Der neue Sonnenwinkel 71 – Familienroman - Michaela Dornberg - E-Book

Der neue Sonnenwinkel 71 – Familienroman E-Book

Michaela Dornberg

5,0

Beschreibung

Vor Robertas Haustür liegt ein neugeborenes Mädchen, Adrienne. Roberta und Alma sind vollkommen aus dem Häuschen, aber auch überfordert. Da erweisen sich Inge Auerbach und Teresa von Roth als sehr hilfreiche Engel. Bea und Alex befinden sich auf einem sehr guten Weg. Er zerstreut mehr und mehr ihre Zweifel, keine neue Bindung eingehen zu dürfen, solange die alte formal noch nicht beendet, wenn auch endgültig gescheitert ist. Bea ist jetzt tatsächlich glücklich mit Alex. Plötzlich ruft Horst an mit einer erstaunlichen Neuigkeit. Er drängt auf ein schnelles Ende ihrer Ehe. Horst ist sogar bereit, sehr viel Geld dafür zu zahlen. Eine halbe Million! Inge und Werner frühstücken gemeinsam. Ihre Harmonie kennt keine Grenzen mehr. Werner ist bereit, sein altes Leben aufzugeben. Inge ist sprachlos vor Glück. Sophia von Bergen war sehr alarmiert. Und das konnte sie auch sein. Innerhalb kürzester Zeit war aus einer bestens gelaunten jungen Frau ein aufgelöstes Nervenbündel geworden. Dabei hatte Angela aus ihrem Arbeitszimmer nur etwas holen wollen, und jetzt erinnerte Sophia sich auch wieder, die Jacke, die Angela nun auch trug und die eine ganze Weile unbeachtet über einer Stuhllehne gehangen hatte, eine Unart von ihrer Tochter, die Sophia ihrer Tochter einfach nicht abgewöhnen konnte, was sie mittlerweile auch aufgegeben hatte Nachdem Sophia einen Augenblick wie gelähmt war, wollte sie aufspringen, zu ihrer Tochter eilen, sie in den Arm nehmen, trösten. Es war schließlich nicht zu übersehen, dass sich in dieser kurzen Zeit etwas geschehen sein musste, was Angela völlig aus der Bahn geworfen hatte, und so etwas geschah nicht so leicht. Auf jeden Fall half in einer derartigen Situation am meisten, seinem Kind seine Liebe zu zeigen, dass man für es da war, was immer auch geschah. Und das, wie alt das Kind mittlerweile geworden war, weil Mutterliebe niemals aufhörte. Angela schien gespürt zu haben, was ihre Mutter vorhatte. Sie erwachte aus ihrer Erstarrung. "Mama, bitte bleib sitzen", rief sie hastig, und dann war Angela auch schon mit wenigen Schritten bei ihrer Mutter, setzte sich, ergriff deren Hand, und dann sagte sie mit bebender, ihr kaum ­gehorchender Stimme: "Mama, Berthold ist tot." Eine Bombe hätte keine einschlagendere Wirkung haben können. Sophia starrte ihre Tochter voller Nichtbegreifen an. Was hatte Angela da gesagt? Das konnte nur ein Scherz sein, doch mit dem Tod machte man keine Scherze. Sie schluckte, wollte etwas sagen, es gelang ihr einfach nicht, ein Wort herauszubringen, in ihrem Kopf begannen die Gedanken zu kreisen. Sie riss sich zusammen, stammelte schließlich ein: "Angela, was hast du da gesagt?" Eine törichte Frage, Angela hatte sich klar und deutlich ausgedrückt, und sie hatte es verstanden. "Mama, ich konnte es erst auch nicht begreifen, doch es trifft zu, Berthold ist tot." Nach diesen Worten war es erst einmal still, so still, dass man das Ticken der Uhr hören konnte.

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Der neue Sonnenwinkel – 71 –

Die schöne Seele und der See

Angela empfängt ein Zeichen von einem Engel

Michaela Dornberg

Sophia von Bergen war sehr alarmiert. Und das konnte sie auch sein. Innerhalb kürzester Zeit war aus einer bestens gelaunten jungen Frau ein aufgelöstes Nervenbündel geworden. Dabei hatte Angela aus ihrem Arbeitszimmer nur etwas holen wollen, und jetzt erinnerte Sophia sich auch wieder, die Jacke, die Angela nun auch trug und die eine ganze Weile unbeachtet über einer Stuhllehne gehangen hatte, eine Unart von ihrer Tochter, die Sophia ihrer Tochter einfach nicht abgewöhnen konnte, was sie mittlerweile auch aufgegeben hatte Nachdem Sophia einen Augenblick wie gelähmt war, wollte sie aufspringen, zu ihrer Tochter eilen, sie in den Arm nehmen, trösten. Es war schließlich nicht zu übersehen, dass sich in dieser kurzen Zeit etwas geschehen sein musste, was Angela völlig aus der Bahn geworfen hatte, und so etwas geschah nicht so leicht. Auf jeden Fall half in einer derartigen Situation am meisten, seinem Kind seine Liebe zu zeigen, dass man für es da war, was immer auch geschah. Und das, wie alt das Kind mittlerweile geworden war, weil Mutterliebe niemals aufhörte.

Angela schien gespürt zu haben, was ihre Mutter vorhatte. Sie erwachte aus ihrer Erstarrung.

»Mama, bitte bleib sitzen«, rief sie hastig, und dann war Angela auch schon mit wenigen Schritten bei ihrer Mutter, setzte sich, ergriff deren Hand, und dann sagte sie mit bebender, ihr kaum ­gehorchender Stimme: »Mama, Berthold ist tot.«

Eine Bombe hätte keine einschlagendere Wirkung haben können. Sophia starrte ihre Tochter voller Nichtbegreifen an. Was hatte Angela da gesagt? Das konnte nur ein Scherz sein, doch mit dem Tod machte man keine Scherze.

Sie schluckte, wollte etwas sagen, es gelang ihr einfach nicht, ein Wort herauszubringen, in ihrem Kopf begannen die Gedanken zu kreisen. Sie riss sich zusammen, stammelte schließlich ein: »Angela, was hast du da gesagt?«

Eine törichte Frage, Angela hatte sich klar und deutlich ausgedrückt, und sie hatte es verstanden.

»Mama, ich konnte es erst auch nicht begreifen, doch es trifft zu, Berthold ist tot.«

Nach diesen Worten war es erst einmal still, so still, dass man das Ticken der Uhr hören konnte. Schweigen lastete zwischen den beiden Frauen, die von ihren Gedanken eingeholt wurden. Es war Sophia, die schließlich das Schweigen durchbrach, indem sie sagte: »Angela, wie kann das sein? Berthold war ein gesunder Mann, da stirbt man doch nicht so einfach. Außerdem, woher willst du das wissen? Ihr steht doch überhaupt nicht mehr miteinander in Kontakt.«

Sie hätte noch mehr gesagt, weil sie es einfach nicht wahrhaben wollte, wäre sie nicht von Angela unterbrochen worden.

»Mama, es steht in dem Brief dieser Anwaltskanzlei, und hätte ich den Brief früher geöffnet, wüssten wir es längst. Vermutlich hat mich eine innere Stimme davor gewarnt, den Brief zu lesen. Doch vorhin fand ich ihn wieder in der Jackentasche, als ich die anziehen wollte. Ja, und da stand es dann.«

Es war schrecklich!

Man konnte es nicht glauben!

Berthold, dieser großartige Mann, der konnte doch nicht einfach tot sein!

»Und … und woran ist er gestorben, ist er …, hatte er einen Autounfall? Ja, das wäre eine plausible Erklärung.«

Angela zuckte die Achseln.

»Mama, ich weiß es nicht.«

»Aber wenn sie dir geschrieben haben, dann muss in dem Brief doch auch gestanden haben, woran er gestorben ist. Außerdem, woher haben die deine Adresse, was wollen die von dir? Doch gewiss nicht die Übernahme der Bestattungskosten, denn Berthold hat …, hatte Geld genug, und …« Sophia brach ihren Satz ab. »Entschuldige, das war jetzt dumm von mir, eine solch unpassende Bemerkung zu machen. Aber ich bin vollkommen durcheinander und weiß überhaupt nicht, was ich da rede.«

Angela streichelte die Hand ihrer Mutter.

»Mama, in dem Brief stand nicht viel, sondern dass ich mich wegen des verstorbenen Berthold von Ahnefeld mit der Kanzlei in Verbindung setzen und einen persönlichen Gesprächstermin ausmachen soll …, ich habe dort angerufen, weil ich Näheres erfahren wollte, doch mir wurde keine Auskunft gegeben. Und so habe ich mich entschlossen, jetzt gleich nach Achenberg zu fahren, und Dr. Gruber, der Chef der Anwaltskanzlei wird auf mich warten. Ihm scheint es wichtig, alles, was da zu besprechen ist, zu besprechen. Und er war zunächst auch ein wenig pikiert, weil ich mich noch nicht gemeldet habe. Als ich ihm jedoch sagte, dass ich den Brief gerade erst gelesen hatte, was ja auch stimmt, zeigte er sich versöhnlich. Mama, aus unserem Ausflug nach Hohenborn wird leider nichts, ich packe rasch ein paar Sachen zusammen, und dann fahre ich los. Wenn ich gut durchkomme und es keine Staus gibt, werde ich in vier Stunden in Achenberg sein, ich weiß nicht, wie lange die Besprechung dauert. Ich werde auf jeden Fall dort übernachten, und Dr. Gruber will mir auch ein nettes Zimmer in einer Pension besorgen.«

»Dass du das auf die Reihe bekommen hast, Angela«, sagte Sophia, in deren Stimme deutliche Bewunderung für ihre Tochter lag, doch danach kam ein ganz besorgtes: »Und du traust dir die lange Fahrt zu? Nach allem, was du jetzt erfahren hast, mein Kind?«

»Mama, es muss sein«, Angela wischte sich die letzten Tränen weg, »das bin ich Berthold schuldig. Ich denke, dass ich im Falle eines Falles noch etwas für ihn tun soll. Außerdem will ich wissen, woran er gestorben ist. Als ich zuletzt von ihm hörte, schien er mit sich im Reinen zu sein, und Afrika, dort wo er durch diesen tragischen Unfall nicht nur seine Frau, sondern auch seine Kinder verloren hatte, war für ihn der richtige Platz, weil er ihnen dort nahe sein konnte.«

Angela zog ihre Hand weg.

»Mama, entschuldige bitte, aber ich muss jetzt wirklich los. Das mit Hohenborn holen wir nach, das läuft uns nicht davon.«

»Angela, ich bitte dich, das ist doch überhaupt nicht wichtig. Soll ich dir noch einen Kaffee für unterwegs kochen? Etwas Essbares einpacken?«

Es war eine schreckliche Situation, die sie überall erschütterte, doch jetzt hätte Angela beinahe gelächelt.

»Mama, ich fahre nicht durch die Wüste, sondern über eine befahrene Autobahn, an der es überall Raststätten gibt. Es ist lieb von dir, danke. Ich pack schnell meine Reisetasche, und dann komme ich zurück, um mich zu verabschieden.«

Und so geschah es auch wenig später, Angela musste in wilder Hast irgendwas in die Tasche geschmissen haben.

»Mama, mach dir keine Sorgen, ich pass auf mich auf, und morgen bin ich zurück.«

»Aber du kannst mich doch anrufen, Angela, ich möchte erfahren, weswegen du zu diesen Anwälten musst. Es scheint wichtig zu sein, denn sonst hätte dir der Chef nicht sofort einen Termin gegeben, und dann wartet er auch noch auf dich.«

Angela umarmte ihre Mutter, gab ihr einen Kuss.

»So, jetzt muss ich los. Doch ich werde dich nicht anrufen, Mama. Ich bin der Meinung, dass das, was der Anwalt mir erzählen wird, nicht am Telefon wiederholt werden sollte. Ich werde dir morgen alles erzählen, und wie immer Berthold auch gestorben ist, ich wünsche von ganzem Herzen, dass er nicht leiden musste, und er …«

Jetzt konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, sie begann zu weinen, stolperte aus dem Raum, und Sophia sah ihrer Tochter angstvoll hinterher.

In diesem Zustand wollte Angela diese lange Fahrt antreten? Mit all den Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen mussten?

Panik überfiel Sophia, sie sprang auf, weil sie der Meinung war, dass sie Angela zurückhalten musste. Doch als sie an die Haustür kam, sah sie nur noch die Rücklichter von Angelas Wagen. Angela musste zu ihrem Auto geflogen sein, und das machte Sophia noch unruhiger.

Berthold tot!

Angela auf einer mehrstündigen Fahrt, und dann würde sie sie noch nicht einmal anrufen!

Was sollte sie denn jetzt machen?

Sie konnte doch nicht untätig herumsitzen!

Sie hätte Angela aufhalten müssen, es war verrückt, loszufahren. Angela hatte diese Schreckensnachricht noch nicht einmal verdaut, ach was, sie war noch nicht einmal richtig bei ihr angekommen!

Sophia wollte in ihr Wohnzimmer zurück, aber was sollte sie dort. Sie sah den Hausschlüssel auf der schönen alten in der Diele stehenden Eichentruhe, und dann überlegte sie überhaupt nicht mehr.

Teresa …

Sie musste zur Teresa, die war die einzige Person, der sie sich anvertrauen konnte, die die richtigen Worte finden würde. Außerdem kannte Teresa Berthold von Ahnefeld nicht nur, sondern sie hatte seinerzeit ja Angela und Berthold unbedingt miteinander verkuppeln wollen. Dass es nicht geklappt hatte, lag nur daran, dass die beiden sich vorher kennengelernt hatten, ohne voneinander zu wissen.

Doch verkuppelt oder nicht, welche Rolle spielte das schon. Angela und Berthold waren ein ideales Paar, doch der Zeitpunkt, zu dem sie sich kennengelernt hatten, war nicht der richtige gewesen. Berthold war ein Gefangener seiner Vergangenheit gewesen, er hatte für Angela keinen Platz in seinem Herzen, und das Wenige, was er bereit gewesen war zu geben, das hatte Angela nicht gereicht. Sie hatte sich von ihm, zum Bedauern aller, getrennt. Auch trotz ihrer Liebe zu ihm, die sie bis heute nicht überwunden hatte, denn sonst hätte es ja wieder einen Mann in ihrem Leben gegeben, wenigstens eine Verabredung mit einem. Da war nichts.

Sophia hatte noch immer gehofft, dass sie wieder ein Paar werden würden. Heilte denn die Zeit nicht alle Wunden? Sie war solo, er war solo, Gefühle waren da, da hatte man ja wohl ein bisschen träumen können. Doch damit war es vorbei, Berthold war tot, Sophia begann zu zittern. Doch das konnte auch daran liegen, dass sie ziemlich kopflos davongelaufen war, ohne sich Straßenschuhe anzuziehen oder wenigstens eine Strickjacke. So warm war es nicht.

Zu spät!

Jetzt kehrte sie wirklich nicht mehr um, zumal sie das Haus von Teresa und Magnus von Roth bereits in Sichtweite hatte. Sie beschleunigte ihre Schritte.

Oh Gott, oh Gott!

Wie würde Teresa es wohl aufnehmen? Nun, es war nicht schwer, es zu erraten. Sie würde auch total erschüttert sein. Und dann die Auerbachs, die waren mit Berthold befreundet, die waren ja auch vollkommen ahnungslos. Wäre es anders, dann hätte sie es erfahren.

Was war da bloß geschehen?

*

Sie hatte das Haus erreicht, talpte durch den Vorgarten, dann klingelte sie an der Haustür Sturm.

Magnus von Roth öffnete die Tür, er wollte gerade das Haus verlassen, freute sich, Sophia zu sehen, denn nicht nur Teresa war mit ihr befreundet, Magnus war es ebenfalls.

Ehe er sie begrüßte, rief er: »Sophia, bist du ohne Jacke aus dem Haus gelaufen? Und sag mal, diese feinen Tanzschühchen, die du an den Füßen hast, sind ja nun wirklich nicht für die Straße geeignet. Was ist denn los mit dir?«

Sie schluckte, er ahnte, dass sie das nicht mit einem Satz abtun würde, und er war wirklich in Eile, weil er eine Verabredung hatte, und Magnus von Roth gehörte zu den Menschen, die pünktlich waren, weil sich das einfach so gehörte.

»Warte, warte, erzähl es lieber Teresa, ich bin in Eile, doch eines noch, zieh dir gefälligst das nächste Mal etwas über, in unserem Alter zieht man sich schnell eine Erkältung zu und laboriert dann länger daran herum als ein junger Mensch.«

Er umarmte sie flüchtig, dann ging er davon, und Sophia ging ins Haus hinein. Sie kannte sich hier bestens aus, sie wusste auch, wo sie Teresa finden würde, in dem gemütlichen Raum, der für Teresa und Magnus Bibliothek und Fernseh- und Musikzimmer gleichzeitig war.

Teresa hatte gerade anfangen wollen, in einem Buch zu lesen, als Sophia den Raum betrat.

Teresa legte das Buch beiseite, rief erschrocken: »Sophia, wie siehst du denn aus? Und warum bist du in Hausschuhen hier?«

Dass auch ohne Jacke, wusste sie nicht, denn die hätte Sophia ja ausziehen können.

Vielleicht war es nicht gerade geschickt, denn man fiel nicht direkt mit der Tür ins Haus.

Schon gar nicht, wenn man eine Schreckensnachricht übermitteln musste. Doch Sophia konnte nicht anders.

»Teresa … Berthold ist tot.«

Die Worte lagen schwer und bedrohlich im Raum, und zunächst einmal schienen sie bei Teresa auch überhaupt nicht angekommen zu sein.

»Sophia, was redest du da, setz dich erst einmal, Möchtest du einen Tee trinken? Ich habe gerade welchen gekocht, Salbei mit Honig.«

Er würde sie aufwärmen, Sophia nickte, sah zu, wie Teresa Tasse und Untertasse aus dem Schrank holte, einen Kaffeelöffel, sie schenkte den goldfarbenen Tee ein, schob Sophia die Tasse zu, auch die Zuckerdose, weil sie wusste, dass Sophia manchmal, nicht immer, ihren Tee gern mit Zucker trank.

Der Tee war köstlich, vielleicht erwärmte er sie innerlich auch, doch das bekam Sophia irgendwie nicht mit, sie fühlte sich wie erstarrt, stand vollkommen neben sich.

Sie war immerhin in der Lage, Teresa noch mal zu sagen, diesmal mit mehr Nachdruck: »Teresa, Berthold ist tot.«

Jetzt schien Teresa es begriffen zu haben, doch nicht so wie Sophia es erwartet hätte.

Arme Sophia, dachte Teresa, die ja nur zu genau wusste, wie gern die Berthold als Schwiegersohn für ihre Angela gehabt hätte. Und beinahe wäre es ja auch so gekommen.

»Liebste Freundin, willst du mir damit sagen, dass Berthold von Ahnefeld jetzt gewissermaßen tot für dich ist, weil du alle Hoffnungen aufgegeben hast, dass aus ihm und deiner Angela doch noch ein Paar werden könnte? Es ist gut, dass du dir keine falschen Hoffnungen mehr machst, Sophia, doch findest du nicht, dass es ein wenig drastisch ist, ihn dann gleich für tot zu erklären? Loslassen, aus dem Leben streichen, das hätte doch auch gereicht.«

Nun bekam Sophia so etwas wie eine Schnappatmung, sie konnte erst einmal überhaupt nichts sagen.

Was dachte Teresa denn da?

Nun ja, irgendwie war es verständlich, sie hatte ja auch nicht direkt begriffen, dass Berthold, dieser großartige Mann, wirklich tot war.

Nachdem sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, erzählte Sophia ihr, dass es stimmte, sie erzählte ihr alles, was sie von Angela erfahren hatte und dass die nun auf dem Weg in dieses Anwaltsbüro sei.

»Und dieser folgenschwere Brief steckte die ganze Zeit über unbeachtet in einer Jackentasche.«

Man sah Teresa an, wie erschüttert sie jetzt war, und nun sagte sie erst einmal eine ganze Weile nichts, danach schüttelte sie den Kopf, und es war auch nicht zu übersehen, dass sie Tränen in den Augen hatte.

»Es ist nicht zu fassen«, bemerkte sie schließlich mit leiser Stimme. »Berthold tot, dieser ­vitale Mann …, woran mag er wohl gestorben sein«, eigentlich sprach sie mehr oder weniger zu sich selbst. »Er hätte nicht nach Afrika gehen sollen, dort gibt es Krankheiten …«, sie brach ihren Satz ab, um fortzufahren, »weiß man denn wo er gestorben ist? Und hat er gar sich selbst …«

»Teresa, all diese Fragen sind mir ebenfalls durch den Kopf geschwirrt, doch Angela hat nichts weiter erfahren, als dass er tot ist und dass sie nach Achenberg kommen soll, und auf dem Weg dorthin ist sie.«

Teresa holte ganz tief Luft.

»Danke, Sophia, dass du direkt zu mir gekommen bist, um mir das zu sagen.«

Sophia seufzte.

»Teresa, wohin hätte ich denn sonst gehen sollen? Allein hätte ich es daheim nicht ausgehalten, ich bin vollkommen durcheinander und nun kommt auch noch die Sorge hinzu, dass Angela unterwegs nichts zustößt. Du hättest mal sehen sollen, wie durcheinander sie war. Eigentlich hätte ich es ihr verbieten müssen, in dieser Verfassung eine so lange Fahrt zu unternehmen.«

Teresa winkte ab.

»Sophia, ich bitte dich, sie hätte es sich doch nicht verbieten lassen. Angela ist kein Kleinkind, sie weiß, was sie tut. Und ich kann sehr gut verstehen, dass sie sofort losgefahren ist, um sich Klarheit zu verschaffen, schließlich waren sie und Berthold ein Paar. Sie sind sich nur zu früh begegnet, er hatte den Flugzeugabsturz seiner Lieben noch nicht überwunden. Andererseits ist er an Angelas Seite so richtig aufgeblüht.

Ach, was rede ich da, es ist das törichte Geplappere einer alten Frau, die mit den beiden andere Pläne hatte. Wenn Angela dich anruft, lass es mich auch sofort wissen, Teresa, das musst du mir versprechen. Und wenn es mitten in der Nacht ist.«

»Sie wird mich nicht anrufen, das hat sie mir schon gesagt, weil sie findet, dass so etwas nichts fürs Telefon ist.«

»Wenn das so ist, Sophia, dann bleibst du heute Nacht hier bei uns, wozu haben wir ein Gästezimmer. Ich lass dich doch jetzt nicht zurück in ein großes, dunkles Haus, in dem du deinen Gedanken und Ängsten ausgeliefert bist.«

Wie gut es doch war, Freunde zu haben!

Zunächst einmal konnte Sophia nichts sagen, sie war gerührt, und gleichzeitig fiel ihr eine große Last von den Schultern, denn an dem Abend, der Nacht, allein im Haus, konfrontiert mit dem Tod von Berthold und der Angst um Angela, hätte sie kein Auge zugemacht, und ihr Gedankenkarussell hätte sich wie wild gedreht und alles wäre in ihrer Fantasie noch viel schlimmer geworden als es schon war.

»Danke, Teresa, dann werde ich mir Nachtzeug und meine Zahnbürste holen.«

»Du holst dir gar nichts mehr, alles, was du benötigst, habe ich für dich da. Und ehrlich mal, Sophia, wenn du das nächste Mal das Haus verlässt, dann bitte ordentlich gekleidet und mit den richtigen Schuhen.«

»Ja, Teresa«, versprach Sophia, »es war unüberlegt von mir, aber ich konnte einfach keinen klaren Gedanken fassen, ich wollte nur zu dir.«

Teresa grinste, obwohl ihr nicht danach zumute war.

»Zum Glück bist du ja nicht im Nachthemd auf die Straße gerannt, andererseits, wenn es so gewesen wäre, hätten die Leute allenfalls geredet, und das tun sie doch so oder so. Man muss sich nicht darum kümmern. Möchtest du noch einen Tee haben, meine Liebe?«

»Ja, gern, er tut gut.«

Teresa war so fürsorglich. Das erinnerte Sophia an die Zeit, als sie in den Sonnenwinkel gezogen war, zusammen mit ihrer Angela, und wo niemand auch nur einen Pfifferling um ihre Genesung gegeben hätte. Sie hatte es geschafft, wollte nicht mehr an die Vergangenheit erinnert werden. Doch was Teresa und Magnus für sie getan hatten, auch Inge Auerbach, das würde sie niemals vergessen und ihnen auf ewig dankbar sein. Ihnen und Inge Auerbach.

Sophia stellte ihre Tasse ab.

»Teresa, Inge weiß ja überhaupt noch nichts davon, wir müssen sie anrufen, es ihr sagen.«

Teresa schüttelte den Kopf

»Sophia, das halte ich zum derzeitigen Zeitpunkt für keine besonders gute Idee, heute hat Inge ihren letzten Abend mit Pamela, und den soll sie so richtig genießen. Magnus und ich haben uns bereits von unserem Küken verabschiedet, sodass Inge sie ganz für sich allein haben kann. Und sie wird sie morgen auch zum Flughafen bringen. Diese furchtbare Neuigkeit würde alles auf den Kopf stellen und den beiden den Abend gründlich verderben. Außerdem wissen wir doch nichts Genaues, nur, dass er tot ist.«

»Teresa, entschuldige bitte, das ist mir auch bereits daheim durch den Kopf gegangen, und ich war der Meinung, den Auerbachs erst etwas zu sagen, wenn Gewissheit herrscht. Außerdem sollte das dann auch Angela tun. Du liebe Güte, ich habe das Gefühl, dass mein Kopf wie ein Sieb ist.«

»Und das ist nicht verwunderlich, liebe Sophia, und deswegen schlage ich jetzt vor, dass wir nicht mehr darüber reden, sondern uns die Zeit anderweitig vertreiben, bloß nicht mit der Arbeit für unsere Stiftung. Wir könnten Karten spielen, uns einen Film ansehen oder einfach nur reden. Wir haben uns doch glücklicherweise immer etwas zu sagen.«

Jetzt wagte Sophia sogar so etwas wie ein kleines Lächeln, weil sie einfach zu gerührt war und weiß Teresas Fürsorge so unendlich wohltuend war.

»Teresa, was immer du auch möchtest, mir soll alles recht sein, was mich ablenkt, und danke noch mal für alles.«