Der neue Sonnenwinkel 54 – Familienroman - Michaela Dornberg - E-Book

Der neue Sonnenwinkel 54 – Familienroman E-Book

Michaela Dornberg

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Beschreibung

Vor Robertas Haustür liegt ein neugeborenes Mädchen, Adrienne. Roberta und Alma sind vollkommen aus dem Häuschen, aber auch überfordert. Da erweisen sich Inge Auerbach und Teresa von Roth als sehr hilfreiche Engel. Bea und Alex befinden sich auf einem sehr guten Weg. Er zerstreut mehr und mehr ihre Zweifel, keine neue Bindung eingehen zu dürfen, solange die alte formal noch nicht beendet, wenn auch endgültig gescheitert ist. Bea ist jetzt tatsächlich glücklich mit Alex. Plötzlich ruft Horst an mit einer erstaunlichen Neuigkeit. Er drängt auf ein schnelles Ende ihrer Ehe. Horst ist sogar bereit, sehr viel Geld dafür zu zahlen. Eine halbe Million! Inge und Werner frühstücken gemeinsam. Ihre Harmonie kennt keine Grenzen mehr. Werner ist bereit, sein altes Leben aufzugeben. Inge ist sprachlos vor Glück. Es dauerte nicht einmal eine einzige Minute, bis Roberta klar wurde, was ihr diese Beklemmung verursacht hatte, wovon sie wach geworden war. Durch das geöffnete Schlafzimmer drang ein beißender Geruch in den Raum. Sie sprang auf, wollte das Fenster schließen, als sie mitten in ihrer Bewegung innehielt, in das Dunkel der Nacht starrte, das auf unheilvolle Weise erhellt wurde. Und es gehörte nicht viel dazu zu erkennen, wo der Brandherd war. Im Sonnenwinkel hatte man von beinahe jeder Stelle einen Blick auf die Felsenburg, die Ruine, die das Wahrzeichen von Erlenried war und deren marodem Charme man sich einfach nicht entziehen konnte. Es brannte unterhalb der Felsenburg, und es war kein züngelndes Feuer, sondern die Flammen loderten überall so stark, dass die Nacht erhellt wurde. Die Sunlight-Klinik, das Hotel, die Tennisplätze, der Golfplatz, der Spabereich, die für die Reichen und Schönen geschaffene Welt ging gerade in Flammen auf. Roberta erwachte aus ihrer Erstarrung, schloss das Fenster, zog ihren Morgenmantel über, dann verließ sie ihr Schlafzimmer, um zu ihrer Terrasse zu gehen, von der aus man den besten Blick auf die Felsenburg und somit auf alles, was dort oben gebaut worden war, hatte. In der Diele traf sie auf Alma, die ganz verschreckt von ihrer Wohnung nach oben gelaufen war. Sie trug ein rosageblümtes Flanellnachthemd, Pantoffel an den Füßen, ihre Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Es war nicht zu übersehen, wie erleichtert Alma war, Roberta zu sehen. "Frau Doktor, was ist das?", erkundigte sie sich mit bebender Stimme. "Es brennt unterhalb der Felsenburg." Sie traten ans Fenster, selbst von hier aus konnte man erkennen, wie sich das Feuer ungezügelt ausbreitete. Es brannte, wie es schien, überall. Und auch wenn die Feuerwehr alarmiert war, würde es eine ganze Weile dauern, bis man das Feuer unter der Kontrolle hatte, wenn überhaupt. "Gott hat seine Hand im Spiel", murmelte Alma, doch das wollte Roberta so nicht im Raum stehen lassen. "Ich glaube eher, dass da ein Feuerteufel die Hand im Spiel hatte, Alma."

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Leseprobe: Bill Regan in Not!

Brenda Duffy stand auf. Sie warf ihrem Mann einen vernichtenden Blick zu und schüttelte den Kopf. »Mein lieber Pat, ich dachte, du wolltest reden? Hat dich der Mut verlassen?« »Nein, mich hat keineswegs der Mut verlassen. Mich zerreißt es innerlich. Ich habe Bill geschworen, niemandem etwas zu erzählen. Er hat Angst. Ja, ich gestehe, mir ist es auch nicht wohl dabei. Zu viele Cottages in Culraid sind abgebrannt. Alle sagen, es kann nur Brandstiftung gewesen sein.« »Unser Haus mit dem Pub ist eines der ältesten Häuser im Dorf. Es war immer im Besitz der Duffys. Ich habe meinem Großvater und meinem Vater vor ihrem Tod geschworen, dass ich alles tun werde, es für künftige Generationen zu erhalten.« Brenda rollte die Augen. »Pat Duffy, höre mit der alten Geschichte auf! Wenn es so weitergeht mit Culraid, dann steht viel mehr auf dem Spiel. Dann wird es nichts Altes und Schönes mehr geben. Dem Himmel sei Dank, dass Cameron aus Schottland herübergekommen ist. Er ist der Einzige, der hier wieder Ordnung schaffen kann.

Der neue Sonnenwinkel – 54 –

Glück nach dem Inferno

… denn die Liebe lebt!

Michaela Dornberg

Es dauerte nicht einmal eine einzige Minute, bis Roberta klar wurde, was ihr diese Beklemmung verursacht hatte, wovon sie wach geworden war. Durch das geöffnete Schlafzimmer drang ein beißender Geruch in den Raum. Sie sprang auf, wollte das Fenster schließen, als sie mitten in ihrer Bewegung innehielt, in das Dunkel der Nacht starrte, das auf unheilvolle Weise erhellt wurde.

Es brannte …

Und es gehörte nicht viel dazu zu erkennen, wo der Brandherd war. Im Sonnenwinkel hatte man von beinahe jeder Stelle einen Blick auf die Felsenburg, die Ruine, die das Wahrzeichen von Erlenried war und deren marodem Charme man sich einfach nicht entziehen konnte.

Es brannte unterhalb der Felsenburg, und es war kein züngelndes Feuer, sondern die Flammen loderten überall so stark, dass die Nacht erhellt wurde.

Die Sunlight-Klinik, das Hotel, die Tennisplätze, der Golfplatz, der Spabereich, die für die Reichen und Schönen geschaffene Welt ging gerade in Flammen auf.

Roberta erwachte aus ihrer Erstarrung, schloss das Fenster, zog ihren Morgenmantel über, dann verließ sie ihr Schlafzimmer, um zu ihrer Terrasse zu gehen, von der aus man den besten Blick auf die Felsenburg und somit auf alles, was dort oben gebaut worden war, hatte.

In der Diele traf sie auf Alma, die ganz verschreckt von ihrer Wohnung nach oben gelaufen war. Sie trug ein rosageblümtes Flanellnachthemd, Pantoffel an den Füßen, ihre Haare hingen ihr wirr ins Gesicht.

Es war nicht zu übersehen, wie erleichtert Alma war, Roberta zu sehen.

»Frau Doktor, was ist das?«, erkundigte sie sich mit bebender Stimme.

»Es brennt unterhalb der Felsenburg.«

Sie traten ans Fenster, selbst von hier aus konnte man erkennen, wie sich das Feuer ungezügelt ausbreitete. Es brannte, wie es schien, überall. Und auch wenn die Feuerwehr alarmiert war, würde es eine ganze Weile dauern, bis man das Feuer unter der Kontrolle hatte, wenn überhaupt.

»Gott hat seine Hand im Spiel«, murmelte Alma, doch das wollte Roberta so nicht im Raum stehen lassen.

»Ich glaube eher, dass da ein Feuerteufel die Hand im Spiel hatte, Alma.«

Alma blickte die von ihr so sehr verehrte Frau Doktor an. »Aber wieso das denn?«

Eigentlich hatten sie auf die Terrasse treten wollen, doch sie gingen sofort wieder ins Wohnzimmer zurück, schlossen die Tür. Dieser Geruch nach verbranntem Holz lag schwer in der Luft und nahm einem den Atem.

»Alma, Sie wissen doch, dass dieses Projekt vielen Bewohnern des Sonnenwinkels ein Dorn im Auge war. Manche waren sofort dafür, weil sie den wirtschaftlichen Vorteil für die Gegend hier sahen, viele dagegen. Es hat sich nicht umsonst diese Bürgerinitiative gebildet.«

»Aber die haben ja viele Leute wieder verlassen, mir fällt da beispielsweise die Frau von Roth ein, die eine der Eifrigsten war von denen, die das Bauvorhaben verhindern wollten.«

Das konnte Roberta nur bestätigen.

»Doch als sie sich schlau gemacht hatte, war sie dafür, und Frau von Roth hat alles getan, um die Leute hier zu überzeugen. Sie war ja auch erfolgreich, denn viele Leute schlugen sich auf ihre Seite.«

»Dennoch blieben genügend Gegner übrig … Frau Doktor, glauben Sie, dass jemand von denen gezündelt hat?«

»Alma, ich weiß es nicht, doch von gezündelt kann man ja wohl nicht sprechen. Es brennt überall, und …«

Sie brach ihren Satz ab, denn plötzlich wurde es laut, die ersten Feuerwehren trafen ein, sie gingen zur Haustür und erstarrten. Es war eine gespenstische Szenerie, die sich ihnen bot, die vielen Feuerwehren, die mit ihren Löschfahrzeugen versuchten, auf das Grundstück zu gelangen, überall auf der Straße Neugierige. Es hatte beinahe alle Leute aus ihren Betten getrieben, die meisten von ihnen trugen ihre Nachthemden oder Schlafanzüge, Grüppchen hatten sich hier und da gebildet, um das Geschehen zu diskutieren.

Roberta wollte nicht dazugehören, und für sie war es auch kein Spektakel, wie man es bisher hier nicht kannte und wohl auch nicht mehr erleben würde.

Die Neugier der Menschen war unerträglich, es sah ja beinahe so aus wie auf einem großen Volksfest, denn nun trat wahrhaftig jemand auf die Straße mit einem Tablett voller Getränke, die nun großzügig verteilt wurden.

Roberta ging ins Haus zurück, und auch Alma wollte nicht bleiben. Aber zurück in ihre Wohnung gehen, sich ins Bett zu legen, das konnte sie jetzt nicht. Sie war verschreckt, erschüttert, und obwohl sie nicht unmittelbar betroffen war, floss ihr Herz über vor lauter Mitleid.

»Der arme Herr van Beveren.«

Sie dachte wirklich nur an ihn und nicht an das große Fest, das nun natürlich nicht stattfinden würde.

Roberta nickte.

»Ja, es ist ganz schrecklich«, bestätigte sie. »Ich mag überhaupt nicht daran denken, wie er sich jetzt fühlen muss. Er hat in dieses Projekt sehr viel Herzblut gesteckt, Unternehmen der Gegend angeheuert, die teuersten Baumaterialien verwandt. Biologisch, ökologisch …, es war ein Vorzeigeprojekt.«

»War?«, wandte Alma ein.

»Alma, blicken Sie aus dem Fenster. Glauben Sie, dass da noch etwas übrig bleiben wird?« Robertas Stimme klang traurig. »In manchen Köpfen hat sich halt bloß festgesetzt, dass da etwas für die Reichen und Schönen geschaffen worden war, das erweckt Neidgefühle, und wenn man bedenkt …«, sie brach ihren Satz ab. »Ach, es lohnt sich nicht, darüber zu reden. Welche Folgen das für die Region haben wird, das wird irgendwann auch in die Köpfe der Menschen hineingehen, die für die Katastrophe verantwortlich sind.«

»Und die Frau Dr. Müller, die ist ja bei Herrn van Beveren im Hotel. Die liegen friedlich schlummernd in ihren Betten, während hier alles den Flammen zum Opfer fällt. Oh Gott, oh Gott, was sollen wir tun? Müssen wir die Frau Doktor nicht anrufen?«

Natürlich hatte Roberta einen Augenblick lang daran gedacht, doch dann war ihr bewusst geworden, wie gut Piet van Beveren vernetzt war. Sie war sich sicher, dass man ihn längst informiert hatte. Sie sagte es Alma, die völlig neben der Spur war. Sie war ehrlich betroffen, nicht wie die Menschen auf der Straße in erster Linie von Neugier getrieben. Roberta wollte überhaupt nicht darüber nachdenken, wie jetzt wohl von allen Seite fotografiert wurde. Es war ein Ereignis, über das sämtliche Medien berichten würden. Da war Roberta sich sehr sicher, und die Menschen verursachten ja Staus auf den Autobahnen, um Unfallstellen fotografieren zu können.

Draußen wurde es immer lauter. Es waren nicht nur allein die Einsatzwagen der Feuerwehr. Roberta konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mittlerweile alle Bewohner des Sonnenwinkels auf den Straßen waren, um nur ja nichts zu verpassen.

Sie und Alma waren aufgewühlt, und Roberta war überzeugt davon, dass sie für den Rest der Nacht kein Auge zumachen würden. Es war alles einfach zu schrecklich, mit so etwas hatte niemand gerechnet.

»Alma, sollen wir einen Kaffee oder Tee trinken, oder vielleicht sogar eine heiße Scho­kolade?«, erkundigte Roberta sich.

Es war nicht zu übersehen, wie froh Alma war, jetzt nicht allein sein zu müssen, außerdem war sie froh, etwas tun zu können. Sie lief in die Küche, Roberta trat noch einmal ans Fenster, um sich das Inferno anzusehen. Sie fröstelte, es machte den Anschein, als könne man das Feuer nicht unter Kontrolle bringen. Die Flammen wurden immer mehr, und das Dunkel der Nacht war vollends einem unheilverkündenden tiefen Rot gewichen. Nein, das musste man sich nicht ansehen. Roberta wollte nicht darüber nachdenken, wie alles im unbarmherzigen Licht des Tages aussehen würde.

Sie folgte Alma in die Küche, und es dauerte nicht lange, da stand heiße Schokolade vor ihnen. Eine gute Entscheidung.

Roberta ergriff ihren Becher, umfasste ihn mit beiden Händen, weil sie sich daran wärmen wollte. Ihre Hände waren eiskalt.

Es war eine makabre Situation. Sie saßen sicher in der Küche des Doktorhauses, und man musste nur nach draußen gehen um festzustellen, dass es eine Sicherheit nicht gab. Sie war trügerisch.

Roberta wollte ihre heiße Schokolade genießen, hätte am liebsten erst einmal alles verdrängt. Menschen neigten in der Regel dazu, das, was unfassbar war, erst einmal zu verdrängen.

Es ging überhaupt nicht, weil sie viel zu nahe an dem ganzen Geschehen waren.

Draußen wurde es immer lauter. Es waren nicht nur die Einsatzfahrzeuge der Feuerwehren, die von überall angerückt sein mussten. Jetzt erklangen ebenfalls die Sirenen von Polizeifahrzeugen.

Es war gespenstisch, vor allem waren es für den Sonnenwinkel vollkommen ungewohnte Geräusche, so etwas erwartete man in New York, anderen pulsierenden Großstädten dieser Welt, die nie zur Ruhe kamen. Trotz der im ganzen Haus geschlossenen Fenster und Türen lag drinnen der Geruch von Verbranntem.

Die beiden Frauen saßen still am Tisch, sie waren nicht in der Lage, etwas zu sagen, doch sie genossen es, nicht allein sein zu müssen.

Draußen wurde es stiller, und das wirkte noch unheilvoller als der Lärm zuvor.

Als es an der Haustür Sturm klingelte, zuckten sie zusammen. Wer klingelte um diese Zeit?

Jemand, der glaubte, ihnen genüsslich von der Katastrophe berichten zu müssen, weil man sie nicht auf der Straße gesehen hatte und der Erste sein wollte, die Schreckensnachricht zu verbreiten?

Es hörte nicht auf, und dann kam es Roberta in den Sinn, dass jemand verletzt sein könnte, was in einem solchen Fall durchaus denkbar sein konnte. Sie sagte es Alma, und noch ehe sie aufstehen konnte, rannte Alma bereits zur Tür. Und es dauerte nicht lange, da kam sie mit Claire zurück.

Doch wie sah die aus!

Die Haare hingen ihr wirr ins rußverschmierte Gesicht, ihre Jeans, der Pullover waren fleckig, man sah Brandlöcher, die ganze Frau roch nach Verbranntem.

Es war nicht zu übersehen, dass Claire mit ihren Kräften am Ende war.

Roberta umarmte sie stumm, schob ihr einen Stuhl hin, auf den Claire sich fallen ließ.

Alma sprang geistesgegenwärtig auf, um Claire einen Kaffee zu kochen, da kam man mit heißer Schokolade nicht weit.

Claire wusste es nicht nur, nein, so, wie sie aussah, konnte man daraus schließen, dass sie am Ort des Geschehens gewesen war, und das dicht dran.

Natürlich gab es viele Fragen, doch die stellte jetzt keiner, Claire würde schon berichten, wenn sie wieder dazu in der Lage war. Ihr Gesicht war von Entsetzen gezeichnet.

Alma stellte den Kaffee vor sie hin, Claire griff gierig nach der Tasse, trank, stellte sie ab, dann sagte sie mit tonloser Stimme: »Es ist alles dahin.«

Es waren nur vier Worte, doch die lasteten folgenschwer im Raum, nahmen ihnen fast den Atem, und weder Roberta noch Alma, beides sehr mitfühlende Menschen, waren einfach nicht in der Lage, etwas dazu zu sagen. Außerdem wäre es jetzt mehr als nur unpassend, Fragen zu stellen oder Mitleid zu bekunden. Es gab Situationen im Leben, da hielt man besser ganz einfach den Mund.

Die Luft war schwer und beißend, jetzt allerdings ein Fenster zu öffnen, würde alles nur noch verschlimmern. Sie würden sich daran gewöhnen müssen, denn gewiss würde es Tage andauern, bis es sich verbessern würde. Und für die nächsten Tage war Schönwetter angesagt, man konnte also nicht auf Regen hoffen, und ihn einfach mal zu bestellen, weil man ihn benötigte, das funktionierte leider nicht.

Irgendwann begann Claire zu sprechen, und was sie sagte, das verursachte bei Roberta und Alma Gänsehaut.

Auch wenn eine Brandermittlung noch nicht einmal begonnen hatte, war eindeutig klar, dass es sich um Brandstiftung handelte. Der Feuerteufel hatte überall gewütet und alles, was erbaut worden war, in Brand gesetzt.

»Selbst wenn die Feuerwehr sofort vor Ort gewesen wäre, hätte sie überhaupt keine Chance gehabt, all die Brandherde gleichzeitig zu lösche. Hinzu kommt, dass es ein großes Gelände ist, da braucht es für die Löschung einige Einsatzfahrzeuge …, da hat jemand ganze Arbeit gemacht.«

Claires Augen füllten sich mit Tränen, die auf dem Gesicht dunkle Spuren hinterließen, weil sie über die verrußte Haut flossen.

Sie bot ein Bild des Erbarmens.

»Ich bin gekommen, weil ich Piet jetzt nicht allein lassen möchte. Er lässt es sich zwar nicht anmerken, doch mittlerweile kenne ich ihn so gut, um zu wissen, wie sehr es ihn getroffen hat.

Er ist am Boden zerstört. Und«, sie wandte sich an Roberta, »geht es, dass ich, wenn nötig, in den nächsten Tagen in der Praxis fehle? Du kennst mich, du weißt, dass ich eine derartige Bitte nicht leichtfertig äußere. Ich mache mir Sorgen um ihn. Was da geschehen ist, ist so grausam, dass es selbst jemanden umhauen würde, der das Gemüt eines Fleischerhundes hat. Piet ist ein sehr sensibler Mann. Er braucht mich. Und ich möchte für ihn nicht nur die Partnerin sein, die er beschenkt, die an seiner Seite Spaß haben möchte.«

Sie blickte abwechselnd Roberta und Alma an.

»Was sind das für Menschen, die mutwillig so etwas tun? Die das, was monatelang aufgebaut wurde, in einer Nacht zerstören, und vor allem, warum?«

Diese Frage würde ihr niemand beantworten können.

Roberta langte über den Tisch, ergriff Claires Hand.

»Claire, nimm dir alle Zeit, die du brauchst. Du gehörst jetzt an Piets Seite, das ist doch selbstverständlich. Und um die Praxis mache dir bitte überhaupt keine Sorgen.«

Auf Claires ramponiert aussehendem Gesicht erschien ein kleines Lächeln: »Danke, Roberta. Ich bin gekommen, um das zu klären. Jetzt möchte ich wieder zu Piet, ich möchte an seiner Seite bleiben.« Sie lächelte Alma an. »Und danke für den Kaffee, er hat ein wenig meine Lebensgeister gerettet.«

»Frau Doktor, dann nehmen Sie doch noch einen Kaffee mit, auch einen für den Herrn van Beveren. Wozu haben wir denn die wiederverwendbaren To-Go-Becher?«

Sie wartete überhaupt keine Antwort ab, sprang auf, um den Kaffee zu kochen und freute sich, dass die Frau Dr. Müller das für eine gute Idee hielt.

Während Claire auf den Kaffee wartete, sagte sie: »Wenn man das da oben erlebt, bekommt man eine leise Ahnung davon, was die Menschen gefühlt haben müssen, die während des Krieges ihre Häuser, sogar ihre Heimat verloren.«

Claire war mit ihren Nerven am Ende, sie schluchzte still vor sich hin, Roberta ließ sie gewähren. Was sollte sie denn tun? Welch tröstende Worte sollte sie finden? Da gab es nichts, man konnte für jemanden da sein, wenn der einen brauchte.

Claire war stark, die brauchte jetzt keine Hilfe, sie wollte nur für Piet da sein, um den sie sich mehr als um alles andere sorgte. Und das war gut so. Auch ein Piet van Beveren konnte nicht alles mit sich allein ausmachen. Es war gut, dass er Claire an seiner Seite hatte.

Alma stellte die Becher vor sie hin, Claire sprang auf, bedankte sich, umarmte Alma und Roberta, dann verließ sie eilig da Doktorhaus.

Normalerweise hätte eine der beiden Damen Claire jetzt zur Tür begleitet. Weder Alma noch Roberta wollten angesprochen und in ein Gespräch verwickelt werden. Von draußen hörte man noch immer Geräusche vorbeifahrender Autos, Hupen, Sirenen, vermischt mit Stimmen, es war sogar ein Lachen zu hören, was in dieser Situation allerdings mehr als makaber war. Sie wollten es sich einfach nicht ansehen, was allerdings auch ein wenig Augenwischerei war, sie würden früh genug, ob sie es wollten oder nicht, mit allem konfrontiert werden.

Das jetzt war etwas, womit niemand richtig umgehen konnte, weil man nicht einmal im Traum mit so etwas gerechnet hätte.

Doch nicht im Sonnenwinkel! Gewiss war es ein ganz besonderer Ort, geprägt von einer schönen Landschaft, dem unvergleichlichen See, dem Wahrzeichen Felsenburg, den schönen, preisgekrönten Häusern. Aber auch hier lebten Menschen, und die waren nicht alle gleich, es gab, wie überall, die Guten und die Bösen. Und jemand von den Bösen hatte ein Inferno angerichtet. Es würde Spuren hinterlassen, an denen sie alle knapsen würden. Roberta wollte darüber nicht nachdenken.

»Die arme, arme Frau Doktor Müller«, klagte Alma, »wie die sich jetzt fühlen mag. Ausgesehen hat sie auf jeden Fall ganz schrecklich. Aber es ist gut, dass sie an der Seite von Herrn van Beveren bleiben will. Oh Gott, oh Gott, man darf nicht darüber nachdenken, dass alles wirklich geschehen ist, dass es kein Film war, den man vergessen oder vorzeitig ausschalten kann, weil er einem nicht gefällt. Frau Doktor«, sie blickte jetzt Roberta an, »glauben Sie, dass das jemand von den Gegnern des Projekts war?«

Roberta zuckte die Achseln.

»Alma, ich weiß es nicht. Doch anzunehmen ist es schon, denn wer sonst sollte ein Interesse daran haben, dort oben alles abzufackeln? Man kann gegen etwas sein, doch die Kaltblütigkeit zu besitzen, es zu zerstören, dazu gehört schon was. Wir können nur hoffen, dass die Polizei den oder die Täter recht bald dingfest macht und für lange Zeit wegsperrt. Vorher hat jeder jeden in Verdacht, und es kehrt keine Ruhe ein. Man kann ja nur von Glück reden, dass keine Menschenleben zu beklagen sind, das hätte alles nur noch viel, viel schlimmer gemacht.«

Alma nickte.

»Deswegen hat man sich mit dem Feuerlegen so beeilt, denn nach der Eröffnung wäre da oben Leben eingekehrt.«

Vermutlich mussten jetzt beide Frauen daran denken, denn das war in den letzten Tagen das alles beherrschende Thema gewesen.

Es war drei Uhr morgens, Roberta wollte versuchen, wenigstens noch ein bisschen zu schlafen oder wenigstens etwas zu ruhen. Das Leben ging weiter, es lag ein anstrengender Tag vor ihr. Das riet sie auch Alma. Roberta wusste nicht, was die machen würde, die arme Alma war wirklich vollkommen durch den Wind.

Doch sie verabschiedete sich, ging zurück in ihr Schlafzimmer. Und wie makaber, auf der Schranktür hing noch das Kleid, das sie auf dem Fest anziehen wollte.