haben Sie die Briefe gezählt? Ich meine, so wie Spielkarten?» Er ahmte es mit einer schnellen Handbewegung nach. «Oder haben Sie sie nur an den Ecken abgezählt? Haben Sie die Briefmarken bemerkt?»

Ich hatte am Schreibtisch an der andern Seite des Zimmers gestanden und meine Handtasche bei mir gehabt. «Ich zählte sie auf dem Tisch, so wie man Karten austeilt. Ich glaube, ich erinnere mich, auf die Marken gesehen zu haben, aber nur um sicherzugehen, daß die Briefe frankiert waren.»

«Nach New York? Sonstwohin? Luftpost? Welche Art von Marken?»

«Briefmarken. Weiter weiß ich nichts.»

«Können Sie sich an meinen Namen erinnern? Sie hätten ihn doch sicherlich bemerkt, weil er Ihnen vertraut war?»

Ich schüttelte den Kopf. Je verzweifelter ich versuchte, mich an ein Wort, einen Namen, eine Zahl auf diesen Umschlägen zu erinnern, desto mehr flossen die schwarzen Schriftzüge meines Vaters ineinander. «Vielleicht werden mir später einige Namen einfallen», sagte ich leise. «Ich glaube es aber nicht.»

«Am besten fahren Sie so schnell wie möglich nach Hause. Suchen Sie das Tagebuch, das in New York sein muß, wenn es hier nicht ist, und passen Sie gut auf, ob Ihnen irgendwelche Namen etwas sagen. Falls nicht –», er hielt einen Augenblick nachdenklich inne «– falls nicht, müssen Sie das Tagebuch durchgehen, und alles an Informationen ausgraben, die jemand schaden könnten, dann an die Betreffenden schreiben und ihnen mitteilen, daß Sie das Tagebuch vernichtet hätten, natürlich sehr sorgfältig abgefaßte Briefe. Ach, ich habe keine Ahnung, ob ich recht habe. Aber ich bin sicher, daß Sie versuchen müssen, sich völlig von diesem Tagebuch zu distanzieren oder von jeder Kenntnis über jene Briefe, die Ihr Vater geschrieben hat.»

«Sie sind so überzeugt, daß es alles Erpresserbriefe waren.»

«Wenn ich an meinen denke, würde ich es annehmen», sagte er langsam. «Sie haben mich nicht gefragt, was Ihr Vater als Druckmittel gegen mich in der Hand hatte.»

Ich schluckte krampfhaft. «Sie sagten etwas von – nun, von einer Mordanklage. Sie sagten, daß Sie etwas falsch gemacht hätten.»

«O ja, es war ein Fehler. Aber zu jenem Zeitpunkt schien es das richtige zu sein.» Ein müder Ton schlich sich in seine Rede. Ich vermutete, daß er endlos mit sich selbst argumentiert hatte. «Um ganz ehrlich zu sein, damals war ich nur zu dankbar für einen Ausweg. Und das schien es zu sein. Ihr Vater und Wilbur hatten es nicht schwer mich zu überreden. Ich kann beiden keinen Vorwurf machen. Und tatsächlich habe ich mir selbst damals nichts dabei gedacht. Ich war nur dankbar. Glauben Sie also nicht, mein Gewissen hätte mich die ganze Zeit über geplagt. In der Tat –», er unterbrach sich, um nachzudenken, und fuhr dann fort: «Das Gewissen hat nur sehr wenig damit zu tun. Oh, da ist Selbstachtung, Stolz, was immer es auch sein mag. Ich habe die Polizei angelogen. Das bedeutet nicht nur Mißachtung des Gesetzes und der Gerechtigkeit, sondern es – es läßt mich nicht zur Ruhe kommen.»

«Wenn das nicht das Gewissen ist, dann weiß ich nicht, was Gewissen ist.»

«Lassen wir das. Ich habe der Polizei eine glatte Lüge aufgetischt. Ich muß also hingehen und die Wahrheit sagen. Ich hätte es tun sollen, als sie ermordet wurde. Ich habe nicht vorausgesehen, wohin es führen konnte.»

Ich dachte nur, es war also der Mord an Cecile, der Mord an seiner Frau. Plötzlich merkte ich, daß ich rot wurde, spürte Verlegenheit, Mitleid mit ihm und war sicher, daß ich das Falsche sagen würde, wenn ich den Mund auftat. Es war, als klänge ein Echo des Entsetzens im Raume nach, das seine Erinnerung heraufbeschworen hatte.

«Sie wissen also tatsächlich nichts von dem Brief Ihres Vaters an mich oder von seinem Tagebuch», sagte Richard Amberly unvermittelt. «Wäre es der Fall, könnten Sie nicht so aussehen. Gut, ich bitte um Verzeihung. Ich bedaure es sehr, daß ich Sie beschuldigte, mich erpressen zu wollen.»

Ich wunderte mich ein wenig, was in meinem Blick gelegen haben mochte, das ihn schließlich überzeugte.

Er sagte: «Sie wußten über Ceciles Tod Bescheid.»

«Ich erinnere mich an die Berichte in den Zeitungen.»

«Ja, die Zeitungen. Wissen Sie, die Polizei verhörte natürlich die ganze Familie, mich zuerst. Ich war ja der Ehemann. Cecile wurde nachts, nach Meinung der Polizei gegen elf Uhr, getötet. Es war im Frühling, am 18. April. Ich war durch den Park gelaufen. Ich war tatsächlich im Park gewesen und hatte infolgedessen kein stichhaltiges Alibi. Sie beschuldigten mich nicht, klagten mich nicht an, verhafteten mich nicht, aber sie hatten mich in der Zange, als Ihr Vater auf der Bildfläche erschien. Er kam am nächsten Morgen ganz früh mit dem Taxi. Er hatte schon mit Wilbur telefoniert, der ihm alles berichtet hatte. So sagte Ihr Vater also, daß ich im Park gewesen wäre und er mich dort gesehen hätte. Er sagte aus, ich hätte auf einer Bank in der zweiundneunzigsten Straße unter einer Laterne gesessen. Er schwor sämtliche Eide, daß er zwar mich, ich jedoch ihn nicht gesehen hätte, zumindest hätte ich ihn nicht angesprochen. Er berichtete, er hätte einen Freund aufsuchen wollen, ihn aber verpaßt. Er nannte den Namen des Freundes, und der Freund bestätigte alles, und sagte, er hätte das Datum der Verabredung mißverstanden und wäre fortgegangen. Jedenfalls bummelte Ihr Vater ein wenig herum, wartete auf die Rückkehr des Freundes und sah mich. Sagte, daß er mich eigentlich ansprechen wollte, dann aber beschloß, im Vorraum des Hauses seines Freundes zu warten, wo Stühle vorhanden waren. Das tat er und konnte mich von dort sehen. Er bezeugte, daß er fast fünfundvierzig Minuten gewartet und ich mich nicht gerührt hätte, dann hätte er es aufgegeben und sei zum Ball gegangen. Ein Wohltätigkeitsball, auf den Cecile hatte gehen wollen. Wilbur nahm sich den Pförtner vor, der ohnehin kurzsichtig und alt war. Der bestätigte, daß ein Herr im Vorraum gewartet hätte. Oh, es war alles erstklassig – und alles erfunden.»

Er lehnte sich zurück, überlegte einen Moment und fuhr fort: «Aber ich hatte ein Alibi. Die Polizei mußte es akzeptieren. Wilbur und Ihr Vater beschworen mich, dabei zu bleiben, es wäre die einzige Möglichkeit, um mich zu retten, die Familie zu retten. Ich ließ mich leicht, zu leicht überreden. So sagte ich denn also aus, daß ich auf der Bank in der zweiundneunzigsten Straße gesessen hätte. Es stimmte nicht.»

«Oh –»

«Ich war überhaupt nicht in dieser Gegend gewesen. Ich saß auf einer Bank nicht weit vom Hause entfernt. Ich weiß immer noch nicht genau wo. Mir ging manches durch den Kopf. Ihr Vater verfiel nur auf eine Bank zwanzig Straßen von unserm Hause entfernt, um es überzeugender klingen zu lassen und mir mehr zeitlichen Spielraum zu geben. Mehr Zeit, in der ich von zu Hause abwesend war, verstehen Sie. Zeit für den Mord an Cecile.»

Ich wußte nicht, was ich hätte sagen können.

«Tatsächlich war ich nur fünf oder zehn Minuten lang in südlicher Richtung gegangen. Ich saß lange auf einer Bank, rauchte und dachte nach. Zufällig sah ich niemanden, den ich kannte. Niemand meldete sich und sagte, er hätte mich gesehen. Während der ersten, eiligen Befragung in jener Nacht hatte ich der Polizei gesagt, daß ich im Park gewesen wäre, aber ich war so verstört, daß ich nicht sagte wo. Ich weiß auch nicht, ob ich es in jener Nacht mit Bestimmtheit hätte sagen können. So wurde ich nicht verhaftet. Wurde ich nicht in Untersuchungshaft genommen, nicht des Mordes angeklagt. Ich war ein Verdächtiger, den die Polizei vernehmen mußte. Die Aussage Ihres Vaters verschaffte mir ein so sicheres Alibi, daß ich als Verdächtiger ausschied. Die Polizei konnte das Alibi nicht erschüttern, das völlig frei erfunden war, dem ich aber zugestimmt, es für wahr erklärt hatte. Sie haben nie herausgefunden, wer Cecile tötete. Ich muß also dieses Tagebuch haben.» Er sah mich an, als ob ich etwas erwidern sollte und schüttelte leicht den Kopf. «Sie verstehen mich nicht, nicht wahr? Aber das kann man auch von niemandem erwarten, der das nicht durchgemacht hat.»

«Was?»

«Einen unaufgeklärten Mordfall, dessen Akten nie geschlossen wurden. Wie das den Menschen zusetzt. Den Menschen, die es angeht, die Verdächtige sein könnten. Den Menschen, die andere Leute immer noch, gerade ein klein wenig, verdächtigen. Oh, sie sprechen es nicht aus, sie flüstern nicht einmal darüber, aber es ist nun einmal da: ‹der Mord an der armen Cecile ist nie aufgeklärt worden. Ihr Mörder wurde nie zur Rechenschaft gezogen. Ich frage mich –›. Ich weiß, was sie denken, jeder spürt es, der enger mit Cecile verbunden war. Jeder, der in das Haus hätte gehen können. Dieser Schatten der Ungewißheit verfolgt uns, und vergiftet unser Leben. Wir können so nicht weiter leben.»

Aus den Zeitungsberichten erinnerte ich mich an die Lösung des Falles. «Aber man kam doch zu dem Schluß, daß es ein Einbrecher war, nicht?»

«Das konnte nie bewiesen werden. Die Polizei hat den Einbrecher nie gefaßt, hat nie die Schmuckstücke gefunden, die fehlten.»

«Aber sicherlich – ich möchte sagen, anders kann es doch nicht gewesen sein. – Glauben Sie es denn nicht?»

«Ich möchte es glauben. Es scheint die einzig logische Erklärung zu sein. Mir will niemand einfallen, der Cecile ein Leid angetan hätte. Die Polizei überprüfte –», ein Schatten ging über sein Gesicht, «sie überprüfte jeden nur denkbar Verdächtigen. Ein Einbrecher ist die logische Antwort. Aber seit dem Brief Ihres Vaters habe ich an eine andere Möglichkeit gedacht, die mir erst einfiel, als ich erfuhr, daß er Tagebuch führte und daß darin etwas über Ceciles Ermordung stehen muß. Als er mir das falsche Alibi anbot, nahm ich es als eine freundschaftliche Geste hin und nichts weiter – eine ziemlich dramatische Geste, wie sie Ihr Vater liebte, aber eben eine freundschaftliche. Jetzt will mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, daß er gewußt hat, daß ich Cecile nicht ermordet habe und daß er daher so schnell einsprang und mich und Wilbur überredete, sein Angebot eines Alibis für mich anzunehmen.»

«Aber wenn er wußte, daß Sie Cecile nicht ermordeten – was Sie sagen wollen ist also, daß er den Mörder kannte!»

«Ich weiß es nicht.»

«Aber das würde bedeuten, daß er einen Mörder schützte! Das hätte er nie getan!»

Richard Amberly sah mich fest an: «Ich muß Gewißheit haben. Ich muß dieses Tagebuch finden. Wie immer – wer immer es war, ich will Beweise haben. Endgültige Klärung. Keine Zweifel mehr, keine weiteren Fragen. Das Tagebuch könnte Hinweise enthalten. Ihr Vater könnte einen andern Grund als bloße Freundlichkeit gehabt haben, mir zu einem falschen Alibi zu verhelfen. Damit will ich nicht sagen, daß er bewußt einen Mörder deckte.»