Der neue Sonnenwinkel 44 – Familienroman - Michaela Dornberg - E-Book

Der neue Sonnenwinkel 44 – Familienroman E-Book

Michaela Dornberg

0,0

Beschreibung

Vor Robertas Haustür liegt ein neugeborenes Mädchen, Adrienne. Roberta und Alma sind vollkommen aus dem Häuschen, aber auch überfordert. Da erweisen sich Inge Auerbach und Teresa von Roth als sehr hilfreiche Engel. Bea und Alex befinden sich auf einem sehr guten Weg. Er zerstreut mehr und mehr ihre Zweifel, keine neue Bindung eingehen zu dürfen, solange die alte formal noch nicht beendet, wenn auch endgültig gescheitert ist. Bea ist jetzt tatsächlich glücklich mit Alex. Plötzlich ruft Horst an mit einer erstaunlichen Neuigkeit. Er drängt auf ein schnelles Ende ihrer Ehe. Horst ist sogar bereit, sehr viel Geld dafür zu zahlen. Eine halbe Million! Inge und Werner frühstücken gemeinsam. Ihre Harmonie kennt keine Grenzen mehr. Werner ist bereit, sein altes Leben aufzugeben. Inge ist sprachlos vor Glück. Der freundliche junge Mann drückte Roberta das wirklich ein wenig zerfleddert aussehende Paket in die Hand und sagte: "Sehen Sie sich bloß einmal an, welche Umwege es genommen hat. Dabei sollte es doch überhaupt kein Problem sein, ein Paket von New York hierher zu schicken. Das hier ist doch nicht das Ende der Welt." Das machte keinen Sinn. Sie kannte niemanden in New York, der ihr ein Paket schicken würde. Sie hatte überhaupt keine Verbindungen nach Amerika, sah man mal ab von Dr. Enno Riedel, ihrem Studienfreund, von dem sie die Praxis übernommen hatte. Doch der lebte in Philadelphia, und mit dem hatte sie kaum noch Verbindung, seit sie auch das Doktorhaus gekauft hatte. Weihnachten flatterten Karten aus Philadelphia ins Haus, mit Fotos einer Familie, der anzusehen war, dass sie in ihrem neuen Leben längst angekommen war und den Sonnenwinkel hinter sich gelassen hatte. "Und Sie sind sich sicher, dass das Paket auch für mich bestimmt ist?", erkundigte Roberta sich aus diesen Gedanken heraus. Der freundliche junge Mann lachte. "Eindeutig, Frau Doktor, Ihr Name steht klar und deutlich darauf." Mit diesen Worten drückte er ihr das Paket in die Hand und dann verabschiedete er sich mit den Worten: "So, und jetzt muss ich weiter." Roberta konnte sich gerade noch bedanken, dann sah sie ihm nach, wie er eilig zu seinem Auto rannte, einstieg und davonfuhr. Sie war mit dem Paket aus Amerika allein, und das trug sie in ihr Wohnzimmer, setzte sich wieder, warf einen Blick auf das braune Packpapier. Der junge Zusteller hatte nicht übertrieben, hinter diesem Paket lag tatsächlich ein großer Umweg, viele Stempel deuteten darauf hin, dass es fehlgeleitet worden war. Sie blickte auf den Absender. International Star Registry Office, las sie, und das verwirrte sie ein wenig. Jetzt war ihre Neugier doch geweckt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 156

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0

Beliebtheit




Der neue Sonnenwinkel – 44 –

Ein Stern für alle Zeiten

Noch in ihrer Trauer erfährt Roberta das größte Glück der Liebe

Michaela Dornberg

Der freundliche junge Mann drückte Roberta das wirklich ein wenig zerfleddert aussehende Paket in die Hand und sagte: »Sehen Sie sich bloß einmal an, welche Umwege es genommen hat. Dabei sollte es doch überhaupt kein Problem sein, ein Paket von New York hierher zu schicken. Das hier ist doch nicht das Ende der Welt.«

Seine Worte rauschten an ihr vorbei, sie bekam nur Wortfetzen mit – Paket – Umwege – New York …

Das machte keinen Sinn. Sie kannte niemanden in New York, der ihr ein Paket schicken würde. Sie hatte überhaupt keine Verbindungen nach Amerika, sah man mal ab von Dr. Enno Riedel, ihrem Studienfreund, von dem sie die Praxis übernommen hatte. Doch der lebte in Philadelphia, und mit dem hatte sie kaum noch Verbindung, seit sie auch das Doktorhaus gekauft hatte. Weihnachten flatterten Karten aus Philadelphia ins Haus, mit Fotos einer Familie, der anzusehen war, dass sie in ihrem neuen Leben längst angekommen war und den Sonnenwinkel hinter sich gelassen hatte.

»Und Sie sind sich sicher, dass das Paket auch für mich bestimmt ist?«, erkundigte Roberta sich aus diesen Gedanken heraus. Der freundliche junge Mann lachte.

»Eindeutig, Frau Doktor, Ihr Name steht klar und deutlich darauf.«

Mit diesen Worten drückte er ihr das Paket in die Hand und dann verabschiedete er sich mit den Worten: »So, und jetzt muss ich weiter.«

Roberta konnte sich gerade noch bedanken, dann sah sie ihm nach, wie er eilig zu seinem Auto rannte, einstieg und davonfuhr.

Sie war mit dem Paket aus Amerika allein, und das trug sie in ihr Wohnzimmer, setzte sich wieder, warf einen Blick auf das braune Packpapier. Der junge Zusteller hatte nicht übertrieben, hinter diesem Paket lag tatsächlich ein großer Umweg, viele Stempel deuteten darauf hin, dass es fehlgeleitet worden war.

Sie blickte auf den Absender. International Star Registry Office, las sie, und das verwirrte sie ein wenig. Jetzt war ihre Neugier doch geweckt. Da das Paket gut verschnürt war, stand sie auf, holte eine Schere, und dann öffnete sie das Paket. Es war ein wenig mühsam, auf jeden Fall war es sehr ordentlich verpackt. Zum Vorschein kam ein sehr hübsch gerahmtes Bild, das gleichfalls die Aufschrift International Star Registry trug, daneben fand sich ein eindrucksvolles Siegel, und neben einem Datum gab es einen in englischer Sprache geschriebenen Text, dem sie entnehmen konnte, dass es einen Stern gab, der genau bezeichnet war, der nun für immer den Namen ›Roberta und Lars‹ trug. Der beigefügten Sternenkarte schenkte sie kein Interesse, doch dem Briefumschlag, der zu Boden geflattert war. Den hob sie auf, öffnete ihn, und dann begann ihre Hand zu zittern, denn sie erkannte die schöne, ausgeprägte Handschrift von Lars, und das zerriss sie beinahe. Es dauerte eine Weile, ehe sie sich auf die Zeilen konzentrieren konnte.

Meine Liebste, leider hat es mit Deiner Reise nach New York nicht geklappt, und so kann ich Dir unseren Stern nicht persönlich übergeben, der für alle Ewigkeit unseren Namen tragen wird, und auf dem wir für immer vereint sind. Ich werde niemals aufhören Dich zu lieben, auf ewig Dein, Lars.

Sofort kamen die Erinnerungen. Er hatte sie zu seiner Preisverleihung nach New York eingeladen, und sie war dieser Einladung nicht gefolgt. Sie erinnerte sich, als sei es gestern gewesen. Sie war nicht zu ihm geflogen, weil der kleine Philip im Doktorhaus gewesen war. Doch das war nicht der Grund allein, sie war auch ein wenig verärgert gewesen, weil Lars immer sein Ding machte und nicht auf ihre Wünsche eingegangen war.

Wie töricht sie doch gewesen war!

Wo immer er auch gewesen war, hatte er an sie gedacht, und sie hatte sich verhalten wie ein kleines, trotziges Mädchen.

Ein Stern, der ihren Namen trug, der sie für immer vereinte. Lars war aus ihrem Leben verschwunden, doch der Stern würde für immer bleiben und sie an das Wunder der Liebe erinnern, das sie mit Lars erleben durfte.

Es gab eine Sternenkarte, doch Roberta war nicht in der Lage, sich anzusehen, welchen Platz am Himmel ihr Stern hatte.

Sie legte ganz vorsichtig das Bild auf den Tisch, dann griff sie erneut nach seinem Foto, das sie fest an sich gepresst hatte, ehe der Paketbote sie gestört hatte.

»Liebster, Liebster.« murmelte Roberta, dann war sie nicht mehr in der Lage, etwas zu sagen. Sie musste weinen, doch es waren keine erlösende Tränen, sondern die eines tiefen Schmerzes.

Warum war das Schicksal so grausam gewesen, ihr die Liebe ihres Lebens zu nehmen?

Warum wusste sie nichts über sein Schicksal, das vollkommen ungeklärt war?

Würde es sie erleichtern, ein Grab auf einem Friedhof zu haben, an dem sie um ihn weinen, an dem sie stumme Zwiesprache mit ihm halten konnte?

Ganz behutsam meldete sich eine leise Stimme in Roberta, die ihr zuflüsterte, dass es doch ein gutes Zeichen war, nichts über sein Schicksal zu wissen statt über einer Endgültigkeit zusammenzubrechen. Das bedeutete doch, dass es noch immer Hoffnung gab.

Es war ein sehr schwacher Trost, und deswegen versuchte Roberta, solche Gedanken zu verscheuchen, weil sie bitter erfahren musste, dass es nichts brachte, sich einer solch trügerischen Hoffnung hinzugeben.

Es war wie ein süßes, betäubendes Gift, nach dessen Genuss man gelähmt erwachte und der Realität ins Gesicht sehen musste.

Ihr Verstand hatte ihr längst gesagt, dass sie sich damit abfinden musste, dass Lars irgendwo im arktischen Eis für immer verschollen war und dass es bei diesen unwirtlichen klimatischen Verhältnissen keine Überlebenschancen gab. Auch nicht für jemanden, der sich dort auskannte.

Erinnerungen wachten auf. Die konnten schön, aber auch wie Fesseln sein, wenn man sich deren Endlichkeit bewusst machte.

Jetzt gab es also einen Stern, der ihren Namen trug, es gab eine letzte Nachricht, die wie ein Zeichen aus dem Jenseits wirkte. Das erschütterte Roberta, und wenn sie ganz ehrlich war, dann freute es sie nicht wirklich, weil es sie tief erschütterte und wieder alle Wunden aufriss, die begonnen hatten, ganz langsam zu verheilen.

Wie sehr er sie doch geliebt hatte!

Warum war ihr das nie so richtig bewusst geworden? Warum hatte sie mit ihren törichten Wünschen alles vergiftet, statt einfach nur abzuwarten? Sie wollte jetzt nicht schon wieder an diese Geschichte vom Fischer und seiner Frau denken, die unersättlich mit ihren Wünschen gewesen war, bis ihr zum Schluss nichts mehr geblieben war. Es war nicht wirklich vergleichbar, weil sie niemals mehr gewollt hatte als ihn. Halt nur nicht als Liebespartner, sondern als Ehemann, als den Vater ihrer gemeinsamen Kinder.

Er hatte es ebenfalls gewollt!

Warum war das Schicksal so grausam gewesen, ihn ihr dann zu nehmen, ehe sie auf dem Gipfel ihrer Liebe, ihrer Wünsche angekommen waren?

Diese Fragen würde ihr niemand beantworten, und so würde es für immer in ihrem Leben bleiben. Es würde schmerzen, unerfüllte Sehnsüchte hinterlassen.

Sie konnte nur froh sein, ihren Beruf zu haben, mit dem sie sich ablenken konnte. Roberta wusste nicht, was sonst geschehen würde.

Nach unendlich langer Zeit konnte sie sich alles ansehen, auch die Karte mit dem eingezeichneten Stern, und so wusste sie jetzt, dass sie ihn nicht immer, aber in klaren Herbstnächten sehen konnte.

Darauf kam es nicht an, sie musste ihn nicht sehen, schon allein das Gefühl, dass es einen Stern gab, der ihren und den Namen des geliebten Mannes trug, das reichte aus.

Sie nahm sein Foto wieder in die Hand, betrachtete es eine ganze Weile, dann küsste sie es und murmelte: »Danke, mein Liebster, danke für alles.«

Roberta war ihm in diesem Augenblick sehr, sehr nahe, umgekehrt konnte es ja nicht sein, zumindest nicht für sie. Sie war da ganz anders als ihre Freundin Nicki, die an Verbundenheit von Seelen, an Geisterscheinungen, an parapsychologische Phänomene glaubte.

Ihre Freundin Nicki!

Sie musste mit ihr reden, ihr erzählen, was sich ereignet hatte. Wenn jemand sie verstand, dann war es Nicki.

Auch wenn Nicki mit ihrer ungewollten Schwangerschaft gerade ziemlich viel eigene Probleme hatte, darauf wollte Roberta jetzt keine Rücksicht nehmen, weil Nicki es auch nicht akzeptieren würde, dass sie sich mit ihren Problemen allein herumschlug. Sie waren allerbeste Freundinnen, die miteinander alles teilten, die immer füreinander da waren. Daran würde sich niemals etwas ändern, zwischen sie passte kein Blatt Papier.

Sie drückte auf die Taste mit der gespeicherten Nummer, und dann war sie maßlos enttäuscht, dass nicht Nicki sich meldete, sondern die Stimme auf ihrem Anrufbeantworter.

»Nikola Beck, hallo, Sie hören nur meine Stimme, doch bitte legen Sie nicht auf, sondern hinterlassen Sie Ihre Telefonnummer, damit ich zurückrufen kann. Danke, auf bald.«

Roberta war so enttäuscht, dass sie keine Nachricht hinterlassen konnte, sie legte einfach auf. Dann erhob sie sich, ging nach nebenan in ihre Praxis und holte sich einige Akten. Sie hatte sich zwar vorgenommen, sich privat nicht mehr mit den Krankheiten ihrer Patientinnen und Patienten zu beschäftigen, doch das war es, womit sie sich ablenken konnte. Da hatte jeder Mensch so seine eigenen Methoden. Nicki begann zu essen, von Claire wusste sie, dass die sich beim Marathonlauf entspannen konnte, ihr half Arbeit.

Die Sonne schien noch immer ins Zimmer, und es war auch nicht die Jahreszeit, in der sie ihren Stern eventuell sehen konnte, dennoch ging sie zunächst auf ihre Terrasse und schaute in den klaren blauen Himmel.

Er hatte immer und überall an sie gedacht, ihr Lars, ihr Mr Right, ihre Lebensliebe.

Roberta setzte sich auf die Bank, die sie als Erinnerung vom Haus am See mitgenommen hatte, das nun dem Erdboden gleichgemacht worden war, strich über das leicht verwitterte Holz und dachte an Lars. Sie glaubte, ihn zu spüren, sie glaubte, ihn zu riechen.

War sie jetzt dabei, ihren Verstand zu verlieren?

Sie zuckte zusammen, als das Telefon klingelte? War es Nicki, die gesehen hatte, dass sie versucht hatte, sie zu erreichen?

Roberta sprang auf, ging in ihr Wohnzimmer, und dort stellte sie fest, dass es das Praxistelefon war, das klingelte. Sie hatte heute keinen Bereitschaftsdienst. Doch daran hielten sich ihre Patienten nicht immer, und Roberta war froh darum, gebraucht zu werden. Sie meldete sich, die Anruferin war jene Frau Keppler, von der Claire ihr erzählt hatte, dass sie vermutlich depressiv war, weil sie sich in dem Leben im Sonnenwinkel nicht zurechtfand, in dem ihr umtriebiger Ehemann sie und die kleine Tochter geparkt hatte. Sie selbst kannte die Patientin noch nicht persönlich, und sie konnte sich auch überhaupt nicht vorstellen, was die an einem Mittwochnachmittag wollte.

Sie rief nicht wegen ihrer Stimmungen an, sondern weil sie hingefallen war und nun nicht wusste, ob sie ihr Fußgelenk gebrochen hatte oder nicht.

»Ich weiß, dass ich einen Notarzt hätte rufen müssen, doch bitte Frau Doktor, können Sie sich meinen Fuß einmal ansehen? Sie kennen mich mittlerweile, und außer Ihnen kenne ich niemanden.«

Die Frau glaubte, Claire zu sprechen, doch das musste Roberta jetzt nicht richtigstellen. Sie sagte nur: »Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Ich bin schon unterwegs.«

»Danke, Frau Doktor. Haben Sie meine Adresse?«, erkundigte Astrid Keppler sich.

»Die habe ich«, bestätigte Roberta. »Also dann bis gleich, Frau Keppler.«

Sie ging nach nebenan, schaute in den Computer, notierte sich die Adresse, dann ging sie zu ihrem Arztkoffer und verließ das Doktorhaus. Manchmal erhörte der liebe Gott die Gebete von einem sofort. Roberta war froh, etwas tun zu können. Schon auf der Fahrt dachte sie nicht mehr an Lars, nicht an den Stern, sondern an die Patientin. Sie hatte zwar nicht damit gerechnet, die sich so schnell ansehen zu müssen, worum Claire sie gebeten hatte. Aber so war es nun einmal.

Die Kepplers wohnten am Rande des Sonnenwinkels in einem sehr schönen Haus. Roberta kannte zwar die Grundstückspreise hier nicht, weil es sie nicht interessierte, doch sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass die Kepplers einen ordentlichen Batzen Geldes hinlegen mussten. Arm konnte sie also nicht sein. Dafür sprach auch, dass er der Alleinverdiener war und seine Frau es sich erlauben konnte, bei der kleinen Tochter zu sein.

Parkplätze gab es genug, Roberta parkte direkt vor dem Haus und eilte durch den sehr gepflegten Vorgarten, ging die zwei breiten Steinstufen hinauf und klingelte. Oskar Keppler stand auf dem silberfarbenem Türschild, nur sein Name allein. War dieser Oskar Keppler ein Macho, der das Sagen hatte, und war seine Frau deswegen depressiv?

Stopp!

Solche Gedanken waren unnötig wie ein Kropf, und sie durfte keine voreiligen Schlüsse ziehen, jeder Mensch hatte für alles seine Gründe.

Die Tür wurde ein Stückchen geöffnet, und ein kleines Mädchen schaute vorsichtig heraus.

»Bist du die Ärztin und kommst zu meiner Mama, um die wieder gesund zu machen?«, erkundigte sich die Kleine und musterte Roberta.

Roberta nickte.

»Ja, die bin ich, und wenn du mich jetzt hereinlässt, dann kann ich ganz schnell nach deiner Mama sehen.«

Die Kleine überlegte einen Augenblick, dann öffnete sie die Tür weiter und trat zurück. Sie mochte fünf, sechs Jahre alt sein und sah allerliebst aus in ihrem hübschen Kleidchen, das gewiss von einem Designer stammte. Sie hatte braune Locken, graue Augen, die sie weiterhin neugierig musterten.

Die Betrachtung war wohl zur Zufriedenheit der Kleinen ausgefallen, denn sie nickte, dann schloss sie die Haustür und lief voraus.

»Mami, du Ärztin ist da«, rief sie.

Roberta folgte dem Mädchen in ein großes Wohnzimmer, das sehr stylisch eingerichtet war, aber auch ein wenig unpersönlich und kühl wirkte. Robertas Geschmack war es nicht, doch sie war ja auch nicht zu einer Wohnungsbesichtigung hier.

Auf dem Sofa saß eine sehr schlanke und sehr leidend wirkende junge Frau, die eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem kleinen Mädchen hatte, sie hatten beide diese braunen Locken und die grauen Augen, die bei der Mutter allerdings ein wenig erloschen wirkten.

Als Astrid Keppler Roberta bemerkte, blickte sie ein wenig verunsichert drein.

»Ich dachte … Sie sind doch nicht …«, sie war verwirrt, und Roberta half ihr sofort weiter. »Sie kennen nur Frau Dr. Müller, doch die macht gerade Patientenbesuche, außerdem ist heute Nachmittag keine Sprechstunde. Wir haben Mittwoch.«

Astrid Keppler wurde feuerrot. »Das tut mir jetzt aber leid, bitte entschuldigen Sie.«

Roberta winkte ab.

»Alles ist gut, ich bin übrigens Roberta Steinfeld, mir gehört die Praxis, und jetzt will ich mir mal Ihren Fuß ansehen, deswegen haben Sie mich ja gerufen. Wie ist es denn passiert?«

Roberta erfuhr, dass Astrid Keppler zu schnell die Treppe hinuntergelaufen war.

»Dann bin ich umgeknickt … nun, ich hatte wohl auch nicht die richtigen Schuhe an … es waren welche mit ziemlich hohen Absätzen.«

Roberta bekam sehr schnell den Eindruck, dass sich diese Frau für alles entschuldigte. Sie sagte nichts, sah sich den Fuß an und stellte rasch fest, dass er nicht gebrochen, sondern nur verstaucht war, dem konnte Roberta rasch Abhilfe schaffen. Sie verarztete die junge Frau, doch sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie noch mehr auf dem Herzen hatte.

Ehe sie jedoch dazu kam, das vorzutragen, kam die kleine Tochter angelaufen und hielt Roberta ihre Puppe entgegen.

»Die hat was am Arm«, sagte sie.

»Amelie«, rief die Mutter gequält, »dafür ist die Frau Doktor nicht zuständig.«

Roberta achtete nicht auf den Einwand der Mutter.

»Dann werde ich mir deine Puppe mal ansehen«, sagte sie, nahm die Puppe in die Hand, untersuchte sie, dann sagte sie. »Wir haben Glück, deine Puppe braucht nur ein Pflaster, wenn du magst, dann werde ich ihr das geben.«

Amelie nickte ganz begeistert.

Roberta holte ein kleines Pflaster aus ihrem Arztkoffer, und sie bemerkte, wie aufmerksam die Kleine ihr Tun verfolgte.

Also ließ Roberta sich Zeit, das Pflaster ordentlich anzulegen, dann reichte sie der Kleinen ihre Puppe.

»Ich denke, dein Püppchen sollte jetzt ein wenig schlafen, und du solltest bei ihr bleiben.«

Roberta hatte nämlich das Gefühl, dass die Kindesmutter ihr etwas sagen wollte, was nicht für die Ohren der Kleinen bestimmt waren.

Amelie nickte, blickte ihre Mutter an.

»Mami, ich bleibe dann bei meinem Baby, ja?«

Sie durfte das, und als Amelia aus dem Zimmer war, begann Astrid auch sofort zu jammern, wie einsam sie sich fühle, wie allein gelassen von ihrem Mann, der ständig unterwegs sei.

»Ich habe hier keine Freundinnen, kenne niemanden, und besuchen will mich doch hier auch keiner. Oskar hat sich sehr verändert, in den ersten Jahren waren wir ständig zusammen, da konnte er nicht genug von mir bekommen. Jetzt ist er kaum noch daheim, und ich kann überhaupt nicht verstehen, warum wir hierher ziehen mussten.«

Sie blickte Roberta erwartungsvoll an, doch die hütete sich, etwas dazu zu sagen. Doch weil die junge Frau eine Antwort erwartete, bemerkte sie: »Vielleicht hat Ihr Ehemann das Haus günstig kaufen können, und ein Haus in dieser Gegend zu besitzen, das ist auf jeden Fall eine Kapitalanlage, die Preise steigen ständig, und es können längst nicht alle Anfragen befriedigt werden. Frau Keppler, man wohnt so schön hier, das werden Sie auch noch feststellen. Schicken Sie Ihre kleine Tochter in den Kindergarten, und Sie können, wenn Sie es wollen, sich ehrenamtlich betätigen. Beispielsweise im Tierheim in Hohenborn, dort wird jede Hand gebraucht, und die Leiterin, Frau Dr. Fischer, ist eine sehr patente Frau.«

Astrid seufzte.

»Das geht nicht, ich habe eine Tierhaarallergie, außerdem ha­be ich es nicht so mit Tieren.«

»Und wenn Sie sich nun einen Aushilfsjob in der Buchhandlung oder in einer der Boutiquen suchen, während die kleine Amelie im Kindergarten ist?«

»Oskar will nicht, dass ich arbeite«, kam es prompt. »Außerdem weiß ich nicht, ob mir das Spaß machen würde.«

»Und was würde Ihnen Spaß machen?«, wollte Roberta wissen. Wieder ein Achselzucken.

»Ich weiß nicht.«

Das konnte jetzt nicht wahr sein, diese junge Frau sah so hübsch aus, machte einen intelligenten Eindruck.

»Was haben Sie denn bislang gemacht?«

»Ich habe in einem Reisebüro gearbeitet. Eines Tages kam Oskar herein, wir haben uns ineinander verliebt, haben geheiratet, und dann habe ich Amelie bekommen. Als wir in der Stadt wohnten, habe ich Freundinnen getroffen, bin shoppen gegangen. Oskar ist sehr großzügig, er hat mir eine Scheckkarte gegeben, die ich beliebig einsetzen durfte. Dann hatte er immer mehr auswärts zu tun, und dann hat er das Haus hier gekauft, vielleicht auch nur gemietet. Ich weiß es nicht mal, und es interessiert mich auch nicht. Auf jeden Fall bleibt er immer häufiger weg … Wenn er daheim ist, dann ist er sehr, sehr lieb, und dann ist alles wie früher … Er kommt und geht wie er will, und wenn er …«

Sie brach ihren Satz ab, denn auf einmal wurde es laut in der Diele, die kleine Amelie quietschte: »Papi«, und wenig später kam ein hochgewachsener Mann ins Wohnzimmer und trug die kleine Amelie auf dem Arm.

»Hallo, mein Schatz, ich …«

Er brach seinen Satz ab, als er bemerkte, dass seine Frau nicht allein war. Er ließ Amelie herunter, wandte sich seiner Frau zu. »Du hast Besuch?« Seiner Stimme war nicht zu entnehmen, ob ihm das gefiel oder nicht.