Der Morgen, an dem ich die Milch holte - Eine Jugend 1945 - Eduard Dohmeier - E-Book

Der Morgen, an dem ich die Milch holte - Eine Jugend 1945 E-Book

Eduard Dohmeier

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Beschreibung

Edo sitzt in der Falle! Direkt vor ihm stehen Rudi, den alle nur den "Gorilla" nennen, und dessen Freund Bernd. Edo bleibt keine andere Wahl, als zu tun, was Rudi von ihm verlangt: einen goldenen Füller aus dem Schreibwarenladen zu klauen ... Der dreizehnjährige Edo hat es nicht leicht in der kleinen Stadt nahe Berlin, jetzt, im Jahr 1945. Eigentlich bringt der Kriegsalltag schon genug Probleme mit sich - knappe Nahrungsmittel, beengte Wohnverhältnisse, drohende Bombenangriffe. Noch dazu sind Edo und seine Familie als Flüchtlinge aus dem Osten nirgends willkommen und werden übel beschimpft. Doch Edo und seine Brüder meistern die Zeit mit viel Gewitztheit und Tatkraft. Bis die russische Armee im Mai in das Städtchen einmarschiert ... Eduard Dohmeiers Roman erzählt in leisen Tönen von dem unsäglichen Irrsinn des Krieges, aber auch von Freundschaft, Menschlichkeit und Zärtlichkeit, die den Flüchtlingen helfen, die Gefährdungen der Zeit zu überstehen.

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Für Nina und Daniel

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Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Copyright © 2011 edition zweihorn

Umschlaggestaltung: Johann Thiessen, Koblenz

ISBN: 978-3-935265-78-2

eISBN: 978-3-943199-78-9

Eduard Dohmeier

Der Morgen,an dem ichdie Milch holte

Eine Jugend 1945

Inhalt

Teil I

Die Flucht

Die Ankunft

Am Bahnhof

Als Fremde

Die Front

Teil II

Die Rote Armee

Im Russenviertel

Hinterm Schlagbaum

Kleine Kriege

Schöne Aussichten

Am Birkenweg

Aufbruch

Drei Jahre später

Teil I

Die Flucht

„Macht endlich los!“

Otto brüllt vom Bock unseres Wagens nach hinten. Schwingt die Peitsche. Knallt. Die Pferde stampfen und schnauben. „Spätestens morgen früh um acht müssen wir an der Warthebrücke in Obornik sein!“

Wie Stunden erscheinen uns die Minuten, die wir am Nordausgang von Pobiedziska warten. Es schneit. Langsam fällt die Dunkelheit ein.

Endlich. Der Wagen, auf den wir gewartet haben, erscheint am Ende unseres kleinen Trecks.

„Transuse!“

Seitdem die Russen am 12. Januar 1945 am Baranow-Brückenkopf zur Großoffensive angetreten sind, haben wir keine Nachrichtensendung am Radio ausgelassen, immerzu zwischen Bangen und Hoffen. Bis zur endgültigen Gewissheit an diesem Nachmittag: Der Vormarsch der Roten Armee ist unaufhaltsam.

Vater beugt sich von der Straße aus über die Brüstung unseres Wagens, nimmt uns immer wieder in die Arme, einen nach dem anderen. Mama weint.

„Worauf warten wir denn noch?“, ruft Otto.

„Die russischen Panzer sollen schon in Gnesen sein“, ruft uns Fleischermeister Sanders vom Wagen vor uns zu.

„Deshalb müssen wir ja über Obornik“, gibt Otto zurück. „Auf Schleichwegen die Nacht durch.“

Eigentlich hätten wir schon längst Pobiedziska verlassen müssen. In Erwartung des russischen Angriffs ist auch meine Schule in Posen schon vor einigen Tagen geschlossen worden. Aber die Kreisleitung war bisher nicht bereit, Pobiedziska freizugeben.

Bis zu diesem 20. Januar.

Der Treckführer gibt das ersehnte Zeichen. Ein Ruck geht durch den Zug. Der Schnee knirscht unter den Rädern.

„Na endlich!“

Vater bleibt zurück. Mit einigen Männern steht er am Rande der Straße und winkt, gebeugt mit hochgeschlagenem Mantelkragen, den Hut tief im Gesicht. Er darf nicht mit uns fahren, weil sie ihn noch in letzter Minute zum Volkssturm eingezogen haben.

Wollen er und diese alten Männer dieses Nest tatsächlich gegen die Rote Armee verteidigen? Mit einem halben Dutzend Panzerfäusten? Und umringt von einigen Tausend polnischen Einwohnern?

Die Pferde legen sich ins Geschirr und Vater ist bald in Schnee und Dunkelheit eingehüllt. Noch lange winken Werner und ich ihm zu, während Mama unaufhörlich weint.

Zu fünft sind wir hinten auf dem Wagen. Mir gegenüber Mama mit dem dreijährigen Dieter. Seine blaue Pudelmütze hat er tief unter die Nase in den Rotz gezogen. Und Richard, zwei Jahre älter, mit seinem dicken, grünen Schal um den Hals.

Neben mir Werner, neun Jahre alt. Seine Sommersprossen sehen von der Seite wie schlafende Punkte aus. Vor einigen Tagen sind sie ihm noch glühend durchs Gesicht gehüpft, als wir meinen dreizehnten Geburtstag feierten.

Erst im Kriege sind wir zu Vater nach Pobiedziska gekommen. Zuvor hatten wir im fernen Westen gewohnt, in Wilhelmshaven, wo Vater auf einem Zerstörer der Kriegsmarine gefahren und dann wegen einer Kriegsbeschädigung entlassen worden war.

Mit vierzig hatte er sich noch zu jung gefühlt, um das Leben eines Pensionärs zu führen. Daher hatte er in Pobiedziska die Verwaltung eines kleinen, ehemals polnischen Fuhrgeschäfts übernommen. Seine Kenntnisse von Pferden aus jungen Jahren kamen ihm dabei zugute.

Mama hatte Bedenken gehabt, mitten im Krieg mit vier Kindern in den Osten zu ziehen. Aber Vater hatte gemeint, dass wir dort sicherer vorm Bombenkrieg seien. Nun hat Mama doch recht behalten.

Ob wir es schaffen werden, in den Westen zurückzukehren? Achthundert Kilometer mit diesem Pferdewagen? Zurück nach Wilhelmshaven, wo wir alle aufgewachsen sind, zu Oma und Opa und den Freunden? Wenn wir wenigstens noch ein Verdeck überm Kopf hätten. Aber in diesem offenen Wagen?

„Mach die Lampe an!“, rüttelt Otto mich auf.

Ich entzünde die Petroleumlampe und hänge sie an das Seitenbrett.

Seitdem Ottos Frau verstorben ist, hat er sich uns ein wenig angeschlossen und vor einiger Zeit angeboten, im Falle einer Flucht unseren Wagen zu fahren. Da er herzkrank und über sechzig ist, zieht man ihn nicht mehr zum Volkssturm ein. Wie waren wir heute Nachmittag froh, als er mit seinem Gepäck schon früh zu uns kam.

„Passt auf euch beide auf!“, ermahnt uns Mama. In dem fahlen Schein der Lampe erkenne ich nur undeutlich ihren auffordernden Blick unter dem Kopftuch.

„Machen wir“, sagen Werner und ich fast gleichzeitig. Richard und Dieter legt sie eine weitere Decke um, denn der Frost wird schärfer durch leicht aufkommenden Wind.

Ich ziehe mir die Ohrenschützer runter und Mama nestelt an ihrem Mantelkragen aus Kaninchenfell.

Energisch treibt Otto Jan und Anton an, die beiden besten Pferde aus unserem Stall, die kraftvoll über den schneeverwehten Weg stapfen. Ihren starken Hufen geben Stollen einen zusätzlichen Halt.

Sieben Sack Korn hat Vater für sie mitgegeben, Futter genug auch für eine Reise in den fernen Westen. Es geht aufwärts. Die Beine der Pferde stemmen sich in den Schnee.

„Ist hinten alles fest? Dass mir ja nichts über Bord geht, Edo!“

„Alles fest“, melde ich an Otto zurück. Auf dem nun steiler werdenden Weg richten sich die Gäule im Geschirr auf. Werner und Richard haben sich flach auf den Boden des Wagens gelegt, während sich Dieter an Mama festhält.

„Nach links!“, schreit Otto nach vorn zu den Sanders. Die Hinterachse des Wagens vor uns ist zum abschüssigen Straßenrand hin ausgeschwenkt. Sanders zieht kräftig die Zügel an und lenkt den Wagen wieder auf die Mitte des Weges.

„Alles klar!“ Endlich erreichen wir die Kuppe des Hügels.

„Bind die Räder zusammen, Edo!“

Otto hält an und ich springe vom Wagen und löse die Kette aus. Dann arretiere ich die Räder mit der Kette an der Hinterachse, sodass sie unbeweglich sind. Das hat mir Vater mal beigebracht.

„Hüüüüühhh!“

Langsam schleifen Jan und Anton das ächzende Gefährt die abschüssige Bahn hinunter.

„Brrrrr!“

Als wir unten ankommen, binde ich die Kette wieder los. Bald geht es erneut einen Hügel hinauf und alsdann wieder hinab. So erleben wir noch eine Zeit lang dieses Auf und Ab, bis schließlich der Wagen in flaches Land rollt und ich mich endlich in Ruhe an einen Kornsack lehnen und ausruhen kann.

Irgendwann hört es auf zu schneien und der Mond tritt hinter den Wolken hervor. Die Ebene glitzert im fahlen Licht. Erschöpft nicke ich ein.

Rrrrrssschchchaaaschschsch!

Ich schrecke auf. Metallisches Rasseln wie von Panzerketten ertönt aus Süden, wo Posen liegen muss. Der Lärm hallt über die Ebene und bohrt sich in meine Ohren. Sind das etwa schon die russischen Panzer, die aus Gnesen gemeldet worden sind?

„Bitte, lieber Gott, sag mir, dass sie es nicht sind“, bete ich mit zitternden Händen.

Schreckliche Bilder tauchen vor mir auf: die eines zusammengeschossenen Eisenbahnzugs auf dem Bahnhof in Pobiedziska. Vorn Flüchtlinge aus Westpreußen, eng zusammengedrängt, hinten Waggons mit durchlöcherten Wänden und Türen. Fenster mit zerfetztem Glas, der letzte Wagen ausgebrannt vom überraschenden Panzerangriff der T 34

Plötzlich hört das metallische Rasseln auf. Stille.

Nur der gleichmäßige Schritt der Pferde ist zu hören und das beruhigende, surrende Schnarchen von Werner neben mir, vergraben unter schützenden Wolldecken, während Otto in konzentrierter Gemächlichkeit den Wagen lenkt.

Habe ich eben nur geträumt oder wirklich russische Panzer gehört? Sollten es Panzer gewesen sein, so könnten diese rasenden Ungetüme schon in einer Woche an der Oder sein und uns den Weg nach Westen versperren. Oh, mein Gott!

„Obornik!“

Ich wische mir den Schlaf aus den Augen. Eine Brücke im Morgennebel mit vielen Verstrebungen. Jan und Anton mühen sich den Weg hinauf.

Nach dieser Nacht habe ich das Gefühl, mein Körper sei vor Kälte gestorben. Am schlimmsten ist es in den Füßen, in denen ich weder Zehen, Fußsohlen noch Fersen spüre. Nur ein leichtes Zittern in den Händen deutet auf ein wenig Leben hin.

Als mich die tief stehende Morgensonne mit ihrem weißen Licht auf der Warthebrücke blendet, recke und strecke ich mich. Unten im Fluss treiben Eisschollen.

„Das Schlimmste ist überstanden“, freut sich Fischer auf dem Wagen nach uns, als der Treck hinter der Brücke hält. Fischer ist einer unserer Nachbarn aus Pobiedziska.

„Sie werden sich noch wundern“, entgegnet Otto müde. „Wir müssen schon großes Glück haben, wenn uns die Russen nicht einholen.“

Er klopft sich sorgfältig den Reif von seiner langen Kutscherjacke.

Ich reiche Werner einen Futtersack vom Wagen. Jan und Anton wiehern, als er ihnen das Korn in die Eimer schüttet.

Dabei fällt seine Skimütze runter. Rot leuchten seine Haare, als sie von einem Sonnenstrahl getroffen werden.

„Der einzige Farbfleck weit und breit“, frotzelt Sanders, der Fleischermeister vom Wagen vor uns.

Mit Mühe gelingt es mir, Wasser für die Pferde aus dem vereisten Brunnen eines nahen Bauernhofes zu schöpfen. Zum Nachtisch gibt Richard Jan und Anton einige Stückchen Würfelzucker. „Das haben sie wirklich verdient.“

Frau Sanders verteilt Wurst, die sie noch aus ihrem Laden in Pobiedziska mitgebracht hat. Sie steht neben der Rückwand ihres Wagens, auf dem sich ein Emailleschild mit der Darstellung eines rosa Schweinchens befindet.

„Deinem Hund würde ich auch gern etwas geben“, spricht sie mich an. „Aber den hast du ja nicht mitgenommen.“

„Vater hat gesagt, dass wir Cilla zurücklassen sollten. Bei Stacho ist er in guten Händen.“

Cilla ist ein junger Schäferhund. Der braucht viel Bewegung und freien Auslauf, der hätte es hier im Wagen nicht ausgehalten.

„So einen guten Hund! Den kann man doch nicht einem Polen anvertrauen“, sagt Frau Sanders.

„Cilla und Stacho mögen sich“, gebe ich zur Antwort. „Niemand kann so gut mit dem Hund umgehen wie Stacho. Auf Stacho lasse ich nichts kommen.“

„War ja nicht so gemeint.“

Dumme Kuh. Die ist auch in ihrem Fleischerladen immer so ruppig mit den Polen umgegangen.

Die Wurst von Frau Sanders hat mir Appetit gemacht. Ich greife zu, als Mama Schnittchen verteilt. Natürlich sind die noch aus Pobiedziska. Als ich hineinbeiße ist es, als ob ich ein Stück Eis im Munde habe.

„Das ist ja zum Kotzen“, spucke ich um mich.

Die Brüder lachen.

Irgendwann komme ich darauf, das gefrorene Brot mit Speichel zu vermischen, um es dann ganz langsam hinunterzuschlucken. Kein Genuss, aber es füllt den Magen.

„Wir müssen weiter!“, ruft eine Stimme von vorn.

„Nach Bomblin!“ Es ist der Treckführer.

Der Wagen ruckt an, als Otto die Pferde anspornt. Hinter dem Zug sehe ich noch einmal die Brücke über die Warthe. Bald verschwindet sie aus dem Blick.

Schade. Oben auf der Brücke war für einen Augenblick so gute Stimmung gewesen, als Fischer gemeint hatte, das Schlimmste sei jetzt überstanden, wo wir doch über den Fluss waren.

Jetzt schaut er ängstlich aus seinem hochgeschlagenen Kragen heraus in die Ferne, als ob er eine bergende Heimstatt suche. Seine Frau hat sich an seinen rechten Arm geklammert und drückt ihren Kopf an seine Schulter. Ihr Sohn Siegfried liegt hinter ihnen in tiefem Schlaf.

Sicher ist auch Fischer besorgt über die Nachricht, die Otto bei unserem Halt an der Brücke von einem Bauern gehört hatte: Die Russen seien südlich Posen durchgebrochen.

Auf einmal habe ich den Eindruck, dass der Treckführer das Tempo beschleunigt.

In Bomblin versorgt uns irgendeine Organisation mit einer warmen Mahlzeit, die erste seit Pobiedziska. Dann geht es weiter.

„Nimm die Zügel“, sagt Otto.

Er wirkt müde und abgespannt, befühlt mit der linken Hand sein Herz, während er mir die Zügel mit der rechten übergibt. Die Nacht fast ohne eine Pause ist zu viel für ihn gewesen. Er legt sich hinter den Bock und schläft sofort ein, derweil ich die Pferde ansporne. Einen Wagen habe ich bei Vater schon öfter gelenkt.

Werner übernimmt jetzt meine Arbeit. Befestigt und löst die Kette an der Hinterachse, je nach Auf und Ab. Gelenkig klettert er rauf und runter. Kurz vor einer Anhöhe bricht plötzlich ein Pferd vor uns aus, sodass sich Sanders’ Fahrzeug quer über die Straße stellt. Jan und Anton scheuen, und auch unser Wagen wird zur linken Straßenseite hinübergezogen. Ich schaffe es kaum, die Pferde zu halten – aber da hilft mir Otto, aufgeschreckt aus dem Schlaf, und greift von hinten in die Zügel.

Bei diesem Ruck ist einer unserer Koffer aus dem Wagen gefallen und tief die Böschung hinuntergestürzt. Mit lautem Knall ist er auf dem Rad eines liegen gebliebenen Flüchtlingswagens zerplatzt – neben einem toten Pferd.

Kleidungsstücke sind herausgeflogen. In der einsetzenden Dämmerung erkennen wir schwach einen roten Fetzen.

„Das ist mein Pulli“, jammert Richard und zeigt nach unten. „Der rote.“

Mama zieht Richard die Decke über den Kopf, drückt den Jungen an sich. „Wenn wir wieder zu Hause sind, bekommst du einen neuen.“

„Und wann sind wir zu Hause?“ Mama streichelt ihm über das Gesicht.

Otto sitzt längst wieder auf dem Kutschbock. Er treibt die Pferde an und folgt den anfahrenden Wagen vor uns.

Mit der anbrechenden Dunkelheit spüre ich, wie Beine und Füße langsam wieder zu Eis werden. Ich ziehe die Wolldecke fester an den Körper und frage mich, ob wir jetzt eine zweite Nacht durchfahren werden. Sorgen mache ich mir vor allem um Otto und die Pferde, die von uns allen am ehesten Ruhe brauchen.

Ein tief hängender Kiefernzweig schlägt mir ins Gesicht und lenkt meine Gedanken auf die Straße, die jetzt in ein kleines Dorf hinein führt.

Die Strecke wird abschüssig und ich befestige wieder einmal die hinteren Räder mit der Kette.

Da hören wir Schreie von der gegenüberliegenden Straßenseite. Auf Polnisch. Eine Gruppe von Jungen nähert sich unserem Wagen, kaum erkennbar im Schein der Petroleumlampe. Währenddessen rutscht unser Gefährt langsam auf dem Eis der abschüssigen Straße hinunter. Schritt für Schritt.

„Deutsche Schweine!“, rufen sie. Und schlittern neben dem Wagen mit uns nach unten. Gestikulieren. Rufen Worte, die wir nicht verstehen. Einer beginnt an unseren Kornsäcken zu zupfen.

Ein anderer beugt sich hinter dem Wagen blitzschnell nach unten, macht sich an der Hinterachse zu schaffen. Will er etwa die Kette lösen?

Otto knallt mit der Peitsche und versetzt die Pferde in einen solchen Schrecken, dass sie einen riesigen Satz machen. Der Junge an der Hinterachse kann gerade noch zur Seite springen. Als er stürzt, entgeht er mit knapper Not den Pferdehufen und Rädern des nachfolgenden Wagens der Familie Fischer.

„Deutsche Schweine“, rufen sie uns nach. „Kommt nie wieder zurück!“

Wir hören sie noch, als wir schon längst unten sind und ich die Kette löse.

„So, wie die behandelt werden“, knurrt Otto, „muss man sich nicht wundern, wenn die jetzt aufmucken. Oft nur ein paar Pfennige in der Lohntüte. Und viele als Fremdarbeiter im Reich.“

„In Pobiedziska hatten wir immer Angst, dass mal was passiert“, sagt Mama.

„Natürlich haben uns die Polen in unserem kleinen Nest nicht gern gesehen, um es mal vornehm auszudrücken“, meint Otto. „Aber einen Aufstand wie im vorigen Jahr in Warschau hätte es bei uns wohl nie geben können.“

Nur mit Stacho und Cilla, dem jungen Schäferhund, gab es richtige Freundschaft. Freundlich waren auch die Polen bei uns im Haus und in der Nachbarschaft. Freundlich, aber auch immer sehr wachsam.

„Haaaaalt!“

Mama hat laut aufgeschrien und reißt mich aus meinen Gedanken. Otto ist auf dem Bock zusammengesunken, die Zügel sind ihm aus der Hand geglitten. Er gibt ein leises Stöhnen von sich. Ich greife zu, bringe den Wagen zum Stehen und höre schon, wie Fischer und Sanders sich mit lauten Rufen unserem Fahrzeug nähern.

„Können wir helfen?“

„Es geht schon wieder“, seufzt Otto leise, „das war nur die Müdigkeit, nicht das Herz.“

Er scheint wirklich nur eingeschlafen gewesen zu sein.

„Führ du die Pferde“, sagt Sanders zu mir. „Setz dich auf den Bock. Wird nicht lange sein, wir machen sowieso bald Rast.“

Otto wehrt sich, doch mit sanftem Druck bugsieren ihn Sanders und Fischer auf den freien Platz hinter dem Bock. Hier kann er sich ausstrecken. Behutsam decken sie ihn zu.

Die Fahrt auf der ebenen und fast eisfreien Straße geht leicht vonstatten. Auch Werner braucht mit der Kette kaum zu helfen.

Als in der Dunkelheit irgendwo zwischen Obersitzko und Wronke schemenhaft ein Gebäude auftaucht, das wie ein Gutshof anmutet, halten die Wagen endlich.

Wir fahren hinein, stellen unsere Fahrzeuge auf dem Platz zwischen Wohnhaus, Scheunen, Stallungen und Gesindehaus ein.

„Pferde füttern!“, ruft Otto. Er ist wieder zu Kräften gekommen. Jan und Anton schnalzen und stampfen, als Werner und ich mit unseren Beuteln kommen und sie, gefüllt mit gutem Korn, unseren beiden Freunden um den Hals hängen.

Nachdem wir ihnen Wasser gegeben haben, legen wir ihnen wärmende Decken über den Rücken. Im Gutshaus empfängt uns Kachelofenwärme. Eine Frau begrüßt uns, als ob wir alte Freunde des Hauses wären. Gar nicht wie fremde Flüchtlinge, die auf der Suche nach einem Obdach sind.

Sie geleitet uns in ein großes Zimmer. Flüchtlinge sitzen auf Strohdecken und Matten. Kinder kriechen vor uns auf dem Boden. Ein kleiner Junge hält mir ein Stück Holz entgegen. Als ich es berühre, lächelt er.

Vor einem alten, wuchtigen Schrank aus dunklem Holz mit Schnitzereien drauf finden wir noch einen Platz.

An der Wand gegenüber hängen Gemälde, die wohl noch aus einem früheren Jahrhundert stammen: Portraits von Männern mit großen, breiten, schwarzen Hüten, in altväterlicher Kleidung. Mit selbstbewussten Gesichtern und freundlichem Blick zwischen goldenen Rahmen.

„Was sind das für Onkels?“, fragt Richard.

„Die haben hier früher mal gelebt“, antwortet Mama.

„Die sehen aber komisch aus.“

„Du siehst auch komisch aus“, sagt Werner.

„Vor allem schmutzig“, mahnt Mama.

Unter dem Licht des Kronleuchters aus edlem Kristall erkennen wir, wie schäbig wir aussehen. Zwei Tage und zwei Nächte auf dem Wagen haben unser Äußeres verändert.

„Komm, wir gehen uns mal waschen. Da drüben …“

Mama wird unterbrochen durch eine Frau, die uns Terrinen mit Graupen und Fleisch bringt. Wie das duftet! Welch kostbares Geschirr! Porzellan mit einem Wappen drauf.

„Ein feines Haus“, räuspert sich Otto. „Genießt das mal schön. Vielleicht kampieren wir ab morgen nur noch im Wald oder in Baracken, wo wir froh sind, wenn es eine Wassersuppe gibt.“

Ich schlürfe die Suppe in mich hinein. Mir wird endlich warm. Erstmals seit Pobiedziska fühlen sich alle geborgen, auf der Strohmatte vor dem alten, ausladenden Schrank unter den behütenden Blicken der gutsherrlichen Ahnen.

Als die Frau erneut mit einer Terrine Suppe kommt, nehme ich sie nur noch im Dahindämmern wahr.

„Jetzt hat er seine Suppe verschüttet“, höre ich Mama noch sagen. Dann muss ich eingeschlafen sein.

Am nächsten Morgen machen wir uns früh auf den Weg.

„Lassen Sie’s gut sein“, sagt die Frau vom Gutshof, als Mama sich bedankt. „Wer weiß, wann wir selber von hier fortmüssen.“

Als wir an der Ahnengalerie vorbeigehen, scheint es, als ob die Vorväter uns gute Wünsche mit auf den Weg geben. Ein wohlwollendes Lächeln liegt auf ihren Zügen. Ob dieser dritte Tag gut wird?

Zwei Stunden später geschieht, was wir immer befürchtet haben.

Der Wagen von Fischers legt sich mit lautem Krachen auf die rechte Seite. Das hintere Rad bricht nach innen ein, Gepäck und Futtersäcke rutschen auf die Straße. Ein feiner Kornstrahl rieselt aus einem Sack auf das Eis, ganz langsam.

„Achsenbruch!“, schreit Fischer, springt vom Bock und schlittert ein wenig auf der Straße dahin.

Von mehreren Fahrzeugen eilen Männer herbei.

„Nicht mehr zu reparieren“, sagt Sanders und schlägt den Fischers vor, ihren Wagen stehen zu lassen und mit ihm, Sanders, weiterzufahren.

„Eure Pferde binden wir bei uns hinten an“, fährt er fort. „Bringt euer Gepäck schon mal her.“

Jetzt kommt auch der Treckführer von vorn und blickt erschrocken auf Fischers Unglücksfahrzeug.

„Schlimm“, sagt er. „Aber machen können wir hier nichts. Ich fahre jetzt mit den anderen weiter. In Birnbaum oder Landsberg sehen wir uns dann wieder.“

Frau Fischer macht ein sorgenvolles Gesicht. „Ist denn bei Sanders auf dem Wagen überhaupt noch Platz für uns?“, fragt sie.

„Natürlich“, sagt Frau Sanders. „Wir rücken halt zusammen.“

„Siegfried kann bei uns mitfahren“, schlägt Otto vor. Siegfried ist der zehnjährige Sohn der Fischers.

„Wir haben noch etwas Platz.“

Frau Fischer ist unentschlossen, zuzustimmen. Frau Sanders aber scheint der Vorschlag zu gefallen.

„Keine Angst“, verspricht Otto. „Wir bleiben immer ganz dicht hinter Ihrem Wagen. Sie werden Ihren Sohn immer im Blick haben.“

Zögernd willigt Frau Fischer ein. Und Siegfried verschanzt sich hinter dem Bock von Otto und lächelt seinen Eltern zu, die hinten auf Sanders’ Wagen Platz gefunden haben, oberhalb der Planke mit dem rosa Schweinchen auf dem Emailleschild.

Da ziehen schon die wenigen Fahrzeuge vom Schluss unseres Trecks an uns vorbei. Ihnen folgen fremde Wagen, die es offensichtlich sehr eilig haben, so sehr drängeln sie. Ein gummibereifter Fleischerwagen rutscht an unser linkes Vorderrad. Jan und Anton scheuen.

Mit Mühe schaffen wir es, Fischers Wagen an den Straßenrand zu schieben. Nur ein Haufen Korn bleibt auf dem Fahrweg zurück.

Wir hängen uns an das Ende des vorbeiziehenden Trecks und kleben dicht am vor uns herziehenden Wagen der Sanders. Immer wieder winkt Siegfried seinen Eltern zu. Mehrere Stunden lang genießen wir eine fast friedliche Fahrt.

Spät am Nachmittag ertönt plötzliches lautes Motorengeheul von hinten.

„Platz da!“, schreit ein Offizier von einem Lastwagen aus. Er steht auf dem Trittbrett neben dem Fahrerhaus, rudert mit den Armen, als ob er uns beiseite schieben will. Eine endlose Schlange von Wehrmachtsfahrzeugen kommt heran, drängt sich gewichtig an uns vorbei.

Schon schiebt sich der erste Lastwagen im Slalom durch den vor uns fahrenden Treck hindurch. Mit dem brüllenden Offizier am Fahrerhaus überholt er mal rechts, mal links. Die Flüchtlingswagen werden an die Straßenränder gedrängt und sind immer in Gefahr, in die Gräben zu stürzen.

Otto hat längst angehalten. „Saubande“, höre ich ihn fluchen.

„Wo sind meine Eltern?“, ruft Siegfried voller Angst.

Schon seit einiger Zeit haben wir sie im Gewühl von Wehrmachts- und Flüchtlingsfahrzeugen aus den Augen verloren.

„Keine Angst“, sagt Mama. „Wir werden deine Eltern schon wieder einholen.“ Otto nickt zustimmend. Aber als sich nach Einbruch der Dunkelheit das Durcheinander vor uns entwirrt hat, findet er doch nicht mehr den Anschluss. Der Treck scheint sich in der Finsternis aufgelöst zu haben.

Vorsichtig fahren wir weiter. In jedem haltenden Fahrzeug glauben wir, den Wagen von Sanders mit Fischers hinten angebundenen Pferden zu erkennen. Immer wieder werden wir enttäuscht.

„Wir werden sie finden, Siegfried“, sagt Mama ein über das andere Mal.

Immer einsamer wird die Landschaft, die wir durchfahren. Wir begegnen keinem Fahrzeug mehr. Gedämpfte Stille herrscht weit und breit, sodass wir umso lauter den Tritt der Hufe von Jan und Anton hören.

Als wir an einem Waldrand ein Haus erkennen, schlägt Mama vor, dort anzuhalten.

Otto bringt unseren Wagen am Eingang zum Stehen. Neben dem Haus befindet sich noch ein kleines geducktes Gebäude mit allerlei Brettern und Holzfässern an der Wand. Mit klammen Gelenken steigen Otto und ich vom Wagen herunter.

Wir klopfen an die Tür.

Als die Tür nach einer Weile geöffnet wird, schaut uns ein alter Mann durch den Türspalt an. Ich bin ein wenig geblendet von dem Licht hinter dem Alten. Otto gibt mir ein Zeichen, den Mann anzusprechen.

„Können wir hier übernachten?“, frage ich. „Wir sind Flüchtlinge mit kleinen Kindern.“

Der Mann antwortet nicht. Als ich schon annehme, dass er die Tür wieder zuschlagen wird, schlurft er heraus.

„Da ist ja unser Opa“, ruft Dieter, als der Alte vor uns steht.

Der Alte schaut erstaunt auf unseren Jüngsten und greift nach seiner Hand. Sie verschwindet in seiner mächtigen Pranke.

„Ich kann euch aber nur die Tischlerwerkstatt geben“, sagt er und lässt Dieters Hand langsam los. Er streichelt ihm über den Kopf. Dann weist er auf das kleine Gebäude nebenan.

„Vielen Dank“, ruft Mama vom Wagen. Wenig später finden wir uns im Schein einer Gasleuchte in der Werkstatt wieder. Das trübe Licht wirft nur einen matten Schimmer auf unser Nachtlager aus Heu und Wolldecken.

In der ungeheizten Werkstatt erwärmen wir uns ein wenig an dem Tee, den uns eine alte Frau bringt. Richard erbricht sich, da er das gefrorene Brot, das noch aus Pobiedziska stammt, nicht verträgt. Irgendwann schlafen wir alle erschöpft ein.

In der Nacht höre ich ein leises Wimmern. „Nun haben wir Mama und Papa doch nicht wiedergefunden“, jammert Siegfried.

„Morgen fahren wir ganz früh ab“, tröste ich ihn. „Dann holen wir Sanders’ Wagen ein. Die haben doch hinten das rosa Schweinchen drauf. Das soll unser Glücksschwein sein.“

Stunden später wache ich zitternd auf. Die Kälte lähmt meinen ganzen Körper. Durch die Eisblumenscheiben scheint erstes Frühlicht.

Da klappert es irgendwo.

Ich erkenne im diffusen Lichtschimmer, wie Mama hochschreckt. Verstört sieht sie sich um und reibt sich den Schlaf aus den Augen.

„Wo ist Dieter?“, fragt sie und schaut ins Halbdunkel. „Er war doch die ganze Nacht neben mir.“

Wieder ein Geräusch.

„Das kommt dort aus der Ecke.“

„Da steht ein Sarg“, sagt Werner, der inzwischen auch wach geworden ist.

„An der Wand daneben sind noch mehr.“

„Wir müssen aber gestern Abend müde gewesen sein, sonst hätten wir die doch gesehen.“

„Und Angst gehabt. Ich wäre dabei nicht eingeschlafen.“

„Quatscht nicht so viel,“ mischt Otto sich ein. „Was meint ihr, wie viel davon gebraucht werden, wenn die Russen kommen? Da kann einer von Glück sagen, wenn er überhaupt in so eine Holzkiste kommt.“

„Aber, wo ist Dieter?“ Mama ist außer sich.

„Dieter!“, rufen Werner und ich fast gleichzeitig. „Dieter!“ Keine Antwort.

„Draußen ist er auch nicht“, sagt Otto, nachdem er kurz zur Tür hinausgegangen ist.

Wieder das Geräusch in der Ecke.

„Da ist er ja!“

Richard hat ein Brett über dem Sarg entfernt.

Dieters Kopf erscheint.

„Lass das Brett drauf“, ertönt es aus dem Sarg. „Das ist so schön warm hier drin.“

„Du kommst da sofort raus!“ Mama ist sauer. Aber als Richard seinen kleinen Bruder herausgezogen hat, nimmt sie ihn zärtlich in die Arme.

„Warum hast du dich denn nicht gemeldet?“

Dieter verzieht das Gesicht.

„In unserer Jugend konnten wir uns solche Frechheiten nicht erlauben“, brummt Otto ungeduldig. „Schon gar nicht in so einer Situation.“

„Aber ohne Dieter hätten wir hier doch gar nicht übernachten dürfen“, entgegnet sie wütend. „Wenn er gestern Abend den alten Tischlermeister nicht mit ‚Opa‘ angeredet hätte, dann hätten Sie die Nacht im Schnee verbracht“, fährt sie fort.

„Ist ja schon gut“, murmelt Otto beschwichtigend.

„Und wenn wir jetzt nicht bald fahren, holen wir meine Eltern nie wieder ein“, mosert Siegfried, angesteckt durch die allgemeine Aufregung. Als wir alle im Wagen sind, berichten der Tischlermeister und seine Frau, dass russische Panzer an Posen vorbeigestoßen sind. Das wäre eben im Radio durchgegeben worden.

„Wir packen jetzt auch unsere Sachen“, sagt der alte Meister traurig und umfasst noch einmal Dieters Hand.

Schon drei Stunden sind wir nach unserem Aufbruch aus der Tischlerei unterwegs. Dichtes Schneetreiben umhüllt uns an diesem vierten Tag.

„Komisch, dass wir heute noch kein einziges Fahrzeug gesehen haben“, wundert sich Otto.

„Hoffentlich haben wir nicht den Anschluss verloren“, sagt Mama mit Angst in der Stimme.

Die Pferde stapfen tapfer durch den hohen Schnee. Gestern war die Straße glatt gefahren durch die vielen Fahrzeuge vor uns. Da hatten Jan und Anton es leicht. Aber jetzt müssen sie sich quälen, als ob es stets bergauf ginge. Tiefe Spuren hinterlassen die Räder hinter uns im Schnee.

Von Zeit zu Zeit ist der Wagen vollgeschneit.

Richard, Dieter und Siegfried lehnen wie verhüllte Schneemänner an den Kornsäcken. Wie erstorben erscheinen sie mir. Nur ihre Augen bewegen sich gelegentlich, während Werner und ich einander abwechselnd den Schnee hinausschaufeln.

„Wollen wir uns nicht irgendwo im Wald unterstellen?“, fragt Otto. „Man sieht ja nicht weiter als zwei Pferdelängen.“

„Dann werden uns bald die Russen kriegen“, antwortet Mama. Ich spüre wieder ihre Angst.

Wir sind in eine gottverlassene Gegend geraten. Schon lange haben wir weder einen Menschen noch Häuser oder Dörfer gesehen, nicht einmal von fern eine Kirchturmspitze.

Wohin mag uns diese Route noch führen?

Otto hält jetzt öfter an, um den schwer atmenden Pferden eine Verschnaufpause zu gönnen.

Da! Am frühen Nachmittag hören wir von ganz weit hinten Motorengeräusche. Einen singenden Ton. Langsam wird er lauter.

„Ob das schon die Russen sind?“, erschrickt Mama.

„Panzer klingen dumpfer“, erläutert Otto.

„Und die rasseln auch richtig“, gebe ich meinen Senf dazu.

„Klugscheißer“, bemerkt Otto bärbeißig.

Da wühlt sich ein graues Etwas an uns vorbei durch den Schnee. Ein Lastwagen der Wehrmacht.

Wir atmen erleichtert auf.

Neben dem Holzgasgenerator hocken einige vermummte Gestalten

„Haaaaalt!“, ruft Otto ihnen zu. Hebt beide Arme mit den Zügeln in die Höhe. Sicher will er sie nach dem Weg fragen, oder danach, wo die Russen sind. Die Vermummten heben nur müde den Arm zum Winken. Sie verstehen Otto nicht. Dann verschwinden sie in einer Wolke von Weiß.

„Armleuchter“, flucht Otto.

Da! In der Dämmerung tauchen am Rande der Straße die Umrisse eines Heuschobers auf.

„Wir müssen die Pferde schonen“, sagt Otto. Vorsichtig lenkt er den Wagen hinein. Der Schober ist von zwei Seiten offen, umstanden von hohen Tannen. Mühsam klettern wir vom Wagen, spannen die Pferde aus und binden sie an einen Pfosten. Dann geben wir ihnen Futter.

Ich stelle die Petroleumlampe auf den Boden. Von dort wirft sie ihr mattes Licht auf unser Nachtlager im Heu. Der Magen zieht sich mir zusammen, als ich das kalte Wasser aus der Feldflasche trinke. Wie schön war’s noch gestern Abend, als uns die Frau des Tischlers heißen Tee brachte.

In der Nacht wache ich auf. Meine Füße schmerzen. Schon am Morgen hatte ich heftiges Ziehen in Zehen und Ballen gespürt. Werner hatte am Nachmittag geklagt und Otto hatte von Frostbeulen gesprochen.

Der Schnee ist bis an die Körper der am Boden liegenden Pferde geweht. Mama murmelt im Schlaf etwas, was ich nicht verstehen kann. Irgendwann schlafe ich ein.

Als am Morgen das Schneetreiben nachlässt, prüft Otto Hufe und Stollen der Pferde und spannt an. Bald machen wir Fahrt.

„Da ist einer im Pferdeschlitten!“

Werner hat ihn als Erster entdeckt. Ein Bauer kommt uns entgegen. Er ist erstaunt darüber, uns hier zu finden.

„Dort drüben links rein“, antwortet er auf die Frage, welcher Weg nach Birnbaum führt. „Dann seid ihr in einer halben Stunde auf der großen Chaussee.“

Wir sind erleichtert. Da sind wir also vorgestern im Dunkeln von der Route abgekommen.

„Meine Schuld“, bekennt Otto.

„Was soll’s“, sagt Mama. „Wir haben doch alle mitgeguckt. Wir alle sind schuld.“

Bald sehen wir sie: Pferdewagen an Pferdewagen auf der Chaussee. Sie ziehen, drängeln und schieben.

Mit einigem Druck verschafft Otto unserem Wagen einen Platz mittendrin und schon drückt es von vorn und hinten, den ganzen langen Tag über, bis wir spätabends im dunklen Birnbaum im Gewühl auf einen großen Platz gedrängt werden, an dem sich Gott sei Dank eine Turnhalle befindet. Aus deren geöffneter Tür ruft im matten Lichtschein ein Mann im lang gezogenen Tonfall: „Notaufnahmelager!“ „Hier bleiben wir für heute“, bestimmt Otto.

Die ganze Nacht über dringt Lärm von draußen in die Halle. Trotzdem falle ich immer wieder in den Schlaf. Gegen Morgen rüttelt jemand an meinem Arm. „Das ist die Reichsstraße von Posen nach Landsberg“, höre ich Otto sagen. „Die müssen wir lang bis zur Oder.“

Draußen gelingt es Otto nur mit Mühe, uns in eine Lücke auf der Reichsstraße einzufädeln. Dieser sechste Tag unserer Flucht fängt turbulent an. Schon werden wir auf die Mitte der Straße geschoben. Plötzlich sind wir eingekeilt zwischen Wehrmachtsfahrzeugen auf der linken Straßenseite mit Lastwagen, Kübelwagen, Motorrädern, Fahrrädern und hin und wieder einem Geschütz und auf der rechten Seite durch Flüchtlingswagen, die dicht an dicht voranstreben.

Ein entgegenkommendes Fahrzeug hätte keine Chance, gegen diese Flut in Richtung West anzukommen.

„Wir finden meine Eltern nie wieder“, jammert Siegfried und starrt verwirrt auf diese Masse von Flüchtlingswagen.

„Wir werden alle aufpassen“, tröstet Werner. „Immer auf das rosa Schweinchen hinten an Sanders’ Wagen achten.“

„Und wenn wir sie gefunden haben“, verspricht Mama, „dann kommst du auch auf Sanders’ Wagen zu deinen Eltern. Ihr sollt euch nie wieder verlieren.“

„Wirklich?“ Siegfrieds Augen leuchten. „Aber ist es auf dem Wagen von Sanders nicht zu voll?“

„Du kriegst deinen Platz. Verlass dich auf mich.“

Siegfried legt seine Arme um Mamas Hals und küsst sie mit einem lauten Schmatz.

„Macht, dass ihr an die Seite kommt! Nicht zwei Pferdewagen nebeneinander! Rechts ran an den Straßenrand! Wir brauchen Platz für die Fahrzeuge der Wehrmacht!“ Ein Oberleutnant steht in der Mitte der Straße und brüllt Otto an: „Rrreeeeechts rrrannnnn!“ Er streckt seinen linken Arm aus und weist auf den Straßenrand.

„Rrreeeeechts rrrannnnn!“ Ich springe vom Wagen und greife ins Zaumzeug, versuche die Pferde an die Seite zu ziehen, in die Lücke zwischen zwei treckenden Wagen. Da schlägt Jan aus, trifft mich am Unterschenkel. Ich stürze.

Otto ist sofort vom Bock. Hilft mir auf. Zerrt die Pferde kraftvoll an den Straßenrand. Ich humple zum Wagen. Werner und Siegfried ziehen mich hinauf.

„Zeig mal“, sagt Mama besorgt. Ich krempele die Skihose hoch. Ein roter Fleck an der Wade.

„Tut’s weh?“

„Nee. Ist ja nichts gebrochen.“ Der Oberleutnant ist an den Wagen gekommen. Grinst.

„Das ist ja noch mal gut gegangen.“

„Arschloch“, murmelt Otto, als der Offizier wieder auf die Mitte der Straße geht.

Unaufhörlich rauscht die Flut der Militärfahrzeuge auf der linken Straßenseite weiter an uns vorbei.

„Die haben es aber eilig“, sagt Mama. „Die flüchten ja schneller als wir.“

Fassungslos blickt sie auf die davonhastenden Fahrzeuge der Wehrmacht in Richtung West.

„Da hätte Vater ja gar nicht beim Volkssturm in Pobiedziska bleiben müssen, wenn selbst diese jungen Leute türmen. Soll er denn als Kriegsbeschädigter mit ein paar Rentnern das armselige Nest verteidigen?“

„Vielleicht wollen die ja nur zu ihrer nächsten Auffangstellung“, werfe ich ein. „Damit sie uns besser beschützen können.“

Das Wort „Auffangstellung“ habe ich aus den Wehrmachtsberichten im Radio. Immer, wenn die Rückzug meinen, sprechen sie davon, dass die Soldaten in eine vorbereitete „Auffangstellung“ zurückgehen. „Plangemäß“ natürlich.

„Du glaubst doch nicht mehr an den Weihnachtsmann“, bemerkt Otto bissig. „Du hast doch Augen im Kopf. Das hier kannst du ruhig als eine heillose Flucht bezeichnen. Und die ist nicht geplant.“

Wenn die Soldaten sich weiterhin so schnell davonmachen, werden wir Flüchtlinge bald deren Nachhut sein und die russischen Panzer im Nacken haben. Verkehrte Welt.

Abends finden wir einen Unterschlupf in einer Scheune vor Schwerin an der Warthe. Der Lärm der flüchtenden Wehrmacht auf der Reichsstraße rauscht die ganze Nacht über in meinen Ohren.

In der Frühe des siebten Tages gelangen wir nach Schwerin an der Warthe. Wir werden auf ungewöhnliche Weise empfangen. Menschen stehen am Straßenrand und bieten uns Muckefuck und Brothappen an. Sie laufen neben dem Wagen her und reichen die Sachen herauf.

„Großer Bahnhof“, staunt Otto. „Fehlt nur noch der rote Teppich vorm Wagen.“

„Probier mal“, sagt Richard und steckt mir ein Stück Brot zu. Eine Frau hat es ihm gegeben. Vorsichtig beiße ich hinein. Ich bin gewarnt. Tagelang habe ich auf gefrorenem Brot aus Pobiedziska herumgekaut, mit Speichel durchmischt und habe dann Magenschmerzen bekommen und immer wieder die Scheißeritis.

„Schmeckt das nicht gut?“, fragt Richard. Ich kaue auf einem Bissen mit Leberwurst. Genieße. „Gut, nicht?“

„Hast du noch mehr davon?“

„Nee. Die Frau mit der Wurst ist weg.“

Als wir die freundlichen Leute hinter uns lassen, fällt uns auf, dass uns keine Fahrzeuge der Wehrmacht mehr überholen.

„Sind die etwa alle schon über die Oder?“

„Was meinst du denn“, antwortet Otto „warum die es so eilig hatten? Jetzt sind wir die Nachhut. Und haben vielleicht bald die T 34-Panzer hinterm Treck.“

Ich erschrecke. Schon habe ich wieder diesen Zug mit Flüchtlingen aus Westpreußen vor Augen, den ich am Bahnhof in Pobiedziska gesehen hatte, von russischen Panzern zusammengeschossen.

Da hören wir Lärm vor uns! Am Ende von Schwerin stoßen wir in eine Menge ineinandergeschobener Flüchtlingswagen. Dazwischen eine Traube von Menschen. In ihrer Mitte gestikuliert ein Mann in Parteiuniform.

Siegfried fasst mich am Ärmel.

„Sieh mal“, ruft er. „Das ist doch …“

Ich packe ihn gerade noch am Arm, bevor er vom Wagen runterspringt. Da hat er sich schon losgerissen. Er knallt auf die vereiste Straße, verletzt sich aber nicht und kommt wieder hoch.

„Papa“, schreit er. „Papa!“

Die Leute aus der Gruppe der Flüchtlingswagen schauen herüber. Der Parteimann unterbricht einen Augenblick seine Rede. Scheint verärgert.

„Siegfried“, ruft eine Frauenstimme aus der Menge.

Die Frau läuft auf die Straße.

Das ist ja Siegfrieds Mutter!

Schon liegen sich beide in den Armen. Mitten auf dem Fahrdamm.

Nun kommen auch Siegfrieds Vater und die beiden Sanders hinzu. Otto fährt unseren Wagen langsam an den Straßenrand. Welch ein Wiedersehen!

Siegfried hält seine Mutter umschlungen. Sein Vater fährt ihm zärtlich übers Gesicht.

„Jetzt lasst ihr mich doch nicht mehr allein?“, schluchzt Siegfried.

„Du steigst gleich auf unseren Wagen um“, sagt Frau Sanders. „Da rücken wir dann eben etwas zusammen.“

Siegfried wischt sich die Tränen aus den Augen.

„Als wir euch bei Wronke verloren hatten“, sagt Fischer, „da haben wir auf euch gewartet, bis die Autos der Wehrmacht vorbei waren. Dann haben wir in einem Schuppen übernachtet. Erst am nächsten Morgen sind wir dann weiter, nachdem wir unsere Pferde von Sanders’ Wagen abgebunden und einem Bauern übergeben haben.“

„Und wir haben das rosa Schweinchen gesucht“, sagt Siegfried. „Hinten auf Sanders’ Wagen.“

„Dass es nicht wieder vorkommen darf“, brüllt der Parteimann hinter uns „dass eure Wagen quer über die Straße fahren und sich nicht einordnen. Wenn ihr jetzt nach Landsberg reinkommt, heißt es Disziplin wahren …“

„Jawohl!“, ruft irgendjemand dazwischen.

„… damit unsere tapfere Wehrmacht den Gegenangriff führen kann. Denn es ist der unabänderliche Wille unseres Führers, die bolschewistischen Horden aus dem Osten ein für alle Mal …“

„Lasst uns weitergehen“, sagt Fischer und bahnt uns einen Weg durch die Menge.

„Vorhin hat er gesagt“, berichtet Sanders, „dass die Russen vor drei Tagen Posen eingeschlossen hätten. Die Wehrmacht würde die Stadt heldenhaft verteidigen.“

„Und der Volkssturm aus Pobiedziska?“, fragt Mama in Sorge um Vater. „Ist der auch in Posen?“

„Davon haben wir leider nichts gehört.“

„Es sollen Panzer vor Birnbaum gesehen worden sein“, sagt Frau Fischer.

„Lasst uns sofort nach Landsberg aufbrechen.“ Sanders strebt zu seinem Wagen. „Dann sind wir heute Abend dort.“