Verlag: E-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2009

Der nasse Fisch E-Book

Volker Kutscher

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Bestseller

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E-Book-Beschreibung Der nasse Fisch - Volker Kutscher

Der erste Fall der Gereon Rath-Bestsellerreihe: »Der nasse Fisch« jetzt als »Babylon Berlin« von Tom Tykwer verfilmt Mit diesem Roman begann eine sensationelle Serie, mit der Volker Kutscher den Kriminalkommissar Gereon Rath durch das Berlin der 20er- und frühen 30er-Jahre und mitten in die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit schickt. Volker Kutscher lässt das Berlin des Jahres 1929 lebendig werden. Sein Held Gereon Rath erlebt eine Stadt im Rausch. Kokain, illegale Nachtclubs, politische Straßenschlachten – ein Tanz auf dem Vulkan. Der junge, ehrgeizige Kommissar, neu in der Stadt und abgestellt beim Sittendezernat, schaltet sich ungefragt in Ermittlungen der Mordkommission ein – und ahnt nicht, dass er in ein Wespennest gestoßen hat. »Der beste deutsche Hardboiler des Jahres.« (Bücher)

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E-Book-Leseprobe Der nasse Fisch - Volker Kutscher

Volker Kutscher

Der nasse Fisch

Roman

Kurzübersicht

> Buch lesen

> Titelseite

> Inhaltsverzeichnis

> Über Volker Kutscher

> Über dieses Buch

> Impressum

> Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

MottoI Der Tote im Landwehrkanal1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. KapitelII Inspektion A16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. KapitelIII Die ganze Wahrheit26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. KapitelGereon-Rath-WebsiteLeseprobe zu Volker Kutscher - Der stumme Tod
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Spree-Athen ist tot, und Spree-Chicago wächst heran.

Walther Rathenau

You can’t always get what you want

But if you try sometimes you might find

You get what you need

Rolling Stones

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IDer Tote im Landwehrkanal

28. April bis 10. Mai 1929

1

Wann würden sie zurückkommen? Er lauschte. In der Dunkelheit geriet jedes kleinste Geräusch zu einem Höllenlärm, jedes Flüstern wuchs zu einem Brüllen heran, die Stille selbst lärmte in seinen Ohren. Ein immer währendes Dröhnen und Rauschen. Der Schmerz machte ihn halb wahnsinnig, er musste sich zusammenreißen. Das Geräusch der Tropfen nicht beachten, so laut es auch war. Tropfen, die auf einen harten, feuchten Boden fielen. Er wusste, dass es sein eigenes Blut war, das da auf den Beton tropfte.

Er hatte keine Ahnung, wohin sie ihn verschleppt hatten. Irgendwohin, wo ihn niemand hörte. Seine Schreie hatten sie nicht aus der Ruhe gebracht, die hatten sie eingeplant. Ein Keller, vermutete er. Oder eine Lagerhalle? Jedenfalls ein fensterloser Raum. Hier hinein drang kein Lichtstrahl, nur ein leises Schimmern. Der letzte Rest von Helligkeit, der ihm noch geblieben war, seit er auf der Brücke gestanden und den Lichtern eines Zuges hinterhergeschaut hatte, versunken in Gedanken. Gedanken an den Plan, Gedanken an sie. Dann der Schlag und der Sturz in die Dunkelheit. In eine Dunkelheit, die ihn seitdem nicht mehr verlassen hatte.

Er zitterte. Nur die Seile in den Armbeugen hielten ihn aufrecht. Seine Füße trugen ihn nicht, sie waren nicht mehr, sie waren nur noch Schmerz, ebenso seine Hände, die nichts mehr halten konnten. Er legte seine ganze Kraft in die Arme und vermied es, den Boden zu berühren. Das Seil scheuerte, er schwitzte am ganzen Körper.

Die Bilder kamen immer wieder, er konnte sie nicht verdrängen. Der schwere Hammer. Seine Hand, festgebunden an diesem Stahlträger. Das Geräusch der splitternden Knochen. Seiner Knochen. Der unerträgliche Schmerz. Schreie, die zu einem einzigen großen Schrei zusammenwuchsen. Die Ohnmacht. Und dann das Erwachen aus der dunklen Nacht: Schmerzen, die an den äußersten Enden des Körpers zerrten. Aber zu seiner Mitte waren sie nicht vorgedrungen, davon hatte er sie ferngehalten.

Sie hatten ihn mit Drogen gelockt, die linderten den Schmerz. So wollten sie ihn gefügig machen, er musste gegen seine Schwäche kämpfen. Auch die vertraute Sprache hätte ihn fast weich gemacht. Doch die Stimmen klangen härter als die in seiner Erinnerung. Viel härter. Kälter. Böser.

Swetlanas Stimme hatte dieselbe Sprache gesprochen, aber wie anders hatte sie geklungen! Ihre Stimme hatte Liebe geschworen und Geheimnisse offenbart, ihre Stimme war Vertrautheit gewesen und Verheißung. Ja, sie hatte sogar die helle Stadt wieder lebendig werden lassen. Die Stadt, die er verlassen hatte. Nie hatte er sie vergessen können, auch in der Fremde nicht. Es blieb seine Stadt, eine Stadt, die eine bessere Zukunft verdient hatte. Sein Land, das eine bessere Zukunft verdient hatte.

Hatte sie nicht dasselbe gewollt? Die Verbrecher verjagen, die dort die Macht an sich gerissen hatten. Er musste an die Nacht denken, die durchwachte Nacht in ihrem Bett, eine warme Sommernacht, die ihm vorkam, als läge sie eine Ewigkeit zurück. Swetlana. Sie hatten sich geliebt und sich ihre Geheimnisse anvertraut. Und sie zu einem einzigen großen Geheimnis zusammengefügt, um ihren Hoffnungen ein Stück näher zu kommen.

Alles war so gut gelaufen. Doch irgendwer musste sie verraten haben. Sie hatten ihn verschleppt. Und Swetlana? Wenn er bloß wüsste, was aus ihr geworden war. Die Feinde waren überall.

Sie hatten ihn an diesen dunklen Ort gebracht. Ihre Fragen hatte er schon gekannt, bevor sie ausgesprochen wurden. Er hatte geantwortet, aber nichts gesagt. Und sie hatten es nicht einmal gemerkt. Sie waren dumm. Die Gier machte sie blind. Der Zug war bereits auf dem Weg, das durften sie nicht erfahren. Unter keinen Umständen, der Plan stand kurz vor der Vollendung. Er hatte in ihre Augen gesehen, bevor sie zuschlugen, und dort hatte er die Gier gesehen und die Dummheit.

Der erste Schlag war der schlimmste. Alles, was danach kam, verteilte den Schmerz nur.

Die Gewissheit, sterben zu müssen, hatte ihn stark gemacht. So konnte er es ertragen, nie wieder gehen, nie wieder schreiben, sie nie wieder berühren zu können. Sie war nur noch Erinnerung, damit musste er sich abfinden. Aber auch diese Erinnerung würde er nie verraten.

Die Jacke. Er musste an seine Jacke kommen. Beinah unmöglich. Er hatte eine Kapsel dabei. So wie sie alle, sobald sie ein Geheimnis trugen, das nicht in die Hände des Feindes geraten durfte. Er hatte zu spät reagiert, er hatte die Falle nicht erkannt, sonst hätte er die Kapsel längst zerbissen. So aber war sie immer noch ins Futter eingenäht. In seiner Jacke, die dort auf dem Stuhl lag, dessen Umrisse er in der Dunkelheit gerade noch erkennen konnte.

Sie hatten ihn nicht gefesselt. Nachdem sie ihm Hände und Füße zertrümmert hatten, hatten sie ihn lediglich in die Seile gehängt, um ihn besser bearbeiten zu können, sobald der Schmerz ihn aus der Ohnmacht zurückgeholt hatte. Sie hatten keinen Bewacher zurückgelassen, so sicher waren sie sich, dass niemand seine Schreie hörte. Er wusste, es war seine letzte Chance. Die Wirkung der Droge ließ nach. Der Schmerz würde unerträglich sein, würde ihn womöglich zurück in die Ohnmacht treiben, wenn er den Halt der Seile aufgäbe. Für wie lange? Der Gedanke an den kommenden Schmerz wurde zu einer Erinnerung an den überstandenen und trieb ihm Schweiß auf die Stirn.

Er hatte keine Wahl.

Jetzt!

Er biss die Zähne zusammen und schloss die Augen. Beide Arme streckten sich, die Armbeugen verloren ihren Halt und damit sein ganzer Körper. Die Breiklumpen, die einmal seine Füße gewesen waren, berührten den Boden zuerst. Er schrie, noch bevor er mit dem Oberkörper auf den Betonboden klatschte und die Erschütterung des Aufpralls den Schmerz auch in seinen Händen zu alter Größe heranwachsen ließ. Nur nicht das Bewusstsein verlieren! Schrei, aber bleib oben, tauche nicht weg! Er krümmte sich am Boden, sein Atem hechelte, als das Pochen und Stechen wieder etwas nachließ. Er hatte es geschafft! Er lag auf dem Boden, er konnte sich bewegen. Vorwärts robben auf Ellbogen und Knien, eine Blutspur hinter sich herziehend.

Schnell war er am Stuhl und hatte seine Jacke mit den Zähnen heruntergerissen. Gierig machte er sich über das Kleidungsstück her. Mit dem rechten Ellbogen fixierte er die Jacke und riss mit den Zähnen am Futter. Die Schmerzen machten ihn nur wütender in seinem Reißen und Zerren. Schließlich hatte er das Futter mit einem lauten Ratsch geöffnet.

Plötzlich musste er hemmungslos schluchzen. Die Erinnerung hatte ihn gepackt, wie eine Raubkatze ihr Opfer packt und schüttelt. Die Erinnerung an sie. Er würde sie nie wiedersehen. Er hatte es gewusst, seit sie ihn in die Falle gelockt hatten, doch mit einem Mal wurde es ihm furchtbar klar. Wie sehr er sie liebte! Wie sehr!

Langsam beruhigte er sich wieder. Seine Zunge suchte nach der Kapsel, sie schmeckte Dreck und Flusen, doch schließlich ertastete sie die glatte kühle Oberfläche. Mit den Schneidezähnen zog er sie vorsichtig aus dem Futter. Geschafft! Sie befand sich in seinem Mund! Die Kapsel, die alles beenden sollte! Ein triumphierendes Lächeln glitt über sein schmerzzerfurchtes Gesicht.

Sie würden nichts erfahren. Sie würden sich gegenseitig die Schuld geben. Sie waren dumm.

Er hörte oben eine Tür zuschlagen. Wie ein Donnerschlag verhallte das Geräusch in der Dunkelheit. Schritte auf Beton. Sie kamen zurück. Hatten sie den Schrei gehört? Seine Zähne hielten die Kapsel, bereit zuzubeißen. Jetzt war er so weit. Jederzeit konnte er es beenden. Er wartete noch ein wenig. Sie sollten hereinkommen. Er wollte seinen Triumph auskosten bis zur letzten Sekunde.

Sie sollten es sehen! Sie sollten hilflos danebenstehen und zusehen müssen, wie er ihnen entkam.

Er schloss die Augen, als sie die Tür öffneten und helles Licht in die Dunkelheit drang. Dann biss er zu. Mit einem leisen Klicken zerbrach das Glas in seinem Mund.

2

Der Mann erinnerte ein wenig an Wilhelm zwo. Der markante Schnurrbart, der stechende Blick. Wie auf dem Porträt, das zu Kaisers Zeiten in der Stube eines jeden guten Deutschen hing – und in manch einer immer noch nicht abgehängt war, obwohl der Kaiser vor über zehn Jahren abgedankt hatte und seitdem in Holland Tulpen züchtete. Der gleiche Schnurrbart, die gleichen Blitzeaugen. Doch da endeten auch die Gemeinsamkeiten. Dieser Kaiser trug keine Pickelhaube, die hing zusammen mit Säbel und Uniform über dem Bettpfosten. Dieser Mann trug nichts außer dem nach oben gezwirbelten Schnurrbart und einer imposanten Erektion. Vor ihm kniete eine nicht minder nackte Frau, gesegnet mit üppigen Rundungen, die dem kaiserlichen Zepter offensichtlich den gebotenen Respekt entgegenzubringen gedachte.

Rath blätterte lustlos in den Fotos, deren eigentlicher Zweck es war, Lust zu erregen. Weitere Aufnahmen zeigten den kaiserlichen Doppelgänger und seine Gespielin bereits in Aktion. Ganz gleich, wie sich ihre Körper verknoteten, der markante Schnurrbart war immer im Bild.

»Schweinkram!«

Rath blickte sich um. Ein Schupo hatte ihm über die Schulter geschaut.

»So ein Schweinkram«, fuhr der Blaue kopfschüttelnd fort, »das ist Majestätsbeleidigung, dafür hat es früher Zuchthaus gegeben.«

»Aber so beleidigt sieht unser Kaiser doch gar nicht aus«, meinte Rath. Er klappte die Mappe mit den Fotos zu und schob sie zurück auf den wackligen Schreibtisch, den sie ihm zur Verfügung gestellt hatten. Böser Blick unter dem Tschako. Der Mann in der blauen Uniform drehte wortlos ab und ging zu seinen Kollegen. Acht Uniformierte standen in dem Raum und unterhielten sich halblaut, die meisten wärmten ihre Hände an einer Kaffeetasse.

Rath schaute zu ihnen hinüber. Er wusste, dass die Schupos im 220. Revier gerade andere Sorgen hatten, als einem Kriminalbeamten vom Alex freundlichst Unterstützung zu gewähren. In drei Tagen wurde es ernst. Mittwoch war der erste Mai, und Polizeipräsident Zörgiebel hatte alle Maidemonstrationen in Berlin untersagt, die Kommunisten aber wollten trotz des Verbots marschieren. Die Polizei war nervös. Gerüchte über einen geplanten Putsch machten die Runde: Die Bolschewisten wollten Revolution spielen, Sowjetdeutschland mit zehn Jahren Verspätung doch noch errichten. Und im 220. Revier war die Polizei nervöser als in den meisten anderen Berliner Bezirken. Neukölln war ein Arbeiterviertel. Noch roter war höchstens der Wedding.

Die Schupos tuschelten. Ab und an warf ein Blauer dem Kriminalkommissar einen verstohlenen Blick zu. Rath klopfte eine Overstolz aus der Schachtel und zündete sie an. Dass er hier ungefähr so willkommen war wie die Heilsarmee in einem Nachtclub, das brauchte ihm niemand zu sagen, das war offensichtlich. Das Sittendezernat genoss in Polizeikreisen keinen allzu guten Ruf. Bis vor zwei Jahren noch war es vorrangige Aufgabe der Inspektion E gewesen, die Prostitution in der Stadt zu überwachen. Eine Art verbeamtete Zuhälterei also, denn nur polizeilich registrierte Prostituierte betrieben ihr Gewerbe legal. Viele Beamte hatten diese Abhängigkeit schamlos ausgenutzt. Bis ein neues Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten diese Aufgaben von der Sittenpolizei auf die Gesundheitsämter verlagert hatte. Seitdem kümmerte sich die Inspektion E um illegale Nachtclubs, Zuhälter und Pornographie, ihr Ruf allerdings hatte sich kaum gebessert. Immer noch schien etwas von dem Schmutz, mit dem sich die Beamten beruflich zu beschäftigen hatten, an ihnen hängen zu bleiben.

Rath blies Zigarettenrauch über den Schreibtisch. Von den Tschakos an den Garderobenhaken tropfte Regenwasser auf den Linoleumboden, grünes Linoleum, wie es auch in den Büros der Kriminalpolizei am Alexanderplatz verlegt war. Sein grauer Hut wirkte zwischen all dem schwarzen Lack und den glitzernden Polizeisternen wie ein Fremdkörper, ebenso sein Mantel, der mitten im Blau der Schupomäntel hing. Ein Zivilist unter lauter Uniformierten.

Der Kaffee in der verbeulten Emailtasse, den sie ihm hingestellt hatten, schmeckte scheußlich. Widerliche schwarze Brühe. Auch im 220. Revier konnte die Polizei also keinen Kaffee kochen. Warum sollte das in Neukölln anders sein als am Alex? Dennoch nahm er einen weiteren Schluck. Etwas anderes hatte er nicht zu tun. Nur deswegen saß er hier: um zu warten. Warten auf ein Telefonklingeln.

Er griff noch einmal zu der Mappe auf dem Schreibtisch. Die Blätter, auf denen Doppelgänger der Hohenzollern und anderer preußischer Prominenz in eindeutigen Positionen abgelichtet waren, gehörten nicht zu der üblichen Billigware. Kein Druck, sondern hochwertige Fotoabzüge in bester Qualität, wohlgeordnet in einer Mappe. Wer so etwas kaufte, musste schon ein paar Mark hinlegen, das war etwas für die besseren Kreise. Am Bahnhof Alexanderplatz hatte ein fliegender Zeitschriftenhändler die Blätter vertrieben, nur wenige Schritte vom Polizeipräsidium und den Büros der Inspektion E entfernt. Der Mann war der Streife nur deshalb aufgefallen, weil er die Nerven verloren hatte. Die beiden Schupos hatten den Händler auf eine harmlose Illustrierte aufmerksam machen wollen, die ihm aus dem Bauchladen gefallen war, doch als sie sich näherten, hatte er ihnen sein komplettes Sortiment entgegengeschleudert und die Beine in die Hand genommen. Zusammen mit den Zeitschriften waren den jungen Schupos auch die pornographischen Hochglanzfotos um die roten Ohren geflattert. Ihre Bewunderung für die Kunstfertigkeiten der Fotomodelle hätte sie beinah vergessen lassen, dem flüchtigen Händler nachzusetzen. Und als sie endlich die Verfolgung aufnahmen, war der Mann im Chaos der Baustellen rund um den Alex verschwunden. Das brachte den beiden Schupos kurz darauf im Präsidium den zweiten Satz rote Ohren ein, als sie ihren Fund auf Lankes Schreibtisch ablieferten und Bericht erstatteten. Der Chef der Inspektion E konnte sehr laut werden. Kriminalrat Werner Lanke vertrat die Auffassung, dass Freundlichkeit seiner Autorität schaden könnte. Rath musste daran denken, wie sein neuer Chef ihn vor vier Wochen begrüßt hatte.

»Ich weiß, dass Sie gute Beziehungen haben, Rath«, hatte Lanke ihn angeschnauzt. »Doch wenn Sie denken, Sie müssen sich deshalb nicht schmutzig machen, dann haben Sie sich geschnitten! Hier wird niemand geschont! Ein Mann, um den ich nicht gebeten habe, schon gar nicht!«

Seinen ersten Monat in der Inspektion E hatte er nun fast hinter sich. Die Zeit war ihm vorgekommen wie eine Strafe. Und vielleicht war es das ja auch. Obwohl sie ihn nicht degradiert hatten, nur versetzt. Er hatte Köln verlassen müssen, und auch die Mordkommission. Aber er war immer noch Kriminalkommissar! Und er hatte nicht vor, ewig bei der Sitte rumzuhängen. Er verstand nicht, wie der Onkel das aushielt, aber dem Kollegen schien die Arbeit für die E sogar Spaß zu machen.

Oberkommissar Bruno Wolter, wegen seiner gemütlichen Art von den meisten Kollegen Onkel genannt, leitete ihre Ermittlungsgruppe und auch die heutige Razzia. Draußen im Hof des Polizeireviers stand der Mannschaftswagen, Wolter besprach dort mit den beiden Damen von der weiblichen Kriminalpolizei und dem Bereitschaftsführer die Einzelheiten der geplanten Aktion. Jeden Moment konnte es losgehen. Sie warteten nur auf Jänickes Anruf. Rath stellte sich vor, wie der Frischling in der muffigen Wohnung saß, die sie für die Observierung des Ateliers beschlagnahmt hatten – in einer Hand das Fernglas, während die andere nervös über dem Telefonhörer zitterte. Auch Kriminalassistent Stephan Jänicke war erst Anfang April zur Sitte gekommen, ganz frisch von der Eiche gefallen, wie Wolter ihn manchmal aufzog, denn Jänicke war direkt von der Polizeischule Eiche zum Dienst am Alex beordert worden. Doch der blonde, wortkarge Ostpreuße ließ sich von den Frotzeleien der älteren Kollegen nicht beirren, er nahm seinen Beruf ernst.

Das Telefon auf dem Schreibtisch klingelte. Rath drückte die Zigarette aus und griff nach dem schwarz glänzenden Hörer.

 

Der Mannschaftswagen hielt direkt vor einer großen Mietskaserne in der Hermannstraße. Misstrauisch schauten die Passanten zu, wie die jungen Uniformierten von der Pritsche sprangen. Polizei war in diesem Teil der Stadt nicht gern gesehen. Im Halbdunkel des Torbogens, der zu den Hinterhöfen führte, wartete Jänicke, die Hände in die Manteltaschen gegraben, den Kragen hochgeschlagen und die Hutkrempe in die Stirn gezogen. Rath musste ein Lachen unterdrücken. Jänicke gab sich die größte Mühe, wie ein abgebrühter Großstadtbulle auszusehen, doch die ewig roten Wangen verrieten den Jungen vom Lande.

»Da müssen jetzt ungefähr ein Dutzend Leute drin sein«, sagte der Frischling und versuchte mit Rath und Wolter Schritt zu halten. »Ich habe einen Hindenburg gesehen, einen Bismarck, einen Moltke, Wilhelm eins und Wilhelm zwo und sogar einen Alten Fritz.«

»Na, ich hoffe auch ein paar Mädels«, sagte der Onkel und steuerte den zweiten Hof an. Die beiden Damen lächelten säuerlich. Die Zivilbeamten und zehn Uniformierte folgten dem Oberkommissar zum zweiten Hinterhaus. Auf dem Hof spielten fünf Jungen mit einer Blechdose Fußball. Als sie das Polizeiaufgebot sahen, blieben sie stehen und ließen die Dose eine letzte scheppernde Pirouette drehen. Wolter legte den Zeigefinger an die Lippen. Der Älteste, er mochte vielleicht elf Jahre zählen, nickte stumm. Oben wurde ein Fenster zugeschlagen. Photoatelier Johann König, 4. Etage verkündete ein Messingschild am Treppenaufgang.

Der Onkel hatte einen seiner zahlreichen Informanten in der Berliner Unterwelt bemühen müssen, um König auf die Spur zu kommen, denn der Fotograf war ein unbeschriebenes Blatt, polizeilich gesehen. Er fertigte preiswerte Passfotos für die wenig zahlungskräftige Neuköllner Kundschaft an, ab und an auch die obligatorischen Familienfotos: Säuglinge auf Eisbärenfell, Kinder mit Schultüten, Hochzeitspaare und was die Kundschaft sonst so wünschte. Als Schmutzfink war er noch nicht in Erscheinung getreten. Keine Vorstrafen. Aber einen Eintrag gab es doch. Einen politischen. Man musste nicht straffällig werden, um der Polizei aufzufallen. Rath hatte die Idee gehabt, auch die umfangreiche Kartei der Abteilung IA, der Politischen Polizei, zu durchforsten, und war auf eine Notiz gestoßen, die dort seit zehn Jahren schlummerte: 1919 hatten die Politischen Johann König als Anarchisten registriert und ihm eine eigene, wenn auch nur spärlich beschriftete Karteikarte gewidmet. Nach den Revolutionszeiten war der Fotograf politisch nicht mehr aufgefallen, er hatte sich wieder ins Private zurückgezogen, wie so viele. Aber jetzt hatte ihn seine offensichtliche Abneigung gegen Preußens Glanz und Gloria doch noch in Schwierigkeiten mit dem Gesetz gebracht. Kein Wunder, dachte Rath, mit so einem Nachnamen gegen die Monarchie zu sein, das kann einfach nicht gut gehen.

Einem jungen Bereitschaftspolizisten schienen ähnliche Gedanken durch den Kopf zu gehen.

»Der Kaiser bumst beim König«, witzelte er und schaute nervös grinsend in die Runde.

Niemand lachte. Wolter postierte den Witzbold vor dem Eingang zum Hinterhaus, mit dem Rest der Truppe stiegen sie so leise wie möglich das schummrige Treppenhaus empor, in das nur wenig Tageslicht fiel. Irgendwo im Haus dudelte ein Radio Schlagermusik. Im zweiten Stock öffnete sich eine Tür, ein grauhaariges Mütterchen streckte ihre Nase ins Treppenhaus und zog sie ganz schnell wieder zurück, als sie das Polizeiaufgebot sah. Zwei Frauen und zwölf Männer, die kaum einen Laut machten. Ganz oben, vor der letzten Tür, blieben sie stehen. Johann König, Photograph stand dort angeschlagen, diesmal allerdings nicht in Messing graviert, sondern auf ein vergilbtes Pappschild gedruckt, das sich bereits wellte. Wolter sagte nichts, sah nur kurz den Bereitschaftsführer an und führte den erhobenen rechten Zeigefinger an die Lippen. Nur das Radio war noch zu hören und von der Straße her ein weit entferntes Autohupen. Ein kräftiger Tritt hätte gereicht, um die klapprige Tür in den Raum fliegen zu lassen, doch Wolter schob den Bereitschaftsführer beiseite. Rath sah, wie der Onkel einen Dietrich aus der Manteltasche zog und sich am Schloss zu schaffen machte. Er brauchte keine fünf Sekunden, um es zu öffnen. Bevor er die Tür aufstieß, zog Wolter seine Dienstwaffe. Die anderen taten es ihm gleich. Nur Rath ließ seine Mauser stecken. Nach dem Zwischenfall in Köln hatte er sich geschworen, keine Waffe mehr anzurühren, wenn es irgendwie zu vermeiden war. Er ließ den bewaffneten Kollegen den Vortritt und blieb draußen an der Tür stehen. Von dort beobachtete er die absurde Szene, die sich im Atelier abspielte, kaum hatten die Polizisten den großen Raum betreten.

Auf einem grünen Kanapee mühte sich gerade ein muskulöser Hindenburg auf einer Nackten ab, die entfernt an Mata Hari erinnerte. Daneben stand ein einfacher uniformierter Landser mit Pickelhaube. Ob er sich als Nächster mit Mata Hari vergnügen durfte oder seinem Generalfeldmarschall noch sexuell zu Diensten sein musste, war nicht ersichtlich. Die übrigen Darsteller, die Hälfte davon nackt, betrachteten die mit mehreren Scheinwerfern ausgeleuchtete Szene und unterhielten sich angeregt. Ein Mann mit Ziegenbart hockte hinter einem Fotoapparat und gab dem Generalfeldmarschall Befehle.

»Dreh Sophies Hintern ein bisschen mehr zu mir … Noch etwas … Ja, so geht’s. Stillhalten, uuund – jawoll!«

Und wieder hatte er eine Aufnahme im Kasten. Wunderbar. Alles Beweismaterial. Niemand in der illustren Runde hatte bemerkt, dass gut ein Dutzend Polizisten mit gezogenen Pistolen das Atelier betreten hatte. Die jungen Bereitschaftspolizisten verrenkten sich die Hälse, um genug sehen zu können, und schoben weiter in den Raum. Es schepperte, als ein Scheinwerfer in dem Gedränge zu Boden ging.

Die Gespräche verstummten. Alle Gesichter drehten sich zur Tür, die Mienen gefroren im selben Moment. Nur Hindenburg und Mata Hari ließen sich nicht aus dem Rhythmus bringen.

»Aushebung! Polizei!«, rief Wolter in den Raum. »Alles kommt mit zum Präsidium! Gegenwehr ist zwecklos. Lasst besser alles stecken, wo es steckt! Vor allem, wenn es wie eine Waffe aussehen sollte!«

Nun schauten auch Hindenburg und Mata Hari auf. Niemand kam auf die Idee, sich zu wehren. Einige Hände gingen in die Höhe, andere schoben sich reflexartig vor Geschlechtsteile. Alle vier Frauen im Atelier waren kaum oder gar nicht bekleidet. Die Beamtinnen warfen ihnen Wolldecken über die Blöße, dann traten die Uniformierten in Aktion. Die ersten Handschellen klickten. König faselte irgendetwas von Erotik und Freiheit der Kunst, verstummte aber, als Wolter ihn anschnauzte. Und dann war die Prominenz dran. Bismarck – klick. Fridericus Rex – klick. Der Alte Fritz hatte tatsächlich Tränen in den Augen, als man ihm die Eisen anlegte. Alle wurden der Reihe nach verpackt. Hindenburg und Mata Hari musste man vom Kanapee holen. Die Jungs von der Bereitschaft hatten leichtes Spiel. Und ihren Spaß.

Rath hatte genug gesehen und ging zurück ins Treppenhaus. Keine Gefahr mehr, dass einer entwischte. Er stand am Geländer und schaute in die Tiefe. Den Hut hatte er abgenommen, seine Hände spielten mit dem grauen Filz. Wenn das hier vorbei wäre, stünden noch die Verhöre im Präsidium an. Viel Arbeit, nur um ein paar Ratten an die Wand zu nageln, die ihr Geld damit verdienten, andere beim Bumsen zu fotografieren und nationale Gefühle zu verletzen. An die Hintermänner, die das wirklich große Geld machten, würden sie sowieso nicht rankommen, stattdessen würden wieder ein paar arme Schweine hinter Gittern landen. Lanke hätte ein Erfolgserlebnis, das er an den Polizeipräsidenten melden könnte, und nichts würde sich ändern. Rath musste sich große Mühe geben, darin einen Sinn zu sehen. Nicht, dass er Pornographie guthieß. Aber er konnte sich auch nicht besonders darüber aufregen. So war die Welt nun einmal, seit sie aus den Fugen geraten war. 1919 hatte die Revolution alle moralischen Werte auf den Kopf gestellt, 1923 die Inflation alle materiellen. Gab es nicht wichtigere Dinge, um die die Polizei sich zu kümmern hatte? Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten zum Beispiel, und dafür zu sorgen, dass nicht einer den anderen ungestraft totschlagen kann? In der Mordkommission hatte er gewusst, warum er bei der Polizei arbeitete. Aber bei der Sitte? Wen kümmerten schon ein paar Pornos mehr oder weniger? Vielleicht die selbsternannten Moralapostel, die auch in der Republik ihren Platz gefunden hatten, aber zu denen gehörte er nicht.

Das Geräusch einer Toilettenspülung riss ihn aus seinen Gedanken. Auf halber Treppe öffnete sich eine Tür. Ein schlanker Mann wollte sich gerade die Hosenträger übers Unterhemd ziehen und stutzte, als er Rath dort oben stehen sah. Der Kommissar kannte das Gesicht. Ein Gesicht, das in der Sammlung noch fehlte. Der spitze Schnurrbart, die strengen Augen, die nun eher überrascht schauten. Der falsche Wilhelm zwo brauchte keine Sekunde, um die Situation zu erfassen. Mit einem Satz war er über das Geländer und fast eine halbe Etage hinuntergesprungen. In schnellem Stakkato polterten seine Schritte abwärts. Rath setzte hinterher. Instinktiv. Er war Bulle, er jagte Verbrecher. Und derzeit eben solche, deren Verbrechen darin bestand, einem abgedankten Kaiser ähnlich zu sehen und sich beim Vögeln fotografieren zu lassen. Keine Zeit, den Kollegen Bescheid zu sagen. Im Treppenhaus war es so dunkel, dass er die Stufen kaum erkennen konnte. Er stolperte mehr, als dass er rannte. Endlich hatte er das Erdgeschoss erreicht. Das Tageslicht blendete. Fast wäre er über den Bereitschaftspolizisten gestolpert, der sich gerade vom Boden hochrappelte.

»Wo isser?«, fragte Rath, und der junge Polizist, der vor fünf Minuten noch Witze über kopulierende Kaiser gerissen hatte, zeigte mit zerknirschtem Blick in Richtung Hermannstraße.

»Ich verfolge den Flüchtigen. Machen Sie Meldung«, brüllte Rath. Dann hetzte er durch die Tore auf die Hermannstraße. Es hatte aufgehört zu regnen, doch der Asphalt glänzte noch nass und schwarz. Vor dem Haus hielt die Grüne Minna, die die Ernte ihrer Razzia in Empfang nehmen und zum Alex bringen sollte. Und wo war Wilhelm zwo? Rath blickte sich um. Überall entlang der Straße, halb auf dem Gehweg, halb auf dem Fahrdamm, lagen Baumaterialien. Balken, Stahlträger und Stahlrohre, an denen sich Fußgänger und Autos vorbeizwängten, bestimmt für den U-Bahn-Bau unter der Hermannstraße. Der Fahrer des Gefangenentransporters war inzwischen ausgestiegen und gab dem Kommissar einen Wink. Rath kletterte fluchend über einen Stapel Bretter, und da sah er den Pornokaiser: geduckt mit hängenden Hosenträgern die Hermannstraße hinunterlaufend, hinab in Richtung Hermannplatz.

»Halt, stehen bleiben! Polizei!«, rief Rath. Sein Ruf wirkte auf Wilhelm zwo wie ein Startschuss. Der Mann richtete sich auf und schoss nach vorn, quer über die Fahrbahn zum Bürgersteig, auf dem er sich rüde an ein paar Passanten vorbeipöbelte.

»Haltet den Mann fest«, rief Rath. »Dies ist ein Polizeieinsatz!«

Kein Mensch reagierte.

»Gib dir keine Mühe«, hörte er eine bekannte Stimme hinter sich. »Die Leute hier helfen keinem Bullen.« Wolter klopfte ihm auf die Schulter. »Lauf«, sagte der Onkel und spurtete los. »Zusammen kriegen wir die Ratte!«

Rath war erstaunt, wie schnell der kräftig gebaute Wolter trotz seines Körpergewichts die leicht abschüssige Hermannstraße hinunterlief. Nur mit Mühe konnte er ihm folgen. Erst kurz vor dem Hermannplatz hatte er den Onkel wieder eingeholt.

»Siehst du ihn?«, keuchte Rath. Er spürte Stiche in der Seite und musste sich an einer Straßenlaterne abstützen. Erst jetzt merkte er, dass er seinen Hut noch immer in der Hand hielt, und setzte ihn auf. Wolter wies mit einem kurzen Kopfnicken zum Hermannplatz. Vor ihnen türmte sich der gigantische Koloss des Karstadt-Rohbaus in den Himmel. Das neue Kaufhaus sollte dem biederen Hermannplatz einen Hauch von New York verleihen. Für diesen Sommer war die Einweihung geplant, jetzt aber war da nur ein riesiges Baugerüst zu sehen, flankiert von Lastenaufzügen und Kränen. Fast sechzig Meter ragten die beiden Türme an der Nord- und Südseite in die Höhe. Und Wilhelm zwo rannte auf die Südecke der Baustelle zu, quer über die große Kreuzung, vorbei an hupenden Autos. Um ein Haar wäre er der Straßenbahn der Linie 29 unter die Räder gelaufen, die gerade die Hermannstraße hinaufwollte, doch im letzten Moment kreuzte er die Fahrbahn des quietschenden Monstrums mit einem Hechtsprung und war den Blicken der beiden Polizisten entschwunden. Sie mussten warten, bis die Bahn an ihnen vorbeigerumpelt war. Und dann war von ihrem Mann nichts mehr zu sehen. Sie überquerten die Kreuzung und hielten den Platz im Blick.

»In die U-Bahn hat er es jedenfalls nicht geschafft«, meinte Wolter. »So viel Zeit hatte er nicht.«

»Aber dafür hatte er Zeit«, sagte Rath und deutete auf den Bauzaun. Eine mit Plakaten tapezierte Bretterwand, gut zwei Meter hoch, riegelte die gesamte Kaufhausbaustelle vom Menschengewimmel auf dem Hermannplatz ab.

Der Onkel nickte. Sie näherten sich der Baustelle, ihre Augen suchten die Stelle, an der der Mann über den Zaun geklettert sein könnte. Nehmt eure Rechte wahr! Demonstriert am 1. Mai! hatte jemand mit roter Farbe quer über den Bauzaun gepinselt und dabei gleich mehrere Werbebotschaften verhunzt.

Da! Das Plakat!

Rath schaute Wolter an. Der musste es im gleichen Moment entdeckt haben. Sie gingen auf die Sinalco-Werbung zu und untersuchten sie aus der Nähe. Über dem S und unter dem C war das Papier eingerissen. Schmutzabrieb wie von Schuhen. Keine Sachbeschädigung. Kletterspuren.

Wolter machte Räuberleiter, Rath zog sich an dem glitschig nassen Holz hoch und lugte über die Bretterwand. Tatsächlich, da sah er ihn! Wilhelm zwo lief in Richtung Urbanstraße und hatte das gegenüberliegende Ende der Baustelle fast erreicht. Eine ordentliche Strecke, die Kaufhausfassade nahm die komplette Längsseite des Hermannplatzes ein, bestimmt an die dreihundert Meter.

»Er will zur Urbanstraße! Halt ihn auf«, rief er dem Onkel zu, setzte über den Zaun und nahm die Verfolgung wieder auf. Wenn Bruno ihm den Weg abschneiden würde, dann hätten sie ihn in der Zange. Wilhelm zwo hatte ihn bemerkt, sein Blick wurde zusehends gehetzter. Der falsche Kaiser war jetzt auf der Höhe des Nordturms, lief an dem Lastenaufzug vorbei, der den Turm flankierte, direkt auf den Zaun an der Urbanstraße zu. Gleich säße er in der Falle! Doch der Mann blieb stehen. Er machte kehrt und verschwand hinter dem Stahlgerüst des Aufzugs – und dann sah Rath ihn an den Stahlstreben nach oben klettern, flink wie eine Ratte. So schnell gab der nicht auf. Rath überlegte nicht lange, er musste hinterher.

Unmöglich auf dem gleichen Weg, der Pornokaiser musste Fassadenkletterer oder Akrobat sein. Oder beides. Nichts für einen Polizisten ohne Zirkuserfahrung. Rath entschied sich für das Gerüst und schwang sich auf die nächstbeste Leiter. Vorsichtig, Stockwerk für Stockwerk, stieg er nach oben, immer darauf bedacht, die flink kletternde Ratte nicht aus den Augen zu verlieren. Heute war Sonntag, die riesige Baustelle verlassen. Nur zwei Menschen bewegten sich in dem Gewirr aus Stahl und Holz. Dann waren die Leitern zu Ende. In der siebten Etage hörte das Gerüst auf, höher war das Hauptgebäude nicht. Der Lastenaufzug aber stand am Nordturm, der einem abgebrochenen Wolkenkratzer glich, und dessen Gerüst führte noch ein paar Etagen höher hinauf. Wilhelm war weitergeklettert. Wollte der bis zur Turmspitze? Es sah fast so aus. Rath stöhnte. Nur nicht nach unten blicken, betete er sich vor, nur nicht nach unten! Oben in den Aufzugstreben kletterte der Kaiser. In sechzig Metern Höhe. Rath versuchte, nicht daran zu denken, und sah starr geradeaus. Er musste ein paar Meter über schwankende Bohlen laufen, um den Nordturm zu erreichen. Das nächste Gerüst, die nächsten Leitern, und die Kletterei ging weiter. Den Kaiser sah er nicht mehr. Ganz egal, einfach weiter nach oben, sie würden ihn schon kriegen. Und dann hatte er das Ende des Turmgerüsts erreicht. Rath war völlig außer Atem und lehnte seinen Kopf gegen einen kühlen Eisenträger.

Keuchend schaute er sich um. Wo war der Kerl? Nichts zu sehen. Konnte sich der Drecksack nicht einfach ergeben? Er musste doch einsehen, dass es zwecklos war!

Er fühlte, wie sich seine Hände um den Eisenträger krampften, als er den Blick nach unten richtete. Warum nur zog ihn die Tiefe derart an, wo sie ihn doch gleichzeitig so in Panik versetzte? Auf dem Hermannplatz wuselten unendlich kleine Winzlinge durcheinander, Spielzeugautos rollten kreuz und quer. Seine Knie wurden weich. Über die Dächer konnte er weit hinein nach Kreuzberg schauen, die große Halle des Görlitzer Bahnhofs mitten im Häusermeer und in der Ferne die Schornsteine des Kraftwerks Klingenberg vor einem grauen Himmel.

Er zwang sich, zurück auf das Gerüst zu schauen. Wo war der falsche Kaiser? Wieder auf dem Weg nach unten? Auch gut, da würde Bruno ihn in Empfang nehmen. Doch wenn der Kerl noch hier oben rumturnte, dann wäre es seine Aufgabe, die Ratte zu verschnüren, die Aufgabe von Gereon Rath, Höhenangst hin oder her. Er versuchte zu lauschen, doch der Wind pfiff unerträglich laut. Vorsichtig kletterte er eine Etage tiefer, hier war es wenigstens etwas windgeschützt.

Und plötzlich stand Wilhelm zwo vor ihm.

Der Mann schien ebenso erschrocken zu sein wie der Kommissar. Seine Augen waren weit aufgerissen, eine Hälfte seines falschen Schnurrbarts hatte er auf seiner wilden Flucht verloren.

»Hau ab, Bulle«, sagte er. Seine Stimme klang nervös und schrill. Alles andere als majestätisch. Seine Augen hatten etwas Wahnsinniges, ein Eindruck, den die verschmierte Theaterschminke noch verstärkte.

Kokain, dachte Rath sofort, der ist auf Koks, der hat sich vorhin auf dem Klo die Nase vollgezogen. Das kann ja heiter werden.

»Mensch, Junge«, sagte er und versuchte, möglichst ruhig zu klingen, »sieh doch ein, dass es zwecklos ist. Du hättest uns beiden schon die Kletterei ersparen können, erspar uns wenigstens weiteren Ärger.«

»Dir erspar ick überhaupt keen Ärja«, sagte der Mann. Plötzlich hatte er etwas metallisch Glänzendes in der Hand. Na prima, dachte Rath, ein Kokser mit Knarre.

»Steck das Ding lieber wieder weg«, sagte er. »Oder gib es mir. Und ich versprech dir, ich hab keine Pistole in deiner Hand gesehen. Auch nicht, wie du einen Beamten damit bedroht hast.«

»Märchenstunde zu Ende, Arschloch?«

»Beamtenbeleidigung kann ich auch vergessen.«

»Und wenn ick dir ein Loch in deine Birne brate, kannste det ooch verjessen, wa?«

»Ich will ja nur vernünftig mit dir reden.«

Die Waffe in der Hand zitterte leicht. Rath sah, dass es ein kleines Kaliber sein musste, aber sie standen nicht weit voneinander entfernt, für einen Polizistenmord würde es im Zweifelsfall reichen.

»Du willst mir nur einlullen, Scheißbulle! Bis dein Kumpel dir helfen kommt!«

Der Kokser wusste gar nicht, wie recht er hatte: Rath sah, wie Wolter langsam hinter dem Mann auf die Bohlen kletterte.

»Mein Kumpel, der wartet unten auf dich«, sagte er. »An dem kommst du nicht vorbei, auch wenn du mich erschießt. Der hat nämlich auch eine Kanone, aber eine etwas größere als dein Spielzeug.«

»Soll ick dir mal zeigen, wat det Spielzeuch kann?«

Der Mann hob die Pistole, doch im selben Augenblick hatte Wolter ihn von hinten gepackt. Mit beiden Händen hielt er den rechten Arm des Koksers umfasst. Den mit der Pistole. Wolter versuchte, an die Waffe heranzukommen, und streckte seine Hand danach aus. Endlich hatte er sie erreicht …

Da löste sich ein Schuss.

Rath hörte das Pfeifen des Projektils dicht an seinem Ohr. Holz splitterte. Er duckte sich instinktiv.

Der falsche Kaiser guckte entsetzt und vergaß seine Gegenwehr für einen Moment. Wolter nutzte seine Chance und schlug die Schusshand mit aller Gewalt gegen einen Stahlträger. Ein Schmerzensschrei, die Waffe polterte auf die Holzbohlen. Der Onkel drehte sich den Ganoven zurecht und rammte ihm seine Rechte in den Magen. Der Mann klappte augenblicklich zusammen, dennoch ließ der bullige Polizist einen linken Haken folgen, der den Kaiser endgültig auf die Bretter schickte. Wolter trat dem Bewusstlosen noch einmal in die Seite und keuchte.

»So ein Arschloch!«

Er kettete den Mann mit Handschellen ans Gerüst und sammelte dessen Pistole auf.

»Das war knapp, Gereon«, sagte er. »Du hättest deine Waffe ziehen sollen.«

»Ich brauchte beide Hände zum Klettern.«

Rath wusste, der Onkel hatte recht: Es war eine Illusion zu glauben, man könne den Job bei der Sitte ganz ohne Schusswaffe erledigen. Polizei war Polizei. »Danke, Kollege«, sagte er schließlich, als er merkte, dass Wolter auf seinen Spruch nicht einging.

»Danke Partner, so heißt das«, sagte Wolter und klopfte ihm auf die Schulter. Der Oberkommissar zückte ein Taschenmesser, klappte es auf und machte sich an dem großen Querbalken hinter Rath zu schaffen. Nach einiger Zeit hatte er die Kugel aus dem Holz geschält. Er nahm sie und ging zu dem Kokser, der wieder zu sich gekommen war und sich unter den Handschellen aufbäumte. Wolter verpasste ihm eine derart kräftige Ohrfeige, dass die Nase zu bluten begann. Erschrocken schaute der Mann den Polizisten an, der sich direkt vor ihn auf die Bohlen gehockt hatte und ihm das Projektil vor die Nase hielt.

»Du solltest mir dankbar sein, du Riesenarschloch«, sagte Wolter.

Das Riesenarschloch spuckte Blut.

»Weißt du warum?«

Hektisch flackernde Augen.

»Ich hab dich davor bewahrt, dass du als Polizistenmörder aufs Schafott kommst.«

Blutspucken.

»Aber versuchten Polizistenmord, den hast du immer noch an der Backe. Weißt du, was wir mit solchen Leuten machen?«

Kopfschütteln.

»Du weißt es nicht? Dann hör mir gut zu: Du kommst nach Plötzensee, und da sorgen wir dafür, dass du zu den richtig harten Jungs gesperrt wirst. Und denen erzählen wir, du bist ein gottverdammter Schlüpferfresser. Weißt du, was die mit Kinderfickern machen in Plötzensee? Kein Wärter ist so blöd und mischt sich da ein. Ich kenn Leute, die hätten sich eher aufs Schafott gewünscht. Die hätten sich gewünscht, sie hätten getroffen, als sie auf einen Polizisten anlegten.«

Entsetzter Blick.

Wolter schaute Rath an.

»Was machen wir nur mit diesem Drecksack?«, fragte er.

Rath zuckte die Achseln. Der Onkel wandte sich dem Kokser zu.

»Weißt du eigentlich, dass wir die einzigen Freunde sind, die du auf dieser tristen Welt noch hast?« Er drehte das Projektil zwischen seinen Fingern. »Das hier ist ein Beweismittel. Mit dieser Kugel hast du auf meinen Partner geschossen. Und beinah getroffen.«

Er steckte sie in die Jackentasche.

»Vielleicht ist diese Kugel aber auch niemals abgefeuert worden.«

Wolter wartete, bis der Mann die Worte verarbeitet hatte. Dann nahm er die Pistole, fasste sie am Lauf und ließ sie mit spitzen Fingern pendeln. Wie ein Magnetiseur im Varieté, der einen Freiwilligen aus dem Publikum in die Hypnose pendelt. Die Koksaugen versuchten, der Waffe zu folgen.

»Schönes Modell. Klein, aber handlich.« Wolter pfiff durch die Zähne. »Oh, eine Lignose! Ein Einhänder, richtig? Kaliber 6.75. Mit deinen Fingerabdrücken. Darüber freut sich jeder Richter.«

Er steckte die Pistole in die Tasche.

»Kommt aber ganz auf dich an, ob ein Richter das jemals zu sehen bekommt.«

Endlich fand der Kokser die Sprache wieder.

»Was willst du, Bulle?«, keuchte er. Pupillen huschten haltlos hin und her. In seinem Blick mischten sich Angst und Hoffnung.

»Ich will dir klarmachen, dass es jetzt ganz allein an dir liegt, wie rosig deine Zukunft aussieht. Es ist ganz einfach. Pass gut auf, ich erkläre es dir nur einmal! Du gehörst ab sofort mir und meinem Partner.« Wolter zeigte auf Rath, der langsam nähergekommen war. »Wenn wir dir Fragen stellen, dann hast du Antworten parat. Immer. Ganz gleich, zu welcher Tages- und Nachtzeit wir dich besuchen.« Er nahm dem Mann die Handschellen ab und zog ihn hoch. »Probieren wir gleich mal aus, ob du verstanden hast. Wenn du dich gut anstellst, dann musst du nicht mal mit aufs Präsidium.«

»Ick hab noch nie eenen verpfiffen! Sucht euch eure Achtjroschenjungs woanders!«

»Einmal ist immer das erste Mal. Das sollte so einer wie du doch wissen.« Wolter gelang ein beinah charmantes Lächeln. Beinah. »Glaub mir, man gewöhnt sich dran. Und manchmal springt sogar was für dich dabei raus. Wenn wir mit dir zufrieden sind.«

»Und wenn ick euch sage, ihr könnt mich mal?«

»Denk einfach an das, was ich dir von Plötzensee erzählt habe! Das erleichtert die Entscheidung.«

 

Immer noch spiegelten die nassglänzenden Straßen einen weißgrauen Himmel, regenschwere Wolken hingen über der Stadt. Der schwarze Ford A schoss mit geschlossenem Verdeck über den Kottbusser Damm. Wolter steuerte seinen Wagen an langsam zockelnden Sonntagsfahrern vorbei. Rath saß auf dem Beifahrersitz und hing seinen Gedanken nach, während die Stadt an ihm vorüberraste. Am Alex wartete jetzt die eigentliche Arbeit auf sie: Verhöre, Verhöre, Verhöre. Die Bande schmorte in den Zellen, Frischling Jänicke hatte sie vor einer Stunde in der Grünen Minna zum Alex begleitet. Im Polizeigewahrsam würden sie König und seine Leute noch ein wenig weichkochen, bevor die Arbeit begänne. Mit dem, was der Pornokaiser, der auf den bürgerlichen Namen Franz Krajewski hörte, alles verraten hatte, konnten sie der Bande ganz anständig die Hölle heißmachen.

Der falsche Kaiser hatte geplaudert wie ein Radio. Noch auf dem Gerüst hatten sie ihn ausgequetscht, bevor sie ihn laufen ließen. Rath hatte einen Einblick bekommen, wie Wolter seine Informanten rekrutierte. Die Brutalität seines Kollegen hatte ihn überrascht. Schweigend saßen sie nebeneinander. Rath war klar, dass die Nummer auf dem Gerüst auch eine Lektion hatte sein sollen, eine Lektion für den Neuen aus der Rheinprovinz. Wolter schien Raths Gedanken erraten zu haben.

»Wenn du so eine Ratte einlochst, bekommst du aus ihr gar nichts mehr heraus«, sagte er. »Ist viel sinnvoller, wenn der jetzt durch Berlin läuft und weiß, dass wir ihn jederzeit einlochen können. Wenn wir ihn so in der Hand haben, dass er es nicht mal mehr wagt, einen Furz zu lassen, ohne uns zu fragen. Ich sage dir, der Kerl wird uns eine ganze Menge Arbeit ersparen. Hoffen wir nur, dass er sich nicht zu früh den Verstand wegkokst.« Er lachte und kramte in seiner Jackentasche. »Immer wenn er an das hier denkt, wird er sich vor Angst in die Hosen machen.«

Wolter hatte die Kugel herausgefischt. Die Kugel, die Rath hatte treffen sollen.

»Hier«, sagte er und hielt sie Rath hin.

»Was soll ich damit?«

»Nimm! Schließlich wollte er dich damit abknallen.«

Wolter trat aufs Gas, nachdem sie die Hochbahn am Kottbusser Tor unterquert hatten. Auf der Dresdener Straße war wenig Verkehr.

»Wir sind Partner«, sagte der Onkel. »Wir teilen uns jetzt sogar einen Informanten. Das ist eine Sache allein zwischen uns, etwas, das niemanden sonst etwas angeht.«

Er hatte Recht. Sie hatten Krajewski laufen lassen, das war gegen jede Dienstvorschrift und gegen jedes Gesetz. Rath war nicht ganz wohl bei der Sache. Aber die Kollegen hatten die Geschichte gekauft: Der Mann war ihnen leider entkommen. Niemand hatte es ihnen übel genommen, als sie unverrichteter Dinge in die Hermannstraße zurückgekehrt waren. Die Kollegen hatten das Entkommen des Kaisers dem Bereitschaftspolizisten angekreidet, den Krajewski bei seiner Flucht niedergeschlagen hatte. Das schlechte Gewissen hatte den Jungen schweigsam gemacht. Und diensteifrig. Beim Durchkämmen des Ateliers war er so gründlich vorgegangen, als könne er seinen Fehler damit wieder gutmachen. Rath und Wolter hatten die Arbeiten überwacht, als Jänicke mit der Bande längst unterwegs war. Sie hatten jede Menge Platten und Abzüge gefunden, mehr als genug für den Staatsanwalt. Und genug, um König ein bisschen in die Mangel zu nehmen. Krajewski hatte ihnen auf dem Baugerüst verraten, dass der Fotograf seiner begabten Truppe auch eine Filmkarriere eröffnet hatte. Das war nichts Ungewöhnliches. Nachdem die Pornographie in den vergangenen Jahren stark angewachsen war, in immer größerer Zahl schmutzige Hefte auf der Straße oder unter der Ladentheke verkauft wurden, hatte auch der Bodensatz der Berliner Filmindustrie die Verdienstmöglichkeiten erkannt, die so genannte Aufklärungsfilme boten. In Hinterzimmern und illegalen Nachtlokalen wurden sie den Eingeweihten gezeigt. Meist in den besseren Gegenden im Westen der Stadt, denn der Eintrittspreis lag weit über dem einer normalen Kinovorführung. Oft nahmen sich die reichen Herren gleich einige Gespielinnen mit in die Vorstellung, um das auf der Leinwand Gezeigte sogleich in die Praxis umsetzen zu können. So etwas konnte einer wie König niemals alleine stemmen, dazu brauchte es Hintermänner. In der Filmindustrie, im organisierten Verbrechen der Stadt und auch in den besseren Kreisen im Westen. Krajewski nannte keinen Namen, sosehr sie ihm auch zusetzten. Vielleicht wusste er wirklich nichts. Aber immerhin hatten sie ein paar Informationen, um König zu überraschen. Vielleicht sogar den Ansatzpunkt, um den Pornographiering auszuhebeln.

Rath untersuchte das Projektil, das Wolter ihm gegeben hatte. Unscheinbar, klein und glänzend. Und doch hätte es ihn das Leben kosten können. Er schaute den Onkel an, der gerade einen träumenden Radfahrer auf dem Oranienplatz aus dem Weg hupte. Hatte der Mann mit dem gemütlichen Gesicht ihm das Leben gerettet? Jedenfalls hatte er ihn rausgehauen aus einer brenzligen Situation. Nichts in der Welt gab Gereon Rath das Recht, Bruno Wolter zu kritisieren. Er hatte gegen ein paar Vorschriften verstoßen, na und? Vielleicht war es ja wirklich so: In dieser kalten, großen Stadt herrschte eine andere, härtere Gangart als in Köln. Daran sollte er sich besser gewöhnen.

»Wenn du hier was werden willst, darfst du nicht zimperlich sein«, meinte Wolter. Rath wunderte sich, wie gut der Kollege sein Schweigen deutete.

»Hier was werden? Bei der Sitte?«, fragte er.

»Was soll denn das heißen? Uns geht’s doch nicht schlecht! Wir treiben uns beruflich im Nachtleben der spannendsten Stadt der Welt herum. Und der verrufensten. Das hat doch was. Also, ich möchte nicht tauschen. Dass manche Kollegen schon mal die Nase rümpfen über unsereinen, daran gewöhnt man sich.«

Rath schaute Wolter an, der wieder geradeaus auf den Verkehr starrte. »Warum arbeitest du eigentlich nicht in der Inspektion A? Mit deinen Kontakten und deinen Fähigkeiten?«

»Bei den Mordermittlern? Wenn die meine Fähigkeiten brauchen und meine Erfahrung und meine Kontakte, dann sollen sie mich fragen. Ich bin nicht wild drauf, bei denen mitzuarbeiten.«

»Aber sie haben einen guten Ruf!«

»Natürlich. Gennats Truppe, die Lieblinge der Presse, die Lieblinge der feinen Gesellschaft! Raub und Mord, das bringt mehr Anerkennung als Schmutz und Schund.« Wolter schaute ihn an, als taxiere er seinen Wert. »Ist aber gar nicht so einfach, da reinzukommen, Gennats Leute sind handverlesen. Da musst du schon einen Knüller hinlegen. Einen echten Knüller. Ein fickender Kaiser reicht da nicht.« Er lachte. »Aber tröste dich: Auch wir normalsterblichen Kriminalbeamten dürfen ab und zu mal im Olymp arbeiten. Die Inspektion A leiht sich regelmäßig Beamte aus anderen Inspektionen aus. Dann darfst du dich austoben und Mordkommission spielen. Aber glaub mir: So spannend, wie du glaubst, ist eine Mordermittlung nicht.«

»Kommt drauf an.«

»Auf was?«

»Ich war früher auch Mordermittler. Langeweile hatte ich jedenfalls keine.«

Das hatte er noch keinem in Berlin erzählt. Polizeipräsident Zörgiebel war der Einzige, der die Personalakte Gereon Rath vollständig kannte. Und Zörgiebel hatte seinem alten Duzfreund Engelbert Rath Stillschweigen garantiert. Nicht einmal Kriminalrat Lanke kannte die dienstliche Vergangenheit seines neuen Beamten in allen Einzelheiten. Wolter schaute ihn nur kurz an, zog eine Augenbraue hoch und konzentrierte sich wieder auf den Verkehr.

»Und? Fehlen dir die Leichen?«, fragte er nach einer Weile.

Rath musste schlucken. Ein bleiches Gesicht tauchte in seinen Gedanken auf, ein bleicher Körper, ein blutverkrustetes Einschussloch in der Brust.

Er blickte schweigend aus dem Fenster. Wolter umfuhr die Großbaustelle an der Jannowitzbrücke, die auch sonntags für ein Verkehrschaos gut war, und nahm den Weg vorbei am Märkischen Museum über die Waisenbrücke. Doch auch der Alexanderplatz war eine einzige Baustelle. Schwere Dampframmen trieben den U-Bahn-Bau voran und hatten den Platz fast komplett ausgehöhlt. Der Verkehr wurde über dicke Holzbohlen geleitet, Bauzäune bildeten enge Gassen, durch die sich die Fußgängermassen schoben. Holzbalken stützten die stählerne Stadtbahnbrücke über der Königstraße. Sie waren schon bei Aschinger um die Ecke gebogen, als sie doch noch in die Falle tappten. Der Ford blieb hinter einem gelben BVG-Bus hängen, der den engen provisorischen Fahrweg komplett blockierte. Berlin raucht Juno, verriet die Werbung. Wolter fluchte. Ein Junge im Sonntagsstaat stand auf der Außentreppe, die zum Oberdeck führte, und zeigte ihnen eine lange Nase.

Das riesige Backsteingebirge des Polizeipräsidiums war bereits zu sehen. Den Namen Rote Burg trug das Gebäude nicht von ungefähr. Der große Eckturm thronte über dem Alexanderplatz wie ein Bergfried. Rath hatte sich erst einmal daran gewöhnen müssen, dass auch die Beamten das Präsidium meinten, wenn sie von der Burg sprachen.

»Lass mich hier aussteigen, ich besorg uns was zu essen«, meinte er. »Zu Fuß bin ich schneller in der Burg als du mit dem Auto.«

Er musste nicht lang anstehen. Keine zehn Minuten später betrat er das Präsidium über den Eingang Dircksenstraße. Hier, an der Stadtbahnseite, hatte die Kriminalpolizei ihre Büros. Das regelmäßige Rauschen und Rumpeln der Bahnen, die an seinem Fenster vorbeirollten, trommelte ihm Tag für Tag den Rhythmus. Den Schupo am Eingang grüßte Rath mit den Aschinger-Papiertüten in seiner Rechten. Dreimal Bratwurst mit Senf. In der linken Hand der Topf mit dem Kartoffelsalat. Sie waren Stammkunden. Bei Aschinger schmeckte es besser als in der Kantine. Sie würden erst einmal in aller Ruhe essen und sich dann auf die Verhöre vorbereiten. Bis sie den ersten Kandidaten aus seiner Zelle holten, würde noch etwas Zeit vergehen. Die Bande sollte schmoren. Sein Magen knurrte, als er die Treppen hochstieg. Außer zwei Tassen Kaffee, einer guten zu Hause und einer schlechten im 220. Revier, hatte er heute noch nichts in den Magen bekommen.

Als er vom Treppenhaus auf den graugetünchten Korridor trat, blieb er einen Moment gedankenverloren vor der gläsernen Flügeltür stehen, auf der in großen weißen Buchstaben MORDINSPEKTION stand. Brunos Worte schoben sich in seine Gedanken: Gennats Truppe – Lieblinge der Gesellschaft – handverlesen. In dem langen Gang hinter der Glastür hatte sich gerade eine Bürotür geöffnet. Auch die Mordermittler hatten sonntags zu tun. Eine junge Frau stand in der Tür und rief noch etwas in den Raum, bevor sie sich abwandte und den Gang herunterkam. Rath blickte durch das Glas in ein schmales Gesicht. Ein entschlossen gewölbter Mund, dunkle Augen unter dem schwarzen, modisch kurz geschnittenen Haar. Dunkelrotes Kostüm. Unter dem rechten Arm klemmte eine Aktenmappe. Ihre Schritte klapperten schnell und energisch über den Steinboden des langen Korridors. Als sie einen entgegenkommenden Kollegen grüßte, zauberte ihr das Lächeln ein Grübchen auf die linke Wange.

»Verlauf dich nicht«, schreckte ihn eine Stimme aus dem Tagtraum. Er drehte sich um wie ertappt und blickte in ein lachendes Gesicht. »Du arbeitest immer noch bei uns«, sagte Wolter und klimperte mit dem Autoschlüssel.

Die Glastür öffnete sich. Die Frau schenkte auch den Beamten der Inspektion E im Vorübergehen ihr Lächeln.

»Guten Tag«, sagte sie. Ihre Stimme klang heller, als er erwartet hätte.

Wolter tippte zum Gruß an seinen Hut, Rath hob noch einmal die Papiertüten. Und kam sich im selben Augenblick ziemlich dämlich und unbeholfen vor. Die Frau blickte ihn neugierig, beinahe belustigt an. Er senkte die Hand mit den raschelnden Tüten. Ihr Lächeln kehrte noch einmal zurück. Für einen kleinen Augenblick nur, und er wusste nicht, ob sie ihn aus- oder anlachte. Und dann ging sie weiter. Das Dunkelrot entfernte sich, verschwand hinter der nächsten Glastür und wurde immer kleiner. Er schaute ihr noch immer nach. Der Onkel lachte und klopfte ihm auf die Schulter.

»Komm, lass uns was essen, bevor die Arbeit beginnt. Du bist ja vollkommen durch den Wind. Wann hast du eigentlich die letzte Frau gehabt?«

»Frag mich was Leichteres«, sagte Rath.

»Kein Wunder, dass du dich bei der Sitte nicht wohlfühlst«, meinte Wolter, »wenn du lebst wie ein Mönch. Ich mach dich beizeiten mal mit ein paar Mädels bekannt.«

»Lass mal.« Nach der Sache mit Doris hatte Rath vorerst die Nase voll von Frauen. Sie hatte ihn fallenlassen wie die berühmte heiße Kartoffel, kaum war das mit der Hetzkampagne losgegangen. Das lag nicht einmal ein halbes Jahr zurück …

»Na komm!« Wolter ließ nicht locker. »Ich kenn tolle Mädels! In unserem Beruf kommt man rum. Wie gesagt: Ich will nicht tauschen.«

»Na, so schlecht scheint es auch in der Mordkommission nicht zu sein.« Er zeigte auf die Glastür, immer noch mit den Aschinger-Tüten in der Hand. »Kannst du mir sagen, wer das gerade war?«

»Noch nie gesehen?« Wolter nahm ihm die drei Tüten ab. »Charlotte Ritter. Stenotypistin bei den Mördern. Und nun komm! Das Essen wird kalt.«

3

Nicht schon wieder! Sie schickten ihn hoch aufs Dach! Die Stimme von Lanke. »Rath, übernehmen Sie das, Sie kennen sich doch aus mit so was. Und fackeln Sie nicht lange.« Hinter Kriminalrat Lanke stand Kriminaldirektor Engelbert Rath, schweigend, dahinter ein Heer von Uniformierten. Der Blick über dem weißen Schnurrbart des Kriminaldirektors war eisig, prüfend, vorwurfsvoll. Er kannte diesen Blick. Ein Blick, den sein Vater schon aufgesetzt hatte, als der kleine Gereon das erste Mal schlechte Schulnoten mit nach Hause gebracht hatte. Lankes rotes Gesicht dagegen war eine einzige sadistisch grinsende Fratze. »Na los, Rath, machen Sie schon! Wie viele Unschuldige sollen noch sterben, nur weil Sie Ihren Arsch nicht hochkriegen? Wenn Sie denken, Sie müssten sich hier nicht schmutzig machen, dann haben Sie sich geschnitten!«

Rath blickte zu dem Dach hoch, das immer steiler wurde und förmlich zu wachsen schien. Wie sollte er da jemals hinaufkommen? Als er sich wieder umschaute, waren sämtliche Einsatzkräfte verschwunden. Stattdessen standen da Frauen. Mit Kindern.

Und dann fielen die Schüsse. Reihenweise kippten die Frauen um. Kaum war eine Reihe umgemäht, trat die nächste nach vorn. Wortlos, wie Schafe, die zur Schlachtbank trotteten. Die Frauen starben stumm, die Kinder schrien. Immer mehr Kinder. Je mehr Frauen starben, desto mehr Kinder fielen in das Geschrei ein.

»Nein!« Rath hetzte nach oben, seine Höhenangst vergessend. Plötzlich war das Haus von einem Baugerüst umgeben, über Leitern musste er weiterklettern. Und dann sah er den Schützen. Er hatte eine ganze Batterie von Gewehren dort liegen. Seelenruhig lud er sie nach, eins nach dem anderen.

Als Rath die oberste Plattform erreicht hatte, drehte sich der Mann um. Er kannte das Gesicht. Der Schütze zog sein Hemd hoch und zeigte einen bleichen, mageren Brustkorb. Mitten darin klaffte ein Einschussloch. Der Blutstrom war längst versiegt, eine Wunde wie bei den Leichen in der Gerichtsmedizin. Klinisch rein.

»Da! Schau«, sagte der Schütze vorwurfsvoll, fast weinerlich, und zeigte auf das Loch in seiner Brust. »Das sag ich meinem Vater!« Er griff eines der geladenen Gewehre.

Rath zog seine Dienstwaffe.

»Runter mit dem Gewehr!«, rief er, doch der andere legte auf ihn an. Langsam und konzentriert, als stünde er auf dem Schießstand.

»Runter mit dem Gewehr! Ich schieße!«

Der andere ließ sich nicht beirren.

»Du kannst mich nicht erschießen, ich bin schon tot«, sagte er und kniff ein Auge zu. »Schon vergessen?«

Da brannten Rath alle Sicherungen durch. Er konnte nicht anders, er musste schießen. Eine ungeheure Aggression suchte sich ihren Weg und fand seine Schusshand. Immer wieder zog sein Zeigefinger den Abzug durch, doch die Mauser gab nur ein Klacken von sich. Klack, klack, klack, machte es, während der andere seelenruhig zielte und den Zeigefinger krümmte. Langsam, wie in Zeitlupe, zog er den Abzug zurück …

»Nein!«

Sein eigener Schrei holte ihn aus dem Schlaf. Plötzlich saß er hellwach und aufrecht im Bett. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn, sein Herz raste. Das Klacken ging auch jetzt noch weiter. Es kam vom Fenster. Da! Schon wieder! Der Wecker auf dem Nachttisch zeigte halb zwei. Rath schälte sich aus dem Bett, warf seinen Hausmantel über und schaute hinaus. Auf dem Gehweg war niemand zu sehen. Die Nürnberger Straße lag menschenleer, durch die Bäume rauschte der Wind. Auf dem Fensterbrett lagen drei, vier kleine Steinchen. Also doch: Jemand hatte versucht, ihn zu wecken. Er öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus.

Rath hörte, wie sich die schwere Haustüre öffnete. Dann ein kurzer, spitzer Schrei.

»Huch, was lungern Sie denn hier rum wie’n Schluck Wasser inner Kurve?«, fragte eine Frauenstimme. Dann sah er, wie ein junges Mädchen, vielleicht Anfang zwanzig, auf die Straße und in sein Blickfeld trat. Sie schaute im Gehen über die Schulter und entfernte sich eilig in Richtung Taxistand. Hatte Weinert also wieder Damenbesuch gehabt! Rath musste schmunzeln. Wenn das Elisabeth Behnke wüsste! Die Zimmerwirtin achtete streng darauf, dass ihre Mieter zu später Stunde keine Damen empfingen. Und der findige Weinert hatte beinah jeden Abend eine zu Gast, ohne dass die Behnke ihm bislang auf die Schliche gekommen wäre. Doch auf wen war Weinerts aktuelle Errungenschaft da unten vor der Haustür gestoßen? Wer hatte sie so erschreckt?

Noch während er überlegte, hörte er die schwere Haustür ins Schloss fallen. Kurz darauf zog jemand die Türglocke. Um diese Uhrzeit dröhnte sie so laut wie eine Kirchenglocke. Dann hörte Rath es gegen die Wohnungstür wummern. Wer das auch sein mochte, er sollte nicht so einen Lärm machen! Rath trat aus seinem Zimmer auf den großen Flur. Die Tür, die zu den Räumen seiner Zimmerwirtin führte, war geschlossen. Er hoffte inständig, die Behnke möge weiter den Schlaf der Gerechten schlafen, bis er das Problem hier gelöst hatte. Weinert ließ sich auch nicht blicken. Wahrscheinlich das schlechte Gewissen.

Da polterte es wieder gegen die Tür.

»Kardakow«, rief eine fremde, dunkle Stimme, nur wenig gedämpft durch die geschlossene Tür. »Aleksej Iwanowitsch Kardakow! Atkroj dwer! Eta ja, Boris! Boris Sergejewitsch Karpenko!«

Wer auch immer das sein mochte, es reichte! Der Lärm musste aufhören!

Er riss die Wohnungstür auf und blickte in die verdutzten blaugrünen Augen einer abgerissenen Gestalt. Wirres dunkelblondes Haar hing dem Mann in Strähnen in die Stirn. Hageres Gesicht, unrasiertes Kinn. Eine Alkoholfahne wehte Rath um die Nase.

»Was soll der Radau?«, fragte er den Mann, der ihn mit glasigen Augen anstarrte. Er bekam keine Antwort. »Sie sollten besser nach Hause gehen und sich ins Bett legen, anstatt mitten in der Nacht an irgendwelche Türen zu klopfen.«

Der Mann sagte etwas in einer Sprache, die Rath nicht verstand. Russisch? Polnisch? Er konnte es nicht genau sagen, doch er war sicher, dass der Fremde ihm gerade eine Frage gestellt hatte. Was war los? Fand der Mann nicht mehr nach Hause?

»Wie bitte?«, fragte er. »Sprechen Sie Deutsch?«

Der Fremde wiederholte seine Frage. Rath verstand nur, dass es um jemanden namens Alexej ging. Das war zwecklos, so kamen sie nicht weiter.

»Tut mir Leid, ich kann Ihnen nicht helfen«, sagte er. »Gehen Sie nach Hause! Gute Nacht!«

Kaum hatte er die Tür geschlossen, ging das Poltern wieder los.

»Jetzt reicht’s aber«, giftete Rath und riss die Tür wieder auf, »wenn Sie nicht augenblicklich verschwinden, bekommen Sie richtig Ärger!«

Der Mann stieß ihn beiseite und stürmte hinein. Eine Tür in dem geräumigen Flur stand offen, die von Raths Zimmer. Und genau dort hinein torkelte der Betrunkene. Rath stürzte hinterher. Der Fremde stand mitten im Raum und blickte sich suchend um. Was für ein Idiot! Womöglich glaubt der noch, er wohnt hier! Rath packte den Mann am Kragen. Er hatte gedacht, mit dem Betrunkenen leichtes Spiel zu haben, deswegen überraschte ihn dessen plötzlicher Wutausbruch. Mit einem Schrei drehte sich der Fremde um und drängte ihn gegen die Wand. Ein starker Unterarm drückte gegen Raths Hals, das Gesicht kam näher, so nah, dass der von Alkohol geprägte Mundgeruch kaum auszuhalten war.

»Gdje Aleksej? Schto s nim?«, presste der Mann hervor und ließ einen weiteren babylonischen Redeschwall folgen. Rath rammte dem Mann das Knie in den Unterleib. Der Fremde klappte zusammen, hatte sich aber schnell wieder aufgerichtet. »Yob twaju mat!«, rief er und stürmte auf Rath los, doch der wich geschickt aus. Der Fremde polterte gegen den riesigen Kleiderschrank und schlug ein Brett aus dessen neugotisch gestalteter Seitenwand.

Jetzt reichte es! Rath packte den Mann am Kragen, drehte ihm einen Arm auf den Rücken und zerrte ihn zurück auf den Flur. Die Wohnungstür stand noch offen, im Treppenhaus brannte kein Licht. Der Betrunkene brüllte unverständliches Zeug und versuchte sich nach Kräften aus dem harten Griff zu befreien. Vergeblich. Rath stellte den Kerl in Position, ließ ihn los und gab ihm einen kräftigen Tritt. Der Mann stolperte hinaus ins Dunkle, man hörte ihn im Treppenhaus gegen die gegenüberliegende Wohnungstür prallen. Rath schlug die Tür zu, verriegelte sie und lehnte sich keuchend dagegen. Endlich! Endlich war dieser Idiot draußen! Im Treppenhaus hörte er noch ein paar immer dumpfer klingende Rufe. Dann schlug unten die Haustür zu, und es war still.

»Ist er weg?«

Überrascht schaute Rath auf. Die Witwe Behnke hatte sich eine gehäkelte Stola über ihr dunkelblaues Nachthemd geworfen und stand in der Tür, die vom Flur ins Speisezimmer und dann weiter in ihre Privaträume führte. Die Zimmerwirtin war Ende dreißig und offensichtlich einsam. Ihr Blick sprach Bände. Und ihre Andeutungen ersetzten ganze Bibliotheken. Sie sah gar nicht mal schlecht aus mit ihrem jugendlich naiv wirkenden Gesicht und den blonden Locken, in denen die wenigen silbernen Haare kaum auffielen, doch er hatte ihren Avancen widerstanden. Etwas mit seiner Zimmerwirtin anfangen? Und dann noch mit einer, die ihm jeden Damenbesuch untersagt hatte? Nein, über so etwas dachte er nicht einmal nach, das kam einfach nicht in Frage. Da konnte sie noch so unauffällige Verführungsversuche starten. Jetzt ließ sie ihn ein Stück ihres üppigen Dekolletés sehen, als sie sich aus der Tür lehnte und auf eine Antwort wartete. Er sagte nichts, er nickte nur. Er keuchte immer noch. Elisabeth Behnke schien die Atemnot ihres Mieters zu gefallen.

»Kommen Sie, Herr Rath. Ich mach uns einen Tee. Mit Rum. Genau das Richtige auf den Schreck.« Sie schüttelte ihren Kopf. »Und ich dachte, das mit diesen Russen hört jetzt endlich auf.«