Der Park, in dem sich Wege kreuzen - Thomas Vogel - E-Book
Beschreibung

In Paris recherchiert eine junge deutsche Journalistin für ein Buchprojekt über die 230 Statuen im Park von Versailles. In Frankfurt sieht sich eine noch rüstige, fast 80-jährige Jüdin unversehens mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Auf einem toskanischen Landsitz trifft sich eine höchst illustre internationale Gelehrtenrunde. Die Gespräche drehen sich um die Bedeutung des Gartens für den Menschen im Wandel der Zeiten. Mit Glück im Unglück gelangt die junge Journalistin in diese kleine exklusive Runde. Unvermittelt, völlig entsetzt über eine beiläufige Äußerung eines der Teilnehmer sieht auch sie sich unversehens mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Erinnerungen an Sommerferienerlebnisse stacheln ihre journalistische Neugier an. Also fährt sie nach Südfrankreich, wo sie Marcel, den alten Gärtner wiedertrifft, der sich noch gut an damals erinnern kann. Auch Marcel ist zum Philosophen geworden. Zum praktischen Philosophen. Und der Park, um den er sich ein Leben lang schon kümmert, wird nicht nur für ihn zu einem Garten der Erkenntnis.

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Seitenzahl:184

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Der Park,in dem sich Wege kreuzen

Thomas Vogel

Der Park,

in dem sich Wege kreuzen

Roman

Dumme rennen,Kluge warten,Weise gehenin den Garten.Rabindranath Tagore

Der Baum der Erkenntnisstand in einem Garten.Samuel Legof

Man muss nicht erst sterben, um ins Paradies zu gelangen,solange man einen Garten hat.persisch

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Epilog

Weiteres E-Book des Autors

Prolog

«Weißt du noch?»Die Sonntagskolumne von Claude-Henri Lagarde

… der kürzlich die Gelegenheit hatte, mit einem Erzengel ein kurzes Interview zu führen

LAGARDE: Auch wenn es schon lange her ist: erinnert ihr euch noch, wie ihr mit dem Schwert Adam und Eva aus dem Paradiesgarten vertrieben habt? Diese Vertreibung – hat das wirklich sein müssen?

ERZENGEL: Das geht mich nichts an. Die Wege des Herrn sind unergründlich. Wir sind Befehlsempfänger. Aber unter uns: Gärtner sind heikel auf alles, was in ihrem Garten vor sich geht. Vielleicht war Eifersucht mit im Spiel.

LAGARDE: Eifersucht?

ERZENGEL: Das Paradies – es ist unvergleichlich. Und weil die beiden vom Baum der Erkenntnis genascht haben, wissen sie das auch. Wer zu viel weiß …

LAGARDE: Verstehe. Oder auch nicht. Immerhin: Die beiden – ebenso wie ihre Nachfahren übrigens – können sich ja noch gut an dieses Paradies erinnern …

ERZENGEL: Richtig, sie wurden aus dem Paradies vertrieben, nicht jedoch aus der Erinnerung.

LAGARDE: Das Paradies ist ihnen also geblieben – in gewisser Weise.

ERZENGEL: Als Erinnerung und Verheißung. Und in Gestalt eines Symbols.

LAGARDE: Ihr meint?

ERZENGEL: Wir meinen den Garten. Und sei er noch so bescheiden, er hält doch beides in sich lebendig: Erinnerung und Verheißung.

LAGARDE: Verstehe …

1

Am Anfang war der Garten. So heißt es. Wie und wo genau, weiß man nicht. Und was dann kam, bleibt auch im Dunkeln. Wohl die Vertreibung aus dem Garten in die Welt, über der als Fluch die Arbeit liegt, die «im Schweiße deines Angesichts». Das Ackern. Und dann ein Mord. Mit Flucht und Furcht und dem Segen des Herrn und der Entstehung der Stadt. Und der steten Sehnsucht nach dem, was einmal war und seither nie wieder wurde. Und so nie wieder sein würde. Na ja, man soll ja nie Nie sagen.

Marcel war ein bisschen Philosoph. Von Beruf zwar Gärtner. Sein Leben lang schon. Was einen aber zwangsläufig auch zum Philosophen macht. Zumindest zum heiteren Philosophieren bringt. Für Marcel war das nicht verwunderlich – auch ohne Paradies war sein Garten für ihn der Ort der Erkenntnis. Wo man Wissen sammelt, über das Wachsen und Vergehen, über das Pflanzen und Ausreißen, über das Steine sammeln und das Steine wegwerfen, über den Tagesverlauf und über den Lauf der Dinge, über die Zeit, die vergeht und über kommende Zeiten, über das Absterben hinein ins Nichts und über das Erblühen aus dem Nichts, fast Nichts. Ein kaum mit dem bloßen Auge erkennbares Samenkorn, ein Unvergängliches, inmitten von alldem, was vergangen ist, lenkt den Blick über den Tag hinaus, verweist auf die Zukunft, wartet auf Regen und auf die Sonne, um zu wachsen und zu gedeihen. Um zu erblühen. Und um schließlich reichlich Früchte zu bringen. Gartenarbeit ist konkrete Philosophie.

«Eine Welle kannst du nicht in eine andere Richtung zwingen, und genau so wenig kannst du die Natur verbiegen. So wenig du die Zeit anhalten kannst, so wenig kannst du sie beschleunigen. Die Natur ist eine Meisterin des Zeitgefühls, das sie dir vermittelt, wenn du bei ihr in die Schule gehst.»

Marcel kannte keine Ungeduld. Warten war er gewohnt. Gartenarbeit ist nichts für den Augenblick. Gartenarbeit ist eine Investition in die Zukunft. Marcel wusste: Wer den Dattelkern in die Erde steckt, denkt nicht an die Ernte, sondern an die Enkel.

Marcel hielt keine langen Vorträge. Schon gar nicht bei der Gartenarbeit, wo er gelegentlich mit den Pflanzen sprach, um sie zum Sprechen zu bringen und um ihnen dann zuzuhören. Es gibt Orte, die sich lauthals zu Wort melden, deren Geplapper oder Geschrei den Generalbass bilden. Das ist nicht nach Gartenart. In den Blütenduft mischt sich das Summen der Bienen. Und in den Bäumen klärt das Zwitschern der Vögel uns auf über den Lauf der Welt. Gärten bevorzugen Diskretion.

Aber auch bei Marcels Passion, dem Boulespiel, werden keine Vorträge gehalten. Die Kommentare zu den rollenden Stahlkugeln, zu ihrem trockenen Klack-klackklack sind knapp. «Merde!» knurren die einen, «putain!» fluchen die anderen, «Saperlipopette!» war Marcels Lieblingswort, wenn es besonders gut lief oder wenn es besonders heftig daneben ging. «Saperlipopette» passte immer. Traf man ihn mit Strohhut, seinem ständigen Begleiter, im Café des Sports, dann überließ er ohne weiteres den Copains vom örtlichen Boule-Verein La Boule sans pareille das Wort. Weder die bemitleidenswert schlechte Verfassung der Rugbymannschaft in der Regionalliga interessierte ihn, noch die notorisch undurchsichtige Kommunalpolitik.

Marcel war weder geschwätzig noch besonders eloquent. Nur gelegentlich ließ er en passant ein paar Sätze fallen, bescheiden lächelnd, und so, als handele es sich eh um Binsenweisheiten. Hin und wieder, wenn er Besucher durch den Park führte, durch seinen Park, den er ein Leben lang schon zu versorgen hatte, dem er sein Leben gewidmet hatte, und der ihm ebenso ans Herz gewachsen war wie zuvor schon seinem Vater, dann konnte es sein, dass er ins Philosophieren kam.

Vor fast einem halben Jahrhundert bereits hatte er vom Vater die Stelle als Gärtner des Prieuré übernommen. Ein Erbstück quasi. Dieses Priorat im Süden Frankreichs, nicht weit von Alès entfernt, stammte aus dem 12. Jahrhundert, wurde nach den Turbulenzen der Jahrhunderte und der großen Revolution von 1789 als Staatsbesitz verkauft und dann einige Jahrzehnte lang als landwirtschaftlicher Betrieb genutzt. Genutzt und vernachlässigt. Mehrfach wechselte das Anwesen seine Besitzer. Als dann Anfang des 20. Jahrhunderts ein Textilfabrikant aus dem Departement Drôme diesen ehemaligen Priorssitz erwarb und aufwendig restaurieren ließ – und ihn so vor dem endgültigen Verfall bewahrte – bekam Marcels Vater Baptistin die Stelle als Verwalter und Gärtner und zog mit seiner jungen Frau in eines der Wirtschaftsgebäude. Und ebendort in diesem Gärtnerhäuschen erblickte Marcel 1933 das Licht der Welt.

Nicht weit von dort entfernt wurde gut zehn Jahre später einer umgebracht, wenige Tage vor Kriegsende, weil er ein kleines Mädchen misshandeln und vergewaltigen wollte. Nie wurde darüber auch nur ein Wort verloren. Sub rosa dictum. Und es hat lange gedauert, bis endlich, Jahrzehnte später, dem Retter gedankt werden sollte. Auf erstaunliche Weise. Eine Geschichte eben, die wie fast alle Geschichten von Menschen handelt, die sich begegnet sind. Weil sich Wege kreuzen. Gewollt oder ungewollt. In Räumen und Zwischenräumen, zu unterschiedlichen Zeiten, in guten wie in schlechten.

2

Als Klara Landenberger am späteren Nachmittag in ihre Pariser Mansarde kam, wollte sie gleich vom Anrufbeantworter wissen, ob jemand etwas von ihr wollte. Ihr Verleger diesmal. Er bat um einen Rückruf. Er sei auch zu Hause erreichbar. «Keine Sorge: gute Nachricht!»

Seltsam, normalerweise findet Kommunikation nur noch über E-Mail statt. Klara spürte, wie die Pulsfrequenz stieg. Trotzdem wollte sie erst ins Bad, Haare waschen. Das tat sie immer, wenn sie vom Friseur kam. Mittellang, Stufenschnitt. So wie schon seit langem. Was für ein Charmeur, dieser Coiffeur, dachte sie grinsend, als sie ihre Bluse über den Kopf zog.

«Sie sind der Typ Asma», hatte er ihr gesagt, «nur noch charmanter!»

«Asma?»

«Asma, kennen Sie nicht die First Lady aus Syrien? Ganz Paris ist von ihr verzaubert. Haare blond, aber nicht zu blond, mittlere Länge, gestuft, Typ selbstbewusst, couragiert, gefühlvoll. Und dann dieses Lächeln, diese strahlenden Augen. Sie ist fast so bezaubernd wie Sie!»

«Ça va, ça va, es reicht!» hatte sie ihm lachend geantwortet. Dann war er still, hatte sich konzentriert und gut geschnitten, wie sie jetzt vor dem Spiegel noch einmal zufrieden feststellen konnte. Aber kaum hatte sie sich vollends ausgezogen, klingelte bereits das Telefon. Der Verleger. Sie entschuldigte sich, gerade erst sei sie heimgekommen, hätte sich demnächst gemeldet.

«Kein Problem!» sagte er. «Sitzen Sie gut?»

Klara wurde unruhig, stotterte ebenfalls ein «Kein Problem!».

«Also hören Sie gut zu! Sicher erinnern Sie sich noch, wie Sie kürzlich über die Pariser Lebenshaltungskosten geklagt haben? Da täten doch ein paar zusätzliche Euro richtig gut. Ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen. Ich will Ihnen ja nur gratulieren. Sie werden im Herbst den mit 7 000 Euro dotierten Carl von Linné-Preis der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst erhalten. Für ihre Reportagen über die Gärten der Jahrtausendwende.»

3

‹Noch hat mich Knochenmanns Klapperhand nicht in ihrem Würgegriff.›

Irma Wohleben lächelte schelmisch über diese Erkenntnis am frühen Morgen. Früher noch als sonst war sie aufgestanden. Hatte sich ihren Kaffee aufgegossen, dabei ihr allmorgendliches Credo wiederholt:

‹Guter Kaffee soll dem Leben

wieder Reiz und Frische geben.›

Und deshalb musste es auch französischer Kaffee sein, Pur Arabica.

Heute, am 8. Mai, an ihrem 78. Geburtstag, wollte sie malen. Sie nahm die Tasse in beide Hände. Hielt die Nase über den heißen Kaffeedampf, atmete diesen tief ein. In das kleine Atelier schien durch die blinden Glasscheiben eine milde Morgensonne. Passend zum Motiv, das ihr vor Tagen in den Sinn kam und inzwischen klar vor Augen stand. Platanen wollte sie malen, Platanen in einem Park.

Früher, als André noch lebte, tranken sie beide morgens hier in seinem Atelier eine Tasse Kaffee. Dann hatte sie, als er gestorben war, wochenlang diesen Raum nicht mehr betreten. Bis sie eines Nachts träumte, wie ihr André einen feinen Pinsel in die Hand gab, wie er ihre Hand dann führte, über das Aquarellpapier, und wie auf diesem plötzlich rote Mohnblumen erblühten. Am nächsten Morgen war sie dann ins Atelier gegangen, hatte die Vorhänge zurückgezogen, hatte die Fenster aufgerissen, hatte Licht und Luft und Lebenslust zurückgeholt und hatte zum ersten Mal in ihrem Leben angefangen zu malen. Sie sah sich deshalb aber noch lange nicht als Künstlerin, hatte eher den Geschäftssinn ihres Vaters geerbt. Aber auch wenn sie ihr Talent nicht sonderlich hoch einschätzte, blieb sie dabei. Schließlich hatte André es so gewollt. Weshalb auch sonst wäre er ihr im Traum erschienen?! André Wohleben war Maler gewesen. Der internationale Erfolg kam, als der New Yorker Galerist Ari Levine auf ihn aufmerksam wurde, sich um ihn kümmerte, um ihn und seine Bilder, und diese dann ausgestellt hatte. In New York und in Chicago, in Los Angeles und später auch in Tokio. Als das Werk dann plötzlich endlich wurde, stiegen die Preise ins schier Unermessliche. In Gedanken hatte sie sich mit André beratschlagt. Und resolut beschlossen, das Geld in Immobilien anzulegen.

Anfangs hatte Irma nur Aquarelle gemalt, dann wagte sie sich an Ölbilder, fast immer Blumen, gelegentlich ein Ausflug in die Landschaft. So, wie eben jetzt an diesem Morgen. Einen Park mit alten Bäumen und Kieswegen wollte sie malen, sich zum Geburtstag ein Bild schenken.

4

Natürlich hatte Micha ihren Geburtstag nicht vergessen.

«Du bist ein guter Junge», hatte sie zu ihm gesagt, und das sagte sie oft und gern. Dr. Wittenberg war Irma Wohlebens Patensohn Micha, der Sohn ihres Bruders. Sie versprach, demnächst wieder nach Heidelberg zu kommen, zum gemeinsamen Mittagessen, was für beide inzwischen fast schon zu einer kleinen Tradition geworden war. Zu einer in gewisser Weise auch traurigen Tradition. Denn zum ersten Mal fuhr sie von Frankfurt nach Heidelberg zu einem solchen Mittagessen nach dem Tod von Michas Verlobter, das war vor gut drei Jahren. Diese wollte zwischen Weihnachten und Neujahr ihre Eltern besuchen. Mit dem Wagen. Micha wollte nicht, wollte, dass sie mit dem Zug fährt. Aber Zug fahren ist nichts für die Tochter eines Autoingenieurs aus Wolfsburg. Auch nicht bei winterlichen Temperaturen. Als Micha ans Telefon gerufen wurde und von dem Unfall erfuhr, hatte er gerade Dienst. Stand als angehender Arzt im Kreißsaal und kümmerte sich gemeinsam mit einer Hebamme um die Geburt von Zwillingen. Seither hatte er, wenn irgend möglich, den Dienst im Kreißsaal gemieden.

«Nächste oder übernächste Woche, wenn es dir passt», schlug Irma vor, «vielleicht wieder in dem kleinen Restaurant in Handschuhsheim?»

«Passt!», meinte Micha und überlegte, wann er Ausgleich für die Nachtdienste nehmen könnte. Aber die Tante hatte bereits das Thema gewechselt:

«Und die Liebe? Du weißt, es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei. Such dir ein nettes Mädel, es ist an der Zeit. Und bist du nicht im besten Alter?!»

5

Post aus Italien. Claude-Henri Lagarde kam vom Briefkasten zurück, ließ den klapprigen Ascenseur, diesen stählernen Glaskäfig vornehmer Pariser Mietshäuser, links liegen, und nahm wie immer die Treppe hoch zu seiner Wohnung im ersten Stock der Rue Monge. Er schien zufrieden. Auch Jahre nach seiner Emeritierung als Professor der Kunstgeschichte und Philosophie war er in Wissenschaftskreisen nicht vergessen. Immer noch legte man großen Wert auf seine Anwesenheit beim alljährlichen Symposium Gli specchi della memoria, Die Spiegel der Erinnerung, einem internationalen Philosophenzirkel in Italien. Seit Jahrzehnten gehörte Lagarde zu dieser kleinen und feinen Denkerrunde, und daran teilzunehmen war ihm eine Selbstverständlichkeit. Da stimmte alles: der Teilnehmerkreis, die ausgewählten Themen, und natürlich die Umgebung, eine alte toskanische Villa inmitten eines Parks, kaum eine Stunde von Florenz entfernt. Was ihm in diesem Jahr besonders gut gefiel, war das Thema des Symposiums, bei dem es um reale und utopische Gartenräume gehen würde, und damit um Dinge, denen er sich viele Jahre seines Lebens wissenschaftlich hingegeben hatte.

Was ihm andererseits aber Sorge bereitete, war, dass er diesmal wohl alleine würde fahren müssen, seit Jahren zum ersten Mal ohne seine Frau Pauline, die sich um ihre über 90-jährige Mutter kümmern musste.

«Ich kann sie unter gar keinen Umständen alleine lassen. Und dich lasse ich natürlich auch nur ungern alleine fahren», meinte Pauline beim Mittagessen mit Bedauern, als das detaillierte Tagungsprogramm, das er jetzt erhalten hatte, einziges Gesprächsthema war.

«Gut. Natürlich. Ich verstehe gut, dass du dich um deine Mutter kümmern musst. Das steht außer Frage. Aber was soll ich machen? Du weißt, ich hasse es, alleine zu reisen. Fliegen will ich nicht und beim Zug hab ich Angst, dass ich die Ankunft verschlafe, den falschen Koffer auspacke und im Gästehaus dann den Zimmerschlüssel verliere. Einerseits krieg ich zu hören, ich sei schusselig oder – schlimmer noch – vertrottelt, andererseits soll ich mich jetzt plötzlich um mich selber kümmern.»

«Liebling! Im Moment fällt mir wirklich keine Lösung ein. Nimm einen Wecker mit, damit du bei der Ankunft in Florenz rechtzeitig aufwachst und aussteigst. Ich werde ihn dir vor der Abfahrt stellen. Außerdem», fügte Pauline mit süffisantem Lächeln hinzu, «außerdem gibt es ja den Schaffner. Er wird sich um seine Schlafmützen schon kümmern. Um die der ersten Klasse sicher zuerst.»

«Meine Liebe!», meinte Lagarde schmunzelnd, «ich schätze deinen Humor sehr, auch wenn er mir im Moment nicht unbedingt weiterhilft.»

Früher hatte Lagarde schon mal einen Assistenten mitgenommen, wenn Pauline nicht konnte, aber diese Art Mitarbeiter gab es für emeritierte Professoren längst nicht mehr. Wie auch immer: Es stand außer Frage, dass er sich anmelden würde, zumal er beim diesjährigen Thema als Spezialist gefragt war wie selten. Seine Publikationen zur Gartenkunst und über die großen Gartengestalter galten als Standardwerke. Immer noch wurde er zu zahlreichen Vorträgen eingeladen und immer noch holte man sich bei ihm wissenschaftlichen Rat. Dazu kam seine Popularität bei einem breiten Publikum, die er sich durch seine Sonntagskolumne Weißt Du noch? erworben hatte, in der er seit Jahren meist historischphilosophische Themen aufgriff, bei denen es fast immer um den Garten oder um verwandte Themen ging und die er humorvoll in Dialoge formte: Da unterhält sich dann schon einmal ein Maulwurf mit einem Schmetterling über Unter- und Oberirdisches. Da trifft man auf den römischen Dichter Ovid wie auf den deutschen Dichterfürsten Goethe. Die Ideen zu diesen literarischen Etüden, wie er seine Kolumnen Freunden gegenüber bezeichnete, kamen ihm meist beim Spazierengehen durch den am südlichen Seine-Ufer gelegenen Jardin des Plantes, in dessen unmittelbarer Nähe er wohnte, und den er auch unbescheiden als seinen Hausgarten bezeichnete.

«Und worüber wirst du dieses Jahr reden?», wollte Pauline nach dem Essen wissen.

«Ich werde mir diese Frage heute Nachmittag im ‹Jardin› stellen. Und sicher bis heute Abend eine Antwort finden.»

6

Verwandtschaft kann sehr lästig sein. Schon immer. Zumindest war Irma Wohleben, soweit sie zurückdenken konnte, dieser Meinung. Das heißt nicht, dass man nicht auch das eine oder andere Familienmitglied mochte. So wie sie ja durchaus ihren Neffen mochte, den einzigen Sohn ihres vor ein paar Jahren verstorbenen Bruders. Aber es gibt eben auch Verwandte, die auf die Nerven gehen. Und die noch stören, wenn sie längst schon auf dem Friedhof liegen. Trotzdem: Familie verpflichtet, nach allem, was war, und also mussten aus ihrer Sicht auch die Friedhofsbesuche sein, aus Gewohnheit oder eben aus Pflichtgefühl, oder schlicht, weil es gesund ist, an die frische Luft zu gehen. Irma hatte es aufgegeben, sich darüber viele Gedanken zu machen. Einmal die Woche besuchte sie die Verwandtschaft auf dem neuen jüdischen Friedhof an der Eckenheimer Landstraße. Danach spazierte sie zur Erholung hinüber in den angrenzenden Hauptfriedhof, wo an einer Weggabelung ihre Lieblingsbank stand, von der aus sie den Blick auf einen mannshohen steinernen Cherubim hatte, umgeben von dicht bewachsenen Hecken. Hier ruhte sie sich aus, ordnete ihre Gedanken, die sich dann nicht selten um die bereits hier versammelten Familienmitglieder drehten. Vielleicht war Irma an diesem frühsommerlich warmen Maitag ja auch etwas eingedöst. Vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls hörte sie deutlich ihren Namen, ummittelbar hinter sich, fast schon am Ohr, und Irma Wohleben erschrak in diesem Moment fast zu Tode. Sie saß wie versteinert, rührte sich nicht, vergaß das Schnaufen fast, hörte ihr Herz pochen und hörte noch einmal ihren Namen und die wenigen Worte, die auf diesen dann noch folgten.

7

Am Montag, gleich nach dem Aufstehen, malte Klara im Überschwang mit großen Lettern in ihr Tagebuch: «Klara im Glück!!!» Etwas kleiner darunter: «Klara mitten in Paris mitten im Glück.» Und noch etwas kleiner darunter: «‹Im Glück› klingt kitschig … Aber das ist manchmal sehr egal!»

Am Dienstag erledigte sie, immer noch schwebend vor lauter Seligkeit, Dinge, die sie zum Teil seit Wochen schon hatte erledigen wollen, und die ihr plötzlich wie von selbst von der Hand gingen.

Am Mittwoch tippte sie beflügelt die Notizen, die sie sich bei den beiden letzten Gesprächen mit Professor Lagarde im Park von Versailles gemacht hatte, in ihren Computer. Dieser Lagarde ist ein Geschenk des Himmels, dachte sie, als sie zu guter Letzt noch ihre E-Mails abrufen wollte. Weniger himmlisch empfand sie dann die Nachricht ihres Freundes aus Berlin. Nach allerlei Brimborium und dem fast schon üblichen Gejammer über die seiner Meinung nach völlig unzumutbaren Arbeitsbedingungen im Berliner Abgeordnetenhaus sowie die Probleme mit der Ausleuchtung seines neu gestalteten Lofts und schließlich der routinemäßigen Nachfrage, wie sie denn so mit ihrem «Versailles-Projekt» vorankomme, meinte er noch hinzufügen zu müssen, dass er sich, na ja, doch eindeutig immer mehr als ein «Penthouse-Indoor-Gewächs» fühle, sie im Gegensatz dazu doch eher eine «Freiland-Tulpe» sei. Und flapsig-tapsig meinte er: «Ach Süße! Wie soll das bloß zusammenpassen?!»

Als Klara die E-Mail zum wiederholten Male gelesen hatte, um dem versteckten Charme dieser Zeilen und dem, was dazwischen herauszuhören war, auf die Schliche zu kommen, da tippte sie auf Antworten und stellte lapidar in einem einzigen Satz klar: «Gar nicht, mein Süßer!» Und klickte auf Senden. Dann fuhr sie den Computer herunter und notierte ins aufgeschlagene Tagebuch: «Nur Feiglinge reden um den heißen Brei herum.» Und weiter: «Ohne Eile, aber immerhin irgendwann will ich wissen, warum mich heute diese Botschaft aus dem Berliner ‹Loft› völlig gleichgültig lässt.»

Sie wandte sich zur Bettcouch, nahm eines der Kissen und pfefferte es in die Ecke, wo es verschreckt liegen blieb. Dann warf sie sich aufs Bett und heulte.

Am nächsten Morgen nahm sie mit Genugtuung zur Kenntnis, dass ihr erster Gedanke nicht dem Berliner Penthouse-Gewächs gehörte, sondern dem Carl von Linné-Preis für ihre mehrteilige Reportage über die deutsche Gartenkultur der Jahrtausendwende, den sie demnächst in Berlin in Empfang nehmen würde. Nicht im Geringsten hätte sie damit gerechnet. Eine Nachricht aus heiterem Himmel. Keine Ahnung, was sie mit dem vielen Geld machen würde. Ganz abgesehen von dem stattlichen Sümmchen aber war es eine wunderbare Bestätigung ihrer Arbeit und die ideale Voraussetzung für ihr Buchprojekt über die Gärten von Versailles, weswegen sie sich schließlich für ein paar Wochen hier in Paris eingemietet hatte. Ihr Vermieter, ein deutscher Ingenieur im Ruhestand, der seit Jahrzehnten schon in Paris lebte und immer noch sehr geschäftstüchtig als Gutachter für asbestverseuchte Altbauprojekte unterwegs war und sich in Paris wie in der eigenen Westentasche auskannte, hatte ihr ein Mansardenkämmerchen vermietet. Es war unverschämt teuer, aber eben wunderbar zentral mitten in Paris gelegen und somit allemal besser, als täglich zwei Stunden in der Metro zu verlieren. Draußen schien die Sonne. Heute ganz für mich allein, dachte sie und stieg in die klaustrophobisch enge Duschkabine.

Nach dem Frühstück telefonierte sie mit einer Freundin in Berlin. «Jetzt wirst du Paris ja doch noch in vollen Zügen genießen können. Auch ohne dein Penthousegewächs.» Dann lachten beide, nicht hämisch und nicht hysterisch. Einfach drauf los. Und unbeschwert ausgelassen.

So allmählich begriff Klara, in welch komfortabler Situation sie sich befand. Langsam aber sicher hatte sie sich ihren Traumjob erarbeitet, auch ein bisschen erkämpft, hatte sich durchgesetzt, war Journalistin geworden und konnte mit der Zeit und mit Erfolg über ihre Lieblingsthemen schreiben, über Gärten, im weitesten Sinn. Soweit sie zurückdenken konnte, war der Garten ihr Traum, sie träumte vom perfekten Garten, dem sie in der Literatur ebenso auf der Spur war wie im richtigen Leben, unterwegs als Reporterin, mit allen fünf Sinnen. Gleich nach dem Kunstgeschichtsstudium gestaltete sie während ihres Volontariats eine Sendereihe über die nach der Wende aus ihrem Dornröschenschlaf nach und nach wiedererweckten preußischen Gärten und Parks. Dann die Reise in den Süden Englands, der im Grunde ein einziger Garten ist, ein Garten als Gesamtkunstwerk. Dort besuchte sie mitten in Cornwall unter futuristischen Kuppeln das