Der neue Sonnenwinkel 70 – Familienroman - Michaela Dornberg - E-Book

Der neue Sonnenwinkel 70 – Familienroman E-Book

Michaela Dornberg

5,0

Beschreibung

Vor Robertas Haustür liegt ein neugeborenes Mädchen, Adrienne. Roberta und Alma sind vollkommen aus dem Häuschen, aber auch überfordert. Da erweisen sich Inge Auerbach und Teresa von Roth als sehr hilfreiche Engel. Bea und Alex befinden sich auf einem sehr guten Weg. Er zerstreut mehr und mehr ihre Zweifel, keine neue Bindung eingehen zu dürfen, solange die alte formal noch nicht beendet, wenn auch endgültig gescheitert ist. Bea ist jetzt tatsächlich glücklich mit Alex. Plötzlich ruft Horst an mit einer erstaunlichen Neuigkeit. Er drängt auf ein schnelles Ende ihrer Ehe. Horst ist sogar bereit, sehr viel Geld dafür zu zahlen. Eine halbe Million! Inge und Werner frühstücken gemeinsam. Ihre Harmonie kennt keine Grenzen mehr. Werner ist bereit, sein altes Leben aufzugeben. Inge ist sprachlos vor Glück. Angela von Bergen wollte gerade zu ihrem Glas greifen, um etwas zu trinken, als sie es unvermittelt wieder abstellte. Was hatte ihre Mutter da gerade gesagt? Was redete sie da? "Mama, was für ein Brief?", erkundigte sie sich irritiert. Sophia blickte ihre Tochter an. Das konnte jetzt nicht wahr sein. Seit dieser Brief aus Achenberg gekommen war, bereitete er ihr Bauchschmerzen, und ihre Tochter blickte sie an, als habe sie gerade Suaheli gesprochen. Wollte Angela sie jetzt veräppeln? Oder wollte sie mit ihr nicht über den Inhalt des Briefes reden? Das war wohl die richtigere Variante, und sie war auch überhaupt nicht dazu verpflichtet. Sie sprachen über alles. Zwischen Mutter und Tochter gab es keine Geheimnisse. Und Angela hätte ihr jetzt ruhig sagen können, dass es sie nichts anging, was in dem Brief stand. Doch so zu tun, als sei sie durch diese Frage aus allen Wolken gefallen, das ging überhaupt nicht. Sophia richtete sich ein wenig auf. So ganz richtig konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie ganz cool darüber hinweggehen sollte oder die Beleidigte spielen, was sie im Grunde genommen ja auch war. "Angela, es ist ja schon gut. Ich hätte es jetzt nicht erwähnen müssen. Es geht mich ja auch nichts an."

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Der neue Sonnenwinkel – 70 –

Ein Brief spielt Schicksal

… und Angela will ihn nicht öffnen!

Michaela Dornberg

Angela von Bergen wollte gerade zu ihrem Glas greifen, um etwas zu trinken, als sie es unvermittelt wieder abstellte.

Was hatte ihre Mutter da gerade gesagt? Was redete sie da?

»Mama, was für ein Brief?«, erkundigte sie sich irritiert.

Sophia blickte ihre Tochter an. Das konnte jetzt nicht wahr sein. Seit dieser Brief aus Achenberg gekommen war, bereitete er ihr Bauchschmerzen, und ihre Tochter blickte sie an, als habe sie gerade Suaheli gesprochen. Wollte Angela sie jetzt veräppeln? Oder wollte sie mit ihr nicht über den Inhalt des Briefes reden? Das war wohl die richtigere Variante, und sie war auch überhaupt nicht dazu verpflichtet. Sie sprachen über alles. Zwischen Mutter und Tochter gab es keine Geheimnisse. Und Angela hätte ihr jetzt ruhig sagen können, dass es sie nichts anging, was in dem Brief stand. Doch so zu tun, als sei sie durch diese Frage aus allen Wolken gefallen, das ging überhaupt nicht.

Sophia richtete sich ein wenig auf. So ganz richtig konnte sie sich nicht entscheiden, ob sie ganz cool darüber hinweggehen sollte oder die Beleidigte spielen, was sie im Grunde genommen ja auch war.

»Angela, es ist ja schon gut. Ich hätte es jetzt nicht erwähnen müssen. Es geht mich ja auch nichts an.«

Eigentlich hatte Angela noch etwas von der leckeren Kohlroulade essen wollen, doch sie ließ es sein, legte das Besteck beiseite.

»Mama, was sollen jetzt diese Spielchen? Warum spielst du die beleidigte Leberwurst. Über was für einen Brief sprichst du? Habe ich eine Einladung vergessen, den Geburtstag von jemandem? Dann hättest du mich daran erinnern müssen. Wenn es so ist, dann tut es mir leid.«

Jetzt war Sophia vollkommen irritiert.

Sophia zweifelte nicht einen Augenblick an den Worten ihrer Tochter. Angela war der aufrichtigste Mensch, den man sich nur vorstellen konnte, und sie neigte auch überhaupt nicht dazu, zu schauspielern. Wenn sie etwas vergessen oder vermasselt hatte, dann gab sie es auch zu. Aber konnte das sein? Dass man einen so wichtigen Brief einfach achtlos beiseite legte und vergaß? Für Sophia war es unvorstellbar.

»Angela, ich meine den Brief von dem Anwaltsbüro aus Achenberg.«

Nun dämmerte es bei Angela, sie schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, blickte ihre Mutter an.

»Du liebe Güte, Mama, an den Brief habe ich überhaupt nicht mehr gedacht. Warum hast du mich nicht schon früher daran erinnert?«

»Weil ich nicht neugierig sein wollte. Ich dachte, dass du deine Gründe dafür hast, warum du mir nichts mehr über diesen Brief erzählt hast. Aber jetzt hielt ich es irgendwie nicht mehr aus.«

»Mama, noch einmal, du hättest mich bloß fragen müssen. Er liegt irgendwo zwischen all meinen Papieren. Ich verspreche dir, ihn herauszusuchen. Doch glaube mir, etwas Spannendes kann nicht darin stehen, denn sonst hätte man sich noch einmal bei mir gemeldet. Und ich habe auch kein schlechtes Gewissen, weil ich mir nicht habe zuschulden kommen lassen.«

Sie verstanden sich blendend, doch jetzt konnte Sophia ihre Tochter nicht verstehen.

»Angela, der Brief kommt aus Achenberg.«

Ihre Tochter sagte nichts, sondern zog den Teller wieder zu sich heran, um den letzten Rest ihrer Kohlroulade von ihm zu picken, die doch jetzt überhaupt nicht mehr schmecken konnte, weil sie kalt geworden sein musste.

»Angela, Berthold von Ahnefeld kommt aus Achenberg.« Was hatte ihre Mutter bloß?

»Mama, ich weiß. Doch wie du weißt, hat Berthold all seine Zelte in Deutschland abgebrochen, um in Afrika zu leben. Und außerdem, warum sollte mir ein Anwalt schreiben? Berthold und ich sind im Guten auseinandergegangen. Und das ist bereits eine ganze Weile her. Wir hören nichts mehr voneinander. Das ist mir auch recht, weil es, wie du weißt, ein sehr schwerer Schritt für mich war, mich von ihm zu trennen. Doch es ging nicht anders. In seinem Herzen war kein Platz für mich.«

»Das stimmt nicht«, widersprach Sophia sofort, die Berthold sehr gernhatte und zutiefst bedauerte, dass aus ihm und Angela kein Paar geworden war. Für Sophia wäre Berthold der genau richtige Schwiegersohn gewesen.

»Gut, meinetwegen, Mama, dann nicht genug Platz, weil sein Herz ausgefüllt ist mit seiner toten Frau und seinen toten Kindern. Das ist ja auch vollkommen in Ordnung. Und ich trage es Berthold nicht nach, dass er weiter um seine Lieben trauert, die auf so tragische Weise ums Leben gekommen sind. Aber ich habe da nicht reingepasst. Es war einfach zu wenig, was er mir geben konnte. Doch bitte, lass uns davon aufhören. Ich weiß ja, wie gern du Berthold hattest, ich habe ihn geliebt. Doch manchmal muss man auf seinen Verstand hören, nicht auf sein Herz. Und mittlerweile weiß ich, dass es gut so war. Wir wären beide nicht glücklich geworden. Es war eine schöne Zeit mit ihm. Berthold hat mir besonders gutgetan nach dem Fiasko, das ich mit Wim, meinem Ex, erlebt habe. Es war für uns beide gut, denn immerhin ist es mir gelungen, ihm ein wenig von seiner Trauer zu nehmen. Also, Mama, wenn du dir da etwas zusammengereimt hast, dann vergiss es. Es ist ein reiner Zufall, dass mir da Anwälte aus Achenberg geschrieben haben. Es gibt ja Anwälte, die sich darauf spezialisiert haben, Kleinstverstöße im Internet zu ahnden, um Kapital daraus zu schlagen. Doch ehe es dir schlaflose Nächte bereiten sollte, Mama, ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Ich verspreche dir, den Brief herauszusuchen, doch nicht jetzt. Und sollte ich nicht daran denken, dann kannst du mich gern noch einmal daran erinnern.«

Sie überlegte.

»Eigentlich hatte ich noch mal an die Arbeit gehen sollen. Doch irgendwie ist mir die Lust dazu vergangen. Gewiss liegt das an dem köstlichen Essen, von dem ich mir mehr auf den Teller geschaufelt habe, als nötig gewesen wäre. Was meinst du, sollen wir uns gemeinsam einen Film ansehen? Ich räume rasch den Tisch ab, und du kannst den Film aussuchen.«

Wenn sie ehrlich war, dann hätte Sophia sich jetzt lieber weiter über den Brief unterhalten, der sie so sehr beschäftigte. Und mehr noch, es wäre ihr lieber gewesen, wenn Angela den Brief rasch geholt hätte, dann hätte die liebe Seele Ruhe gehabt. Zumindest ihre Seele.

»Eine gute Idee«, sagte sie, »doch du kannst auch alles stehen lassen, ich habe doch Zeit und kann es später wegräumen.«

Angela schüttelte den Kopf.

»Das kommt überhaupt nicht infrage, du hast gekocht, und jetzt bin ich dran. Außerdem weiß ich doch, dass du Unordnung hasst. Such den Film. Ich bin gleich zurück. Was möchtest du trinken? Noch ein Gläschen Wein? Das werde ich mir auf jeden Fall einschenken.«

»Ach, wenn du mich so fragst, mein Kind, dann würde ich ganz gern einen Kamillentee trinken, der bekommt mir nach dem Essen immer.«

»Kein Problem, Mama, den bekommst du. Also bitte, such den Film aus, und ehe du mich jetzt fragst, was ich sehen möchte, wirst du keine Antwort bekommen. Du hast die freie Wahl.«

Nach diesen Worten warf Angela ihrer Mutter einen liebevollen Blick zu. Die Arme, warum hatte sie denn nichts von diesem dummen Brief gesagt?

Sie begann den Tisch abzuräumen, alles in die Küche zu tragen, während Sophia in den Raum ging, den die beiden Damen sich als Bibliothek und zugleich Fernseh- und Musikzimmer eingerichtet hatten.

Den Gedanken, dass sie eigentlich zurück an ihre Arbeit müsste, verdrängte Angela. Man konnte auch übertreiben. Außerdem hatte es ihre Mutter verdient, dass sie wieder ein wenig Zeit mit ihr verbrachte. In der letzten Zeit war das nicht der Fall gewesen. Doch Angela war froh, diesen Job beim Kleveverlag zu haben. Sie war frei, konnte sich die Arbeit einteilen, und schlecht bezahlt wurde sie ebenfalls nicht. Dafür war sie dankbar, vor allem auch für die Möglichkeit, sich um ihre Mutter zu kümmern.

Wenn man daran dachte, was für ein Häufchen Elend sie gewesen war, als sie hergezogen waren.

Nein!

Daran wollte Angela nicht mehr denken, dann käme ihr auch gleich ihre eigene Vergangenheit in den Sinn, an die sie besser keinen einzigen Gedanken verschwendete.

Die Vergangenheit war tot!

Ihr ging es gut, ihre Mutter war wieder stabil, und die Arbeit zusammen mit Teresa ließ sie aufleben.

Alles war gut!

Das war vielleicht nicht ganz so, aber es ließ sich damit leben, denn jetzt musste sie doch wieder an Berthold denken. Und auch wenn sie es ihrer Mutter niemals sagen würde, um die nicht zu beunruhigen, es schmerzte noch immer. Aber dennoch war es die richtige Entscheidung gewesen, sie würde es wieder so machen.

Das kleine Bisschen hatte gefehlt …

*

Beatrix hätte besser nicht nach Hohenborn fahren sollen, um sich das Internat anzusehen. Das hatte nur sehnsuchtsvolle Gedanken in ihr erweckt und Träume, die sich eh niemals erfüllen würden. Dort stellte man keine Berufsanfängerin ein, die allerdings ihr Examen bereits vor Jahren gemacht hatte.

Und auch Horst hüllte sich in Schweigen. Doch das beunruhigte sie nicht so sehr wie die Begegnung mit diesem Fremden, der ihr gesagt hatte, dass sie sich die Blumen nicht selber kaufen solle, sondern sie sich schenken lassen. Und dann hatte er unmissverständlich schöne Frau gesagt. Das hatte sie verwirrt, dennoch war es bei ihr heruntergegangen wie Öl. Und es war, und das hatte sie ja besonders verwirrt, einen Augenblick der Magie gegeben, als ihre Blicke ineinander versunken waren.

Du liebe Güte!

Als wenn ihr Leben nicht kompliziert genug wäre!

Immerhin …

So etwas hatte sie noch nie zuvor in ihrem Leben erlebt, auch nicht bei ihrer ersten Begegnung mit Horst. Da war alles ganz anders. Sie war nicht aufgeregt gewesen, sondern sie hatte sich von ihm beschützt gefühlt. Das war zumindest ihre Empfindung. Und je länger sie darüber nachdachte, kam sie zu der Erkenntnis, dass sie wohl in ihm etwas gesucht hatte, was ihr von ihrem Vater nicht gegeben worden war. Es hatte in ihrem Kopf stattgefunden, denn die Wirklichkeit war eine ganz andere gewesen. Doch so war es immer, dass nur sehr selten verwirklicht wurde, was in der Fantasie stattfand. Doch daran wollte sie jetzt wirklich nicht denken. Sie hätte sich nicht wie ein hypnotisiertes Kaninchen verhalten müssen, sondern sie hätte keck sagen müssen, dass er sich irre, denn sie habe den Strauß nicht gekauft, sondern ihn geschenkt bekommen. Das traf ja auch zu, Rosmarie Rückert hatte ihn ihr geschenkt. Doch welche Rolle spielte es jetzt noch? Keine!

Sie schreckte zusammen, als es an der Haustür klingelte. Der Briefträger, um ihr Post von Horst zu bringen oder von seinem Anwalt?

Beatrix war wütend auf sich selbst. Sie stand sich wirklich selbst im Wege. Warum sah sie es nicht positiv? Warum war sie immer direkt negativ? Es konnte doch auch etwas Schönes sein!

Na ja, manches konnte man sich auch einreden! Sie ging zur Tür und öffnete. Rosmarie Rückert stand davor und erklärte: »Liebe Frau Sendler. Ich habe ein Attentat auf Sie vor. Eigentlich wollte ich mit meinem Mann in den ›Seeblick‹ gehen, doch der hat mich versetzt, weil er ein wichtiges Mandantengespräch hat, das nicht aufschiebbar ist. Ich könnte auch allein dorthin gehen, doch das wäre mir ein bisschen peinlich, denn mein Mann hat extra für uns eine Fischsuppe bestellt, die nicht auf der Karte steht und die nur für uns gekocht wird.« Sie blickte Beatrix an und erkundigte sich: »Mögen Sie Fisch?«

Die nickte bestätigend. »Aber …«

Sie wurde von Rosmarie unterbrochen. »Kein aber, meine Liebe, dann ist alles klar, und natürlich sind Sie herzlich eingeladen.«

Beatrix hoffte, dass Rosmarie Rückert jetzt nicht mitbekam, wie erleichtert sie war. Natürlich hatte Maja ihr vom ›Seeblick‹ vorgeschwärmt, praktisch ihrem zweiten Wohnzimmer, als sie noch im Sonnenwinkel gelebt hatte. Und sie hatte ihr angeraten, hinzugehen. Das hatte Beatrix auch getan. Allerdings am Ruhetag, um sich über die Preise zu informieren. Die waren gewiss gerechtfertigt, doch die überstiegen ganz eindeutig ihren Geldbeutel. Außerdem hätte sie sich nicht gut gefühlt, das Geld, das sie von Maja großzügigerweise bekommen hatte, dafür auszugeben, lecker in einem erstklassigen Restaurant zu essen.

Und nun würde sie in den ›Seeblick‹ kommen. Freude stieg in ihr auf.

»Und wann soll es sein?«, wollte sie wissen, und Rosmarie antwortete prompt: »Jetzt, mein Wagen steht vor der Tür.«

Entsetzt blickte Beatrix an sich herunter, Rosmarie bekam es mit und sagte sofort: »Sie sehen wunderbar aus. Außerdem, niemand würde bei Ihnen auf die Kleidung blicken, sondern auf ihr schönes Gesicht.«

Beatrix errötete.

»Ich kämme mir nur noch die Haare, ziehe ein Paar andere Schuhe an«, sagte sie, und Rosmarie antwortete: »Und ich warte draußen im Auto. Danke, dass Sie mich begleiten. Das erspart mir wirklich eine Peinlichkeit. Natürlich würden Julia und Tim Richter nichts dazu sagen, doch ich finde, dass sich so etwas einfach nicht gehört. Du kannst absagen, wenn du dich nur angemeldet hast, aber nicht, wenn du Sonderwünsche erfüllt haben möchtest. Also ich gehe dann schon mal.«

Beatrix freute sich sehr über diese Einladung, doch es wäre ihr lieber gewesen, sie hätte sich darauf vorbereiten können. Sie blickte an sich herunter. Ja, sie fühlte sich wohl in der camelfarbenen Jeans, dem camelfarbenen dünngestrickten Pullover. Aber war das was für den ›Seeblick‹?

Darüber konnte sie jetzt nicht nachdenken, und umziehen ging schon überhaupt nicht, weil sie Rosmarie nicht warten lassen durfte. Sie rannte ins Badezimmer, legte wenigstens ein wenig Rouge auf, zog ihre Lippen nach. Wimperntusche? Nein, dazu reichte die Zeit nicht, und wenn sie etwas verschmierte, dann dauerte es länger, dann also besser nicht. Aber ein bisschen von ihrem Lieblingsparfüm, das musste sein. Sie war geradezu süchtig danach, nachdem sie sich das endlich wieder kaufen durfte, nachdem sie Horst verlassen war. Er hatte an ihr nur einen Duft riechen wollen. Wie konnte es auch anders sein, den Lieblingsduft von Diana, der leider überhaupt nicht ihrer war. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken, denn es war vorbei. Sie fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, dann schlüpfte sie in andere Schuhe, zog die leichte Jacke über, dann verließ sie das Haus.

Sie hätte sich für den Besuch im ›Seeblick‹ wirklich sehr gern fein gemacht. Schade, dass man diese unverhofften Einladungen, Ereignisse überhaupt, nicht vorausahnen konnte.

Sie verließ das Haus, stieg zu Rosmarie in den Wagen, und die sagte, ehe sie ihn startete: »Sie sehen wunderschön aus.«

Meinte sie es wirklich, oder war es nur so dahergesagt, um sie zu trösten?

Nein, so durfte sie überhaupt nicht denken. Sie dankte Rosmarie vielmehr noch einmal für die Einladung, und sagte ihr wahrheitsgemäß, wie aufgeregt sie sei.

Rosmarie war ganz gerührt. Sie erzählte ihr, dass Julia das Restaurant zuerst allein geführt hatte, weil sie da noch nicht verheiratet gewesen war, dass es ursprünglich ein veganes Restaurant sein sollte, und das hätte sie beinahe gegen die Wand gefahren und hätte nicht nur ihre ganzen Ersparnisse, ihre kleine Erbschaft verloren, sondern wäre auf einem Berg Schulden sitzen geblieben.

»Ich mag Julia sehr gern. Sie ist eine Kämpferin, sie hat sich nicht unterkriegen lassen, und zum Glück hat sie auch beizeiten die Kurve bekommen. Und ist es nicht verrückt? Früher wollten die Gäste von veganem Essen nichts wissen, doch jetzt bestellen es viele von ihnen. Um Julia muss man sich auf jeden Fall keine Sorgen machen, die hat ihren Weg gefunden und mit ihrem Tim auch ihr Glück.«

»Und Maja hat mir erzählt, dass sie kein Sternerestaurant mehr sein wollten.«

»Stimmt, meine Liebe, und das war die richtige Entscheidung. Und nicht nur ich finde, dass Sie besser sind als sie jemals waren. Aber da haben sich allerdings auch zwei Besessene gefunden, die für ihren Beruf leben und nicht aufhören, immer wieder etwas Neues auszuprobieren. Davon profitieren wir alle. Sie könnten durchaus ein Restaurant in der Großstadt führen, und man würde ihnen die Tür einrennen. Das wollen sie nicht, weil sie im Sonnenwinkel angekommen sind.« Sie warf Beatrix einen Seitenblick zu, stellte den Motor aus, denn sie waren oben angekommen. »Ich wünsche mir sehr, dass Sie das irgendwann auch von sich sagen würden. Sie wären auf jeden Fall eine Bereicherung für uns hier. Das wäre Frau Greifenfeld ebenfalls gewesen, doch leider hat die uns wieder verlassen.« Sie lächelte. »Aber für einen schönen Ersatz gesorgt.«

Beatrix wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie war noch nie in ihrem Leben mit so schönen Komplimenten bedacht worden, und an so etwas musste man sich erst gewöhnen. Ihr Vater war kaltherzig gewesen und hatte durchaus auch eine lockere Hand besessen. Ihre Mutter war eingeschüchtert und hatte sich nicht getraut. Und Horst? Sie konnte ihm nicht wirklich etwas vorwerfen, der war zufrieden gewesen, solange er in ihr seine Diana sehen konnte. Es war verrückt, der Mann auf dem Markt hatte ihr ein kleines Kompliment gemacht, und das hatte sie vollkommen aus der Spur gebracht. Und ja, Rosmarie Rückert, die war unglaublich nett. Und natürlich durfte sie Maja nicht vergessen, doch die musste ihr keine Komplimente, sie waren alte Freundinnen, die sich aus den Augen verloren, doch zum Glück genau im rechten Augenblick wiedergefunden hatten.

Sie war so in ihre Gedanken versunken, dass sie erschrocken zusammenzuckte, als Rosmarie lächelnd bemerkte: »Ich denke, wir sollten jetzt aussteigen.«

Beatrix entschuldigte sich, stieg rasch aus. Der Parkplatz war voll, obwohl es erst mittags war. Abends war oftmals kaum ein Parkplatz zu finden, da mussten die Gäste ihre Autos bereits links und rechts auf der Zufahrtsstraße parken, die zum Glück breit genug war, um dann auch noch ein Auto hindurchzulassen.

Beatrix spürte ihren Herzschlag, sie war aufgeregt und freute sich wie ein Kind kurz vor der weihnachtlichen Bescherung. Gleich würde sie den ›Seeblick‹ betreten. Wenn sie das gewusst hätte, dann hätte sie doch ein ganz anderes Outfit gewählt. Sie blickte an sich herunter, Rosmarie bekam es mit: »Sie sehen perfekt aus, meine Liebe. Und das dürfen Sie mir glauben, dass ich mir da ein Urteil erlauben kann, denn ich war jahrelang ein ausgesprochener Fashionfreak, und ich habe gekauft, als gäbe es kein morgen. Doch glücklicherweise ist das vorbei. Und ich habe das jetzt auch nicht erwähnt, weil ich mich damit brüsten möchte, sondern, dass Sie mir glauben können.«

Sie betraten das Restaurant. Beatrix kam aus dem Staunen überhaupt nicht heraus. Das Haus war ja an sich schon etwas Besonderes, und dann diese unvergleichliche Lage oberhalb des Sees mit einem geradezu fantastischen Ausblick. Davon hatte sie sich überzeugen können, als sie heraufgekommen war, um die Speisekarte im Aushang zu studieren. Sie hatte lange auf der Terrasse verweilt, hatte vom Blick auf den Sternsee nicht genug bekommen können. Und sie hatte ein wenig ein schlechtes Gewissen gehabt, weil sie hier nicht zu suchen hatte. Jetzt war es anders, sie war eingeladen. Und schon beim Gedanken daran hüpfte ihr Herz vor lauter Freude.

Das Restaurant war mit sehr viel Liebe eingerichtet worden, modern, aber nicht kalt und unpersönlich. Auf jedem der Tische standen frische Blumen, und auch nicht irgendwelche. Man sah, dass sie mit Sorgfalt ausgewählt worden waren. Beatrix konnte sich einfach nicht sattsehen. Welch wundervolles Ambiente!

Sie wurde aus ihren Betrachtungen gerissen, weil eine junge, sehr gut aussehende Frau sich zu ihnen gesellte. Und das musste Julia Herzog-Richter sein, die Chefin. Sie war nicht sehr groß, schlank, was für ihren Beruf ein wenig erstaunlich war. Doch das zeigte wieder mal, dass man keine vorgefasste Meinung haben durfte, wie jemand aussah, der den einen oder anderen Beruf hatte. Von solchem klischeehaften Denken musste man sich befreien.

Sie begrüßte die beiden Frauen mit einer sehr angenehm klingenden Stimme.