Der neue Sonnenwinkel 47 – Familienroman - Michaela Dornberg - E-Book

Der neue Sonnenwinkel 47 – Familienroman E-Book

Michaela Dornberg

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Beschreibung

Vor Robertas Haustür liegt ein neugeborenes Mädchen, Adrienne. Roberta und Alma sind vollkommen aus dem Häuschen, aber auch überfordert. Da erweisen sich Inge Auerbach und Teresa von Roth als sehr hilfreiche Engel. Bea und Alex befinden sich auf einem sehr guten Weg. Er zerstreut mehr und mehr ihre Zweifel, keine neue Bindung eingehen zu dürfen, solange die alte formal noch nicht beendet, wenn auch endgültig gescheitert ist. Bea ist jetzt tatsächlich glücklich mit Alex. Plötzlich ruft Horst an mit einer erstaunlichen Neuigkeit. Er drängt auf ein schnelles Ende ihrer Ehe. Horst ist sogar bereit, sehr viel Geld dafür zu zahlen. Eine halbe Million! Inge und Werner frühstücken gemeinsam. Ihre Harmonie kennt keine Grenzen mehr. Werner ist bereit, sein altes Leben aufzugeben. Inge ist sprachlos vor Glück. Roberta hätte mit allem gerechnet, ganz gewiss nicht, dass Nickis Nachbar sie einmal anrufen würde. Sie fand ihn sehr nett, war der Meinung, dass er und ihre Freundin Nicki ein ganz wunderbares Paar waren. Darüber musste sie jetzt nicht nachdenken, außerdem wusste sie ja, dass die beiden Freunde waren, und wenn er mehr wollte und ihre Hilfe brauchte. Ehrlich gesagt, würde sie ihm die anbieten, weil ihre Freundin Nicki manchmal zu ihrem Glück gezwungen werden musste. "Hallo, Jens, das ist aber eine Überraschung", rief sie, "mit einem Anruf von dir hätte ich wirklich nicht gerechnet. Hat Nicki dir meine private Telefonnummer gegeben?" Er ging auf ihren launigen Ton nicht ein, sondern sagte, und aus seiner Stimme klang Erleichterung: "Gut, dass ich dich sofort erreiche, Roberta …, ich habe Nicki gerade ins Krankenhaus gebracht." Was sagte er da? Sofort gingen bei Roberta sämtliche Alarmglocken an. "Um Gottes willen, was ist passiert, Jens?" "Ich weiß nicht, sie hatte plötzlich starke Schmerzen, und da …, sie befindet sich jetzt noch in der Notaufnahme, doch ich darf nicht zu ihr, und ich bekomme auch keine Auskünfte. Roberta, du bist Ärztin, kannst du etwas tun? Ich stehe jetzt vor dem Krankenhaus, weil man ja drinnen nicht mit dem Handy telefonieren darf, und ich gebe dir jetzt meine Nummer. Bitte, rufe mich an, ich bin sehr besorgt." Das war zwar rührend von ihm, doch auch wenn sie Ärztin war, würde man ihr zwar die gewünschten Auskünfte geben. Doch sie kannte weder einen Kollegen oder eine Kollegin in dem Krankenhaus. In welchem war sie eigentlich? Noch besaß sie magische Kräfte und konnte nicht einfach auf einen Knopf drücken, und schon erfuhr sie alles. Sie musste sich ebenfalls erst einmal durchfragen.

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Der neue Sonnenwinkel – 47 –

Wenn ein Traum verweht

Wie gut, dass es Roberta als Frau für alle Fälle gibt!

Michaela Dornberg

Professor Jens Odenkirchen …

Roberta hätte mit allem gerechnet, ganz gewiss nicht, dass Nickis Nachbar sie einmal anrufen würde. Sie fand ihn sehr nett, war der Meinung, dass er und ihre Freundin Nicki ein ganz wunderbares Paar waren. Ein Wunsch, der sich wohl niemals erfüllen würde, denn der Professor hatte ständig neue Begleiterinnen, und Nicki …

Darüber musste sie jetzt nicht nachdenken, außerdem wusste sie ja, dass die beiden Freunde waren, und wenn er mehr wollte und ihre Hilfe brauchte. Ehrlich gesagt, würde sie ihm die anbieten, weil ihre Freundin Nicki manchmal zu ihrem Glück gezwungen werden musste.

»Hallo, Jens, das ist aber eine Überraschung«, rief sie, »mit einem Anruf von dir hätte ich wirklich nicht gerechnet. Hat Nicki dir meine private Telefonnummer gegeben?«

Er ging auf ihren launigen Ton nicht ein, sondern sagte, und aus seiner Stimme klang Erleichterung: »Gut, dass ich dich sofort erreiche, Roberta …, ich habe Nicki gerade ins Krankenhaus gebracht.«

Was sagte er da?

Sofort gingen bei Roberta sämtliche Alarmglocken an.

»Um Gottes willen, was ist passiert, Jens?«

»Ich weiß nicht, sie hatte plötzlich starke Schmerzen, und da …, sie befindet sich jetzt noch in der Notaufnahme, doch ich darf nicht zu ihr, und ich bekomme auch keine Auskünfte. Roberta, du bist Ärztin, kannst du etwas tun? Ich stehe jetzt vor dem Krankenhaus, weil man ja drinnen nicht mit dem Handy telefonieren darf, und ich gebe dir jetzt meine Nummer. Bitte, rufe mich an, ich bin sehr besorgt.«

Das war zwar rührend von ihm, doch auch wenn sie Ärztin war, würde man ihr zwar die gewünschten Auskünfte geben. Doch sie kannte weder einen Kollegen oder eine Kollegin in dem Krankenhaus. In welchem war sie eigentlich? Noch besaß sie magische Kräfte und konnte nicht einfach auf einen Knopf drücken, und schon erfuhr sie alles. Sie musste sich ebenfalls erst einmal durchfragen.

»Jens, wohin hast du Nicki gebracht?«, wollte sie wissen, »und beschreib mir bitte die Schmerzen, wann und wie sind sie aufgetaucht.«

Jens Odenkirchen verstand es, seine Studenten zu fesseln, jetzt benahm er sich ein wenig hilflos. Außerdem ahnte Roberta, was geschehen war, und als er ihr den Namen des Krankenhauses genannt hatte, atmete Roberta ein wenig auf. Mit diesem Krankenhaus hatte sie früher, vor gefühlten Ewigkeiten, als sie selbst in dieser Stadt ihre große Arztpraxis gehabt hatte, zu tun gehabt.

Sie ließ sich seine Nummer geben, versprach, sich mit ihm so oder so in Verbindung zu setzen, dann rief sie das Krankenhaus an. Dort erfuhr sie, dass man Nicki inzwischen auf die gynäkologische Abteilung gebracht hatte. Und dort war der Chefarzt noch immer Prof. Steiner, den Roberta gut kannte. Und der befand sich auch zufällig noch auf seiner Station.

Er freute sich, Robertas Stimme zu hören, und obwohl es ihr unter den Nägeln brannte, musste sie mit ihm ein wenig Small talk machen.

»Frau Kollegin, nach so langer Zeit wieder mal von Ihnen zu hören, dass ist wirklich eine ganz große Überraschung. Sie haben Glück, dass ich noch im Hause bin, sonst hätten wir uns verpasst, und das hätte mir unendlich leidgetan. Mit Ihnen zu reden, das war immer ein ganz besonderer Genuss, und Ihre fachliche Kompetenz habe ich vermisst. Was verschafft mir das Vergnügen? Wollen Sie sich erneut in unserer schönen Stadt niederlassen. Oder wenn Sie einen Job im Krankenhaus hier bei uns suchen und mich als Referenz brauchen. Ich bin jederzeit gern bereit, nicht nur eine Hand für Sie ins Feuer zu legen, Sie sind eine Bereicherung für jeden.«

Worte, die ihr normalerweise heruntergegangen wären wie Öl, jetzt stand ihr nicht der Sinn danach. Sie erkundigte sich direkt nach ihrer Freundin Nicki.

Sofort ging er darauf ein.

»Ja, wir haben die Patientin Nikola Beck auf die Station bekommen, sie hatte einen natürlichen Abort, die Ausschabung wird gerade vorgenommen, und da sie allein lebt, werden wir die Dame über Nacht hier bei uns behalten, dann sind auch die Nachwirkungen der Narkose verflogen, und sie kann wieder nach Hause gehen.«

Roberta hatte es geahnt, und der Professor hatte es bestätigt.

Arme, arme Nicki!

Mehr konnte sie nicht denken.

Was war das denn für eine Grausamkeit des Schicksals?

Schön, Nicki war zuerst entsetzt gewesen, hatte das Kind nicht haben wollen, doch dann hatte sie sich gefreut. Sie hatten sogar schon voller Vergnügen Babysachen eingekauft, sie hatte Patentante werden sollen, und Nicki hatte sich auf ein Leben als allein erziehende Mutter eingestellt. Diese Gedanken schossen ihr durch den Kopf, während sie mit dem Professor redete.

Dann fasste sie einen Entschluss. »Ich werde ins Krankenhaus kommen und meine Freundin abholen, zu Hause ist sie besser aufgehoben.«

Dieser Meinung war der Professor überhaupt nicht.

»Frau Kollegin, ich bitte Sie, es ist nicht nötig, dass Sie herkommen, morgen kann Ihre Freundin das Krankenhaus allein verlassen. Frau Beck schwebt schließlich nicht in Lebensgefahr. Der bei ihr gerade gemachte Eingriff ist bei uns Alltäglichkeit. Fehlgeburten innerhalb der ersten vier Schwangerschaftsmonate kommen häufig vor, doch wem sage ich das, das wissen Sie so gut wie ich.«

Ja, richtig, aus medizinischer Sicht war alles zutreffend. Doch Professor Steiner konnte ja überhaupt nicht wissen, wie eng Nicki und sie miteinander verbunden waren, dass sie zusammenhielten wie Pech und Schwefel und dass sie füreinander da waren, wenn ihnen ihr Leben gerade um die Ohren flog. Es war so, und das musste sie niemandem erklären.

Roberta erklärte Professor Steiner, dass sie auf jeden Fall kommen würde, und vor Ort würde sie dann entscheiden, ob es sinnvoller war, Nicki für diese eine Nacht im Krankenhaus zu lassen oder sie nach Hause zu bringen. Sie wollte auf jeden Fall bei ihr sein, wenn sie aus der Narkose erwachte.

»Es liegt bei Ihnen, meine Liebe, da vertraue ich Ihnen vollkommen. Ich bedaure sehr, dass ich gleich weg muss, sonst wäre es mir ein großes Vergnügen gewesen, Sie begrüßen zu dürfen, mich mit Ihnen zu unterhalten.«

»Ja, es wäre schön gewesen«, bestätigte Roberta, und unter normalen Umständen wäre es auch sogar so gewesen. »Vielleicht klappt es ein andermal.«

Roberta war sich beinahe sicher, dass es wohl dazu niemals kommen würde. Aber man sollte nie nie sagen. Nachdem das Telefonat beendet war, rief sie Jens an, erzählte ihm, dass sie kommen würde und dass er nach Hause gehen solle, weil er für Nicki augenblicklich nichts tun könne.

»Und was ist mit ihr?«, erkundigte er sich, und seine Stimme klang ziemlich besorgt, eigentlich zu besorgt für einen Nachbarn.

Sie erklärte ihm, dass sie doch der ärztlichen Schweigepflicht unterliege und ihm nichts sagen dürfe.

»Aber du weißt doch, dass wir Freunde sind.«

»Jens, das zählt nicht, und lass uns jetzt bitte nicht darüber diskutieren, es geht ihr gut, das muss dir reichen. Ich bin überzeugt davon, dass Nicki dir alles erzählen wird, und nun lass uns bitte aufhören, je eher wir unser Telefonat beenden, umso schneller kann ich bei Nicki sein.«

Zum Glück war er einsichtig.

Roberta hätte sich den Verlauf ihres Feierabends anders vorgestellt, doch natürlich musste sie jetzt zu Nicki fahren, daran gab es überhaupt keinen Zweifel. Nicki brauchte jetzt ihren Beistand, denn ihre Freundin konnte sich in ihre Gefühle voll hineinfallen lassen, und da wusste man nicht, wie sie reagieren würde.

Roberta hinterließ eine Nachricht für Alma, packte vorsichtshalber ein paar Sachen zusammen, dann machte sie sich auf den Weg.

Von unterwegs rief sie Claire an, erzählte der, was geschehen war, und deren Reaktion war sofort: »Du musst dich um deine Freundin kümmern, Roberta, und mach dir bitte keine Sorgen, die Sprechstunde morgen, die schaffe ich allein.«

»Aber es sind viele Patienten angemeldet«, erinnerte Roberta sie.

Das bestätigte Claire, fügte jedoch hinzu: »Roberta, ich muss dich jetzt nicht daran erinnern, dass du das immer allein geschafft hast, schon vergessen? Oder traust du mir nicht zu, es ebenfalls stemmen zu können?«

Welche Frage!

Claire mit in der Praxis zu haben, das war das Beste, was ihr passieren konnte. Es war ja nicht nur so, dass sie sich menschlich so gut verstanden, nein, sie ergänzten sich auch in ärztlicher Hinsicht ganz wunderbar. Claire war tüchtig, kompetent, man konnte sich auf sie verlassen.

Das sagte Roberta ihr auch, dann fügte sie hinzu: »Danke, dass du mir die Wahl lässt, unter Umständen bei Nicki zu bleiben. Ich bin davon überzeugt, dass sie am Boden zerstört sein wird, weil sie sich so sehr auf das Baby gefreut hat.«

»Und deswegen braucht sie auch deinen Beistand. Roberta, konzentriere dich auf deine Freundin, das ist augenblicklich wichtiger als alles andere, ja?«

Roberta war erleichtert, sie erklärte Claire noch einiges zu den Patientinnen und Patienten, die bei ihr angemeldet waren, dann beendete sie das Gespräch. Sie musste sich wirklich überhaupt keine Sorgen machen, weil sie sich auf Claire verlassen konnte, und im Sonnenwinkel war Claire mittlerweile ja auch sehr anerkannt, denn es hatte sich bis in die allerletzte Ecke herumgesprochen, dass Claire geistesgegenwärtig dieser jungen Frau das Leben gerettet hatte, die deren gieriger Ehemann erschießen wollte. So etwas kam immer an, und so etwas schaffte Vertrauen.

Um die Praxis musste sie sich keine Gedanken machen, um ihre Freundin Nicki schon.

Was Nicki widerfahren war, das war wirklich kein Einzelfall, da musste sie ihrem Kollegen Steiner zustimmen. Doch damit konnte man jemanden, der betroffen war, nicht trösten.

Für einen selbst war das widerfahrene Leid immer am größten, und wer konnte das besser bestätigen als sie. Sie hatte kein ungeborenes Kind verloren, sondern die Liebe ihres Lebens, und nicht nur das, der Verbleib von Lars würde ewig im Dunkel bleiben.

Schicksal …

Warum es wann und wie zuschlug, darauf hatte niemand einen Einfluss, und es ließ sich auch nicht aufrechnen, wer von einem Schicksalsschlag besonders betroffen war.

Als ihr Wagen zu schlingern anfing, riss Roberta sich zusammen, sie musste sich auf die Straße konzentrieren, denn leider hatte es angefangen zu regnen, und die Sicht war schlecht.

Nicki würde jetzt prompt sagen, dass der Himmel weinte. Doch das war für Roberta zu weit hergeholt.

*

Als Roberta auf dem Krankenhausparkplatz aus ihrem Auto stieg, sah sie am erleuchteten Hauptportal eine einsame Gestalt stehen, und sie erkannte Jens.

Also war er doch nicht ihrem Rat gefolgt und war nach Hause gegangen. Das war auf der einen Seite zwar unglaublich nett, andererseits war es unnötig.

Auch er erkannte sie und kam auf sie zugelaufen, umarmte sie.

»Man lässt mich noch immer nicht zu Nicki«, beschwerte er sich, »aber man hat sie auf ein Zimmer gebracht. Bitte, Roberta, verrate mir, was mit ihr ist.«

Sie hatte es ihm gesagt, und sie hatte keine Lust, es zu wiederholen.

»Jens, du nervst«, sagte sie ein wenig ungehalten, und er blickte sie schuldbewusst an. »Ich weiß, ich hätte selbst nicht geglaubt, dass es mir so nahe gehen würde, Nicki in ein Krankenhaus bringen zu müssen und dann nicht zu erfahren, was eigentlich mit ihr los ist.«

Sie ergriff ihn beim Arm.

»Jens, spätestens morgen ist Nicki wieder daheim, und ich bin überzeugt davon, dass sie dir dann alles erzählen wird. Und du gehst jetzt bitte nach Hause. Hier kannst du nichts mehr ausrichten, und ich bin ja nun da.«

Ganz so schnell wollte er nun doch nicht aufgeben. Er blickte sie an, und das erinnerte Roberta unwillkürlich an das, was man leichthin sagte, einen treuen Dackelblick. Doch darauf fiel sie nicht herein, und als er bettelte: »Und eine Andeutung, die kannst du mir auch nicht machen?«, schüttelte sie entschieden den Kopf. »Nein, Jens, auch das nicht. Und nun entschuldige mich bitte, und ehrlich, geh bitte nach Hause. Du kannst hier nichts mehr ausrichten, und du musst morgen fit sein, wenn du deine Vorlesungen hältst.«

Sie umarmte ihn flüchtig, und dann ging sie einfach an ihm vorbei ins Krankenhaus hinein, in dem überall nur so eine Art Notbeleuchtung brannte, was die Tristesse erhöhte, die Krankenhäuser alle an sich hatten. Das war verständlich, wer ging schon freiwillig in ein Krankenhaus, es sei denn, um ein Kind auf die Welt zu bringen, das war ein freudiges Ereignis. Und dabei fiel ihr wieder Nicki ein, die ihr Baby verloren hatte.

Sie wusste, wo die gynäkologische Abteilung zu finden war, und nach Nickis Zimmernummer musste sie nicht fragen, das würde sie oben tun, weil sie sich eh zuerst einmal im Schwesternzimmer und beim diensthabenden Kollegen oder der Kollegin erkundigen würde. Und zum Glück würde man ihr Auskunft geben, auch wenn sie nur die Freundin war. Kollegen untereinander tauschten sich aus.

In der Gynäkologie sah es sehr viel freundlicher aus, man sparte nicht an Strom, die Wände waren frisch gestrichen, und es gab einen hellen, freundlichen Fußboden, den es noch nicht gegeben hatte, als sie zum letzten Male hier war. Ach Gott, wie lange lag das schon zurück. Irgendwie kam es Roberta vor wie aus einem anderen Leben, zu dem sie überhaupt keinen Bezug mehr hatte. Und würde Nicki nicht noch immer hier wohnen, wäre sie auch niemals mehr hergekommen. Es war wirklich schade, dass Nicki sich so sehr sträubte, in den Sonnenwinkel zu ziehen. Damit war es jetzt wohl ganz vorbei, seitdem sie sich den Traum erfüllt hatte, in einem Fabrikloft zu wohnen. Manches erledigte sich von selbst. Diese Wohnung war eigentlich nicht für kleine Kinder geeignet, jetzt hatte es sich erledigt. Doch es wäre zynisch, jetzt zu behaupten, dass es gut war. Von gut konnte man in einer solchen Situation überhaupt nicht sprechen, und schon überhaupt nicht, wenn man sich auf sein Kind wirklich gefreut hatte.

Sie traf die Kollegin gerade im Schwesternzimmer an, und so konnte sie gleich beide Fliegen mit einer Klappe schlagen, sich nicht nur nach Nickis Zimmernummer, sondern auch gleich nach deren Befinden zu erkundigen.

Sie erfuhr nicht viel mehr als das, was Professor Steiner ihr bereits gesagt hatte. Nicki hatte alles gut überstanden, und nicht mehr lange, dann waren auch die Nachwirkungen der Narkose verflogen.

Professor Steiner hatte seine Mitarbeiterin offensichtlich informiert, die hatte ebenfalls keine Bedenken, dass Roberta ihre Freundin mitnehmen würde, schlug aber ebenfalls vor, Nicki möge noch die Nacht im Krankenhaus verbringen. Sie überließ es Roberta, eine Entscheidung zu treffen, die schließlich eine sehr erfahrene Ärztin war.

Und dann endlich konnte Roberta zu Nicki gehen, die in einer Art Dämmerschlaf im Bett lag. Sie sah aus wie immer, nicht mitgenommen, nicht aufgelöst. Roberta wusste, dass alles noch kommen würde, wenn sie wieder ganz bei sich war. Und deswegen wollte sie ja auch bei Nicki sein, um ihr beizustehen.

Roberta zog sich einen Stuhl heran, setzte sich neben das Bett, hielt Nickis Hand. Über deren Mund huschte ein Lächeln, doch sie konnte noch nicht wissen, dass ihre Freundin bei ihr war.

Der Raum war in ein angenehmes Licht gehüllt, es war sehr still, Nicki atmete gleichmässig, Roberta beruhigte sich allmählich, sie war froh, gekommen zu sein.

Die Nachtschwester kam noch einmal auf ihrem Rundgang vorbei, war aufmerksam genug, Roberta etwas zu trinken zu bringen, dann war es wieder still. Die Schwester würde nicht noch einmal kommen, weil sie die Patientin in allerbesten Händen wusste.

Von draußen drangen Geräusche ins Zimmer, und das ließ Roberta hochschrecken, die doch tatsächlich ein wenig eingenickt war, was allerdings auch nicht verwunderlich war, wenn man bedachte, wie lang ihre Arbeitstage immer waren.

Roberta hatte sich entschlossen, dem Rat ihrer Kollegen zu folgen und Nicki nicht nach Hause zu bringen, mitten in der Nacht machte es überhaupt keinen Sinn. Aber es hätte ja auch alles ganz anders sein können.

Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen. Gestern war die Welt für Nicki noch in Ordnung gewesen, als sie miteinander telefoniert hatten, Nicki hatte ihr voller Stolz erzählt, dass sie an einem kleinen Kuscheltierchen einfach nicht vorübergehen konnte und es kaufen musste. Und nun war sich Roberta nicht einmal sicher, ob Nicki es überhaupt ausgepackt hatte.

Ein kleines Kuscheltier …

Sie erinnerte sich daran, wie fröhlich und entspannt sie gewesen waren, als sie gemeinsam die vielen Einkäufe für das Baby getätigt hatten, und sogar einen Kinderwagen hatten sie bereits ausgesucht.

Es war unmöglich, diese Gedanken fortzusetzen, weil sie in ihr einen großen Schmerz verursachten, und wie würde es erst einmal in Nicki aussehen, wenn die die bittere Wahrheit erfuhr.

Roberta war darin geübt, Nachrichten zu überbringen, auch welche, die nicht immer schön waren. Doch ein wenig graute ihr schon davor, Nicki die Wahrheit zu erzählen.

War es Gedankenübertragung gewesen?

Roberta hörte Geräusche, öffnete die Augen, blickte Nicki an, die dabei war zu erwachen.

Nicki blinzelte, ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, doch diesmal war es bewusst, denn sie hatte ihre Freundin erkannt.

Roberta beugte sich vor, ergriff erneut Nickis Hand, lächelte ebenfalls.

Ein Moment verstrich, bei Nicki setzte die Erinnerung ein. Sie richtete sich auf: »Wo bin ich?«

Ehe Roberta etwas sagen konnte, erinnerte Nicki sich auch daran, dann strich sie mit beiden Händen unbewusst über die Bettdecke, strich über ihren Bauch. Ihre Gesichtszüge veränderten sich, ihre Augen waren schreckgeweitet, in ihrem Gesicht begann es zu zucken, ihr Atem ging stoßweise. Ihr dämmerte, was geschehen war, man fühlte so etwas.

»Mein Kind«, wimmerte Nicki, machte sekundenlang eine Pause, ehe sie dumpf ächzte: »Ich habe es verloren.«

Nach diesen folgenschweren Worten war es still, doch es war eine unangenehme, eine lastende Stille. Roberta wusste, dass sie jetzt eigentlich etwas sagen musste, doch was? Es einfach bestätigen? Nicki war jetzt schon am Rande ihrer Kräfte.

»So sag doch etwas, Roberta«, drängte Nicki schließlich, »sag, dass es wahr ist, dass ich mein Baby …«, sie brach ihren Satz ab, begann hemmungslos zu schluchzen.

Roberta versuchte alles, ihre Freundin zu beruhigen. Es gelang nicht, denn Nicki hatte sich verloren in dieser Welle des Schmerzes. Normalerweise gelang es Roberta immer, die richtigen Worte zu finden. Nicki so zu erleben, das brach ihr beinahe das Herz, dieser Schmerz, diese Verzweiflung, diese Hoffnungslosigkeit …

Roberta war hier nicht nur als Freundin, die selbst emotional sehr berührt war, sondern sie war auch Ärztin und wusste, dass gehandelt werden musste. Ihr selbst waren hier im Krankenhaus die Hände gebunden, doch sie ließ ihre Kollegin rufen und bat diese, Nicki eine Beruhigungsspritze zu geben, das musste jetzt einfach sein. Es wurde zwar allgemein gesagt, dass man vieles ertragen konnte und auch musste, doch nicht um jeden Preis.

Irgendwann begann die Spritze zu wirken, Nicki wurde apathisch, ruhig, dann schlief sie ein. Und Roberta atmete insgeheim ein wenig auf, weil es gut war, dass Nicki wenigstens vorübergehend zur Ruhe kam.

Und danach …

Daran wollte Roberta jetzt lieber nicht denken. Wenn Nicki wieder aufwachte, war Zeit genug.