Der Perlmuttbaum - Bärbel Junker - E-Book

Der Perlmuttbaum E-Book

Bärbel Junker

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Beschreibung

Ihn, die dämonische Verkörperung des absolut Bösen, der kam, um die Welt zu unterjochen, konnte Samiras in den Gewölben tief unter der Burg des Magiers Teufat bezwingen und in die Verliese der Finsternis verbannen. Doch für wie lange? Allein die Neuerstehung des Perlmuttbaums, kann die Rückkehr des Dämons verhindern. Und so schickt die Zauberin Xzatra auf Befehl des "Rats der Weisen" Samiras und ihren Bruder mit dem Zaubersamen zur Ruinenstadt Preleida, dem einzigen Ort, an dem der Perlmuttbaum, der Garant des Guten, neu entstehen kann. Aber dunkle Mächte und der Moglack, ein grauenhaftes Ungeheuer, lassen nichts unversucht, die Rückkehr des Guten zu verhindern. Doch Samiras und ihre Gefährten, die schwarze Pantherin Danina, das telepathisch begabte Mauswiesel Mawi, der Krieger Karon, der Zwergenführer Hetzel und Ephlor, der Elfenkönig, wissen, dass ihre Welt dem Untergang geweiht ist, sollten sie versagen. Wird es ihnen mit Hilfe des Trolls Tolkar, der Königskobra Ashra und den beiden Saphirkatern Mansur und Poctero wirklich gelingen, ihr Ziel zu erreichen? Oder gelingt es dem Dämon aus der Verbannung zurückzukehren und die Erde im Chaos versinken zu lassen?

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Bärbel Junker

Der Perlmuttbaum

Die Samiras-Saga 2

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

ZUM BUCH

KAMPF IN OKZAHT

AUFBRUCH

DIE FALLE

DER VERSTEINERTE BAUM

KRETOX UND IONT

STURM IM GEBIRGE

TOLKAR UND URSELIK

SORGE UM DANINA

ZOPHTARR

AUF DER SUCHE NACH SAMIRAS

SCHRECKLICHE SPIELE!

GRAUENHAFTER MOGLACK

TRAUERN UM EINEN GEFÄHRTEN

DIE RACHE DER KATZENKÖNIGIN

MANSUR UND POCTERO

DIE VORSEHUNG

ANGRIFF DER SCHLAKSOS UND RAITZAK

DIE RUINENSTADT PRELEIDA

ASHRA UND ASKENTO

MUTIGE SAPHIRKATER!

DER RUF DES PERLMUTTBAUMES

DAS VOLK DER SCHLANGENMENSCHEN

FLUSS DER WIEDERKEHR

OSIACS VERWANDLUNG

Leseprobe

Impressum

ZUM BUCH

IHN, die dämonische Verkörperung des absolut Bösen, der kam, um die Welt zu unterjochen, konnte Samiras in den Gewölben tief unter der Burg des Magiers Teufat bezwingen und in die Verliese der Finsternis verbannen, aus denen ER sich befreit hatte. Doch für wie lange?

Allein die Neuerstehung des Perlmuttbaums, kann die neuerliche Rückkehr des Dämons verhindern. Und so schickt die Zauberin Xzatra auf Befehl des „Rats der Weisen“ Samiras und ihren Bruder Lestopoktus mit dem Zaubersamen zur Ruinenstadt Preleida, dem einzigen Ort, an dem der Perlmuttbaum, der Garant des Guten, neu entstehen kann.

Aber dunkle Mächte und der Moglack, ein grauenhaftes Ungeheuer, lassen nichts unversucht, die Rückkehr des Guten zu verhindern. Doch Samiras und ihre Gefährten, die schwarze Pantherin Danina, das telepathisch begabte Mauswiesel Mawi, der Krieger Karon, der Zwergenführer Hetzel und Ephlor, der Elfenkönig, wissen, dass ihre Welt dem Untergang geweiht ist, sollten sie versagen.

KAMPF IN OKZAHT

Als die Eingangstür zur Schänke mit einem Ruck aufflog und krachend gegen die Wand schlug, hob Samiras alarmiert den Kopf. Sie ahnte bereits, was da wieder einmal auf sie zukam, als zwei Männer eintraten und auf sie zusteuerten, denn es waren stets die gleichen Typen. Sie strich sich ihr kupferfarbenes Haar aus dem Gesicht, richtete sich stolz auf und sah den beiden ruhig entgegen.

„Na, meine Schöne. Wo hast du denn das kleine Scheusal gelassen? Woll´n wir drei Hübschen nich´ mal nach ihm suchen geh´n? Was meinst du?“, kamen sie gleich zur Sache.

Samiras sah sie schweigend an. Nur gut, dass Lestopoktus auf seinem Zimmer geblieben war, so blieb ihm wenigstens diese neuerliche Demütigung erspart. Denn obwohl stets so in seinen Umhang gehüllt, dass kaum etwas von ihm zu sehen war, wurde er doch ständig beschimpft und gekränkt, sodass er mittlerweile nicht mehr rauszugehen wagte.

Seit zwei Tagen saß er nun schon trübsinnig in seinem Zimmer und starrte deprimiert vor sich hin. Da Okzaht nur eine kleine Grenzstadt war, hatte sich seine Anwesenheit wie ein Lauffeuer herumgesprochen und all jene aktiviert, die ihren Spaß daran hatten andere zu schmähen und an ihnen ihre niederen Instinkte auszulassen.

„Was is´, Süße? Bist du taub oder was?“, pöbelte der Kleinere der beiden, aber seine große Klappe glich seine Kleinwüchsigkeit tausendprozentig aus.

Am liebsten hätte sie ihm mit ihrem Schwert „Strahlenzauber“ eine Lektion erteilt.

„Antwortest du jetzt endlich oder muss ich erst ungemütlich werden?“

„Wieso versuchst du es nicht zuerst einmal bei mir? Oder fühlst du dich nur Frauen gegenüber stark?“, erklang eine eisige Stimme hinter dem Kleingewachsenen.

Der fuhr herum und griff zum Messer, zog die Hand jedoch schnell wieder zurück, als er sah, mit wem er sich da anlegen wollte.

Gletscherblaue Augen unter rabenschwarzem Haar in einem gebräunten, markanten Gesicht funkelten ihn Unheil verkündend an. „Was ist?“, knurrte der hoch gewachsene, muskulöse, ganz in Schwarz gekleidete Krieger. „Keine Lust mehr?“

Der eben noch so großspurige Kerl wich erschrocken zurück. Tschuldigung. War nich´ so gemeint“, versicherte er schleimig, doch seine verschlagen blickenden Schurkenaugen sprachen eine ganz andere Sprache. Den Rücken durfte man diesem Individuum mit Sicherheit nicht zuwenden, es sei denn, man hing nicht besonders am Leben.

Er drehte sich auf dem Absatz um und verließ mit seinem Kumpan so überstürzt das schummrige Lokal, dass es fast wie eine Flucht aussah. Fast wäre er noch über einen im Weg stehenden Stuhl gestürzt. Er fing sich jedoch im letzten Moment, riss die Tür auf und schlug sie mit einem lauten Knall hinter sich zu.

„Danke, Karon“, sagte Samiras und umarmte ihn. „Du bist gerade zur richtigen Zeit gekommen. Seitdem wir in Okzaht sind, gibt es nichts als Ärger und Beleidigungen. Mein Bruder grämt sich so sehr, dass er kaum noch sein Zimmer verlässt. Ohne Liesta, seine kleine Schlange, wäre er wohl schon verzweifelt.

Sie erinnert ihn an seine Schlangen, die er auf unserer Flucht vor Teufat in der Burg des Magiers zurücklassen musste. Er ist so froh, dass die Zauberin Xzatra sie gerettet und in ihre angestammte Heimat zurückgebracht hat. Das tröstet ihn, aber ansonsten ist er so unglücklich, dass es einem das Herz bricht. Er hasst seinen durch Teufat verunstalteten Körper so sehr, dass er sich am liebsten umbringen würde.“

Karon zog einen Stuhl heran und setzte sich. „Die Zauberin hat dir doch versprochen, dass Lestopoktus in naher Zukunft seine ursprüngliche Gestalt zurückerhalten wird, nicht wahr?“

„Ja, das hat Xzatra versprochen.“

„Na also. Und bis es soweit ist, wird deine Liebe deinem Bruder dabei helfen, diese schlimme Zeit zu überstehen. Du bist stark, Samiras. Das hast du zur Genüge in der Todeswüste bewiesen.“

„Du hast recht, Karon. Ich sollte wirklich nicht so kleinmütig sein. Irgendwann wird sicherlich alles gut.“

„Das ist die richtige Einstellung. Nur nicht den Kopf hängen lassen“, sagte Karon zufrieden. „So, und jetzt brauche ich dringend ein Bier. So eine zweitägige Erkundungstour kann einen schon austrocknen. Bin gleich wieder da.“

Mit langen Schritten ging er zur Theke. Mit einem Humpen Bier in der Hand setzte er sich rittlings auf seinen Stuhl und genehmigte sich einen kräftigen Schluck. „Ah, das tut gut“, seufzte er.

„Hast du etwas über die Gnome erfahren? Führen sie wirklich Krieg gegen die Trolle?“, wollte Samiras wissen.

„Krieg wohl noch nicht. Es sind eher kleinere Scharmützel. Aber so etwas kann leicht in mehr ausarten“, erwiderte Karon.

„Und um was geht es dabei?“

„Das konnte ich nicht herausfinden. Ein alter Waldläufer, den ich unterwegs traf, meinte, die eher gutmütigen Gnome dieser Gegend würden von irgendjemanden aufgehetzt. Aber von wem, konnte er mir leider nicht sagen.“

„Was meinst du, könnte uns der Streit bei unserer Suche behindern?“

„Eigentlich nicht. Die Gnome und Trolle tragen ihren Streit hoch oben in den Bergen aus, während wir uns mehr im flachen Land aufhalten. Nein, ich glaube nicht, dass sie zu einem Problem für uns werden können.“

„Aber gut, dass du der Sache nachgegangen bist, Karon. Jetzt wissen wir wenigstens Bescheid.“

„Was ist mit den Reitpferden? Haben Hetzel und Ephlor welche besorgt?“

„Haben wir“, brummte der Zwerg, der unbemerkt durch den Hintereingang hereingeschlüpft war. Er knuffte Karon freundschaftlich in die Seite. „Schön dich zu sehen, großer Krieger“, grinste er. „Es ist alles vorbereitet. Von uns aus kann es losgehen.“

„Hallo, Karon“, sagte der Elfenkönig, der lautlos wie ein Schemen aus den Schatten trat. „Was ist mit den Trollen und Gnomen?“

„Nichts Ernstes. Nur Scharmützel. Wo sind eigentlich die anderen? Mawi kann sich doch sonst vor Neugier kaum einkriegen. Wo steckt denn der kleine Kerl?“

„Er leistet meinem Bruder Gesellschaft. Und Danina wollte sich ein bisschen umsehen. Okzaht ist ihr nicht geheuer. Sie meint, hier treibe sich zu viel Abschaum herum. Ich finde sie hat recht.“

„Ich bin auch dafür, die Stadt so schnell wie möglich zu verlassen“, sagte Ephlor, dessen schmales Elfengesicht unter der Kapuze fast verschwand.

„Habt ihr euch von dem magischen Transport hierher eigentlich schon erholt?“, fragte Karon. „Oder bin nur ich es, der ständig daran denken muss?“

Hetzel grinste. „Na ja, als Spektralfarbe in einem Regenbogen zu reisen ist schon etwas Besonderes. Obwohl wir eigentlich gar nichts davon wüssten, hätte Danina es uns nicht verraten. Oder habt ihr viel davon gemerkt?“

Sie schüttelten einträchtig den Kopf. Nein, gemerkt oder gefühlt hatten sie auf ihrer ungewöhnlichen Reise mit dem Regenbogen eigentlich nichts. Xzatras Magie hatte sie auf diese ungewöhnliche Weise hierher nach Okzaht gebracht, nachdem Samiras den Zaubersamen gefunden hatte und die Burg des Magiers Teufat mit Mann und Maus spurlos im sandigen Boden der Todeswüste versunken war.

Doch vorher hatten die Zauberinnen Xzatra und Beruna den Magier zur Strafe dafür, dass er einen Pakt mit dem Bösen, einem Äonen alten Dämon, geschlossen hatte, in die Zwischenwelt verbannt. Töten konnten sie ihn nicht, denn Teufat war ebenso unsterblich wie die Zauberin Xzatra.

Nein, gemerkt hatten sie von ihrer Reise nichts. Es war so, als hätten sie geschlafen, bis sie auf einer Wiese am Rande der Stadt wieder zu sich gekommen waren. Sie waren getrennt in die Stadt gegangen, um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen und hatten sich dann im einzigen Gasthof an der Hauptstraße einquartiert.

„Wann wollen wir abreisen?“, fragte Ephlor.

„Morgen früh. Ich denke, wir sollten keine Zeit mehr verlieren“, erwiderte Samiras.

„Ich bin froh, dass es endlich losgeht. Ich verabscheue diese Stadt“, klinkte sich Danina telepathisch in ihre Gedanken ein. Die schwarze Pantherin stand wie hingezaubert plötzlich zwischen ihnen und sah sie aus goldenen Augen aufmerksam an. „Was ist? Gehen wir nach oben und sagen es deinem Bruder.“

Lestopoktus´ Zimmer befand sich in der zweiten Etage. Auf ihr vereinbartes Klopfzeichen öffnete sich die Tür einen Spalt breit, gerade groß genug, um hindurchschlüpfen zu können.

Mit hängenden Schultern, um die sich seine kleine, regenbogenfarbene Schlange ringelte, sah ihnen Lestopoktus traurig entgegen. Als Karon ihn da so teilnahmslos inmitten des Raumes stehen sah, musste er an ihre erste Begegnung denken, die nur wenige Tage zurücklag, obwohl er das Gefühl hatte, es wären schon Monate vergangen.

Wieder sah er sich wartend mit seinen Gefährten in der Todeswüste stehen. Würde der Teleporter Risan Samiras aus der zusammenbrechenden Burg retten können? hatte er sich halb verrückt vor Angst gefragt. Und er konnte sein Glück kaum fassen, als der Sandokka dann zusammen mit ihr aufgetaucht war. „Aber wir dachten, du kämst nicht alleine?“, hatte er gefragt.

Da hatte Samiras lächelnd eine kleine Maus aus ihrer Umhangtasche hervorgeholt, deren blanke Knopfaugen sie ängstlich musterten. „Und das ist mein Bruder“, hatte sie gesagt und die Maus vorsichtig in den Sand gesetzt. Und dann hatte sich das niedliche Mäuschen vor ihren Augen in Lestopoktus verwandelt, vor dessen grauenhafter Hässlichkeit sie entsetzt zurückgewichen waren. Es musste schrecklich für ihn gewesen sein.

Samiras, die Not ihres missgestalteten Bruders spürend, hatte ihn schützend in die Arme genommen; und diese arme, geschundene Kreatur hatte sich an seine schöne Schwester gelehnt und bitterlich geweint.

Das hatte das Eis gebrochen und ihr Entsetzen vertrieben. Alleine Mitleid mit diesem, von Teufat so grausam misshandelten Geschöpf war übrig geblieben. Und dann dieser Moment, als sich die schweren Lider des Formwandlers hoben, dachte Karon. Strahlende smaragdgrüne Augen, Samiras Augen, aus denen bittere Tränen rannen, sahen sie um Sympathie werbend an.

Dem hatten sie nicht widerstehen können. Sie hatten Lestopoktus herzlich in ihre Gemeinschaft aufgenommen und ihm verziehen, dass er ihnen unter Teufats Einfluss schaden wollte. Er war des Magiers Werkzeug und nicht frei in seinen Entscheidungen gewesen.

Für Lestopoktus aber begann ein neues Leben. So wie er von jeher die Schlangen geliebt hatte, so liebte er nun seine Schwester, deren Gefährten er schon bald ebenfalls seine Zuneigung und sein Vertrauen schenkte. Aber besonders stark fühlte er sich zu Danina und dem Mauswiesel Mawi hingezogen. Und seitdem er erfahren hatte, dass der monströse Körper in dem er gefangen war nicht wirklich ihm gehörte, sondern ein Machwerk Teufats war, zog er weder Mäuse noch andere Tiere jemals wieder als Nahrung in Betracht.

Nachdem Karon Lestopoktus begrüßt hatte und Samiras ihm erzählte, dass sie in der Frühe Okzaht verlassen würden, stahl sich endlich ein winziges Lächeln in sein verhärmtes Gesicht.

Zum Abendessen gingen Samiras und Karon mit Hetzel und Ephlor hinunter in die Gaststube. Sie war gut besucht, aber sie fanden noch einen freien Tisch in der Nähe der Tür. Zwei Tische weiter hatten sich fünf zwielichtige Gestalten breit gemacht, die bei ihrem Eintreffen die Köpfe zusammensteckten und tuschelten. Zwei der Männer erkannte Samiras sofort wieder. Es waren die beiden Kerle, die sie nachmittags belästigt hatten. Sie machte Karon darauf aufmerksam.

„Die sehen nach Ärger aus“, meinte Hetzel. Er sollte recht behalten.

Sie waren kaum mit dem Essen fertig, als die fünf Männer aufstanden und zu ihnen herüberkamen. Mutig im Bewusstsein ihrer Überzahl bauten sie sich großspurig vor dem Tisch auf.

„Na, Süße, willst du jetzt nicht doch lieber unsere Frage von vorhin beantworten?“, fragte einer der Kerle grinsend.

„Genau“, feixte ein rattengesichtiger Kerl und legte besitzergreifend den Arm um Samiras´ Schultern. Das war ein Fehler! Mit einem Aufschrei fuhr er zurück und starrte auf seine blutende, von Hetzels Dolch gezeichnete Hand.

„Verschwindet oder ihr werdet es bereuen“, fuhr Karon die streitsüchtigen Kerle an. Doch sie waren unbelehrbar. Fünf gegen zwei, denn einen Zwerg und einen Elf nehmen solche Kerle wie wir doch nicht für voll, dachten sie in ihrer grenzenlosen Überheblichkeit. Die Frau zählte für sie als Gegner sowieso nicht. Ein fataler Irrtum wie sie sehr schnell erkennen sollten.

Und dann griffen sie ohne Warnung an.

Samiras sprang zusammen mit ihren Gefährten auf und zog ihr Schwert, welches ihr geradezu entgegensprang. Warm und vibrierend lag „Strahlenzauber“ wie angewachsen in ihrer Hand. Und schon übernahm es den Angriff, denn es war kein gewöhnliches Schwert. Wie hatte der Zwergenschmied Ventor gesagt?

„Ich hatte eine Vision, in der mir befohlen wurde, dieses Schwert zu schmieden.“ Und für wen ist es bestimmt? hatte sie gefragt.

„Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich es wissen, wurde mirgesagt“, hatte er geantwortet. Und genau so war es gekommen, denn das Schwert war für sie bestimmt gewesen. Gefährlich nahe zischte etwas dicht an ihrem Kopf vorbei und riss sie abrupt aus ihren Gedanken.

Schnell wie ein Lufthauch und tödlich wie eine Viper reagierte Strahlenzauber. Es trieb ihren Gegner, einen ungeschlachten Kerl, vor sich her, zuckte zum entscheidenden Stoß vor und glitt mühelos durch Leder und Stoff. Schreiend brach der Kerl zusammen. Er presste die Hand auf die stark blutende Wunde und starrte Samiras fassungslos an. Eine Frau hatte ihn besiegt! Er konnte es nicht fassen.

Zwei der Kerle bedrängten Karon mit ihren Schwertern. Doch da hatten sie bei einem Krieger wie ihm schlechte Karten. Seine eisenharte Hand schnellte vor, packte den Arm des einen Gegners, verdrehte ihn und schlug ihm die Handkante in den Nacken, als der Kerl sich vor Schmerzen krümmte.

Dem zweiten Angreifer stieß er die Schwertklinge in die Seite, während er bereits auf dem Weg zu Ephlor war, der schützend vor dem bewusstlosen Hetzel stand und einen Koloss von Mann in Schach hielt. Einer der Gäste hatte dem Zwerg von hinten eine Flasche über den Kopf gezogen.

Doch Samiras wusste, wer es gewesen war und drängte sich wutentbrannt durch die Menge. Sie würde diesen hinterlistigen Kerl nicht ungestraft davonkommen lassen! Leider übersah sie in der Eile einen vorgestreckten Fuß und stürzte zu Boden. Die Kapsel mit dem Zaubersamen rutschte aus ihrer Tasche und öffnete sich.

Schlagartig wurde es mucksmäuschenstill.

Alle Augen richteten sich auf die glitzernden, über den Boden verstreuten Samenkörner. Samiras sammelte sie hastig unter den gierigen Blicken wieder ein, die jeden ihrer Handgriffe verfolgten, und die vermeintlichen JUWELEN in ihren schmalen Händen förmlich verschlangen. Dass es nur Samenkörner waren, Samenkörner zur Rettung aller, würde ihr keiner der von Habgier besessenen Gäste glauben.

Und dann erfolgte ohne Vorwarnung der zweite Angriff.

Doch dieses Mal hatten sie nicht nur fünf Gegner, sondern alle gegen sich. Sie schlugen sich wacker, doch langsam wurde es brenzlig, denn das Kampfgetümmel blieb draußen nicht unbemerkt und zog Neugierige aber auch Gesindel an, das sich ohne zu zögern einmischte und gegen die Fremden stellte.

Samiras und ihre Gefährten wurden immer weiter zurückgedrängt, bis sie im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Rücken zur Wand standen und gegen eine Flut von Leibern kämpften, die nur aus Waffen und Fäusten zu bestehen schien. Es waren einfach zu viele; und die Gier verlieh ihnen zusätzliche Kräfte.

Sie brauchten schnelle Hilfe oder die Massen würden sie über kurz oder lang unter sich begraben. Doch die Rettung aus ihrer misslichen Lage war nicht weit entfernt.

„Zu Hilfe, Danina!“, sandte sie ihren geistigen Hilferuf aus.

Ihr Hilferuf war kaum verklungen, da sprang die schwarze Pantherin mit langen Sätzen die Treppe hinunter. Wie ein Ungewitter kam sie über die Phalanx der Angreifer. Sie schnaubte und schäumte furchterregend und griff zischend an. Wie ein Racheengel wütend brach sie mit Krallen und Zähnen eine Schneise in das Menschengewühl, drang unbeirrt mit brachialer Gewalt zu ihren Freunden vor und baute sich schützend vor Samiras auf. Bis hierhin und nicht weiter, hieß das, und wer sich nicht daran hielt, hatte die Folgen zu tragen.

Ihre Zähne und Krallen waren scharf und davon geschlagene Wunden fürchterlich. Einige ganz Unbelehrbare, deren Verstand von der Gier nach den EDELSTEINEN, die in Wahrheit doch nur Samenkörner waren, völlig vernebelt war, versuchten es noch einmal ansatzweise, zogen sich jedoch mit blutigen Köpfen schnell wieder zurück.

Und dann war die Gaststube plötzlich von einer Sekunde auf die andere leer.

„Wieso hast du mich nicht früher gerufen?“, fragte Danina vorwurfsvoll.

„Ich dachte, wir würden es alleine schaffen. Aber es wurden immer mehr.“

„Immer auf die letzte Minute“, beschwerte sich die Pantherin. „Und ich darf dir dann genauso wie bei deinen unnötigen Verletzungen aus der Patsche helfen. Nun sieh dir nur mal an wie ich aussehe. Das ist ja widerlich“, knurrte sie und leckte sich den blutverschmierten Bart.

Der Wirt stand stocksteif hinter seinem Tresen und starrte sie ängstlich an.

AUFBRUCH

Am nächsten Morgen waren sie schon lange bevor sich das erste blasse Licht des Tages am östlichen Horizont zeigte auf den Beinen. Hetzel führte sie zu einer abseits gelegenen Scheune, in der er zusammen mit Ephlor die Reitpferde untergebracht hatte, die sie nach Preleida bringen sollten, der Stadt, in der der Perlmuttbaum mit Hilfe des Zaubersamens neu entstehen sollte.

Die Todeswüste hatten sie zu Fuß und mit Hilfe der Teleportationsfähigkeiten der Sandokka durchquert. Doch diese waren heimgekehrt und Samiras fragte sich, ob und wann sie Risan wiedersehen würde. Sie hoffte aus tiefstem Herzen bald, denn sie war ihm in inniger Freundschaft und tiefer Dankbarkeit verbunden.

Mehr würde es zwischen ihr und dem Sandokka niemals geben, denn die Sandokka waren zweigeschlechtliche Wesen, Mann und Frau in einem, die zwei Mal in ihrem Leben ein Kind gebären konnten, wann, das regelte die Natur.

Es wäre schön gewesen, wenn er sie bis zuletzt auf ihrem Weg hätte begleiten können. Doch leider hatte die Vorsehung oder der RAT DER WEISEN, wie immer man das sehen mochte, es anders bestimmt.

Und so waren wieder Danina und Karon, Hetzel und Ephlor und natürlich das Mauswiesel Mawi ihre treuen Begleiter. Alles war wie zu Beginn ihrer Suche nach dem Zaubersamen, nur dass diesmal Lestopoktus dabei war, ihr Bruder, der sie aus dem Kerker in Teufats Burg befreit hatte. Ohne ihn hätte sie den Zaubersamen niemals gefunden. Oh ja, Teufat hatte ihn wahrlich gut und sicher versteckt. Ohne die ihr zur rechten Zeit gesandte Vision wäre sie niemals darauf gekommen, dass der Zaubersamen in Lestopoktus´ blasenförmigen Schwanzende in einer Kapsel versteckt war.

„Was ist? Träumst du?“, fragte Hetzel und führte seinen braunen Wallach so dicht an ihr vorbei, dass er sie streifte.

Samiras trat hastig beiseite. Sie hatte in Gedanken versunken mitten im Eingang zum Stall gestanden und nicht bemerkt, dass ihre Gefährten die Pferde bereits gesattelt hatten und sie ihnen den Weg nach draußen versperrte.

„Die Stute ist für dich“, sagte Ephlor, als er sein Pferd, eine graue Fuchsstute, am Halfter an ihr vorbeiführte.

Nachdem auch noch Karon mit seinem Rappen nach draußen verschwunden war, ging sie hinüber zu der Schimmelstute, die bereits gesattelt auf sie wartete. Sie griff nach dem Halfter und führte sie hinaus.

Sie saßen noch nicht auf, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Alles war ruhig. Okzaht schlief noch tief und fest. Hintereinander verließen sie die Stadt.

Samiras streichelte die Stute, die sie aus großen dunklen Augen verständig ansah. Ich werde dich Akazie nennen, dachte sie und strich dem schönen Tier sanft über die weichen Nüstern.

Dabei behielt sie argwöhnisch die dicht nebeneinander stehenden Häuser zu beiden Seiten der Straße im Auge, denn sie hatte die Gier der Angreifer vom gestrigen Abend nicht vergessen.

Für einen kurzen Moment glaubte sie zwischen den Häusern eine Bewegung gesehen zu haben. Doch als sie genauer hinsah, waren da nur gestaltlose Schatten. Sie hatte sich wohl getäuscht. Wenig später lag die Stadt hinter ihnen und sie saßen auf.

„Ab jetzt musst du die Führung übernehmen, denn deine Visionen sollen uns ja die Richtung weisen“, erinnerte Karon sie.

„Hoffentlich trifft Xzatras Prophezeiung zu“, erwiderte Samiras und musterte mit klopfendem Herzen seine stattliche, ganz in schwarzes Leder gekleidete Gestalt, die sich kaum von seinem Rappen abhob und mit dem Tier zu verschmelzen schien. Karon war ein zutiefst ehrenhafter Mann, ganz anders als sein Freund George, der sie an Teufat verraten hatte und zum Dank dafür von dem Magier ermordet worden war. Karon konnte sie vertrauen. Doch nicht nur das, gestand sie sich endlich ein.

Nein, Karon weckte Gefühle in ihr, die ihr Herz höher schlagen ließen und sie verunsicherten. Ob dieses Kribbeln im Bauch wohl das ist, was die Menschen Liebe nennen? dachte sie verwirrt.

„Was ist? Träumst du?“, fragte Karon.

Sie senkte verlegen den Kopf und nahm ihren Platz an der Spitze des kleinen Trupps ein.

In seinen Umhang gehüllt wartete Lestopoktus darauf, dass es endlich weiterging. Er benötigte kein Pferd, das er in seiner ihm von Teufat gegebenen Gestalt sowieso nicht hätte reiten können. In ein kleines Tierchen verwandelt war er leicht genug, um jederzeit bei einem seiner Freunde mitzureiten, ohne dass es das Pferd zusätzlich belastete. Doch jetzt wollte er zuerst einmal in einen Raben verwandelt über ihnen kreisen, um sie vor möglichen Gefahren rechtzeitig warnen zu können.

„Dann auf ein Neues“, sagte Samiras und trieb Akazie mit einem leichten Schenkeldruck an. Gefolgt von ihren Gefährten ritten sie gen Westen, wo hinter der Lawar-Gebirgskette der versteinerte Baum, ihr erstes Ziel, auf sie wartete.

DIE FALLE

Das Land war weit und eben und sie kamen gut voran. Gegen Mittag jedoch versperrte ihnen ein bedrohlich wirkendes Felsmassiv den Weg, dessen zerklüftete Ausläufer mit dürrem Gras und niedrigen, knorrigen Bäumen bewachsen waren. Zwischen hoch aufragenden Felswänden führte ein schmaler Pfad hindurch, der einzige Weg weit und breit. Sie ritten näher heran und sahen, dass der Boden an vielen Stellen so zerfurcht und ausgewaschen war, als fließe hier oft und viel Wasser hindurch.

„Irgendetwas stimmt hier nicht, Samiras“, warnte Danina.

„Das Gefühl habe ich auch. Trotzdem gibt es nur diesen einen Weg, falls wir nicht zurückreiten und einen günstigeren suchen wollen. Aber das kostet Zeit.“ Und die haben wir nicht, fügte sie im Stillen hinzu, denn sie hatte die Drohung, die ihr der Dämon aus seinem Tümpel in dem unterirdischen Gewölbe in Teufats Burg entgegengeschleudert hatte, nicht vergessen. Und wie schon so oft, klang sie auch jetzt wieder in ihren Ohren:

„Für heute hast du gewonnen. Doch das Böse lässt sich nicht auf ewig verbannen. Ich kehre stets wieder zurück, denn ich bin unsterblich, existiere schon so lange wie die Welt. Wir sehen uns wieder, Samiras, und dann gewinne ICH! Ich habe Zeit, so unendlich viel Zeit. Du hast den Zaubersamen gefunden, jedoch den Perlmuttbaum noch nicht zu neuem Leben erweckt. Sollte es dir nicht gelingen, kehre ich aus der Verbannung zurück und vernichte dich und alles, was dir lieb und wichtig ist.

Schaffst du es jedoch, dann sage ich dir: Vereinige dich ruhig mit dem Perlmuttbaum und erwecke ihn zu neuem Leben. Schenke der Welt ein schöneres Kleid. Welch ein Vergnügen wird es dann erst für mich sein zurückzukehren und alles wieder zu zerstören. Und glaube mir, ich werde es mit jeder Faser genießen!“, gellte seine abscheuliche, boshafte Stimme auch jetzt wieder in ihren Ohren.

Was mochte er wohl damit gemeint haben: Vereinige dich ruhig mit dem Perlmuttbaum? Niemand konnte eins werden mit einem Baum. Und doch hatte er es gesagt. Also musste es auch etwas bedeuten? Aber was? Sie wusste es nicht und würde es durch Grübeln auch sicherlich nicht erfahren.

Einen Steinwurf von ihnen entfernt landete der Rabe Lestopoktus auf einem knorrigen Ast und beobachtete sie.

Karon und Hetzel musterten argwöhnisch die hohen Felswände. Doch falls wirklich Gefahr bestand, zeigte sie sich nicht. Sie mussten sich entscheiden. Wollten sie das Wagnis einer möglichen Bedrohung eingehen oder lieber zurückreiten, um nach einem anderen Weg zu suchen?

Sie waren sich schnell einig. Ihr gefahrvoller Weg durch die Todeswüste hatte sie zu Freunden werden lassen, da bedurfte es nicht vieler Worte. Die Zeit drängte, also würden sie sie nicht vergeuden. Sie lenkten ihre Pferde auf den schmalen Pfad und ritten im Schritttempo hintereinander weiter. Alles blieb ruhig. Sie entspannten sich.

Da schnappte im letzten Drittel des Weges die Falle zu!

Von oben fiel ein Netz über sie, dem alleine Danina mit einem geschmeidigen Satz entkam. Sekunden später war sie verschwunden, Samiras und Hetzel, Ephlor und Karon jedoch mit ihren Pferden in dem Netz gefangen. Sie verloren keine Sekunde. Mit ihren Messern versuchten sie sich aus dem stabilen Maschenwerk zu befreien und hätten es vielleicht sogar geschafft. Aber natürlich ließen ihnen ihre noch unsichtbaren Angreifer nicht die dafür erforderliche Zeit.

„Wir bekommen Besuch“, knurrte Hetzel und griff nach seiner Axt, einer fürchterlichen Waffe in der Hand des Zwerges.

Und da stürmten auch schon johlend vor und hinter ihnen wüst aussehende, schwer bewaffnete Kerle herbei und umzingelten sie.

„Versteck dich“, raunte Samiras Mawi zu. „Danina ist entkommen und Lestopoktus beobachtet uns aus der Ferne. Du kannst uns sicher später noch helfen. Im Moment jedoch kannst du für uns nichts tun. Schnell jetzt! Verschwinde!“ Sie durchtrennte mit ihrem Dolch hastig einige Schnüre und das Mauswiesel huschte davon.

Gerade noch rechtzeitig!

„Legt die Waffen nieder und ergebt euch“, forderte eine unangenehme Stimme, kaum dass Mawi verschwunden war. „Ihr habt keine Chance. Wir sind in der Überzahl, kapiert?“

Er hatte recht. Im Moment konnten sie tatsächlich nichts anderes tun, als sich zu ergeben, so schwer es ihnen auch fiel. Zuerst einmal mussten sie das verdammte Netz loswerden. Danach würde man weitersehen. Sie legten ihre Waffen auf den Boden und hoben die Hände.

Sofort wurde das Netz in die Höhe gezogen und die Galgenvögel umringten sie. Sie banden ihnen die Hände auf den Rücken und stießen sie gegen die Felswand in ihrem Rücken. Ein brutal aussehender, vierschrötiger Kerl baute sich vor ihnen auf und starrte sie an.

Der Anführer dieser üblen Horde wie sich sogleich herausstellte. „Uns entkommt niemand“, sagte er höhnisch und trat so dicht an Samiras heran, dass sie seinen fauligen Atem roch. Angewidert senkte sie den Kopf. „Wo habt ihr die Pantherin und das kleine Monster gelassen?“, knurrte er. „Als ihr Okzaht verlassen habt, waren sie noch bei euch. Wir haben euch nämlich beobachtet.“

Sofort fiel Samiras der Schatten in der Häusernische ein. Also hatte sie sich doch nicht getäuscht. Aber das nützte ihnen jetzt auch nichts mehr.

„Die beiden haben sich von uns getrennt. Sie hatten ein anderes Ziel“, erwiderte sie.

„Hau ihr eine rein, Kurt, dann redet sie schon“, grölte ein hoch aufgeschossener, spindeldürrer Kerl.

„Bei so ´ner hübschen Braut hätte ich aber ´ne weitaus bessere Idee“, schrie ein anderer. Dröhnendes Gelächter und wüste Zurufe stimmten ihm begeistert zu.

„Du lügst, Süße“, knurrte Kurt gallig. „Aber wir bringen dich schon noch zum Sprechen. Wir haben da so unsere ganz speziellen Methoden.“ Die Kerle hauten sich vor Vergnügen auf die Schenkel.

Samiras liefen Eisschauer den Rücken runter, doch sie ließ sich ihre Angst nicht anmerken. Karon, Ephlor und Hetzel verhielten sich ruhig, um die Kerle nicht noch mehr zu reizen, aber ihre Augen sprühten vor Zorn.

Nachdem man ihnen außer ihrer Kleidung fast alles abgenommen und ihre Pferde zu einem Einschnitt zwischen den Felsen geführt und angepflockt hatte, wurden sie mit rüden Stößen zu einem breiten Spalt in der hoch aufragenden Wand getrieben, hinter dem sich der Zugang zu einer stillgelegten Mine verbarg. Ein Labyrinth aus Höhlen, Stollen und Schächten, aus dem es für Fremde kein Entkommen gab wie ihnen Kurt, der Anführer, höhnisch versicherte. „Besser ihr macht keine Sperenzchen“, warnte er grinsend.

Menschen, dachte Hetzel verächtlich. Was für ein überheblicher Dummkopf. Ich möchte den Zwerg sehen, der sich in solch einer mickrigen Mine verirrt. Er fühlte Karons Blick, der wohl gerade dasselbe dachte, und grinste. Erstaunlich, dieser Krieger. Wären alle Menschen wie er, könnte ich mich direkt an sie gewöhnen, dachte der Zwerg.

Anfangs versuchte Samiras sich den Weg zu merken. Jedoch anders als ein daran gewöhnter Zwerg, verlor sie in diesem Wirrwarr von Stollen und Höhlen die Orientierung und gab auf. Hetzel würde bestimmt einen Weg hinausfinden, dachte auch sie. Außerdem würde Danina sie ebenso wenig in Stich lassen wie Lestopoktus und Mawi. Kein Grund sich Sorgen zu machen, solange sie noch fest auf beiden Füßen standen.

Endlich blieb der Anführer stehen. „Jetzt geht´s dir gleich an den Kragen“, feixte er und gab ihr einen Stoß, der sie in eine feuchte Höhle taumeln ließ, in der es nach Unrat, Schimmel und Verfall stank. In der Mitte der Grotte brannte ein Feuer, dessen züngelnde Flammen tanzende Schatten auf eine hohe, in einen bodenlangen Umhang gehüllte Gestalt warf, die mit dem Rücken zu ihnen stand.

Einen schrecklichen Moment lang stockte Samiras der Atem. Sie glaubte Teufat vor sich zu haben. Doch dann beruhigte sie sich. Unsinn, rief sie sich zur Ordnung. Der Magier konnte es unmöglich sein. Die Zauberinnen Xzatra und Beruna hatten Teufat in die Zwischenwelt verbannt, wo er in Ruhe über seine Schandtaten nachdenken konnte, was er jedoch sicherlich nicht tun würde.

Eher würde er wohl nach einer Möglichkeit suchen zu entkommen, was jedoch ohne die Hilfe schwarzer Magie von außen nicht möglich war. Doch Teufat war skrupellos, durchtrieben und schlau. Xzatra würde ein sehr wachsames Auge auf ihn haben müssen.

Aber wer war der Mann am Feuer? Was wollte er von ihnen? Natürlich den Zaubersamen, den er für Edelsteine hielt, beantwortete sie die Frage selbst. Sie musste unbedingt wissen, was er vorhatte.

Vorsichtig streckte sie ihre geistigen Fühler aus und spürte einen schwachen Hauch von Magie. Doch das beeindruckte sie nicht. Nein, was sie erschreckte, war die Verdorbenheit und Gier, dieser Morast an Schlechtigkeit in diesem Wesen dort am Feuer.

Da drehte sich der Vermummte mit einem Ruck zu ihnen um. „Durchsucht sie“, befahl er.

„Das haben wir schon, Boss“, erwiderte Kurt. „Dem Mann, dem Zwerg und dem Elf haben wir alles abgenommen, und die Frau hat außer einer leeren Wasserflasche und einem ebenfalls leeren Vorratsbeutel auch nichts mehr bei sich.“

Nur gut, dachte Samiras, dass ich die Kapsel mit dem Zaubersamen Lestopoktus zur Aufbewahrung gegeben habe. Seit dem Kampf in der Schänke war damit zu rechnen gewesen, dass man versuchen würde, ihr die vermeintlichen Edelsteine abzunehmen. Die Gier in den Augen der Männer war allzu offensichtlich gewesen.

„Ich werd verrückt“, keuchte Karon neben ihr. „Wie kommt denn der hierher?!“

Auch Hetzel, Ephlor und Samiras starrten sprachlos vor Überraschung auf das Wesen, welches plötzlich aus dem Schatten des Vermummten auftauchte.

Das konnte doch nicht wahr sein!

Etwa einen Meter groß; dunkelgraue, ledrige Haut; kurze, stämmige Beine; hornige Füße und Hände die übergangslos in jeweils drei zangenartigen Gliedern endeten. Oh ja, sie kannten diese Kreatur, die sie aus glitzernden Facettenaugen höhnisch anstarrte.

Eingepackt in eine wattierte Jacke und Hose kam Iont, der Kriegsherr der Skorps, grinsend auf sie zu. Er zitterte vor Kälte, vielleicht aber auch vor Hass. Aber wieso war er hier? Was hatte ihn aus der Todeswüste hierher getrieben? Was wollte er hier?

„Sie sind es“, stieß der Skorp hasserfüllt hervor.

„Aber die Elfin, der goldene Drache und die schwarze Pantherin fehlen.“

Als der Anführer seine Kapuze zurückschob, warf flackernder Feuerschein Schatten auf sein pockennarbiges Gesicht, verzerrte es zu einer boshaften Fratze, die ihnen riet, ihn nicht zu unterschätzen. Er fuhr sich mit der Hand über seinen kahlen Schädel und musterte sie abschätzend.

„Ich bin der Magier Kretox und Anführer dieser Männer. Sie stehen unter meinem Schutz. Hütet euch also vor meinem Zorn“, sagte er arrogant.

Ach, du meine Güte, dachte Samiras. Nur weil er vielleicht einen Hauch von Magie in sich spürt und ein paar Taschenspielertricks beherrscht, glaubt dieser Angeber, er sei ein begnadeter Magier. Was für ein Hohlkopf! Aber ungefährlich ist er nicht. Mal hören, was er uns zu sagen hat.

„Und jetzt zu uns beiden, Süße. Wo sind die Edelsteine?“, fragte Kretox und trat wie der Kerl vorhin so dicht an sie heran, dass sie seinen heißen Atem auf ihrer Haut spürte. Angewidert wich sie vor ihm zurück, bis die raue Felswand sie stoppte. Der selbst ernannte Magier wertete ihr Zurückweichen als Angst und grinste zufrieden.

„Also?“, knurrte er.