Beschreibung

England floriert unter der Herrschaft Königin Elizabeths, der letzten der Tudor-Monarchen. Aber in verborgenen Katakomben unter London hält eine weite Königin Hof: Invidiana, Herrscherin des Englands der Feen, und ein dunkler Spiegel der Pracht darüber. In den dreißig Jahren, seit Elizabeth ihren Thron bestieg, vermischte sich die Politik der Menschen und der Feen untrennbar miteinander, in geheimen Allianzen und skrupellosen Treuebrüchen, deren Existenz von nur wenigen vermutet wird. Als die Fee Lady Lune den Auftrag bekommt, Walsingham, den Meisterspion Elizabeths, zu überwachen und zu manipulieren, kreuzen sich ihre Wege mit Michael Deven, einem sterblichen Gentleman und Agenten Walsinghams. Sein Entdecken der "unsichtbaren Mitspieler" englischer Politik wird Lunes Loyalität und Devens Mut gleichermaßen auf den Prüfstand stellen. Wird sie ihre Königin für eine Welt verraten, die nicht die ihre ist? Und kann er in der machiavellischen Welt der Feen überleben? Nur zusammen werden sie die Quelle von Invidianas Macht finden – sie finden und zerstören …

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Sammlungen



MARIE BRENNAN

DER ONYXPALAST

DIE SCHATTENKÖNIGIN

Ins Deutsche übersetzt vonAndrea Blendl

Die deutsche Ausgabe von DER ONYXPALAST: DIE SCHATTENKÖNIGIN wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Andrea Blendl; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;

Lektorat: Kerstin Feuersänger; Korrektorat: Peter Schild;

Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Coverillustration: Martin Frei;

Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohořelice.

Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: ONYX COURT 1: MIDNIGHT NEVER COME

Copyright © 2008 by Bryn Neuenschwander

German translation copyright © 2019 by Amigo Grafik GbR.

Print ISBN 978-3-95981-686-1 (Mai 2019)

E-Book ISBN 978-3-95981-687-8 (Mai 2019)

WWW.CROSS-CULT.DE

Dieses Buch ist zwei Gruppen von Leuten gewidmet.

Den Spielern von Memento:Jennie Kaye, Avery Liell-Kok, Ryan Connerund Heather Goodman.

Und ihren Charakteren, deren Geisterdiese Geschichte immer noch heimsuchen:Rowan Scott, Sabbeth, Erasmus Fleetund Wessamina Hammercrank.

Inhalt

PROLOG

IM TOWER VON LONDON

ERSTER AKT

PALAST VON RICHMOND

IM ONYXPALAST, LONDON

RICHMOND UND LONDON

LONDON UND ISLINGTON

ERINNERUNG

IM ONYXPALAST, LONDON

PALAST VON RICHMOND, RICHMOND

PALAST VON RICHMOND, RICHMOND

IM ONYXPALAST, LONDON

PALAST HAMPTON COURT, RICHMOND

ERINNERUNG

PALAST VON WHITEHALL, WESTMINSTER

ZWEITER AKT

PALAST HAMPTON COURT, RICHMOND

ERINNERUNG

IM ONYXPALAST, LONDON

PALAST VON RICHMOND, RICHMOND

PALAST VON HAMPTON COURT, RICHMOND

PALAST VON RICHMOND, RICHMOND

ERINNERUNG

PALAST VON RICHMOND, RICHMOND

PALAST VON OATLANDS, SURREY

PALAST VON OATLANDS, SURREY

PALAST VON OATLANDS, SURREY

ST.-PAULS-KATHEDRALE, LONDON

DRITTER AKT

IM TOWER VON LONDON

ST.-JAMES-PALAST, WESTMINSTER

IM ONYXPALAST, LONDON

THE STRAND, AUSSERHALB VON LONDON

IM ONYXPALAST, LONDON

ERINNERUNG

TOWER WARD UND FARRINGDON WITHOUT, LONDON

ST.-JAMES-PALAST, WESTMINSTER

IM ONYXPALAST, LONDON

MORTLAKE, SURREY

IM ONYXPALAST, LONDON

MORTLAKE UND LONDON

DAS ANGEL INN, ISLINGTON

LONDON UND ISLINGTON

ERINNERUNG

VIERTER AKT

DAS ANGEL INN, ISLINGTON

IM ONYXPALAST, LONDON

LONDON UND ISLINGTON

DAS ANGEL INN, ISLINGTON

ERINNERUNG

PALAST VON PLACENTIA, GREENWICH

MOORFELDER, LONDON

PALAST VON PLACENTIA, GREENWICH

ERINNERUNG

BIERHAUS, SOUTHWARK

FLUSS THEMSE, LONDON

BRÜCKE UND DISTRIKT VON CASTLE BAYNARD, LONDON

FÜNFTER AKT

ST.-PAULS-KATHEDRALE, LONDON

DISTRIKT QUEENHITHE, LONDON

TURNAGAIN LANE, BEIM FLUSS FLEET

DISTRIKT FARRINGDON WITHIN, LONDON

IM ONYXPALAST, LONDON

DEAD MAN’S PLACE, SOUTHWARK

ERINNERUNG

MORTLAKE, SURREY

IM ONYXPALAST, LONDON

MORTLAKE, SURREY

DAS ANGEL INN, ISLINGTON

IM ONYXPALAST, LONDON

LONDON

ST.-PAULS-KATHEDRALE, LONDON

IM ONYXPALAST, LONDON

CANDLEWICK STREET, LONDON

ERINNERUNG

GROSSER PARK VON WINDSOR, BERKSHIRE

SCHLOSS WINDSOR, BERKSHIRE

EPILOG

PALAST VON RICHMOND, RICHMOND

DANKSAGUNGEN

PROLOG

IM TOWER VON LONDONMärz 1554

Ein böiger, kühler Luftzug wehte durch die kreuzförmigen Fenster des Bell Tower herein, und das Feuer half wenig dabei, ihn zu bekämpfen. Die Kammer war schlecht beleuchtet. Nur schwach drang das Sonnenlicht aus den Alkoven herein, und das flackernde Licht des Kaminfeuers verlieh den Steinmauern und spartanischen Möbelstücken einen düsteren, verzweifelten Anschein. Ein freudloser Ort – aber der Tower von London war kein Ort, der zur Freude gedacht war.

Die junge Frau, die mit zum Kinn angezogenen Knien am Feuer saß, war blass vom Winter und einer frisch überstandenen Krankheit. Die Decke über ihren Schultern war zu dünn, um sie warmzuhalten, doch das schien sie nicht zu bemerken. Ihre dunklen Augen waren auf die tanzenden Flammen geheftet, morbide in deren Bann gezogen, als würde sie sich deren Berührung vorstellen. Sie würde natürlich nicht verbrannt. Verbrennung war etwas für gewöhnliche Ketzer. Wahrscheinlich Enthauptung. Vielleicht würde man ihr wie ihrer Mutter einen französischen Scharfrichter gestatten, dessen Schwert sein Werk sauber tun würde.

Vorausgesetzt, die Gnade der Königin gewährte ihr dieses Zugeständnis. Vorausgesetzt, die Königin hatte überhaupt Gnade für sie.

Die wenigen Bediensteten, die sie behalten hatte, waren nicht da. In einem Wutanfall hatte sie sie fortgeschickt und mit den Wachen gestritten, bis sie diese privaten Augenblicke für sich selbst gewonnen hatte. So sehr die Einsamkeit sie bedrückte, sie konnte den Gedanken an Kameradschaft in diesem dunklen Moment nicht ertragen, das Risiko, vor anderen ihre Schwäche zu zeigen. Und so stieg, als sie aus ihrer Träumerei erwachte, weil sie wieder jemand anderen im Raum spürte, erneut Zorn in ihr auf. Die junge Frau warf die Decke ab und sprang auf die Füße, bereit, sich dem Eindringling entgegenzustellen.

Ihre Worte erstarben unausgesprochen, und hinter ihr brannte das Feuer nieder.

Die Frau, die sie sah, war kein Dienstmädchen, keine Hofdame. Niemand, den sie je zuvor gesehen hatte. Eine bloße Silhouette, in den Schatten kaum sichtbar – aber sie stand in einer der Nischen, wo man eine Decke aufgehängt hatte, um das schießschartenförmige Fenster abzudecken.

Nicht bei der Tür. Und sie war ohne irgendein Geräusch eingetreten.

»Ihr seid Prinzessin Elisabeth«, sagte die Frau. Ihre Stimme war kühl, geisterhaft, melodisch, weich und dunkel.

Groß war sie, größer als Elisabeth selbst, und schlanker. Sie trug ein glattes schwarzes Kleid, das am Oberkörper eng anlag, sich aber zu einem bauschigen Rock und einem hochstehenden Kragen weitete, die ihrer Präsenz Gewicht verliehen. Edelsteine funkelten hier und da in dunklen Farben und schenkten dem Stoff einen Hauch Eleganz.

»Die bin ich.« Elisabeth richtete sich würdevoll zu ihrer ganzen Größe auf. »Ich habe keinen Befehl erteilt, Besucher hereinzulassen.« Außerdem erlaubte man ihr keine, doch im Gefängnis wie vor Gericht konnte gespielte Tapferkeit alles bedeuten.

Die Stimme der Fremden antwortete unbewegt. »Ich bin keine Besucherin. Haltet Ihr diese Einsamkeit für Euer eigenes Werk? Die Wachen haben sie zugelassen, weil ich dafür gesorgt habe, dass sie das taten. Meine Worte sind allein für Eure Ohren bestimmt.«

Elisabeth spannte sich an. »Und wer seid Ihr, dass Ihr Euch herausnehmt, mein Leben auf solche Weise zu beeinflussen?«

»Eine Freundin.« Das Wort enthielt keine Wärme. »Eure Schwester hat vor, Euch hinrichten zu lassen. Sie kann Euer Überleben nicht riskieren. Ihr seid ein Angelpunkt für jede protestantische Rebellion, jeden unzufriedenen Adligen, der ihren spanischen Gatten hasst. Sie muss Euch loswerden, und zwar bald.«

So viel hatte sich Elisabeth selbst schon ausgerechnet. Hier zu sein, in den engen Mauern des Bell Tower, war eine Beleidigung für ihren Rang. Auch wenn sie eine Gefangene war, hätte man ihr eine komfortablere Unterkunft stellen müssen. »Ohne Zweifel kommt Ihr, um mir irgendeinen Ausweg von hier anzubieten. Ich spreche allerdings nicht mit Fremden, die ohne Vorwarnung zu mir einbrechen, ganz zu schweigen davon, ein Bündnis mit diesen zu schließen. Euer Ziel ist es vielleicht, mich zu irgendeiner Indiskretion zu verlocken, die meine Feinde ausnutzen können.«

»Das glaubt Ihr nicht.« Die Fremde trat einen Schritt vor, auf einen Fleck düsteres, graues Licht. Eine kreuzförmige Schießscharte verlieh ihr einen Heiligenschein wie ein schmerzliches Imitat eines himmlischen Segens. »Eure Schwester und ihre katholischen Verbündeten würden mit jemandem wie mir nicht verhandeln.«

Hauchdünn, wie sie war, hätte sie skelettartig, ja, grotesk wirken sollen, doch davon war sie weit entfernt. Ihr Gesicht und Körper trugen die Merkmale überirdischer Perfektion, eine makellose Symmetrie und Eleganz, die ebenso verstörte, wie sie faszinierte. Elisabeth hatte ihre Kindheit mit Gelehrten als Tutoren verbracht und die klassischen Autoren gelesen, doch sie kannte auch die Geschichten aus ihrem eigenen Land: die Schönen, das Volk der Fae, die Guten Leute, deren zahlreiche Beinamen gewählt wurden, um ihren launenhaften Charakter zu mildern.

Die Fee bot einen Anblick, der erwachsene Frauen in die Knie gezwungen hätte, und Elisabeth war erst einundzwanzig. Seit ihrer Kindheit aber hatte die Prinzessin die Stürme politischer Unruhen überlebt, angefangen vom unrühmlichen Sturz ihrer Mutter zu ihrer eigenen Erhebung von Hand ihres Bruders, nur um wieder abzustürzen, als ihre katholische Schwester den Thron bestiegen hatte. Sie war intelligent genug, um Angst zu haben, doch stur genug, um dieser Furcht zu trotzen, um sich an ihren Stolz zu klammern, als ihr nichts sonst geblieben war.

»Haltet Ihr mich für einfacher zu ködern als meine Schwester? Manche sagen, Euer Volk bestünde aus gefallenen Engeln oder sei mit dem Teufel selbst verbündet.«

Das Lachen der Frau hallte an den Mauern der Kammer wider wie splitternde Kristalle. »Ich diene nicht dem Teufel. Ich biete Euch ein Bündnis mit gegenseitiger Unterstützung an. Mit meiner Hilfe könnt Ihr aus dem Tower befreit werden und den Thron Eurer Schwester besteigen. Den Thron Eures Vaters. Ohne sie wird Euer Leben sicherlich bald enden.«

Elisabeth wusste zu viel über Politik, um ein Angebot auch nur in Betracht zu ziehen, ohne es in Gänze gehört zu haben. »Und im Gegenzug? Welches Geschenk – zweifellos eine kleinere, unbedeutende Geste – würdet Ihr von mir verlangen?«

»Oh, das ist nichts Kleineres.« Ein winziges Lächeln umspielte die Lippen der Fremden. »So, wie ich Euch auf Euren Thron erheben werde, werdet Ihr mich auf meinen erheben. Und wenn wir beide an der Macht sind, werden wir einander vielleicht wieder von Nutzen sein.«

Jeder kluge Instinkt und jede Faser an Misstrauen in Elisabeth warnten sie vor diesem Pakt. Doch über ihr hing der Schatten des Todes, die wachsende Sicherheit über die Verbitterung und den Hass ihrer Schwester. Sie hatte natürlich ihre Verbündeten, doch sie waren nicht hier. Konnte man sich darauf verlassen, dass diese sie vor dem Henker bewahren würden?

Um ihre Gedanken zu überspielen, sagte sie: »Ihr habt mir Euren Namen noch nicht genannt.«

Die Fee hielt inne. Schließlich antwortete sie in einem bedächtigen Tonfall: »Invidiana.«

Als Elisabeths Bedienstete kurz darauf zurückkehrten, fanden sie ihre Herrin auf einem Stuhl beim Feuer sitzend vor, wie sie in dessen glühendes Herz starrte. Die Luft in der Kammer war eiskalt, aber Elisabeth saß ohne Mantel oder Decke da, während ihre langfingrigen, eleganten Hände auf den Armlehnen des Stuhls ruhten. Sie war an jenem Tag und für viele Tage danach ruhig, und ihre Gesellschafterinnen machten sich Sorgen um sie, doch als die Nachricht kam, dass man ihr erlauben würde, manchmal auf dem Wehrgang zu spazieren und frische Luft zu schnappen, freuten sie sich. Sicherlich sah, wie sie hofften, ihre Zukunft – und die ihrer Herrin – endlich besser aus.

ERSTER AKT

»Die Zeit steht still, blicke in ihr Antlitz;steh still und schau, wie die Minuten,Stunden und Jahre ihr weichen.Alles muss sich wandeln,doch sie bleibt sich immer gleich,bis der Gestirne Lauf sich wandeltund die Zeit ihren Namenverliert.«

JOHN DOWLANDThe Third and Last Booke of Songs or Aires

Kein Fußtritt stört die Stille, als der Mann – bei Weitem nicht so jung, wie er scheint – den Korridor entlanggeht, schwebend, als würde er auf den Schatten laufen, die ihn umfangen.

Sein Flüstern gleitet durch die Luft und hallt am feuchten Gestein der Mauern wider.

»Sie liebt mich … Sie liebt mich nicht.«

Seine Kleidung ist prächtig, dicker Samt und glänzender Satin, schwarz und silbern über bleicher Haut, die seit Jahrzehnten kein Sonnenlicht gesehen hat. Sein dunkles Haar hängt offen, nicht in Locken diszipliniert, und sein Gesicht ist glatt rasiert. Wie sie es vorzieht.

»Sie liebt mich … Sie liebt mich nicht.«

Die schlanken Finger zupfen an etwas Unsichtbarem in seinen Händen, als würden sie Blütenblätter von einer Blume abreißen, eines nach dem anderen, und sie alle fallen lassen, vergessen.

»Sie liebt mich … Sie liebt mich nicht.«

Er bleibt abrupt stehen und starrt in die Schatten, dann fasst er mit einer zitternden Hand nach oben und berührt seine Augen. »Die will sie mir wegnehmen, weißt du«, vertraut er dem, was auch immer er sieht – oder zu sehen glaubt – an. Jahre an diesem Ort haben die Realität für ihn dehnbar, ja, unberechenbar gemacht, sie wandelt sich ohne Vorwarnung. »Sie hat heute wieder davon gesprochen. Meine Augen wegzunehmen … Tiresias war blind. Er war auch manchmal eine Frau. Hast du das gewusst? Er hatte eine Tochter. Ich habe keine Tochter.« Ihm stockt der Atem. »Ich hatte einst eine Familie. Brüder, Schwestern, eine Mutter und einen Vater … Ich war verliebt. Vielleicht hätte ich eine Tochter bekommen. Aber alle sind jetzt fort. Ich habe nur sie, auf der ganzen Welt. Dafür hat sie gesorgt.«

Er sinkt wieder an die Mauer, spürt den Schmutz nicht, der seine feinen Kleider beschmiert, und gleitet nach unten, um sich auf den Boden zu setzen. Dies ist einer der hinteren Tunnel des Onyxpalasts, weit entfernt von der kühlen, glitzernden Schönheit des Hofs. Sie lässt ihn wandern, doch nie weit. Aber wen verletzt sie damit, dass sie ihn in ihrer Nähe hält – ihn oder sich selbst? Er ist der Einzige, der sich erinnert, was dieser Hof in seinen frühesten Tagen war. Selbst sie hat beschlossen, das zu vergessen. Warum also behält sie ihn?

Er kennt die Antwort. Diese verändert sich nie, egal wie die Frage lautet. Macht und gelegentliches Amüsement. Das sind die einzigen Gründe, die sie braucht.

»Das, was oben ist, ist wie das, was unten ist«, flüstert er seinem unsichtbaren Begleiter zu, einem Produkt seines fiebernden Verstands. »Und das, was unten ist, ist wie das, was oben ist.« Sein saphirfarbener Blick wandert zur Decke, als wolle er die Steine und Banne, die den Onyxpalast verborgen halten, durchdringen.

Oben liegt die Welt, die er verloren hat, die Welt, die er manchmal für nicht mehr als einen Traum hält. Ein weiteres Symptom seines Wahnsinns. Die geschäftigen, schmutzigen Straßen von London, sie strotzen vor Händlern und Arbeitern und Adligen und Dieben, Ausländern und Bauern, Holzhäusern und engen Gassen und Docks und dem breiten Fluss Themse. Menschliches Leben in all seiner flatterhaften Pracht. Und der Glanz des Hofes oben, die Tudorherrlichkeit von Elisabeth Regina, Königin von England, Frankreich und Irland. Gloriana und ihr glorreicher Hof.

Ein gewaltiges Licht, das einen gewaltigen Schatten wirft.

Weit unten, in der Finsternis, krümmt er sich an der Wand. Sein Blick fällt auf seine Hände, und er hebt sie noch einmal nach oben, als würde er sich an die Blume erinnern, die er vor einem Augenblick gehalten hat.

»Sie liebt mich …«

»… Sie liebt mich nicht.«

PALAST VON RICHMOND17. September 1588

»Tretet vor, Junge, und lasst Euch ansehen.«

Der holzvertäfelte Saal war voll von Leuten, von denen einige sich in der Nähe hielten und andere am Rand blieben, wo sie Karten spielten oder sich leise unterhielten. Ein Musiker, der an einem Fenster saß, spielte auf seiner Laute eine einfache Melodie. Michael Deven konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie ihn alle ansahen, offen oder heimlich, und die prüfenden Blicke machten ihn ungewohnt linkisch.

Er hatte sich mit mehr als der üblichen Sorge um sein Erscheinungsbild auf diese Audienz vorbereitet. Der Schneider hatte ihm versichert, dass der lackaffenartige Satin seines Wamses das Blau seiner Augen unterstrich, und die Ärmel hatten Schlitze mit Einsätzen aus weißer Seide. In seinem dunklen Haar, sorgfältig gekämmt, war keine Strähne fehl am Platze, und er trug jeden Edelstein, den er besaß, sofern dieser mit dem Rest harmonierte. Doch in dieser Gesellschaft war sein Erscheinungsbild wenig mehr als angemessen, und Seitenblicke wägten ihn bis auf die letzte Unze ab.

Diese Blicke jedoch würden kaum einen Unterschied machen, wenn er die Frau vor ihm nicht beeindruckte.

Deven trat mutig vor, als sei niemand sonst dort, und machte seine beste Verbeugung, wobei er den Saum seines halblangen Mantels zur Seite schlug, um einen besseren Effekt zu erzielen. »Eure Majestät.«

Als er so dastand, konnte er nicht höher als zum komplex bestickten Saum ihres Kleides mit dessen Motiven aus Schiffen und Wind sehen. Eine Erinnerung an die kürzliche Niederlage der Armada und mehr wert als seine gesamte Garderobe. Er hielt seine Blicke auf ein tapferes englisches Schiff geheftet und wartete.

»Seht mich an.«

Er richtete sich auf und sah die Frau an, die unter dem stattlichen Thronhimmel saß.

Er hatte sie natürlich aus der Ferne gesehen, bei den Prozessionen zum Jubiläum der Thronbesteigung und anderen großen Feierlichkeiten: eine strahlende, glitzernde Gestalt mit hübschem rostbraunem Haar und makelloser weißer Haut. Aus der Nähe zeigte sich, wie künstlich sie war. Kosmetik konnte die Pockennarben nicht völlig überdecken, und die feinen Knochen ihres Gesichts drückten gegen ihr alterndes Fleisch. Doch ihre dunklen Augen machten es wett. Wo die Schönheit versagte, würde Charisma mehr als ausreichen.

»Hmmm.« Elisabeth betrachtete ihn ausgiebig, von den polierten Spangen an seinen Schuhen zu der gefärbten Feder an seiner Kappe, mit besonderer Aufmerksamkeit auf seine Beine in deren Hose. Er hätte ein Pferd sein können, das zu kaufen sie überlegte. »Ihr seid also Michael Deven. Hunsdon hat mir etwas über Euch erzählt – aber ich würde es gerne von Euren eigenen Lippen hören. Was wollt Ihr?«

Die Antwort lag ihm bereits auf der Zunge. »Die allergnädigste Erlaubnis Eurer Majestät, in Eurer Präsenz zu dienen und Euren Thron und Eure Person gegen jene frevelhaften Feinde zu schützen, die diese bedrohen wollen.«

»Und wenn ich Nein sage?«

Der frisch gestärkte Kragen kratzte an seinem Kinn und seiner Kehle, als er schluckte. Sich dem Modegeschmack der Königin anzupassen, war mehr als unbequem. »Dann wäre ich der glücklichste und unglücklichste aller Männer zugleich. Glücklich, weil ich das geschafft hätte, von dem die meisten Menschen kaum zu träumen wagen – in der strahlenden Präsenz Eurer Gnaden zu stehen, sei es auch kurz –, und unglücklich, weil ich daraus fortgehen müsste und nicht zurückkehren dürfte. Aber ich würde Euch aus der Ferne dienen und beten, dass mir eines Tages mein Dienst für das Reich und seine glorreiche Herrscherin auch nur einen weiteren Augenblick mit einem solchen Segen einbringen möge.«

Er hatte die blumigen Worte geübt, bis er sie sagen konnte, ohne sich wie ein Narr zu fühlen, und hoffte die gesamte Zeit, dass dies nicht irgendein Streich war, den Hunsdon ihm gespielt hatte, dass die Höflinge nach seiner übertriebenen Lobhudelei nicht in Gelächter ausbrechen würden. Niemand lachte, und die Anspannung zwischen seinen Schulterblättern ließ nach.

Ein schwaches Lächeln zuckte um die Mundwinkel der Königin. Als sich ihre Blicke für einen winzigen Augenblick trafen, dachte Deven: Sie weiß genau, was unser Lob wert ist. Elisabeth war nicht länger eine junge Frau, der man mit hübschen Worten den Kopf verdrehen konnte. Sie erkannte die lächerlichen Höhen, auf denen die Komplimente ihrer Höflinge flogen. Ihr Stolz genoss die Schmeichelei, und ihr politischer Verstand nutzte sie aus. Durch unsere Worte machen wir sie überlebensgroß. Und das dient ihrem Zweck sehr gut.

Dieses Verständnis machte es überhaupt nicht einfacher, ihr gegenüberzustehen. »Und Familie? Euer Vater ist ein Mitglied der Buchhändlergilde, glaube ich.«

»Und ein Gentleman, Madam, mit Landbesitz in Kent. Er ist Ratsherr für den Bezirk Farringdon Within und hatte das Vergnügen, der Krone zu dienen, indem er gewisse religiöse Texte druckte. Was mich betrifft, so bin ich ihm nicht in seinen Beruf gefolgt. Ich gehöre zur Anwaltskammer von Gray’s Inn.«

»Obwohl Eure Studien unvollendet sind, wie ich höre. Ihr seid in die Niederlande gereist, nicht wahr?«

»In der Tat, Madam.« Ein schwieriges Thema in Anbetracht der Fehlschläge dort und des anfänglichen Widerwillens der Königin, Soldaten hinzuschicken. Doch seine militärischen Leistungen in den Niederlanden waren ein Teil dessen, was ihn ausreichend auszeichnete, dass er heute hier war. »Ich habe vor zwei Jahren in Zutphen mit Eurem Gentleman William Russell gedient.«

Die Königin fingerte müßig an einem Seidenfächer herum, doch ihre Blicke blieben immer noch auf ihn geheftet. »Welche Sprachen beherrscht Ihr?«

»Latein und Französisch, Madam.« Das wenige Holländisch, das er gelernt hatte, war nicht erwähnenswert.

Sie wechselte sofort ins Französische. »Habt Ihr Frankreich bereist?«

»Das habe ich nicht, Madam.« Er betete, dass sein Akzent adäquat war, und dankte Gott, dass sie nicht Latein gewählt hatte. »Meine Studien hielten mich beschäftigt, und dann machten die Probleme es gänzlich unmöglich.«

»Gut. Zu viele von unseren jungen Männern ziehen dorthin und kommen katholisch zurück.« Dies war anscheinend ein Scherz, denn einige Höflinge kicherten pflichtbewusst. »Was ist mit Poesie? Schreibt Ihr welche?«

Zumindest hatte Hunsdon ihn davor gewarnt, dass sie Fragen stellen würde, die nichts mit dem eigentlichen Grund seiner Anwesenheit zu tun haben würden. »Sie hat Standards«, hatte der Oberkammerherr gesagt, »für alle, die sie in ihrem Umfeld hält. Schönheit und einen Sinn für Schönheit. Was auch immer Eure Pflichten bei Hof sind, Ihr müsst auch eine Zierde für ihre Pracht sein.«

»Ich schreibe keine eigenen, Madam, aber ich habe mich an einigen Übersetzungsarbeiten versucht.«

Elisabeth nickte, als sei dies selbstverständlich. »Erzählt mir, welche Dichter habt Ihr gelesen? Habt Ihr Vergil übersetzt?«

Deven parierte diese und andere Fragen und mühte sich, um mit dem agilen Verstand der Königin Schritt zu halten, während dieser von Thema zu Thema sprang, und das alles auf Französisch. Sie mochte alt sein, aber ihr Geist zeigte keine Anzeichen, langsamer zu werden, und von Zeit zu Zeit machte sie einen Scherz für die umstehenden Höflinge, auf Englisch oder Italienisch. Er fand, dass sie bei den italienischen Witzen, die er nicht verstehen konnte, lauter lachten. Eindeutig würde er es, falls er bei Hof angenommen würde, lernen müssen. Zu seinem eigenen Schutz.

Elisabeth brach die Befragung ohne Vorwarnung ab und sah an Deven vorbei. »Lord Hunsdon«, sagte sie, und der Adlige trat vor und verbeugte sich. »Erklärt mir: Wäre mein Leben in Händen dieses Gentlemans sicher?«

»So sicher, wie es bei allen Gentlemen von Euer Gnaden ist«, antwortete der grauhaarige Baron.

»Sehr ermutigend«, entgegnete Elisabeth trocken, »wenn man bedenkt, dass wir vor nicht allzu langer Zeit Tylney wegen Hochverrats hingerichtet haben.« Sie wandte ihre konzentrierte Aufmerksamkeit erneut Deven zu, der gegen den Drang ankämpfte, die Luft anzuhalten, und betete, dass er nicht wie ein pro-katholischer Verschwörer wirkte.

Schließlich nickte sie entschlossen. »Er hat Eure Empfehlung, Hunsdon? Dann soll es so sein. Willkommen bei meinen Gentlemenpensionären, Master Deven. Hunsdon wird Euch über Eure Pflichten instruieren.« Sie streckte eine feine, langfingrige Hand aus, die Hände, die in vielen ihrer Porträts abgebildet waren, weil sie so stolz auf diese war. Eine zu küssen, fühlte sich zutiefst seltsam an, wie eine Statue zu küssen oder eine von den Ikonen, die die Papisten verehrten. Deven wich so schnell zurück, wie es höflich war.

»Mein untertänigster Dank an Euch, Euer Gnaden. Ich bete zu Gott, dass meine Dienste Euch nie enttäuschen werden.«

Sie nickte geistesabwesend, weil ihre Aufmerksamkeit bereits dem nächsten Höfling galt, und Deven richtete sich mit einem innerlichen Seufzen voll Erleichterung aus seiner Verbeugung auf.

Hunsdon winkte ihn fort. »Gut gesprochen«, sagte der Oberkammerherr und Hauptmann der Gentlemenpensionäre, »obwohl die Verteidigung die geringste Eurer Pflichten sein wird. Ihre Majestät zieht natürlich nie persönlich in den Krieg, also werdet Ihr keine militärische Aktion sehen, außer Ihr sucht danach.«

»Oder Spanien beginnt eine erfolgreichere Invasion«, sagte Deven.

Das Gesicht des Barons verfinsterte sich. »Betet zu Gott, dass die nie kommt.«

Die beiden bahnten sich ihren Weg durch die versammelten Höflinge im Thronsaal und durch die mit herrlichen Schnitzereien verzierte Tür in die Wachkammer dahinter. »Das neue Vierteljahr beginnt am Michaelstag«, erklärte Hunsdon. »Dann werden wir Euch vereidigen. Das sollte Euch Zeit geben, Eure Angelegenheiten zu regeln. Eine Dienstzeit dauert ein Vierteljahr, und die Regeln verlangen, dass Ihr jedes Jahr zwei davon dient. In der Praxis lassen sich natürlich viele von Eurer Truppe von anderen vertreten, sodass einige beinahe ständig bei Hof sind, andere fast nie. Doch für Euer erstes Jahr verlange ich, dass Ihr beide zugewiesenen Dienstzeiten ableistet.«

»Ich verstehe, mein Lord.« Deven hatte fest vor, die nötige Zeit bei Hof zu verbringen, und noch mehr, wenn er konnte. Man erreichte keine Beförderung, ohne die Gunst jener zu gewinnen, die sie gewähren konnten, und das schaffte man nicht aus der Entfernung. Nicht ohne familiäre Verbindungen jedenfalls, und weil sein Vater so neu im Landadel war, fehlten ihm diese schmerzlich.

Was die Verbindungen betraf, die er hatte … Deven hatte die Augen offengehalten, sowohl im Thronsaal als auch in diesem Vorzimmer, das von den weniger favorisierten Höflingen bevölkert wurde, doch nirgendwo hatte er den einen Mann gesehen, den zu finden er wirklich hoffte. Den Mann, dem er sein Glück an diesem Tag verdankte. Hunsdon hatte ihn der Königin empfohlen, was sein Privileg als Hauptmann war, aber die Idee war nicht von ihm gekommen.

Hunsdon, der sich Devens Gedanken nicht bewusst war, sprach weiter. »Lasst Euch bessere Kleidung nähen, bevor Ihr anfangt. Leiht Euch Geld, wenn Ihr müsst. Niemand wird etwas darüber sagen. Kaum ein Mann an diesem Hof ist nicht bei der ein oder anderen Person verschuldet. Die Königin hat große Freude an Mode, sowohl für sich selbst als auch an denen in ihrer Umgebung. Sie wäre nicht erfreut, wenn Ihr schlicht ausseht.«

Ein Besuch im elitären Reich des Thronsaals hatte ihn davon überzeugt. Deven war bereits verschuldet. Eine Bevorzugung kam nicht billig, und er musste jeden Schritt seines Pfades mit Geschenken pflastern. Es schien allerdings, dass er noch mehr würde leihen müssen. Dies, so hatte ihn sein Vater gewarnt, würde sein Schicksal sein: alles, was er hatte, und noch mehr auszugeben, in der Hoffnung, in Zukunft mehr zu haben.

Nicht jeder siegte in diesem Spiel. Doch Devens Großvater war beinahe Analphabet gewesen. Sein Vater, der als Drucker gearbeitet hatte, hatte genug Wohlstand erlangt, um in den Rang des Landadels aufzusteigen. Deven selbst hatte vor, noch höher aufzusteigen.

Er hatte sogar eine Idee, wie er das anstellen sollte – falls er nur den Mann finden konnte, den er brauchte. Als er zwei Schritte hinter Hunsdon eine Treppe hinunterstieg, fragte Deven: »Mein Lord, könntet Ihr mir einen Rat geben, wie ich den Staatssekretär finde?«

»Hm?« Der Baron schüttelte den Kopf. »Walsingham ist heute nicht bei Hof.«

Verdammt. Deven mühte sich um etwas wie äußerliche Gelassenheit. »Ich verstehe. In diesem Fall denke ich, ich sollte …«

Seine Worte wurden abgeschnitten, denn auf der Galerie unter ihm warteten Gesichter, die er erkannte. William Russell war dort, zusammen mit Thomas Vavasour und William Knollys, zwei anderen, die er von den Kämpfen in den Niederlanden kannte. Auf Hunsdons bestärkendes Nicken hin brüllten sie freudig, stürmten vorwärts und klopften ihm auf die Schulter.

Der Vorschlag, den er gerade hatte machen wollen, dass er noch an jenem Nachmittag nach London zurückkehren würde, wurde zertrampelt, ehe er ihn auch nur aussprechen konnte. Deven rang für höchstens einen Augenblick mit seinem Gewissen, ehe er nachgab. Er war jetzt ein Höfling. Er sollte die Freuden des Lebens bei Hof genießen.

IM ONYXPALAST, LONDON17. September 1588

Die Mauern aus poliertem Stein reflektierten das leise Gemurmel, das gelegentliche Schallen von kaltem, scharfem Lachen, das an den Kristallplatten und dem filigranen Silber, das den Raum zwischen den Spitzbögen ausfüllte, widerhallte. Kühles Licht schien auf ein Meer aus Körpern herab, groß und klein, hässlich und schön. Der Hof war nicht oft so gut besucht, doch man erwartete, dass heute etwas passieren würde. Niemand wusste, was – es gab Gerüchte, die gab es immer –, aber niemand wollte fehlen, wenn er die Möglichkeit hatte, dabei zu sein.

Und so versammelten sich die Fae von London im Onyxpalast und stolzierten über den schwarz-weißen Pietre-Dura-Marmor des großen Thronsaals. Man musste kein Höfling sein, um Zugang zu diesem Raum zu erlangen. Unter den Lords und Ladys waren Besucher aus entlegenen Gebieten, die meisten von ihnen in dieselbe gewöhnliche Kleidung gehüllt, die sie jeden Tag trugen. Sie bildeten einen einfachen, stämmigen Hintergrund, vor dem die Pracht der Höflinge umso strahlender leuchtete. Roben aus Spinnennetzen und Dunst, Wämser aus Rosenblättern, Rüstungen ähnlich. Juwelen aus Mondlicht und Sternenglanz und andere unfassbare Reichtümer: Die Fae, die den Onyxpalast ihr Heim nannten, hatten sich für ein Großereignis bei Hof ausstaffiert.

Sie hatten sich ausstaffiert, und sie waren gekommen. Nun warteten sie. Der einzige freie Platz lag am hinteren Ende des Thronsaals, eine erhöhte Plattform, auf der ein leerer Thron stand. Sein kunstvolles Netzwerk aus Silber und Edelsteinen hätte vielleicht das Netz einer Spinne sein können, das auf die Rückkehr seiner Spinnerin wartete. Niemand sah ihn offen an, doch jeder anwesende Fae warf von Zeit zu Zeit aus dem Augenwinkel einen Blick darauf.

Lune sah ihn öfter an als die meisten. Den Rest der Zeit schlenderte sie durch den Saal, schweigend und allein. Gerüchte verbreiteten sich schnell. Sogar die von außerhalb Londons schienen gehört zu haben, dass sie in Ungnade gefallen war. Oder vielleicht nicht. Die Fae vom Land hielten oft Abstand von den Höflingen, aus Befürchtungen, die von gut begründet bis lächerlich reichten. Was auch immer der Grund war, der Saum ihrer Saphirröcke streifte selten den von jemand anderem. Sie bewegte sich in einer unsichtbaren Sphäre aus ihrer eigenen Ungnade.

Vom gegenüberliegenden Ende des Saals hallte eine Stimme wie das Brechen von Wellen an einem felsigen Ufer. »Sie kommt! Von den weißen Klippen von Dover bis zu den Steinen der uralten Mauer herrscht sie über alle Fae Englands. Macht Platz für die Königin des Onyxpalasts!«

Das Meer aus Körpern ebbte plötzlich ab, als jeder anwesende Fae auf den Boden sank. Die bescheideneren – die angsterfüllteren – warfen sich auf den schwarz-weißen Marmor, wendeten das Gesicht ab und drückten die Augen fest zu. Lune lauschte, als die schweren Schritte vorbeidröhnten, gemessen und selbstsicher, und dann hinter ihnen das geisterhafte Rascheln von Röcken. Eine kühle Brise wehte durch den Raum, eher eingebildet als spürbar.

Einen Augenblick später knallten die Türen zum Thronsaal zu. »Auf Befehl Eurer Herrscherin, erhebt Euch und wohnt ihrem Hof bei«, hallte die Stimme wieder, und mit einem Schaudern erhoben sich die Höflinge auf die Füße und wandten sich zum Thron.

Invidiana hätte ein Porträt ihrer selbst sein können, so unbewegt saß sie da. Der Kristall und Gagat, mit dem ihre Robe bestickt war, bildete kühne Formen, die jene am Thron imitierten, während der Thronbaldachin über ihr ein Gegengewicht darstellte. Ihr hoher Kragen, der mit Diamanten besetzt war, umrahmte ein makelloses Gesicht, das keinen sichtbaren Ausdruck zeigte – doch Lune bildete sich ein, dass sie einen Hauch heimlichen Amüsements in den kalten, schwarzen Augen erkennen konnte.

Sie hoffte es. Wenn Invidiana nicht amüsiert war, war sie oft wütend.

Lune mied den Blick der Kreatur, die an Invidianas Seite wartete. Dame Halgresta Nellt stand wie eine Steinsäule da, die Stiefel weit auseinander, die Hände hinter dem breiten Rücken verschränkt. Das Gewicht ihres Blicks war spürbar. Niemand wusste, wo Invidiana Halgresta und ihre beiden Brüder gefunden hatte – irgendwo im Norden, obwohl einige behaupteten, sie seien einst Fae aus den Alfarlanden jenseits des Meeres gewesen, ehe sie für unbekannte Verbrechen exiliert worden waren –, doch die drei Riesen hatten sich vor Invidianas Thron einen Schaukampf um das Recht, ihre Leibwache zu befehligen, geliefert, und Halgresta hatte gewonnen. Nicht durch Größe oder Stärke, sondern durch Hinterlist. Lune wusste allzu gut, was die Riesen ihr gerne antun würden.

Ein hagerer Fae in einem smaragdgrünen Wams, das wie eine zweite Haut anlag, stieg zwei Stufen zur Plattform hinauf und verbeugte sich vor der Königin, dann wandte er sich zum Saal. »Gute Leute«, sagte Valentin Aspell und erhob seine schleimige Stimme, damit sie gehört würde, »heute sind wir die Gastgeber für Verwandte, die einen tragischen Verlust erlitten haben.«

Auf die Worte des Lord Herolds hin schwangen die Türen zum Thronsaal auf. Lune legte eine Hand auf die scharfe, gezackte Kante einer Säule und wandte sich wie alle anderen um.

Die Fae, die eintraten, boten einen armseligen Anblick. Sie waren schmutzig und hager, ihre einfache Kleidung hing in Fetzen herunter, und sie schlurften mit all der Panik und Bewunderung von Landvolk herein, das zum ersten Mal der kühlen Pracht des Onyxpalasts begegnete. Die starrenden Höflinge drängten sich zur Seite, um sie vorbeizulassen, aber da war nichts von dem Respekt, der sofort einen Durchgang für Invidiana freigemacht hatte. Lune sah mehr als einen Blick voll böswilligem Mitleid. Hinter den Fremden ging Halgrestas Bruder Sir Prigurd, der sie mit geduldiger Entschlossenheit weitertrieb und vorwärts schob, bis sie am Fuß der Plattform zum Stehen kamen. Es gab eine Pause. Dann hallte ein Geräusch durch den Saal: ein leises Knurren von Halgresta. Die Bauern zuckten zusammen und warfen sich zitternd auf den Boden.

»Ihr kniet vor der Königin des Onyxpalasts«, sagte Aspell nur mäßig inakkurat. Zwei der Fremden knieten tatsächlich, statt auf dem Boden zu liegen. »Erzählt ihr und den versammelten Würdenträgern ihres Reichs, was Euch widerfahren ist.«

Einer der beiden knienden Fae, ein stämmiger Kobold, der wirkte, als sei er in Gefahr, seinen fröhlichen Leibesumfang zu verlieren, gehorchte dem Befehl. Er war geistesgegenwärtig genug, nicht aufzustehen.

»Edle Königin«, sagte er, »wir hamm alles verloren.«

Der folgende Bericht wurde in einem beinahe unverständlichen Bauerndialekt vorgetragen. Lune gab es bald auf, jede Kleinigkeit verstehen zu wollen. Der rote Faden war eindeutig genug. Der Kobold hatte seit ewiger Zeit einer gewissen Familie gedient, doch die Sterblichen waren vor Kurzem von ihrem Land vertrieben und ihre Häuser bis auf die Grundmauern niedergebrannt worden. Er war auch nicht der Einzige, der ein solches Unglück erlitten hatte: Ein naher Sumpf war trockengelegt worden, und das gesamte Gebiet, das ehemalige Haus und alles drumherum, wurde für eine neue Art von Landwirtschaft genutzt, während eine Straße, die gebaut wurde, um irgendeine unbedeutende Stadt mit einer etwas weniger unbedeutenden Stadt zu verbinden, für den Tod eines Grünen Mannes und die Planierung eines kleineren Fae-Hügels gesorgt hatte.

Als das Ende der Geschichte erzählt war, folgte eine weitere Pause, und dann rempelte der Kobold einen mitgenommen und armselig wirkenden Hausgeist an, der immer noch neben ihm auf dem Boden zitterte. Der Hausgeist quiekte schrill und nervös und zog irgendwo einen Leinensack heraus.

»Edle Königin«, sagte der Kobold erneut, »wir hamm Euch ein paar Geschenke gebracht.«

Aspell trat vor und nahm den Sack entgegen. Ein Teil nach dem anderen holte er dessen Inhalt heraus und präsentierte ihn Invidiana: eine Rose mit Rubinblättern, eine Spindel, die von selbst spann, eine Schüssel, die aus einer riesigen Eichel gedrechselt war. Zuletzt kam ein kleines Kästchen, das er zur Königin gewandt öffnete. Ein Knistern raschelte durch den Saal, als sich die Hälfte der Höflinge den Hals verrenkte, um etwas zu sehen, doch der Inhalt blieb verborgen.

Was auch immer es war, es musste Invidiana zufriedengestellt haben. Sie winkte Aspell mit einer weißen Hand fort und sprach zum ersten Mal.

»Wir haben die Geschichte eures Verlusts gehört, und eure Geschenke erfreuen unseren Blick. Man wird euch ein neues Heim finden, fürchtet euch nicht.«

Ihre kühlen, emotionslosen Worte entfesselten einen Wirbel aus Verbeugungen und Niederwerfungen der Landfae. Der Kobold, immer noch auf den Knien, drückte sein Gesicht immer wieder auf den Boden. Schließlich zerrte Prigurd sie auf die Füße, und sie hasteten aus dem Saal, wobei sie sowohl über ihr glückliches Schicksal als auch über ihren Abschied aus der Präsenz der Königin erleichtert wirkten.

Lune bemitleidete sie. Die armen Narren hatten Invidiana zweifellos alle Schätze übergeben, die sie besaßen, und es würde ihnen wenig nützen. Sie konnte die Mittel leicht erraten, durch die jene ländlichen Verbesserungsarbeiten angefangen hatten. Die einzige wahre Frage war, was die Fae aus jener Gegend getan hatten, um die Königin so zu erzürnen, dass sie sich rächte, indem sie ihre Heime zerstörte.

Oder vielleicht waren sie nicht mehr als ein Mittel zum Zweck.

Invidiana überblickte ihre Höflinge und sprach erneut. Der schwache Hauch von Freundlichkeit, den eine optimistische Seele zuvor vielleicht in ihrem Tonfall erkannt haben mochte, war verschwunden. »Als uns die Nachricht über diese Zerstörung erreichte, sandten wir unseren treuen Vasallen Ifarren Vidar zur Nachforschung.« An seinem vertrauten Platz am Fuß der Plattform schmunzelte der skelettdünne Vidar. »Er entdeckte eine schändliche Geschichte, eine, die sich unsere trauernden Vettern vom Land nicht hätten träumen lassen.«

Die gemessene Höflichkeit ihrer Worte war furchteinflößender, als Zorn es gewesen wäre. Lune schauderte und drückte den Rücken an die scharfen Kanten der Säule. Sonne und Mond, dachte sie, lasst mich nicht darin verwickelt werden. Sie hatte bei diesen unbekannten Ereignissen keine Rolle gespielt, doch das hatte nichts zu bedeuten. Invidiana und Vidar waren in der Kunst, nach Bedarf Schuld zu fabrizieren, wohlgeübt. Hatte die Königin sie vor Halgresta Nellt bewahrt, nur um ihr stattdessen diese Falle zu stellen?

Falls ja, dann war es eine tiefere Falle, als Lune sich vorstellen konnte. Die Geschichte, die Invidiana präsentierte, war zweifellos falsch – irgendeine erfundene Fabel über einen Fae, der Rache gegen einen anderen suchte, indem er dessen Heimatland zerstörte –, doch die Person, die sie anschuldigte, war niemand, den Lune gut kannte, ein niedrig gestellter Ritter namens Sir Tormi Cadogant.

Der beschuldigte Fae tat das Einzige, was irgendjemand unter diesen Umständen tun konnte. Wäre er nicht bei Hof gewesen, hätte er vielleicht fliehen können. Es war Hochverrat, Zuflucht bei den Fae von Frankreich oder Schottland oder Irland zu suchen, aber es hätte vielleicht auch Sicherheit bedeutet, wenn er es so weit geschafft hätte. Doch er war anwesend, und so bahnte er sich seinen Weg durch die Menge und warf sich mit unterwürfig ausgestreckten Armen vor dem Thron zu Boden.

»Vergebt mir, Eure Majestät«, flehte er, wobei seine Stimme vor sehr realer Furcht bebte. »Ich hätte das nicht tun sollen. Ich habe gegen Eure königlichen Rechte verstoßen. Ich gestehe es. Aber ich tat dies nur aus …«

»Schweig«, zischte Invidiana, und er verstummte.

Also war Cadogant in dieser Angelegenheit vielleicht das Ziel. Oder vielleicht nicht. Er war jedenfalls unschuldig, aber das sagte Lune gar nichts.

»Tritt vor mich und knie«, befahl die Königin, und Cadogant, der zitterte wie Espenlaub, stieg die Stufen hinauf, bis er vor dem Thron stand.

Eine langfingrige weiße Hand glitt zur Korsage an Invidianas Robe. Das Juwel, das in der Mitte ihres tiefen Ausschnitts saß, löste sich und ließ in der kunstvollen Stickerei einen tiefschwarzen Fleck zurück. Invidiana stand von ihrem Thron auf, und alle knieten sich wieder hin, doch diesmal blickten sie auf. Alle von ihnen, von Aspell und Vidar bis hinunter zum niederrangigsten, hirnlosen Wicht, wussten, dass sie bezeugen mussten, was als Nächstes kam. Lune beobachtete es von ihrem Platz an der Säule aus, von ihrer eigenen Panik in den Bann gezogen.

Das Juwel war sogar unter den Fae ein Meisterwerk, ein perfekt symmetrisches Flechtwerk aus Silber, das vom Mond selbst herabgezogen war und in seinem Zentrum einen echten schwarzen Diamanten beherbergte: nicht die bemalten Edelsteine, wie Menschen sie trugen, sondern einen Stein, der in seinen Tiefen dunkles Feuer enthielt. Perlen, die aus Meerjungfrauentränen geformt waren, umfingen ihn, und rasiermesserscharfe Obsidiansplitter umringten die Kanten des Juwels, doch der Diamant war der Kernpunkt und die Quelle seiner Macht.

Invidiana, die über dem knienden Cadogant aufragte, war eine gnadenlose Gestalt. Sie streckte ihre Hand aus und legte das Juwel an die Stirn des Fae, zwischen seine Augen.

»Bitte«, flüsterte Cadogant. Das Wort war in den hintersten Ecken des völlig stillen Saals zu hören. So tapfer er auch war, als er sich dem Zorn der Königin stellte und auf das hoffte, was bei ihr als Gnade durchging, er bettelte trotzdem.

Ein leises Klicken war seine Antwort, als sich sechs spinnenartige Klauen aus dem Juwel erstreckten und nadelscharfe Spitzen an seine Haut legten.

»Tormi Cadogant«, sagte Invidiana in einem kühlen, förmlichen Tonfall, »diesen Bann lege ich auf dich. Nie mehr wirst du innerhalb der Grenzen Englands einen Ehrentitel tragen. Ebenso wirst du nicht in fremde Länder fliehen. Stattdessen wirst du wandern, nie mehr als drei Nächte an einem Ort bleiben und mit niemand anderem ein Wort sprechen oder schreiben. Du wirst wie ein Stummer sein, ein Fremder in deinem eigenen Land.«

Lune schloss die Augen, als sie spürte, wie die Macht aus dem Juwel schoss. Sie hatte schon früher gesehen, wie es benutzt wurde, und wusste teilweise, wie es funktionierte. Es gab nur eine Konsequenz, wenn ein solcher Bann gebrochen wurde.

Tod.

Nicht nur ein Exil, sondern eines mit dem Verbot jeglicher Kommunikation. Cadogant musste irgendeinen Hochverrat geplant haben. Und dies war eine Botschaft an seine Mitverschwörer, subtil genug, um verstanden zu werden, ohne den Unwissenden zu erklären, dass überhaupt je eine Verschwörung existiert hatte.

Ihre Haut prickelte überall. Ein solches Schicksal hätte auch ihr blühen können, wäre Invidiana über ihr Scheitern noch zorniger gewesen.

»Geh«, fauchte Invidiana. Lune öffnete erst die Augen, als die zögerlichen, taumelnden Schritte außer Hörweite waren.

Als Cadogant fort war, setzte sich die Königin nicht wieder. »Dieses Werk ist für den Moment beendet«, sagte sie, und ihre Worte enthielten die schreckliche Andeutung, dass Cadogant wohl nicht das letzte Opfer sein würde. Aber was auch immer als Nächstes passieren würde, es würde nicht sofort passieren. Alle senkten wieder den Blick, als die Königin aus dem Raum schritt, und als sich die Türen endlich hinter ihr schlossen, atmeten alle erleichtert auf.

Im Anschluss an ihren Aufbruch begann Musik eine klagende Melodie in die Luft zu weben. Als Lune einen Blick zurück auf die Plattform warf, sah sie einen blonden jungen Mann, der auf den Stufen saß und eine Flöte in seinen flinken Fingern balancierte. Wie bei allen von Invidianas sterblichen Haustieren war sein Name den Geschichten der alten Griechen entnommen, und zwar aus gutem Grund. Orpheus’ einfache Melodie schaffte mehr, als nur den Verlust und die Trauer der Bauernfae und über Cadogants Sturz heraufzubeschwören. Einige von denen, die zuvor grausame Belustigung gezeigt hatten, starrten nun finster drein, während Reue ihren Blick trübte. Eine dunkelhaarige Fae begann zu tanzen. Ihr schlanker Körper floss wie Wasser und verlieh den Tönen Gestalt. Lune presste die Lippen zusammen und hastete zur Tür, ehe auch sie in Orpheus’ Bann gezogen werden konnte.

Vidar lehnte an einem Türrahmen und hatte die knochigen, in Seide gekleideten Arme vor der Brust verschränkt. »Hat Euch die Vorführung gefallen?«, fragte er, und dasselbe Schmunzeln umspielte wieder seine Lippen.

Lune sehnte sich nach einer Antwort darauf, irgendeiner perfekten, scharfzüngigen Antwort, die seiner Sicherheit, dass er in der Gunst der Königin stand und sie nicht, Einhalt gebot. Immerhin hatte man schon gehört, dass Fae offensichtlich in Ungnade gefallen waren, nur dass diese später als Teil irgendeines Plans enthüllt worden war. Doch kein solcher Plan schützte sie, und ihr Verstand versagte. Sie fühlte, wie Vidars Grinsen breiter wurde, als sie sich an ihm vorbei aus dem Thronsaal drückte.

Seine Worte hatten sie mehr getroffen, als ihr bewusst gewesen war. Oder vielleicht war es Cadogant oder diese armen, hilflosen Marionetten vom Land. Lune konnte es nicht ertragen, draußen in der Öffentlichkeit zu bleiben, wo jedes Flüstern, wie sie sich einbildete, von ihrem Niedergang sprach. Stattdessen bahnte sie sich so hastig, wie sie es sich erlauben konnte, ihren Weg durch die Tunnel in ihr eigenes Quartier.

Das Schließen der Tür schenkte ihr die Illusion einer Zufluchtsstätte. Diese beiden Zimmer waren üppig dekoriert, in einem heimeligeren Stil als die öffentlichen Räume des Palasts. Dicke Teppiche aus gewebten Binsen bedeckten ihren Boden, und Gobelins mit den großen Mythen der Fae schmückten ihre Wände. Der offene Marmorkamin erwachte bei ihrer Ankunft zum Leben und streute ein wärmeres Licht auf die Einrichtung. Die Stühle, die davorstanden, warfen lange Schatten. Leere Stühle. In letzter Zeit hatte sie nicht viele Gäste empfangen. Eine Tür auf der gegenüberliegenden Seite führte in ihr Schlafzimmer.

Zumindest dies hatte sie noch, ihr Refugium. Sie hatte die Gunst der Königin verloren, aber nicht so schrecklich, dass sie aus dem Onyxpalast verstoßen worden war, um wie jene armen Bastarde auf der Suche nach einem neuen Heim herumzustreifen. Nicht so schrecklich, wie es Cadogant geschehen war.

Der bloße Gedanke ließ sie erschaudern. Lune schüttelte sich und ging durch das Zimmer zu einem Tisch, der an ihrer Schlafzimmertür stand, und dem Kristallkästchen darauf.

Sie zögerte, ehe sie es öffnete, weil sie wusste, welch traurigen Anblick ihre Augen vorfinden würden. Drei Häppchen lagen darin: drei Bissen hartes Brot, wer wusste, wie alt, aber immer noch so frisch wie damals, als irgendeine Hausfrau auf dem Land sie als Geschenk an die Fae auf die Türschwelle gelegt hatte. Drei Bissen, um sie zu nähren, falls das Schlimmste passieren sollte und sie aus dem Onyxpalast fortgeschickt würde – hinaus in die Welt der Sterblichen.

Sie würden sie nicht lange schützen.

Lune klappte das Kästchen zu und schloss die Augen. Es würde nicht passieren. Sie würde einen Weg finden, um Invidianas Gunst wiederzuerlangen. Es würde vielleicht Jahre dauern, aber inzwischen war alles, was sie tun musste, zu vermeiden, dass sie die Königin noch einmal erzürnte.

Oder Halgresta irgendeinen Vorwand zu geben, sie zu verfolgen.

Lunes Finger zitterten an der verzierten Oberfläche des Kästchens. Ob aus Furcht oder Zorn, das konnte sie nicht sagen. Nein, sie konnte nicht einfach auf ihre Chance warten. So überlebte man im Onyxpalast nicht. Sie würde sich eine Gelegenheit suchen müssen … oder noch besser, eine schaffen.

Aber wie sollte sie das tun, wenn sie so wenige Ressourcen zur Verfügung hatte? Drei Bissen Brot würden ihr nicht besonders helfen. Und Invidiana würde jemandem, der in Ungnade gefallen war, kaum mehr gewähren.

Die Königin war allerdings nicht die einzige Quelle sterblicher Nahrung.

Wieder zögerte Lune. Um das zu tun, würde sie den Onyxpalast verlassen müssen – was bedeutete, eines ihrer verbliebenen Stücke zu nutzen. Das, oder eine Botschaft zu senden, was sogar noch gefährlicher wäre. Nein, das konnte sie nicht riskieren. Sie würde persönlich gehen müssen.

Lune betete, dass die Schwestern so freigebig sein würden, wie sie hoffte, nahm ein Stück Brot aus dem Kästchen und ging hinaus, ehe sie es sich anders überlegen konnte.

RICHMOND UND LONDON18. September 1588

Das ist also, dachte Deven verschlafen, als er den Deckel zurück auf den Leibstuhl fummelte, das Leben eines Höflings.

Seine rechte Schulter kämpfte mit seinem Kopf darum, wer schlimmer schmerzte. Seine neuen Brüder von den Gentlemenpensionären hatten ihm am vorherigen Abend in der Kammer mit den hohen Wänden, die man für diesen Zweck draußen in den Gärten gebaut hatte, beigebracht, wie man Tennis spielte. Er hatte sich innerlich geärgert, weil er für den Eintritt hatte zahlen müssen, doch sobald er drinnen gewesen war, hatte er sich mit vielleicht mehr Enthusiasmus, als klug gewesen war, hineingestürzt. Dann war es ans Trinken und Kartenspielen gegangen, bis spät in die Nacht, bis Deven wenig Erinnerungen hatte, wie er hierhergekommen war, zusammen mit Vavasour in dessen Bett, während ihre Bediensteten ausgestreckt auf dem Boden lagen.

Ein dringendes Bedürfnis, sich zu erleichtern, hatte ihn geweckt. Im Bett schlief Vavasour weiter. Deven rieb sich die Augen und dachte darüber nach, dem Beispiel seines Kameraden zu folgen, sagte sich jedoch resigniert, dass er seine Zeit auch nutzen konnte. Ansonsten würde er bis Mittag schlafen und dann wieder im gesellschaftlichen Tanz gefangen sein. Dann wäre es zu spät zum Aufbruch, also würde er eine weitere Nacht bleiben, und so weiter und so fort, bis er eines Tages feststellen würde, dass er mit trüben Augen und bankrott vom Hof wegkröche.

Als er seine Geldbörse überprüfte, korrigierte er diesen letzten Gedanken. Vielleicht nicht bankrott, seinem offensichtlichen Glück mit den Karten in der vergangenen Nacht nach zu urteilen. Doch solche Gewinne würden sein Leben nicht finanzieren. Hunsdon hatte recht: Er musste Geld leihen.

Deven unterdrückte den Drang zu stöhnen und rüttelte Peter Colsey wach. Sein Leibdiener war in einem wenig besseren Zustand als er selbst, nachdem er andere Bedienstete gefunden hatte, mit denen er sich vergnügen konnte, aber zum Glück war er auch wortkarg am Morgen. Er rollte sich von der Matratze und beschränkte sich auf mürrische Blicke auf ihre Stiefel, das Wams seines Herrn und alles andere, was die Frechheit besaß, zu einer solch frühen Stunde Arbeit von ihm zu benötigen.

Der Palast zeigte um diese Tageszeit ein anderes Antlitz. Am vorherigen Morgen war Deven viel zu sehr auf sein Ziel konzentriert gewesen, um es zu bemerken, aber jetzt sah er sich um und versuchte, sich sanft zu wecken. Diener hasteten durch die Korridore, die die Livree der Königin oder unterschiedlicher Adliger trugen. Draußen hörte Deven Hühner kreischen, während zwei Stimmen stritten, wer wie viele bekommen sollte. Hufe dröhnten im Innenhof, die sich schnell bewegten und abrupt stoppten. Vielleicht ein Bote. Er hätte seinen Gewinn aus der Vornacht darauf verwettet, dass Hunsdon und die anderen Männer, die den Kronrat dominierten, bereits wach waren und hart an den Geschäften der Regierung Ihrer Majestät arbeiteten.

Colsey brachte ihm etwas zum Frühstück und ging wieder nach draußen, um ihre Pferde satteln zu lassen. Bald ritten sie im viel zu hellen Licht der Morgensonne hinaus.

Sie sprachen für die ersten paar Meilen nicht. Erst, als sie an einem Bach anhielten, um ihren Pferden Wasser zu geben, sagte Deven: »Also, Colsey, wir haben bis zum Michaelstag. Dann soll ich zum Hof zurückkehren, und ich habe Befehle, besser gekleidet zu sein, wenn ich das tue.«

Colsey brummte. »Dann lerne ich besser, wie man Samt bürstet.«

»Besser schon.« Deven strich seinem schwarzen Hengst über den Hals, um das Tier zu beruhigen. Der war bei normalen Ritten ein dummes Vieh – das Pferd war für den Krieg trainiert –, doch er gehörte zu der Fiktion, dass die Gentlemenpensionäre immer noch eine Streitmacht waren statt einer Truppe, die zufällig einige Männer vom Militär einschloss. Drei Pferde und zwei Diener. Er hatte noch einen Mann anstellen müssen, um Colsey zu assistieren. Das brachte ihm immer noch mehr als nur ein paar finstere Blicke ein.

Am Nachmittag standen die Häuser, an denen sie vorbeiritten, dichter beisammen, drängten sich entlang des Südufers der Themse und reihten sich an der Straße auf, die zur Brücke führte. Deven hielt an, um sich in einer Taverne in Southwark mit Bier zu erfrischen, dann richtete er seinen Blick zum Himmel. »Ludgate zuerst, Colsey. Wir werden sehen, wie schnell ich herauskommen kann, hm?«

Colsey war vernünftig genug, um keine Vorhersage zu treffen, zumindest nicht laut.

Ihr Tempo wurde wesentlich langsamer, als sie die London Bridge überquerten, weil sich Devens Hengst seinen Weg durch die Menge, die diese bevölkerte, schieben musste. Deven hielt behutsam eine Hand an den Zügeln. Reisende wie er bahnten sich ihren Weg einen Schritt nach dem anderen, mischten sich mit denen, die in den Geschäften einkauften, die über die ganze Brücke gebaut waren. Er konnte es dem Schlachtross nicht verdenken, falls es jemanden beißen würde.

Auch auf der anderen Seite verbesserte sich die Lage nicht sehr. Sein Pferd, das sich mittlerweile auf das langsamere Tempo eingestellt hatte, wurde entlang der Thames Street nach Westen abgedrängt und suchte sich Lücken, wo immer es sie finden konnte. Colsey spie wenig unterdrückte Flüche, als sein eigener Cob Mühe hatte, Schritt zu halten, bis sie endlich an ihrem Ziel im wiederaufgebauten Bezirk Blackfriars ankamen: John Devens Geschäft und Haus.

Egal, welche heimliche Schätzung Colsey über die Länge ihres Besuchs getroffen hatte, Deven vermutete, dass sie nicht kurz war. Sein Vater war erfreut, als er von ihrem Erfolg erfuhr, doch natürlich reichte es nicht, einfach das Ergebnis zu hören. Er wollte jede Kleinigkeit wissen, von der Kleidung der Höflinge bis zu den Dekorationen im Thronsaal. Er hatte den Hof einige Male, aber nicht oft, besucht und hatte nie solch erhabene Gefilde betreten.

»Vielleicht werde ich das eines Tages selbst sehen, hm?«, sagte er und strahlte vor unverhohlenem Optimismus.

Und dann musste natürlich seine Mutter Susanna alles hören, und sein Cousin Henry, den Devens Eltern nach dem Tod von Johns jüngerem Bruder aufgenommen hatten. Das funktionierte für alle Beteiligten gut. Henry hatte den Platz eingenommen, der ansonsten Michael gehört hätte, als Johns Lehrling unter der Patronage der Buchbindergilde, und Michael befreit, damit er einem ehrgeizigeren Pfad folgen konnte. Das Gespräch wandte sich Neuigkeiten aus dem Geschäft zu, und dann war es natürlich so spät, dass sie zum Abendessen bleiben mussten.

Eine kleine Stimme in Devens Hinterkopf überlegte, dass das sowieso gut war. Wenn er hier aß, kostete es ihn keine Münze aus seiner eigenen Börse. Warum er sich um Pennys kümmern sollte, wenn er in Pfund verschuldet war, ergab keinen Sinn, aber so war es eben.

Nach dem Abendessen, als Susanna und Henry hinausgeschickt worden waren, saß Deven mit seinem Vater am Feuer und ließ einen Kelch mit feinem Malvasierwein zwischen seinen Fingern schaukeln. Das Licht flackerte wunderschön durch das venezianische Glas und den Rotwein darin, und er beobachtete es angenehm entspannt.

»Dein Platz ist dir sicher, Sohn«, sagte John Deven und streckte mit einem fröhlichen Seufzen seine Füße zum Feuer.

Elisabeths ominöse Worte über Tylney waren Deven im Gedächtnis geblieben, doch sein Vater hatte recht. Es gab Graubärte bei den Pensionären, einige von ihnen kaum geeignet für irgendwelche Kampfhandlungen. Solange er nichts zutiefst Dummes tat – wie zum Beispiel eine Verschwörung, die Königin zu töten –, konnte er wohl bleiben, bis er austreten wollte.

Einige Männer traten tatsächlich aus. Familienprobleme riefen sie fort, oder das Leben bei Hofe gefiel ihnen nicht mehr. Einige verloren ihr Vermögen, statt eines zu machen. Siebzig Mark pro Jahr, das Gehalt eines Pensionärs, war in jener Welt nicht viel, und nicht allen gelang es, die Art von Bevorzugung zu erlangen, die mehr einbrachte.

Aber dann vertrieb sein Vater mit einem einfachen Satz alle Geldsorgen aus seinen Gedanken. »Jetzt«, sagte John Deven, »müssen wir eine Frau für dich finden.«

Er lachte verblüfft. »Ich habe mir gerade einmal einen Platz verdient, Vater. Gib mir Zeit, um wenigstens auf die Füße zu kommen.«

»Ich bin es nicht, den du um Zeit bitten solltest. Du hast dir gerade eine bevorzugte Position gesichert, eine nahe bei Ihrer Majestät. Die Frauen vom Landadel werden dich umkreisen wie die Falken. Vielleicht sogar Hofdamen.«

Am Vortag hatten definitiv Frauen die Tennisspieler beobachtet. Ein Zucken in Devens Schulter ließ ihn sich fragen, wie schlimm er sich zum Narren gemacht hatte. »Zweifellos. Aber ich weiß es besser, als irgendetwas zu überstürzen, besonders wenn ich wirklich der Königin diene. Es heißt, dass sie sehr eifersüchtig über ihre Umgebung wacht und skandalöses Verhalten ihrer Höflinge nicht gutheißt.« Das Letzte, was er brauchte, war es, im Tower zu enden, weil er irgendeine Hofdame geschwängert hätte.

Das beste Auge, in das man fallen konnte, war natürlich das der Königin selbst. Doch obwohl Deven ehrgeizig war und ihre Zuneigung einen schnellen Weg zum Erfolg bot, war er überhaupt nicht sicher, ob er mit Leuten wie dem jungen Grafen von Essex konkurrieren wollte. Das würde ihn schnell in Situationen bringen, die er nicht überleben konnte.

»Heirat ist kein Skandal«, sagte sein Vater. »Achte darauf, wie du dich benimmst, aber halte dich nicht zu sehr abseits. Eine Verbindung bei Hofe könnte sich als wirklich sehr vorteilhaft erweisen.«

Sein Vater wirkte, als würde er das Thema wahrscheinlich weiterverfolgen. Deven schüttelte ihn mit einer Ablenkung ab. »Wenn alles wie geplant läuft, wird meine Zeit wahrscheinlich anderswo sehr gründlich gebunden sein.«

John Devens Miene wurde ernster. »Dann hast du also mit Walsingham gesprochen?«

»Nein. Er war nicht bei Hof. Aber das werde ich bei der ersten Gelegenheit tun.«

»Sei vorsichtig, wenn du dich in solche Dinge stürzt«, warnte sein Vater. Viel von der entspannten Atmosphäre im Raum war verflogen. »Er dient einer ehrbaren Sache, allerdings nicht immer mit ehrbaren Mitteln.«

Deven wusste das sehr gut. Er hatte in den Niederlanden einiges von dieser Arbeit getan. Jedoch nicht die schmutzigsten Teile davon, ganz sicher nicht. »Er ist meine beste Chance auf eine Bevorzugung, Vater. Aber ich werde auf mich aufpassen, das verspreche ich.«

Damit musste sein Vater sich zufriedengeben.

LONDON UND ISLINGTON18. September 1588

Den Onyxpalast zu verlassen, war nicht so simpel, wie Lune es sich vielleicht erhofft hatte. Im Labyrinth der Palastpolitik würde irgendjemand einen Weg finden, um ihren Aufbruch als verdächtig zu interpretieren, sollte sie zu bald nach Invidianas Verurteilung von Cadogant hinausgehen. Vidar, falls niemand sonst.

Also wanderte sie eine Weile durch die Gänge des Onyxpalasts und sah, wie Fae vor ihrer Gesellschaft zurückschreckten. Es war eine einfache Art, die Zeit totzuschlagen. Obwohl der unterirdische Feenpalast nicht so groß wie die Stadt darüber war, war er weitaus größer als jedes Gebäude an der Oberfläche, wobei Passagen die Rolle von Straßen spielten und Kammerkomplexe unterschiedlichen Zwecken dienten.

In einer offenen Säulenhalle fand sie Orpheus wieder, der diesmal Tanzmusik spielte. Fae klatschten, als einer von ihnen mit einer Partnerin in einer wilden Schau herumwirbelte. Lune stellte sich an die Wand und beobachtete, wie ein grinsender Hauself ein armes, stolperndes Menschenmädchen mitzerrte, immer schneller. Die Sterbliche sah recht gesund, aber erschöpft aus. Sie war wahrscheinlich ein Dienstmädchen, das für ein kurzes Vergnügen in den Onyxpalast gelockt worden war, und würde am Ende desorientiert und ausgelaugt an die Oberfläche zurückgebracht werden. Jene, die seit langer Zeit da waren wie Orpheus, nahmen ein todgeweihtes Aussehen an, das dieses Mädchen noch nicht hatte.

Ihre Aufmerksamkeit galt dem Tanz. Unbeobachtet schlich Lune zur anderen Seite der Halle und zu einer anderen Tür hinaus.

Sie nahm eine umständliche Route, die jeden, der sie vielleicht vorbeigehen sehen mochte, verwirren würde, aber auch nötig war. Man konnte nicht einfach direkt zu seinem Ziel gehen. Der Onyxpalast war an einer Vielzahl von Orten mit der Welt darüber verbunden, doch diese Orte passten nicht zueinander. Zwei Eingänge konnten an der Oberfläche an verschiedenen Enden der Stadt, aber unten nebeneinander liegen. Das war einer der Gründe, warum Besucher den Palast fürchteten. Wenn sie einmal darin waren, würden sie vielleicht nie wieder einen Weg hinaus finden.

Doch Lune kannte ihren Weg. Schon bald trat sie in eine kleine, verlassene Kammer, wo die Steinmauern des Palasts einem herabreichenden Netzwerk aus Wurzeln Platz machten.

Als sie unter diesem Dach stand, holte sie tief Luft und konzentrierte sich.

Das schimmernde, nachthimmelfarbene Saphirblau ihrer Robe beruhigte sich und wurde einfacheres blaues Gewebe. Die Juwelen, die sie schmückten, verschwanden, und der Ausschnitt schloss sich, sodass er in einem sittsamen Kragen endete, während eine Kappe ihr Haar bedeckte. Lunes eigener Körper war schwieriger. Sie musste sich angestrengt konzentrieren, um ihre Haut welken zu lassen, ihr Haar von silbern zu einem fahlen Blond und ihre strahlenden Augen zu einem fröhlichen Blau zu verwandeln. Fae, die gut darin waren, wussten, dass genau die Aufmerksamkeit auf Details entscheidend war. Nichts unverändert lassen und einige dieser Feinheiten hinzufügen – hier ein Muttermal, dort Pockennarben –, die überzeugend von gewöhnlicher Menschlichkeit sprechen würden.

Doch die Illusion aufzubauen, reichte allein nicht. Lune fasste in das Säckchen, das an ihrem Gürtel hing, und holte das Brot aus ihrem Kästchen heraus.

Die grob gemahlene Gerste verfing sich in ihren Zähnen. Sie achtete darauf, alles zu schlucken. Als Nahrung verschmähte sie es, doch es diente seinem eigenen Zweck, und dafür war es wertvoller als Gold. Als der letzte Bissen verschlungen war, streckte sie einen Arm nach oben und strich über die nächste Wurzel.

Mit einem leisen Rascheln schlossen sich die Ranken um sie und zogen sie hoch.

Sie trat aus dem Stamm einer Erle, die an der St. Martin’s Lane stand, nicht mehr als einen Steinwurf von den Bauwerken entfernt, die wie Knollen aus dem großen Torbogen und den Mauern um Aldersgate gewachsen waren. Es war, wie sie überrascht entdeckte, früh am Morgen. Der Onyxpalast stand nicht wie die entfernteren Reiche außerhalb der menschlichen Zeit – das hätte Invidianas Lieblingsspiele zu kompliziert gemacht –, doch es war leicht, den Überblick über die Stunden zu verlieren.

Lune strich ihre Kappe glatt und ging von dem Baum weg. Niemand hatte bemerkt, dass sie aus dem Stamm gekommen war. Es war die letzte Grenze des Onyxpalasts, der letzte Rand der Zauber, die den unterirdischen Palast schützten, der ungesehen unter sterblichen Füßen lag. Genau wie der Ort selbst unentdeckt blieb, so würde man Leute nicht sehen, die kamen und gingen. Doch sobald man sich von seinem Eingang fortbewegte, endete der Schutz.

Als wollten sie diesen Punkt eindringlich belegen, dröhnten die Glocken der St.-Pauls-Kathedrale die Stunde aus der dicht gedrängten Masse von London heraus. Lune konnte ein winziges Zucken nicht unterdrücken, selbst als sie spürte, wie das Geräusch harmlos über ihr abebbte. Sie hatte das schon zahllose Male getan, und doch machte sie die erste Prüfung ihres eigenen Schutzes immer nervös.

Aber sie war in Sicherheit. Von sterblicher Nahrung gegen die Macht des sterblichen Glaubens geschützt, konnte sie unter ihnen wandeln und musste nie befürchten, dass ihr wahres Gesicht enthüllt würde.

Lune entspannte sich in ihre Illusion, lief los und marschierte zügig durch das Tor aus London hinaus.

Der Morgen war hell mit einer frischen Brise, die sie kühlte, während sie marschierte. Die Häuser, die sich entlang der Gasse drängten, standen bald großzügiger und weiter auseinander, doch es herrschte reger Verkehr, ein endloser Strom an Vorräten, Reisenden und Gütern in und aus der Stadt. London war ein gieriges Ding, es biss mehr ab, als es wieder ausspuckte, und in den letzten Jahren hatte es angefangen, den ländlichen Raum zu verschlingen. Lune staunte über die pulsierenden Massen, die die Stadt überfluteten, bis sie überschwappte, und sich aus ihren uralten Mauern ergossen und in den ehemals grünen Feldern, die außerhalb lagen, Wurzeln schlugen. Sie lebten wie Ameisen, bauten riesige Hügel, in denen sie zu Hunderten und Tausenden lebten, und dann starben sie binnen eines Wimpernschlags.

Eine Meile oder so weiter draußen war es eine andere Sache. Der Lärm von London verstummte hinter ihr. Vor ihr, jenseits der wachsenden Felder, lag das benachbarte Dorf Islington mit seinen Herrenhäusern und uralten, Schatten spendenden Bäumen. Und entlang der großen Straße nach Norden das freundliche, willkommen heißende Gebäude des Angel Inn.