Der neue Sonnenwinkel 51 – Familienroman - Michaela Dornberg - E-Book

Der neue Sonnenwinkel 51 – Familienroman E-Book

Michaela Dornberg

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Beschreibung

Vor Robertas Haustür liegt ein neugeborenes Mädchen, Adrienne. Roberta und Alma sind vollkommen aus dem Häuschen, aber auch überfordert. Da erweisen sich Inge Auerbach und Teresa von Roth als sehr hilfreiche Engel. Bea und Alex befinden sich auf einem sehr guten Weg. Er zerstreut mehr und mehr ihre Zweifel, keine neue Bindung eingehen zu dürfen, solange die alte formal noch nicht beendet, wenn auch endgültig gescheitert ist. Bea ist jetzt tatsächlich glücklich mit Alex. Plötzlich ruft Horst an mit einer erstaunlichen Neuigkeit. Er drängt auf ein schnelles Ende ihrer Ehe. Horst ist sogar bereit, sehr viel Geld dafür zu zahlen. Eine halbe Million! Inge und Werner frühstücken gemeinsam. Ihre Harmonie kennt keine Grenzen mehr. Werner ist bereit, sein altes Leben aufzugeben. Inge ist sprachlos vor Glück. Roberta blieb stehen, verharrte einen Augenblick lang bewegungslos, dann drehte sie sich langsam um. Unvermittelt ihren Namen zu hören, das hatte ganz merkwürdige Gefühle in ihr ausgelöst … Erstaunen, irgendwie auch Freude … Erinnerung. Roberta glaubte, die Stimme des Mannes zu kennen. Und dann standen sie sich gegenüber. Der Mann war ihr zuvor überhaupt nicht aufgefallen, weil Roberta sich zu sehr in ihre Gedanken verloren hatte, in sich gekehrt den ihr so sehr bekannten Weg gegangen war. Der Mann war groß, schlank, sportlich, trug eine graue Jeans, einen grauen grobgestrickten Pullover, darunter ein weißes Shirt, über allem eine schwarze lässig geschnittene Lederjacke. Es lag nicht an seiner Kleidung, die ihr gefiel, die sie an Lars erinnerte. Der war immer ähnlich angezogen gewesen und hatte wie dieser Mann lässig gewirkt. Nein, das alles nahm sie bewusst überhaupt nicht wahr. Sie schaute in sein schmales Gesicht, aus dem graue Augen sie musterten. Roberta war es, die sich zuerst fasste, das Schweigen beendete, indem sie sich ungläubig erkundigte: "Konstantin? Konstantin von Cleven?" Er strahlte sie an, sie hatte ins Schwarze getroffen, denn er machte einen Schritt auf Roberta zu, schloss sie überwältigt in seine Arme. "Bitte, kneif mich mal, damit mir bewusst wird, dass du es wirklich bist, dass ich nicht träume." Seine Stimme war wohlklingend, klang jetzt ein wenig aufgeregt. Er blickte sie an. Es war ein offenes, gewinnendes Lachen, das plötzlich erklang, und es erinnerte Roberta an den Konstantin von früher. Roberta war fassungslos. Es konnte nicht wahr sein, dass sie sich ausgerechnet hier am Sternsee trafen, und das nach so vielen Jahren! Ihre Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit.

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Der neue Sonnenwinkel – 51 –

Freunde, Versöhnung und die große Liebe

Nur Stella ist nicht glücklich geworden

Michaela Dornberg

Roberta blieb stehen, verharrte einen Augenblick lang bewegungslos, dann drehte sie sich langsam um.

Unvermittelt ihren Namen zu hören, das hatte ganz merkwürdige Gefühle in ihr ausgelöst … Erstaunen, irgendwie auch Freude … Erinnerung.

Roberta glaubte, die Stimme des Mannes zu kennen.

Und dann standen sie sich gegenüber. Der Mann war ihr zuvor überhaupt nicht aufgefallen, weil Roberta sich zu sehr in ihre Gedanken verloren hatte, in sich gekehrt den ihr so sehr bekannten Weg gegangen war.

Der Mann war groß, schlank, sportlich, trug eine graue Jeans, einen grauen grobgestrickten Pullover, darunter ein weißes Shirt, über allem eine schwarze lässig geschnittene Lederjacke.

Es lag nicht an seiner Kleidung, die ihr gefiel, die sie an Lars erinnerte. Der war immer ähnlich angezogen gewesen und hatte wie dieser Mann lässig gewirkt. Nein, das alles nahm sie bewusst überhaupt nicht wahr. Sie schaute in sein schmales Gesicht, aus dem graue Augen sie musterten.

Roberta war es, die sich zuerst fasste, das Schweigen beendete, indem sie sich ungläubig erkundigte: »Konstantin? Konstantin von Cleven?«

Er strahlte sie an, sie hatte ins Schwarze getroffen, denn er machte einen Schritt auf Roberta zu, schloss sie überwältigt in seine Arme.

»Bitte, kneif mich mal, damit mir bewusst wird, dass du es wirklich bist, dass ich nicht träume.« Seine Stimme war wohlklingend, klang jetzt ein wenig aufgeregt.

Er blickte sie an. Es war ein offenes, gewinnendes Lachen, das plötzlich erklang, und es erinnerte Roberta an den Konstantin von früher.

Roberta war fassungslos. Es konnte nicht wahr sein, dass sie sich ausgerechnet hier am Sternsee trafen, und das nach so vielen Jahren!

Ihre Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit. Sie hatten gemeinsam Medizin studiert, sehr viel Zeit miteinander verbracht, sich ausgezeichnet verstanden, und sie waren sich auf eine scheue, unschuldige Weise nähergekommen. Doch dann war er nach Amerika gegangen, weil er ein Stipendium für Yale bekommen hatte. Dort hatte Konstantin sein Studium fortgesetzt, und auch sie hatte kurz darauf die Universität gewechselt, weil sie mit jemandem tauschen konnte. Das hätte sie besser nicht getan, denn dort war sie auf Max Steinfeld, ihren späteren Ehemann getroffen, und das Unheil hatte begonnen. Doch daran wollte Roberta sich jetzt wirklich nicht erinnern. Dafür freute sie sich über dieses unverhoffte Zusammentreffen mit Konstantin viel zu sehr.

Nachdem sie sich von ihrer ersten Überraschung ein wenig erholt hatten, stellten sie beinahe gleichzeitig die Frage: »Was machst du hier?«

Das war für Roberta nicht so leicht zu beantworten, denn es gab viel zu erzählen, und so schlug sie Konstantin vor, er möge sie doch begleiten.

Merkwürdigerweise sprachen sie beide auf dem Weg zum Doktorhaus nicht viel, beide waren sie wohl von dem unverhofften Zusammentreffen zu überrascht gewesen, und beide hingen sie ihren Gedanken nach, die in die Vergangenheit führte, die schon so viele Jahre zurücklag. Beide waren sie mehr als erfreut, sich getroffen zu haben.

Als sie am Doktorhaus angekommen waren, blieb Roberta stehen, wandte sich ihm zu und sagte voller Stolz: »Das ist mein Haus, hier wohne ich, und hier habe ich auch meine Praxis.«

Seine Gedanken überschlugen sich, er hätte mit allem gerechnet, gewiss nicht damit, dass diese hochbegabte Frau, die immer hoch hinaus wollte, in der Provinz landen würde. Mehr noch irritierte ihn der Name, der auf dem Praxisschild stand. Er schluckte, und seine Stimme klang enttäuscht, als er sich erkundigte: »Du bist verheiratet?«

Sie wusste für einen Moment nicht, was er mit dieser Frage bezweckte, dann schüttelte sie den Kopf und rief: »War, Konstantin, doch komm erst mal rein, ich denke, dass wir uns viel zu erzählen haben.«

Dieser Bitte kam er gern nach, drinnen hatte er nicht viel Zeit, sich in der wirklich hübsch eingerichteten Wohnung umzusehen, weil er deswegen nicht hier war.

Wenig später saßen sie sich gegenüber, tranken Wein, und dann begannen sie zu erzählen. Konstantin hatte ebenfalls eine Ehe hinter sich, war geschieden. Nach langjährigem Aufenthalt in Amerika war er nach Deutschland zurückgekehrt, war mittlerweile Professor, hatte eine große Karriere gemacht.

»Mittlerweile weiß ich, dass es nicht mein Ding ist«, erklärte er. »Ich habe ein Angebot ganz hier in der Nähe bekommen, ich soll für das Hohenborner Krankenhaus die Kardiologie aufbauen, das ist mein Fachgebiet. Es sind großartige Voraussetzungen, ich allein kann entscheiden. Hohenborn ist ja ganz nett, reißt einen nicht unbedingt vom Hocker, aber dieser See, der hat wirklich etwas. Man hatte mir empfohlen, mir den anzusehen, dass ich dabei dich treffen würde.« Er strahlte sie an. »Mensch, Roberta, ich kann es noch immer nicht fassen … dich ausgerechnet hier zu treffen. Du glaubst überhaupt nicht, wie sehr ich es schon bedauert habe, dass wir uns aus den Augen verloren haben.«

»Du hättest dich nur melden müssen, Konstantin.«

»Das habe ich, doch du warst nicht erreichbar.«

Ja klar, sie hatte, als sie die Uni gewechselt hatte, keine Nachsendeadresse hinterlassen. Auch sie hatte gern und oft an ihn gedacht, freilich kaum noch, nachdem das mit Max begonnen hatte und der neuen Clique, die sie rasch gefunden und zu der auch Enno Riedel gehört hatte, der hier ihr Vorgänger gewesen war.

Daran hielt er sich nicht lange fest, denn er wollte wissen, was sie hierher verschlagen, wie es ihr ergangen war.

Es gab viel zu erzählen, und er hörte gespannt zu. Sie sprach über die große Praxis, die sie ihrem Exmann überlassen und die er sehr schnell gegen die Wand gefahren hatte, das Angebot, sich hier niederzulassen.

»Und das hast du nie bereut, Roberta?«, erkundigte er sich ein wenig ungläubig.

Sie zögerte nicht mit ihrer Antwort, schüttelte den Kopf und sagte mit fester Stimme: »Konstantin, es war meine beste Entscheidung. Hier bin ich angekommen, und eigentlich ergreift man doch in erster Linie den Arztberuf, um den Patientinnen und Patienten nahe zu sein. Das ist man hier, denn natürlich gehören Hausbesuche zum Alltag. Es ist nichts mit geregelter Arbeitszeit, aber wenn das mein Ziel wäre, dann hätte ich Beamtin werden müssen.«

Sie erzählte auch von Claire, die jetzt bei ihr arbeitete, so wie es früher in der großen Praxis der Fall gewesen war.

»Claire hat sogar Jahre in Rom hinter sich, sie vermisst nichts von ihrem früheren Leben, ist hier ebenfalls angekommen.«

Er lachte.

»So, wie sich das alles anhört, dann habe ich ja überhaupt keine andere Wahl, als den Job in Hohenborn anzunehmen.«

»Konstantin, es ist ein sehr gutes Krankenhaus, und eine Kardiologie fehlt hier im ganzen Umkreis ganz dringend. Aber du darfst das alles hier natürlich nicht mit einer Universitätsklinik oder einem Spezialkrankenhaus in der Großstadt vergleichen. Eine Herausforderung ist es auf jeden Fall, und es liegt bei dir, was du daraus machst ….«, sie zögerte, dann fügte sie leise hinzu. »Ich würde mich auf jeden Fall freuen, dich in meiner Nähe zu haben. Es ist so unglaublich, dass wir uns ausgerechnet hier nach so vielen Jahren treffen, und ich weiß nicht, wie es dir geht. Ich habe das Gefühl, dich erst gestern zum letzten Male gesehen zu haben, sie ist wieder da, diese Vertrautheit.«

Das konnte er nur bestätigen.

»Mir geht es nicht anders, Roberta. Es ist eine so unglaubliche Freude, du hast dich überhaupt nicht verändert.«

Jetzt musste sie lachen.

»Nur dass ich älter geworden bin, was auch nicht zu übersehen ist, mein Lieber.«

Er erzählte von seinem Leben, sie von ihrem. Über Lars sprach sie nicht. Das war nichts, was man einfach so in den Raum warf. Irgendwann würde sie es Konstantin erzählen, doch das war ein Thema für sich.

Es war sehr aufregend.

Als Roberta sein Glas füllen wollte, wehrte er ab.

»Danke, das ist lieb gemeint, doch ich muss noch mit dem Auto fahren. Eigentlich wollte ich nach dem kurzen Abstecher zum See die Heimreise antreten, ich hatte im Hotel bereits ausgecheckt. Doch es dürfte kein Problem sein, wieder ein Zimmer zu bekommen.«

»Musst du nicht, Konstantin, du kannst in einem Gästezimmer hier bei mir übernachten. Und ich verspreche dir, dass meine Alma dir morgen früh ein Frühstück zubereiten wird, von dem du noch lange träumen kannst.«

Es hörte sich gut an, und er zögerte auch nicht lange, denn sie hatten sich noch eine ganze Menge zu erzählen.

»Das ist großartig. Gibt es hier ein Restaurant, in das ich dich einladen kann, Roberta?«

Sie nickte.

»Und was für eines, der ›Seeblick‹ ist ein Sternerestaurant, und die Wirtin ist sehr nett, ich bin mit ihr befreundet. Aber das können wir aufschieben, ein andermal hingehen, denn ich hoffe …«

Sie brach ihren Satz ab.

»Konstantin, wirst du den Job in Hohenborn annehmen und die Kardiologie aufbauen?«

Er zögerte kurz.

»Jetzt, da ich dich hier getroffen habe, würde ich natürlich sofort zusagen. Doch aus dem Alter für spontane Entscheidungen bin ich heraus. Ich habe da noch einiges zu überlegen. Und wir zwei, wir können uns doch auch unabhängig von diesem Job wieder treffen. Dafür würde ich alles tun, jetzt, da ich dich gefunden habe, möchte ich dich nicht wieder verlieren. Es fühlt sich alles so gut an, die alte Vertrautheit ist wieder da, und wir haben uns noch immer etwas zu sagen.«

Er fügte nicht hinzu, wie großartig er es fand, dass sie beide frei waren. Er wollte sie nicht erschrecken, und außerdem war auch das etwas, was man nicht übers Knie brechen konnte. Es waren viele Jahre vergangen, ihre Wege waren auseinandergedriftet, und auch wenn es sich so anfühlte wie früher, konnte man nicht dort anknüpfen, wo sie aufgehört hatten.

Er blickte sie an. Roberta erschien ihm jetzt noch begehrenswerter als früher.

Leichte Verlegenheit machte sich zwischen ihnen breit, denn Gefühle, für die sie beide keinen Namen hatten, waren in ihnen.

Roberta überbrückte die Verlegenheit, indem sie sagte: »Meine Freundin Nicki würde jetzt sagen, dass es kein Zufall war, dass wir uns am See begegnet sind. Ich würde sagen, dass es schon ein bisschen verrückt war, denn wären wir beide nicht zufällig dort begegnet, dann wären wir wieder unserer Wege gegangen und hätten weiterhin nichts voneinander gewusst. Du konntest nicht ahnen, dass ich hier meine Praxis habe, und ich konnte nicht wissen, dass du … hoffentlich, die Kardiologie in Hohenborn aufbauen wirst. Nun ja, dann wäre ich dir vermutlich doch irgendwann begegnet. Wenn du allerdings ablehnst, dann wäre es unwahrscheinlich, dass sich unsere Wege irgendwann irgendwo gekreuzt hätten.«

Er lächelte sie an.

»Mir gefällt, was deine Freundin in solchen Fällen sagt, und ich schließe mich dem an … wir mussten uns hier begegnen, Roberta … nach all den Jahren …«

Sie hingen ihren Gedanken nach, die Stille, die plötzlich im Raum herrschte, war nicht unangenehm. Sie mussten ihre Gefühle erst einmal sortieren. Sie waren jetzt nicht in heißer Liebe zueinander entbrannt, doch jemanden, den man sehr mochte, nach so vielen Jahren wieder zufällig zu treffen, das machte etwas mit einem.

Professor Konstantin von Cleven …

Sie warf ihm einen scheuen Blick zu. Er war schon ein sehr cooler Typ, der Konstantin, und wenn man ihn so sah, dann kam man nicht unbedingt sofort darauf, dass er ein Professor der Medizin, Spezialgebiet Kardiologie war, von dem man sehr viel erwartete.

Eine solche Spezialabteilung aufzubauen, das erforderte ein großes Fachwissen. Auch wenn sie nur ein paar Semester miteinander studiert hatten, konnte Roberta sich sehr gut daran erinnern, dass er ebenfalls wie sie für die Medizin brannte.

Er und sie …

Nein, daran dachte Roberta nicht einen Augenblick, erstaunlich war nur, dass sie sich in der Gesellschaft eines Mannes, der nicht Lars Magnusson hieß, wohlfühlte.

Die Zeit verging, irgendwann bekam Roberta ein schlechtes Gewissen, Konstantin war ihr Gast, also hatte sie auch für dessen leibliches Wohl zu sorgen.

»Konstantin, ich bin leider eine lausige Hausfrau, sonst würde ich jetzt vorschlagen, dir etwas zu kochen. Ich kann dir Brote anbieten, einen leckeren Belag werden wir auf jeden Fall im Kühlschrank finden.«

Er war nicht überrascht.

»Erinnere dich, kochen konntest du damals schon nicht, oder du wolltest es nicht. Damals habe ich immer für uns gekocht, ich kann dir versprechen, dass ich darin besser geworden bin. Wenn du magst, dann können wir hierbleiben, ich inspiziere deine Vorräte. Ich geh mal davon aus, dass ich einige Vorräte vorfinden werde.«

»Wirst du ganz gewiss, Konstantin, doch heute ist ein ganz besonderer Tag, und nichts gegen deine Kochkenntnisse, an die von Julia werden sie nicht heranreichen. Bitte, lass uns in den ›Seeblick‹ gehen. Du wirst es nicht bereuen.«

Er lachte.

»Wie könnte ich dir widersprechen, es ist wie früher, du kannst mich problemlos um den Finger wickeln. Also gut, dann lass uns in den ›Seeblick‹ gehen. Du hast mich neugierig gemacht, ein Sternerestaurant in dieser … äh … ein wenig gewöhnungsbedürftigen Gegend.« Als er ihren Blick bemerkte, fügte er rasch hinzu: »Vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt, es ist wunderschön hier, besonders der See. Ich dachte nur eher daran, dass ein Gourmetrestaurant eher in der Großstadt zu finden ist.«

Sie strahlte ihn an.

»Die Leute hier wissen halt, was gut ist, und Julia hat sich getraut, ihren Traum hier zu träumen.« Sie blickte an sich herunter, sie stylte sich nicht, wenn sie in den ›Seeblick‹ ging, doch in Freizeitkleidung …

Er schien ihre Gedanken erraten zu haben.

»Du siehst wunderschön aus, Roberta, selbst ein übergestülpter Müllsack würde daran nichts ändern.«

Sie lachte.

»Nun übertreibst du aber, mein alter Freund. Und das war ein sehr dick aufgetragenes Kompliment.«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein, es ist die Wahrheit, und was dir zuvor durch den Kopf gegangen ist, schon vergessen, dass wir uns kennen, dass ich beinahe erraten kann, was dir durch den Kopf geht?«

Er nahm sie in seine Arme, und sie fühlte sich unglaublich wohl in seiner Nähe.

Konstantin war ein so guter Freund!

»Schön, dass wir uns gefunden haben«, rief sie, noch immer ganz überwältigt von dem, was sich da ereignet hatte.

»Finde ich auch«, sagte er mit rauer Stimme, wollte sie enger an sich ziehen, doch dann ließ er es bleiben, um nicht Gefahr zu laufen, es doch noch zu tun, ließ er sie los. Seine Gefühle fuhren gerade Achterbahn, und damit wollte er sie nicht erschrecken.

Welch unglaubliche Geschichte!

»Dann lass uns gehen«, lenkte er rasch ab, »ist es weit?«

»Nein, es ist ein wunderschöner Spaziergang, den du genießen wirst. Jetzt ist es zu spät, aber normalerweise kann man von da oben den See von seiner schönsten Seite sehen.«

Sie griff nach Schlüssel und Tasche, und dann verließen sie Seite an Seite das Doktorhaus. Sie waren ein schönes Paar, doch das wurde ihnen nicht bewusst, weder ihr noch ihm.

Wie selbstverständlich hakte Roberta sich bei ihm ein, das hatte sie früher ebenfalls getan. Es war einfach nur schön, dass ihn ganz andere Gefühle durchfluteten, das bekam Roberta nicht mit.

Sie unterhielten sich, und während sie den Weg zum Restaurant gingen, erzählte sie ihm ein wenig über den Sonnenwinkel, auch über das, was da gerade unterhalb der Felsenburg, die er natürlich auch bewunderte, entstand.

»Ein Hotel für die Reichen und Schönen mit allem, was dazugehört, also Tennisplätze, Golfplatz, nicht zu vergessen die Schönheitsklinik mit Ärzten, die auf diesem Sektor Rang und Namen haben.«

»Auf so etwas wäre ich während meines ganzen Studiums niemals gekommen. Klar muss es Kolleginnen und Kollegen geben, die aus medizinischer Sicht Operationen, beispielsweise an Unfallopfern, durchführen. Aber an jemandem herumzuschnippeln, um eine andere Nase zu zaubern, Lippen, ein Gesichtslifting zu machen, damit möchte ich nichts zu tun haben, und ich kann auch unsere Kolleginnen und Kollegen nicht verstehen, die sich als reine Schönheitschirurgen betätigen, dann kann man doch daran fühlen, warum sie das tun.«

Er hatte sich richtig in Rage geredet, und Roberta konnte ihm eigentlich nur zustimmen, denn auch ihr Ding wäre es etwas niemals gewesen. Es war auch unvorstellbar, dass sie an sich etwas machen lassen würde, vielleicht, weil ihr die Nase nicht mehr gefiel, sie andere Lippen haben wollte oder weil Fältchen sie störten.

Bei diesem Thema hielten sie sich nicht lange auf, denn der Weg war wirklich schön, und es gab hier und da etwas zu bewundern. Sie blieben stehen, das Wasser des Sees war ganz grau und schien sich mit dem Grau der langsam herunterfallenden Nacht zu vermischen. Beinahe lautlos flog ein schwarzer Vogel über sie hinweg, nicht ein Rabe, der sie normalerweise erschreckte, nein, es war ein größerer Vogel gewesen.

Sie gingen weiter. Wie selbstverständlich hatte er seinen Arm um ihre Schulter gelegt, ihrer ruhte auf seiner Hüfte. Auch wenn so viele Jahre vergangen war, hatten sie nicht vergessen, dass sie so früher öfters unterwegs gewesen waren. Manches vergaß man eben nicht. Sie redeten nicht miteinander, hingen jetzt ihren Gedanken nach. Erst als sie oben angekommen waren, blieben sie stehen, und Konstantin rief: »Das ist aber schön hier.«

Dabei hatte er noch nicht alles gesehen, nicht das Highlight, nämlich der Blick von der Terrasse auf den See.

Sie wünschte sich sehr, es ihm ein andermal zeigen zu dürfen. Wenn sie ganz ehrlich war, dann wünschte Roberta sich, er möge nach Hohenborn ziehen und dort die Stelle annehmen.

Konstantin und sie, sie waren so vertraut miteinander, ihr war schon klar, dass sie nicht dort anfangen könnten, wo sie aufgehört hatten, das war ihr, seit sie sich getroffen hatten, mehr als nur einmal bewusst geworden.

Und auch wenn Konstantin von Cleven nicht so lange in ihrem Leben gewesen war, so hatte er doch Spuren hinterlassen, mehr Spuren, als sie es für möglich gehalten hätte.

Es bewahrheitete sich wieder einmal, dass in allem nicht die Quantität zählte, sondern die Qualität …

*

Der Parkplatz war wie immer bis auf den letzten Platz besetzt, doch zum Glück mussten sie sich um einen Platz keine Sorgen machen, denn sie waren zu Fuß gekommen, und das bedeutete, dass sie auch etwas trinken konnten. Roberta war keine Alkoholikerin, genoss Alkohol nur in Maßen. Doch es gab Anlässe, da trank man einfach mehr. Und wenn das jetzt keiner war …

Sie freute sich, es war eine gute Idee gewesen, in den ›Seeblick‹ zu gehen und das unverhoffte Wiedersehen richtig zu feiern. Und es war schön, dass Konstantin bis zum Morgen bleiben würde. Roberta war gespannt darauf, Almas Gesicht zu sehen.

Das hatte Zeit, jetzt waren sie erst einmal hier.

Galant hielt Konstantin ihr die Tür auf, Roberta schlüpfte ins Restaurant, er folgte ihr. Und dann passierte etwas ganz Unglaubliches.

Julia schien auf jemanden gewartet zu haben, denn sie hatten den Raum noch nicht einmal richtig betreten, als sie sich auf Konstantin stürzte, wohlgemerkt auf Konstantin.

Sie strahlte ihn an.

»Herr Richter, wie schön, dass Sie doch noch kommen konnten, und wenn Sie ein wenig Geduld mitbringen, dann kann ich Ihnen auch alles zeigen.«

Dem armen Konstantin war anzusehen, wie ihn dieser Empfang verwirrte. Er wusste nicht, wie ihm geschah.

Roberta erkannte sofort, dass Julia sich da gründlich geirrt hatte.

»Liebe Julia, wen auch immer du erwartest: Das ist auf jeden Fall kein Herr Richter, sondern ich bin mit einem alten Freund gekommen. Darf ich euch miteinander bekannt machen? Das ist Professor Konstantin von Cleven, meine Freundin Julia Herzog, die Chefin dieses großartigen Restaurants.«