Der Name seiner Mutter - Roberto Camurri - E-Book

Der Name seiner Mutter E-Book

Roberto Camurri

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Beschreibung

Pietro wächst bei seinem Vater in Fabbrico auf, einem Provinznest in der norditalienischen Tiefebene. Inmitten von Feldern, Hügeln und unfertigen Neubauten scheint die Zeit stillzustehen. Schweigend trinken die Alten in der Bar an der Piazza ihren Kaffee, spielen bedächtig ihre Karten. Auch Pietros Vater Ettore kümmert sich ohne viel Worte um ihn, zwischen den beiden liegt die Kluft einer unausgesprochenen Abwesenheit: Pietros Mutter hat Mann und Kind wenige Monate nach der Geburt verlassen. Niemand weiß, wo sie ist, niemand spricht über sie, selbst bei Livio und Ester, den liebevollen Großeltern, ist ihr Bild aus den Familienfotos verschwunden. Bleischwer lastet ihr Fehlen auf den beiden Männern und macht es dem heranwachsenden Pietro fast unmöglich, sich anderen zu öffnen, den eigenen Gefühlen zu trauen. Als Pietro die Stadt verlässt und selbst Vater wird, will er endlich wissen, was wirklich geschah. In prägnanten, wirkmächtigen Bildern erzählt Roberto Camurri von Zugehörigkeit und Selbstbestimmung. Ein ungewöhnlicher Familienroman von großer emotionaler Wucht und Eindringlichkeit.

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Seitenzahl: 241

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Über das Buch

Pietro wächst bei seinem Vater in Fabbrico auf, einem Provinznest in der norditalienischen Tiefebene. Inmitten von Feldern, Hügeln und unfertigen Neubauten scheint die Zeit stillzustehen. Schweigend trinken die Alten in der Bar an der Piazza ihren Kaffee, spielen Karten. Auch Pietros Vater Ettore kümmert sich ohne viel Worte um ihn, zwischen den beiden liegt die Kluft einer unausgesprochenen Abwesenheit: Pietros Mutter hat Mann und Kind wenige Monate nach der Geburt verlassen. Niemand weiß, wo sie ist, niemand spricht über sie, selbst bei Livio und Ester, den liebevollen Großeltern, ist ihr Bild aus den Familienfotos verschwunden. Bleischwer lastet ihr Fehlen auf den beiden Männern und macht es dem heranwachsenden Pietro fast unmöglich, sich anderen zu öffnen, den eigenen Gefühlen zu trauen. Als Pietro die Stadt verlässt und selbst Vater wird, will er endlich wissen, was wirklich geschah.

In prägnanten, wirkmächtigen Bildern erzählt Roberto Camurri von Zugehörigkeit und Selbstbestimmung. Ein ungewöhnlicher Familienroman von großer emotionaler Wucht und Eindringlichkeit.

Der Autor

Roberto Camurri, geb. 1982, lebt und arbeitet in Parma. Sein erster Roman, A Misura d’Uomo (2018), war ein Bestseller in Italien und wurde mit dem Premio Opera Prima sowie dem Premio Procida-Elsa Morante ausgezeichnet. Der Name seiner Mutter ist sein zweiter Roman.

ROBERTO CAMURRI

Der Name seiner Mutter

Aus dem Italienischenvon Maja Pflug

Verlag Antje Kunstmann

She is trapped inside a month of grey

And they take a little every day

She is a victim of her own responses

Shackled to a heart that wants to settle

And then runs away

It’s a sin to be fading endlessly

COUNTING CROWS, Mercury

Her long blonde hair flying in the wind

she’s been running half her life

the chrome and steel she rides

colliding with the very air she breathes

the air she breathes

NEIL YOUNG, Unknown legend

Für meinen Vater und für sie, meine Mutter

An einem Tag im Juli wird er zum Mittagessen nach Hause kommen, es wird heiß sein, der Horizont eine flüssige Linie unter einem unscharfen Himmel.

Er wird die Tür öffnen und seine Frau vor sich stehen sehen, die blassen Hände zusammengepresst, das ganze Blut ins Gesicht gestiegen, die Augen weit aufgerissen, im Flur erstarrt wie von einem Bann getroffen.

Sie wird barfuß sein, und unter ihr, zwischen ihren Füßen, wird sich eine nasse Lache auf dem Boden ausbreiten; er wird einen Moment lang reglos verharren, die Zeit wie eingefroren.

Alles wird gut gehen, wird er sagen und staunen, wie ruhig seine Stimme klingt, wie sehr er sich in Panik fühlt.

Alles wird durch ihrer beider Hände gehen, durch die Sonne und die Hitze, die durch die offen gebliebene Tür hereindringt, durch dieses Haus, diesen Hof, ihr Leben bis zu diesem Augenblick.

Ihre Erinnerungen werden vorbeiziehen, die stummen Mittag- und Abendessen, ihr lustloser Sex, die Küsse, die sie sich nicht gegeben haben werden und die aus Angst gegebenen.

Der Motor des R4 wird aufheulen vor den Reihern, die vor ihr auffliegen, während sie tief atmet und sich mit den Händen am Griff festklammert, vor ihm, der immer weiter lacht und sich sagt, dass er endlich damit aufhören muss, hier auf dieser verlassenen Straße, mitten in dieser unendlichen Ebene mit ihren leuchtenden Farben, in der Sommersonne, die das Blau des Himmels verblassen lässt über ihren Köpfen, über Fabbrico.

Sie wird sich den Bauch halten, wird sagen, es tut weh.

Er wird sie ansehen und sich erneut verlieben in dieses Gesicht, das endlich ohne Abwehr ist, verstört, aufgeregt, glücklich und ängstlich, rot und zitternd.

Er wird sich erneut in ihre Hände verlieben, diese Hände, die sich zärtlich durch die Türen des Krankenhauses führen lassen, vorbei an den Gesichtern der wartend herumstehenden Menschen. Er wird Gänge, Aufzüge und Zimmer betreten, die nach Desinfektionsmittel riechen, wird Augenkontakt zu ihr suchen, die ihn unter dem ruhigen Blick der Krankenschwestern zu vergessen scheint.

Sie werden ihr helfen, sich auf einem Bett auszustrecken, werden ihr sagen, sie solle ganz ruhig sein, und sie beide in einem Zimmer allein lassen.

Er wird nicht wissen, ob er aufstehen und das Fenster öffnen soll, ob er versuchen soll, den Rollladen herunterzulassen, damit die Sonne den Raum nicht aufheizt, ob er zu ihr gehen, sie streicheln, küssen und mit ihr sprechen soll.

Er wird entdecken, dass er nichts zu sagen hat, ihr nichts zu sagen hat, wird entdecken, dass er fortlaufen und vielleicht zurückkommen möchte, wenn alles vorbei ist.

Alles wird durch ihr Dortsein passieren, durch die Luft in diesem Zimmer, durch ihre Hände, die sich wiedergefunden haben, kommunizierende Röhren einer einzigen Energie.

Er wird sitzen bleiben.

Sie wird schreien, es tut weh, es tut wirklich weh, und aufstehen, mit Fäusten gegen die pastellfarbene Wand hämmern, so fest, dass die Schläge widerhallen, sie wird mit dem Kopf gegen ebendiese Wand rennen, wird brüllen und fluchen, wie er sie noch nie gehört hat.

Absurd wird sein, sie auf einer Krankentrage wegrollen zu sehen, sie sich im anderen Zimmer vorzustellen, jenseits der Wand, vor seinen Augen verborgen im glühend heißen Verstreichen dieses Tages, absurd wird sein, dass die Welt sich weiterdreht, dass die Arbeiter weiterarbeiten, dass jemand in einer Bar einen Espresso trinkt, jemand anderes gelangweilt zu Hause auf dem Sofa liegt.

Absurd wird sein, dass der Sommer weiter Sommer bleibt, absurd, dass kein Wind aufkommt und alles verbrennt.

Stundenlang wird er warten, wird zusehen, wie der Tag in den Abend übergeht.

Er wird warten, dass sich die Türe öffnet.

Er wird Lust und gleichzeitig Angst davor haben, sein Kind zu sehen, sie zu sehen.

Dann wird Stille eintreten und er wird zittern, sich dem Bett nähern, denken, dass keine Blumen da sind, keine Torte, keine Luftballons, die das Zimmer schmücken, er wird die vier Wände betrachten, wird sie kahl und traurig finden, er wird ihr Gesicht betrachten und denken, dass sie noch nie so schön war.

Er wird mit der Hand ihre Stirn berühren, wird sich auf dem Bett ausstrecken und sie wird ihm Platz machen, er wird still daliegen, das Kind zwischen ihnen, die Luft erfüllt vom Duft seiner Haut und seiner Haare, und schweigend weiter sein Kind betrachten, Pietro.

Inhalt

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

EINS

PIETRO ÖFFNET DIE AUGEN, sie sind braun, lebhaft; er betrachtet die Decke, das Sonnenlicht, das mit den Schatten der zugezogenen Vorhänge, der Spielsachen und Möbel im Zimmer tanzt, die Risse in der blau gestrichenen Decke, die Hängelampe. Er weint.

Ettore hört es, wacht auf, bleibt mit geschlossenen Augen liegen und lauscht, wartet, dass sie sich bewegt, dass auch sie aufwacht; als er ihre Hand spürt, die seinen Rücken streichelt, rollt er sich mit einem Stöhnen zusammen, zieht die Knie an die Brust, die Hände unter dem Kissen; als er spürt, wie dieselbe Hand seine Schulter drückt, widersteht er der Versuchung, sie an den Mund zu führen, um sie zu küssen, und rührt sich nicht. Er öffnet die Augen erst, als er hört, wie sie ihm zuflüstert, er solle aufstehen.

Steh auf, sagt sie zu ihm.

Und da richtet Ettore sich auf, setzt sich auf die Matratze, Pietros Weinen klettert die Wände im Flur entlang, um hier zu explodieren, in ihrem Schlafzimmer; er stützt die Ellbogen auf die Knie, schlägt die Hände vors Gesicht, reibt es kräftig, er ist noch müde, fühlt sich, als hätte er nicht geschlafen. Einen Moment verharrt er so, möchte noch einmal ihre Stimme hören, noch einmal dieses Flüstern. Er dreht sich nicht um, sucht nicht ihren Blick, streckt die Hände nicht aus, wartet still, während Pietro immer weiter weint, noch heftiger; ihre Stimme kommt nicht, Ettore malt sich aus, wie sie schmollt, zusammengekauert, zerzaust, schön und wütend, zerknittert und parfümiert, er stellt sich den Abdruck des Kissens auf ihrem Gesicht vor.

Als er sich umdreht, ist sie nicht da, da ist nur das, was von ihrer Hälfte des Bettes bleibt, die Laken über dem Kissen, wo sie schlief, da ist Pietro, der immer noch weint.

Ettore steht auf und streckt sich, geht aus dem Zimmer hinaus den Flur entlang, der Boden aus künstlichem Marmor ist kalt unter seinen Füßen, vor der Zimmertür bleibt er stehen, und das Weinen scheint sich zu beruhigen.

Pietro sieht den Schatten seines Vaters länger werden, mit den anderen Schatten spielen, und macht die Augen weit auf, holt tief Atem. Als er ihn wieder fortgehen sieht, als er begreift, dass sein Vater nicht hereinkommen wird, lässt er dem Weinen wieder verzweifelt freien Lauf.

Ettore ist jetzt im Wohnzimmer, geht zur Küche, zur Fenstertür, schiebt die Vorhänge beiseite, um den Himmel zu betrachten.

Es ist einer dieser Tage, an denen die Ebene hinten auf die Berge zu prallen scheint, man sieht die verschneiten Gipfel am Horizont, und er wünschte, er könnte mit der Hand in den Schnee greifen, im Weißen hinunterkugeln wie ein Hund.

Er möchte zurückkehren zu dem Tag einige Monate früher, als die Kinderärztin sich die Haare hinters Ohr zurückstrich und mit einem fragenden Ausdruck, den Ettore nie ganz verstanden hat, sagte, das Kind bräuchte ein paar Tage in den Bergen, in guter Luft, um den Keuchhusten loszuwerden.

Er möchte zurückkehren zu dem Moment, in dem er sich zur Mutter seines Kindes umgedreht hat, zu ihr, die Pietro auf dem Arm hielt, zu diesem leeren, distanzierten Blick, zu den Worten, die sie gesagt hat, den Blick starr auf die Wand hinter der kopfschüttelnden Kinderärztin gerichtet.

Und was machen wir jetzt?

Zurückkehren zu dem Moment, als sie wieder ins Auto gestiegen sind, während Pietro weinte und sie auf die Straße starrte. Er wünschte, er hätte ihre Hand genommen, hätte ihr in die Augen gesehen, hätte den Mut aufgebracht, ihr zu sagen, wir fahren alle drei, es wird ein Urlaub sein.

Er wünschte, er hätte die Worte nicht gesagt, die aus seinem Mund gekommen waren, während er den Motor anließ.

Ich fahre allein mit ihm, du brauchst nicht mitzukommen.

Sie waren sehr früh aufgebrochen, die Sonne glitzerte auf dem Morgentau, der alles bedeckte, den Hausgarten, die Straße und die Werkstatt weiter vorn, die Wipfel der Bäume am Wegrand.

Von diesem Tau umrahmt, sah die Mutter seines Kindes im Rückspiegel gespenstisch aus, eine ätherische Gestalt mit verschränkten Armen vor der vom Nachthemd verhüllten Brust. Er hatte es ihr geschenkt, und sie hatte es nie angezogen.

Er fragte sie nicht, fragte nie, warum sie es nicht trug, und freute sich, als er sie am Abend zuvor mit diesem Nachthemd ins Bett kommen sah, eng umschlungen wie lange nicht mehr waren sie eingeschlafen, auf der Seite liegend, er hinter ihr, ihre Hände verschränkt, der Duft der frisch gewaschenen Haare.

Am Morgen hatte er gesehen, wie sie ins Haus zurückging, hatte Gas gegeben und dabei Pietro beobachtet, der hinten im Kindersitz angeschnallt war und ein Stück Stoff in der Hand hielt, an dem er mit glücklichen Schmatzern lutschte.

Auf der Straße war niemand, man hörte nur das Dröhnen des Autos und die Laute der Natur, die eben erwachte, die in den Bäumen versteckten Vögel.

Er fuhr langsam, ohne hochzuschalten, musterte die Landschaft, den Himmel, der aufklarte, gestreichelt von einem sachten Frühlingswind.

Nach wenigen Kilometern schlief Pietro ein und hustete nicht mehr, Ettore fragte sich nach dem Sinn dieser Reise, ein Lastwagen überholte sie, das Auto schwankte und geriet ins Schlingern, das Kind öffnete die Augen und begann erschrocken zu weinen.

Er versuchte, es mit zärtlichen Worten und sanften Tönen zu beruhigen, mit den Worten, die er zu Hause sagte, wenn er ihm die Windeln wechselte oder wenn sie zusammen auf dem Teppich im Wohnzimmer spielten, Worten, die es zum Lachen brachten.

Umsonst, sein Kind schien taub zu sein, zum Weinen kam noch der Husten, das Gesicht wurde blau, die Augen verengten sich, der Stoff fiel zu Boden. Ettore hielt auf der Standspur an, stieg rasch aus.

Mehr und mehr Autos fuhren vorbei und bewegten die frische Luft abseits der Autobahn, er öffnete die hintere Tür, befreite Pietro aus den Gurten des Kindersitzes und nahm ihn auf den Arm, während das Weinen und der Husten mit dem Chaos der Motoren verschmolzen. Er drückte ihn an die Brust und wiegte ihn, sang ihm ihr Lied vor, das Lied, das er seinem Kind vorsang, wenn es nachts aufwachte und nicht schlafen konnte, sein Lieblingslied, anders als das Lied, das ihm seine Mutter vorsang.

Es war ein Lied, das immer wirkte, und er schloss beim Singen die Augen, versuchte, zur Ruhe zu kommen, und hoffte, diese Ruhe auf den schnellen, gequälten Atem seines Sohnes übertragen zu können.

Er sang es einmal, hatte Mühe, den Rhythmus zu halten. Pietro weinte und wand sich in seinen Armen, er hielt ihn fest, mit einer Hand streichelte er ihm den Rücken, sang es zum zweiten Mal, und die Worte kamen leichter, der Rhythmus klang richtig, die tiefen Töne bebten in seiner Brust, wo das Herz im Rhythmus des Herzens seines Sohnes pochte, der immer noch weinte und hustete, aber schon weniger als zuvor.

Beim dritten Mal wurde das Weinen zu Atem und der Husten zu einem leichten Röcheln, und Ruhe überkam die beiden noch am Rand der Autobahn, während das Auto sie vom Verkehr abschirmte.

Ettore sang weiter, sang das Lied zu Ende, immer noch mit geschlossenen Augen, als bitte er jemanden um Hilfe, der nicht da war, jemanden, den es vielleicht gar nicht gab.

Pietro atmete nun regelmäßig, Ettores Hand fühlte, wie der Rücken des Kindes sich hob und senkte, die Last auf dem Arm wurde schwerer, der Körper seines Sohnes entspannte sich, er fühlte das Gewicht seiner Fähigkeit, zu besänftigen, jemand zu sein, dem man sich ganz anvertrauen konnte.

Vorsichtig hob er das Kind hoch und betrachtete sein entspanntes Gesicht, die noch ein wenig geröteten Pausbacken, die geschlossenen Augen, die langen Wimpern, die spärlichen hellen Haare, die Grübchen an den Armen; sein Vater kam ihm in den Sinn.

Über ihnen zog eine Wolke vorüber, deren Schatten auf sie fiel, er legte Pietro in den Kindersitz im Auto, horchte auf die Laute, die er im Schlaf von sich gab, leise Töne, so als träumte er, und Ettore fragte sich, was.

Mach, dass alles gut wird, flüsterte er.

Er blickte zum Himmel und sah der Wolke nach, die über ihren Köpfen vorbeizog, hin zu den Bergen, die sie bald erreichen würden, hin zu diesen unbefleckten Gipfeln.

Problemlos nahmen sie ihre Reise wieder auf, überwanden ohne weiteren Halt die Ebene, fuhren hinein in den Frühling dieses Hügels, in die Wälder, und hinter den üppig belaubten Bäumen tauchten Kirchtürme auf, dann Burgen und Weinberge, die Apfelbäumen Platz machten, und dann Gebirgsbäche mit so klarem Wasser, dass die Sonne es zu durchdringen und auf den Kieseln im Bachbett zu tanzen schien.

Pietro schlief weiter, und Ettore legte beide Hände auf das Steuer, dann schaltete er und massierte sich mit einer Hand die Knie und Schenkelmuskeln.

Als er gleich nach Verlassen der Autobahn die Kehren in Angriff nahm, begann er zu hoffen, dass sein Sohn die ganzen zehn Tage schlafen würde, und dachte, was sie wohl machen würden, an die Situationen, in denen sie allein sein und sich anschauen würden.

Er stellte sich vor, wie sie beide abends im Bett lagen, er noch wach und Pietro schlafend, im gleichen Rhythmus atmend, ganz nah. Er bekam große Lust auf einen Espresso, wollte anhalten, sich die Beine vertreten, das Panorama genießen, so anders als gewöhnlich, die Berge im Hintergrund, der Himmel durchsichtig, die Wälder und Niederungen, die Obstbäume und die Wiesen, die so grün waren, dass sie künstlich wirkten. Er bekam große Lust zurückzufahren, zurück zu ihr.

Sie fuhren an einem See entlang, im glatten Wasser spiegelte sich der jetzt wolkenlose Himmel, die Kurven wurden sanfter, gesäumt von Schildern in einer fremden Sprache, von bunten Blumen an den Fenstern der Häuser.

Das Hotel war aus hellem Holz, wahrscheinlich Fichte, wie die Bäume, die die Mauern und den Schotterweg zum Eingang säumten; in der Mitte eines Gartens, der sich zu beiden Seiten erstreckte, gab es Blumenrabatten, und am Ende, hinter einem steinigen Parkplatz, stand das gemütliche Hauptgebäude.

Er hielt an, und die Handbremse weckte Pietro, der sich die Augen rieb und sich dann umsah.

Ettore nahm ihn auf den Arm und wandte sich zum Eingang; auf der Schwelle wartete eine Frau, die sich die Hände an der Schürze abtrocknete, sie trug eine Brille und die fast grauen Haare im Nacken zu einem strengen Knoten geschlungen und sah aus wie eine Nonne, eine von denen, die immer nach gutem Essen riechen, mit aller Liebe und Geduld gekocht.

Kommt herein, sagte sie, ich gebe euch gleich die Zimmerschlüssel; dann fragte sie, ob sie zu Mittag gegessen hätten.

Ettore blieb stehen, sah das Kind an und sagte, nein, wir müssen noch essen.

Das Zimmer war klein, wie erwartet, roch nach Holz und nach Alter, es gab ein Kinderbett, das perfekt hierher passte, ein einziges Fenster mit Blick auf den See und die Wälder.

Auch das große Bett war aus Holz, ein Ehebett, das Bad war sauber, und auf dem Waschbecken standen künstliche Blumen. Ettore setzte seinen Sohn auf den Teppichboden und fragte sich, ob es richtig sei, ein zehn Monate altes Kind auf dem Boden eines Hotelzimmers sitzen zu lassen.

Durchs Fenster kam ein guter Geruch, er packte die Koffer aus, holte als Estes die Spielsachen heraus und betrachtete Pietro, der an seinem Stoffstück lutschte. Er betrachtete seinen Sohn, so ruhig und kein bisschen beunruhigt über das Fehlen der Mutter, und räumte die Kleider in den Schrank, der nach Mottenkugeln roch.

Alles wird gut gehen, sagte er sich.

Auf der Seite des Nachttischs mit dem Telefon setzte er sich aufs Bett, hob den Hörer ab, hielt ihn ans Ohr, klemmte ihn mit der Schulter fest, lauschte dem Tuten auf der anderen Seite; er spielte mit dem Spiralkabel, schob seinen Zeigefinger hinein, seufzte und legte wieder auf.

Er streckte sich aus, betrachtete seinen Sohn, die kleinen, noch nicht ausgewachsenen Zähne, dann sagte er, komm, lass uns essen gehen.

Sie gewöhnten sich rasch ein in diesen Ferientagen. Sie wachten auf, unterhielten sich, frühstückten, spazierten die Dorfstraßen entlang bis zum See, der jeden Tag die Farbe wechselte, setzten sich in einem der wenigen geöffneten Cafés unter den gestreiften Sonnenschirm und betrachteten die Berge und Wälder, das ruhige Wasser und die Enten, die weiter rechts im Schilf paddelten.

Ettore zeigte sie Pietro, der eine Weile brauchte, bis er sie wahrnahm, dann zeigte auch er mit dem Finger darauf und lächelte, die Sonne erschien zwischen den Wolken, die dichter wirkten im Vergleich zu denen bei ihnen in der Ebene, weniger drohend. Es war, als könnte man hier freier atmen, trotz der Gipfel und Wälder rundherum.

Am Abend, wenn Pietro eingeschlafen war, stellte sich Ettore manchmal im Zimmer ans Fenster, blickte hinaus in die Dunkelheit, auf die Umrisse der Bäume und Beete im Garten, die wenigen Lichter hier und da, und der Anblick versöhnte und ängstigte ihn, sodass er danach fast die ganze Nacht auf dem Bett saß und das Telefon anstarrte. Dann hustete das Kind oder wachte auf oder röchelte. Ettore fürchtete, es könne etwas Ernstes sein, ein Rest Keuchhusten, also trat er an das Bettchen und nahm seinen Sohn auf, drückte ihn an die Brust, und erst dann gelang es ihm, einzuschlafen.

Die Frau war freundlich und nett, sie umsorgte sie, im Speisesaal sah sie sie teilnehmend und nachsichtig an, auch wenn das Kind weinte und dann hustete und dann gleichzeitig weinte und hustete.

An jenem Morgen war es ruhig, spielte mit einem grünen Plastiklöffelchen und schob die Brösel des Apfelkuchens hin und her, es hatte die schmalen Augen, die langen Wimpern, den verdrossenen Mund und das angespannte Kinn seiner Mutter, hatte an jenem Morgen ihren Gesichtsausdruck, und während Ettore es auf dem Stuhl vorgebeugt anstarrte und den Kaffee vergaß, der im Tässchen kalt wurde, dachte er daran, wie schön sie in dem Nachthemd war, das er ihr geschenkt hatte. Dachte an das Fieber, an ihre Energielosigkeit, als er zu ihr trat, nachdem das Kind endlich eingeschlafen war, als er sich zu ihr aufs Bett gesetzt und gefragt hatte, wie es ihr gehe.

Schlecht, hatte sie geantwortet, ich habe keine Kraft, für nichts.

Ich koche dir eine Brühe.

Das kannst du doch gar nicht.

Ich tu rein, was ich finde.

Zum Beispiel?

Was weiß ich, das Fleisch, das noch da ist, das Gemüse, das da ist.

Dann hol mir doch lieber eine Pizza.

Aber nein, ich töte die Tauben, die nehme ich und stecke sie samt Federn in den Topf, damit es auch nach was schmeckt.

Er dachte an ihr Lächeln, an ihre Art, sich auf die Seite zu drehen, ihm zu sagen, er solle ins Bett kommen, sich ausruhen, denn morgen würde er früh aufstehen und fahren müssen.

Er fühlte, wie sich die Tränen einen Weg durch die geschlossenen Lider bahnten, fühlte sie seine Wangen hinunterlaufen, und als er die Augen wieder öffnete, sah er die Frau vom Hotel vor sich stehen, ihren mütterlichen Körper, das runde, lächelnde Gesicht. Er sah, wie sie in die Knie ging, dann hörte er ihre Stimme mit dem seltsamen ausländischen Akzent.

Wenn du willst, passe ich heute auf das Kind auf.

Danke, sagte Ettore und lächelte sie traurig an.

Dann fuhr er sich mit einem Arm übers Gesicht, streichelte seinen Sohn und fragte ihn, ob er auch brav sein würde.

Es war frisch, die Vögel zwitscherten und zogen ihre Kreise am wolkenlosen Himmel, und alles war hell und leuchtete: die Blumen, der Kies auf dem Weg, auch die Geräusche und die Gerüche.

Er ging vor bis zur Straße, wenige Autos fuhren durch die engen Gassen des Dorfes, wenige Menschen standen vor den Geschäften, vor der Bäckerei. Ettore sog den Duft ein, der dort herauskam, und den Duft nach all dem Holz. Er ging weiter bis zu dem Gasthaus gegenüber einem Felsenbrunnen, der inmitten eines Beetes voll großer gelber Blumen stand.

Bei der jungen Bedienung bestellte er einen Espresso, dann noch einen Fruchtsaft und ein Brötchen mit Speck, er war allein im Lokal, das Licht fiel gedämpft durch die zugezogenen Gardinen an den Fenstern, es war kühl zwischen den Hirschköpfen an den Wänden und den anderen ausgestopften Tieren auf den Konsolen, einem Falken und einem Wiesel. Er aß im Stehen an der Theke, beobachtete die lustlosen Bewegungen des Mädchens, seine breiten Hüften, seinen gelangweilten Ausdruck.

Der Weg war rot-weiß gekennzeichnet, zwei parallele Linien markierten die Bäume entlang des schmalen Weges, eine Steintreppe führte in den Wald, die Stufen waren lose und in den Ritzen wuchs Gras. Oben angekommen, sah Ettore über seinem Kopf das dichte Gezweig majestätischer Tannen, die die Sonne verdunkelten, er legte die Arme um sich und tat das Einzige, was ihm sinnvoll erschien, er setzte einen Fuß vor den anderen, den Blick auf die Nadeln gerichtet, die den Pfad bedeckten, auf die Steine, die ab und zu herausragten, und bereute es, keinen Stock mitgenommen zu haben.

An den steilsten Stellen stützte er sich mit den Händen auf die Schenkel, er ging und ging, lauschte dem Schweigen des Waldes rundherum, dem Rauschen des Windes, der die verborgenen Baumwipfel liebkoste.

Immer hoffte er, zu einer Lichtung zu kommen, zu einer Wiese, einem ebeneren Gelände, wo er Luft holen und durchatmen und seine schmerzenden Muskeln lockern könnte.

Unter diesem Dach aus Blättern und Fichtennadeln stand die Zeit still, Ettore hätte nicht zu sagen gewusst, wie lange er schon hier wanderte. Dann endlich lichteten sich die Bäume, ein Sonnenstrahl brach durch, nur einer, während der Wind ihm den Pullover an die Brust drückte.

Der Pfad führte nach rechts, wurde schmal, versteckte sich hinter dem Berg, drückte sich an den Felsen, links ein Steilhang, der See weiter unten, klein und hell, und oben zogen über seinem Kopf graue Wolken auf, verdunkelten rasch den blauen Himmel und den einzigen Sonnenstrahl, dem es gelungen war, zu entkommen. Die Arme um sich geschlungen, beobachtete Ettore die Wolken, bis der erste schwere Tropfen sein Gesicht traf.

Er blickte zurück, erwog umzukehren, dachte, wie es wäre, hier allein zu sein, wenn der Tag zur Nacht würde, an die Wärme des Kamins im Hotel, an seinen Sohn, und dann wanderte er weiter auf den Berggipfel zu, während er dem Grollen des beginnenden Gewitters lauschte.

Es regnete stetig, heftig, in Strömen. Er war vollkommen durchnässt, die Haare klebten ihm an der Stirn, der Pullover war zentnerschwer, die Füße in den Bergstiefeln trieften, obwohl der Wald sich wieder über ihm geschlossen hatte. Die Stille wurde zur Erinnerung, und jetzt machte zwischen Donner und Tropfen alles ein Geräusch. Ein anhaltendes Geräusch, dem Ettore aufmerksam zuhörte.

Er hörte die Zweige und das Holz knacken, verwechselte es mit etwas Lebendigem, das sich im Laub versteckt hielt, etwas, das nur herausspringen würde, um sich auf ihn zu stürzen und ihm etwas anzutun.

Die Mühe war wie weggeblasen, er ging schnell, die Augen fest auf den Pfad vor ihm gerichtet, manchmal auch auf die Füße, um den glitschigsten Steinen auszuweichen, um die Pfützen nicht zu übersehen, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, nicht zu fallen.

Weiter und weiter ging er, achtete nicht auf die Schmerzen, den keuchenden Atem, klammerte sich an die Felsen, die Zweige der Sträucher. Er merkte, dass das Donnergeräusch vielleicht von einem Wasserfall kam, wenig später, nachdem er einen weiteren Engpass überwunden hatte, stand er plötzlich davor, sah zu, wie das durchsichtige, schäumende Wasser herabstürzte, lehnte sich an das hölzerne Geländer und dachte, dass er gern ein Foto gemacht hätte, dass er noch nicht angekommen war, dass er dieses Panorama gern von oben sehen wollte.

Er wanderte weiter; ein Ziel zu haben gab ihm Kraft, der Schmerz in den Beinen und der Unmut darüber, nicht passend ausgerüstet zu sein, ließen nach, er ging auf den Steinen und dem aufgeweichten Boden, zwischen schlammigen Rinnsalen, die seine Schuhe beleckten.

Der Pfad wand sich bergauf, der Wasserfall war bald weit weg, bald nah, er verschwand und tauchte wieder auf, sodass Ettore fürchtete, er habe sich verlaufen. Er verlor die Hoffnung, dann fasste er wieder Mut, kletterte weiter und rutschte ab, beschmutzte erst seine Kleider mit Erde, dann die Hände und das Gesicht.

Er schaute um eine Kurve, beschleunigte den Schritt und lief zu der Stelle, wo der Wasserfall begann, sah das in Nebel verwandelte Wasser die Luft erfüllen, sodass nun anderes Wasser als der Regen sein Gesicht nass machte, er sah eine Brücke über den Wildbach und dass der Wald hier zu Ende war, der Himmel klaffte über seinem Kopf, die Wolken ballten sich zu einer einzigen, riesigen Wolke, die alles bedeckte und nichts anderem mehr Raum ließ.

Er blieb stehen, stützte die Hände auf die Knie und atmete, lachte, ließ zu, dass der Wind und das Tosen der Wassermassen und all das Grau sein Lachen forttrugen.

Er stieg die Holzstufen hinauf, hielt sich am Handlauf fest, die Bein- und Muskelschmerzen kehrten zurück, er ging bis zur Mitte der Brücke, bevor er sich umdrehte, bevor er sich an das Geländer lehnte, das ihn sicher davor bewahrte, hinunterzustürzen zwischen die spitzen Steine, die ins Leere gestreckten Äste.

Er betrachtete das Tal unten, den See, der wirkte wie aus einer anderen Welt, und dort, wo der Wald in Wiese überging, erkannte man ein paar winzige Häuser, er atmete, so tief er nur konnte, und drehte sich dann um, kehrte der Seite, von der er gekommen war, den Rücken, um den Berg anzuschauen, der immer noch in diesen Himmel ragte, den Wildbach, der schäumend dahineilte, die von Wind und Regen gekräuselte Oberfläche, die jähen, raschen Wellen, die Strudel und Wasserlöcher.

Dann plötzlich sah er den Bären, der dort am Ufer stand, ohne ihn zu bemerken.

Er war groß, mächtig, das braune Fell nass. Auf Ettores Gesicht erschien ein kindliches Lächeln, ein Lächeln, das noch breiter wurde, als er sah, was hinter dieser riesigen Gestalt war: ein Bärenjunges, das sich auf den Rücken rollte, wieder auf die Füße kam und zu dem Erwachsenen trottete, der es schon erwartete.

Ettore sah, wie das Junge trank und die Bärin sich hinunterbeugte, um es mit der Schnauze zu liebkosen, er beobachtete, wie sie sich balgten, wie die Bärin sich auf den Rücken legte und der Kleine auf sie krabbelte, herunterfiel und wieder aufstand mit einem Gebrüll, das spielerisch klang, mitten im nachlassenden Regen, während die Wolken sich öffneten, um erneut einen einzigen Sonnenstrahl durchzulassen.

Ettore ging auf die Tiere zu, langsam, konzentriert stieg er von der Brücke hinunter und befand sich wieder im Wald, versteckte sich hinter den Bäumen, den Sträuchern, setzte mit gebeugten Knien, die nicht mehr schmerzten, geräuschlos einen Fuß vor den anderen und wischte sich ab und zu die Augen aus in der Hoffnung, dass es nicht wieder zu regnen anfangen würde.

Er näherte sich, rutschte aus, ohne es richtig zu merken, und stürzte, schlug mit dem Kopf auf einem Stein auf, griff sich mit den Händen in die Haare, es blutete nicht, und beim Aufstehen behielt er die Bären im Auge, die ihn noch nicht gesehen hatten.