Der neue Sonnenwinkel 65 – Familienroman - Michaela Dornberg - E-Book

Der neue Sonnenwinkel 65 – Familienroman E-Book

Michaela Dornberg

5,0

Beschreibung

Vor Robertas Haustür liegt ein neugeborenes Mädchen, Adrienne. Roberta und Alma sind vollkommen aus dem Häuschen, aber auch überfordert. Da erweisen sich Inge Auerbach und Teresa von Roth als sehr hilfreiche Engel. Bea und Alex befinden sich auf einem sehr guten Weg. Er zerstreut mehr und mehr ihre Zweifel, keine neue Bindung eingehen zu dürfen, solange die alte formal noch nicht beendet, wenn auch endgültig gescheitert ist. Bea ist jetzt tatsächlich glücklich mit Alex. Plötzlich ruft Horst an mit einer erstaunlichen Neuigkeit. Er drängt auf ein schnelles Ende ihrer Ehe. Horst ist sogar bereit, sehr viel Geld dafür zu zahlen. Eine halbe Million! Inge und Werner frühstücken gemeinsam. Ihre Harmonie kennt keine Grenzen mehr. Werner ist bereit, sein altes Leben aufzugeben. Inge ist sprachlos vor Glück. Der Sternsee konnte wunderschön sein. Rosmarie Rückert wollte die Augenblicke, die sie hier einmal ganz allein sein durfte, in vollen Zügen genießen. Ihr Leben war in letzter Zeit richtig schön geworden. Mit Heinz, ihrem Ehemann, verstand sie sich so gut wie nie zuvor. Der bevorstehende Urlaub mit ihrem Sohn Fabian, ihrer Schwiegertochter Ricky und den Enkelkindern beglückte sie so sehr. Darüber war das traurige Verschwinden ihrer Tochter Stella mit den beiden anderen Enkelkindern zwar nicht in Vergessenheit geraten, aber das Leben ließ sich wieder besser an. Auch ihre Hunde trugen ihr Teil dazu bei, dass Rosmarie die Balance in ihrem Leben wiedergefunden hatte. Rosmarie atmete genüsslich ein und aus, sie stand am Ufer des Sternsees – es war herrlich. Sie stand eine Weile nur so da – gedankenversunken. Doch plötzlich machte Rosmarie eine Entdeckung, die sie irritierte. Was war denn das, was da auf dem See umhertrieb? Es war wie eine Szene aus einem Film, das auf dem See dahindümpelnde Boot, es würde auch Maler erfreuen und sie sofort zum Pinsel greifen lassen. Im wahren Leben war es anders, da gingen direkt die Alarmglocken an, zumal in dem Boot eine Strickjacke lag, die eindeutig einer Frau gehörte. Das konnte Rosmarie vom Ufer aus erkennen. Doch wo war die Frau? Nichts deutete darauf hin, dass sich das Boot von einem Steg gelöst hatte und nun dahintrieb. Schon gar nicht bei diesem ruhigen Wetter, außerdem war der Bootshafen auf der anderen Seite des Sees bewacht, es waren immer Leute da, und irgendjemandem wäre es aufgefallen und er hätte das Boot wieder verankert, irgendwo befestigt. Der Sternsee war zwar wunderschön, doch er hatte auch seine Tücken, weil es viele Unterströmungen gab. Und das hatte leider Menschen auch schon das Leben gekostet. Rosmaries Gedanken begannen zu rattern.

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Der neue Sonnenwinkel – 65 –

Wird jetzt endlich alles gut?

Inge sehnt sich nach der schönsten Wendung ihres Lebens

Michaela Dornberg

Der Sternsee konnte wunderschön sein. Rosmarie Rückert wollte die Augenblicke, die sie hier einmal ganz allein sein durfte, in vollen Zügen genießen. Ihr Leben war in letzter Zeit richtig schön geworden. Mit Heinz, ihrem Ehemann, verstand sie sich so gut wie nie zuvor. Der bevorstehende Urlaub mit ihrem Sohn Fabian, ihrer Schwiegertochter Ricky und den Enkelkindern beglückte sie so sehr. Darüber war das traurige Verschwinden ihrer Tochter Stella mit den beiden anderen Enkelkindern zwar nicht in Vergessenheit geraten, aber das Leben ließ sich wieder besser an. Auch ihre Hunde trugen ihr Teil dazu bei, dass Rosmarie die Balance in ihrem Leben wiedergefunden hatte.

Rosmarie atmete genüsslich ein und aus, sie stand am Ufer des Sternsees – es war herrlich. Sie stand eine Weile nur so da – gedankenversunken.

Doch plötzlich machte Rosmarie eine Entdeckung, die sie irritierte. Was war denn das, was da auf dem See umhertrieb?

Es war wie eine Szene aus einem Film, das auf dem See dahindümpelnde Boot, es würde auch Maler erfreuen und sie sofort zum Pinsel greifen lassen. Im wahren Leben war es anders, da gingen direkt die Alarmglocken an, zumal in dem Boot eine Strickjacke lag, die eindeutig einer Frau gehörte. Das konnte Rosmarie vom Ufer aus erkennen.

Doch wo war die Frau?

Nichts deutete darauf hin, dass sich das Boot von einem Steg gelöst hatte und nun dahintrieb. Schon gar nicht bei diesem ruhigen Wetter, außerdem war der Bootshafen auf der anderen Seite des Sees bewacht, es waren immer Leute da, und irgendjemandem wäre es aufgefallen und er hätte das Boot wieder verankert, irgendwo befestigt.

Der Sternsee war zwar wunderschön, doch er hatte auch seine Tücken, weil es viele Unterströmungen gab. Und das hatte leider Menschen auch schon das Leben gekostet.

Rosmaries Gedanken begannen zu rattern.

War die Frau aus dem Boot gefallen? Gekentert sein konnte sie nicht, denn dann läge die Strickjacke nicht mehr so malerisch da.

Und wenn sie nicht schwimmen konnte?

Zunächst einmal war Rosmarie wie gelähmt, doch dann beschloss sie zu handeln. Sie musste etwas tun! Und so sehr sie es kurz zuvor begrüßt hatte, niemandem zu begegnen, so sehr bedauerte sie es jetzt.

Sie holte ihr Handy aus der Tasche, versuchte Inge zu erreichen, die war mit der Polizei bestens vernetzt, weil sie in der Jugendstrafanstalt ehrenamtlich arbeitete. Das Handy war abgestellt.

Und nun?

Wäre sie doch bloß nicht allein losgegangen, mit Inge an ihrer Seite hätte sie das Boot gewiss nicht bemerkt, weil sie miteinander geschwatzt hätten. Sie hatten sich immer etwas zu sagen, weil sie sich mochten. Außerdem waren sie familiär miteinander verbandelt. Und mit Missie und Beauty hätte sie alle Aufmerksamkeit auf die Hunde lenken müssen, da wäre ihr auch nichts aufgefallen. Sie hätte sich dadurch einige Scherereien erspart.

Es war verrückt, sich deswegen jetzt den Kopf darüber zu zerbrechen, was gewesen wäre, wenn. Sollte sie Heinz anrufen? Den Gedanken verwarf Rosmarie so rasch, wie er ihr gekommen war. Erst einmal könnte Heinz gerade eine Beurkundung im Notariat haben. Da durfte man ihn nicht stören, und wenn doch jemand eine Verbindung herstellte, weil sie schließlich die Ehefrau des Chef war, wäre er ungehalten. Und außerdem, Heinz war eh nicht die richtige Adresse. Er war zwar ein gewiefter Notar, aber ansonsten, da war er nicht gerade flexibel.

Teresa?

Die war zwar pfiffig, doch was sollte sie jetzt tun? Herkommen? Zusammen mit ihr ins Wasser springen? Das wäre absurd, um einen leeren Kahn zu sichern, tat man so etwas nicht.

Sie hatte eine Idee, vor allem, wenn sie diese Nummer wählte, machte sie sich nicht lächerlich und sie musste auch keine weitschweifenden Erklärungen abgeben.

Was für ein Glück, dass sie diese Telefonnummer gespeichert hatte, weil sie einmal für Inge etwas erledigen sollte.

Sie hatte Glück, der Teilnehmer meldete sich sofort, und Rosmarie atmete erleichtert auf.

»Hallo, Herr Fangmann, hier ist Rosmarie Rückert. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an mich erinnern.«

Er erinnerte sich.

»Sie sind die Freundin von Inge … Inge Auerbach.«

Jetzt war Rosmarie in der Lage, dem Polizeihauptkommissar, der zwar die Mordkommission leitete, aber mit dem man umgehen konnte, der flexibel war, alles zu erzählen, was sie beobachtet hatte.

Er lachte sie nicht aus, noch war er ungehalten.

»Wo sind Sie, Frau Rückert? Auf welcher Seite des Sternsees eigentlich?«

Rosmarie gab so gut Auskunft, wie sie konnte. Der Kommissar bat sie darum, an ihrem Standort zu bleiben, bis er den Sternsee erreicht hätte.

Kurze Zeit später konnte Rosmarie dann auch mit Inge Auerbach sprechen.Die war zuvor bei ihrem Mann Werner im Krankenhaus gewesen, der sich dort von den Folgen eines Herzinfarkts erholte.

Auch Inge, die ja wegen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit in der Jugendstrafanstalt mit Kommissar Henry Fangmann bestens vertraut und auch befreundet war, versprach, sofort zu Rosmarie zu kommen. Trotz ihrer eigenen Sorgen um Werner wollte sie Rosmarie wenigstens moralisch beistehen.

Während Rosmarie auf den Kommissar und Inge wartete, atmete sie spürbar auf.

Es war nichts passiert, es ging lediglich um ein leeres Boot, das zum Glück nicht weitergetrieben war, sondern sich verfangen hatte. Aber ganz allein wäre sie dieser Situation nicht gewachsen gewesen. Gottlob trafen Inge und Herr Fangmann wenig später fast gleichzeitig ein.

Rosmarie entschuldigte sich sofort. »Es tut mir leid, dass ich einen solchen Aufstand gemacht habe«, sagte sie.

Henry Fangmann fand es okay, und Inge sagte, dass es ihr vor längerer Zeit ebenso ergangen sei mit einem Fahrrad. Dass man dann die Besitzerin tot aufgefunden hatte, das verschwieg sie jetzt lieber.

Während Inge und Rosmarie sich unterhielten, blickte Henry sich suchend um, entdeckte einen langen Stock, mit dem er das Boot noch näher heranzog, so nahe, dass er die Strickjacke aus dem Boot holen konnte, nicht nur die, sondern eine Handtasche, in der er, nachdem er sie ­geöffnet hatte, Ausweispapiere fand.

»Barbara Deumer, kennt die einer?«

Rosmarie und Inge blickten sich an, Inge antwortete: »Der Name sagt mir nichts, hier ziehen ständig Leute weg oder zu.«

»Ich kenne die Frau ebenfalls nicht, doch das sagt nichts, wir wohnen ja noch nicht so lange im Sonnenwinkel.«

Henry Fangmann zeigte ihnen das Passfoto, und jetzt konnten beide Frauen sich daran erinnern, die Frau schon mehrfach gesehen zu haben, und Inge konnte sogar noch nähere Angaben machen. »Die Frau wohnt seit einiger Zeit mit ihrem Mann auf dem Lindenweg. Das müsste doch im Ausweis stehen.«

Henry überprüfte es, schüttelte den Kopf. »Nein, hier ist eine Berliner Adresse angegeben, und wie ich gerade feststellen musste, ist der Personalausweis längst abgelaufen.«

Das wurde immer mysteriöser.

»Aber sie wohnt wirklich auf dem Lindenweg«, beharrte Inge. »Und wir erkennen sie doch beide.«

Er lächelte.

»Daran zweifle ich nicht, Inge«, er und Inge duzten sich längst, und mittlerweile waren sie richtig gute Freunde geworden.

Freunde, wohlgemerkt, mehr nicht. Auch wenn ein Altersunterschied heutzutage nichts mehr ausmachte. Ältere Männer hatten schon immer blutjunge Frauen geheiratet. Mittlerweile war es auch so, dass nicht mehr ganz taufrische Frauen sich Männer suchten, die durchaus ihre Söhne sein könnten, und da mussten sie noch nicht einmal früh mit dem Kinderkriegen angefangen haben. Ihr Ding war es nicht, und außerdem war Henry auch überhaupt nicht ihr Typ als Mann, da gab es eh nur einen.

Er rief die Spurensicherung an, und dann bedankte er sich noch mal bei Rosmarie für deren Aufmerksamkeit, sie verabschiedeten sich voneinander, weil für die beiden Frauen keine Notwendigkeit bestand, länger hier zu verweilen, er würde warten. Wenn die Spurensicherung kam, würde er gehen. Was gerade passierte, war nicht wirklich sein Aufgabengebiet, ein verlassenes Boot gehörte nicht zum Bereich der Mordkommission. Doch das sah er nicht so eng. Man half sich. ­Außerdem war, wenn man Bereitschaftsdienst hatte, jeder für alle Bereiche zuständig. Da musste beispielsweise jemand vom Raubdezernat sich um einen Mord kümmern, wenn gerade einer geschehen war.

Rosmarie und Inge war es auf jeden Fall sehr recht, dass sie nicht mehr gebraucht wurden und gehen konnten. Sie hatten sich eine Menge zu erzählen, besonders Inge. Und die war es auch, die sich erkundigte: »Rosmarie, kommst du noch mit zu mir? Für einen Kaffee ist es dir wahrscheinlich zu spät, weil du nachmittags keinen mehr trinkst. Aber ich kann dir auch etwas anderes anbieten. Wie du weißt, sind wir immer gut sortiert. Eine Rhabarberschorle vielleicht, die magst du doch so gern.«

»Inge, lass es gut sein. Kaffee ist okay, das mit dem, ab mittags keinen mehr zu trinken, hat überhaupt nichts gebracht. Ich schlafe nachts schlecht, und das mit oder ohne Kaffee. Das sind noch die Auswirkungen des Überfalls, den ich einfach nicht aus meinem Kopf bekomme, so sehr ich mich auch bemühe. So etwas steckt man einfach nicht so leicht weg. Auch nicht, wenn man weiß, dass die Bande dank deiner Mutter gefasst wurde, dass mir glücklicherweise nichts weiter passiert ist. Ganz schlimm ist halt der Eingriff in die Intimsphäre, Fremde durchwühlen praktisch dein ganzes Leben, und nicht zu vergessen die Todesangst, die ich ausgestanden habe. Schließlich war einer von den Männern besonders aggressiv.«

Inge umarmte Rosmarie.

»Rosmarie, ich denke, niemand kann es nachvollziehen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Du musst versuchen, es zu vergessen.«

Rosmarie seufzte.

»Das ist leichter gesagt als getan. Vielleicht sollte ich mir wirklich professionelle Hilfe holen. Aber vielleicht reicht ja auch unser gemeinsamer Urlaub mit Fabian, Ricky und den Kids. Die werden mich schon ablenken und auf andere Gedanken bringen. Oder ich werde abends vor Erschöpfung in den Schlaf fallen, weil sie mich geschafft haben. Doch lass uns bitte davon aufhören. Es sind olle Kamellen. Es war dumm von mir, jetzt davon anzufangen. Erzähl mir lieber, wie es deinem Werner geht.«

Darauf ging Inge sehr gern ein.

»Werner geht es den Umständen entsprechend, nein, das stimmt doch überhaupt nicht. Es geht ihm gut, um nicht zu sagen, hervorragend, weil unsere Frau Doktor sich zusätzlich um ihn kümmert und jeden Schritt beobachtet, der im Krankenhaus unternommen wird. Dabei ist er doch in der neuen Kardiologie bestens aufgehoben.«

»Ja, unsere Frau Doktor ist wirklich einmalig. Wenn man sie als Ärztin hat, kann man beruhigt sein. Werner wird es gewiss sehr genießen, dass man sich von allen Seiten um ihn kümmert. Er steht doch gern im Mittelpunkt.«

Inge nickte.

»Ja, es gefällt ihm. Doch Werner hat sich verändert, Rosmarie. Ihm sind schon ein paar Zacken aus der Krone gebrochen. Er hat Konkurrenz bekommen. Und da ist auch jemand dabei, der ihm den Rang abläuft. Ausgerechnet ein Wissenschaftler, den Werner gefördert hat, dem er Einblick in seine Ansichten und Erkenntnisse gestattete. Es ist sehr schwer für Werner, das zu verkraften. Und ich glaube auch, dass all das mit dazu beigetragen hat, dass er den Herzinfarkt bekam, der zum Glück rechtzeitig behandelt wurde.«

Rosmarie mochte Werner, doch Inge mochte sie lieber, und es tat ihr in der Seele weh, wie diese großartige Frau unter der ständigen Abwesenheit ihres Ehemannes litt, mit dem sie sich vor allem, nachdem die Kinder längst das Haus verlassen hatten bis auf Pamela, ein richtiges Zusammensein vorgestellt und gewünscht hatte.

»Das freut mich für Werner. Hoffentlich zieht er jetzt die Reißleine und beginnt nicht wieder auf allen Hochzeiten zu tanzen, wenn er das Krankenhaus verlassen hat.«

Dem widersprach Inge sofort.

»Oh nein, das geht überhaupt nicht, denn dann muss er erst einmal für ein paar Wochen in die Reha. Und danach …«

Inge brach ihren Satz ab, weil sie nicht wusste, wie es danach weitergehen würde. Rosmarie interpretierte das anders und erkundigte sich ganz vorsichtig: »Inge, habt ihr auch mal über euch reden können? Ich meine, über diese … Frau?«

Darauf antwortete Inge sofort.

»Rosmarie, stell dir vor, Werner hatte von nichts eine Ahnung. Als ich ihm das Foto zeigte, das ich glücklicherweise von dieser Person gemacht hatte, erinnerte Werner sich, sie hier und da gesehen zu haben, auch in seiner Nähe. Doch dem hat er keine Bedeutung beigemessen, weil es auf diesen Kongressen, bei den Vorträgen von Fremden nur so wimmelt.«

»Dann handelt es sich um eine Stalkerin?«, wollte Rosmarie wissen.

Inge nickte, und Rosmarie bemerkte: »Ihr wisst schon, dass es nicht so einfach aufhören wird, nicht wahr? Stalker steigern sich immer mehr in ihre Obsession hinein, und das kann fatale Folgen haben. Und zur Polizei zu gehen, das bringt nichts, weil die erst einschreitet, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Was wollt ihr denn, um Himmels willen jetzt bloß tun?«

»Das hat Jörg getan«, sagte Inge, und sie war sehr stolz, das jetzt sagen zu können. »Dabei hat er maßlos übertrieben, ein Schreckensszenario vor dieser Frau ausgebreitet, doch die hat es kapiert und wird sich wohl eine andere Person aussuchen, die sie stalken kann.«

»Jörg? Wann hat er das denn getan? Gestern, als er hier war? Er hat mich ja kurz besucht, doch davon hat er nichts gesagt.«

»Rosmarie, du kennst Jörg doch. Schließlich war er lange genug dein Schwiegersohn, der redet nicht gern, der handelt lieber. Auf jeden Fall glaube ich, dass wir jetzt vor dieser Frau sicher sein können, und Werner und ich … es ist sehr viel geschehen, wir haben uns gezankt oder haben, was noch schlimmer ist, uns nur noch angeschwiegen, und manchmal frage ich mich, ob wir uns noch lieben oder ob wir uns nur aus Gewohnheit arrangiert haben.«

Rosmarie lachte.

»Für Werner kann ich nicht sprechen, doch von dir weiß ich sehr genau, wie sehr du deinen Werner liebst. Und weil das so ist, lohnt es sich, zu kämpfen. Du musst nur deine Wünsche artikulieren, sagen, was du willst.«

Sie blieb stehen, umarmte Inge.

»Eine gute Nachricht, oder besser, eine gute Aussicht, aber das mit dem leeren Boot, dem abgelaufenen Personalausweis geht mir nicht aus dem Sinn. Hoffentlich ist da nicht …«

Sie wollte es nicht aussprechen.

»Rosmarie, was immer auch dahintersteckt, Henry wird es herausfinden.«

Sie hatten die Auerbach-Villa erreicht, betraten sie, und Inge erkundigte sich: »Und was möchtest du jetzt trinken, Rosmarie?«

»Ich schließe mich dir an, Inge, nehme auch dein Lieblingsgetränk … Kaffee.«

*

Natürlich musste er der Sache nachgehen, zumal er beim Bootsverleih erfahren hatte, dass von Barbara Deumer ein Boot gemietet worden war. Noch war Kriminalhauptkommissar Fangmann nicht beunruhigt, es konnte viele Erklärungen geben. Diese Frau konnte ausgestiegen, umgestiegen sein. Noch wollte er an kein Verbrechen, auch an keinen Unfall glauben.

Also machte er sich auf den Weg und stand sehr bald vor der angegebenen Adresse. Das Haus lag am Rande der preisgekrönten Siedlung, mit der der Architekt Carlo Heimberg sich ein Denkmal gesetzt hatte. Doch lang, lang war das her.

Das Haus war eigentlich schön, doch wer auch immer es gewesen war, hatte es seinen alten Charmes beraubt, und nun erschien es clean und unpersönlich. Das schlug sich sogar in dem ehemaligen Vorgarten nieder, in dem nur zwei einsame Designerfiguren standen, und in dem in einem, vermutlich ebenfalls von einem Designer gestalteten Pflanzbecken ein paar weiße Pflanzen blühten.

Sein Ding war es nicht, aber das musste es auch nicht sein, denn er wollte das Haus weder mieten oder kaufen, um darin zu wohnen. Auch war er nicht hier, um den Besitzern einen Besuch abzustatten. Er wollte mit ihnen reden. Hoffentlich war die Frau daheim und konnte ihm das mit dem Boot erklären.

Er ging an der kalten Pracht vorbei, klingelte an der nicht weniger prachtvollen Eingangstür aus gehämmertem und geätztem Edelstahl. Man konnte das Wort ›teuer‹ förmlich daran lesen.

Es dauerte nicht lange, da wurde die Haustür geöffnet, eine junge Frau in einem schwarzem Kleid, mit einer weißen kleinen Schürze darüber blickte ihn fragend an. Und Henry Fangmann konnte erst einmal nichts sagen. Dass es das heute noch gab, Personal als solches erkennbar. Was war das denn?

Er riss sich zusammen.

»Ich möchte gern zu dem Ehepaar Deumer.«

»Haben Sie einen Termin? Sind Sie angemeldet?«, erkundigte sich die junge Frau.

Auch das noch.

Er zückte seinen Ausweis. »Das bin ich nicht, doch ich möchte mit den Herrschaften ­reden.«

Die junge Frau zögerte, ob sie ihn ins Haus lassen sollte, ließ es bleiben, sagte: »Bitte entschuldigen Sie, ich sage Herrn Deumer Bescheid.« Dann machte sie die Tür vor seiner Nase zu.

Na ja, zu dem, was er jetzt gerade gesehen hatte, passte die ­Jacke, von der Rosmarie Rückert ihm gesagt hatte, von welchem Designer sie stammte und dass sie sehr teuer gewesen war. Er hatte den Namen vergessen. Wurde ungeduldig, weil es ziemlich lange dauerte, wollte erneut klingeln, als die Haustür geöffnet wurde.

»Herr Deumer wird Sie empfangen«, sagte sie, und für einen Augenblick glaubte Henry, dass es sich um eine Audienz beim Papst handelte, zumindest stellte er sich vor, dass es dort ähnlich ablaufen würde. Er folgte dem Mädchen durch eine große Diele, die spärlich möbliert, aber mit Kunstschätzen ausgestattet war, von denen er glaubte, eines schon mal in einer Zeitschrift gesehen zu haben. Es konnte ja sein, dass alles teuer war, er wollte davon nichts geschenkt haben.

Sie erreichten einen großen Wohnraum, in dem es sich wiederholte, nur wenig, das Wenige teuer. Grässlich, Henry fand eine Bahnhofshalle gemütlicher.

Der Mann, der am Fenster lehnte, war ihm, ohne dass er auch nur ein einziges Wort mit ihm gesprochen hatte, äußerst unsympathisch.

»Ich hoffe, Sie haben einen guten Grund, mich zu stören«, sagte er mit einer unangenehm klingenden Stimme. Das allerdings durfte man ihm nicht anlasten. Für seine Stimme konnte niemand etwas, allerdings schon für den Klang. Der war überheblich, blasiert. Das war auch sein Gesichtsausdruck, über die Kleidung konnte Henry nichts sagen, da war er kein Experte. Vermutlich war die auch teuer, von irgendeinem Designer, der gerade angesagt war. Er kaufte seine Klamotten von der Stange und kam sich doch gut gekleidet vor. Aber das nur nebenbei.

Henry erkundigte sich sachlich nach seiner Frau, und prompt kam die Gegenfrage, weswegen er das wissen wolle. Henry erzählte ihm von dem Boot, der Strickjacke, der Handtasche samt Ausweis, dass der abgelaufen war, erwähnte er nicht. Das tat augenblicklich nichts zur Sache.

Der Mann verzog sein Gesicht.