Der neue Dr. Laurin Doppelband 3 – Arztroman - Viola Maybach - E-Book

Der neue Dr. Laurin Doppelband 3 – Arztroman E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Viktoria Schönemann lernt den charmanten Jonathan von Stetten kennen. Er hat einen Ruf als unverbesserlicher Frauenheld, und so weist sie ihn mehrfach ab. Doch Jonathan kann hartnäckig sein, wenn er Widerstand spürt. Er wirbt um sie und stellt fest, dass er es zum ersten Mal in seinem Leben ernst mit einer Frau meint. Aber wie soll er Viktoria davon überzeugen? Das ist ihm noch nicht gelungen, als er krank wird. Zunächst hält er seinen Husten und die Übelkeit für Begleiterscheinungen einer Erkältung, doch dann bricht er auf der Straße zusammen. In der Kayser-Klinik stellt Leon Laurin eine Lungenentzündung fest. Jonathans Zustand verschlechtert sich schnell … E-Book 1: Dieser Tag muss nicht sein! E-Book 2: Macht der Liebe

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Seitenzahl: 232

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Inhalt

Dieser Tag muss nicht sein!

Die Macht der Liebe

Leseprobe

Der neue Dr. Laurin – Doppelband 3 –

Der neue Dr. Laurin

Viola Maybach

Dieser Tag muss nicht sein!

Aber Annika findet am Ende ihr Glück

»Es ist zum Verrücktwerden«, schimpfte Antonia Laurin. »Die Praxis ist fertig eingerichtet, wir könnten sofort loslegen, Maxi und ich – aber wir finden weder eine Haushälterin, die hier alles am Laufen hält, noch wenigstens eine Arzthelferin für die Praxis. Man könnte meinen, alles hätte sich gegen uns verschworen.«

Leon Laurin konnte es nicht lassen, seine Frau ein wenig aufzuziehen. Mit todernster Miene sagte er: »Ja, das glaube ich auch. Es ist ein Zeichen, denke ich. Ein Zeichen dafür, dass ihr eure Pläne aufgeben solltet, denn das Schicksal ist eindeutig dagegen.«

Einige Sekunden lang fiel sie auf seinen Tonfall herein, denn er war ja zu Beginn nicht gerade begeistert gewesen von ihren Plänen, nach mehr als fünfzehnjähriger Pause wieder in ihren Beruf als Kinderärztin einzusteigen – und dann auch noch gleich wieder mit eigener Praxis. Und begeistert war er zweifellos noch immer nicht. Eher konnte man wohl sagen, dass er sich mit ihren Plänen abgefunden hatte. Aber dann sah sie das Blitzen seiner Augen und musste lachen.

»Du klingst wie diese eine Bewerberin auf die Stelle als Haushälterin, erinnerst du dich? Die von der Aura unseres Hauses gesprochen hat und dass sie, bevor sie zu uns kam, ihr Horoskop befragt hat.«

»Die vergesse ich garantiert nicht«, sagte er mit leichtem Schaudern in der Stimme.

»Ich weiß schon gar nicht mehr, mit wie vielen wir mittlerweile gesprochen haben«, murmelte Antonia und ließ ihren Kopf an Leons Schulter sinken. »Ehrlich gesagt, ich kann es nicht fassen, dass bisher keine einzige Frau dabei war, bei der wir zumindest überlegt haben, ob wir es nicht mal mit ihr versuchen sollten. Bei keiner konnte ich mir vorstellen, dass ich ihr unser Haus und unsere Kinder stundenweise anvertraue. Niemals hätte ich gedacht, dass das so schwierig ist.«

»Ich auch nicht«, gab Leon zu.

»Und in der Praxis ist es genau so. Maxi und ich verzweifeln an unseren Bewerberinnen. Aber wir brauchen eine Frau, die uns die Organisation abnimmt und den Überblick behält. Aber die meisten, die kommen, denken, sie sollen uns Ärztinnen ein bisschen zur Hand gehen, dabei haben wir das in der Anzeige deutlich formuliert.« Antonia rückte ein wenig von ihrem Mann ab. »Wie macht ihr das denn in der Klinik? Ihr scheint immer gute Leute zu finden.«

»Wir suchen aber auch lange. Unser Trick ist, dass wir schon suchen, bevor wir dringend jemanden brauchen – abgesehen von dem Unfallchirurgen für die Notaufnahme. Es ist überfällig, dass wir da jemanden finden, weil ich Eckart woanders brauche, er kann nicht dauernd Dienste in der Notaufnahme übernehmen. Da sind wir also auch unter Druck. Aber sonst sehe ich zu, dass wir solche Situationen vermeiden. Manchmal haben wir deshalb eine Schwester oder einen Pfleger zu viel, wenn man jetzt mal streng wirtschaftliche Maßstäbe anlegt, aber so ist es mir lieber. Bei euch ist das natürlich etwas völlig anderes, ihr sucht eine Fachkraft für die Praxisorganisation und vielleicht noch eine Arzthelferin, die euch beide bei der Betreuung eurer Patienten unterstützt. Bei einer so begrenzten Zahl an Leuten könnt ihr nicht auf Verdacht eine Person zu viel einstellen.«

»Offenbar können wir überhaupt niemanden einstellen, weil wir ja niemanden finden.« Antonia gähnte. »Ich bin müde, Leon, ich will ins Bett.«

Er zog sie in seine Arme und küsste sie. »Ich finde es auf unserem Sofa gerade sehr gemütlich. Endlich mal allein, ohne Kinder – und ich war sogar rechtzeitig zum Essen zu Hause.«

»Wenn man es so betrachtet, hast du natürlich Recht.«

»Sag mal, unser Konny …«

»Ja?«

»Hat er dir eigentlich mal erzählt, warum er da unten an der Würm war, als dieser Hund ihn angefallen hat? Warum er nicht mit Kaja gleich nach der Schule nach Hause gekommen ist?«

»Nein«, antwortete Antonia, »ich habe immer darauf gewartet, dass er etwas sagt, aber das hat er nicht getan. Die einzige Erklärung, die ich von ihm gehört habe, war, dass er über etwas nachdenken musste.«

»Er scheint sehr lange nachdenken zu müssen. Oder er hatte von Anfang an nicht vor, mit uns über das, was ihn bewegt, zu reden.«

»Beides ist möglich. Ich habe jedenfalls beschlossen, ihn nicht zu fragen, sondern abzuwarten, bis er von selbst auf uns zukommt.«

»Er ist verändert seit einiger Zeit«, sagte Leon nachdenklich.

Sie rückte ein Stück von ihm ab, um ihm ins Gesicht sehen zu können. »Ich habe mich schon gefragt, ob ich mir das einbilde, aber wenn es dir auch aufgefallen ist …«

»Er kommt mir nachdenklicher vor, manchmal auch traurig – oder ängstlich. Als dächte er über etwas nach, das ihn beunruhigt. Ich habe schon überlegt, ob ich ihn einfach mal fragen sollte. Wir sind seine Eltern, wir sind für ihn verantwortlich. Vielleicht hat er ein Problem, mit dem er allein nicht fertig wird.«

»Tu das«, sagte Antonia, nachdem sie eine Weile darüber nachgedacht hatte. »Ein Gespräch von Mann zu Mann ist vielleicht das, was ihm fehlt.«

»Von Mann zu Mann – meine Güte, es stimmt, er ist fast erwachsen. Wir werden bald Eltern erwachsener Kinder sein, dabei frage ich mich oft, ob wir selbst überhaupt schon richtig erwachsen sind.«

Sie musste lachen und legte den Kopf wieder an seine Schulter. »Na ja, verglichen mit den Menschen, die wir vor zwanzig Jahren waren, sind wir schon ziemlich erwachsen geworden, meinst du nicht?«

Er blieb ernst. »Ich hoffe es zumindest. Aber ich glaube, heute ist es noch schwerer, erwachsen zu werden als damals, weil man viel mehr lernen muss. Wenn ich sehe, in welcher Welt die Kinder sich heute zurechtfinden müssen, wird mir direkt schwindelig. Das ist alles so schnell geworden, so vielschichtig. Wenn ich sie morgens sehe, alle mit ihren Handys beschäftigt, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt, dann frage ich mich, was sie tun würden, wenn sie so leben müssten wie wir damals. Das Internet bietet natürlich großartige Möglichkeiten, aber ich schätze, dass die Gefahren mindestens ebenso groß sind. Hoffentlich haben wir sie gut genug darauf vorbereitet.«

»Wir haben uns jedenfalls sehr viel Mühe gegeben, und im Großen und Ganzen scheinen mir unsere Kinder ganz gut gelungen zu sein, und auch Kaja wird ja eines Tages der Pubertät entwachsen und wieder das friedliche Kind werden, das sie früher war.«

»Sie ist doch schon ruhiger geworden, und sie streitet längst nicht mehr so oft mit Kyra.«

»Was aber eher an Kyra liegt, der ich ein paar gute Ratschläge gegeben habe. Zum Beispiel den, ihrer großen Schwester nicht ständig nachzulaufen. Daran hält sie sich, und es scheint zu wirken. Freilich spielt Peter dabei auch eine große Rolle.«

»Der Junge ist wirklich bemerkenswert«, sagte Leon.

Peter Stadler war der Sohn der Architektin, die Antonias Praxisräume gestaltet hatte. Mit Britta Stadler war Antonia seitdem befreundet, während Peter der beste Freund ihrer jüngsten Tochter geworden war. Er war ein sehr intelligenter Junge, der zu seinem Leidwesen eine Brille mit ziemlich dicken Gläsern tragen musste, weil er Kontaktlinsen nicht vertrug und für eine Augenoperation noch zu jung war. Er wirkte reifer als seine elf Jahre und auf den ersten Blick eher unscheinbar, aber er war schlagfertig und konnte sehr witzig sein. Seitdem Kyra und er sich befreundet hatten, war sie viel selbstbewusster geworden. Jetzt kam es sogar vor, dass sie ihre große Schwester kritisierte, was früher undenkbar gewesen wäre.

»Ja«, bestätigte Antonia mit warmer Stimme. »Ich bin sehr froh, dass Kyra und er sich so gut verstehen.«

»Kevin mag ihn auch, das ist mir schon aufgefallen. Gar nicht so schlecht, finde ich. Falls Mike ihm in nächster Zeit entwachsen sollte.«

Antonia kicherte. Kevin, ihr Dreizehnjähriger, hatte in Mike Brönner seit vielen Jahren seinen besten Freund, die beiden waren durch dick und dünn gegangen, aber nun war Mike bereits in der Pubertät und träumte heftig von Mädchen, während Kevin in dieser Hinsicht noch recht uninteressiert wirkte. Es hatte deshalb zwischen den beiden Jungen bereits Konflikte gegeben. Kevin fand Mikes Verhalten Mädchen gegenüber ›blöd‹, Mike wiederum fand ihn ›zurückgeblieben‹ oder ›kindisch‹ – was natürlich schlimme Beleidigungen in Kevins Augen waren. Aber noch hielt ihre Freundschaft und da sie schon andere Stürme überstanden hatten, war noch nicht absehbar, wohin der schwelende Konflikt führen würde.

»Die beiden sind wahrscheinlich noch mit achtzig Freunde, Leon. Die haben sich gesucht und gefunden, auch wenn sie streiten. Aber ich fände es auch schön, wenn es neben Mike noch andere Freunde gäbe, mit denen Kevin gut auskommt.«

Nun gähnte auch Leon, und so beschlossen sie, ins Bett zu gehen. Als sie nach oben kamen, war alles ruhig, auch in Kajas Zimmer brannte kein Licht mehr. Antonia war dennoch nicht sicher, ob ihre ältere Tochter schon schlief, oder nur rasch das Licht gelöscht hatte, weil sie ihre Eltern hatte kommen hören.

Kaja war eine jener handy-süchtigen Jugendlichen, von denen sie vorhin gesprochen hatten. Handy-Verbot war die schlimmste Strafe, die man ihr auferlegen konnte.

Antonia verzichtete auf einen Kontrollblick ins Zimmer. Sie war einfach zu müde zum Streiten.

*

Annika Mittermaier kannte jedes Kind in ihrem Bus, alle wurden mit Namen begrüßt, wenn sie sie an den Haltestellen einsammelte. Sie fuhr große Strecken, um auch die Kinder abzuholen, die in weiter entfernten Münchener Vororten wohnten. Klar, dass sie dafür sehr früh aufstehen musste, aber das machte ihr zum Glück nichts aus, sie war ein Morgenmensch.

Bei vielen Kindern war das nicht so. Die standen blass und müde mit ihren schweren Schultaschen an den Haltestellen, einige schliefen im Bus gleich wieder ein. Andere frühstückten erst einmal, weil es direkt nach dem Aufstehen noch zu früh gewesen war. Annika wusste, wer gesunde Pausenbrote und etwas Obst dabeihatte, sie wusste aber auch, wer in der Regel hungrig zur Schule geschickt wurde. Ein paar Bananen und Äpfel hatte sie deshalb immer vorrätig – und manchmal auch einen Müsliriegel.

»Hallo, Robin«, sagte sie, als ein Erstklässler in den Bus stieg, der jeden Morgen von seinem Vater zur Haltestelle gebracht wurde, weil der Junge, um dorthin zu gelangen, eine viel befahrene Straße überqueren musste. Der Vater machte einen sehr sympathischen Eindruck, er fuhr seinem Sohn zum Abschied immer liebevoll durch die Haare, winkte ihr freundlich zu, wandte sich dann jedoch eilig zum Gehen. Sie nahm an, dass er zur Arbeit musste.

»Hallo, Frau Mittermaier«, sagte Robin Gerhardt und kletterte auf seinen Sitz in der ersten Reihe.

Um ihn musste sie sich keine Sorgen machen. Sie wusste, dass er gut gefrühstückt hatte und dass in seiner Schultasche nicht nur leckere Brote, sondern auch Obst steckten. Robin war einer ihrer Lieblinge. Er war meistens guter Dinge, und sie fand ihn sehr niedlich mit seinem dunklen Lockenkopf. Seine Mutter hatte sie noch nie gesehen.

Sie begrüßte auch die beiden anderen Kindern, die nach Robin in den Bus stiegen. Einem Jungen steckte sie eine Banane zu, der sie daraufhin anstrahlte, dann fuhr sie weiter. Im Bus wurde lebhaft geschnattert, so war es jeden Morgen. Die meisten Kinder wurden auf der Fahrt zur Schule munter, auch wenn sie beim Einsteigen noch völlig verschlafen gewirkt hatten.

Annika zog die Stirn kraus, als ein Sportwagenfahrer deutlich zu schnell an ihr vorbeischoss und sich dann sehr knapp vor ihr wieder rechts einordnete, so dass sie bremsen musste, um nicht aufzufahren. Manche Leute lernten es nie, aber es lohnte nicht zu hupen, das kümmerte solche Fahrer nicht, wie sie aus Erfahrung wusste.

»So ein Blödmann!«, sagte Robin, der das Manöver von seinem Platz aus gut hatte beobachten können. »Wenn du nicht gebremst hättest, Frau Mittermaier, hättest du ihn angefahren.«

Annika nickte ihm nur zu, denn die Ampel sprang auf grün. Mit röhrendem Motor schoss der Sportwagen über die Kreuzung. Sie folgte ihm gemächlich und steuerte die nächste Haltestelle an, an der nur ein kleines Mädchen wartete, Linnea, Robins beste Freundin.

Linnea war äußerlich das ganze Gegenteil von Robin mit ihren hellblonden Haaren und den leuchtend blauen Augen.

»Hallo, Frau Mittermaier«, sagte sie, »hallo, Robin.«

Annika wartete, bis Linnea saß, dann fuhr sie sachte an. Mit Kindern im Bus musste man anders fahren als mit Erwachsenen, jedenfalls war das ihre Überzeugung. Sie hatte Kollegen, die das nicht so sahen und sie damit aufzogen, dass sie ›ihre‹ Kinder in Watte packte, aber sie ließ sich nicht beirren, sie fuhr lieber vorsichtig. Wer wollte schon weinende Kinder im Bus haben, weil sie sich gestoßen hatten oder gefallen waren?

Nach und nach sammelte sie alle Schülerinnen und Schüler ein, dann steuerte sie die erste Schule an, ein Gymnasium. Drei Mädchen und zwei Jungs stiegen aus. »Ciao, Frau Mittermaier, bis morgen.«

Annika winkte ihnen zu und fuhr weiter.

*

Sebastian Gerhardt war gern der Erste im Büro. Diese Stunde, bevor die Kolleginnen und Kollegen eintrafen, brauchte er, so startete er am besten in seinen Arbeitstag. Später würde ständig Trubel herrschen, die Telefone würden klingeln, Mails würden eintreffen, jeder würde etwas von ihm wollen. An konzentrierte Arbeit würde kaum noch zu denken sein.

Er arbeitete bei einem Medienkonzern, und er mochte seine Arbeit, nur die Rahmenbedingungen gefielen ihm nicht. Andere kamen mit Großraumbüros gut zurecht, er nicht. Ihn störte der Lärm um ihn herum, er konnte sich schlecht konzentrieren, wenn Kollegen in erheblicher Lautstärke telefonierten oder sich mit anderen im Büro unterhielten. Darum würde es in dem Gespräch mit seinem Chef gehen: Er wollte einen Arbeitsplatz haben, bei dem er die Tür hinter sich schließen konnte. Es war nicht so, dass er einen solchen Platz für sich allein beanspruchte, auch andere sollten ihn nutzen können, aber auf jeden Fall brauchte er ein paar Stunden am Tag, in denen er in Ruhe arbeiten konnte. Er wusste, dass es einige andere gab, denen es ebenso ging.

Er hatte sich bereits am Abend zuvor eine Liste gemacht, was er heute zuerst erledigen musste. Drei wichtige Anrufe standen an, damit begann er. Gleich das erste Telefonat dauerte fast zwanzig Minuten, aber er konnte ein gutes Ergebnis erzielen. Die beiden nächsten Gespräche waren kürzer, aber auch mit deren Verlauf war er zufrieden.

Er wandte sich seinem Rechner zu und sah seinen Posteingang durch. Unwillkürlich stieß er die Luft aus. Da hatte sich schon wieder viel angesammelt, aber ihm blieb noch eine halbe Stunde, um das Meiste zu erledigen. Danach war eine Teambesprechung angesetzt, die würde mindestens eine Stunde dauern. Und dann musste er mit seinem Chef reden – das würde eher unangenehm werden, schätzte er.

Er arbeitete schnell und konzentriert, so dass er fast alle Mails beantwortet hatte, bevor die erste Kollegin eintraf.

»Hallo, Bastian«, sagte sie und eilte sofort auf die Kaffeemaschine zu.

»Hallo, Tina.«

Er mochte Bettina Schöniger. Sie erledigte ihre Arbeit ähnlich wie er und war daher auch eine Kandidatin für einen ruhigen Arbeitsplatz. Sie würde ihn dem Chef gegenüber unterstützen, das wusste er. Aber zunächst einmal würde der aus allen Wolken fallen, wenn Sebastian mit seinem Anliegen an ihn herantrat. Der Chef war sehr stolz auf das­ hochmoderne Großraumbüro – aber er hatte gut reden. Er residierte in einem riesigen Raum, dessen Tür sehr oft geschlossen war.

Es dauerte noch weitere zwanzig Minuten, bis es richtig laut wurde im Büro, aber das störte ihn nicht mehr, denn die wirklich dringenden Sachen hatte er bereits erledigt. Nun blieb ihm bis zur Teambesprechung noch genügend Zeit, um das Konzept noch einmal durchzugehen, das er heute vorstellen wollte, aber er fand nichts daran, was er noch hätte verändern müssen.

Sein Blick fiel auf das Bild von Robin, das neben seinem Rechner stand – vom Tag seiner Einschulung. Sehr niedlich sah sein Sohn darauf aus, und sehr stolz. »Jetzt bin ich groß, Papa«, hatte er gesagt. Sebastian lächelte unwillkürlich. Groß! Sein kleiner Sohn, der doch eigentlich noch gestern ein Baby gewesen war …

Heute Nachmittag würde Robin von seiner ›Babysitterin‹ betreut werden – in seiner Gegenwart durfte man dieses Wort freilich nicht aussprechen, er nannte Lili Daume seine Freundin.

Lili war eine sechzehnjährige Schülerin, die zu ihnen nach Hause kam, bis Sebastian dort eintraf. Sie war ein sehr nettes Mädchen, er konnte sich glücklich schätzen, sie gefunden zu haben. Sie war immer guter Dinge, absolut zuverlässig und umsichtig. Er war zunächst skeptisch gewesen, seinen Sohn einem so jungen Mädchen anzuvertrauen, aber seine Skepsis hatte sich schnell in Vertrauen und Erleichterung verwandelt, denn seit Lili zu ihnen kam, hatte er eine Sorge weniger, weil Robin bei ihr gut aufgehoben war. Sie machten gemeinsam Hausarbeiten, denn Lili ging aufs Gymnasium. Wenn sie länger Schule hatte als er, wartete Robin bei einer Nachbarin auf sie oder er blieb auch einmal eine Stunde allein. Das klappte im Großen und Ganzen wirklich gut.

»Teambesprechung!«, rief jemand, und Sebastian sprang auf. Er mochte ihre Teambesprechungen, weil meistens gute Ideen auf den Tisch kamen, die lebhaft diskutiert wurden.

Und dieses Mal hatte er ja selbst eine beizutragen, von der er hoffte, dass sie Anklang fand.

*

Antonia rief Maxi Böhler an, während sie langsam durch die Praxisräume lief. Ein weiteres Gespräch mit einer Frau, die sich auf die Stelle bei ihnen beworben hatte, war gescheitert. Die Frau hatte keine von Antonias Fragen zufriedenstellend beantworten können, ganz offensichtlich waren ihre Bewerbungsunterlagen gefälscht, denn sie war selbst im Umgang mit dem Computer unsicher gewesen. Außerdem hatte es Antonia nicht gefallen, dass sich während ihres Gesprächs zweimal das Handy der Kandidatin gemeldet hatte. Offensichtlich hatte diese es also nicht einmal für nötig gehalten, das Gerät stumm zu schalten, während sie ein Bewerbungsgespräch führte.

»Wieder ein Schlag ins Wasser«, sagte sie niedergeschlagen, als Maxi sich meldete. »Ich weiß allmählich nicht mehr weiter, Maxi. Wir beide sind bereit, aber wir können die Praxis nicht eröffnen, wenn uns ein wesentliches Mitglied im Team fehlt. Was sollen wir nur tun?«

»Hör mal, ich bin gerade etwas unter Druck, weil ich einen Termin habe«, sagte Maxi. »Wollen wir uns morgen vielleicht mal in der Praxis treffen und einen Plan entwickeln? Vielleicht kämen wir am Anfang auch mit einem Studenten oder einer Studentin über die Runden. Es kann ja nicht angehen, dass wir nicht loslegen können, weil wir keine Sprechstundenhilfe finden! Denk drüber nach, ja? Oder kannst du morgen nicht?«

»Doch, klar. Gleich morgens, damit wir noch frisch sind und gut nachdenken können? Ich bin ja sowieso früh auf.«

»Ich auch. Dann lass doch morgen mal deine Kinder allein frühstücken und frühstücke mit mir. Bin um halb acht in der Praxis und bringe alles Nötige mit. Bis dann!«

Antonia wollte etwas einwenden, Maxi hatte jedoch schon eingehängt. Aber warum sollte sie eigentlich nicht mit ihrer zukünftigen Praxispartnerin frühstücken? Sie würde den Kindern und Leon sagen, dass sie sich morgen selbst versorgen mussten. Da konnten sie dann schon mal üben, denn gewiss würde das in Zukunft öfter nötig sein, da konnte es nicht schaden, wenn sie bereits wussten, was zu tun war.

Noch einmal wanderte sie durch die Räume, die Britta so sorgfältig geplant und umgestaltet hatte. Sie waren im neuen Flügel der Kayser-Klinik untergebracht. Leon hatte beim letzten Um- und Neubau mit Absicht sehr großzügig geplant, das hatte sich in den letzten Jahren als segensreich erwiesen, denn sonst hätten sie die Klinik in der Zwischenzeit schon wieder erweitern müssen. Ihre Praxisräume waren die letzten gewesen, die noch frei gewesen waren.

Ihre Gedanken wanderten weiter zu ihrem Vater, der die Kayser-Klinik gegründet hatte. ›Professor-Kayser-Klinik‹ war ihr ursprünglicher Name gewesen, den Titel hatten sie mittlerweile gestrichen, ohnehin hatte niemand die Klinik so genannt. Leon hatte sie von ihrem Vater übernommen und ihr längst seinen eigenen Stempel aufgedrückt, er war jedoch nicht daran interessiert, ihr seinen Namen zu geben.

»Wieso? Die Klinik ist unter ihrem jetzigen Namen bekannt, warum sollten wir den ändern? Das kostet nur Geld, außerdem klingt ›Kayser-Klinik‹ besser als ›Laurin-Klinik‹.« Sie hatte gelacht, weil sich ›Laurin-Klinik‹ tatsächlich nicht gut anhörte, und ihr gefiel, dass er in diesem Punkt nicht eitel war, sondern die Frage nüchtern betrachtete.

Ihr Vater war ihr immer noch böse, weil sie wieder arbeiten wollte. Seit sie ihm und seiner zweiten Frau Teresa mitgeteilt hatte, was sie plante, herrschte Funkstille zwischen ihnen. Also schon seit einigen Wochen. Teresa hatte sich einige Male gemeldet, aber nicht Joachim Kayser.

Fast wie in alten Zeiten, dachte Antonia. Auch als sie ihre erste Praxis eröffnet hatte, gleich nach dem Studium und schon damals gegen den Willen ihres Vaters, hatten sie heftig gestritten. Beinahe wäre es darüber zum dauerhaften Bruch zwischen ihnen gekommen, sie hatten eben beide ein hitziges Temperament. Die Ehe mit Teresa hatte Joachim Kayser milder werden lassen, aber wenn es um seine Prinzipien ging, konnte er noch immer bemerkenswert stur sein. Und er fand nun einmal, dass eine Ehefrau und Mutter sich ganz der Familie widmen und deshalb nicht auch noch einen Beruf ausüben sollte.

Sie hätte ihm gern ihre Sicht der Dinge in einem ruhigen Gespräch erläutert, aber sie fand, dass es nicht an ihr war, den ersten Schritt zu tun. Er hatte sich bei ihrem Gespräch unmöglich benommen und von Leon verlangt, mit der Faust auf den Tisch zu hauen und sich gefälligst gegen die Hirngespinste seiner Ehefrau durchzusetzen.

Schon allein der Gedanke an die Situation im Haus ihres Vaters ließ ihren Zorn wieder hochkochen. Sie musste auf andere Gedanken kommen, dringend!

Sie verließ eilig die Praxis und machte sich auf den Weg zum Supermarkt, um einzukaufen.

*

Als Lili den Bus kommen sah, nahm sie die Knöpfe aus den Ohren und verstaute ihr Handy in der Hosentasche. Wenn Robin aus der Schule kam, hatte er viel zu erzählen, da konnte sie nicht nebenbei noch Musik hören.

Sie sah, wie Robin von seinem Sitz rutschte, er hatte sie natürlich längst gesehen. Wenn es möglich war, holte sie ihn an der Haltestelle ab, obwohl Robin auch allein die große Straße überqueren konnte, wie er immer wieder beteuerte und auch schon bewiesen hatte.

»Bis morgen, Frau Mittermaier«, hörte sie ihn zu der netten rothaarigen Busfahrerin sagen. Lili winkte ihr zu, sie winkte zurück.

»Bis morgen, Robin!«

Er hüpfte aus dem Bus, auf Lili zu, die ihm einen Arm um die Schultern legte. »Wie war’s?«, fragte sie.

»Gut, ich kann ein neues Wort schreiben, das zeige ich dir nachher.«

»Ich bin gespannt. Welches Wort ist es denn?«

»Das wird eine Überraschung. Wusstest du, dass ich gut im Kopf rechnen kann?«

»Du kannst doch eigentlich alles gut.«

»Linnea auch. Wir beide sind die Besten.«

Sie bemerkte, wie sich ein Schatten über sein Gesicht legte. Wenn man Robin ansah, war es, als läse man in einem offenen Buch. Jedenfalls ging es ihr so. Sie meinte manchmal, seine Gedanken lesen zu können. »Habt ihr gestritten, Linnea und du?«

Er sah sie beinahe empört an. »Nein! Aber wir wollen, dass ihre Mama meinen Papa heiratet, und das wollen sie nicht.«

»Na ja, sie werden ihre Gründe haben«, meinte Lili, die Linneas Mama kürzlich mit einem Mann gesehen hatte. Ihr war es so vorgekommen, als hätten die beiden Händchen gehalten, aber es hatte sie dann nicht weiter interessiert.

»Aber sie könnten es doch trotzdem tun, weil wir es uns so doll wünschen, Linnea und ich«, fand Robin.

»Na ja, man heiratet eigentlich nicht, weil die Kinder es sich wünschen, sondern weil man selbst es sich wünscht. Und dein Papa und Linneas Mama wünschen sich wohl etwas anderes.«

»Ich verstehe das nicht. Linneas Mama ist voll nett. Und hübsch.«

»Robin, in deiner Klasse gibt es doch bestimmt ein paar Mädchen – ich meine jetzt, außer Linnea – die nett und hübsch sind, oder?«

Robin musste erst nachdenken, bevor er schließlich nickte.

»Du hast dir aber Linnea als deine beste Freundin ausgesucht und nicht eins von den anderen Mädchen. So ähnlich funktioniert das bei Erwachsenen auch. Da sind viele nett und hübsch und alles, aber man will nicht mit allen zusammen sein.«

Robin verstummte und versank in seinen Gedanken. Sie ließ ihn in Ruhe.

Er war ein großer Denker, und oft genug kamen erstaunliche Dinge dabei heraus, wenn man bedachte, dass er erst sechs Jahre alt war.

Sie war froh, dass sie es gleich bei ihrem ersten Job als ›Babysitterin‹ mit einem so außergewöhnlichen Kind wie Robin zu tun bekommen hatte.

Sie verstand seine Sehnsucht nach einer ›richtigen‹ Familie, obwohl er einen tollen Vater hatte. Sie selbst war Vollwaise, aber allein war sie trotzdem nicht, sie hatte noch zwei Geschwister. Wäre allerdings ihr ältester Bruder damals nicht gewesen …

Und jetzt waren sie erneut in Schwierigkeiten, aber sie würden es schaffen. Sie hatten es bis jetzt immer geschafft.

»So, da wären wir«, sagte sie, als sie das Haus erreicht hatten, in dem Robin und sein Vater wohnten. »Zuerst essen, dann ein bisschen ausruhen, dann Hausarbeiten.«

»Ich muss schreiben üben. Und du?«

»Das Referat über das Insektensterben weiter vorbereiten«, sagte sie.

»Ich helfe dir«, erwiderte Robin, und sie nickte.

Sie halfen sich immer gegenseitig.

*

Annika war abends mit ihrem besten Freund Ludwig Mohnkopf verabredet. Er hatte sie, wie er es regelmäßig tat, zum Essen eingeladen, in ein ziemlich feines Restaurant, das sie sich allein niemals geleistet hätte.

»Alle werden denken, dass du meine Freundin bist«, sagte er manchmal, »ich kann richtig sehen, wie sie mich beneiden, weil ich alter Kerl noch so eine schöne junge Frau abgekriegt habe. Du glaubst nicht, wie viel Vergnügen mir das bereitet. Na gut, einige denken natürlich auch: ›Er hat Glück, so eine hübsche Enkelin zu haben‹, aber es gefällt mir besser, mir vorzustellen, dass sie dich für meine Freundin halten.«

Er brachte sie zum Lachen, das mochte sie am meisten an ihm. Aber sie schätzte ihn auch, weil er ein kluger und gebildeter Mann war, der sehr unterhaltsam über viele Themen sprechen konnte. Mit ihm langweilte sie sich nie, sie hatten sich immer etwas zu erzählen.

Ludwig war zwei Mal verheiratet gewesen, beide Ehen, so erzählte er es, waren glücklich gewesen, aber beide Frauen waren gestorben. Ein drittes Mal wollte er es nicht versuchen. Erst kürzlich hatte er zu ihr gesagt: »Ich habe festgestellt, dass ich auch ganz gern allein bin. Und jetzt, wo ich fast siebzig bin, werde ich natürlich auch wunderlich und will mich nicht mehr ändern. Außerdem habe ich ja dich. Mehr Weiblichkeit brauche ich nicht.«

Er war der Vater, den sie nie gehabt hatte, denn ihr eigener war so früh gestorben, dass sie sich nicht einmal mehr an ihn erinnerte. Ludwig war mittelgroß und schlank, hatte volle graue Haare und ein ziemlich zerknautschtes Gesicht, das seltsamerweise dennoch irgendwie jung wirkte. Er zog sich sportlich an, aber immer mit einer lässig-eleganten Note, und auch das trug dazu bei, dass er nicht wie ein Siebzigjähriger aussah.

Er begrüßte sie mit den Worten: »Du siehst jedes Mal, wenn wir uns treffen, besser aus. Wie machst du das nur? Und diese Bluse kenne ich noch nicht. Die Farbe steht dir sehr gut.«

Auch das mochte sie an ihm: dass er solche Dinge wahrnahm. Den meisten Männern, gleich welchen Alters, fielen neue Blusen nicht auf, jedenfalls hatte sie diese Erfahrung gemacht. Ludwig bemerkte sogar, wenn sie sich einen neuen Lippenstift gekauft hatte. Und immer sagte er ihr offen seine Meinung. Bei ihrem letzten Treffen hatte sie einen lilafarbenen Pullover getragen, da hatte er zunächst zweifelnd die Stirn in Falten gezogen, schließlich aber doch gesagt: »Das sieht gewagt aus zu deinen roten Haaren, aber ich muss sagen, es passt zu dir. Es unterstreicht sogar deinen Typ.«

Sie hatten sich früh getroffen, weil Ludwig ja wusste, dass sie zeitig aufstehen musste. Und er wusste auch, dass sie nicht mehr als ein Glas Wein trank, weil sie sich sonst morgens nicht fit fühlte. Sie trank ihren Wein gewöhnlich zum Hauptgang, vorher begnügte sie sich mit Wasser.

Ludwig erzählte ihr von den Ausstellungen, die er sich angesehen hatte – manchmal nahm er sie auch ins Museum mit – und von der Oper, vom Theater, vom Kino. Er führte das ruhige und ziemlich komfortable Leben eines Rentners, der sich um Geld keine Sorgen zu machen brauchte. Er reiste auch gern und machte all das, wofür ihm früher die Zeit gefehlt hatte, als er noch politischer Beamter in Berlin gewesen war.

»Und wie sieht’s bei dir aus?«, fragte er schließlich.