Der neue Sonnenwinkel 75 – Familienroman - Michaela Dornberg - E-Book

Der neue Sonnenwinkel 75 – Familienroman E-Book

Michaela Dornberg

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Beschreibung

In der jungen Frau, die verdächtig oft in der Nähe des Doktorhauses zu sehen ist, glaubt Roberta die Kindesmutter zu erkennen. Es trifft zu, sie ist tatsächlich die Mutter von Adrienne. Die Zeit des Babys im Doktorhaus ist also begrenzt. Adrian Coubert, der Kindesvater, kommt plötzlich in den Sonnenwinkel. Roberta hat das sehr geschickt arrangiert, und ihr Plan geht auf: Er übernimmt die Verantwortung, freut sich und will Paula, die Mutter der Kleinen, und Adrienne zu sich nach Lyon holen. Sie wollen eine kleine, glückliche Familie werden. Genau das könnte Roberta und Alma trösten. Heinz Rückert bekommt von der tatkräftigen Ärztin die Leviten gelesen. Sie fordert ihn ganz dringend auf, sein Leben zu ändern. Teresa bekommt einen unangenehmen Drohbrief. Als sie auf dem Weg ist, Bücher abzuholen, macht sie eine folgenreiche Entdeckung. In Robertas Beruf kam man mehr als nur einmal in Situationen, die ziemlich grenzwertig waren, ob einem etwas oder jemand sympathisch oder unsympathisch war. Da musste man durch. Das jetzt war eine Situation, die Roberta überforderte. Sie konnte es ignorieren, und alles würde so weiterlaufen wie bisher, oder aber sie klärte es, und, da war sie sich sehr sicher, würde sich alles verändern. Ihr innerer Kampf dauerte nur ein paar Sekunden, dann gab sie sich einen Ruck, lief auf die schlanke junge Frau zu, die ihr bereits einige Male in der Nähe des Doktorhauses aufgefallen war. Die junge Frau bemerkte, dass die Aufmerksamkeit ihr galt, wollte davonlaufen, doch Roberta hinderte sie daran. "Halt, warten Sie bitte." Das half nichts, da musste sie halt stärkere Geschütze auffahren, obwohl sie sich das Zusammentreffen mit dieser Frau anders vorgestellt hatte. "Ich weiß, wer Sie sind: die Mutter von Adrienne." Ein Blitzschlag hätte keine größere Wirkung haben können, die junge Frau blieb wie angewurzelt stehen, drehte sich jedoch nicht um. Mit wenigen Schritten war Roberta bei ihr. "Tut mir leid, dass ich Ihnen das jetzt so direkt ins Gesicht geschleudert habe. Ich wollte jedoch nicht, dass Sie davonlaufen. Wir müssen miteinander reden." Im Zeitlupentempo drehte die junge Frau sich um. Sie und Roberta sahen sich in die Augen. Das Entsetzen war im Gesicht der jungen Frau nicht zu übersehen, auch eine gewisse Verunsicherung. Sie war hochgewachsen, sehr schlank, hatte dunkelblonde Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren, schöne graue Augen, in denen das blanke Entsetzen lag. Die junge Frau war erregt, schluckte, verknetete ihre Hände ineinander. "Ich …, wie haben Sie …, äh …"

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Der neue Sonnenwinkel – 75 –

Gibt es ein Leben ohne Adrienne?

Das kleine Baby ist allen ans Herz gewachsen

Michaela Dornberg

In Robertas Beruf kam man mehr als nur einmal in Situationen, die ziemlich grenzwertig waren, ob einem etwas oder jemand sympathisch oder unsympathisch war. Da musste man durch.

Das jetzt war eine Situation, die Roberta überforderte. Sie konnte es ignorieren, und alles würde so weiterlaufen wie bisher, oder aber sie klärte es, und, da war sie sich sehr sicher, würde sich alles verändern.

Ihr innerer Kampf dauerte nur ein paar Sekunden, dann gab sie sich einen Ruck, lief auf die schlanke junge Frau zu, die ihr bereits einige Male in der Nähe des Doktorhauses aufgefallen war.

Die junge Frau bemerkte, dass die Aufmerksamkeit ihr galt, wollte davonlaufen, doch Roberta hinderte sie daran.

»Halt, warten Sie bitte.«

Das half nichts, da musste sie halt stärkere Geschütze auffahren, obwohl sie sich das Zusammentreffen mit dieser Frau anders vorgestellt hatte.

»Ich weiß, wer Sie sind: die Mutter von Adrienne.«

Ein Blitzschlag hätte keine größere Wirkung haben können, die junge Frau blieb wie angewurzelt stehen, drehte sich jedoch nicht um. Mit wenigen Schritten war Roberta bei ihr.

»Tut mir leid, dass ich Ihnen das jetzt so direkt ins Gesicht geschleudert habe. Ich wollte jedoch nicht, dass Sie davonlaufen. Wir müssen miteinander reden.«

Im Zeitlupentempo drehte die junge Frau sich um.

Sie und Roberta sahen sich in die Augen.

Das Entsetzen war im Gesicht der jungen Frau nicht zu übersehen, auch eine gewisse Verunsicherung.

Sie war hochgewachsen, sehr schlank, hatte dunkelblonde Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren, schöne graue Augen, in denen das blanke Entsetzen lag.

Die junge Frau war erregt, schluckte, verknetete ihre Hände ineinander.

»Ich …, wie haben Sie …, äh …«

Sie war nicht in der Lage, einen vernünftigen Satz herauszubringen.

Sie konnte einem so richtig leidtun, Roberta beschloss, allem ein Ende zu machen.

»Man muss keine hellseherischen Fähigkeiten besitzen, um zu sehen, dass Sie etwas umtreibt. Etwas Interessantes hat das Doktorhaus nun wahrlich nicht zu bieten, um immer wieder herzukommen, bis auf eines, und das ist die kleine Adrienne.«

Die junge Frau zuckte zusammen, ihr Gesicht begann zu zucken, bekam einen gequälten Ausdruck.

So hatte es keinen Sinn, das war nicht mehr als Quälerei. Roberta sagte: »Ich denke, dass es keinen Sinn macht, hier auf der Straße herumzustehen, dafür ist das, was wir miteinander zu besprechen haben, viel zu wichtig.«

Hatte die junge Frau eigentlich mitbekommen, was Roberta da gerade zu ihr gesagt hatte? Sie begann am ganzen Körper zu zittern. Sofort erwachte die Ärztin in Roberta. Sie legte einen Arm um die schmale Schulter der Frau und führte sie ins Doktorhaus, die ließ es willenlos mit sich geschehen.

Die junge Frau war vollkommen durch den Wind, sie konnte jeden Augenblick zusammenbrechen.

Drinnen saß Alma neben dem Stubenwagen, schaute verzückt da hinein, doch ihr Kopf ruckte hoch, als sie die Frau Doktor zusammen mit einer Fremden zurückkommen sah.

»Frau Doktor, ich dachte, Sie wären schon los zu den Krankenbesuchen.«

Roberta winkte ab.

»Es hat eine kleine Verzögerung gegeben, Frau …«, sie stockte, als ihr bewusst wurde, dass sie nicht einmal den Namen der jungen Frau kannte, die sich unbehaglich fühlte, die jeden Moment zusammenbrechen konnte. Um das zu verhindern, schob Roberta sie in einen Sessel, der nahe genug beim Stubenwagen stand, in dem die kleine Adrienne lag.

»Paula … Paula Koch«, kam ihr die junge Frau zur Hilfe.

Roberta nickte. Es war eine vertrackte Situation, sie und Alma hatten vollstes Vertrauen zueinander, es gab zwischen ihnen keine Geheimnisse. Roberta war sich allerdings sicher, dass es die Fremde überfordern würde, wenn Alma bei dem Gespräch, das es nun geben musste, dabei wäre. Wie sollte sie sich verhalten?

Alma einfach hinausschicken? Irgendwie ging das nicht, denn die war doch voll mit in dem Geschehen. Roberta hatte keine Ahnung, sie holte tief Luft, dann ließ sie die­ Bombe platzen. »Alma, Frau Koch ist die Mutter von unserer Adrienne.«

Das war zwar noch nicht bewiesen, aber für Roberta war es so sicher wie das Amen in der Kirche. Außerdem wäre ein Protest erfolgt, als Roberta es Paula vorhin an den Kopf geworfen hatte.

Almas Kopf ruckte nach oben, sie schaute ihre Chefin an, die junge, wie versteinert wirkende Frau.

»Sie ist … aber …«

Alma beendete ihren Satz nicht, erhob sich. »Dann will ich nicht länger stören«, jetzt klang ihre Stimme klar. Sie wollte den Raum nach einem letzten Blick auf die kleine Adrienne verlassen, als Paula sagte: »Bitte bleiben Sie, ich denke, Sie können es ebenfalls hören.«

Alma setzte sich wieder, insgeheim atmete Roberta erleichtert auf, es war gut so, doch sie hätte von sich aus den Vorschlag nicht machen können.

Es war ein bewegender Augenblick, sie schwiegen, denn das war jetzt eine Situation, die sie alle überforderte. Roberta überlegte, wie sie anfangen sollte, ohne die ohnehin verstörte Frau nicht zu überfordern. Und Alma, in deren Gesicht lag blanke Panik, denn wenn die Mutter der kleinen Adrienne gefunden war, dann bedeutete das …, nein, diesen Gedanken wollte sie nicht zu Ende bringen. Also saß sie stumm da, blickte von ihrer Chefin zu der jungen Frau.

»Frau Koch …, oder darf ich Paula sagen?«, erkundigte Roberta sich, was ein Nicken zur Folge hatte. »Möchten Sie sich Adrienne nicht ansehen?« Roberta hielt es für das Beste, denn natürlich war ihr aufgefallen, dass Paula unentwegt zum Stubenwagen gestarrt hatte.

Roberta hatte es noch nicht einmal ausgesprochen, als Paula auch schon aufstand, ganz nahe an den Stubenwagen herantrat, hineinschaute. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, ihre Hand ging nach vorne, um das Köpfchen zu berühren, hielt inne, zuckte zurück. Es war ein bewegender Augenblick, der auch Alma, die eh nahe am Wasser gebaut hatte, weinen ließ. Und selbst Roberta musste an sich halten.

Eines war klar, man konnte nun nicht einfach einen Schalter umkippen und ein Gespräch anfangen. Sie nutzte den Augenblick, um sich zu entfernen, ihre treue Ursel Hellenbrink anzurufen und die zu bitten, die beiden Patienten zu übernehmen. Es waren beides keine Fälle, die dringend die Anwesenheit von ihr erforderten. Sie hatte Ursel und Leni Wendler bloß entlasten wollen, die viele der Hausbesuche übernahmen, weil sie dafür ausgebildet worden waren und es sehr gern taten.

Natürlich war Ursel sofort dazu bereit, und Roberta beendete erleichtert das Telefonat. Roberta hatte jetzt keine Verpflichtungen mehr, was bedeutete, dass sie sich voll nicht nur auf diese junge Frau konzentrieren konnte, sondern auch darauf, wie es nun weitergehen würde. Das allerdings stand in den Sternen, Roberta hatte keine Ahnung. Davon nicht, aber sie hatte geahnt, dass etwas in der Luft lag, auch, dass Paula die Mutter von Adrienne sein musste. Die junge Frau hatte sich einfach zu oft in der Nähe des Doktorhauses aufgehalten und sich irgendwie auffällig benommen.

Als Roberta ins Wohnzimmer zurückkam, bot sich ihr ein anrührendes Bild. Alma und Paula saßen gemeinsam auf dem Sofa, Arm in Arm, beide ergriffen und mit Tränen in den Augen. Roberta kam sich beinahe wie ein Fremdkörper vor, vor allem fühlte sie sich unwohl bei dem Gedanken, dass sie es sein musste, die diese Idylle unterbrechen sollte. Doch das war notwendig, schließlich ging es nicht um einen Small Talk, sondern um etwas, was auch Polizei und Jugendamt beschäftigte.

Zunächst einmal wartete sie, zum Glück schlief die kleine Adrienne friedlich in ihrem Stubenwagen. Das war schon ein Bild, das einem ans Herz gehen konnte. Und nun war davon auszugehen, dass die Zeit mit dem Baby …

Nein!

Daran wollte sie jetzt nicht denken, niemand sollte einen zweiten Schritt vor dem ersten tun. Es war noch eine ganze Menge zu klären, auch einige Ungereimtheiten. Es passte irgendwie nicht zusammen. Paula machte einen nicht nur äußerst sympathischen Eindruck, sondern auch einen vernünftigen, ja, besonnenen. Was also war geschehen? Warum hatte sie die kleine Adrienne vor die Tür des Doktorhauses gelegt und danach keine Ruhe mehr gehabt?

Adrienne würde nicht ewig schlafen, und wenn die sich meldete, war es erst einmal mit der Ruhe vorbei. Roberta räusperte sich, sofort ruckten die Kopfe der beiden anderen Frauen hoch.

»Paula, es tut mir leid, aber wir müssen reden. Am besten stelle ich Ihnen keine Fragen, sondern Sie erzählen uns alles. Doch eines möchte ich wissen. Wieso haben Sie Adrienne ausgerechnet vor meine Haustür gelegt? Ich habe Sie zuvor noch nie im Sonnenwinkel gesehen, also nehme ich auch an, dass Sie nicht hier wohnen?«

Ein Kopfschütteln war die Antwort. Paula richtete sich ein wenig auf, blickte Roberta an, dann sagte sie mit leiser, beinahe verzagt klingender Stimme: »Ich … ich wusste durch Babette Cremer von Ihnen.« Als sie Robertas erstaunten Blick bemerkte, fuhr Paula fort: »Ich kenne Babette seit meiner Jugendzeit, sie … sie hat mir von ihren Schwierigkeiten erzählt, von ihren Eltern, die wollten, dass Babette das Baby … nicht bekommt, abtreiben lässt. Sie haben Babette unterstützt. Immerhin hat sie nicht nur ihr Baby bekommen, sondern auch ihren Jost geheiratet. Sie sind eine glückliche Familie.«

Babette!

Natürlich konnte Roberta sich sofort an das junge Mädchen erinnern, das ziemlich verzweifelt gewesen war. Ja, sie hatte Babette geholfen und sich dadurch ziemlichen Ärger mit den Eltern eingehandelt.

»Und Sie haben auch Ärger mit Ihren Eltern, Paula?«, wollte Roberta wissen. »Doch Sie haben immerhin Ihr Baby auf die Welt gebracht. Doch was ist dann geschehen? Warum haben Sie Adrienne vor meine Tür gelegt?«

Es erfolgte eine Pause, Paula hing ihren Gedanken nach, sie warf einen Blick zum Stubenwagen, schaute Alma und Roberta an.

»Ich wusste mir keinen Rat, sah keinen Ausweg. Doch von Babette wusste ich ja, was für ein guter Mensch Sie sind. Ich wusste, dass meinem Baby nichts passieren kann.«

Es dauerte noch eine ganze Weile, bis Paula in der Lage war, ihre Geschichte zu erzählen.

Sie hatte gerade ihr Abitur gemacht, gejobbt bis zum Beginn ihres Studiums der Philosophie, als sie Adrian Courbet kennengelernt hatte, einen jungen Assistenzarzt, der einige Zeit im neuen Herzzentrum des Hohenborner Krankenhauses verbringen wollte. Es kam, wie es kommen musste, sie hatten sich ineinander verliebt. Doch dann hatte Adrian ein Jobangebot aus Lyon bekommen, hatte seine Zelte in Hohenborn abgebrochen. Und als er weg war, hatte Paula bemerkt, dass sie schwanger war.

»Ich hatte nicht damit gerechnet«, sagte Paula mit bebender Stimme, »aber es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, ­einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen …, ich hatte mir allerdings alles auch einfacher vorgestellt. In dem Supermarkt hatte ich nur einen befristeten Arbeitsvertrag, meine Vermieterin durfte auch nichts davon erfahren, sonst hätte sie mir das Appartement gekündigt. Also habe ich versucht, die Schwangerschaft so gut es ging zu kaschieren. Das ist mir auch gelungen, alle dachten, ich habe zugenommen.«

»Und dieser Adrian?«, wollte Alma wissen, und das war auch eine sehr berechtigte Frage.

»Der weiß von nichts. Ich wollte ihn nicht belasten, denn er stand am Anfang seiner Karriere als Herzchirurg. Er hat immer gesagt, dass er sich eine Familiengründung erst viel später vorstellen kann, wenn ich mein Studium abgeschlossen habe und er Facharzt für Chirurgie geworden ist.«

Roberta und Alma schauten sich an.

»Paula, Sie haben es allein durchgezogen?«, erkundigte Alma sich ganz ungläubig. »Auch … auch die Geburt?«

Paula nickte.

»Und die ganzen Vorsorgeuntersuchungen?«, wollte Roberta wissen.

»Die habe ich machen lassen, aber nicht in Hohenborn. Es war schwieriger als gedacht, und ich hatte eine panische Angst davor, jemand könnte etwas mitbekommen. Ich …, mir fiel nichts mehr ein, deswegen habe ich Adrienne hier vor die Tür gelegt. Ich konnte sie doch nicht zu einer Babyklappe bringen oder in ein Kinderheim. Ich …«

Sie brach erschöpft ab, und auch Roberta und Alma sagten zunächst einmal nichts mehr. Alma zerfloss beinahe vor lauter Mitleid, sie nahm irgendwann Paula ganz fest in ihre Arme, streichelte sie, und die ließ es geschehen.

Was für eine Geschichte!

Was sollte jetzt passieren?

Das war eine Frage, die selbst Roberta überforderte. Sie konnten ja nicht totschweigen, dass die Kindesmutter nun bekannt war. Es hätte Konsequenzen, so etwas konnte Roberta als Ärztin sich nicht erlauben.

»Wo wohnen Sie denn jetzt?«, wollte Alma wissen. »Noch immer in diesem Appartement? Und jobben Sie noch immer in dem Supermarkt?«

Beides bestätigte Paula, sie hielt den Kopf gesenkt.

»Es hat eine ganze Weile gedauert, bis mir bewusst wurde, was ich da getan habe. Deswegen kam ich auch immer her, aber ich habe mich einfach nicht getraut, einfach an der Tür zu klingeln. So wäre es weiterhin gegangen, wenn Sie mich nicht angesprochen hätten, Frau Doktor.«

»Was nun?«, erkundigte Alma sich bekümmert.

»Nun bleibt Paula, wenn sie damit einverstanden ist, erst einmal bei uns, bei ihrem Kind. Und dann überlegen wir weiter. Ich denke, wir werden nicht umhin kommen, den Behörden zu melden, was geschehen ist. Doch das werden wir nicht ohne einen Anwalt tun.«

»Muss ich ins Gefängnis?«, erkundigte Paula sich entsetzt. »Da bin ich vorbestraft, und wenn ich nach meinem Studium ein Führungszeugnis vorweisen muss oder auch so, kann ich alles knicken.«

»Sie wollen studieren?«, erkundigte Alma sich hoffnungsvoll, »das bedeutet, dass die kleine Adrienne bei uns im Doktorhaus bleiben kann?«

Das hätte Alma jetzt wirklich nicht fragen sollen, dazu war es viel zu früh. Das sah man an Paulas entsetztem Gesichtsausdruck. Die war froh, ihr Kind zu sehen, es bald in die Arme schließen zu können, ohne sich einen Gedanken darüber zu machen, wie es weitergehen sollte.

»Wir müssen jetzt überhaupt nichts entscheiden. Paula, ich finde es richtig, dass Sie irgendwann das Studium aufnehmen wollen. Es gibt viele Studentinnen, die Kinder haben. Und viele Universitäten haben auch Kindergärten. Doch etwas anderes sollten Sie bedenken, Paula. Meinen Sie nicht, dass Adrian, der Kindesvater, davon erfahren sollte, dass es Adrienne gibt?«

Paula schüttelte entschieden den Kopf.

»Ich will ihm nicht im Wege stehen …, wir waren ja nicht miteinander verlobt, er hat mir auch nicht fest zugesagt, dass er mich heiraten will.«

»Aber er hat doch über die Zukunft gesprochen«, erinnerte Roberta sie.

Paula zögerte.

»Ja, das schon, aber nur … vage. Nein, ich schaffe es schon ­allein, ich weiß nur noch nicht wie …, aber ich möchte mein Kind zurück. Sie werden mir Adrienne doch geben?«, erkundigte sie sich ängstlich.

»Paula, welche Frage, natürlich. Sie sind die Mutter, doch es gibt da einiges zu klären, deswegen ist es vielleicht doch nicht so verkehrt, dass Sie erst einmal bei uns bleiben. Das Doktorhaus ist groß. Wir haben nicht nur ein Gästezimmer. Gemeinsam werden wir eine Lösung finden.« Roberta lächelte das junge Mädchen aufmunternd an. »Es ist auf jeden Fall schön, dass Sie jetzt hier sind, bei der kleinen Adrienne, die ein so wundervolles Mädchen ist. Und ich kann Sie auch direkt beruhigen, mit ihr ist alles in bester Ordnung.«

Als habe sie auf ein Stichwort gewartet, meldete Adrienne sich genau in diesem Augenblick, und alle drei Frauen sprangen beinahe gleichzeitig auf. Eigentlich wäre Alma zuerst am Stubenwagen gewesen, doch sie hielt sich zurück, ließ Paula den Vortritt, die nach kurzem Zögern ein wenig ungeschickt das Baby auf den Arm nahm. Und es war wirklich unglaublich. Sofort hörte Adrienne auf zu weinen. Eigentlich war es unmöglich, dass das Baby spürte, dass es bei seiner Mutter war. Aber es fühlte sich gut an.

Roberta und Alma standen still dabei, genossen dieses anhei­melnde Bild mit Freude, aber auch ein wenig traurig. Zwar war jetzt noch alles offen, doch irgendwann in absehbarer Zeit würde es vorbei sein.

Sie hatten es gewusst, dass es nur ein Glück auf Zeit sein würde. Das war allerdings etwas, was man sehr gern verdrängte, und dann holte es einen mit aller Gewalt ein.

Adrienne schlief wieder, immer noch ein wenig ungeschickt, aber sehr vorsichtig legte Paula ihr Baby in den Stubenwagen zurück.

»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll«, sagte sie leise, »ich werde auf ewig in Ihrer Schuld sein.«

Was dann folgte, war sehr, sehr emotional. Das war nicht verwunderlich. Wann erlebte man im wahren Leben schon so etwas.

Und die kleine Adrienne, um die alles ging, die verschlief diesen wichtigen Augenblick. Es gab so vieles zu sagen, zu hinterfragen. Das ging nicht auf einmal. Vor allem war es ja auch eine Situation, mit der man im Alltag nicht ständig konfrontiert wurde, und demzufolge auch nicht wusste, wie damit umzugehen war.

Eines stellte sich allerdings sehr schnell heraus. Roberta, Alma und Paula waren sich sehr sympathisch. Es gab viele Überlegungen erst einmal darüber, was der nächste Schritt sein sollte. Und da war es Paula, die eine Entscheidung traf, eine sehr vernünftige Entscheidung. Auch wenn sie liebendgern bei ihrer kleinen Tochter geblieben wäre, wollte sie nach Hohenborn zurückfahren, denn sie hatte immerhin einen Arbeitsplatz, auf dem sie pünktlich erscheinen musste. Und übers Knie brechen musste jetzt niemand etwas.

Roberta wollte Paula nach Hohenborn fahren, doch das lehnte die ab.

»Nein, Frau Doktor, das geht überhaupt nicht. Das kann ich nicht annehmen.«

Da hatte Alma einen Vorschlag.

»Paula, nur tagsüber fahren die Busse regelmäßig, deswegen nehmen Sie mein Auto. Das brauche ich morgen nicht, und Sie werden ja wohl morgen wieder Ihr Baby sehen wollen, nicht wahr?«

Das bestätigte Paula sofort, was das Auto betraf, zögerte sie, und das veranlasste Alma zu der Frage: »Oder haben Sie keinen Führerschein?«

Den besaß Paula, und so bestand Alma darauf, dass Paula den Wagen nahm.

Es fiel Paula sichtlich schwer, ihr Baby zu verlassen, doch das Leben, ihr Alltag, mussten weitergehen. Sie verabschiedeten sich voneinander, Paulas letzte Worte waren: »Warum tun Sie das alles für mich?« Sie bekam keine Antwort darauf, weil es keine gab. Man machte manchmal einfach Sachen, die mit dem Verstand nicht zu erklären waren.

»Bis morgen, Paula«, riefen Roberta und Alma wie aus einem Munde, und sie blieben noch an der Haustür stehen, als Paula in den kleinen Wagen einstieg und davonbrauste. Ja, das tat sie wirklich. Aber so waren sie halt, die jungen Leute.

*

Zum Glück schlief die kleine Adrienne noch immer, als die beiden Frauen ins Wohnzimmer zurückkamen. Auf den ersten Blick war alles so wie immer, und dennoch hatte es eine Erschütterung gegeben, die einem Erdbeben gleich kam.

Ehe sie sich setzten, rief Alma im Brustton der Überzeugung: »Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, Frau Doktor. Aber ich brauche jetzt erst einmal einen Schnaps.«

Das war ungewöhnlich, weil Alma allenfalls mal ein Gläschen Wein oder hier und da ein Li­körchen trank. Bei Roberta war es­ nicht anders, normalerweise, doch jetzt sagte sie: »Den brauche ich auch, Alma.«

Roberta und Alma hatten sich hier und da schon mal darüber unterhalten, was für eine Frau die Kindesmutter wohl sein mochte. So etwas wie Paula hatten sie sich nie vorgestellt.

Was für eine Geschichte!

Beide hingen ihren Gedanken nach, nachdem sie am Schnaps genippt hatten. Alma ergriff zuerst das Wort. »Frau Doktor, wenn Paula doch mit einem Studium beginnen möchte, dann kann sie die kleine Adrienne doch bei uns lassen. Dann kann alles so bleiben wie bisher. Paula kann sich auf ihr Studium konzentrieren, sie weiß ihr Baby bei uns bestens aufgehoben. Damit ist allen geholfen.«

Roberta musste erst einmal etwas trinken, doch diesmal begnügte sie sich mit Wasser.

»Alma, Sie haben doch mitbekommen, wie sehr Paula ihr Baby liebt, wie sehr sie das, was sie getan hat, bedauert. Mit so etwas wird sie niemals einverstanden sein. Und das finde ich auch richtig. Paula und Adrienne gehören zusammen. Ich finde allerdings, dass auch dieser Adrian davon erfahren muss, dass er Vater geworden ist. Er hat ein Recht darauf, ganz gleichgültig, wie er darauf reagiert. Er muss es entscheiden dürfen.«