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"Der Professor" erzählt die Geschichte von William Crimsworth, einem jungen Engländer, der nach einer enttäuschenden Anstellung neue Perspektiven sucht. In Brüssel findet er schließlich Arbeit als Lehrer, wo er sich den Erwartungen einer fremden Kultur und den Blicken seiner Kollegen stellen muss. In einer von Konkurrenzdenken und scharfen Beobachtungen geprägten Atmosphäre lernt er den charmanten Schulleiter M. Pelet kennen, der Williams Eifer schätzt, aber gleichzeitig seine eigenen Ziele verfolgt. Auch die zurückhaltende, aber entschlossene Frances Henri, eine Lehrerin im benachbarten Mädcheninternat, weckt sein Interesse und eröffnet ihm eine neue Welt jenseits von rigiden Konventionen. Während William seinen Platz in dieser unbekannten Umgebung sucht, gerät er in ein Netz aus Loyalitätskonflikten, verborgenen Gefühlen und Intrigen. Mademoiselle Reuter, die undurchsichtige Leiterin der Mädchenschule, spielt ein doppeltes Spiel und übt eine faszinierende Macht über ihre Angestellten aus. Ihre Rolle bleibt stets ambivalent. Der Roman thematisiert insbesondere den Wert von Bildung, die Bedeutung persönlicher Ambition und den subtilen Einfluss von Klassenzugehörigkeit. Gleichwohl ist er erfüllt von den damals üblichen sozialen Konventionen, die mancherlei Hürden für den Einzelnen errichten. Auf formaler Ebene erlaubt das Werk bereits einen Blick auf Brontës Fähigkeit, seelische Empfindungen ihrer Figuren sensibel darzustellen. Der Professor wirft ein Licht auf die kulturellen und gesellschaftlichen Umstände des 19. Jahrhunderts, die ebenso konfliktreich wie prägend für das Leben des Protagonisten und sein Streben nach persönlicher wie beruflicher Erfüllung sind.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Dieses kleine Buch wurde sowohl vor Jane Eyre als vor Shirley geschrieben, und doch darf es nicht auf die Nachsicht für einen ersten Versuch Anspruch machen. Ein erster Versuch war es gewiß nicht, insofern die Feder, welche dasselbe schrieb, noch zuvor in einer Uebung von mehreren Jahren stark abgenüst worden war. Ich hatte in der That noch nichts veröffentlicht, ehe ich den „Professor" ansing, aber in manchen rohen Ausarbeitungen, die fast ebenso schnell zerstört als abgefast wurden, einen Geschmack überwunden, den ich einst für geschmüďte und umschweisige Composition gehabt haben mochte, und es dahin gebracht, demjenigen den Vorzug zu geben, was einfach und ungekünstelt war. Bu gleicher Zeit hatte ich mir eine Reihe von Grundsäken bezüglich der Zwischenhandlung u. s. w. zu eigen gemacht, wie sie wohl im Allgemeinen in der Theorie gebilligt werden mochten, aber nach ihren Resultaten, wenn sie in Ausführung gebracht werden, für einen Schriftsteller oft mehr Erstaunen als Vergnügen zur Folge haben.
Ich sagte zu mir selbst, mein Held sollte sich seinen Weg durch's Leben bahnen, wie ich dies bei wirklichen lebenden Männern gesehen hatte er sollte nie einen Schilling gewinnen, den er nicht verdient hatte - keine plöglichen Wechselfälle sollten ihn in einem Augenblick zu Reichthum und hoher Stellung erheben; welches geringe Auskommen er auch erlangen möchte, es sollte durch den Schweiß seines Angesichts erworben sein; er sollte, ehe er auch nur so viel als eine Laube fände, um darin niederzusiken, wenigstens die Hälfte des „Hügels der Beschwerde" erstiegen haben; er sollte nicht einmal ein schönes Mädchen oder eine Dame von Nang heirathen. Als Adams Sohn sollte er Adams Spruch theilen und sein Leben lang nur einen gemisch ten und mäßigen Kelch der Freude zur Neige bringen.
In der Folge jedoch fand ich, daß Verleger im Allgemei nen selten diesem System ihren Beifall schenkten, sondern gern etwas mehr Einbildungsreiches und Poetisches gehabt hätten etwas mehr im Einklang mit einer hochgeschraubten Phantasie, mit einem Geschmack für Pathos, mit zärteren, gehobeneren, unweltlicheren Empfindungen. Wirklich, wenn ein Schriftsteller nicht unternommen hat, ein Manuscript solcher Art anzulegen, kann er nie wissen, welche Vorräthe von Dichtung und Empfindsamkeit in Herzen liegen, von denen er nie geahnt hätte, daß sie solche Schäße bergen. Von Geschäftsleuten glaubt man ge wöhnlich, daß sie das Reale vorziehen; bei näherer Prüfung wird sich dieser Gedanke oft irrthümlich erweisen: eine leidenschaftliche Vorliebe für das Wilde, Wunderbare und Durchbohrende das Seltsame, Erschütternde und Zerreißende bewegt manche Seelen, die eine ruhige und nüchterne Oberfläche zeigen.
Unter solchen Umständen wird der Leser begreifen, daß diese kurze Erzählung, um in der Form eines gedruckten Buches zu ihm zu gelangen, manche Kämpfe durchgemacht haben muß wie es auch wirklich der Fall ist. Und nach Allem soll der schlimmste Kampf und das strengste Urtheil erst noch kommen; aber es spricht sich Trost zu überwältigt die Furcht lehnt sich auf den Stab einer gemäßigten Erwartung melt im Stillen, während es sein Auge zu dem des Publikums erhebt:
„Wer niedrig ist, braucht nicht den Fall zu fürchten.“
Currer Bell.
Eines Tags, als ich meine Papiere überschaute, fand ich in meinem Schreibtisch die folgende Abschrift eines Briefs, den ich vor etwa einem Jahre von einem alten Schulfreund erhalten hatte.
„Lieber Charles!
„Ich glaube, als Du und ich zusammen in Eton waren, daß keiner von uns das war, was man einen populären Charakter nennen konnte: Du warst ein sarkastisches, beobachtendes, geschraubtes, kaltblütiges Geschöpf; mein eigenes Bild will ich nicht zu zeichnen versuchen, aber ich kann mich nicht erinnern daß es auffallend anzüglicher Art gewesen - nicht wahr? Welcher animalische Magnetismus Dich und mich einander näher brachte, weiß ich nicht; gewiß erfuhr ich nie Etwas von der Pylades- und Orestes-Empfindung für Dich, und ich habe Grund, zu glauben, daß Du Deinerseits gleich frei von aller romantischen Rücksicht auf mich warest. Stets machten wir uns von unseren Schulstunden auf den Weg und schwatzten beständig zusammen; galt das Thema der Unterhaltung unseren Kameraden oder unseren Lehrern, so verstanden wir einander, und kam ich auf irgend ein Gefühl von Zuneigung, auf eine vage Liebe irgend eines ausgezeichneten oder schönen Gegenstandes zu sprechen, so machte Deine sardonische Kälte keinen Eindruck auf mich. Ich fühlte mich erhaben über solche Beschränkung damals wie es noch heute geschieht.
„Es ist lang her, seit ich Dir geschrieben, und noch länger, seit ich Dich gesehen habe. Als ich zufällig eines Tags ein aus Deiner Grafschaft aufnahm, fiel mein Auge Zeitungsblatt auf Deinen Namen. Ich begann, der alten Zeiten zu gedenken; die Ereignisse zu überlaufen, die seit unserer Trennung eingetreten sind und ich setzte mich nieder und sing diesen Brief an. Wie es Dir ergangen ist, weiß ich nicht; aber Du sollst hören, wenn Du Deine Aufmerksamkeit mir schenken willst, wie die Welt mit mir umgesprungen.
Zuerst hatte ich nach dem Abschied von Eton eine Zusammenkunft mit meinen mütterlichen Oheimen, Lord Tynedale, und dem ehrenwerthen John Seacombe. Sie fragten mich, ob ich in die Kirche treten, und mein Oheim, der Edelmann, bot mir, wenn ich dazu geneigt wäre, die Pfründe von Seacombe an, welche er zu vergeben hatte; dann deutete mein zweiter Oheim, Mr. Seacombe, darauf hin, wenn ich Rector von Seacombe-cumScaise würde, bekäme ich vielleicht die Erlaubniß, als Herrin meines Hauses und Haupt meiner Pfarrei eine von meinen Cousinen, seinen Töchtern, die mir gleich sehr zuwider waren, mir zu nehmen.
„Ich lehnte sowohl die Kirche als die Ehe ab. Um einen es ein gutes Ding, ich aber würde einen guten n Geistlichen ist sehr schlechten abgegeben haben. Was die Frau betraf ach was für ein Alp ist der Gedanke, lebenslang an eine meiner Cousinen gebunden zu sein! Ohne Zweifel waren sie gebildet und hübsch; aber keine Bildung, kein Reiz derselben schlägt eine Saite in meinem Herzen an. Zu denken, die Winterabende am Kamin des Wohnzimmers der Rectorei von Seacombe allein mit einer von ihr - zum Beispiel der großen und gut modellirten Statue, Sara, zuzubringen -- nein; ich würde unter solchen Umständen ein ebenso schlechter Gatte, als schlechter Geistlicher sein. „Nachdem ich die Anerbietungen meiner Oheime abgelehnt hatte, wollten sie wissen, was meine Absichten wären. Ich sagte, ich würde es mir überlegen. Sie führten mir zu Gemüth, daß ich kein Vermögen besize und keines zu erwarten habe, und nach einer beträchtlichen Pause richtete Lord Tynedale die strenge Frage an mich, ob ich etwa im Sinne hätte, in meines Vaters Fußstapfen zu treten und mich beim Gewerbe zu beschäftigen? Nun, ich hatte keine Gedanken der Art. Ich glaube nicht, daß meine Geistesrichtung mich zu einem guten Gewerbsmann qualificirt; mein Geschmack, mein Ehrgeiz liegt nicht nach dieser Seite hin; aber ein solcher Hohn drückte sich in Tynedale's Miene, als er das Wort Gewerbe aussprach - ein so geringschätziger Sarkasmus in seinem Tone aus, daß ich augenblicklich entschlossen war. Mein Vater war ein bloßer Name für mich, doch hörte ich nicht gern diesen Namen mit einem Naserümpfen mir in's Gesicht hinein erwähnen. Ich antwortete also schnell und mit Wärme: „ich kann nichts Besseres ihm, als in meines Vaters Fußstapfen zu treten; ja, ich will ein Handelsmann werden.“ Meine Oheime machten keine Einwendungen dagegen; wir trennten uns mit gegenseitigem Widerwillen. Wenn ich auf diese Verhandlung zurückblicke, finde ich, daß ich ganz im Rechte, die Bürde von Tynedale's Patronschaft abzuschütteln, aber ein Narr war, sogleich meine Schultern für die Aufnahme einer andern Last darzubieten - einer Last, welche noch unverträglicher sein mochte und welche gewiß noch ungeprüft war. „Ich schrieb sogleich an Edward Du kennst Edward meinen einzigen Bruder, zehn Jahre älter als ich, mit einer reichen Fabrikbesitzerstochter verheirathet und jetzt Besitzer der Fabrik und des Geschäfts, das meinem Vater, ehe er fallirte, gehört hatte. Du weißt, daß mein Vater einst an Reichthum einem Crösus gleichgeschätzt - kurz vor seinem Tod Bankerott gemacht hatte, und daß meine Mutter sechs Monate lang nach ihm in Armuth lebte, ohne Hülfe von ihren aristokratischen Brüdern, welche sie durch ihre Verbindung mit Crimsworth, dem - shire Manufakturisten tödtlich beleidigt hatte. Am Ende er sechs Monate brachte sie mich zur Welt und verließ sie selbst ohne, wie ich denke, viel Bedauern, da dieselbe wenig Hoffnung oder Trost für sie enthielt.
Meines Vaters Verwandte nahmen sich Edward's an, und ebenso meiner, bis ich neun Jahre alt war. Um diese Zeit geschah es, daß die Repräsentation eines wichtigen Bezirks in unserer Grafschaft zur Erledigung kam; Mr. Seacombe trat als Bewerber dafür auf. Mein Oheim Crimsworth, ein schlauer, merkantilischer Mann, nahm davon Veranlassung, einen heftigen Brief an den Candidaten zu schreiben, des Inhaltes, wenn er und Lord Tynedale sich nicht dazu verstehen, etwas zur Unterstützung von ihrer Schwester verwaisten Kindern zu thun, würde er das unbarmherzige und böswillige Benehmen derselben gegen ihre Schwester zur Offentlichkeit bringen und alles Mögliche thun, die Umstände gegen Mr. Seacombe's Wahl zu wenden. Jener Gentleman und Lord Tynedale wußten recht wohl, daß die Crimsworths nichts weniger als eine skrupulöse und unentschlossene Race waren; sie wußten auch, daß dieselben in dem Wahlbezirk von X- Einfluß hatten; so machten sie also aus der Noth eine Tugend und willigten ein, die Kosten meiner Erziehung zu tragen. Ich wurde nach Eton geschickt, wo ich zehn Jahre blieb, während welcher Zeit Edward und ich uns nie sahen. Er trat, als er herangewachsen war, in ein Geschäft und verfolgte seinen Beruf mit solchem Eifer, Talent und Erfolg, daß er jetzt, in seinem dreißigsten Jahr, sich schnell ein Vermögen machte. Davon wurde ich durch gelegentliche kurze Briefe in Kenntniß gesetzt, die ich von ihm drei- oder viermal des Jahrs erhielt; welche besagte Briefe niemals ohne einen Ausdruck entschiedener Feindschaft gegen das Haus Seacombe und einen Vorwurf darüber schlossen, das ich, wie er sagte, von der Gnade dieses Hauses lebte. Anfänglich, so lag ich noch im Knabenalter stand, konnte ich nicht begreifen, warum ich nicht, da ich keine Eltern hatte, meinen Oheimen Tynedale und Seascombe für meine Erziehung verpflichtet sein sollte; aber als ich Heranwuchs und stufenweise von der beharrlichen Feindseligkeit, dem Haß bis zum Tode hörte, welchen sie gegen meiner Vater an den Tag legten - von den Leiden meiner Mutter - kurz von all' dem Unrecht gegen unser Haus - da empfand ich Scham über die Abhängigkeit, in der ich lebte, und bildete mir den Entschluß, kein Brod mehr von Händen anzunehmen, die sich geweigert hatten, meiner sterbenden Mutter in ihrer Noth beizustehen. Unter dem Einfluß dieser Gefühle geschah es, daß ich die Rectorei von Seacombe und die Vereinigung mit einer von meinen patricischen Cousinen ausschlug.
„Da nun ein unheilbarer Bruch zwischen mir und meinen Oheimen erfolgt war, schrieb ich an Edward, erzählte ihm, was vorgefallen war, und benachrichtigte ihn von meinem Vorhaben, seinem Beispiel zu folgen und ein Gewerbsmann zu werden. Ich fragte ferner, ob er mir Beschäftigung geben könnte. Seine Antwort drückte keine Billigung meines Benehmens aus, aber er sagte, ich sollte herab nach - shire kommen, wenn es mir lieb wäre, und er wollte sehen, was zu dem Zweck, mir Arbeit zu verschaffen, geschehen könnte. Ich unterdrückte jeden - selbst stillschweigenden Commentar zu diesem Brief, packte meinen Koffer und Reisesack und brach direct nach dem Norden auf.
„Nach zweitägiger Reise (Eisenbahnen waren noch nicht vorhanden) kam ich an einem feuchten Octobernachmittag in der Stadt X- an. Ich war immer der Meinung gewesen, Edward wohne in dieser Stadt, nun aber fand ich auf Erkundigung, daß nur Mr. Crimsworths Fabrik und Waarenhaus in der rauchigen Atmosphäre von Bigben Close, sein Haus vier Meilen davon, auf dem Lande lag.
„Es war spät am Abend, als ich am Thore der Wohnung, welche man mir als die meines Bruders bezeichnet hatte, abstieg. Als ich die Allee hinausschritt, konnte ich durch die Schatten des Zwielichts und die dunkeln, düsteren Nebel, welche jene Schatten verstärkten, wahrnehmen, daß das Haus groß und die dasselbe umgebenden Gründe geräumig genug waren. Ich machte einen Augenblick auf dem freien Grasplatz davor Halt, lehnte mich an einen hohen Baum, der sich im Mittelpunkt erhob, und beschaute mir mit Interesse das Aeußere von Crimsworth-Hall. „Edward ist reich, dachte ich bei mir selbst, ich glaubte aller aber ich wuste nicht, daß erdings, daß es ihm wohl ginge, Herr einer Behausung gleich dieser wäre. Alle Verwunderung, Beobachtung, Vermuthung u. f. w. kurz abschneidend, näherte ich mich der vordern Thüre und läutete. Ein Diener öffnete ich kündigte mich an - er nahm mir meinen feuchten Oberrock und meine Reisetasche ab und führte mich in ein gleich einem Bücherzimmer ausgestattetes Gemach, wo ein helles Feuer war und Lichter auf dem Tische brannten; er zeigte mir an, daß sein Herr noch nicht von dem X-- Markt zurückgekehrt sei, aber gewiß im Laufe einer halben Stunde zu Hause sein werde.
„Mir selbst überlassen, nahm ich den gepolsterten, mit rothem Maroquin überzogenen Armsessel, der neben dem Kamin stand, und während meine Augen den Flammen, die von den glühenden Kohlen in die Höhe schossen, und der Asche, die von Zeit zu Zeit auf den Herd niederfiel, zusahen, beschäftigte sich mein Geist mit Vermuthungen über das bevorstehende Zusammentreffen. Mitten unter dem Vielen, was in Bezug auf diese Vers muthungen zweifelhaft war, erschien Eines erträglich gewiß ich war in keiner Gefahr, einer strengen Enttäuschung entgegenzugehen; davor bewahrte mich die Mäßigkeit meiner Erwartun gen. Ich gab mich nicht im Voraus Ueberwallungen brüderlicher Zärtlichkeit hin; Edward's Briefe waren immer der Art gewesen, um der Erzeugung oder Hegung von dergleichen Illusionen vors zubeugen. Noch immer, wie ich so seine Ankunft erwartend dasaß, fühlte ich mich aufgeregt -- sehr aufgeregt - ich kann nicht sagen, warum; meine Hand, so gänzlich fremd dem Druck einer Verwandtenhand, preßte sich selbst zusammen, um dem Zittern zu widerstehen, womit Ungeduld sie gern geschüttelt hätte.
„Ich dachte an meine Oheime; und während ich eben daran war, mich neugierig zu fragen, ob Edward's Theilnahmlosigkeit der kalten Geringschätzung, die ich stets von ihnen erfahren hatte, gleich kommen würde, hörte ich das Alleenthor öffnen: Räder näherten sich dem Hause; Mr. Crimsworth war angelangt; und nach Verfluß von einigen Minuten und einem kurzen Zwiegespräch zwischen ihm und seinem Diener in der Halle, kam sein Tritt der Thüre des Bücherzimmers näher dieser Tritt allein kündigte den Herrn des Hauses an.
„Ich bewahrte noch immer eine verwirrte Erinnerung von Edward, wie er vor zehn Jahren gewesen war ein langer, steifer, rauher Junge; nun, da ich mich von meinem Sitz erhob und nach der Zimmerthüre wandte, sah ich einen hübsch aussehenden, gewaltigen Mann, von heller Gesichtsfarbe, gut gebaut und von athletischen Verhältnissen; der erste Blick gab mir Gewißheit von einem raschen, scharfen Wesen, das sich ebenso wohl in seinen Bewegungen, als im Zustand der Ruhe in seinem Auge und in dem allgemeinen Ausdruck seines Gesichtes kund gab. Er grüßte mich kurz und maß mich im Augenblick des, Händeschüttelns vom Kopf bis zu den Füßen; er nahm seinen Sitz in dem maroquinüberzogenen Sessel und deutete mir nach einem andern Stuhl.
Ich erwartete, Du werdest in dem Geschäftslokal im Close vorsprechen, sagte er; und seine Stimme, bemerkte ich, hatte einen kurz abgebrochenen Accent, der ihm wahrscheinlich habituell geworden war; er sprach auch mit einem nordländischen Kehlton, welcher mir scharf in den Ohren klang, der ich an den silbernen Laut des Südens gewöhnt war.
„Der Wirth des Gasthauses, wo die Kutsche hielt, wies mich hieher, sagte ich. Ich zweifelte zuerst an der Genauigkeit seiner Angabe, da ich nicht wußte, daß Du ein solches Wohnhaus, wie dieses, habest.
ganz richtig, erwiderte er, nur wurde ich eine halbe Stunde über die Zeit aufgehalten, da ich auf Dich wartete das ist Alles. Ich dachte mir, Du müßtest mit der Achtuhr-Kutsche kommen.
drückte mein Bedauern aus, daß er hatte warten müssen; ex gab keine Antwort, sondern stocherte in dem Feuer, wie wenn er eine Bewegung der Ungeduld verbergen wollte; dann maß er mich wieder.
„Ich fühlte eine innerliche Beruhigung, daß ich nicht in dem ersten Augenblick des Zusammentreffens irgend einige Wärme oder Begeisterung verrathen, daß ich diesen Mann mit einem ruhigen und steten Phlegma gegrüßt hatte.“
Hast Du ganz mit Tynedale und Seacombe gebrochen? fragte er hastig. "Ich denke nicht, daß ich eine weitere Communication mit ihnen haben werde; meine Abweisung ihrer Vorschläge wird, stelle ich mir vor, jedem künftigen Verkehr einen Riegel vorschieben."
„Nun, sagte er, ich will Dich ebenso wohl gleich beim Anfang unserer Verbindung darauf aufmerksam machen, daß „Niemand zwei Herren dienen kann“. Eine Bekanntschaft mit Lord Tynedale ist unverträglich mit einer Unterstützung von mir. Es lag eine Art von unverdienter Drohung in seinem Auge, als er mich am Ende dieser Bemerkung anschaute.
„Da ich keine Neigung fühlte, ihm zu antworten, begnügte ich mich mit einer innerlichen Betrachtung der Verschiedenheiten, welche in der Verfassung des menschlichen Geistes stattfinden. Ich weiß nicht, welchen Schluß Mr. Crimsworth aus meinem Stillschweigen zog - ob er es als ein Symptom von Widerspenstigkeit oder als einen Beweis, daß ich durch sein peremtorisches Wesen eingeschüchtert war, betrachtete. Nach einem langen und strengen Blick auf mich stand er rasch von seinem Sitz auf.
„Morgen, sagte er, werde ich Deine Aufmerksamkeit auf andere Punkte lenken; aber nun ist es Zeit zum Abendessen, und Mrs. Crimsworth wartet wahrscheinlich; willst Du kommen?“
„Er schritt aus dem Zimmer und ich folgte. Während ich durch die Halle wandelte, fragte ich mich neugierig, was Mrs. Crimsworth sein möchte. Ist sie, dachte ich, so entfernt von dem, was mir gefällt, als Tynedale, Seacombe, die Fräulein Seacombe als der liebevolle Verwandte, der jetzt vor mir hermarschirt? Oder ist sie besser als diese? Werde ich im Gespräch mit ihr mich frei genug fühlen, Etwas von meiner wirklichen Natur zu zeigen; oder - Weitere Vermuthungen wurden durch meinen Eintritt in das Speisezimmer abgebrochen.
„Eine Lampe, unter einem Schatten von Milchglas brennend, zeigte ein hübsches, mit Eichenholz getäfeltes Gemach; das Abendessen war aufgetragen; am Kamin stand, wie wartend auf unsern Eintritt, eine Dame; sie war jung, hochgewachsen und wohlgestaltet; ihr Anzug war hübsch und modisch: so weit reichte mein erster Blick, mir Gewißheit zu geben. Eine freundliche Begrüßung wechselte zwischen ihr und Mr. Crimsworth; sie schalt ihn halb scherzhaft, halb schmollend, daß er so spät kam, ihre Stimme (ich ziehe immer beim Urtheil über den Charakter die Stimme mit in Berechnung) war belebt sie zeigte, dachte ich mir, eine gute animalische Dispsition an. Mr. Crimsworth hemmte schnell ihr lebhaftes Schelten mit einem Kuß einem Kuß, der noch immer von dem Bräutigam erzählte (sie waren noch nicht ein Jahr verheirathet); sie nahm ihren Sitz am Eßtisch so ausgeräumt als möglich ein. Bei meinem Anblick bat sie mich um Verzeihung, daß sie mich nicht bälder bemerkt hatte, und bot mir dann die Hand, wie Damen thun, wenn eine Fluth von guter Laune sie geneigt macht, gegen Jedermann, selbst die Gleichgültigsten ihrer Bekanntschaft, freundlich zu sein. Es wurde mir jetzt weiter wahrnehmbar, daß sie eine gute Gesichtsfarbe, stark martirte aber angenehme Züge hatte; ihr Haar war roth - ganz roth. Sie und Eduard schwatzen viel zusammen, immer sie war geärgert oder gab einem Pferde, das Untugenden hatte, in dem Gig ausgefahren war, und er spöttelte über appellirte sie an mich.
Nun, Mr. William, ist es nicht albern von Edward, so zu schwatzen? Er sagt, er will mit Jack fahren und mit keinem andern Pferde und das Thier hat schon zweimal mit ihm umgeworfen..
„Sie sprach mit einer Art von Lispeln, nicht unangenehm, aber kindisch. Ich erkannte auch bald, daß etwas mehr als Mädchenhaftes ein gewisser kindhafter Ausdruck in ihren durchaus nicht kleinen Zügen lag; dieses Lispeln und dieser Ausdruck waren ohne Zweifel ein Reiz in Edward's Augen und würden es für die der meisten Männer sein, aber waren es nicht in den meinigen. Ich suchte ihr Auge, begierig, dort die Intelligenz zu lesen, die ich weder in ihrem Gesicht erkennen, noch in ihrem Gespräch vernehmen konnte; es war heiter, ziemlich klein; wechselsweise sah ich Lebhaftigkeit, Eitelkeit, Kokettes sie durch seine Regenbogenhaut herausschauen, aber ich wartete vergeblich auf einen Lichtblick von der Seele. Ich bin kein Orientale; weiße Nacken, Lippen und Wangen wie Karmin, Büschel glänzender Locken reichen für mich ohne jenen prometheischen Funken nicht aus, welcher noch leben wird, wenn die Rosen und Lilien verwelkt sind und das glänzende Haar grau geworden ist. Im Sonnenschein, im Glück befinden sich die Blumen sehr gut; aber wie viele nasse Tage gibt es im Leben November-Zeiten von Missgeschick, wenn es in eines Menschen Herz und Heimwesen wahrhaft kalt ist ohne den klaren, erheiternden Schimmer der Intelligenz.
„Nachdem ich diese hübsche Seite von Mrs. Crimsworth's Angesicht durchgelesen hatte, verrieth ein unwillkürlicher Seufzer meine Enttäuschung; sie nahm ihn für eine ihrer Schönheit dargebrachte Huldigung, und Edward, der offenbar stolz auf seine reiche und hübsche Frau war, warf auf mich einen Blick, halb lächerlich, halb zornig.
„Ich wandte mich von ihnen Beiden ab und schaute ermüdet im Zimmer umher, ich sah zwei Gemälde in die eichene Füllung eingesetzt eines auf jeder Seite des Kamingesimses. Ohne weiter an der spaßhaften Unterhaltung, welche zwischen Mr. Crimsworth und seiner Frau hin- und herwogte, Theil zu nehmen, richtete ich meine Gedanken auf die Untersuchung jener Gemälde. Es waren Portraits - eine Dame und ein Gentleman, im Costume der Mode, wie sie vor zwanzig Jahren gewesen war. Der Herr war im Schatten. Ich konnte ihn nicht deutlich sehen. Die Frau hatte den Vortheil eines vollen Strahls von der sanft beschatteten Lampe. Ich erkannte sie alsbald; ich hatte dieses Gemälde früher schon, in der Kindheit, gesehen; es war meine Mutter; dies und das nebenan hängende Gemälde waren die einzigen Erbstücke, die aus dem Verkauf von meines Vaters Eigenthum gerettet worden waren.
„Dieses Gesicht, erinnerte ich mich, hatte mich als Knabe erfreut, aber damals verstand ich es nicht; jetzt wußte ich, wie selten diese Classe von Gesichtern in der Welt ist, und verstand seinen nachdenklichen aber sanften Ausdruck streng zu schätzen. Das ernste graue Auge hatte für mich einen mächtigen Reiz, ebenso wie gewisse Linien in den Gesichtszügen, welche das wahrste und zarteste Gefühl andeuteten. Es that mir leid, daß es nur ein Gemälde war.
„Ich überließ bald Mr. Crimsworth und seine Frau sich selbst; ein Diener führte mich nach meinem Schlafgemach; indem ich die Zimmerthüre schloß, versperrte ich allen Eindringlingen den Zugang - Dir, Charles so gut wie den Uebrigen.
„Für jetzt lebe wohl.
„William Crimsworth.“
Auf diesen Brief bekam ich niemals eine Antwort; ehe mein alter Freund ihn erhielt, hatte er eine Gouvernements-Anstellung in den Colonien angenommen und war bereits unterwegs nach dem Schauplatz seiner amtlichen Thätigkeit. Was seitdem aus demselben geworden ist, weiß ich nicht.
Die Muße, über die ich nun zu gebieten habe und die ich zu seinen besonderen Gunsten anzuwenden gedachte, will ich jetzt dem Publikum im Großen widmen. Meine Erzählung ist nicht aufregender Art und vor Allem nicht wunderbar, aber sie mag für manche Personen Interesse haben, welche, nachdem sie sich in demselben Beruf wie ich abgemüht, in meiner Erfahrung zahlreiche Reflexe ihrer eigenen finden werden. Der obige Brief wird zur Einleitung dienen. Ich fahre nun fort.
Ein schöner Octobermorgen folgte auf den nebeligen Abend, der Zeuge meiner ersten Einführung in Crimsworth-Hall gewesen war. Ich stand früh auf und spazierte auf der großen parkartigen Wiese, welche das Haus umgab, auf und ab. Die Herbstsonne, welche über den - shire Hügeln aufging, erschloß eine angenehme Landschaft; Waldungen, braun und weich, brachten Abwechslung in die Felder, von welchen die Ernte erst kürzlich heimgebracht worden war; ein zwischen den Wäldern hingleitender Fluß fing in seiner Oberfläche den etwas kalten Glanz der Octobersonne und des Octoberhimmels auf; in häufigen Zwischenräumen an den Ufern des Flusses hin kündigten hohe, cylindrische Kamine, beinahe gleich schlanken, runden Thürmen, die Manufacturen an, welche unter den Bäumen halb verborgen lagen; hie und da nahmen Behausungen, gleich CrimsworthHall, die angenehmen Lagen an der Hügelseite ein; die Landschaft trug im Ganzen ein heiteres, thätiges, fruchtbares Aussehen. Dampf, Gewerbe, Maschinerie hatte längst aus ihr alles Romanhafte, Abgeschlossene verbannt. In einer Entfernung von fünf Meilen hielt ein zwischen den niedrigen Hügeln sich öffnendes Thal, gleichsam in seinem Kelche die große Stadt X-. Ein dicker, fortdauernder Dunst brütete über dieser Lokalität hier lag Eduard's „Geschäft“.
Ich zwang mein Auge, diese Aussicht genauer zu prüfen, ich zwang meinen Geist, eine Zeit lang dabei zu verweilen, und als ich fand, daß sie meinem Herzen keine erfreuliche Bewegung zuführte, daß sie in mir keine jener Hoffnungen erregte, welche ein Mensch empfinden sollte, wenn er den Schauplatz seiner Lebenslaufbahn vor sich ausgebreitet sieht, sagte ich bei mir selbst: „William, Du bist ein Rebell gegen die Umstände; Du bist ein Narr und weißt nicht, was Dir noth thut; Du hast das Gewerbe erwählt und Du sollst ein Gewerbsmann sein. Schau!“ fuhr ich im Innern fort - schau auf den rußigen Rauch in jenem Loch und wisse, daß dort Dein Posten ist! Dort kannst Du nicht träumen, kannst nicht speculiren und Theorien machen dort sollst Du dabei sein und arbeiten!“
Nachdem ich mich selbst so geschulmeistert hatte, kehrte ich nach Hause zurück. Mein Bruder war im Frühstückzimmer. Ich begegnete ihm gesammelt ich konnte ihm heiter nicht begegnen; er stand auf dem Teppich vor dem Kamin, mit dem Rücken gegen das Feuer - wie viel las ich in diesem Ausdruck seines Auges, als mein Blick auf den seinen traf, als ich auf ihn zutrat, ihm guten Morgen zu bieten, wie viel das im Widerspruch mit meiner Natur war! Er sagte: „Guten Morgen" abgebrochen und nickte mit dem Kopf, und dann fuhr, nicht griff er nach einer Zeitung vom Tische und begann mit der Miene eines Mannes zu lesen, welcher einen Vorwand ergreift, um der Beschwer eines Gesprächs mit einem Untergebenen zu entgehen. Es war gut, daß ich mir vorgenommen hatte, eine Zeit lang auszuhalten, sonst würde sein Benehmen es dahin gebracht haben, den Widerwillen, den ich eben zu unterdrücken versucht hatte, unerträglich zu machen. Ich schaute ihn an: ich maß seinen robusten Körperbau und seine mächtigen Proportionen; ich sah mein eigenes Wiederbild in dem Spiegel über dem Kamingesimse; ich unterhielt mich damit, die beiden Gemälde zu vergleichen. Im Gesicht glich ich ihm, obwohl ich nicht so hübsch war; meine Züge waren weniger regelmäßig; ich hatte ein dunkleres Auge und eine breitere Stirne an Gestalt stand ich tief unter ihm war dünner, schmächtiger, nicht so groß. Als animalisches Wesen hatte Eduard Vorzüge vor mir; sollte er sich ebenso herrschend an Geist erweisen, als er an Person war, mußte ich sein Sclave sein - denn ich durste von ihm keine löwenmäßige Großmuth gegen einen Schwächern als er selbst erwarten; sein kaltes, habsüchtiges Auge, sein strenges, zurückstoßendes Benehmen sagte mir, er werde nicht schonend zu Werke gehen. Hatte ich damals Geisteskraft, es mit ihm aufzunehmen? Ich wußte es nicht; ich hatte nie einen Versuch gemacht.
Der Eintritt von Mrs. Crimsworth gab meinen Gedanken auf einen Augenblick eine andere Richtung. Sie sah gut aus, in ihrem weißen Anzuge, ihr Gesicht und ihr Putz in morgentlicher und bräutlicher Frische schimmernd. Ich wandte mich an sie mit dem Maße von Freiheit, welches ihre sorglose Fröhlichkeit von der vergangenen Nacht zu rechtfertigen schien, aber sie antwortete kalt und zurückhaltend: ihr Gemahl hatte sie schon instruirt; sie sollte nicht zu familiär mit seinem Commis sein.
Sobald das Frühstück vorüber war, theilte mir Mr. Crimsworth mit, daß man das Gig an das Thor bringen werde und er in fünf Minuten mich bereit zu finden erwarte, mit ihm nach X- zu gehen. Ich ließ ihn nicht warten; wir fuhren bald in raschem Schritt auf der Straße dahin. Das Pferd, das er vorgespannt hatte, war dasselbe fehlerhafte Thier, über welches Mrs. Crimsworth Abends zuvor ihre Besorgniß geäußert hatte. Ein- oder zweimal schien Jack geneigt, stätisch zu werden, aber eine kräftige und entschlossene Anwendung der Peitsche von der mitleidslosen Hand seines Herrn brachte ihn bald zur Unterwerfung und Edward's erweiterte Nasenflügel bezeugten seinen Triumph über das Resultat des Kampfes; er sprach während der ganzen Dauer der kurzen Fahrt kaum mit mir, sondern öffnete blos die Lippen, um von Zeit zu Zeit seinem Pferd einen Fluch zuzusenden.
X- war voll Lärm und Geschäftigkeit, als wir einfuhren; wir verließen die sauberen Straßen, wo die Wohnhäuser und Läden, Kirchen und öffentlichen Gebäude standen; wir verließen sie alle und wandten hinab nach einer Region von Fabriken und Waarenhäusern; dann kamen wir durch zwei massive Thore in einen gepflasterten Hof und waren in Bigben Close und die Fabrik war vor uns, aus ihrem langen Kamin Ruß ausspeiend und zitternd durch ihre dicken Ziegelstein-Wände von der Bewegung ihrer eisernen Eingeweide. Werkleute gingen ab und zu; ein Wagen wurde mit Fässern beladen. Mr. Crimsworth schaute von einer zur andern Seite und schien mit einem Blick Alles, was vorging, zu umfassen; er stieg ab und forderte, indem er sein Pferd und Gig der Sorge eines Mannes überließ, welcher herbeieilte, um die Zügel aus seiner Hand in Empfang zu nehmen, mich auf, ihm nach dem Comptoir zu folgen. Wir traten ein; ein sehr verschiedener Platz von den Wohnzimmern zu Crimsworth-Hall ein Geschäftsplatz mit bloßem, gedieltem Fußboden, einem Speiseschrank, zwei hohen Pulten und Stühlen und einigen Sesseln, Eine Person saß an einem der Pulte, welche ihre viereckige Mütze abnahm, als Mr. Crimsworth eintrat, und in einem Augenblick wieder in ihre Beschäftigung mit Schreiben oder Rechnen versunken war - ich weiß nicht welches. Mr. Crimsworth setzte sich, nachdem er seinen Macintosh abgenommen hatte, an das Feuer. Ich blieb stehend neben dem Herd; er sagte sogleich „Steighton, Sie können das Zimmer verlassen; ich habe mit diesem Gentleman ein Geschäft abzumachen. Kommen Sie zurück, wenn Sie die Glocke hören.“
Das Individuum am Pult erhob sich und zog ab, indem es die Thüre hinter sich schloß. Mr. Crimsworth schürte das Feuer an, schlug dann die Arme über einander und saß einen Augenblick nachdenklich da, die Lippen zusammengepreßt und die Stirne in Falten gezogen. Ich hatte nichts zu thun als ihn zu beobachten wie gut seine Züge geschnitten waren! was für ein schöner Mann er war! Woher denn kam diese zusammengezogene Miene - dieser beschränkte und harte Ausdruck auf seiner Stirne, in allen seinen Zügen?
Gegen mich sich wendend, begann er kurz:
„Du kommst also nach - shire, um ein Gewerbe zu erlernen? „Ja.“
„Hast Du in dieser Beziehung einen festen Entschluß gefast? Laß mich das auf einmal wissen?“
„Ja.“
„Gut, ich bin nicht verpflichtet, Dir zu helfen, aber ich habe hier eine Stelle vakant, wenn Du Dich dafür qualificirst. Ich will Dich auf Probe nehmen. Was kannst Du? Verstehst Du Etwas außer jenem unnützen Plünder von College Gelehrsamkeit - Griechisch, Lateinisch und so weiter?“ „Ich habe Mathematik studirt.“ „Dummes Zeug! Ja wohl.“
„Ich kann Französisch und Deutsch lesen und schreiben.“ „Hm!“ Er besann sich einen Augenblick, öffnete dann eine Schublade in einem Pult neben ihm, nahm einen Brief heraus und gab ihn mir.
„Kannst Du das lesen?“ fragte er.
Es war ein deutscher Handelsbrief; ich übersetzte ihn; ich konnte nicht sagen, ob er befriedigt war oder nicht sein Gesicht blieb unbeweglich.
„Es ist gut,“ sagte er nach einer Pause, daß Du etwas Brauchbares verstehst, Etwas, das Dich in Stand setzen mag, Dir Kost und Wohnung zu verdienen: da Du Französisch und Deutsch verstehst, will ich Dich als zweiten Commis annehmen, um die auswärtige Correspondenz des Hauses zu führen. Ich werde Dir ein gutes Salair 90 Pfund jährlich geben, und nun,“ fuhr er fort, seine Stimme erhebend - "höre ein für allemal, was ich Dir über unsere Verwandtschaft und all dergleichem Humbug zu sagen habe! Ich darf keinen Unsinn in diesem Punkt haben; das würde mir nie anstehen. Ich werde Dich auf Grund, daß Du mein Bruder bist, in Nichts entschuldigen; finde ich Dich einfältig, nachlässig, zerstreut, träg oder mit Fehlern behaftet, welche den Interessen des Hauses nachtheilig sind, so werde ich Dich wie jeden andern Commis forte schicken. Neunzig Pfund jährlich ist ein guter Verdienst, und ich erwarte den vollen Werth meines Geldes aus Dir zu ziehen; erinnere Dich noch, daß die Dinge in meinem Etablissement auf einem praktischen Fuß gehen - geschäftsmäßige Gewohnheiten, Gefühle und Ideen gefallen mir am besten. Verstehst Du?
„Zum Theil,“ erwiderte ich. „Ich vermuthe, Du meinst, ich müsse für meinen Lohn arbeiten, ich habe keine Gunst von Dir zu erwarten und dürfe von Dir auf keine Hülfe rechnen, außer dem, was ich verdiene; das sagt mir genau zu, und auf diese Bedingungen willige ich ein, Dein Commis zu werden.“
Ich wandte mich auf dem Absatz um und ging nach dem Fenster; diesmal fragte ich sein Gesicht nicht um Rath, um seine Meinung zu erfahren: welches sie war, weiß ich nicht, auch kümmerte ich mich damals nicht darum. Nach einem Stillschweigen von einigen Minuten fing er wieder an:
„Du erwartest vielleicht eine Wohnung in Crimsworth Hall zu erhalten und mit mir in dem Gig hin und her zu fahren. Ich wünsche jedoch Dir zu wissen zu thun, daß ein solches Arrangement für mich sehr unbequem wäre. Ich wünsche den Sitz in meinem Gig frei zu haben für irgend einen Gentleman, den ich aus Geschäftsrücksichten auf eine Nacht oder so nach Crimsworth-Hall mitnehmen möche. Du wirst Dir eine Wohnung in X- suchen.“
Das Fenster verlassend, kehrte ich wieder zu dem Herde zurück.
„Natürlich werde ich mir eine Wohnung in X- suchen,“ antwortete ich. „Es würde auch mir nicht anstehen, in Crimsworth-Hall zu wohnen.
Mein Ton war ruhig. Ich spreche immer ruhig. Doch Mr. Crimsworth's Auge entzündete sich; er nahm seine Rache ziemlich sonderbar. Sich zu mir umwendend, sagte er roh
„Du bist arm genug, denke ich; wie erwartest Du leben zu können, bis Dein Vierteljahrs-Salair verfallen ist? „Ich werde mich fortbringen,“ sagte ich.
„Wie gedenkst Du zu leben?“ wiederholte er mit lauterer Stimme.
„Wie ich kann, Mr. Crimsworth.“
„Stürtze Dich in Schulden auf Deine Gefahr! gut so,“ antwortete er. „So viel ich weiß, hast Du extravagante aristokratische Gewohnheiten; ist dem so, so laß sie fallen; ich dulde nichts der Art hier, und ich werde Dir nie einen Schilling extra geben, in welche Verbindlichkeiten Du Dich auch einlässest merke Dir das.“
„Ja, Mr. Crimsworth, Sie werden finden, ich habe ein gutes Gedächtniß.“
Ich sagte nicht weiter. Ich dachte nicht, die Zeit würde kommen zu weiterem Gespräch. Ich hatte ein instinctartiges Gefühl, daß es thöricht sein würde, seinem Temperament bei einem Mann wie Edward oft Gelegenheit zum Aufbrausen zu geben. Ich sagte bei mir selbst, ich will meinen Kelch unter diese beständige Traufe stellen; er soll hier still und fest stehen; ist er voll, so wird er von selbst überlaufen mittlerweile Geduld. Zwei Dinge sind gewiß. Ich bin im Stande, das Werk zu verrichten, das Mr. Crimsworth mir aufgegeben hat; ich kann mit gutem Gewissen meinen Lohn verdienen, und dieser Lohn reicht für mich aus, zu leben. Was den Umstand betrisst, daß mein Bruder gegen mich das Betragen eines übermüthigen, barschen Herrn annimmt, so ist das sein Fehler, nicht der meinige; und wird seine Ungerechtigkeit, seine böse Denkart mich einmal von dem erwählten Pfade abwendig machen? Nein; wenigstens, ehe ich vom Wege abweiche, will ich weit genug kommen, um zu sehen, wohin meine Laufbahn führt. Für jetzt dränge ich mich nur nach dem Eingang das Thor ist schmal genug; es sollte ein gutes Ziel haben.“
Während ich also raisonnirte, klingelte Mr. Crimsworth; sein erster Commis, das vor unserer Unterredung fortgeschickte Individuum, trat wieder ein.
„Mr. Steighton,“ sagte er, „zeigen Sie Mr. William die Briefe von Gebrüder Voß und geben Sie ihm die englischen Copien von den Antworten; er wird sie übersehen.“
Mr. Steighton, ein Mann von etwa 35 Jahren, mit einem Gesicht, das zugleich schlau und plump war, beeilte sich, diesen Befehl auszuführen; er legte die Briefe auf das Pult, und ich saß bald an demselben, damit beschäftigt, die englischen Antworten in's Deutsche zu übertragen. Ein Gefühl intensiven Vergnügens begleitete dieses erste Bestreben, mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen, ein Gefühl, weder vergiftet noch geschmälert durch die Gegenwart des Auftraggebers, der dastand und mich einige Zeit, während ich schrieb, beobachtete. Ich dachte mir, er versuche meinen Charakter zu lesen, aber ich fühlte mich so sicher gegen diese Prüfung, als hätte ich einen Helm mit herabgelassenem Visir auf - oder vielmehr, ich zeigte ihm mein Angesicht mit jenem Vertrauen, das vor einem ungelehrten Mann ein griechisch geschriebener Brief zeigen würde; der könnte wohl Linien sehen und die Schriftzeichen verfolgen, aber könnte nichts daraus machen; meine Natür war nicht seine Natur, und deren Zeichen waren ihm gleich Worten einer frem- den Zunge. Nicht lange, so drehte er sich kurz, wie verblüfft, um und verließ das Comptoir; er kehrte nur zweimal im Laufe des Tages dahin zurück; jedesmal mischte und verschluckte er ein Glas Branntwein und Wasser, wozu er die Materialien aus einem Speiseschrank auf der Seite des Kamins holte; nach dem er einen Blick auf meine Uebersezungen geworfen hatte er konnte Französisch und Deutsch lesen - ging er wieder schweigend hinaus.
Ich diente Edward als sein zweiter Commis treu, pünktlich und eifrig. Was mir zu thun ausgegeben wurde, das hatte ich die Kraft und den Entschluß recht zu thun. Mr. Crimsworth hielt scharfe Wache wegen Fehler, allein er fand keinen; er beauftragte Timothy Steighton, seinen Günstling und ersten Mann, gleichfalls Acht zu geben. Tim gerieth in Verwirrung; ich war so pünktlich als er und schneller. Mr. Crimsworth erkundigte sich, wie ich lebte, ob ich Schulden machte - nein, meine Rechnungen mit meiner Hauswirthin waren stets in Richtigkeit. Ich hatte eine kleine Wohnung gemiethet, welche ich aus einem kleinen Fonds zu bezahlen wußte den gesammelten Ersparnissen meines Etoner Taschengelds; denn da es meiner Natur von jeher zuwider gewesen war, um Geldunterstützung zu bitten, hatte ich mir frühzeitig die Gewohnheit selbstverleugnerischer Oekonomie angeeignet, indem ich mein Monatsgeld mit ängstlicher Sorgfalt zu Rathe hielt, um der Gefahr vorzubeugen, in irgend einem Augenblick künftigen Bedürfnisses um eine nachträgliche Beihülse bitten zu müssen. Ich erinnere mich, Manche nannten mich damals geizig, und ich pflegte dem Vorwurf mit dem Trost zu begegnen : besser jetzt misverstanden, als später eine abschlägige Antwort zu erhalten. Jetzt hatte ich meinen Lohn. Ich hatte ihn schon vorher gehabt, als beim Abschied von meinen erzürnten Oheimen einer von ihnen eine Fünfpfundnote vor mir auf den Tisch warf, welche ich dort mit der Erklärung lies gen lassen konnte, daß für meine Reisekosten bereits gesorgt sei. Mr. Crimsworth beauftragte Tim, ausfindig zu machen, ob meine Wirthin bezüglich meiner Moralität etwas zu klagen hätte; die Antwort lautete, sie halte mich für einen sehr religiösen Mann, und fragte Tim ihrerseits, ob er glaube, daß ich die Absicht hege, einmal in die Kirche zu treten, denn sie habe, sagte sie, junge Hülfsgeistliche im Logis bei sich gehabt, die in Rücksicht auf Festigkeit und Ruhe nichts in Vergleich mit mir gewesen seien. Tim war selbst ein religiöser Mann“; wirklich war er ein „unirter Methodist“, was aber, wohl zu verstehen, ihn nicht hinderte, zu gleicher Zeit ein schwarzgerauchter Schurke zu sein, und er zog in großer Verwirung ab, als er diesen Bericht von meiner Frömmigkeit hörte. Nachdem er denselben Mr. Crimsworth mitgetheilt hatte, benützte dieser Gentleman, der selbst keinen Ort der Gottesverehrung besuchte und nicht Gott, sondern den Mammon bekannte, die Nachricht zu einer Angriffswaffe gegen die Gleichmäßigkeit meines Temperaments. Er eröffnete eine Reihe verdeckter Spöttereien, deren Richtung ich anfänglich nicht begriff, bis meine Wirthin mir zufällig von der Unterredung erzählte, die sie mit Mr. Steighton gehabt hatte; dieß gab mir ein Licht; von da an kam ich vorbereitet auf das Comptoir und ganz gefaßt, die gotteslästerlichen Sarkasmen des Fabrikbesitzers, als sie das nächste Mal auf mich gezielt waren, mit dem Schilde undurchdringlicher Gleichgültigkeit aufzunehmen. Nicht lange, so wurde er müde, seine Munition an eine Statue zu verschwenden, aber er warf die Pfeile nicht weg - sondern bewahrte sie ruhig in seinem Köcher.
Einmal während meiner Commisschaft erhielt ich eine Einladung nach Crimsworth-Hall; es war bei Gelegenheit einer großen, zu Ehren von des Herrn Geburtstag gegebenen Gesellschaft; er war immer gewohnt gewesen, bei ähnlichen Jahresfesten seine Commis einzuladen und konnte nicht wohl mich übergehen; ich wurde jedoch streng im Hintergrund gehalten. Mrs. Crimsworth, elegant in Atlas und Spitzen gekleidet, blühend in Jugend und Gesundheit, ließ sich zu keiner weiteren Notiz gegen mich herab, als soweit diese durch eine entfernte Bewegung ausgedrückt wurde; ich wurde Niemand von der Versammlung der jungen Damen vorgestellt, welche in silberne Wolken von weißem Gas und Musselin eingehüllt, wie in Schlachtordnung mir gegenüber auf der entgegengesetzten Seite eines langen und großen Saales saßen; ich war in der That völlig isolirt und konnte die glänzenden Erscheinungen nur aus der Ferne betrachten, und wenn ich einer solchen blendenden Scene müde war, der Abwechslung wegen, zu der Betrachtung des Teppichmusters mich wenden. Mr. Crimsworth, vor dem Kamin stehend, den Ellbogen auf dessen Marmorgesims gestützt, und rings um ihn eine Gruppe sehr hübscher Mädchen, mit welchen er sich munter unterhielt Mr. Crimsworth warf in solcher Stellung einen Blick auf mich; ich sah ermüdet, vereinsamt aus, niedergehalten gleich einem Hofmeister oder einer Gouvernante in ihrer Verlassenheit; er war befriedigt.
Das Tanzen begann; es wäre mir wohl lieb gewesen, einem angenehmen und verständigen Mädchen vorgestellt zu werden und Freiheit und Gelegenheit zu haben, zu zeigen, daß ich das Vergnügen geselliger Unterhaltung ebenso wohl fühlen als theilen konnte - daß ich, kurz gesagt, nicht ein Block oder ein Stück von einem Möbel war, sondern ein handelnder, denkender, fühlender Mensch. Manche lächelnde Gesichter und anmuthige Gestalten glitten an mir vorüber, aber das Lächeln wurde an andere Augen verschwendet, die Gestalten wurden von andern Händen, als den meinigen gehalten. Ich wandte mich mit Tantalusqual ab, verließ die Tänzer und wanderte nach dem mit Eichenholz getäfelten Speisesaal. Keine Fiber von Sympathie verband mich mit einem lebenden Wesen in diesem Hause; ich sah mich um und fand meiner Mutter Portrait. Ich nahm eine Wachskerze von einem Ständer und hielt sie empor, ich schaute Lang und eifrig; mein Herz wuchs zu dem Bilde empor. Meine Mutter hatte, wie ich wahrnahm, viel von ihren Zügen und ihrer Miene ihre Stirne, ihre Augen, ihre Gesichtsfarbe auf mich vererbt. Keine regelmäßige Schönheit gefällt egoistischen menschlichen Wesen so sehr, als ein etwas gemildertes und verfeinertes Abbild von ihnen; aus diesem Grunde betrachten Väter wohlgefällig die Züge in ihrer Töchter Angesicht, wo häufig ihr eigenes Bild mit der Weichheit der Farbe und der Zartheit der Umrisse schmeichelnd vergesellschaftet ist. Ich hätte eben gern wissen mögen, welchen Eindruck dieses Portrait, das mich so sehr interessirte, wohl auf einen unparteiischen Beobachter machen würde, als eine Stimme hart hinter mir die Worte aussprach:
„Hum, es ist Sinn in diesem Gesichte.“
Ich wandte mich um; an meinem Ellbogen stand ein hochgewachsener Mann, jung, wiewohl wahrscheinlich fünf oder sechs Jahr älter als ich in jeder andern Rücksicht von einem Aussehen, das nichts weniger als Altäglichkeit verrieth; obgleich eben jetzt, da ich nicht in der Stimmung bin, sein Portrait im Detail zu malen, der Leser mit der gerade entworfenen Silhouette sich begnügen muß; es war Alles, was ich selbst im Augenblick von ihm sah: ich forschte nicht nach der Farbe seiner Augbraunen, noch nach der seiner Augen, ich sah seine Statue und die Umrisse seiner Gestalt; ich bemerkte auch seine widrig aussehende, aufgestülpte Nase; diese Beobachtungen, wenig an Zahl und allgemein an Charakter (mit Ausnahme der letztern) reichten aus, denn sie setzten mich in Stand, ihn zu erkennen.
„Guten Abend, Mr. Hunsden,“ murmelte ich mit einer Verbeugung, und dann begann ich wie ein schüchterner Tropf mich zurückzuschieben - und warum? Einfach, weil Mr. Hunsden ein Manufacturist und Fabrikeigenthümer und ich nur ein Commis war und mein Instinct mich von Jemand, der über mir stand, zurückscheuchte. Ich hatte Hunsden oft in Bigben Close gesehen, wohin er beinahe wöchentlich kam, um Geschäfte mit Mr. Crimsworth abzumachen, aber ich hatte nie mit ihm gesprochen, noch er mit mir, und ich trug ihm eine Art unwillkürlichen Grolls nach, weil er mehr als einmal der stille Zeuge von Beleidigungen war, die sich Edward gegen mich erlaubte. Ich hatte die Ueberzeugung, daß er mich nur als einen geistesarmen Sclaven betrachten konnte, weshalb ich zurücktrat, um seine Gegenwart zu meiden und seiner Unterhaltung auszuweichen. „Wohin gehen Sie?“ fragte er, als ich seitwärts rückte. Ich hatte bereits wahrgenommen, daß Mr. Hunsden sich einer kurz abgebrochenen Redeweise befliß, und ich sagte störrischer Weise bei mir selbst:
„Er denkt, er darf mit einem armen Commis sprechen, wie es ihm beliebt; aber meine Art und Weise ist vielleicht nicht so willfährig, als er sich vorstellt und sein rauh-freies Wesen gefällt mir durchaus nicht.“
Ich gab eine unbedeutende Antwort, mehr gleichgültig als höflich; und setzte meinen Rückzug fort. Er pflanzte sich kalt in meinem Weg auf.
„Bleiben Sie hier eine Weile,“ sagte er, es ist so heiß im Tanzsaal; außerdem tanzen Sie nicht; Sie haben heute Nacht keine Tänzerin gehabt.“
Er hatte Recht, und wie er sprach, mißfiel mir weder Blick noch Ton noch Manier an ihm; meine Eigenliebe war versöhnt; er hatte mich nicht aus Herablassung angeredet, sondern weil er, der Erfrischung wegen nach dem kühlen Speisesaal gekommen, jetzt zum Zweck vorübergehender Unterhaltung Jemand haben wollte, mit dem er sprechen konnte. Ich hasse Herablassung gegen mich, aber liebe es, verbindlich zu sein. Ich blieb.
„Das ist ein gutes Bild,“ fuhr er fort, zu dem Portrait zurückkehrend.
Finden sie das Gesicht hübsch?“ fragte ich.
„Hübsch! nein wie kann es hübsch sein mit eingesunkenen Augen und hohlen Wangen? aber es ist eigenthümlich; es scheint zu denken. Man könnte ein Gespräch mit dieser Frau führen, wenn sie am Leben wäre, über andere Gegenstände, als Putz, Visiten und Complimente.“
Ich stimmte ihm bei fuhr fort. aber sprach es nicht aus. Er Nicht daß ich einen Kopf dieser Art bewundere; es mangelt an Charakter und Kraft; es ist zu viel von dem Sen-si-tiven (so articulirte er es, seine Lippe zugleich kräuselnd) in diesem Munde; außerdem ist Aristokrat auf die Stirne geschrieben und in der Figur gezeichnet; ich hasse eure Aristokraten.“
„Sie denken also, Mr. Hunsden, daß patricische Abkunft in einem distinctiven Guß von Gestalt und Zügen zu lesen sei?“
Zum Henker mit patricischer Abkunst! Wer zweifelt, daß Eure Lördchen ebenso gut ihren distinctiven Guß von Gestalt und Zügen haben können, als wir - shire-Gewerbsleute den unsrigen? Aber welches ist der beste? Gewiß nicht der ihrige. Was deren Frauen anbelangt, so ist da ein kleiner Unterschied: sie cultiviren die Schönheit von Kindheit an, und können es durch Sorgfalt und Erziehung zu einem gewissen Grad von Vortrefflichkeit in diesem Punkte bringen. Doch selbst diese Superiorität ist zweifelhaft. Vergleichen Sie diese Figur in dem Rahmen mit Mrs. Edward Crimsworth - welche ist das schönere Geschöpf?“ Ich antwortete ruhig: „Vergleichen Sie sich selbst und Mr. Edward Crimsworth, Mr. Hunsden.“
„Crimsworth ist voller als ich, das weiß ich; außerdem hat er eine gerade Nase, gebogene Augbraunen und so weiter; aber diese Vortheile - wenn es Vortheile sind -- hat er nicht von seiner Mutter, der Patricierin, geerbt, sondern von seinem Vater, dem alten Crimsworth, der, sagt mein Vater, ein veritabler -shire Blaufärber war, wie je einer Indigo in eine Kuse gethan hat, doch dabei der schönste Mann in den drei Bezirken. 1 Sie, William, sind der Aristokrat Ihrer Familie, und Sie sind bei weitem kein so schöner Bursche als Ihr plebejischer Bruder.
Es lag Etwas in Mr. Hunsden's ins Schwarze zielender Redeweise, was mir besser als sonst gefiel, weil es mich selbst in eine behaglichere Stimmung versetzte. Ich führte also die Unterhaltung mit einem Grad von Interesse weiter.
„Wie kommt es, daß Sie mich als Mr. Crimsworths Bruder kennen? Ich glaubte, Sie und Jedermann sonst sehen blos im Lichte eines armen Commis' auf mich.
„Wohl, das thun wir auch; und was sind Sie als ein armer Commis? Sie arbeiten für Crimsworth und er zahlt Ihnen Lohn einen schäbigen Lohn noch dazu.“
Ich schwieg still. Hunsdens Sprache streiste nun an's Unverschämte, aber doch beleidigte mich sein Benehmen nicht im Mindesten es reizte nur meine Neugierde; ich forderte ihn auf, fortzufahren, was er eine Weile nachher that. „Diese Welt ist eine alberne,“ sagte er.
„Wie so, Mr. Hunsden?“
„Ich wundere mich, daß Sie fragen können: Sie selbst sind ein starker Beweis für jene Albernheit, auf die ich anspiele.“ Ich war entschlossen, er sollte sich von freien Stücken erklären, ohne daß ich ihn hiezu drängte - so nahm ich also mein Stillschweigen wieder auf.
„Ist es Ihre Absicht, ein Gewerbsmann zu werden?“ „Es war meine ernstliche Absicht vor drei Monaten.“ „Hum! desto thörichter von Ihnen - Sie sehen mir gleich einem Gewerbsmann aus! Was für ein praktisches geschäftsmäßiges Gesicht Sie haben!“
„Mein Gesicht ist, wie der Herr es gemacht hat, Mr. Hunsden.“
„Der Herr hat nie weder Ihr Gesicht, noch Ihren Kopf für X- gemacht. Was kann Ihnen hier das Gebums von Idealität, Gleichheit, Selbstachtung, Gewissenhaftigkeit nützen? Aber wenn Ihnen Bigben Close gefällt, so bleiben Sie hier; es ist Ihre eigene Sache, nicht die meinige.“
„Vielleicht habe ich keine Wahl.“
„Nun, ich kümmere mich nichts darum es hat für mich wenig zu bedeuten, was Sie thun, oder wohin Sie gehen; aber ich habe mich jetzt abgekühlt - ich will wieder tanzen; und ich sehe so ein schönes Mädchen dort in der Ecke des Sopha's bei ihrer Mama sitzen. Sehen Sie, ob ich sie nicht in einem Pfiff für einen Tänzer gewinne! Da ist Waddy, Sam Waddy, der auf sie zusteuert; soll ich ihn nicht ausstechen?“
