Der Nobiskrug - Wolff Arvika - E-Book

Der Nobiskrug E-Book

Wolff Arvika

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Beschreibung

MYTHEN WERDEN WIRKLICHKEIT - EINE ABENTEUERLICHE SUCHE IM HOHENSTEINGEBIRGE Viele Mythen ranken sich um das Hohensteingebirge. Genau in diese Region verschlägt es Elizabeth, die die Vermutung hat, dass sie ihr Freund Rehor, der vorgibt, in den Bergen wandern zu gehen, betrügt. Gemeinsam mit ihrer Freundin Amelie macht sie sich auf die Suche nach ihm. Beide kehren im Nobiskrug ein, einem abgelegenen Berggasthof, in dem sich merkwürdige Gestalten tummeln. Hier wird ihnen von einem Untier berichtet, das durch die Wälder streift. Angeblich sind bereits viele Touristen dieser grauenhaft schreienden Kreatur zum Opfer gefallen. Kann es sein, dass die alten Sagen der Wirklichkeit entsprechen? EINE NACHT VOLLER GEHEIMNISSE UND SCHRECKEN Als sie die Schreie selbst hören, scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bewahrheiten. Trotz aller Warnungen begeben sich die Mädels auf ihre Mission, Rehor zu finden. Dank Amelies Unerschrockenheit und Elizabeths grenzdebilem Humor lassen sich die beiden dabei weder von Teufel persönlich noch von den Tücken moderner Wandersocken aufhalten.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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REDRUM

 

 

 

 

Der Nobiskrug und die Socken des Satans1. Auflage

(Deutsche Erstausgabe)

Copyright © 2023 dieser Ausgabe bei

REDRUM BOOKS, Berlin

Verleger: Michael Merhi

Lektorat: Susi Swazyena

Korrektorat: Silvia Vogt / Nicole Schumann

Umschlaggestaltung und Konzeption:

MIMO GRAPHICS unter Verwendung einer

Illustration von Shutterstock

 

ISBN: 978-3-95957-429-7

 

E-Mail: [email protected]

www.redrum.de

 

 

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Wolff Arvika

Der Nobiskrug

und die Socken des Satans

Zum Buch:

 

Viele Mythen ranken sich um das Hohensteingebirge. Genau in diese Region verschlägt es Elizabeth, die die Vermutung hat, dass sie ihr Freund Rehor, der vorgibt, in den Bergen wandern zu gehen, betrügt.

Gemeinsam mit ihrer Freundin Amelie macht sie sich auf die Suche nach ihm. Beide kehren im Nobiskrug ein, einem abgelegenen Berggasthof, in dem sich merkwürdige Gestalten tummeln. Hier wird ihnen von einem Untier berichtet, das durch die Wälder streift. Angeblich sind bereits viele Touristen dieser grauenhaft schreienden Kreatur zum Opfer gefallen. Kann es sein, dass die alten Sagen der Wirklichkeit entsprechen?

Als sie die Schreie selbst hören, scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bewahrheiten. Trotz aller Warnungen begeben sich die Mädels auf ihre Mission, Rehor zu finden.

Dank Amelies Unerschrockenheit und Elizabeths grenzdebilem Humor lassen sich die beiden dabei weder von Teufel persönlich noch von den Tücken moderner Wandersocken aufhalten.

 

 

 

 

Zum Autor:

 

Wolff Arvika ist mit den alten blutrünstigen Märchen und Sagen aufgewachsen, die man seinen Kindern früher noch als Gutenachtgeschichten vorgelesen hat. Die unendlich tiefen Wälder und grauenhaften Wesen, die darin lauern, haben ihn geprägt. An der Universität hat er sie wissenschaftlich erforscht, heute lässt er seine eigenen Kreaturen auf die Leser los.

Wolff Arvika lebt mit seiner Muse und zwei Hunden in Norddeutschland an einem kleinen See, der in einer Geschichte sicherlich mal eine wichtige Rolle spielen wird. In seinem ersten Roman geht es aber erst einmal in die undurchdringlichen Wälder des Hohensteingebirges.

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

Finales Kapitel

VERLAGSPROGRAMM

 

 

 

 

Wolff Arvika

Der Nobiskrug

und die Socken des Satans

Horror

 

 

 

 

 

»Wanderer, nimm dich in Acht,

vor der grausig Ding, das wacht,

tief im Wald an diesem Ort.

Spute dich und gehe fort.

Verweile nicht!«

 

Verwitterte Felsinschrift am

Osthang des Hohensteingebirges

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Kapitel

Amelie erschrak, als sie sah, was Elizabeth vorhatte.

»Du willst doch jetzt wohl nicht deine Schuhe ausziehen?«

»Doch, wieso?«

»Na, weil du die ganze Fahrt über gejammert hast, wie warm dir doch ist. Was meinst du, wie verqualmt die Dinger jetzt sind?«

»Keine Sorge, ich habe mir so spezielle Wandersocken gekauft. Die können Unmengen von Schweiß aufsaugen.«

»Na toll.«

Amelie schaute kurz vom Lenkrad hoch, als Elizabeth begann, ihre Schuhe auszuziehen, und stutzte.

»Wieso steht denn auf dem linken Socken ein R?«

Elizabeth betrachtete ihren rechten Fuß, konnte aber nichts Außergewöhnliches entdecken.

»Das andere Links.«

»R wie rechts.«

»Ist mir schon klar. Aber warum ist das R auf der linken Socke?«

»Auf dem rechten ist doch auch eins.«

»Ein R?«

»Ja.«

»Und wieso hast du zwei rechte Socken an?«

»Die sind anatomisch vorgeformt, damit sie besser passen«, erklärte Elizabeth freudestrahlend.

»Das habe ich mir schon gedacht«, seufzte Amelie und rollte mit den Augen. »Aber warum hast du zwei rechte an?«

»Die waren billiger. Das waren Restposten, die wohl keiner haben wollte.«

»Kann ich mir gut vorstellen, dass die keiner haben wollte. Die passen doch gar nicht. Oder hast du zwei rechte Füße?«

»Meine Theorie ist ja«, begann Elizabeth mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zu erläutern, »dass beide exakt gleich sind, wenn sie aus der Packung kommen und sich erst durch das Rumlaufen an den jeweiligen Fuß anpassen. Das R und das L sind dann eigentlich nur mehr so für den Wiedererkennungseffekt drauf, wenn man morgens noch nicht richtig wach ist.« 

»Hm, also selbst wenn deine Theorie stimmt: Du hast ja zwei Socken mit einem R drauf. Wie willst du die denn unterscheiden?«

»Der kleinere ist der linke.«

»Der kleinere?«

»Ja, hab ich doch gesagt. Das waren Restposten. Die waren billiger. Da muss man eben leichte Abstriche machen. Dafür sind sie sich aber farblich ziemlich ähnlich.«

»Na hoffentlich sind das jetzt nicht die einzigen Socken, die du mithast.«

»Ja doch, schon. Vielleicht kriege ich zu Weihnachten noch ein Paar vernünftige Socken. Obwohl nee, ich glaube, da wünsche ich mir dann doch lieber einen dicken fetten Diamanten oder irgendwas mit Gold.«

»Von deinem neuen Freund?«, fragte Amelie gespannt nach. »Rehor … oder wie heißt der noch? Ihr seid jetzt schon seit ein paar Wochen zusammen, aber du hast mir noch so gut wie nichts von ihm erzählt. Du weißt doch, wie neugierig ich bin.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen. Dieses Mal ist es Mr. Right, der Richtige. Endlich habe ich mal jemanden kennengelernt, der keine versteckten Mängel hat.«

»Äh, Moment mal«, stutzte Amelie. »Darf ich dich daran erinnern, was wir hier gerade machen? Wir sind dabei, deinem neuen mängelfreien Exemplar nachzuspionieren, weil du glaubst, dass er dich schon nach so kurzer Zeit mit einer anderen betrügt.«

»Er hat immer gesagt, dass ich die einzige Frau in seinem Leben bin, also außer seiner Mutter, und das war hoffentlich ein Scherz. Dann will der saubere Herr plötzlich allein in die Berge fahren und wandern gehen. Er hat mich nicht einmal gefragt, ob ich vielleicht gern mitfahren möchte. Dann finde ich auch noch das Foto von dieser anderen Frau bei ihm. Der Name steht sogar in Großbuchstaben hinten drauf: MANDYMAUS. Wenn ich das schon höre, Amelie! Um Mandy zu heißen, muss man halb so alt sein wie ich. Was denkt der eigentlich, wie blöd ich bin? Dass ich das Bild nicht finde, oder was? Nur weil die Schublade abgeschlossen war? Nee, Amelie! Mit der Liebe ist das so wie mit den Socken. Das muss vernünftig passen. Da darf kein mulmiges Gefühl übrig bleiben.«

»Elise, ihr kennt euch doch erst seit ein paar Wochen. Vielleicht ist ihm das mit euch auch ein bisschen zu schnell gegangen. Wahrscheinlich möchte er nur mal für sich allein sein und trifft sich gar nicht mit dieser anderen Frau. Du musst ja nicht unbedingt immer gleich das Schlimmste annehmen. Du hast doch selbst gesagt, dass Rehor endlich der Richtige ist und alles passt. Misstraue ihm doch nicht gleich so.«

»Ja, nee, ist klar«, regte Elizabeth sich auf. »Ich sage ihm einfach: ›Du Schatzi, ich habe gerade eben mal deine Sachen durchwühlt und dabei das Foto von so ’ner Schlampe gefunden. Hinten drauf steht ihr Name, Mandymaus heißt die Dame. Das ist doch bestimmt deine neue Sekretärin, mit der du an diesem Wochenende ganz eng zusammenarbeiten willst, in irgend so ’nem kleinen verschwiegenen Berghotel – du Sau!‹ Ey, sag mal Amelie, auf wessen Seite stehst du eigentlich?«

»Ist ja schon gut, komm wieder runter. Ich habe auch gesagt, dass ich mitkomme, um ihm nachzuspionieren. Aber du wirst sehen, das klärt sich alles auf. Der betrügt dich nicht, wetten? Das ist in Wahrheit bestimmt ein ganz Lieber.«

»Das will ich ihm aber auch geraten haben«, grinste Elizabeth.

Amelie lächelte ebenfalls, obwohl sie eigentlich selbst nicht daran glaubte, was sie da gerade gesagt hatte. Aber ihre beste Freundin Elizabeth hatte endlich einmal ein bisschen Glück verdient. Vorsichtshalber wechselte sie schnell das Thema.

»Elise, welche Abfahrt war das noch mal? Wir müssen doch hier irgendwo von der Autobahn runter, oder?« 

»Keine Ahnung.«

»Ich dachte, du weißt, wo wir lang müssen.«

»Nö. Wieso ich? Du fährst doch.«  

»Hm«, grübelte Amelie. »Tja, dann würde ich mal sagen, ich fahre nach Eichenstedt ab und da gucken wir dann mal weiter. So ewig weit weg kann das ja gar nicht mehr sein.«

»Wenn du ein Navi hättest, so wie andere Leute auch, dann bräuchten wir jetzt nicht irgend so ’nen Waldschrat nach dem Weg fragen«, beschwerte sich Elizabeth.

»Falls du dich noch daran erinnern kannst, Madame: Ich hatte ein Navi, das sogar ausgezeichnet funktioniert hat, bis du dann letztens die Beherrschung verloren hast, weil es dir in dein Lieblingslied reingequatscht hat.«

»Oh, stimmt ja«, grummelte Elizabeth peinlich berührt vor sich hin und zog dabei die Mundwinkel nach unten. »Das hatte ich ganz vergessen.«

Die beiden Frauen schauten sich gegenseitig an – und mussten lachen.

Wenige Minuten später holperte der alte Land Rover quietschend und klappernd über das Kopfsteinpflaster des kleinen malerischen Dörfchens Eichenstedt und schüttelte die beiden Frauen dabei gehörig durch. Amelie störte das aber nicht im Geringsten. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, die uralten Fachwerkhäuser und die kleinen, schmalen Gassen zu bestaunen, die oft so eng waren, dass kaum ein Auto hindurchpasste.

Währenddessen starrte Elizabeth mit leerem Blick aus dem Fenster und hing ihren Gedanken nach. Wie sollte sie reagieren, wenn sie Rehor mit der anderen Frau erwischte? Was sollte sie sagen? Andererseits: Vielleicht war sie wirklich viel zu misstrauisch. Was, wenn sie ihrem neuen Freund nun doch unrecht tat? Elizabeths Überlegungen drehten sich im Kreis. Erst Amelie holte sie ins Hier und Jetzt zurück.

»Elise, durch Eichenstedt sind wir durch, und nun? Ich habe irgendwie total vergessen, nach dem Weg zu fragen. Was meinst du, ob wir hier richtig sind? Sollen wir die Straße einfach mal weiterfahren? Es scheint ohnehin nur diese eine hier zu geben.«

Elizabeth zuckte nur mit den Schultern.

Der betagte Land Rover schraubte sich knatternd und knarzend die steile Bergstraße empor, vorbei an jahrhundertealten Eichen und seltsam geformten Nadelbäumen. Die Sonne stand mittlerweile so tief am Himmel, dass ihre letzten Strahlen kaum mehr die Kraft hatten, die dichten Baumkronen zu durchdringen. Dort, wo es ihnen gelang, wurde die Straße augenblicklich von einem Meer aus Licht geflutet und Amelie hatte große Mühe, durch die verschmierte Windschutzscheibe hindurch ihren Weg zu erkennen.

»Hast du das auch gehört, Elise?«

»Was?«

»Hat sich wie ein Schrei angehört.«

»Ich habe nichts gehört. Die Karre klappert so laut, da sieht man ja sein eigenes Wort vor Augen nicht.« 

»Sei still. Horch doch mal.«

»Also ich höre nur Geklappere und Gequietsche.« 

Amelie öffnete das Fenster, um besser hören zu können, und blinzelte in die Sonne. Für einen kurzen Moment blendeten sie die grellen Strahlen so sehr, dass sie kaum noch etwas sah.

Dieser winzige Moment, er dauerte nicht länger als einen Wimpernschlag, reichte dem riesigen Untier aus. Mit einem mächtigen Satz kam es aus dem Dunkel des Waldes gesprungen und schrie ganz fürchterlich.

»Amelie, pass auf!«, rief Elizabeth erschrocken.

Die riss das Steuer herum und schlug mit dem Ellenbogen an die Tür des Land Rovers. »Au, verdammt!«, fluchte sie und versuchte, den Geländewagen wieder unter Kontrolle zu bringen.

Elizabeth starrte geschockt auf die Straße, unfähig noch etwas zu sagen oder sich gar zu bewegen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sie sich wieder gefangen hatte und entspannte. Erleichtert atmete sie schließlich auf. »Uh, das war jetzt aber mal knapp!«

»Ist es weg?«, fragte Amelie mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Ihre beste Freundin schaute sich nach allen Seiten um. »Scheint so. Ich sehe es zumindest nicht mehr.«

»Was um alles in der Welt war das denn?«, fragte Amelie irritiert.

»Keine Ahnung. Sah aus wie ’n Bär.«

»Elise, das war kein Bär. Bären haben nicht so lange Krallen. Hast du diese enorm langen Krallen nicht gesehen? Außerdem gibt es hier gar keine Bären mehr.«

»Bist du sicher?«

»Klar, bin ich sicher.«

»Dann vielleicht ein Wildschwein?«

»Och Elise, hast du etwa schon mal gehört, dass Wildschweine Krallen haben? Das war auch viel zu groß für ein Wildschwein.«

»Ach, Frau Grzimek kennt sich also aus?« Elizabeths zynischer Unterton war nicht zu überhören.

»Nein. Aber ich werde wohl noch ein Wildschwein von einem Bären unterscheiden können.«

»Ich denke, das gerade eben war weder ’n Bär noch ’n Wildschwein.«

»Elise! Geh mir nicht auf den …«

»Ich meine ja nur«, grinste Elizabeth.

»Egal, was es war. Ich halte jetzt an und gucke nach, ob es vielleicht verletzt ist.«

»Kannste gern machen. Ich bleibe hier im Auto. Ein verletzter Bär ist noch viel gefährlicher als ein unverletzter.«

»Ich habe dir doch gesagt: Es gibt hier keine Bären.«

»Das sagst du. Wissen die Bären das auch?«

»Jetzt hör schon auf, Elise, und komm mit!«

»Auf keinen Fall. Mich kriegen hier keine zwölf Pferde aus dem Wagen raus. Ganz gleich, was da draußen rumläuft oder auch nicht.«

»Na, allein gehe ich auch nicht.«

»Siehste«, freute sich Elizabeth.

»Okay, dann fahren wir also weiter. Aber ein gutes Gewissen habe ich dabei nicht.«

»Lieber ein schlechtes Gewissen und am Leben bleiben als von ’nem wild gewordenen Vielfraß angegriffen zu werden.«

»Elise, Vielfraße gibt es hier auch nicht. Die gibt es in Skandinavien, aber nicht bei uns.«

»Das sagst du.«

»Ja, das sage ich. Aber es ist auch egal, was es war. Hauptsache, es ist weg. Auf jeden Fall habe ich einen ordentlichen Schreck gekriegt.«

»Ich auch. So hässlich wie das Vieh war. Da hats mich echt geschüttelt, auch wenn ich fast nichts erkannt habe. So viel habe ich dann doch gesehen.«

»Stimmt. Hässlich war es wirklich. Fast so wie dein Ex«, grinste Amelie.

»Wen meinst du?«, wollte Elizabeth wissen.

»Na, diesen Kerl mit dem Buckel.«

»Ich hatte nie ’nen Freund mit ’nem Buckel.«

»Doch klar, diesen Glöcknertypen. Der hieß doch auch irgendwie so ähnlich. Wie hat Agneta den immer genannt? Karlimodo, genau.«

»Ach, du meinst den schönen Karl. Stimmt, der hat die linke Schulter immer hochgezogen. Das war aber kein Buckel. Sah nur so aus. Der hatte eben andere Vorzüge.«

»Zum Beispiel?«  

»Der war unwahrscheinlich kreativ.«

»Ja, im Ausreden erfinden, warum er dich wieder mal betrogen hat.«

»Karl hat mich nie betrogen. Den wollte ja sonst keine.«

»Ach stimmt. Ich verwechsle den mit Jean-Claude, glaube ich. Der war das, der dich immer betrogen hat, oder?«

»Jean-Claude? Ja, der war das. Hm, ist inzwischen auch schon tot. Den konnte man auch keine zwei Minuten irgendwo in ’nem Straßencafé sitzen lassen, ohne dass der gleich ein ganzes Dutzend Frauen um sich herum geschart hatte, an jedem Finger eine.«

»An jedem Finger eine?«

»Ja.«

»Ein ganzes Dutzend?«

»Ja.«

»Dem fehlte es also anscheinend nicht nur an Gehirn.«

»Ey, Amelie, hör auf, sonst krame ich mal in deiner Vergangenheit rum. Deine Freunde waren auch nicht viel besser, Madame. Ich sage nur ›falscher Graf‹.«

»Ich weiß nicht, wen du meinst«, gab sich Amelie begriffsstutzig und kratzte sich am Hinterkopf.

»Schon klar. Mit wie vielen Grafen warst du denn schon zusammen? Ich meine den König der Hochstapler und Falschspieler. Wie hieß der noch gleich? Dieser Viktor.«

»Ach Viktor. Der Adelstitel war aber echt.«

»Der war niemals echt. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so ’nen durchtriebenen Halunken wie den gesehen. An dem war rein gar nichts echt. Wenn du dem die Hand geschüttelt hast, musstest du anschließend deine Finger nachzählen.« 

»Aber der Adelstitel war echt.«

»Ja klar, Amelie.«

»Nein, wirklich. Den hat er mitsamt dem Namen von einem echten Grafen gekauft. Ganz legal.«

»Also doch.«

»Nee, das war anders als du denkst. Der Graf war lange tot. Er hat nur dessen Identität angenommen. So war das.«

»Soso«, grinste Elizabeth.

»Ja, ehrlich.«

»Von ’nem toten Grafen ’nen Adelstitel gekauft. Ganz legal. Aber sicher doch.«

»Na ja, vielleicht nicht ganz ›legal‹ im Sinne des Gesetzes. Aber so unterm Strich war das schon ziemlich legal.«

»Also doch nicht ›ganz legal‹, sondern nur ›ziemlich legal‹?«

»Och Elise, tu doch nicht so. Du legst doch deine Worte sonst auch nicht auf die Goldwaage.«

»Ich wollte dir nur auch mal zeigen, wie das ist, wenn man ständig verbessert wird und immer an einem rumgemäkelt wird.«

»Wieso? Das mache ich gar nicht, Elise. Ich mäkel doch nicht. Oder mache ich das?«

»Klar machst du das. Du mäkelst. Das fällt dir schon gar nicht mehr auf.« 

»Wann habe ich denn das letzte Mal gemäkelt und dich verbessert?«

»Heute Morgen.«

»Quatsch.«

»Doch klar. Da habe ich ein allseits bekanntes Sprichwort rezitiert und du hast dran rumgemäkelt.«

»Ein allseits bekanntes Sprichwort?«, fragte Amelie.

»Ja klar.«

»›Von daher weht also der Hase‹ ist kein allseits bekanntes Sprichwort.«

»Darum geht es doch gar nicht. Du hast gemäkelt und mich verbessert. Darum gehts.«

»Aber nur, weil du Blödsinn geredet hast.«

»Mache ich doch aber immer.«

»Stimmt auch wieder. Ich werde mich in Zukunft mit meinen Kommentaren zurückhalten. Okay?«

»Einsicht ist der erste Schritt zur Verwässerung.« 

»Übertreib es nicht!«

»Ist ja schon gut. Ich habe dich auch lieb«, grinste Elizabeth. Amelie musste lachen.  

»Du Elise, da vorn kommt ’ne Tankstelle. Da können wir nach dem Weg fragen. Ich fahr mal ran. Tanken wäre vielleicht auch sinnvoll. Die Karre säuft noch schlimmer als Viktor.«

Amelie lenkte den Land Rover von der Straße auf den Schotterplatz der Tankstelle und Elizabeth zog ihre Schuhe wieder an. Die Tankstelle machte einen ziemlich schäbigen Eindruck, schien aber geöffnet zu haben. Durch das verdreckte Fenster hindurch war ein Mann zu erkennen, der hinter dem Kassentresen irgendetwas zu suchen schien. Während Amelie den Wagen an eine der Zapfsäulen fuhr, schaute Elizabeth sich die schmuddelige Tür der Tankstelle an, die übersät war mit alten Werbeplakaten, die teilweise schon wieder in großen Fetzen herabhingen. Sie fühlte sich an diesem Ort nicht wohl. Erst jetzt fiel ihr die ungepflegte alte Frau auf, die auf einer Bank unweit der Tankstelle saß und die beiden Freundinnen beobachtete. Sie war wohl weit über achtzig Jahre alt und von einer derart abstoßenden Erscheinung, dass Elizabeth sich auf der Stelle vor ihr ekelte und sich sogar ein bisschen fürchtete, so seltsam starrte sie sie durch ihre verschmierte Brille hindurch an.

Auch Amelie hatte die merkwürdige Alte bemerkt, ließ sich aber von ihrem Anblick nicht weiter beeindrucken. Sie stieg aus dem Wagen und ging zur Tanksäule. Elizabeth aber war die Frau unheimlich. Allein der Gedanke, im Auto zu warten, während sie da draußen saß und sie anstarrte, ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. Also stieg sie ebenfalls aus und ging zu Amelie hinüber, die sofort wusste, was Elizabeth bedrückte, sich aber wieder einmal nichts anmerken ließ. 

»Ich glaube«, lachte Amelie, um ihre Freundin aufzuheitern, »wenn der Tank voll ist, kann ich die Hotelrechnung nicht mehr bezahlen.«

Elizabeth war nicht zum Lachen zumute. »Amelie, hast du die alte Frau da vorn auf der Bank gesehen? Die ist irgendwie merkwürdig. Die starrt uns die ganze Zeit schon an. Richtig unheimlich.« 

Amelie schaute zu der Alten hinüber, musterte sie beiläufig, zog dann die Unterlippe etwas hoch und sagte: »Tja, so ist das Alter. Die ist anscheinend nicht mehr richtig bei Verstand, die Gute. Von solchen haben meine Kollegen etliche in der Praxis, Tag für Tag.« Als Amelie merkte, dass Elizabeth das keineswegs beruhigte, ergänzte sie noch schnell: »Also, wenn du meine Einschätzung als forensische Psychologin hören willst: Die Oma hat ’nen Knall.« Elizabeth musste grinsen. »Na komm, wir gehen rein und schauen uns mal diesen Typen hinter dem Tresen an«, lächelte Amelie fröhlich und deutete Elizabeth mitzukommen. Es waren nur wenige Schritte bis zur Tür der Tankstelle, aber selbst als Elizabeth direkt davorstand, zögerte sie, diese zu öffnen. Sie konnte den Blick der seltsamen Alten förmlich spüren, wie sie durch die verschmierten Brillengläser hindurch jede einzelne ihrer Bewegungen verfolgte. »Och komm, ich hatte gehofft, dass du vorgehst, damit ich die dreckige Türklinke nicht anfassen muss«, sagte Amelie grinsend, öffnete mit einem kurzen Ruck die Tür und schob Elizabeth vor sich her in das Innere des kleinen dunklen Raums.

Die Einrichtung war ähnlich heruntergekommen wie das Äußere der Tankstelle. Es war stickig und dunkel, nur direkt über der Kasse brannte eine einsame Leuchtstoffröhre. Daneben hing ein Fliegenfänger, der übersät mit toten und verklebten Fliegen war. Der Rest des Raums lag im Dunkeln und so konnten die Frauen nicht sehen, was sich im hinteren Teil verbarg. Auf dem Weg zur Kasse bemerkten die beiden eine milchig gelbe Flüssigkeit auf dem Fußboden, die sich ihren Weg in einem kleinen Rinnsal an den Löchern des Linoleums vorbei bis unter den Kassentresen bahnte. Oder kam sie gar von dort? Elizabeth verzog angeekelt das Gesicht. Amelies Blick war inzwischen schon auf den Kassentresen gefallen – besser gesagt, auf den alten verbeulten Pappkarton, der auf ihm stand. Die Schokoriegel darin waren allesamt miteinander verklebt und bildeten eine große zusammenhängende Masse. Der Tankwart machte indes keinerlei Anstalten, die Frauen zu bedienen, und setzte seine Suche auf dem Fußboden hinter dem Kassentresen unvermindert fort.

»Guten Tag«, sagte Amelie so laut und deutlich, dass der Tankwart sie schwerlich überhören konnte. Er unterbrach aber weder seine Suche noch hielt er es für notwendig zu antworten. Die Frauen schauten sich fragend an und warteten. Keine Reaktion. »Können wir Ihnen vielleicht helfen?«, fragte Amelie. Keine Reaktion. »Ist Ihnen Ihr Hörgerät runtergefallen?« Keine Reaktion. Nur Elizabeth musste grinsen. »Wir wollen Sie nicht unnötig aufhalten. Ich lege Ihnen das Geld hier einfach mal hin … 152 Euro. Tschüs dann und auf Wiedersehen.«

»Moment mal!«, rief der Tankwart plötzlich und bückte sich noch tiefer. »Da steckst du also.« Dann richtete er sich wieder auf und sagte unter lautem Stöhnen, während er mit seiner rechten Hand etwas aufhob: »Ich habe Sie erst gar nicht bemerkt. Mein Armband war mir heruntergefallen. Das ist nämlich ein ganz besonderes Schmuckstück, müssen Sie wissen. Nicht auszudenken, wenn es weg gewesen wäre.« Daraufhin zeigte er den beiden Frauen voller Stolz das breite silberne Armband und fuhr sich dabei mit den ölverschmierten Fingern über den kleinen Kinnbart, den er auf diese Weise rasch in Form brachte. Das Schmuckstück war fast komplett verdreckt, genauso wie die Hände des Mannes und seine Kleidung, ja selbst in seinem Gesicht fanden sich einige schwarze Ölflecken. Amelie stachen sofort die beiden kleinen silbernen Würfel ins Auge, die an dem Armband baumelten. Schienen sie doch die einzigen Gegenstände im gesamten Raum zu sein, die auf Hochglanz poliert waren. Sie glitzerten sogar regelrecht in dem spärlichen Sonnenlicht, das durch die verstaubten Fenster fiel.

»Sagen Sie mal«, begann Amelie, »wir suchen den Nobiskrug.

---ENDE DER LESEPROBE---