Der Perlachmord - Peter Garski - E-Book

Der Perlachmord E-Book

Peter Garski

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Beschreibung

Auf dem Augsburger Perlachturm wird zu Beginn des Historischen Bürgerfestes eine Leiche gefunden. Aber der Kopf der Leiche ist verschwunden. Durch ein blutiges Schwert fällt der Verdacht auf die Mitglieder von rivalisierenden historischen Gruppen. Ebenso werden ein Brauerei-Chef, die Witwe des Kulturbürgermeisters, Brecht-Fanatiker und ein prominenter Biergarten-Wirt als Täter überprüft. Ein zweiter Mordfall, bei dem ein erschossener Türke gefunden wird, schockiert ganz Augsburg. Durch die Kontakte des Türken ins Zocker-Milieu laufen die Ermittlungen auch in diese Richtung. Kann eine tote Ratte bei der Aufklärung helfen? Ist der Perlachmord ein Ritualmord? Ist die neue Turm-Wächterin wirklich unschuldig? Klaus Kessler, der ehemalige Pressesprecher der Augsburger Polizei, zieht mit seinem Freund und Kollegen Helmut Bärwasser durch die Augsburger Kneipen. Auf der Suche nach Anzeigen für ihren Gastronomie-Führer. Durch Zufall wird das Ermittler-Duo in die Mordfälle verwickelt. Klaus Kessler und Helle geraten in einen gefährlichen Strudel aus Intrigen, Leidenschaften und Verdächtigungen. Dabei treffen sie in der Kneipen-Welt, die vom Punk-Schuppen bis zur Yuppie-Bar reicht, auf schräge Typen, die nicht immer die Wahrheit sagen.

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ähnliche


Dieses Buch ist all denen gewidmet,

die schon mal auf den Perlachturm

gestiegen sind

und über Augsburg schauten.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Prolog

Die Gestalt trug einen Helm. Einen, der das Gesicht verdeckte. Wolken verdeckten die Lichter am Himmel. Die Aussichtsplattform war ein Käfig. Gitter mit Plexiglas rundrum. Die Gestalt trug ein Beil in der Hand. Bernhard Braunthaler sah Augsburgs Lichter in den Straßenschluchten. Er hatte das Gefühl, die Hölle hatte ihre Festlichter für sein Kommen angezündet. Sollte er um sein Leben flehen? Sollte er kämpfen? Sollte er fliehen? Seine rechte Hand umklammerte die Münze. Die Gestalt stand vor dem Treppenabgang. Braunthaler versuchte Überblick zu gewinnen. Er ging ein paar Schritte zurück, bis er mit dem Rücken gegen einen kantigen Stein stieß. Beim Schuss stach eine Mündungsflamme durch die Nacht. In seine Richtung. Braunthaler spürte einen heftigen Schlag gegen seinen Körper, der ihn gegen den Stein drückte. Er sah sich nach dem Schützen um. Sie waren also zu zweit gekommen. Sein Blick in die Tiefe erhaschte einen Bogen aus stiebenden Funken.

Dämonen kreischten um die Wette und verbissen sich in seine Seele. Der Höllenschlund öffnete sich. Langsam breitete sich von der Schulter her ein Schmerz durch den ganzen Körper aus. Braunthaler fasste mit der linken Hand an die Stelle, wo Hals und Schulter zusammenwuchsen. Es fühlte sich feucht an. Er betrachtete die linke Handfläche. Es war nicht zu erkennen, ob die Feuchtigkeit Blut war. Oder war es Angstschweiß? Der Himmel schickte ihm kein Licht. Die Wolken waren dicht. Petrus hatte den Vorhang zugezogen. Braunthaler schleckte schnell an seiner Handfläche. Er kannte den Geschmack. Seit er sich das erste Mal geschnitten hatte: Es war sein Blut. Der Schmerz pochte in immer kürzer werdenden Intervallen durch seinen Körper. Braunthaler sackte in die Knie.

Er sah das merkwürdige kleine Beil in der Luft hängen.

Nur kurz.

Kapitel 1

Monika Suliarso wird die neue Wächterin auf dem Perlachturm / Der OB liest ihr bei der Schlüsselübergabe eine Geschichte von Bert Brecht aus dem Ersten Weltkrieg vor

Monika Suliarso hob die grün glänzende Taubenfeder vom Boden auf. Ob es eine Feder von der verletzten Taube war, die sie gestern auf der Aussichtsplattform gefunden hatte? Sie steckte die kleine Feder mit dem kurzen Kiel unter das Armband ihrer Uhr. Dabei sah sie die Zeit: 9 Uhr 55. Uff! Die Zeiger schienen einen Wettlauf gegen sie zu veranstalten. Monika trug eine ungewohnte Kleidung aus dem 13. Jahrhundert. Heute begann das Historische Bürgerfest. Augsburgs städtische Mitarbeiter verwandelten sich für drei Wochen in Menschen aus der Ritter- und Landsknechtzeit. Das rote Schild beim Perlachturmeingang verkündete den Perlachturmbesuchern aus aller Welt: »Öffnungszeiten - hours - aperture - orario - abertura 10:00 - 18:00«. Normalerweise war die neue Turmwächterin spätestens Viertel vor zehn an der Gittertüre zum Perlachturmeingang. Manchmal warteten schon Besucher. Die nahm sie immer gleich mit hoch.

»Heute habe ich ein wenig getrödelt.« Auf dem Weg zum Turm sprach Monika öfters mit sich, mit Elisabeth, mit Dimitrow.

Sie sah dabei in die Videokamera, die über der Turmeingangstüre angebracht war und sie von oben herab stumm anblickte. Als hielte sie mit sich, schon in ihrer Kabine sitzend, sechzig Meter höher als jetzt, ein Zwiegespräch. Bei der Überwachungs-Kamera befand sich eine Gegensprechanlage. Sie konnte dadurch sehen und hören, wer zu ihr hochkam, was unten los war.

Zuerst hatte sie heute früh, kurz vor 9 Uhr, ihre dreijährige Tochter Elisabeth in den Kindergarten im Remshartgässchen gebracht. Dort unterhielt sie sich noch mit einer anderen besorgten Mutter über die immer stärker zunehmende Kriminalität. Sie erhitzten sich vor der Kindergarderobe über die Horrormeldungen im Fernsehen, im Radio und in der Augsburger Allgemeinen. In Kinderleichen hatten Rauschgifthändler die Drogen versteckt. Schüler wetteten untereinander, ob ihr Mitschüler die Lehrerin töten würde oder nicht. Ein Amok-Läufer drang in den USA in ein Restaurant ein und schoss mit dem Schnellfeuergewehr wild um sich. Ein kleines Schulmädchen wurde sexuell missbraucht. Der Peiniger ermordete es grausam.

»Wie können solche brutalen Dinge auf der Welt nur geschehen?«, wurde Monika Suliarso von der jungen Mutter im Wildlederanzug mit den hellbraunen Ponyfransen gefragt.

Dabei drückte die junge Mutter ihrem Sohn Apfel und Käseschnitte in die Hand und sah dabei Monika ratlos an. »Warum sind die Menschen fähig, derart Abscheuliches zu tun? Ich kann es einfach nicht glauben«.

Monika Suliarso, die darauf auch keine Antwort wusste, bekam nach solchen Worten, wie so oft, Angst um ihr Kind. Sie konnte nicht viel tun gegen all das Böse in der Welt - höchstens auf ihre Tochter gut aufpassen. Wenigstens war im Perlachturm, ihrem neuen Arbeitsplatz, der Erzengel Michael, der als Turamichele gegen den Teufel kämpfte. Hunderte von Kindern feuerten den tapferen Michael beim Turamichele-Fest gegen den Herrn der Finsternis lautstark an. Sie zählten die Stiche laut mit, bis das abscheuliche Monster aus der Hölle besiegt war. Vielleicht war dieser Michael ihr Schutzengel geworden? Von ihr und von ihrer Tochter auch, bitte. Meistens passierten die schlimmsten Dinge ja weit weg. In ihrem Haus, vor der Haustüre, in ihrem Viertel, da waren bis jetzt keine Verbrechen passiert. Lagen Leichen vor ihrer Tür, wenn sie in den Tag hinausging? Nein. Na, also. So schlimm war es dann auch wieder nicht. Monika lächelte über ihre Selbstberuhigungs-Methode. Eins hatte sie in Deutschland bereits gelernt: Nichts wird so heiß erlebt, wie es in den Medien nur zu gern gekocht wird.

Nach dem Kindergarten weitete sich Monikas Brezenkauf in der Bäckerei Breck am Jakobsplatz mit der herzhaft-fröhlichen Bäckersfrau Maria Breck zu einem kleinen Gespräch aus. Tat ihrer Seele gut. Es ging auch ums Wetter.

»Ob die schwache Sonne gegen die Bewölkung durchhalten wird? Kann ich mein Open-Air-Café am Neptunbrunnen aufstuhlen?«, fragte die Bäckersfrau.

Die Bedienung Dana, deren Tochter im gleichen Kindergarten war wie Elisabeth und mit der Bäckersfrau das kleine Café und das Freiluftcafé betreute, hörte gespannt zu.

»Bestimmt wird es heute sonnig,« sagte Monika, deren Stimmung wieder im positiven Bereich war.

Da machte es auch nichts mehr, dass Monika in der Fuggerei durch die Finstere Gasse ging, um sich durch die engen Gässchen des Lechviertels dem Perlachturm zu nähern. In der Schlossermauer lief sie unter einem riesigen Löffel durch. Hier war doch kein Restaurant, warum hing denn dieser Löffel über der schmalen Gasse. Hier war nur die Galerie mit Weinstube des Architekten Schröder, dessen eingewachsenes Haus Nr. 10 die linke Seite des schmalen Schlossermauer-Gässchens romantisch begrenzte. Neulich war der Schröder zur Tür herausgekommen und hatte ihr eine Einladung zur Vernissage in die Hand gedrückt, als sie durch das Galerie-Fenster ins Hausinnere gestarrt hatte. Dort waren Akt-Zeichnungen zu sehen gewesen. Aber Wein trank man normalerweise auch nicht aus dem Löffel. Obwohl, den Schwaben zwischen Lech und Wertach war das zuzutrauen. Manchmal waren sie schon arg sparsam. Der riesige Löffel war wohl ein Kunstwerk. Sie hatte bei Wind gesehen, dass sich der Löffel dann bewegte. Was sollte sie für sich und ihre Tochter heute zum Essen machen? Immerhin regte sie der Löffel zu dieser auch nicht gerade unwichtigen Frage an. Am Ende der Schlossermauer standen Leute mit Fahrräder, Rucksäcken, Kisten und Tüten auf einem kleinen Plätzchen herum, das von Häusern und Kanälen geformt wurde. Monika wusste warum. Ein paar Meter weiter, in einem Haus des Gässchens Hinterer Lech, das von hier südlich abbog, stand eine Menschenmenge und wartete. Hier hatte Monika auch schon gewartet. Auf Essen. Auf Obst und Gemüse. Die gemeinnützige Organisation Augsburger Tafel verteilte hier umsonst Obst und Gemüse aus Läden und Gaststätten. Solche Ware, die nicht mehr ganz einwandfrei war. Aber wer sich die Mühe machte und die schadhaften Stellen aus den Äpfeln oder Karotten herausschnitt, was Monika aus ihrer alten Heimat gewöhnt war, der konnte sich mit den Geschenken der Augsburger Tafel das Essen günstigst vielfältig und gesund gestalten. Gleich nach ihrer Ankunft in Augsburg hatten ihr das andere Neuankömmlinge aus dem Osten als Geheimtipp verraten. Monika war nicht oft zur Augsburger Tafel gegangen. Auch wenn hier der Treffpunkt besonders der älteren Leute war, die als Deutschstämmige aus dem Osten eingewandert sind. Die älteren Leute hatten Zeit hier zu stehen und zu warten. Sie waren Schlange stehen von früher gewöhnt. Aber es waren auch Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger dabei, die schon immer in Augsburg lebten. Monika hatte Gerüchte gehört, dass sogar eine Millionärsgattin öfters mit Plastiktüten vorbeischaut und die Bananen, Kiwis und Orangen einpackt um sie dann später heimlich in ihren irgendwo geparkten Mercedes im Kofferraum zu verstauen. Seit Monika Turmwächterin war, ließ sie sich bei der Augsburger Tafel nicht mehr sehen. Sie war froh, dass sie sich und ihr Kind durch eigene Arbeit ernähren konnte. Auch wenn es noch knapp war, auch wenn sie noch möglichst bald eine zweite Arbeit, am Nachmittag oder am Abend oder am Wochenende oder als Heimarbeit würde annehmen müssen.

Nach dem kaum zwei Meter breiten Schleifergässchen, das von der Schlossermauer links abbog, in das kaum Licht fiel, kam sie in die etwas breitere Gasse Mittlerer Lech. Benannt nach dem Lechkanal, der zwischen einer hellen Klostermauer und der gepflasterten Gasse entlangfließt. Wie hieß das Frauenkloster hinter dieser hohen Mauer gleich wieder? Über diese Mauer spitzelten drei Türme. Die dicke Zwiebelhaube eines Rathausturms als erstes, dann der zierliche Kirchturm des Klosters und als letztes ihr Perlachturm. Das Klostertürmchen und der Perlach sahen sich ähnlich. Christine hatte Monika erzählt, dass der Kirchturm vom Vater des Perlachturm-Erbauers stammte. Monika hatte schon bemerkt, dass die eingeborenen Augsbürger irgendwie alle zusammensteckten. Nicht nur in der Vergangenheit. Auch heutzutage. Obwohl sie oft taten wie die reinsten Sektierer, wie Einsiedler. Ein Trick? Um sich vor Fremden erfolgreich abkapseln zu können? Sie schienen Skeptiker zu sein. Freundschaften wurden nicht von einem Tag auf den anderen geschlossen. Der eigenartige Charakter der skeptischen Augsbürger war ihr noch ziemlich fremd. Christine schien Augsburg und die Augsbürger zu lieben, war aber selbst aus Frankfurt. Über der Mauer, in einer Ecke des Klostergebäudes, war auch ein Mann aus Stein zu sehen, der in einer Hand ein rechtwinkliges Lineal aus Gold hielt, in der anderen ein kleines Kind um dessen Köpfchen goldene Strahlen schimmerten. An der nächsten Hausecke war in der gleichen Höhe eine Frau zu sehen, die auf einer goldenen Kugel stand, neben der ein Schlangenkopf hochzischelte. Die Frau hatte einen goldenen Sternenkranz um ihren Kopf, und ihr Gesicht starrte vergeistigt in den Himmel. Ach ja, jetzt fiel es Monika ein, es ist das Kloster Maria Stern, das hatte ihr Christine erzählt. Angeblich das reichste Frauenkloster in Deutschland. Aber wieso hatte der Mann das Kind im Arm und die Frau nur eine goldene Blume? Komisch. Das gefiel ihr nicht. Sie würde ihr Kind mit keinem Mann allein lassen. Bei der Einmündung der Gasse Mittlerer Lech in die Barfüßerstraße, zog an der linken Ecke in einem ockerfarbenen Haus mit Dachgarten, ein edler Modeshop namens Kaufrausch ihre Blicke an. In den Kaufrausch-Fenstern sah sie, was die superflotte Frau im Westen trug, die von wichtigen Männern beachtet werden wollen. Fast wöchentlich wurden die Schaufenster im Kaufrausch neu dekoriert. In den letzten Tagen war sie sogar leicht schockiert gewesen. Auf den ausgestellten Dessous war die Jungfrau Maria oder ihr Sohn Jesus als knackiger Jüngling mit dem Flammen-Herz in der Brust zu sehen. Durften die das? War das nicht verboten? Ist das nicht Gotteslästerung? Was hätte ihr Dimitrow dazu gesagt? Hätte er sie aus dem Bett gestoßen, wenn sie so was angezogen hätte? Naja, der nicht. Der konnte sie nicht oft genug drin haben. Als hätte er gewusst, dass er jeden Tag mit ihr genießen musste. Den Gedanken an die Unterwäsche mit der Muttergottes verwarf sie ganz schnell. Das kam ihr doch zu verwegen vor. Monika hatte heute keine Zeit, sich die Preise der sündhaften Frauenunterwäsche anzuschauen. Sie war knapp dran. Mit eiligen Schritten ging sie links um den Kolonial-Laden mit den feinen Sachen herum. Dabei fiel ihr Blick auf die Fenster des italienischen Lokals Trieste auf der anderen Straßenseite. Hier konnte man über dem Lechkanal sitzend seine Spaghetti verzehren. Ihr gefiel der goldene Schriftzug, bei dem das große R mit dem großen S durch einen Bogen unterm I und E verbunden war. »Pizza zum Mitnehmen 1 Euro billiger«, war da auf einem Fenster zu lesen. Sollte sie Elisabeth auf dem Heimweg eine Pizza mitnehmen? Ihr Töchterchen würde sich darüber sicher freuen. Elisabeth mochte was alle Kinder mochten, Pommes, Pizza, Eis und Spaghetti.

Monika eilte auf roten quadratischen Gehwegplatten am efeubewachsenen »Kulturhaus Kresslesmühle« vorbei. Jetzt sah sie ihren Turm, den Perlach. Er schaute sie über die flachen Dachkanten von zwei Häusern an. Die beiden hohen, am oberen Rand gebogenen Fenster über dem vier Meter breiten Ziffernblatt der Perlachturmuhr wirken wie Turm-Augen. Die beiden schmäleren Fenster unter dem Ziffernblatt sind der Mund. Es ist ein gutmütiges Gesicht, das der Perlach über Augsburg macht. Monika hatte schon bemerkt, dass der Perlach sogar lächeln konnte. Zu welcher Zeit war das? Sie musste kurz nachdenken, während sie über den Kanal lief, dessen Wellen bei der Helsinki-Bar ein paar Meter durch das eiserne Geländer zu sehen und zu hören waren, der gleich wieder unter Straße verschwand. Ihr fiel es ein: Der Perlach lächelte einen immer am besten an, wenn die beiden blattgoldüberzogenen Zeiger, die sich über dem dunklen Ziffernblatt von einer römischen Zahl zur nächsten drehten, auf zehn vor Zwei standen - oder auf zehn nach Zehn. Christine behauptete bei einem Rundgang mit Monika um den Perlach, dass der Minutenzeiger, der am hinteren Ende einen Stern hat zweihundertsiebzig Zentimeter lang ist und der Stundenzeiger, der am hinteren Ende einen Mond trägt, vierzig Zentimeter weniger misst. Das hatte sich Monika notiert. Sie notierte sich alles zum Thema Perlachturm. Sie hatte sich dafür extra ein schwarzrotes Notizbuch gekauft. »Mein Perlachturm« hat sie draufgeschrieben. Sie wollte eine sehr gute Turmwächterin sein.

Ein dunkelhaariges Mädchen, von der sie wusste, dass sie Uschi hieß, weil sie bei ihr schon mal einen finnischen Kardamom-Kaffee bestellt hatte, entfernte gebückt die Kabel samt Schlösser, die einen Diebstahl der Tische und Stühle im Freien vor der Helsinki Bar verhindern sollten. Sie war mit Uschi schnell ins Gespräch gekommen und hatte erfahren, dass der finnische Namen des Lokals in der Kresslesmühle daher kam, dass die Mutter und die Tante der jungen Wirtin, die nur einen Arm hatte, aus Finnland stammen. Warum die Wirtin nur noch einen Arm besaß, das hatte sich Monika noch nicht zu fragen getraut. Sie hatte nur gesehen, dass die Wirtin auch mit einer Hand genauso geschickt war, wie andere mit beiden Händen. Monika grüßte gerne die Leute, die sie kannte. Es tat ihr gut, zu merken, dass sie in Augsburg bereits dazugehörte, dass man sie registrierte, mit ihr sprach. Sie wollte, dass hier die Heimat von Elisabeth entstand.

»Hallo, schönen Morgen!«, rief Monika der Uschi zu und war schon wieder einige Meter weiter als das Mädchen sich kurz erhob um zu sehen, wer sie gegrüßt hatte.

Eine Frau hastete - vom Perlachberg her kommend - an ihr vorbei. Mit blitzartigen Bewegungen holte sie aus einer Plastiktüte Getreidekörner, die sie über den Weg streute. Monika hatte sich schon längst gewundert, wo diese Körnerflächen, die sich meistens um Bäume oder an Pfosten ausbreiteten, eigentlich herkamen. War das Taubenfüttern in der Stadt nicht verboten? Ratten der Luft wurden sie auch genannt. Kein schöner Name. Sie war froh, diese Tiere auf dem Turm um sich zu haben. Sie waren da oben irgendwie ihre Verbindung in die Welt. Ein bisschen fühlte sich Monika von ihnen auch bewacht.

Die Tauben, die das frisch ausgestreute Futter noch eher sahen als Monika, flatterten vom Dachrand der Stadtmetzg, einem mächtigen Renaissancebau, auf der anderen Straßenseite, herüber, wo ein Ritter in Gold auf einer Brunnensäule mit seiner Lanze ein Ungeheuer abmurkste. Laut ihrer Freundin Christine war es der Heilige Georg, der zwischen Kulturhaus und Stadtmetzg, jetzt Sozialamt, den gemeinen Drachen besiegte. Es wimmelte rund um den Perlach von ritterlichen Beschützern, hatte Monika den Eindruck. Wer, welcher Mann, würde ihr Beschützer werden, würde Dimitrows Nachfolge antreten?

Der Totenschädel auf dem die Taube saß, die sich von den Getreidekörnern nicht anlocken ließ, war einer der vier fell- und fleischlosen Knochenschädel samt Hörnern von Kühen, die sich jeweils zu zweit über den beiden Toren der ehemaligen Stadtmetzg befanden. Der Ort wo einst Schweine und Kühe auseinander gehauen wurden. Heute wurde man dort anders auseinander genommen. Es war das Sozialamt. Monika musste denen alles schildern, bis sie ihre erste Unterstützung bekam. Das war vorbei. Sie war froh. Monikas Blick richtete sich geradeaus hoch zur 70 Meter hohen Spitze des Perlachturms, wo sie unter der laternenartigen Turmspitze, bei der zwei Zwiebel-Hauben aufeinander saßen - eine größere und eine kleinere - vier Stunden lang Karten und Augsburg-Souvenirs an die Touristen verkaufen würde. Der Perlach, wie der Turm auch genannt wurde, erinnerte sie immer an einen Bauklötzeturm ihrer Tochter. Er war schlank, hoch und viereckig. An den vier Außenflächen waren Flächen übereinander wie leere Bilderrahmen. Laut Christine war der Perlachturm früher teilweise bemalt gewesen. Monika überlegte sich, während sie am Reisebüro, links, am Fuß des Perlachberges, das zum Urlaub in die Südsee einlud, den beginnenden Berg hocheilte, ob es auch bei den Tieren Ausnahmen gab. Solche Tiere, die sich nicht mit dem Futter überall hin locken ließen. Was hatte Monika nach Deutschland, nach Augsburg gelockt? Konnte sie sich das wirklich ehrlich sagen? Irgendwelche Träume von einer besseren Zukunft für sie und ihre Elisabeth? Aber was war eine bessere Zukunft? Elisabeth sollte studieren, sollte weit nach oben kommen. Aber anders als ihre Mutter. Oben mit viel Gehalt. Monika eilte vorbei an der Rapid-Reinigung, wo ein Mädchen ein Hemd über einen metallenen Torso zog, der durch winzige Löcher heißen Dampf ausströmte, wenn das dazugehörige Fußpedal gedrückt wurde. Dadurch wurde das Bekleidungsstück mit der feuchten Hitze gefüllt, damit es einen glattstoffigen Zustand erhielt, wie gebügelt. Da wo Monika herkam, da wurde heute noch manchmal mit einem Bügeleisen gebügelt, das mit glühenden Kohlen gefüllt war. Zischend fährt es über einen angebrannten und angefeuchteten Lappen, der über dem Kleidungsstück liegt, das auf dem Küchentisch gebügelt wird, während die Ohren der Büglerin darauf warten, dass sie das aufgesetzte Wasser für die Suppe kochen hören. Das waren diese Dinge, die Monika klar machten, dass sie im Westen war, wo manches ganz ungewohnt glattgebügelt wurde. Wo man sich den Reichtum durch ein kaltes Herz erkaufte. Wie in diesem Märchen, wo ein düsterer Flößer die Herzen gegen einen Wunsch eintauschte. War Augsburg einst nicht eine Flößerstadt gewesen? War Augsburg einst nicht eine der reichsten Städte gewesen? Doch Monika hatte auch warme Herzen getroffen. Wie das von Christine, die nette, hilfsbereite, quirlige Stadtführerin. Christine war mit ihr um den Perlach herumgelaufen, hatte ihr alles gezeigt und erklärt, was hier zu sehen war, was die Perlach-Besucher interessieren könnte. Dabei hatte sie auch Helga, die lebendige, stets gut gelaunte Wirtin im kleinen Perlach-Stüble kennengelernt. Die Weinstube mit den drei Tischen, die jeden Abend brechend voll war. Helga hatte ihr ein Glas Wein zur Begrüßung ausgegeben.

Während Monika an diese nette Willkommens-Geste dachte, sah sie auf das Lokal das nach der Reinigung kam. Was war damit passiert? Chamäleon hieß es. Es schien geschlossen zu sein. Gestern noch war die Speisekarte ausgehangen, war noch ein Tisch mit vier Stühlen auf dem schmalen Gehweg gestanden, der damit fast verbarrikadiert war. »Zu vermieten!« stand auf einem mit Tesa hinter dem Fenster angeklebten Blatt. Handy-Nummer war auch dabei. Jaja - Anpassung war wichtig in diesem Teil der Erde. Das hatte Monika schnell mitbekommen. Flexibilität nannte man hier die Verwandlungskunst, die nicht schnell genug vonstatten gehen konnte, damit man nicht unterging, nicht Opfer von irgendwelchen undurchschaubaren wirtschaftlichen globalen Interessen wurde. Selbst das Chamäleon am Perlachberg war zu langsam gewesen. Jaja, hier war auch nicht alles Gold was glänzt. Das konnte sie gut an den Läden sehen, die sich am Perlachberg angesiedelt hatten. Manche schienen schon immer zu existieren, manche änderten innerhalb von Monaten ihr Aussehen, ihren Inhaber. Wie der Aquarium-Laden, oder der Spielzeugladen, oder der Trachtenladen. Im Euringer, dem designfreien Conditorei-Café auf der anderen Straßenseite des Perlachberges, der in der Mitte von einem Straßenbahngleis aufgeteilt wurde, standen die Leute vor der Kuchen- und Tortentheke. Oft nahm Monika auf dem Rückweg für sich und Elisabeth, die sie vom Kindergarten abholte, einen Bienenstich mit. Das hatte sie seit ihrem noch nicht so langen Aufenthalt in Augsburg mitbekommen, dass es der beste Bienenstich weit und breit war. Vor dem Goldschmuckladen, der einige Meter höher als Euringer lag, stellte die Händlerin, die von einem Pudel umwuselt wurde, einen umgefallenen Pflanzenkübel auf. Eine elegante Frau, die sich am Schmuck in der Auslage ergötzen wollte nahm ihren kleinen Hund mit einem rosa Schleifchen um den Hals auf den Arm, damit er keinen Ärger mit dem Pudel bekam.

Monika staunte immer wieder, wie die Tiere verwöhnt werden. Die Alten werden ins Heim gesteckt, die Haustiere im Wohnzimmer werden hemmungslos verwöhnt. Unendlich lange Tierfutter-Regale in den Supermärkten beweisen ihr das. »Kalte Herzen brauchen wenigstens Tierliebe zum Wärmen«, dachte sie sich. »Man kann nicht alles haben,« dachte sie sich auch. »In Deutschland haben sich die Menschen wohl mit einer abgekühlten Seele Reichtum und Freiheit erkauft«, folgerte sie für sich. Für die Zukunft ihrer Tochter aber war das bestimmt besser, als die unruhige Heimat mit lebensgefährlichen Umstürzen, die nur wenigen Leuten eine faire Chance für die Zukunft bot. Vielleicht konnte sie in ihrem Nest ihre Seelen warm halten.

Vier Straßenarbeiter in orangeweißgestreiften Westen waren damit beschäftigt, die neu verlegten Pflastersteine am Perlachberg mit flüssigem Teer zu verfugen. Der rostige Teerkocher rauchte, überwacht von einem Arbeiter. Einer transportierte mit der Trage auf der Schulter zwei Eimer mit flüssigem Teer zu einem weiteren Arbeiter, der mit einer Kanne das Teer in die Abstände zwischen den Pflastersteinen goß. Sie hatten schon Schweiß auf der Stirn. Wenn die Sonne senkrecht über ihnen stand, später, dann würde der Schweiß über ihren nackten Oberkörper rinnen. Ihre orangeweißgestreiften Westen würden dann über dem Schubkarren mit den Pflastersteinen liegen. Heute pfiffen sie ihr nicht hinterher wie gestern und vorgestern. Was so eine historische Kleidung doch ausmachte.

Monikas Weg führte in eine längere Geschäftshaus-Arkade, mit vielen leeren Schaufenstern. Warum wollte hier niemand was verkaufen? Ein nasses Rinnsal, das eine Säule umrahmte, nach unten ausfranste, schien von einem Hund zu stammen. Es sah etwas verkommen aus, mitten in der Stadt, das wunderte sie.

»Dauernd wird in Augsburg über besseres Stadtmarketing geredet, aber gleich neben dem Rathaus beginnt die Stadt schon zu vergammeln«, schimpfte Christine in Gedanken über diesen Zustand. Ja, sie gehörte schon voll zu Augsburg.

Nach zwei kleinen Treppen innerhalb der Arkade, erreichte Monika eine auberginefarbene Hauswand mit einem Gitterfenster und zwei Briefkästen. Davor ein graumetallener Fußwegpfosten, der schief steht, wie der Turm von Pisa. Christine hatte Monika ein Buch über Türme geschenkt. Von diesem Paul Maar, der auch die Buchfigur Sams erfunden hatte. Den kleinen frechen Kerl mit den blauen Wünschepunkten im Gesicht, dessen Film sie erst vor ein paar Tagen mit Elisabeth im Thalia-Kino angeschaut hatte. Sie staunte beim Turmbuchlesen. Die Sumerer bauten schon 3.000 v. Chr. im Land von Euphrat und Tigris den berühmten Turm zu Babel. Schon wegen der vielen Überschwemmungen. Alte Sagen erzählen davon, dass ein Gott auf die höchste Spitze des Turms kam, wo ein Tempel war, um dort mit einer Jungfrau zu schlafen. Es waren auch nicht die vielen verschiedenen Völker mit ihren Sprachen, die den mächtigen Turm zu Babel zum Einsturz brachten, wie die flunkernde Bibel gerne weißmachen will. Es waren die vielen Feinde Babylons. Der Turm zu Babel war so riesig, dass Alexander der Große mit seinem ganzen Heer und dann noch 600.000 Tagelöhner den Schutt des zusammengefallenen Turms wegräumen ließ, damit er ihn neu, zu seinem Ruhme, erbauen konnte. Das brachte dem Eroberer kein Glück. Er starb zuvor an Gelbfieber. Elias Holl, der den alten Perlachturm erhöhte, hatte ein wenig mehr Glück. Er wurde zwar als Protestant trotz seiner Verdienste um die Stadt von den Katholiken hinausgejagt, durfte aber später wieder herein.

Sie wich einer älteren Frau mit Gehwagen aus. Diese musste den Perlachberg hinunter etwas abbremsen. Wie würde sie alt werden, kam Monika in den Sinn? Wo würde sie begraben sein? Dieser Gedanke verschwand schnell. So lange Elisabeth lebte, hatte ihr Leben einen Sinn, wollte sie nicht ans Sterben denken.

Monika las in dem Maar-Buch von Teufels-, Mäuse-, Schuld-, Hunger-, Familien- und Leuchttürmen. Besonders faszinierten Monika im Turmbuch die schauderlichen Türme des Schweigens, die von Feuerpriestern bewacht wurden. Die blieben für immer in diesen Türmen. Wie lange würde sie im Perlach arbeiten? Irgendwann wäre sie doch zu alt für die vielen Stufen hoch und runter.

Wenn Monika beim Schuhaus Beitelrock steil an der Hauswand hoch zum Himmel sah, entzog sich der Perlach ihrem Blick. Dafür sah sie auf der anderen Seite der gepflasterten Bergstraße nach der Secondhand-Boutique Kleidsam und einem Feinschmeckerladen mit italienischen Spezialitäten wie Parmaschinken, Mozzarella, getrockneten Tomaten und Oliven-Brot das Atelier-Geschäft der Goldschmiede Eidel, direkt an der Ecke zur Karolinenstraße, wo man den Blick in die südlich gelegene prächtigen Maximilianstraße bis zum Merkurbrunnen hat und dann in Richtung Norden, vorbei am Augustusbrunnen auf dem weiten Rathausplatz, durch die kurze Karolinenstraße, hinauf zum Dom, im Halbkreis gleiten lassen kann.

Christine hatte ihr schon gesagt, dass es das geflügelte Wort von Augsburg als der »nördlichsten Stadt Italiens«, gibt, das die vielen Renaissancebauten, die üppigen Brunnen, die vielen Wasserläufe und Brücken, die unzähligen Ristorantes und Pizzerias dick unterstreichen. Waren nicht auch die drei Stadtfarben ähnlich? Sogar gleich? Nur bei der Reihenfolge von Grün-Weiß-Rot oder Rot-Weiß-Grün oder Rot-Grün-Weiß hatte Monika noch Probleme. Die war bei Augsburg und Italien verschieden. Dieses Italien-ist-nah-Gefühl brachte nach Augsburg einige Herzenswärme, die oft der brummelndste Augsbürger nicht verstecken konnte, wenn man ihn auf die Schönheiten seiner Stadt aufmerksam machte. Christine hatte ihr auch erklärt, »dass der Augsburger fast schwieriger zu erobern sei, als der Andromeda-Nebel«, aber wenn es gelang, »war er ein ewiger Freund - für gute und schlechte Zeiten.« Das klang nach viel Freundschaftsarbeit.

Auch wenn Monika an frustrierten Abenden vor der Flimmerkiste saß - wenn ihre Tochter im Bett war - und sie die verlogene Glitzerwelt mit ihren noch verlogeneren Glitzerstars sah, diesen allzucoolen Typen, dann erinnerte sie sich an die vielen fröhlichen Italiener, die zu ihr schnaufend und prustend auf den Perlach kamen und sich nach einem Rundumblick auf der Aussichtsplattform über ihr, ganz herzlich mit »ciao, bella!« verabschiedeten. Fröhich winkend stapften sie die 261 Stufen hinunter. Christine meinte, dass die Italiener so gern Augsburg besuchten, weil sie sich, hier in Süddeutschland, fast wie zu Hause fühlten. Weil doch die Italiener am liebsten Urlaub zu Hause machen. Schon mancher glutäugige Mann aus dem Süden hatte bei Monika seine Handy-Nummer, verbunden mit einem Abendessen-Angebot in Rom, Florenz oder Mailand, hinterlassen. Aber ein Umzug nach Italien? Das war Monika zu viel. Elisabeth sollte sich hier in Augsburg einleben. Die Schule besuchen, einen ordentlichen Beruf erlernen. Nein, nein. Dann lieber keinen Mann im Bett. Das Wohlergehen ihres Kindes war ihr näher als eine haarige Männerhaut.

Mit raschem Schritt zog Monika dicht beim Schuhhaus Beitelrock vorbei, an dessen Ende die langgeschwungenen steinernen Stufen auftauchten, die zum Eingang des Perlachturmes hochführten, der plötzlich wieder steil vor ihr in den blauen Himmel ragte. Es waren hauptsächlich bequeme Schuhe die in den zwei Schuhladen-Schaufenstern direkt neben ihrem Turm angeboten wurden. Für ältere Leute, denen Stil wurst ist, wenn es um Bequemlichkeit geht. Monika versuchte modischen Schuhstil mit Bequemlichkeit zu verbinden. Sie hatte etwas Furcht, von den Deutschen, vor allem von den deutschen Männern, als altmodisch bekleidete Ossi-Frau eingestuft zu werden. Sie spürte ihre Füße kaum. Sie hatte weiche, flache Lederschuhe an. Doch die nächsten Tage war sie als Turmwächterin aus dem 16. Jahrhundert historisch angezogen. Sie war mit Christine hinter dem Dom in einem Geschäft gewesen, das auf historische Kleider spezialisiert war. Schmid heißt der Inhaber mit einer rotgeäderten Nase. Er wollte ihnen noch unbedingt seinen Folterkeller zeigen. Monika und Christine konnten aber rechtzeitig aus dem Laden fliehen, weil eine junge Frau auftauchte, die einen Spezial-Wunsch hatte, den sie dem Schmid in die Ohren flüsterte, der dabei nur die Hälfte verstand. Die historische Kleidung war aus dicken groben Stoffen. Das machte aber nichts, weil es im Inneren es Turmes immer ziemlich kühl war. Selbst bei der größten Hitze. Auf dem Haar hatte sie eine weiße Haube mit einem purpurnen Band. Aus ihrer lachsroten Weste, die an der Seite mit Bändern über Kreuz verschlossen war, schauten die weißen Ärmel ihrer Bluse. Über einen langen sandfarbenen Rock, der bis zum Boden reichte, trug sie eine Schürze in einem terrakottafarbenen Farbton. Von Schneiderinnen, die nach alten Schnittmustern die Kleidung von Bürgersfrauen im Augsburg des 16. Jahrhunderts anfertigten.

Monika hatte im Schrank, in ihrer Holzkabine, da oben, sogar eine dicke Wolldecke. Weil sie normalerweise ein sportliches Kostüm bevorzugte. Mit möglichst kurzem Rock. Ihre Beine waren Prachtstücke. Das wusste sie. Nicht nur sie. Die waren ihr Kapital. Sie merkte es an den heimlichen Männerblicken, die bei ihr nicht zuerst auf den Busen starrten, sondern in die Tiefe gingen. Das konnten einige Frauen nur mit teurem Outfit ausgleichen. Jedenfalls wollte sie sich keine dumme Unterleibsgeschichte leisten. Wer würde sich dann um ihre Tochter kümmern? Christine hatte ihr Hilfe angeboten. Aber die hatte ihr schon soviel geholfen. Dieses Angebot wollte Monika nicht überstrapazieren. Sie wollte hier möglichst mit ihrer eigenen Kraft durchkommen. Lieber legte sie die Decke über ihre Beine. Sah ja keiner durch das kleine Fenster, durch das sie die Karten den hochkommenden Touristen und Einheimischen verkaufte. Die sahen nur ihr Gesicht und ihre Hände, die die Münzen und Scheine nahmen und dafür die Eintrittskarte und wenn nötig das Wechselgeld hinausreichten. Mit der Eintrittskarte konnten die Perlachturm-Besucher dann eine Treppe weiter hoch auf die Aussichtsplattform. Monika ging die sechs langgeschwungenen Steinstufen hoch.

Noch ein paar Schritte und sie stand vor der versperrten Eingangstüre zum Perlachturm. Sie sperrte das Schloss mit der Kette an der Gittertüre auf. Dabei sah sie aus den Augenwinkeln, mit einem schnellen Seitenblick, dass das Schaufenster des Scheren-, Waffen- und Souvenirgeschäftes Kugelmann, rechts neben der Perlachturmtüre, eingeschlagen war. Sie erschrak. Glassplitter lagen auf dem Pflaster. Dickes braunes Klebeband hielt die restlichen zackigen Glasscherben die noch im Fensterrahmen steckten, einigermaßen zusammen. Was tun? Nachschauen? Der Inhaber schien den Schaden schon bemerkt zu haben. Außerdem wollte sie auch heute wieder pünktlich oben im Turm sein und zudem hatte sie nicht viel Mitleid mit diesem Geschäftsinhaber, der neben Schleudern auch Handschellen, Schlagstöcke, Gasspray, Schwerter, Dolche, Taschenmesser, Wurfsterne und Präzisionspistolen anbot. Das waren für sie alles Dinge, die sie nicht mochte, die Leben vernichten konnten. War es nicht so, dass Gewalt Gewalt anzog? Das wurde auch nicht besser mit dem Geschäfts-Slogan: »Im Perlach seit 1851«. Ein Mann kam mit Handbesen und Schaufel aus der Ladentüre. Er kniete sich auf den Boden um die Scherben zusammenzukehren. Aha. Er wusste es. Der sah aber recht gemütlich aus. Sie hatte ihn noch nie vorher gesehen. Hmmm. Sie ging schnell in den gepflasterten Vorhof des Turms. Geradeaus führten ein paar Stufen zu einem geschlossenen Tor, das zur Kirche gehörte. Rechts ging es durch eine Holztüre, die sie mit einem normalen Schlüssel nach innen öffnete, in den Turm. Sie eilte durch eine eng gemauerte Röhre die ausgetretenen Stufen hinauf. Zu ihrem Arbeitsplatz. Dem höchsten in Augsburg. Nur eine einzelne Person kam die ersten Meter problemlos durch das Turmnadelöhr. Monika raffte ihre historische Kleidung, die hinderlich an der Wand streifte, bremste, mit beiden Händen zusammen. Auch das noch. Die Turmschlüssel hatte sie in die lederne Tasche verstaut, die um ihrer Hüfte baumelte, neben den beiden Breck-Brezen. Dann kam die weiße gruftartige Kammer. Noch eine kurze Treppenröhre nach oben ins nächste Geschoss, dann wurde es etwas breiter. In jedem der Turmgeschosse mündete die Treppe in einen größeren Raum. Täglich erblickte sie die Graffitis von jugendlichen Perlachturmgästen.

Eine Wally hatte sich mit »Grüße an alle« verewigt.

»Luisa Fraude was here from England.«

»M+M+N+K+J« hatten »für Nicola« ein Herz mit blauem Filzer hingemalt.

Zwei neue Botschaften von Turmbesuchern an Turmbesucher hatte sie seit ihrem Dienstantritt an der inneren Perlachturmwand entdecken können.

Nach einem Monat als Turmwächterin hatte sie sich bereits eine beachtliche Kondition im Treppensteigen erarbeitet. Die eigenen Schritte hallten in den engen Röhren. Die Treppe lief teilweise spiralförmig hoch. Weiter oben klebte die Treppe wie ein schmales Band an der viereckigen Innenmauer. Gut, dass ein eisernes Geländer für Halt sorgte. Am besten schaute sie nicht hinunter. Höhenangst hatte sie keine. Aber ein mulmiges Gefühl konnte beim Blick in die innere Turmtiefe schon entstehen. Besonders wenn die Geschosse nicht von einem Zwischenboden getrennt wurden.

Normalerweise brauchte sie ungefähr sieben Minuten für die 261 Stufen bis zu der Aussichtsplattform. Bei ihrer Kabine standen einige Stühle bereit, damit sich erschöpfte Perlachturmbesteiger ausruhen konnten. Monika freute sich immer wieder über ihre Ankunft auf der Aussichtsplattform. Durch ein Gitter über ihrem Kopf sah sie von unten die Klöppel von 35 Glocken, die je nach Jahreszeit verschiedene Melodien spielten. Christine hatte ihr erzählt, dass die Glocken elektromagnetisch gesteuert werden und schwingungsfrei im Turmgebälk aufgehängt sind. Wie das wohl funktionierte? Das wusste auch Christine nicht. Monika liebte den fantastischen Ausblick, der bei schönem Wetter in Richtung Süden die oft noch schneebedeckten Bergspitzen der Alpen zeigte. Vom Turm oben, in östlicher Blickrichtung, konnte sie hinter den mehrzeiligen Dächern der Fuggerei, der ockerfarbenen Siedlung in der Jakober Vorstadt, den Jakobsplatz mit den vier Kugelbäumen um den Brunnen herum und gleich dahinter den Kindergarten ihrer Tochter recht gut erkennen.

So waren Mutter und Tochter auch noch nach ihrem morgendlichen Abschied ein bisschen verbunden. Monika hatte manchmal den Eindruck, sie könne ihre Tochter von hier aus bewachen. Durch ein schmales Fenster an einem südlichen Turmfenster sah sie beim Verschnaufen das nur wenige Meter entfernte Rathaus. Ein winziges, vom Turmfenster ausgestanztes Stück davon.

Vor einem Monat hatte Monika im Goldenen Saal des mächtigen Rathauses den Perlachturm-Schlüssel durch den Augsburger Oberbürgermeister Dr. Paul Achmenner feierlich entgegengenommen.

»Wir können auf einen berühmten Turmwächter zurückblicken«. Der belesene OB, der in Fragebögen gerne seine Privatbibliothek als liebsten Platz für sich angab, las ihr und den versammelten Medien-Leuten die Perlachturm-Geschichte von Bert Brecht vor. Der früher ungeliebte, gern als Kommunist beschimpfte Dichter und Theatermacher, der durch Theaterstücke wie die »Dreigroschenoper« weltberühmt wurde, schrieb die Kurzgeschichte im August 1914, als der Erste Weltkrieg begann.

»Bert Brecht, ein Sohn unserer Stadt, nur einige Meter von hier entfernt geboren, war bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges Mittelschüler. Er wollte auf dem Perlachturm nach feindlichen Flugzeugen ausspähen«, begann der OB und las aus der brechtigen Jugend-Story. »Gestern Nacht, als die Perlachturmuhr die 12. Stunde verkündete und düstere Wolken am Himmel den Mond zeitweise verdeckten, schlichen zwei äußerst verdächtige Gestalten durch die menschenleere Hauptstraße zum Perlachturm.« Das waren der junge Brecht und ein Freund, die nach mannigfachem Stolpern beim Aufstieg einen schlaftrunkenen Wächter auf der Plattform des Perlachs antrafen.

Mit bedeutungsschwerer Stimme kam der OB zum Schluss der brechtigen Turmgeschichte: »Ab und zu rollte ein Zug aus dem Bahnhof - ein Zug mit Soldaten, die hinauszogen in die Nacht, ein ungewisses Los, vielleicht, um nicht wieder zurückzukehren. Jedesmal, wenn wir das Rasseln der Wagen, das Stöhnen der Maschine hörten, vernahmen wir auch ein fernes, mattes Hochrufen, das eigen, feierlich klang«.

Monika hatte ihren Mann Dimitrow, Elisabeths Vater, im Tschetschenien-Krieg verloren. Sie war als Deutschstämmige vor einem Jahr aus Suchumi in Georgien nach Deutschland gekommen. Deswegen musste sie vor dem OB einige Tränen im schnell gezückten Taschentuch verstecken. Die Stadtführerin Christine Lemmle, die sie damals zum ersten Mal traf, tröstete die neuernannte Turmwächterin Monika Suliarso, von der alle dachten, sie weine aus Freude über ihre Berufung. Christine hatte erkannt, dass Monika von Erinnerungen aufgewühlt war. »Nicht weinen. Ist schon gut. Von oben sieht bald alles anders aus.«

Seither hatten sie sich öfters getroffen. Christine, die schon längere Zeit von ihrem Mann getrennt lebte, war eine der besten Freundinnen von Monika geworden. Von Christine erfuhr sie nicht nur alles Wissenswerte über den Perlachturm. Bei ihren Rundgängen durch die Stadt wusste Monika bald mehr über die zweitausendjährige Stadt zwischen Lech und Wertach als mancher Einheimische.

»... siebenundneunzig, achtundneunzig, neunundneunzig...« Bei der hundertsten Stufe machte Monika kurz Halt. Rechts befand sich ein schmales Fenster mit Blick zum nördlich gelegenen Dom. Sie brauchte nicht mehr mitzuzählen, sie wusste schon, wo diese hundertste Stufe war. Hier machte sie immer kurz Halt. Das war ihr morgendliches Ritual geworden. Die kleine Taubenfeder unterm Uhrenarmband kitzelte sie an der Haut.

Gestern Vormittag hatte sie eine verletzte Taube auf der Aussichtsplattform entdeckt. Monika nahm sie in die Hand. Diese kleinen runden Perlenaugen. Das Licht darin schien abzunehmen. Sie streichelte mit einem Finger den Kopf der verletzten Taube. Am Hals hatte der zitternde Vogel grün glänzende Federn, die in blau glänzende übergingen.

»Flieg zum Horizont, dort wo das Glück für dich wohnt, flieg, flieg, flieg...«, summte Monika für die Taube das Kinderlied von der Wolke, die dachte, hinterm Horizont sei das Nirvana.

Plötzlich flatterte die Taube aus ihren Händen in die Luft. Sie flog exakt durch ein Loch im Eisengitter der Aussichtsplattform. Monika sah ihr auf den Zehenspitzen hinterher. Die zuerst durch die Luft torkelnde Taube fing sich, breitete ihre Flügel aus, schwebte über die Barfüßerkirche, wendete sich mit einem leichten Linksbogen zur Jakobskirche, zum Jakobertor und zum Lech. Monika war stolz über den womöglich letzten Flug der tapferen Taube. Der Vogel schüttelte sich in der Luft. Einige in der Sonne glänzende Federn fielen aus ihren Flügeln. Wie bei Dädalus und Ikarus. Monika kannte diese Geschichte aus ihrem Schullesebuch in Suchumi, das mit kyrillischer Schrift gedruckt war. Dädalus war der Baumeister des Labyrinths auf Kreta gewesen, in dem das Stiermenschmonster hauste, dem Jungfrauen geopfert werden mussten. Monika hatte es beim Gedanken an dieses Ungeheuer als Schülerin arg gegraust, die Haare auf ihren Armen hatten sich dabei hochgestellt. Ikarus, Dädalus’ Sohn, stürzte bei der Flucht von der Insel ab, weil er der Sonne zu nahe kam, das Wachs schmolz, das die Federn seiner Flügel zusammenhalten sollte. Während der Sohn in das Meer stürzte und ertrank, soll Dädalus Sizilien lebend erreicht haben. Ihre Lehrerin sagte damals, dass »diese Geschichte bedeute, dass man tief fällt, wenn man zu hoch hinaus will.« Wollte Monika mit ihren Plänen zur Karriere ihrer Tochter zu hoch hinaus? Würde es ihr Elisabeth einmal danken?Monika bekam bei diesem Gedanken einen Stich ins Herz. Ihre Taube flog niedriger, verschwand zwischen den Häusern. Monika hoffte, sie würde beim Heimweg die Taube nicht zusammengefahren auf einer Straße entdecken, wenn die zerquetschten Gedärme zwischen den grünglänzenden Federn hervorschauten.

»Bitte, bitte nicht!«, dachte sie.

Sie wünschte sich, ihre Taube würde in einem der vielen Kanäle landen, sich in einen herrlichen weißen Schwan verwandeln und in den Lech schwimmen. Von dort in die Donau. Dann bis zum Schwarzen Meer. Zur Hafenstadt Suchumi. Monikas Heimat. Sämtliche geistigen Kräfte sandte Monika der Taube hinterher, um die lange Reise möglich zu machen. Das war bisher der einzige schlimme Zwischenfall an ihrem Arbeitsplatz gewesen.

Monika hatte sich heute das Buch über die Alpen mitgenommen. Die Leute wollten immer wissen, welche Berge sie da im Süden sahen, ob die Zugspitze auch dabei sei. Wenn sie was nicht wusste, dann kaufte sie sich darüber ein Buch. Sie fuhr am Wochenende mit Elisabeth gern mit dem 35er Bus zum Oberhauser Bahnhof. Dort konnte sie in sämtlichen Zeitungen der Welt schmökern. Sie kaufte sich manchmal russische Zeitungen wie Chance oder Moskovske Novosti damit für sie der Kontakt zu ihrer Vergangenheit nicht völlig abbrach. Im Bahnhof-Bistro trank sie einen Kaffee bei der netten Thekenfrau Erika, die selbstbemalte Weinflaschen als Blumenvasen auf der Theke postierte. Elisabeth schaute derweil zu den Comics und Kinder-Büchern. Dann setzten sie sich noch auf eine Bank bei den Gleisen. Von hier sahen sie den vorbeibrausenden Zügen zu. Am Hettenbach durfte Elisabeth auf den Wasserröhren herumbalancieren. Am Ende ihres Mini-Ausfluges über die Wertach schnabulierten sie im Biergarten des alten Gasthauses Stadt Mainz, an der Ulmer Straße, Kässpatzen mit Röstzwiebeln und grünem Salat. Eine Augsburger Spezialität. Dabei fanden sie, dass die Welt für sie beide doch recht gut gemacht war. Hier gefiel es ihnen.

Es war 10 Uhr 02.

Nur sechs Minuten von unten nach oben.

»Toll, Monika!«

Sie lobte sich.

Atmete tief ein.

Bevor sie sich in ihre Holzkabine setzte, ging sie noch die paar Stufen hoch zur Aussichtsplattform.

»Soll ich die Taubenfeder hinunterfliegen lassen?«, fragte sie sich.

Nein, sie würde die Feder ihrer Tochter mitbringen. Als Lesezeichen für das neue Märchenbuch.

Von ihrem Arbeitsplatz bis zur Aussichtsplattform waren es wenige Stufen. Sie musste einen dicken Acryglasdeckel hochheben und einhängen, der den Zugang zur Aussichtsplattform abschloss. Dann konnte sie hoch. Um 10 Uhr 03 trat sie auf die Aussichtsplattform. Hinter einem Drahtgitter über ihrem Kopf hingen die großen und kleinen Glocken, von denen sie die Klöppel in der dunklen Öffnung sah. In einer Stunde, um 11 Uhr würden die 35 Klöppel von innen gegen die runden Glockenwände schlagen. Sie war gespannt welche Melodie durch die austauschbare gelochte Plastikfolie zu Beginn des Historischen Bürgerfestes erklingen würde. Hatte ihr das Christine gestern gesagt?

Der Blick von Monika Suliarso traf auf einen größeren Gegenstand. Was war das? Ein Körper lag gekrümmt auf dem Steinboden. So viel Blut rings um den Körper, das bedeutete Tod.

Auf der Leiche lag ein blutiges Schwert.

In ihrem Kopf hämmerte es. Das Rauschen in ihren Ohren wurde zum Wasserfall. Ein Erdbeben setzte ein. Der Turm schien zu wanken.

Sie streckte ihre Hände nach links und rechts aus. Sie versuchte sich irgendwo fest zu halten.

»Neiiiii...«

Sie wollte losschreien. Ein Würgegefühl im Hals verhinderte das. Der Himmel schrumpfte zu einem blauen Punkt. Aber Monikas Wunsch, dass dies nicht sein soll, was hier war, das ging nicht in Erfüllung. Ihr wurde furchtbar schlecht. Die Frühstückssemmel einschließlich Kaffee drängten mit Gewalt an die Luft. Vor ihren Augen wurde es schwarz.

Dem Körper am Boden fehlte der Kopf.

Kapitel 2

Spannendes Ritter-Turnier beim Historischen Bürgerfest am Lueginsland / Biergartenwirt Arnold Bollinger erzählt vom Bierkrieg zwischen den Rittern und Landsknechten

Die Hufe der schweren Pferde trommelten auf den Boden. Pünktlich hatten am Freitag dem 21. Juli um 14 Uhr die Herolde in den Augsburger Stadtfarben Rot-Grün-Weiß den Beginn des Historischen Bürgerfestes angekündigt. »Wie merkt ihr euch die Augsburger Stadtfarben, hatte uns einst in der dritten Klasse der Lechhauser Goetheschule unser Heimatkundelehrer Rummel gefragt?« Wir wussten es nicht. »Ganz einfach, ihr nehmt euch als Eselsbrücke die letzten beiden Buchstaben von Augsburg, das r und das g, wobei das r für Rot steht und das g für Grün und dann kommt noch das Weiß.« Seitdem versuche ich sogar auch aus anderen Namen Bedeutungen herauszulesen. Warum hieß der Marienkäfer so? Was hat dieser Käfer mit Maria, vor allem mit welcher Maria, zu schaffen?

»Eins, zwei, drei,...« Über meinen kleinen Finger krabbelte ein Marienkäfer. Ich zählte seine Punkte. Seine winzigen Beinchen kitzelten meine Haut. Ich hatte meine Arme auf die Ziegelsteine der vermoosten Lueginsland-Mauer gelegt, die ganz oben die terrassenartige Bastion aus Türen, Treppen, Mauern und Innenhöfen abschloss. Wenn ich direkt an der rund zehn Meter hohen alten Ziegelstein-Mauer hinuntersah konnte ich in einem Innenhof, der von den Mauern gebildet wurde, einen kleinen gemauerten Brunnen mit Seerosen drin sehen. Dann ließ ich den Blick, der nicht verdeckt von Büschen und Bäumen war, ins nordöstliche Umland von Augsburg wandern. Zwischen dem teilweise elf-stöckigen, ineinandergeschachtelten Glasgebäude der MAN-Verwaltung und der UPM-Papierfabrik durch, hinüber zur Wolfzahnau, einem kleinen Lech-Dschungel im Dreieck vor dem Zusammenfluss der beiden Gebirgsflüsse Lech und Wertach. Zwei Flüsse, die auch Augsburg zwischen ihren Dreiecks-Schenkeln hatten. Waren deswegen hier die Frauen so stark? In jeder Hinsicht, von Schönheit bis Erotik? Jedes mal wenn ich nach Augsburg zurückkam, musste ich zugeben, dass hier die tollsten Frauen zu finden waren. Hinter den beiden Fabriken liegen die Ortsteile Firnhaberau und Hammerschmiede und hinter denen war noch der Autobahnsee als verschwommenes blaues Auge zu sehen. Und vielleicht stellte der helle verschwommene Punkt vor dem grünen Waldhang, in der flimmernden Luft des heißen Sommertages den Flugplatz bei Mühlhausen dar? Was kommt dann? Neuburg, die Donau, klar, Berlin? Ostsee? Nordpol? Und dann? Gings rundrum weiter bis nach Augsburg. Wieviele Kilometer das wohl waren? Wie war der Erdumfang gleich wieder? Vierzigtausend Kilometer? Weniger? Zwanzigtausend Kilometer? Oder hatte der Erddurchmesser zwanzigtausend Kilometer? Hmmm. Da hatte ich keine Eselsbrücke. Ich musste mich einfach mal wieder vor den Globus setzen und mir das alles genau anschauen, mit dem Finger darauf herumwandern. Dabei bekam ich dann Lust auf fremde Länder, weite Meere, einsame Inseln, andere Erdteile. Würde wieder Lust bekommen aufs Auswandern, ein neues Leben beginnen, weit, weit weg vom gewöhnten Datschiburg, in Australien oder Kanada. Wo war mein Globus eigentlich - ein schöner nostalgischer mit bemalter hohler Holzkugel, mit einem Holzständer in den ein Kompass eingelassen war und mit einer verzierten Messinghalterung, in der sich der Erdenball dreht, den ich zum Dreißigsten geschenkt bekommen habe? Der lag in mehreren Teilen in einem Umzugskarton. Ich hatte immer noch nicht alles ausgepackt, als ich vor Monaten die alte Wohnung - nach meiner Scheidung - verlassen hatte. Was hielt mich also noch hier? Sollte ich nicht mal raus aus Augsburg, um die Welt zu entdecken, um zu sehen was außerhalb von Lech und Wertach passiert? Hier geboren und gestorben, war das nicht zu wenig für meinen Lebenslauf? Was hielt mich hier? Die Stadt? Mit ihren Gassen, Mauern, Toren, Türmen, Treppen, Flüssen, Bächen und Kanälen? Mit ihrer langen Geschichte von den Römern bis zu den türkischen Kebap-Shops? Ihre Menschen? Vom Stadtgründer Augustus bis zum Theatermann Bert Brecht und Schlagergiganten Roy Black?Meine Freunde? Von den Mitschülern aus der Goethe-Schule bis zu Helle, den ich beim selbstgegründeten Stadtmagazin Datschi-Explosion kennenlernte? Meine Frauen? Von meiner Schulfreundin aus der ersten Klasse, die ich damals trotz Prügelei bei den Freunden verleugnete, bis hin zur romantischen Buchhändlerin, die erst mit mir zarte Frühlingsgedichte auf der Wiese las und dann - das aus dem Laden heimlich mitgenommene Bukowski-Buch, das bei unseren wilden Liebestollereien in die Badewanne geplumpst war, mit dem Föhn trocknen wollte und gar mein Lustglied als Lesezeichen hernahm. Aua! Meine Kinder? Von den unehelichen bis zu den ehelichen? Ich blickte nicht mehr in die Ferne. Ich blickte in mich hinein. Aber auch da waren die interessantesten Flecken hinter dem Horizont. Die kugelige Erde versteckte durch ihre Krümmung ihre Landschaften vor unseren neugierigen Blicken. Was versteckte das Leben vor mir? Das Schicksal, die vielen Schicksale, die oft aus allen möglichen Richtungen kamen, mit verschiedenen Absichten und Geschwindigkeiten aufeinanderprallten, die waren für die Unsichtbarmachung der Zukunft bei uns Menschlein zuständig. Hätten es sich unsere Vorfahren träumen lassen, dass wir hier zwischen Fabriken für riesige Dieselmotoren, noch riesigeren Zeitungsdruckmaschinen und automatisierten Papiermaschinen, gesteuert vom Computer-Programm, ihre alten Sitten und Gebräuche wieder aufleben lassen? In welcher Zeit wollte ich leben? Antike? Mittelalter? Renaissance? Barock? Aufklärung? Heute? Am liebsten in jeder. Dann wüsste man vielleicht am Schluss, welche für einen am besten geeignet war. Ging aber nicht. Hier und jetzt musste ich durch. Warum hatte ich nur meinem sichern Posten als Polizeispressesprecher ade gesagt? Nun durfte ich den Euros hinterherjagen. Wie jetzt mit meiner Mappe unterm Arm, die ich fast vergessen hätte, in der die Formulare für Anzeigenverträge waren. Dazu eine Klarsichthülle mit Kohlepapier, für das Duplikat, das ich behielt, wenn der Auftrag ausgefüllt und unterschrieben war. Blöder Papierkram. Da füllt man Ordner, Schränke, Räume mit Belegen, Quittungen, Formularen. Zwecks Ordnung, Kalkulationen, Finanzamt. Dann stirbt man - und alles ist total egal. Das letzte Hemd hat keine Taschen und im Sarg ist kein Platz für das Archiv.

Ein Aufschrei, aus der Zuschauermenge unter mir, riss mich aus meinen philosophischen Betrachtungen. Los, Klaus, vorwärts in die Vergangenheit! Das Ritter-Turnier begann. Die beiden Ritter drückten ihren Pferden die Füße in die Flanken. Die Thommstraße, die als west-östliche Achse an der langen Stadtmauer vorbei, vom Fischertor zur MAN hinunterführt, war mit Holzmull, Balken, Brettern, Sand, Kies und Sägespänen für das Ritter-Turnier präpariert worden.

Der Marienkäfer kletterte hinüber zu meinen Daumen. Erwartete sich hier wohl eine bessere Aussicht. Oben angekommen fuchtelte er mit den Fühlern etwas orientierungslos durch die Luft.

Die beiden Lanzen der vorwärts preschenden Ritter zielten auf den jeweiligen Gegner. Die Pferde mit ihren eisernen Reitern galoppierten aufeinander zu. Die Ritter hoben ihre Schilde schützend vor die Brust.

Neben mir hatte Arnold Bollinger, der Wirt des Lueginsland-Biergartens seinen Beobachtungsplatz bezogen.