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Der Professor erzählt als nüchterne Ich-Chronik des Waisen William Crimsworth vom Weg aus den Yorkshire-Spinnereien des tyrannischen Bruders nach Brüssel, wo er als Englischlehrer unter M. Pelet arbeitet und in die intrigante Sphäre der Pensionatsvorsteherin Mlle. Zoraïde Reuter gerät. Zwischen Arbeitsdisziplin, Sprachunterricht und religiösen Antagonismen (protestantisch vs. katholisch) tastet Brontë die Grenzen bürgerlicher Selbstformung aus. Die leise Ironie, der kontrollierte Realismus und die psychologische Genauigkeit kulminieren in Williams partnerschaftlicher Bindung an die schlichte Pupil‑Teacher Frances Henri, der Gründung einer Schule und einer Ethik der Selbstbeherrschung statt romantischem Überschwang. Charlotte Brontë (1816–1855), als Currer Bell debütierend, transformierte ihre Brüsseler Jahre am Pensionnat Heger (1842/43) in eine Topographie der Entfremdung und des Begehrens. "Der Professor", ihr frühestes vollendetes, von Verlegern abgewiesenes Werk, erschien 1857 postum. Der männliche Erzähler dient als ästhetisches Labor: Er umgeht Markterwartungen, prüft Geschlechternormen und vorbereitet Motive, die "Villette" und "Jane Eyre" vertiefen. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die viktorianischen Realismus, Bildungsroman und transnationale Stadträume vergleichen möchten. Als präzise Studie von Arbeit, Sprache und Moral ergänzt es die kanonischen Romane Brontës und belohnt durch Klarheit der Prosa und unsentimentale, gleichwohl bewegende Intimität. Quickie Classics fasst zeitlose Werke präzise zusammen, bewahrt die Stimme des Autors und hält die Prosa klar, schnell und gut lesbar – destilliert, niemals verwässert. Extras der erweiterten Ausgabe: Einführung · Zusammenfassung · Historischer Kontext · Autorenbiografie · Kurze Analyse · 4 Reflexionsfragen · Redaktionelle Fußnoten.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Zwischen dem Streben nach persönlicher Selbstbestimmung und den dichten Netzen gesellschaftlicher Erwartung entfaltet Der Professor die Geschichte eines jungen Engländers, der im Spannungsfeld von Arbeit, Bildung und Gefühl seine Würde behaupten will, indem er sich von familiären Abhängigkeiten löst, berufliche Bewährung sucht und in der Begegnung mit einer fremden Stadt wie mit fremden Sitten erkennt, dass Charakterbildung ein täglicher Entschluss ist, der Mut, Selbstdisziplin und Mitgefühl zugleich verlangt und dessen Preis ebenso in Verzicht wie in Erkenntnis besteht, während die leise, doch beharrliche Frage nach sozialer Zugehörigkeit sein Urteil prüft und ihn lehrt, Freiheit nicht als Besitz, sondern als fortgesetzte Verantwortung zu verstehen.
Charlotte Brontës Roman Der Professor gehört zum Kanon des viktorianischen Bildungsromans und bewegt sich zwischen realistischem Gesellschaftsbild und psychologischer Selbstbefragung. Die Handlung verläuft von Nordengland nach Brüssel, wo Lehranstalten, Klassenräume und Pensionen die Bühne für berufliche wie persönliche Bewährungsproben bilden. Das Buch entstand in den 1840er Jahren und wurde erst 1857, zwei Jahre nach Brontës Tod, posthum veröffentlicht. Diese Entstehungsgeschichte prägt das Werk: Es trägt die Energie eines Debüts und zugleich die Nüchternheit einer Autorin, die bereits an formaler Präzision arbeitet, ohne die spätere Weite ihrer bekannteren Romane zu suchen.
Erzählt wird aus der Ich-Perspektive von William Crimsworth, einem jungen Engländer, der zunächst eine Anstellung als Schreiber sucht und schließlich in Brüssel im Lehrbetrieb Fuß fasst. Die Stimme ist kontrolliert, prüfend und bewusst unpathetisch; sie beobachtet genau, wägt Motive ab und meidet selbstmitleidige Ausbrüche. Stilistisch bevorzugt der Roman klare Satzführung, pointierte Beobachtung und eine ruhige Intensität, die weniger auf spektakuläre Wendungen als auf innere Bewegungen setzt. Der Ton ist nüchtern, bisweilen trocken, doch immer durch eine moralische Ernsthaftigkeit getragen, die der Figur Autorität verleiht, ohne ihre blinden Flecken zu verdecken.
Zentrale Themen sind Arbeit als moralische Schule, der Anspruch auf Selbstständigkeit und die Frage, wie weit Herkunft soziale Horizonte definiert. Der Roman prüft Leistungsprinzip und Privileg, zeigt, wie Anerkennung im Arbeitsalltag errungen, verweigert oder verfehlt wird, und beleuchtet die feinen Mechanismen von Autorität in Klassenzimmern, Büros und Salons. Bildung erscheint weniger als Zertifikat denn als Charakterarbeit, die Geduld und Urteil verlangt. Ebenso präsent ist das Motiv der Grenzüberschreitung: zwischen Nationen, Klassen, Geschlechtern und Sprachen, das den Blick weitet, aber auch Missverständnisse und Machtgefälle sichtbar macht. Im Hintergrund steht stets die Frage, was Integrität im Spannungsfeld solcher Übergänge bedeutet.
Die Schauplätze sind knapp, aber suggestiv gezeichnet: feuchte Straßen, lärmende Pensionen, disziplinierte Klassenzimmer und öffentliche Gärten, in denen Beobachtung zum stillen Sport wird. Brüssel erscheint als Ort der Begegnung und der Reibung, dessen Sitten und pädagogische Praktiken der englische Erzähler prüfend befragt. Dazu gehören auch konfessionelle Gegensätze, wie sie der Protagonist wahrnimmt, die weniger theologisch ausgetragen als sozial markiert werden: in Ritualen, Hierarchien und Gewohnheiten. Aus solchen Details entwickelt der Text seine Spannung, ohne auf Schauwerte zu setzen, und lädt dazu ein, Denkgewohnheiten zu prüfen, bevor vorschnelle Urteile gefällt werden.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt Der Professor relevant, weil er Arbeits- und Migrationsräume beschreibt, in denen Leistung, Sprache und Zugehörigkeit verhandelt werden – Erfahrungen, die moderne Städte prägen. Der Roman zeigt, wie Identität sich in Berufssituationen formt, wie Anerkennung von Vorgesetzten, Kolleginnen und Schülern abhängt und wie subtil Machtverhältnisse wirken. Bemerkenswert ist zudem der Perspektivwechsel: Eine Autorin schreibt konsequent aus männlicher Sicht und prüft damit Rollenbilder, ohne didaktisch zu werden. Das Ergebnis ist eine Schule der Aufmerksamkeit, die Empathie, Selbstprüfung und sprachliche Genauigkeit als Voraussetzungen gelingender Begegnung nahelegt – heute wie damals.
Wer diesen Roman aufschlägt, begegnet keiner Schauergeschichte, sondern einer ruhigen, konzentrierten Charakterstudie, die ihre Spannung aus Entscheidungen im Alltag bezieht. Brontë vertraut auf die Überzeugungskraft eines konsequent gefilterten Blicks: Was zählt, sind Haltung, Urteil und die Bereitschaft, Grenzen zu erkennen und neu zu ziehen. Das erzeugt ein Leseerlebnis, das entschleunigt, schärft und nachwirkt. Der Professor ist damit weniger ein Panorama als ein Brennglas – kompakt im Umfang, präzise in der Beobachtung, eindringlich im moralischen Gehalt – und eine lohnende Einstiegserfahrung in Brontës nüchternere, doch keineswegs ärmere Tonlage. Er belohnt geduldige Leserinnen und Leser mit stiller, nachhaltiger Klarheit.
Der Professor, posthum 1857 veröffentlicht, ist Charlotte Brontës nüchtern erzählter Bildungsroman in Ich-Form. Der Erzähler William Crimsworth berichtet rückblickend von seinem Weg aus prekären Anfängen zu beruflicher und innerer Selbstständigkeit. Die Handlung bewegt sich zwischen englischer Industrielandschaft und einem kontinentaleuropäischen Bildungsmilieu. Brontë verknüpft dabei soziale Aufstiegserzählung und Charakterstudie: Arbeitsethos, Selbstdisziplin, religiöse Überzeugungen und nationale Differenzen geraten in Spannung. Ohne Pathos, aber mit genauer Beobachtung zeichnet der Text die Grenzziehung zwischen Abhängigkeit und Autonomie. Früh werden Machtverhältnisse sichtbar, die sich durch Familie, Wirtschaft und Unterrichtsinstitutionen ziehen und den Protagonisten in Prüfungen der Loyalität und Selbstbehauptung führen.
Zu Beginn steht Williams bewusste Abkehr von bequemen, aber bindenden Optionen. Er lehnt es ab, sich durch Protektion eine kirchliche Laufbahn sichern zu lassen, und sucht stattdessen bezahlte Arbeit. Diese Entscheidung führt ihn in eine Welt, in der Herkunft wenig zählt und Leistung ständig kontrolliert wird. Es geht nicht um heroische Gesten, sondern um die nüchterne Wahl, das eigene Fortkommen auf Fleiß und Urteilskraft zu gründen. Der Roman etabliert damit früh sein zentrales Spannungsfeld: die Kollision zwischen gesellschaftlicher Erwartung, familiärer Einbindung und dem Drang, sich auf Basis eigener Fähigkeiten einen Platz zu erarbeiten.
William nimmt eine Stelle im Geschäft seines älteren Bruders an, wo die alltägliche Disziplin der Textilökonomie rasch zur psychischen Bewährungsprobe wird. Der Bruder nutzt seine Position, um Kontrolle auszuüben; Respekt und Anerkennung bleiben aus. In dieser bedrängten Lage begegnet William Hunsden Yorke Hunsden, einem unkonventionellen Fabrikanten. Dessen spröde Sympathie und schonungslose Kommentare wirken als Katalysator: Sie entlarven die Abhängigkeiten, in denen William gefangen ist, und öffnen zugleich die Vorstellung eines anderen, von Autorität weniger bevormundeten Lebens. Der eigentliche Wendepunkt ist nicht ein äußeres Ereignis, sondern die innere Entschlusskraft, das Umfeld zu verlassen.
Die Fluchtlinie führt über den Kanal nach Brüssel. Dort findet William durch Vermittlung eine Anstellung als Englischlehrer in der von Monsieur Pelet geleiteten Jungenschule. Das neue Umfeld wirkt zugleich befreiend und prüfend: Fremdsprache, Sitten und Institutionen verlangen Anpassung, während fachliche Kompetenz und Ruhe im Klassenzimmer zählen. Brontë nutzt die Schulzimmer als Labor für Charakterbildung: Unterricht wird zu einer Bühne, auf der Disziplin, Einfühlungsvermögen und Urteilsstärke konkret erprobt werden. Williams nüchterner Fleiß verschafft ihm Respekt, doch die feinen Hierarchien eines Internats mit seinen informellen Allianzen bleiben ein ständiger Hintergrundton der Unsicherheit.
Nebenan führt Madame Reuter ein Mädcheninstitut, und bald entsteht ein Geflecht wechselseitiger Interessen zwischen den beiden Schulen. Kooperation, Konkurrenz und persönliche Annäherungen überlagern sich, während William lernt, berufliche Grenzen zu ziehen. Die Direktorenfiguren erscheinen kultiviert, doch hinter Höflichkeit und pädagogischem Eifer verbergen sich taktische Manöver. Brontë zeigt, wie charismatische Autorität Loyalitäten formt, Bindungen anbahnt und Erwartungen steuert. In dieser Atmosphäre ist Nähe nie ohne Forderung, Gefälligkeit nie ohne Preis. Williams Versuch, unabhängig zu bleiben, gerät zum Prüfstein: Er muss unterscheiden lernen zwischen echter Förderung und subtilem Zugriff.
In diesem pädagogischen Kosmos begegnet William Frances Henri, einer stillen, ehrgeizigen jungen Frau mit schweizerischem Hintergrund, die am Rand der Institutionen lebt und zugleich nach Bildung strebt. Ihre Lage ist prekär, doch ihr Wille zur Selbstverbesserung entspricht Williams Ideal von Leistung ohne Protektion. Aus anfänglicher Aufmerksamkeit entsteht ein behutsames Lehrverhältnis, getragen von Respekt und intellektueller Resonanz. Brontë zeichnet Frances nicht als Muse, sondern als Lernende mit Stehvermögen. Der Fokus liegt auf der formenden Kraft des Unterrichts: Fortschritt entsteht durch Regelmäßigkeit, nüchterne Ermutigung und die Einsicht, dass Wissen Beweglichkeit in einer starren sozialen Ordnung schaffen kann.
Gerade diese Annäherung ruft Widerstände hervor. Institutionelle Interessen und persönliche Eitelkeiten greifen ein; Unterrichtswege werden gekappt, Kontakte erschwert, Entscheidungen verzögert. Für William bedeutet das eine weitere Lektion in Machtkunde: Abhängigkeit kann auch durch scheinbar wohlmeinende Fürsorge erzeugt werden. Brontë intensifiziert dadurch die innere Handlung. Statt dramatischer Enthüllungen dominieren Beobachtung, kleine Verschiebungen im Ton, abrupte Verwaltungsakte. Der Roman lotet die Spannung zwischen Gefühl und Pflicht aus, ohne die Figuren in romantische Rollen zu pressen. Williams Suche nach Frances wird zur Prüfung seiner Geduld und seines Urteils, nicht zu einer Bühne für grandiose Gesten.
Beruflich führt der Druck zu Klarheit. William schärft seine pädagogische Haltung, setzt Grenzen gegenüber Vorgesetzten und entwickelt ein Bewusstsein für das Maß an Freiheit, das der Lehrerberuf gewähren kann. Enthüllungen über Motive seiner Umgebung zwingen ihn, Allianzen neu zu bewerten und Abhängigkeiten abzubauen. Brontë zeigt dies als Folge von kleinen, folgerichtigen Entscheidungen: die Wahl des Arbeitsplatzes, die Pflege verlässlicher Kontakte, das Beharren auf sachlichem Maßstab. Der Weg bleibt fragil, doch ein Muster wird sichtbar: Selbstachtung entsteht aus Kompetenz, Verlässlichkeit und der Weigerung, Anerkennung durch Gefälligkeit zu erkaufen.
Der Roman kulminiert nicht in Sensation, sondern in einer ruhigen Ethik des Erwerbslebens. Der Professor verhandelt Klassenaufstieg, religiöse Spannungen und Geschlechterrollen ohne Polemik, indem er Arbeit, Bildung und nüchterne Loyalität als Prüfsteine setzt. Im Hintergrund steht Brontës kritischer Blick auf Heuchelei und die Versuchung, Abhängigkeit zu romantisieren. Das Buch wirkt nachhaltig als frühe Studie jener Themen, die Brontë später weiter ausbaut: die Einsamkeit im Ausland, die Beharrlichkeit im Beruf, die Suche nach gleichwertiger Partnerschaft. Die Botschaft bleibt zurückhaltend, aber deutlich: Unabhängigkeit entsteht aus Charakter und kontinuierlicher, selbstbestimmter Arbeit.
Der Professor entstand im Kontext der frühen Viktorianischen Zeit der 1830er und 1840er Jahre. Der Roman bewegt sich zwischen dem industriell geprägten Norden Englands und der belgischen Hauptstadt Brüssel. Prägende Institutionen sind Fabriken und Kontore des Textilgewerbes, private Pensionatsschulen und Spracheninstitute, Kirchengemeinden beider Länder sowie das aufstrebende Londoner Verlagswesen. Belgien war seit 1830 ein unabhängiger Staat mit liberaler Verfassung, Brüssel eine Verwaltungs- und Bildungsmetropole. England erlebte zugleich eine beschleunigte Urbanisierung. Diese Konstellation aus Industriekapitalismus, Bildungsangeboten und konfessioneller Vielfalt strukturiert das gesellschaftliche Umfeld, in dem die Handlung und ihre beruflichen Milieus verortet sind.
Charlotte Brontë arbeitete vor ihrer Autorinnentätigkeit als Lehrerin und Gouvernante und lebte 1842–1843 in Brüssel, wo sie gemeinsam mit ihrer Schwester an einem Pensionat der Familie Heger unterrichtete und studierte. Diese unmittelbare Erfahrung mit Unterrichtspraxis, Schulleitung und Internatsleben liefert nachprüfbaren Hintergrund für die im Roman geschilderten Arbeitsverhältnisse an belgischen Schulen. Bereits zuvor hatte Brontë in England an Mädchenschulen gearbeitet und berufliche Unsicherheit im Bildungssektor kennengelernt. 1844 plante die Familie ein eigenes Institut in Haworth, das jedoch keine Schülerinnen gewann. Der Roman greift dieses Umfeld auf, indem er Lehrerberufe, Sprachunterricht und Prüfungsregeln detailliert situativ beschreibt.
Die Handlung setzt in einem England ein, das durch Fabrikarbeit, Handelskontore und die Ausweitung des Angestelltenwesens geprägt war. Yorkshire war ein Zentrum der Woll- und Kammgarnindustrie; wirtschaftliche Zyklen der „Hungry Forties“ beeinflussten Beschäftigung und Aufstiegschancen. In Betrieben und Büros entschieden Patronage, Verwandtschaftsnetzwerke und Kreditbeziehungen oft über Karrieren. Der Roman lässt einen englischen Angestellten mit Fabrik- und Kontorpraxis auftreten, was historische Berufsprofile der Zeit aufgreift. Ohne zentrale Wendungen vorwegzunehmen, zeigt das Umfeld Konkurrenzdruck, Leistungsbewertungen und das Ringen um unabhängige Erwerbspositionen – Motive, die in der industriellen Gesellschaft der 1840er Jahre dokumentiert sind.
Ein zentraler Bezug ist das europäische Bildungssystem jener Zeit. In Großbritannien entstand nach 1839 mit dem Committee of Council on Education eine staatlich gestützte Lehrerbildung; zugleich blieb die schlecht bezahlte Gouvernantenarbeit für Frauen verbreitet. In Belgien regelte das Primarschulgesetz von 1842 den Religionsunterricht und stärkte kirchliche Einflussmöglichkeiten, während private Pensionate florierten. Brüssel war stark frankophon, und moderne Fremdsprachen galten als Aufstiegskapital. Der Roman verortet Unterricht, Prüfungen und Disziplin in diesem Rahmen getrennter Jungen- und Mädchenschulen, bezahlter Sprachstunden und hierarchischer Schulleitungen, wie sie in den 1840er Jahren in Belgien und England dokumentiert sind.
Konfessionelle Spannungen prägten Öffentlichkeit und Bildungspolitik. Belgien war mehrheitlich römisch‑katholisch; die Verfassung von 1831 garantierte Religionsfreiheit, doch kirchliche Akteure übten großen Einfluss auf Schulen aus. In Großbritannien bestimmten anglikanische und nonkonformistische Strömungen Debatten über Moral und Unterricht, und antikatholische Stereotype kursierten in Presse und Traktatliteratur. Der Roman zeigt eine protestantische englische Perspektive in Interaktion mit katholischen Schulleitungen; diese Konstellation entspricht verbreiteten Wahrnehmungsmustern der Zeit. Ohne wesentliche Handlungsdetails offenzulegen, wird deutlich, dass religiöse Zugehörigkeit Beziehungen, Vertrauensfragen und Karrieren in Bildungsinstitutionen des 19. Jahrhunderts sichtbar mitstrukturierte. Zeitgenössische Kontroversen betrafen etwa den Jesuiteneinfluss, den Bibelunterricht und die staatliche Finanzierung konfessioneller Schulen.
Der grenzüberschreitende Arbeitsweg der Figuren entspricht neuen Mobilitätsmustern der 1840er Jahre. Belgien baute ab 1835 das erste Eisenbahnnetz Kontinentaleuropas auf, Brüssel wurde früh ein Knotenpunkt; Dampfschiffverbindungen verbanden Ostende mit englischen Häfen. Reisezeiten und Kosten sanken, wodurch Lehrerinnen und Lehrer vermehrt Stellen im Ausland suchten. Brüssel war mehrsprachig, doch in Verwaltung, Elitenkultur und Bildung dominierte das Französische. Der Roman nutzt diese Situation, indem Sprachunterricht, Akzentbeurteilungen und Übersetzungen als berufliche Qualifikationen erscheinen. Die Präsenz britischer Expatriates in belgischen Pensionaten ist für die Zeit gut belegt und verleiht den dargestellten Berufswegen historische Plausibilität.
Entstehungs- und Publikationsgeschichte verankern den Text in der Buchkultur der Epoche. Brontë verfasste The Professor in den Jahren 1846–1847; mehrere Verlage lehnten das Manuskript ab. 1847 erschien Jane Eyre bei Smith, Elder & Co. unter dem Pseudonym Currer Bell und wurde sofort bekannt. The Professor gelangte erst nach Brontës Tod 1855 zur Veröffentlichung: 1857 brachte Smith, Elder & Co. den Roman postum heraus. Die Erzählung ist in der Ich-Perspektive eines englischen Lehrers gehalten und konzentriert sich stark auf Ausbildungs- und Arbeitszusammenhänge, wodurch zeitgenössische Berufsrealitäten erzählerisch dokumentiert werden. Einen ähnlichen Schauplatz behandelte Brontë später auch in Villette (1853), das ebenfalls bei Smith, Elder & Co. erschien.
Als Zeitdokument kommentiert der Roman zentrale Spannungsfelder der 1840er Jahre: die Suche nach beruflicher Selbstständigkeit im Zeichen des Industriekapitalismus, die Bedeutung moderner Sprachkompetenzen für soziale Mobilität, die Hierarchien und Disziplinapparate privater Bildung sowie die Begegnung eines protestantischen England mit einem mehrheitlich katholischen Belgien. Durch die detailreiche Darstellung von Unterrichtsabläufen, Prüfungen, Anstellungsverträgen und städtischem Alltagsleben hält Der Professor Praktiken fest, die archivalisch und publizistisch für die Epoche belegt sind. Ohne auf spätere Entwicklungen der Figuren einzugehen, lässt sich das Buch so als präziser Kommentar zur Arbeits-, Bildungs- und Glaubenskultur des frühen Viktorianismus lesen.
Charlotte Brontë (1816–1855) gilt als eine der prägenden Stimmen des viktorianischen Romans. Unter dem Pseudonym Currer Bell veröffentlichte sie Werke, die psychologische Innenschau, gesellschaftliche Kritik und Elemente des Schauerromans verbinden. Ihr bekanntestes Buch, Jane Eyre, wurde zum Maßstab für die Entwicklung einer selbstbewussten Ich-Erzählung und beeinflusste Generationen von Autorinnen und Autoren. Brontës Prosa verknüpft moralische Fragestellungen mit konkreten Lebenswelten und gibt weiblicher Erfahrung differenzierten Ausdruck. Obwohl ihr Werk überschaubar ist, wirkt es weit über seine Entstehungszeit hinaus: in literarischen Debatten über Autonomie, Bildung, Arbeit und die Grenzen sozialer Konventionen im England des 19. Jahrhunderts.
Ihre Ausbildung begann an einer Schule für Töchter anglikanischer Geistlicher in Lancashire, deren Strenge und Mängel später literarisch nachhallten. Anschließend besuchte sie die Roe Head School in Mirfield und arbeitete dort zeitweise als Lehrerin. Prägend waren intensive Lektüren englischer Romantiker und der Romantradition, zudem eine ausgeprägte autodidaktische Disziplin. 1842 ging sie nach Brüssel an ein Pensionat, um ihre Sprachkenntnisse zu erweitern, und unterrichtete dort zeitweise; der kontinentale Unterricht, insbesondere bei dem Ehepaar Héger, schärfte ihr Bewusstsein für Struktur, Ton und psychologische Nuancierung. Diese Erfahrung vertiefte ihren Realismus und lieferte Stoff für spätere literarische Räume und Figuren.
Parallel zu Lehr- und Gouvernantentätigkeiten entwickelte Brontë eine intensive Schreibpraxis. In winzigen Heften entwarf sie früh komplexe Fantasiewelten, deren Miniaturen stilistische Kühnheit und erzählerische Energie erkennen lassen. 1846 veröffentlichte sie gemeinsam mit ihren Schwestern unter den Namen Currer, Ellis und Acton Bell einen Gedichtband; die Auflage blieb klein, doch das Projekt markierte den Schritt in die Öffentlichkeit. Ihren frühen Roman The Professor brachten Verlage zunächst nicht heraus. Versuche, in Yorkshire eine eigene Schule zu etablieren, scheiterten an mangelndem Zuspruch. Diese Rückschläge schärften ihren Blick für ökonomische Abhängigkeiten und soziale Barrieren, die später thematisch bedeutsam wurden.
