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Ein Mann wird entführt. Für ihn und seine Familie beginnt ein schrecklicher Albtraum. Erst spät wird die Polizei in das Verbrechen eingeschaltet. Es beginnt für die Ermittler ein Wettlauf gegen die Zeit, vor allem, als der Entführer davon erfährt, dass gegen seine Regeln verstoßen wurde.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Bianca Hirtreiter
Der Plan
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5.
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Epilog
Impressum neobooks
Der Plan
von Bianca Hirtreiter
“There is no perfect crime, but if you create enough reasonable doubts, you might have a perfect defense!”
(by DB Russell, CSI Vegas)
Er war aufgeregt.
Sein ganzer Körper war angespannt, bis in die letzte Faser. Seine Hände schwitzten in den schwarzen Lederhandschuhen.
Das berühmte Lampenfieber.
Wer kannte dies nicht. Ein großer Auftritt stand bevor und kurz davor stieg die Nervosität ins Unermessliche. Sei es eine Rede vor einem großen Publikum, die Premiere eines Theaterstückes, ein Referat in der Schule oder, wie in seinem Fall, die Abholung seines Gastes – es spielte keine Rolle. Jeder war vorher nervös, manche mehr und manche weniger.
Seine Vorfreude rückte völlig in den Hintergrund. So etwas hatte er noch nie gemacht, es war sein allererstes Mal.
In den letzten Wochen und Monaten hatte er alles durchgeplant. Versuchte an jedes noch so kleine Detail zu denken. Immerhin sollte alles perfekt sein, wenn sein Gast kam. Das Zimmer, das Bett – alles war bereit. Nichts würde schief gehen – nichts durfte schief gehen!
Die Abholung selbst war er ebenfalls gefühlte tausendmal in Gedanken durchgegangen. Hatte alle Eventualitäten durchgespielt, alle möglichen Probleme und Komplikationen bedacht. Jeden verdammten Tag in den letzten Wochen und Monaten hatte er geübt und trainiert. Er musste zugeben, es hatte ihm teilweise auch großen Spaß gemacht und die Vorfreude auf den großen Tag wurde immer größer. Fast wie die Vorfreude auf den Weihnachtsabend.
Am Morgen der Abholung war er zwei Stunden vor seiner üblichen Zeit aufgestanden. Bevor er zur Arbeit gefahren war, kontrollierte er alles noch ein letztes Mal. Das vorbereitete Zimmer mit dem Proviant, dem Eimer, der Matratze und der Kette. Schnell noch den Inhalt der Sporttasche gecheckt, alle benötigten Utensilien waren eingepackt, alles war komplett. Zum
Schluss noch die Prüfung seiner Kleidung auf mögliche, auffällige Elemente, Risse oder Flecken.
Sein Gast konnte sich geehrt fühlen. So viel Arbeit, nur für ihn. Er hatte viel Geld für das alles ausgegeben, viel investiert. Ein so großes Unterfangen hatte er noch nie in seinem bisher langweiligen Leben durchgeführt. Er freute sich schon wie ein kleines Kind auf die Zeit mit seinem Gast, auch wenn ihm bei dem Gedanken etwas mulmig zu Mute war.
Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm die Zeit: 21:00Uhr. In wenigen Augenblicken war es soweit, gleich würde sein Gast auftauchen und die Abholung konnte beginnen. Seine Nervosität erreichte den Höhepunkt, sein Puls raste, sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Seine Hände badeten in den Handschuhen in seinem Schweiß. Sein Unterhemd war feucht. Die Angst zu versagen machte sich breit. Er musste sie irgendwie besiegen. Wer zu viel Angst hatte, machte Fehler – und das durfte nicht geschehen, es durfte
nichts schief gehen. Er musste sich einfach nur darauf konzentrieren, was er in der letzten Zeit bis zum Umfallen geübt hatte und daran festhalten, dass an alles gedacht wurde.
Der Plan war wasserdicht.
Oder?
Aufkommende Zweifel nährten sich von seiner Angst. Was, wenn er doch etwas vergessen hatte? An eine Kleinigkeit nicht gedacht hatte?
Er schüttelte seinen Kopf.
Konzentrier dich, Alter!
Im darauffolgendem Moment öffnete sich eine Tür, Schritte waren zu hören und kurz darauf gingen die Lichter an und tauchten die Tiefgarage in ein mattes, kaltes Licht. Jemand hatte den Bewegungssensor aktiviert. Sein Stichwort aus seinem Versteck einen vorsichtigen Blick zu wagen, wer derjenige war, welcher das Licht aktiviert hatte. Er war sein Gast, Frank Harland.
Fast pünktlich auf die Minute, wobei keine wirkliche Zeit ausgemacht war. Harland trainierte jeden Dienstag im Fitnessstudio des Gebäudes stets bis zum Schluss, um neun Uhr abends. Bis er dann geduscht, umgezogen und bei seinem Wagen war – das nahm schon zehn bis zwanzig Minuten in Anspruch.
Beim Anblick seines Gastes waren seine Zweifel und seine Ängste blitzartig verschwunden. Er fühlte sich gestärkt und bereit.
In die eine Hand nahm er den kleinen Knüppel und in die andere das mit Chloroform getränkte Taschentuch.
Mit beiden bewaffnet schlich er sich lautlos und doch recht zügig von hinten an seinen Gast heran. Dieser
bemerkte davon nichts.
Das war auch gut so.
Harland schlenderte ahnungslos auf seinen Wagen zu, einem schwarzen BMW X5 SUV und verstaute seinen Rucksack auf der Rückbank. Er war schon im Begriff die Fahrertür zu öffnen.
Das war sein Stichwort!
Die nächsten Sekunden, Augenblicke ging alles rasend schnell. In dem Moment, als Harland die Hand an der Fahrertür hatte, schlug der Knüppel auf seinen Hinterkopf nieder. Mit einem kurzen Aufschrei fiel er nach vorne. Zügig ließ er den Knüppel fallen, schlang seinen Arm und Harlands Körper, klemmte ihn zwischen sich und dem Wagen ein und presste ihm das mit dem Narkosemittel getränkte Taschentuch fest auf Mund und Nase. Der Gast war stark, er versuchte um sich zu schlagen, versuchte zu schreien, warf den Kopf hin und her, wehrte sich mit aller Kraft gegen den Angriff.
Und genau für diesen Fall hatte er das Krafttraining absolviert. Das tägliche Hanteltraining zahlte sich nun aus.
Harland versuchte immer wieder zu schreien, doch es kamen nur gedämpfte Laute.
Der Kampf dauerte einige Sekunden, gefühlte Minuten und mit jedem Atemzug seines Gastes gelangte immer mehr Chloroform in seinen Kreislauf. Zunehmend nahm die Gegenwehr ab und schließlich sackte Harland bewusstlos zusammen.
Puh… kurz durchatmen. Den Puls wieder etwas beruhigen. Die Arme durchschütteln. War doch anstrengender als gedacht.
Nun gut. Der erste schwierige Teil war zur Hälfte erledigt. Zu gerne würde er sich jetzt eine Pause gönnen wollen. Gemütlich ins nächste Café setzen und einen Latte Macchiato schlürfen.
Nur war das nicht möglich, zumindest noch nicht. Er musste jetzt weiter machen, seinen Gast zum vorbereiteten Zimmer bringen. Schnell, effektiv und allen voran – unauffällig.
Im Moment befand er sich mitten in einer öffentlichen Tiefgarage, in jeder Sekunde könnte jemand auftauchen. Es war zwar fast zehn Uhr nachts, trotzdem befanden sich noch andere Fahrzeuge hier unten. Eins davon könnte dem Fitnesstrainer gehören zum Beispiel, wenn der jetzt auftauchen würde,
während er über dem bewusstlosen Harland stand – der Plan wäre vorbei, ehe er richtig angefangen hätte. Also, zurück an die Arbeit!
Zuerst öffnete er den Kofferraum, dann hievte er den schlafenden Harland hinein. Zu gerne wäre er mit dem Porsche des Gastes gefahren. Diese Erfahrung blieb ihm bisher erspart, sein Konto war dadurch nicht ausreichend gefüllt.
Andererseits wäre für die Abholung der Porsche unangebracht gewesen. So schön ein Porsche Carrera 911er auch war, hatte er doch einen großen Nachteil – einen wirklich kleinen Kofferraum. Harland würde da niemals reinpassen. Er hätte ihn also auf der Rückbank transportieren müssen. Das wäre eventuell aufgefallen.
Da war der BMW weitaus besser.
Nachdem er nun den Sitz und die Spiegel auf seine Größe eingestellt hatte, startete er den Motor.
Wow, was für eine Sound. Das klang weitaus besser als bei seinem alten Jeep.
Ab der Tiefgarage hieß es nun weiterhin äußerste Vorsicht walten zu lassen. Einen Unfall musste er jetzt vermeiden. Denn die Wirkung der Betäubung würde nachlassen, während sie auf eine Polizeistreife warteten. Noch dazu käme es vor den Beamten etwas blöd mit einem betäubten Mann im Kofferraum rumzufahren.
Das würde alles zu nichte machen.
Sein Weg führte über den Stadtgraben, über die Durchfahrt am Theresien Center zur Regensburger Straße und schließlich raus aus der Stadt Richtung Tierpark. Alles verlief ohne Probleme, welche er auch nicht wirklich erwartet hatte. Denn mitten im Verkehrsgetümmel interessierte sich keiner für den anderen. Niemand hinterfragte, ob der Fahrer gleichsam der Halter des Fahrzeugs war. Es gab auch keinen Grund dafür. Immerhin war es nicht unüblich sich einen Wagen zu leihen oder ein Dienstfahrzeug zu fahren. Im Verkehr spielte nur eine Sache eine
Rolle – jeder wollte so schnell es ging an sein Ziel. Jeder hasste es im Stau zu stehen. Ähnlich war es auch bei den Passanten, auf die Fußgänger und Radfahrer musste man als Autofahrer besonders achtgeben. Nur Egoisten, die an ihr eigenes Vorankommen dachten.
Durch diese allgemeine Ignoranz jedoch war es ihm möglich mit einem betäubten Mann im Kofferraum durch die Stadt zu gondeln, in einem geklauten BMW. An eine Maskierung hatte er zwar gedacht. Sich dann aber dazu entschlossen keine zu verwenden. Auch dafür gab es für ihn keine wirkliche Notwendigkeit. Am Abend bzw. in der Dunkelheit zu fahren gab dem Fahrer eine gewisse Anonymität. Außerdem, wie oft war er schon in einer Stadt unterwegs gewesen, oder auf Autobahnen. Bestimmt an die Hundert- oder Tausendmal. Und er konnte sich an kein einziges Gesicht erinnern.
Darauf vertraute er jetzt auch.
Vom Abholort bis zu seinem Jeep brauchte er maximal zehn Minuten. Ein relativ kurzes Fahrvergnügen mit dem coolen BMW. Er stellte den Motor ab und hielt kurz inne.
Der Wagen fuhr sich einfach gigantisch! Zu gerne würde er ihn behalten, den BMW gegen seinen Jeep eintauschen.
Ein Ding der Unmöglichkeit.
Er fokussierte seine Gedanken wieder auf das Wesentliche. Seinen Gast. Er warf einen Blick in den Kofferraum, Harland schlief seelenruhig und atmete gleichmäßig. Und damit dies auch so blieb, hielt er ihm das Taschentuch, welches er erneut mit Chloroform tränkte, vors Gesicht. Immerhin hatten sie noch eine lange Fahrt vor sich und in der Zeit durfte Harland nicht aufwachen. Erst wenn er in seiner neuen Bleibe war.
Nach einer Minute verstaute er das Tuch wieder in seiner Jacke und holte sich seine Sporttasche von der Rückbank. Darin befanden sich nämlich die
„Schmuckstücke“ für seinen Gast: Handschellen, Knebel und Augenbinde. Die Hände fesselte er ihm zunächst auf den Rücken und die Augenbinde fixierte er zusätzlich mit einem breiten Klebeband. Damit sein Gast nicht in die Versuchung kam die Augenbinde abzustreifen. Sollte der Gast jemals sein Gesicht sehen, dann würde der Worst Case eintreten – und dazu war er noch nicht bereit. Er konnte auch nicht sagen, ob er jemals dazu bereit wäre.
Während der Heimfahrt lief der Radio. Er hörte allerdings nur mit einem Ohr zu. Er war mal wieder in Gedanken versunken. Es war irgendwie alles so einfach gewesen. Auch die Beschaffung seiner Werkzeuge, ein Kinderspiel. Den Knüppel, die Handschellen, das Chloroform – alles hatte er aus dem Internet. Das Klebeband hatte er im Baumarkt gekauft. Die Lederhandschuhe in einem Kleidungsgeschäft. Er fand es erstaunlich, was man heutzutage alles im Netz kaufen konnte. Man musste nur wissen, wo!
Seine Nervosität war mittlerweile gänzlich gewichen. Der Adrenalin Kick des Überfalls war gigantisch. Sein Herz raste zwar noch, doch dieses Mal war es ein gutes Gefühl, ein verdammt gutes Gefühl. Alles lief problemlos, so kinderleicht.
Sein Training hatte sich bezahlt gemacht. Er war nun der festen Überzeugung: Der Rest würde genauso reibungslos ablaufen.
Kurz nach 23:00Uhr befuhr er sein Grundstück. Home Sweet Home
Seinen Jeep stellte er gleich in die Garage und schloss das Tor, zum Schutz vor den neugierigen Augen seiner Nachbarn. In einer kleinen Ortschaft zu wohnen hatte seine Vor- und Nachteile. Positiv war die Ruhe, kaum Verkehrslärm. Aber, jeder kannte jeden. Ein Privatleben gab es hier kaum. Vor allem das Privatleben anderer war interessant. Jeder im Dorf wusste, dass er seit Monaten Single war. Er war schon oft Thema bei Skat Abende in der Kneipe gewesen.
Erntete teilweise schon mitleidige Blicke seiner Nachbarn. Und das Gerücht, er sei schwul, machte langsam die Runde. Aber keiner von denen kannte die Wahrheit. Niemand interessierte sich auch nicht für die Wahrheit. Sobald ein Gerücht die Runde machte, wurde es von allen ausgeschlachtet und verbreitet. Völlig egal ob die Information stimmte oder frei erfunden war.
Manchmal überkam ihm das Bedürfnis seinen Nachbarn die Wahrheit ins Gesicht zu brüllen. Er war nicht schwul. Ganz im Gegenteil. Er war auf der Suche nach einer Frau fürs Leben. Er wollte eine Familie haben. Er wünschte sich mindestens zwei Kinder. Die Namen hatte er schon seit Jahren im Kopf. Das Haus stand schon fertig da. Das große Problem war nur: Er fand kaum Zeit für die Partnersuche. Beruflich war er sehr eingespannt und auch viel unterwegs, meist tagelang. So gut wie jede Woche musste er auf Montage fahren, war in ganz Deutschland tätig und teilweise auch im angrenzenden Ausland. Nur an den Wochenenden hatte er Zeit für sich und seine Suche,
neben den anfallenden Arbeiten an seinem Haus. Sein Bruder nervte ihn schon, er solle doch mal unter die Leute gehen. Abends weggehen, mit Frauen anbandeln.
Es war ja nicht so, dass er sich von der sozialen Welt abkapselte am Wochenende. Er war eben nicht der Typ, der ebenso aus dem Stegreif raus fremde Frauen ansprach. Dafür war er zu schüchtern. Zudem bot das Internet diesbezüglich auch viele Möglichkeiten. Es gab jede Menge Dating Seiten wie Parship, Elitepartner und wie sie alle hießen. Nur die Premium Mitgliedschaften ersparte er sich, da zahlte man sich nur dumm und dämlich. Auf einige Vorschläge hatte er eine Nachricht geschrieben mit seiner Handynummer. Und dadurch die Eine gefunden.
Seine Traumfrau. Sie war die zukünftige Mutter seiner Kinder, das spürte er bereits nach dem ersten Date. Die Unterhaltung war die schönste in seinem Leben gewesen. Ein ganzer Schwarm an Schmetterlingen schwirrte in seinem Bauch herum, jedes Mal, wenn er ihr Gesicht sah, ihre Stimme hörte, ihren Duft roch.
Das ganze Unterfangen tat er für sie, um ihr ein sorgenfreies Leben bieten zu können. Das Versprechen hatte er ihr gegeben und er würde alles dafür tun, um es halten zu können.
Mit dem Gast auf den Schultern, lief er über die Garage durch seine Hobby-Werkhalle hinüber zum vorbereiteten Zimmer. Die Halle war noch ein Restbestand der Voreigentümer. Früher befand sich auf dem Grundstück eine Schreinerei, bis diese in die nächstgrößere Ortschaft verlegt wurde. Er selbst hatte das Grundstück bei einer Versteigerung günstig erstanden, zu einem recht ansehnlichen Preis. Wenige Meter von der Halle entfernt stand sein Haus, z.T. selbst gebaut. Für ihn war es eine Investition in die Zukunft: Ein Heim für sich, seine Frau (die er nun endlich gefunden hatte) und für seine Kinder (welche bald auf die Welt kamen, sobald der Plan mit Harland beendet war).
Die Halle nutzte er normalerweise für sein Hobby. Er sammelte gerne Werkzeuge, vom Mittelalter bis zur
Neuzeit. An seinen freien Tagen verbrachte er auch viel Zeit beim Basteln, neben der Suche nach seiner Frau fürs Leben, die er jetzt endlich beenden konnte. In den letzten Jahren kam es oft vor, dass er den ganzen Tag in der Halle war – meistens, wenn er gefrustet war noch keine passende Partnerin gefunden zu haben.
Er kreierte sich seine eigenen kleinen Projekte. Baute Truhen, Schränke, Stühle, Tische und andere Möbel, verkaufte sie teilweise auf Ebay. Sein bisher größtes Objekt war das Zimmer für den Gast. In einer Ecke seiner Halle zog er zwei Wände hoch, diese ergaben zusammen den Außenwänden einen kleinen Raum. In einer selbst errichteten Wand baute er eine Tür ein mit einem einfachen Riegel mit Vorhängeschloss. Für die Decke nahm er Rigips Platten. Außen an den Mauern und der Decke brachte er dickes Isoliermaterial (dies diente auch zur Schalldämpfung) und integrierte eine Lüftung, damit sein Gast stets genügen Luft zum Atmen hatte. Nachdem er mit allem fertig war führte er einen Art „Schrei“ Test durch. Dazu legte er ein
Diktiergerät (auf Aufnahme gestellt) außen vor den Raum und sperrte sich danach selbst ein. Er brüllte mit aller Kraft, so laut er konnte.
Fazit des Testes: Auf dem Gerät war nicht ein einziger Ton zu hören. Mission geglückt: der Raum war bereit. Die Ausstattung war auch ganz einfach. Ein Eimer für die Notdurft, eine alte Matratze als Sitz- u.
Schlafgelegenheit sowie eine an der Wand fixierte Kette mit einer Rohrschelle vorne dran, welche als „Halsband“ dienen würde.
Die Halterung an der Wand prüfte er mehrmals genauestens auf Festigkeit, ebenso die Sicherheit des Türschlosses. Wobei er sich sicher war, dass sein Gast niemals von allein bis zur Tür kommen würde.
Vorsichtig legte er seinen Gast auf die Matratze und kettete ihn an. Es würde noch eine Weile dauern, bis die Betäubung nachlassen würde. Fürs erste war seine Arbeit hiermit getan. Zeit für den verdienten Feierabend. Zurück in seinem Haus ließ er sich erschöpft auf sein Sofa fallen. Endlich konnte er richtig
entspannt durchatmen und runterkommen. Nach einer Stunde Fernsehen legte er sich schlafen, stellte den Wecker auf fünf Uhr morgens und knipste das Licht aus.
„Das Spiel kann beginnen!“ sagte er zu sich selbst.
Lächelnd schloss er die Augen und schlief schnell ein.
Kathrin Spahn war so stolz auf sich. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie es geschafft ihre guten Vorsätze einzuhalten. Letztes Silvester hatte sie sich fest vorgenommen sportlicher zu werden und nur noch mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Außer natürlich bei Regen, Schnee oder Eisglätte. Bisher war es bei den Vorsätzen geblieben – ohne Umsetzung. Aber jetzt hatte sie es geschafft. Das neue Jahr war bereits ein paar Monate alt und sie fuhr noch immer mit dem Rad regelmäßig zur Arbeit. Mittlerweile machte es ihr auch großen Spaß. Die frische Morgenluft gab ihr ein belebendes Gefühl und sie ersparte sich die langen Wartezeiten im Berufsverkehr. An der Kreuzung Heerstraße-Mühlsteingasse war morgens die Hölle los. Es wurde stets mitten in die Kreuzung reingefahren, auch wenn eindeutig zu erkennen war, dass der Verkehr stockte. Dadurch blockierten diese Fahrer andere Fahrzeuge. Oft genug raubte Kathrin dieser Zustand den letzten Nerv und führte dazu, dass sie
bereits gereizt ins Büro kam. Das widerstrebte ihr völlig. Ihre schlechte Laune an unschuldige auszulassen wollte sie nicht und sie versuchte alles um dies zu vermeiden, was nicht immer einfach war. Kathrin liebte ihren Beruf, ihre Arbeit bei der Firma Harland. Ihre Kolleginnen, Kollegen und auch ihre Vorgesetzten waren sehr gute Freunde. Das beste Verhältnis hatte sie zur Frau des Chefs. Auf einer Betriebsfeier waren sich die Frauen nähergekommen und hatten angefangen sich zu duzen.
Einer von Kathrins persönlichen Höhepunkten in ihrer langjährigen Tätigkeit für die Firma.
Am Fahrradstellplatz stellte sie ihr Rad ab und befestigte ein Schloss am Hinterreifen. „Kathrin! Guten Morgen!“ Sie wandte sich um. Doris Seibicke von einer der Arztpraxen im Gebäude. Sie stand an den Briefkästen und rauchte ihre übliche Morgenzigarette. Kathrin gesellte sich kurz dazu, für einen kleinen Small Talk. Ihre Kollegin Isabel war ebenfalls Raucherin, nahezu jeden Tag stand sie mit Doris vorm Eingang
des Gebäudes und qualmte. Unbewusst oder bewusst, je nachdem wie man es betrachten wollte, tauschten die beiden Damen dann die neuesten Geschehnisse und Gerüchte aus.
Kathrin versuchte immer eine Unterhaltung mit der Seibicke zu vermeiden. Sie konnte nicht genau sagen wieso, aber aus irgendeinem Grund konnte sie sie nicht leiden. Unverkennbar war die ausgeprägte extrovertierte Persönlichkeit von der Frau, die sich selbst gerne reden hörte. Bei jedem im Haus war sie bekannt. Sie ging direkt auf Menschen zu, meist auf solche Leute von denen sie einen Gefallen einfordern konnte, wie zum Beispiel den Hausmeister.
Einmal ging sogar im Haus das Gerücht um, Doris sei eine fiese intrigante Schlange, die alle Menschen um sich zu ihrem Vorteil manipulierte. Alle wurden ausgebootet, nur damit sie als gefeierter Star dastand, sie würde stets die Lorbeeren von anderen ernten. Und man sagte sich, sie sei ein kleiner „Nazi“. Ihre Abneigung gegen Ausländer versteckte sie auch nicht, im Gegenteil. Sie ließ jeden „Nicht-Deutschen“ ihren
Unmut spüren. Für die Seibicke waren das alles nur Verbrecher, diese Kanacken wie sie die Ausländer oft „liebevoll“ nannte.
Kathrin selbst gab nicht viel auf Gerüchte und bisher hatte sie nur positive Erfahrungen mit Doris gemacht. Auf der anderen Seite musste sie zugeben, sie hatte sich ihr bisher auch noch nicht in den Weg gestellt, bzw. gegen sie gearbeitet.
Nach dem Rauchen bestiegen die beiden Frauen gemeinsam den Fahrstuhl, im zweiten Stock verabschiedete sich Doris mit einem „Einen schönen Arbeitstag noch!“. Kathrins Weg führte sie in den fünften Stock.
„Guten Morgen!“ rief sie ihrer Kollegin Isabel Meier entgegen.
„Kathrin! Endlich! Schnell, komm her!“ Sie kam auf Kathrin zugeeilt, kaum dass sie den Raum betreten hatte und zerrte sie rasch hinter die Rezeptionstheke. „Was ist denn los?“
„Die Chefin ist da!“ Kathrin wartete kurz, ob noch etwas hinterherkam. Nachdem dies nicht der Fall war, fragte sie nach, was daran so ungewöhnlich sei. Sie verstand die Aufregung ihrer Kollegin nicht ganz. Birgit Harland arbeitete schließlich ebenfalls hier. Isabel klärte Kathrin auf. Wie jeden Morgen kam sie auch heute um halb acht ins Büro. Sie war stets die Erste am Tag. Und wie jeden Morgen fuhr sie sämtliche Rechner hoch und brühte Kaffee und Tee auf. Doch dieses Mal war etwas anderes. Als sie ins Büro von Frau Harland ging und das Licht anknipste blieb ihr fast das Herz stehen, als sie ihre Chefin am Schreibtisch sitzen sah. „Ich hab´ sie daraufhin angesprochen, nachdem ich wieder durchgeatmet hatte. Zuerst hatte sie gar nicht reagiert – und dann meinte sie nur ich solle alle Termine ihres Mannes für die nächsten Tage absagen. Den Grund hatte sie mir nicht genannt.“
Kathrin grübelte nach. Ihre Kollegin hatte schon Recht. Es war allerdings seltsam. Was machte Birgit so früh im Büro? Warum saß sie im Dunkeln? Hatte sie sich etwa mit ihrem Mann gestritten? Gab es Ärger mit der Tochter?
„Was denkst du darüber? Du kennst sie doch privat auch ganz gut?“ Isabel riss sie aus ihren Gedanken. „Ich geh der Sache nach!“ sagte Kathrin und ließ ihre Kollegin stehen.
Sie klopfte an die geschlossene Bürotür. Keine Reaktion. Sie versuchte es erneut. Wieder keine Antwort. Sie beschloss einfach hineinzugehen, ohne nochmals anzuklopfen. „Birgit?“ Diese saß mit der Rückenlehne vom Stuhl zur Tür. Kathrin machte die Tür wieder zu und näherte sich langsam dem Schreibtisch. Mehrmals rief sie ihren Namen, jedes Mal etwas lauter. Erst als Kathrin direkt neben ihrer Freundin stand wurde sie bemerkt. Sie zuckte etwas zusammen. „Oh. Kathrin, du bist es!“
„Ist irgendwas? Habt ihr euch gestritten? Ist was mit Alessa?“ Birgit wandte sich ihrer Freundin zu, welche sich an den Tischrand neben sie gesetzt hatte. Kathrin sah ihr ins Gesicht, es wirkte müde und ausgelaugt. Vermutlich hatte Birgit die letzte Nacht kaum
geschlafen. „Sag schon, Liebes. Was ist mit deinem Mann? Warum sollte Isabel die Termine absagen, es sind ein paar sehr wichtige auch dabei, auf die er wochenlang gewartet hatte?“ Birgit hielt sich eine Hand vors Gesicht, versteckte ihre Tränen. Kathrin ging vor ihr in die Hocke und legte ihre Hände auf die Beine ihrer Freundin. „So schlimm? Was ist denn nur passiert?“
„Mein Mann…“, sie kämpfte gegen die Tränen, noch immer das Gesicht verdeckt. „Frank er…“ auf die folgenden Worte war Kathrin nicht vorbereitet. Mit allem hatte sie gerechnet: Einer Affäre, einer Trennung nur nicht damit. Mit zitternder Stimme fuhr Birgit fort und sah Kathrin dabei in die Augen. „Mein Mann ist entführt worden!“
