Der Rachecode (Ein spannungsgeladener Remi Laurent FBI Thriller – Buch 4) - Ava Strong - E-Book

Der Rachecode (Ein spannungsgeladener Remi Laurent FBI Thriller – Buch 4) E-Book

Ava Strong

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Beschreibung

Als ein Mann ermordet aufgefunden wird und eine unbezahlbare Reliquie verschwindet, schließt sich die brillante Geschichtsprofessorin Remi Laurent auf einer wilden Katz-und-Maus-Jagd durch den Nahen Osten und Afrika mit dem FBI zusammen. Alle Anzeichen weisen auf einen Killer hin, der von dem heiligsten verlorenen Objekt aller Zeiten besessen ist: die versteckte heilige Arche. DER RACHECODE (Ein Remi-Laurent-FBI-Thriller) ist Buch #4 einer neuen Reihe der Mystery- und Thriller-Autorin Ava Strong, welche mit DER TODESCODE (Buch #1) beginnt. FBI-Special-Agent Daniel Walker, 40, der bekannt ist für seine Fähigkeit Killer zu jagen, sein kluges Köpfchen und seinen Ungehorsam, wird von der Einheit für Verhaltensanalyse abgezogen und der neuen Einheit für Antiquitäten des FBI zugewiesen. Die Einheit wurde geschaffen, um unbezahlbare Reliquien in der Welt der Antiquitäten aufzuspüren und niemand dort hat eine Ahnung, wie man sich in die Denkweise eines Mörders hineinversetzt. Remi Laurent, 34, ist eine brillante Geschichtsprofessorin an der Georgetown-University und die weltweit führende Expertin was obskure, historische Kunstgegenstände betrifft. Schockiert, als das FBI sie um Hilfe bei der Jagd auf einen Mörder bittet, wird sie widerwillig zum Partner dieses groben, amerikanischen FBI-Agenten. Special-Agent Walker und Remi Laurent sind ein merkwürdiges Duo – er hat die Fähigkeit, sich in das Denken eines Mörders hineinzuversetzen und sie ein unvergleichliches akademisches Wissen. Das Einzige, was die beiden gemeinsam haben, ist ihre Entschlossenheit, die Hinweise zu entziffern und einen Mörder aufzuhalten. Der Aufenthaltsort der Arche war schon immer geheimnisumwittert und wird von den meisten als Mythos gehalten. Aber die ganzen neuen Beweise lassen Remi sich wundern, ob dem wirklich so ist. Real oder nicht, eines steht fest: Dieser Mörder wird sich von nichts aufhalten lassen, bis er bekommt, worauf er es abgesehen hat. Und Remi ist möglicherweise die einzige Person, die schlau genug ist, um ihn zu finden. Die REMI-LAURENT-Reihe sind fesselnde Krimis mit der merkwürdigen Partnerschaft zwischen einem abgebrühten FBI-Agenten und einer brillanten Historikerin. Sie werden die Bücher, welche voller Mystery, Spannung und schockierender Offenbarungen sind und auf Geschichte beruhen, bis spätnachts nicht aus der Hand legen können. Bücher #5 und #6 – DER TÄUSCHUNGSCODE und DER VERFÜHRUNGSCODE – sind ebenfalls erhältlich.

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Seitenzahl: 400

Veröffentlichungsjahr: 2022

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der rachecode

(ein remi laurent fbi-thriller—buch 4)

a v a   s t r o n g

Ava Strong

Die Debütautorin Ava Strong ist Autorin der REMI LAURENT-Krimireihe, die aus sechs Büchern besteht (weitere folgen), der ILSE BECK-Krimireihe, die aus sieben Büchern besteht (weitere folgen) und der STELLA FALL-Psychothriller-Reihe, die aus sechs Büchern besteht (weitere folgen).

Als begeisterte Leserin und lebenslange Liebhaberin des Krimi- und Thriller-Genres freut sich Ava darauf, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie www.avastrongauthor.com, um mehr zu erfahren und mit Ava Kontakt aufzunehmen.

Copyright © 2022 by Ava Strong. Alle Rechte vorbehalten. Vorbehaltlich der Bestimmungen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Abfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen und Sie es nicht gekauft haben, oder es nicht nur für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann senden Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihre eigene Kopie. Vielen Dank, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dies ist eine erfundene Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder das Ergebnis der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebendig oder tot, ist völlig zufällig.

BÜCHER VON AVA STRONG

EIN STELLA-FALL-THRILLER

DIE ANDERE FRAU (Buch #1)

DIE ANDERE LÜGE (Buch #2)

EIN SPANNUNGSGELADENER REMI LAURENT FBI THRILLER

DER TODESCODE (Buch #1)

DER MORDCODE (Buch #2)

DER TEUFELSCODE (Buch #3)

DER RACHECODE (Buch #4)

EIN ILSE BECK-FBI-THRILLER

NICHT WIE WIR (Buch #1)

NICHT WIE ER SCHIEN (Buch #2)

INHALT

PROLOG

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

PROLOG

Richmond, Virginia

22:15 Uhr

Das Haus stand am Ende einer kleinen Sackgasse, in einem beliebten Viertel Richmonds. Nicht in der reichen Altstadt mit ihren säulengeschmückten Villen aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg, in der das alte Geld wohnte, sondern in einem moderneren Viertel, besiedelt von angesehenen Fachkräften. In einem Viertel für Anwälte und Banker, Immobilienmakler und Ärzte. Wäre der Löwe von Juda ein gewöhnlicher Einbrecher gewesen, hätte er hier reiche Beute gemacht.

Doch der Löwe von Juda war nicht hergekommen, um Schmuck oder Computer zu stehlen. Materieller Reichtum war für ihn nicht von Interesse. Weltliche Dinge waren unwichtig, Geld war außerdem nur ein Mittel, um seine Ziele zu erreichen.

Nein, er hatte es nicht auf Computer oder Bargeld abgesehen. Er war für etwas wesentlich Wertvolleres hergekommen.

Informationen.

Und in einer Nachbarschaft voller Ärzte und Anwälte stach der einzige hier ansässige Dr. phil., der am Ende der Straße wohnte, besonders aus der Masse heraus.

Prof. Edward Hale von der Universität von Virginia, Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte des Alten Testamentes und der Theologie, wusste mehr über das Frühjudentum als jeder andere in den Vereinigten Staaten, deshalb war er für eine Recherche ein guter Ausgangspunkt. Hale hatte seine Karriere damit verbracht, sein Wissen in unzähligen Vorlesungen mit Studierenden und in ebenso zahllosen akademischen Aufsätzen und Büchern mit seinen Lesern zu teilen.

Oder zumindest einen Teil seines Wissens. Der Löwe von Juda wusste, dass der Professor die wichtigste Erkenntnis seiner Arbeit für sich behalten hatte.

Doch heute Abend würde Professor Hale sein ganzes Wissen preisgeben, komme, was wolle.

Der Löwe von Juda parkte sein Auto auf der anderen Straßenseite und schaute sich seine Umgebung dann noch einmal ganz genau an, um sicherzugehen, dass sich keine nächtlichen Spaziergänger in der Nähe befanden. Er entdeckte niemanden. Gut. In Vierteln wie diesem war es normalerweise sehr ruhig, außerdem hatte er die Gegend bereits seit Tagen ausgekundschaftet und wusste daher, dass die Hundebesitzer und Jogger abends normalerweise in den gut beleuchteten Park gingen, der keine fünfhundert Meter entfernt war.

Er schaute sich im Rückspiegel an und sah, dass er keinen bedrohlichen Eindruck machte. Ein schicker Sommeranzug, ordentlich gekämmtes Haar – wenn auch inzwischen ein wenig schütter – und eine intellektuelle Ausstrahlung. Er schnappte sich ein Buch vom Beifahrersitz. Kein Geschichtsbuch und auch kein theologisches Traktat, sondern bloß ein Roman über Navy Seals, die gegen Terroristen kämpfen. Das spielte allerdings keine Rolle. Der Professor würde lediglich ein Buch sehen und den Löwen von Juda deshalb als Gleichgesinnten betrachten.

Ihm würde keine Gelegenheit bleiben, noch weitere Details zu erkennen.

Nach einem letzten Kontrollblick, um sich davon zu überzeugen, dass die Luft auch wirklich rein war, riegelte der Löwe von Juda sein Auto ab und spazierte dann über die Straße und bis zur Haustür des Professors, wo er auf die Klingel drückte. Drinnen war noch Licht an und der Löwe von Juda wusste, dass Prof. Hale allein sein würde. Seine Frau war vor einigen Jahren verstorben und seine Kinder waren inzwischen alle erwachsen und ausgezogen. So spät abends –und noch dazu unter der Woche – würde der Professor keine Gesellschaft haben.

Von der anderen Seite der Tür war zu hören, dass sich Schritte näherten. Ein älteres, gelehrtes Gesicht erschien kurz am Fenster, das sich neben der Tür befand. Der Löwe von Juda schenkte dem Mann ein Lächeln und drückte sich sein Buch an die Brust, damit der Professor es auf jeden Fall sehen konnte.

Wie erwartet öffnete sich kurz darauf die Tür. Wie viele Mörder gab es wohl, die ein Buch mit an den Tatort brachten?

Edward Hale sah wie ein typischer Professor aus: Er hatte weißes, nach hinten gekämmtes Haar, ein breites Grinsen auf dem Gesicht und machte trotz seiner einundsiebzig Jahre einen rüstigen und gesunden Eindruck. Obwohl es ein warmer Abend war, trug er einen Tweed-Sakko und eine lange Hose. Der Löwe von Juda nahm einen leichten Geruch von Whisky wahr, als der Professor ihn begrüßte.

„Hallo. Was kann ich für Sie tun?“, fragte Prof. Hale.

Der Löwe von Juda setzte in Gedanken bereits zum Sprung an, versuchte den Mann allerdings mit einem unsicheren Lächeln und einer Frage zu beruhigen. „Hallo, ist das hier das Anwesen der MacGregors?“

„Ha.“ Ein kurzes, einsilbiges Lachen. Es klang gleichermaßen abwertend und ironisch. „Die MacGregors wohnen zwei Häuser weiter, aber ich vermute, das wissen Sie bereits.“ Der Professor öffnete die Tür. „Kommen Sie rein. Nicht, dass Sie mir noch ein Fenster einschlagen.“

Ein wenig erschrocken trat der Löwe von Juda über die Türschwelle.

„Ich nehme an, Sie sind wegen der Lade hier?“, fragte Prof. Hale und zog hinter ihnen die Tür zu.

„Äh, ja, dazu hätte ich tatsächlich ein paar Fragen.“

„Haben sie das nicht alle?“, murmelte der Professor. „Kommen Sie mit in mein Arbeitszimmer.“

„Sie wurden bereits von anderen Personen danach gefragt?“, wollte der Löwe von Juda wissen, der zunehmend misstrauisch wurde. Gleichzeitig führte der Professor ihn durch eine eichengetäfelte Eingangshalle und durch ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch stand ein Whiskeyglas und die dazugehörige Flasche, daneben lag ein Bücherstapel. Der Löwe von Juda fragte sich, ob Prof. Hale möglicherweise betrunken war. Seine Laune schien darauf hinzuweisen, an seinen Bewegungsabläufen ließ sich allerdings nicht ablesen.

Er würde den Mann ganz genau im Auge behalten müssen.

„Oh, im Laufe der Jahre haben mich da schon einige drauf angesprochen.“ Der Professor hielt inne und deutete auf die Whiskyflasche. „Darf ich Ihnen einen Drink anbieten?“

„Nein, danke.“

„Sie wollen also gleich zur Sache kommen, was?“ Der Professor neigte den Kopf zur Seite und machte überdeutlich, dass er sich den Titel des Romans durchlas, den der Löwe von Juda sich noch immer an die Brust drückte. „Seal Team Special Killers: Terror in Tunesien.“

Der Löwe von Juda lächelte den älteren Herren verlegen an. „Man kann ja nicht immer nur Althebräisch lesen.“

„Stimmt!“, erwiderte der Professor und klopfte ihm dabei auf die Schulter. „Wir alle haben unsere heimlichen Vorlieben. Meine sind Bourbon und das Indy-500-Rennen. Sie waren früher beim Militär, nicht wahr? Das kann ich an Ihrer Statur und an Ihrer aufrechten Körperhaltung erkennen.“

„Ich habe gedient.“ Aber nicht auf die Art und Weise, die du dir vorstellst.

„Ich war ein paar Jahre in der Armee. Ich war in Deutschland und Korea stationiert, bin aber nie in den Kampf gezogen. Aber ich nehme an, das wissen Sie ebenfalls bereits. Kommen Sie in mein Arbeitszimmer. Zum Fachsimpeln ist das der beste Ort.“

Der Löwe von Juda folgte dem Professor zwar, war aber einigermaßen verwirrt. So hatte er sich dieses Treffen ganz gewiss nicht vorgestellt. Er hatte damit gerechnet, den alten Akademiker zu diesem Zeitpunkt bereits im Schwitzkasten zu haben.

In dem schmalen Flur, der zu der offenstehenden Tür eines überladenen Arbeitszimmers führte, erwartete den Löwen von Juda die nächste Überraschung.

An den Wänden des Flurs hingen diverse Fotos der Fernsehserie Gilligans Insel. Es schien sich um Standfotos aus den Originalaufnahmen der Serie zu handeln, einige von ihnen waren offenbar von den darauf abgebildeten Schauspielern signiert worden.

Prof. Hale musste schmunzeln. „Es überrascht sie vermutlich, im Haus eines führenden Theologen solche Bilder zu sehen, nicht wahr? Mein Onkel war Alan Hale, Jr. Er hat in der Serie den Skipper gespielt.“

Der Löwe von Juda schaute von Professor Hale zu einem der Fotos, das den Skipper zeigte, und dann wieder zurück.

„Es ist eine gewisse Ähnlichkeit zu erkennen.“

„Manchmal zeige ich in meinen Kursen eine Folge der Serie. Die meisten meiner Studierenden sind natürlich zu jung, um sich an die Sendung noch erinnern zu können, aber sie haben dabei trotzdem ihren Spaß. Mancher Humor ist zeitlos. Kommen Sie.“

Die beiden Männer gingen weiter auf das Arbeitszimmer zu. Der Löwe von Juda spannte sich wieder an. Diese Vertrautheit, die Fotos, sollten all diese Dinge ihn womöglich ablenken? Professor Hale war schlauer, als er es erwartet hatte. Er musste behutsam vorgehen. Heute Nacht würde nur ein Mann sterben – und zwar nicht der Löwe von Juda.

Am Ende des Flurs zeigte der Professor auf ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem eine Gruppe von Männern in mittelalterlichen Gewändern zu sehen war, die im Wald standen.

„Das ist mein Großonkel, Alan Hale, Sr. Der war ebenfalls Schauspieler. Er hat in der Stummfilmversion von Robin Hood Little John gespielt.“

„Das wusste ich gar nicht. Sind Sie ebenfalls Schauspieler?“

Über die Schulter warf ihm Prof. Hale ein Lächeln zu. „Es gelingt mir doch hervorragend, mich in Ihrer Gegenwart ganz entspannt zu geben, oder etwa nicht?“

Der Löwe von Juda schüttelte erstaunt den Kopf. Diese Begegnung verlief wirklich ganz anders, als er es sich ausgemalt hatte.

Dann betraten sie das Arbeitszimmer. Prall gefüllte Bücherregale aus Eichenholz säumten die Wände. Der riesige Schreibtisch war zu groß für das kleine Zimmer, wodurch es hier ziemlich eng wurde. Prof. Hale zwängte sich seitlich am Schreibtisch vorbei und nahm dahinter Platz, dann bedeutete er dem Löwen von Juda, sich ebenfalls hinzusetzen. Doch der einzige verfügbare Sitzplatz war ein kleiner Hocker, auf den sich der Professor vermutlich normalerweise stellte, um an seine obersten Bücherregale heranzukommen. Deshalb blieb der Löwe von Juda stehen.

„Also …“, der Professor lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. „Sie wollen vermutlich wissen, wo sich die Bundeslade befindet, richtig?“

„Richtig“, erwiderte der Löwe von Juda, sein Mund war inzwischen ganz trocken geworden.

„Dann sind Sie mit Axum in Äthiopien als Antwort nicht zufrieden, nehme ich an?“

„Man muss nicht besonders viel Zeit investieren, um herauszufinden, dass es sich dabei um eine falsche Fährte handelt.“

„Pier Paolo Manetti dachte, dass sich die Lade dort befindet“, sagte der Professor mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Der Mann war ein Idiot.“

Es bedurfte all seiner Selbstbeherrschung, um bei der Nennung dieses Namens nicht ausfallend zu werden.

Manetti war der Moderator der italienischen Kult-Fernsehsendung Misterio 2000 gewesen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Rätsel und Geheimnisse der Geschichte zu erforschen. Der Mann, berühmt für seinen langen Schnurrbart, der von den Seiten seines Kopfes abstand, und für seine Angewohnheit, spontan in Operngesang auszubrechen, war in Äthiopien verhaftet worden, weil er versucht hatte, in die Kathedrale St. Mary von Zion in Axum einzubrechen. Eine tolle Show fürs Fernsehen, historisch betrachtet sinnlos.

Außerdem war der Mann vor einigen Monaten ermordet worden. Interessant, dass Prof. Hale das Thema auf ihn lenkte.

„Er war sicher ein Idiot, aber er war auch reicher, als wir beide es je sein werden. Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich eine rauche?“

Der Löwe von Juda zuckte mit den Achseln. „Es ist Ihr Zuhause.“

Er beobachtete jede einzelne Bewegung des Professors ganz genau.

Prof. Hale zog sich eine Schachtel Zigaretten aus der Tasche seiner Tweedjacke. Er bot dem Löwen von Juda ebenfalls eine an, erhielt allerdings ein Kopfschütteln als Antwort, und steckte sich dann eine Zigarette zwischen die Lippen.

Als Nächstes holte er ein Feuerzeug hervor und führte es an die Spitze der Zigarette. Er versuchte, die Zigarette anzuzünden, es entstanden allerdings nur einige Funken. Der Löwe von Juda stellte seine Füße etwas weiter auseinander und wandte sich ein wenig ab, sodass er dem Professor nicht mehr direkt ins Gesicht blickte. Der alte Mann war allerdings so sehr auf seine Zigarette fokussiert, dass es ihm gar nicht aufzufallen schien. Er versuchte noch einige weitere Male erfolglos, sein Feuerzeug zum Laufen zu bringen.

„Mist“, murmelte er schließlich und zog dann eine Schublade seines Schreibtisches auf.

Der Löwe von Juda zückte blitzschnell eine kompakte 9-mm-Automatik aus der Innentasche seiner Jacke, als der Professor gerade dazu ansetzte, eine 45er aus der Schublade zu ziehen.

„Finger weg von der Waffe“, befahl der Löwe von Juda dem alten Mann. „Das sag ich nicht noch einmal.“

Prof. Hale verzog das Gesicht, ließ seine Pistole mit einem dumpfen Klonk zurück in die Schublade fallen, um sie sogleich wieder zu schließen

„Ich weiß genau, dass Ihr Feuerzeug eigentlich problemlos funktioniert“, erklärte der Löwe von Juda. „Ich habe gesehen, dass Sie an dem Rädchen gedreht haben, ohne den Hebel zu betätigen.“

Ganz langsam griff der Professor nach dem Feuerzeug, das auf dem Schreibtisch lag, und zündete sich damit die Zigarette an, die er noch immer zwischen den Lippen hatte.

„Es ist bewundernswert, dass Sie so cool bleiben“, sagte der Löwe von Juda.

Der Professor warf einen Blick auf ein eingerahmtes Foto, das auf seinem Schreibtisch stand. Darauf war sein jüngeres Ich mit einer lächelnden blonden Frau abgelichtet.

„Seit Jennys Tod ist mir ziemlich egal, was aus mir wird.“ Er wandte seinen Blick wieder auf den Einbrecher. „Und das bedeutet, dass Sie das, worauf Sie es abgesehen haben, nicht bekommen werden.“

„Das Leben ist kostbar“, sagte der Löwe von Juda und zielte dabei direkt auf das Herz des Mannes. „Sie machen einen gesunden Eindruck. Sie könnten durchaus noch zehn weitere Jahre lang forschen und unterrichten. Vielleicht sogar noch zwanzig Jahre. Zwanzig weitere Jahre mit gutem Whiskey, gutem Essen und guten Büchern. Dazu müssen Sie mir nur sagen, wo sie sich befindet.“

Prof. Hale starrte den Mann, der einen Waffe auf ihn gerichtet hielt, unerbittlich an. Ohne eine Spur der Nervosität sagte er: „Sie wissen ganz genau, dass ich es Ihnen nicht sagen werde.“

Der Löwe von Juda sackte ein wenig in sich zusammen. „Sie sind einer von ihnen, nicht wahr?“

Es folgte ein langsames Nicken. „Ja, das bin ich. Und nur, weil Sie ein paar schlaue Nachforschungen angestellt haben und eine Waffe schnell ziehen können, sind Sie vor meinen Mitstreitern noch lange nicht sicher.“

„Letzte Chance. Sagen Sie mir, wo sich die Bundeslade befindet.“

„Zur Hölle mit Ihnen.“

Also gut. Dann werde ich es mit Gewalt aus dir herausquetschen.

Ehe der Löwe von Juda diesen Gedanken in die Tat umsetzen konnte, griff Hale nach der Schublade, in der er seine Waffe aufbewahrte.

Der Löwe von Juda drückte ab.

In dem kleinen Raum war der Lärm, der durch den Schuss entstand, geradezu ohrenbetäubend. Prof. Hale wurde auf seinem Stuhl nach hinten geschleudert, schlug dabei mit dem Kopf gegen das Bücherregal hinter ihm und fiel dann mit dem Gesicht voran auf die Tischplatte. Seine letzte Zigarette kullerte vom Tisch und landete auf dem Teppich, wo sie zu qualmen begann.

Der Löwe von Juda stampfte sie mit dem Fuß aus.

„Wir wollen doch nicht all diese wichtigen Bücher in Brand setzen“, sagte er. Er steckte seine Waffe zurück in sein Schulterholster und salutierte. „Tut mir leid, das tun zu müssen, alter Soldat.“

Aus einer seiner anderen Taschen zog er ein Klappmesser und trat damit an den Professor heran.

KAPITEL EINS

Washington, D.C.

Am nächsten Morgen

Remi Laurent, ehemals Professorin für Geschichte des Mittelalters an der Sorbonne und Gastdozentin an der Georgetown University, hatte sich als Naturtalent erwiesen.

Der Schießstand des FBI-Büros in Washington, D.C. befand sich in einem Keller, gut schallisoliert, um die umliegenden Unternehmen und Bürogebäude nicht zu stören. Remi stand am Schießstand und feuerte das letzte Magazin ihrer vom FBI ausgegebenen Glock auf eine menschengroße Papierscheibe in 20 Metern Entfernung ab. Ihr Ausbilder, ein ehemaliger US-Marine, der dreimal so groß war wie sie, beobachtete mit Bewunderung, wie in der Brust des Ziels eine ordentliche Ansammlung von Einschusslöchern entstand.

„Konzentrieren Sie sich auf die größte Körperfläche“, sagte der Mann immer. „Da ist ein Treffer am wahrscheinlichsten und außerdem davon auszugehen, dass das Ziel damit lahmgelegt wird. Zielen Sie nicht auf die Beine. Seien Sie bei einer Konfrontation mit Schusswaffen nicht übervorsichtig und zögerlich. Wenn Sie einen Täter außer Gefecht setzen müssen, dann hat er es auch verdient, eine Kugel in den Oberkörper verpasst zu bekommen. Und zielen Sie nicht auf den Kopf. Das machen noch nicht mal die Scharfschützen beim Militär. Ein Körpertreffer mit einer 9-mm-Kugel hält jeden auf, außer vielleicht einen Meth-Freak. Wenn Sie es mit so einem Freak zu tun haben, feuern Sie Ihr ganzes Magazin auf den Verrückten ab.“

Remi hatte ihr Magazin nun vollständig entladen und drückte auf den Knopf, mit dem die Zielscheibe herangefahren wurde. Ihr Ausbilder gab einen leisen Pfiff von sich.

„Nicht schlecht. Abgesehen von diesem einen hier.“ Er steckte einen Finger durch das Loch, das durch einen klaren Fehlschuss entstanden war, gut zwei Zentimeter außerhalb der auf das Papier gedruckten Körpersilhouette. „Was war denn da los?“

„Da habe ich mir zwischen den Schüssen keine Zeit genommen, um mich zu sammeln“, wiederholte Remi, was sie gelernt hatte.

„Genau richtig. Man muss darauf achten, jeden einzelnen Schuss separat durchzuführen. Ohne sich hetzen zu lassen. Zielen. Konzentrieren. Einatmen. Abdrücken.“

„Tut mir leid.“ Remi spürte, wie sie rot im Gesicht wurde. Obwohl sie wusste, dass sie dank ihrer jugendlichen Schießübungen mit ihrem Vater, einem Beamten der Pariser Gendarmerie, in diesem Stadium der Ausbildung viel besser war als die meisten anderen Rekruten, machte Remi dennoch nicht gern Fehler. Sie hatte bereits genug Einsätze erlebt, um zu wissen, dass ein einziger Fehler schwerwiegende, wenn nicht gar tödliche Folgen haben konnte.

Remi war schon immer Perfektionistin gewesen. Jetzt, wo sie seit einigen Wochen an einem beschleunigten Sonderausbildungsprogramm des FBI teilnahm, war dieser Perfektionismus von besonders entscheidender Bedeutung.

Ihr Ausbilder warf einen Blick auf die Uhr, die an der Wand hing.

„Unsere Zeit ist um. Reinigen Sie die Waffe, setzen Sie sie dann wieder zusammen und verstauen Sie sie sicher.“

„Ja, Sir“, sagte sie und wandte sich ab.

„Laurent“, sagte der Mann. Sie drehte sich wieder zu ihm. „Das Bessere ist der Feind des Guten.“

Remi blinzelte. Hatte ihr Ausbilder etwa gerade Voltaire zitiert?

„Was meinen Sie damit?“, fragte sie.

„Das ist hier keine wissenschaftliche Abhandlung, an der Sie so lange feilen können, bis Ihre Argumentation perfekt ist und sie niemand mehr widerlegen kann. Das ist Polizeiarbeit. Da wird man Perfektion niemals erreichen. Es wird nie jeder einzelne Schuss ein Volltreffer sein. Und Sie werden auch nicht jeden Verbrecher zu fassen bekommen, nach dem Sie fahnden. Anstatt sich darüber zu ärgern, dass Ihnen nicht immer ein Home-Run gelingt, sollten Sie sich lieber darüber freuen, dass Sie jetzt in der Profiliga spielen.“

Remi hatte keine Ahnung, was ein Home-Run war, außerdem hatte sie den Eindruck, dass der Mann ein etwas zu optimistisches Bild von wissenschaftlicher Arbeit hatte, aber sie verstand dennoch, was er ihr hatte sagen wollen.

„Vielen Dank, Sir.“

Ihr Ausbilder nickte mit dem Kopf in Richtung der Tür des Waffenraums. „Dann Abmarsch mit Ihnen, Agent Laurent.“

Agent Laurent. Diese Worte erfüllten sie mit Stolz, während sie an den anderen Schützen vorbeistolzierte und auf den Waffenraum zuging. Sie konnte es noch immer nicht ganz wahrhaben – und es war ja auch noch nicht die ganze Wahrheit. Noch vor ein paar Wochen war sie Gastdozentin an der Universität Georgetown gewesen, die dort insgesamt zwei Semester lang unterrichtet hatte. In dieser Zeit war sie insgesamt dreimal vom FBI als zivile Beraterin zurate gezogen worden, um der neuen Antiquitäteneinheit bei Ermittlungen zu helfen, in denen es um Kunst des Mittelalters und der Renaissance ging. Im Laufe dieser Ermittlungen war sie mindestens zweimal dem Tod nur knapp von der Klippe gesprungen, außerdem hatte es sie dabei in ein halbes Dutzend unterschiedliche Bundesstaaten und zwei verschiedene Kontinente verschlagen – und Remi hatte jede Sekunde dieser Arbeit in vollen Zügen genossen.

Sie saß nun in dem Waffenraum und legte dort ihre Glock vor sich auf die Theke, um sie auseinanderzunehmen und die einzelnen Reinigungsschritte durchzugehen. Das war ein einfacher Prozess, den man schlicht Schritt für Schritt abarbeiten musste und der einer detailversessenen Person wie ihr keine Probleme bereitete. Diese Aufgabe fiel ihr jedenfalls leichter als die Schießübungen selbst – und sogar sehr viel leichter als das körperliche Trainingsprogramm, zu dem man sie verdonnert hatte.

Obwohl sich Remi mit langen Spaziergängen und einer gesunden, unamerikanischen Ernährung eigentlich immer gut in Schuss gehalten hatte, war sie dennoch bereits seit ihrer Schulzeit nicht mehr ernsthaft sportlich aktiv gewesen. Deshalb hatte sie nun ständig Muskelkater und war durchgehend erschöpft, konnte allerdings nach dem Duschen im Spiegel auch beobachten, wie ihr Körper mit der Zeit immer muskulöser wurde. Und ihre Laufzeit für die Distanz von einer Meile hatte sie inzwischen von etwa zwölf Minuten auf knapp unter elf Minuten gedrückt. Ihr war aufgegeben worden, die Zeit unter die Zehn-Minuten-Marke zu bekommen.

Remis Chefin bei der Antiquitäteneinheit, Direktorin Keiko Ochiai, war darauf angewiesen, dass sie jederzeit einsatzbereit blieb, was Remis Ausbildung für das FBI ein wenig kompliziert machte. Hätte man sie auf die Akademie in Quantico geschickt, wäre sie damit für mehrere Monate nicht verfügbar gewesen. Stattdessen griff das FBI in ihrem Fall auf eine wenig bekannte Alternative zurück: ein intensives, individuelles Trainingsprogramm für Rekruten, die kurzfristig benötigt wurden. Deshalb wurde Remis Alltag nun von Schießübungen, Kampfsporttraining und Einzelunterricht zu Ermittlungsmethoden dominiert. Und ihre Abende verbrachte sie damit, sich mit geltendem Recht und den wichtigsten Verfahrensfragen vertraut zu machen.

Alles andere musste zurückgestellt werden. Ihr blieb nicht einmal mehr Zeit, sich weiter ihrer Suche nach der Kryptex zu widmen, ihrer lebenslangen Leidenschaft, die sie überhaupt erst in die Lage gebracht hatte, in der sie sich nun befand.

Ihr Privatleben existierte im Prinzip nicht mehr. Die anderen Auszubildenden bekam sie kaum zu Gesicht, denn die hatten ihre eigenen Stundenpläne und wurden außerdem hin und wieder zum Dienst abgezogen. Aber auch sonst bekam sie kaum je andere Menschen zu Gesicht. Dr. Cyril Mullen, ihr Freund und der Leiter des Geschichtsinstituts an Georgetown, war darüber ganz und gar nicht glücklich.

Nach einer turbulenten Affäre auf einer Konferenz vor einigen Jahren und einer Phase, in der sie eine quälende Fernbeziehung geführt hatten, hatte er für sie eine einjährige Gastprofessur an Georgetown organisiert, damit sie zusammen sein konnten.

Und zunächst war das eine wundervolle Zeit gewesen. Die Uni hatte ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt und obwohl dort eine typisch amerikanische Einstellung zu Beziehungen zwischen Kollegen vorherrschte, hatten Cyril und sie es geschafft, ihre Beziehung geheim zu halten und sich trotzdem jeden Tag für längere Zeit zu sehen.

Das einzige Problem war gewesen, dass Cyril zunehmend Druck auf sie ausgeübt hatte, einen Termin für ihre Hochzeit festzulegen. Remi liebte ihn zwar, wollte eine so wichtige Entscheidung allerdings nicht unter Zeitdruck treffen. Dabei hatte sie Verständnis für seine Sichtweise. Er hatte eine schwierige Scheidung mit einer Frau hinter sich, die einen so liebenswerten und intelligenten Mann eigentlich gar nicht verdient hatte und war inzwischen über fünfzig und deshalb erpicht darauf, sich niederzulassen. Wäre ihr Arbeitsvisum am Ende des akademischen Jahres ausgelaufen, hätte sie zur Sorbonne in Paris zurückkehren und ihn in den Vereinigten Staaten zurücklassen müssen. Deshalb hatten sie vor der Wahl gestanden, zu heiraten oder ihrer Beziehung jegliche Zukunftschancen zu nehmen.

Das hatte Remi verstanden und sie liebte ihn wie gesagt auch, aber …

Irgendwie hatte sich das alles falsch angefühlt. Cyril war so besessen davon, sie dauerhaft an ihn zu binden, dass er nicht erkannte hatte, dass dies das Ende ihrer akademischen Karriere bedeutet hätte. Vollzeit-Lehrstellen für Mittelalterforscher waren selten – in D.C. oder auch nur in der Umgebung der Stadt waren keine solchen Stellen frei.. Was hätte sie denn dann tun sollen, zu Hause herumsitzen und Socken stricken?

Und dann war da noch sein hartnäckiger Widerstand gegen ihre freiberufliche Tätigkeit für das FBI und der Unterschied zwischen dem, was er dazu sagte, und dem, was er offensichtlich tatsächlich fühlte. Cyril betonte immer wieder, es handelte sich dabei um gefährliche Arbeit, für die sie nicht qualifiziert war (was auch stimmte) und die sie von ihren akademischen Pflichten ablenkte (ebenfalls korrekt). Insgeheim, so vermutete Remi es zumindest, hatte er allerdings nur deshalb etwas dagegen, weil sie durch die Ermittlungen für lange und unvorhersehbare Zeiträume von ihm getrennt wurde und sich ihr dadurch außerdem eine neue, von ihm unabhängige Welt erschloss. Er dachte, dass sie sich so mit der Zeit immer weiter von ihm distanzieren würde.

Allerdings wurde die Distanz zwischen ihnen vor allem deshalb immer größer, weil er sich so krampfhaft versuchte, an sie zu klammern. Ja, ihr Leben hatte eine dramatische Wendung genommen, aber wieso konnte er sich darüber denn nicht freuen und sie dabei unterstützen? Konnte er denn nicht erkennen, dass sie jetzt, da das FBI ihr ein unbefristetes Arbeitsvisum erteilt hatte, eine längere Zeit der Verlobung genießen konnten, ohne dem Druck ausgesetzt zu sein, sofort heiraten zu müssen?

Konnte er offenbar nicht, denn er hatte versucht, sie davon zu überzeugen, diese neue, wichtige und erfüllende Karriere aufzugeben und stattdessen weiterhin Akademikerin zu bleiben.

Eine Akademikerin, der eine unsichere Zukunft bevorstünde, wenn sie ihn heiraten würde.

Mit einem Seufzer beendete sie die Reinigung der Glock und verstaute sie in ihrem eigenen Schließfach. Dann packte sie ihre Sachen zusammen und verließ den Raum, wobei sie den Schlüssel dem Waffenmeister übergab. In einer halben Stunde war sie mit Cyril zum Mittagessen verabredet. Damit blieb ihr noch ein wenig Zeit, einige der schier endlosen Vorschriften durchzugehen, die FBI-Agenten auswendig kennen mussten. Nach dem Mittagessen hatte sie Krafttraining, gefolgt von Nahkampftraining. Daran musste sie noch arbeiten. Sie war zwar immer gesund und fit gewesen, aber mit 38 Jahren fielen ihr Schläge und Saltos nicht mehr so leicht.

Doch zunächst waren die Vorschriften an der Reihe. Zeit, sich auf die Bücher zu stürzen, wie ihre Studierenden immer zu sagen pflegten.

Ex-Studierenden, erinnerte sie sich selbst. Du bist keine Professorin mehr.

Ihr lief ein leichter Schauer über den Rücken. Von Zeit zu Zeit wurde ihr die Tragweite ihrer lebensverändernden Entscheidung bewusst und traf sie wie ein Schlag – mit ganzer Wucht.

Doch kurz darauf, als sie die Treppe zum Erdgeschoss hinaufging und sah, wer am Absatz auf sie wartete, war das alles sofort wieder vergessen.

Daniel Walker, ihr Partner.

Seit Beginn ihres Trainings vor zwei Wochen hatte Remi ihn nicht mehr gesehen.

Daniel Walker war ein großer Mann in ihrem Alter und mit breitem Kreuz, abgesehen von seinem fast schon eingebrannten grimmigen Blick und seinem Bierbauch ziemlich gutaussehend. Er trug den schwarzen Anzug und die Krawatte, die bei FBI-Agenten beinahe zur Uniform gehörten, die dazugehörige Sonnenbrille steckte in seiner Brusttasche. Sein Haar war kurz geschnitten und seine braunen Augen, die meistens so streng dreinblickten – vor allem, wenn er gerade Verdächtige verhörte – wurden weicher, als sie zu ihm aufsah.

„Hey!“, sagte sie und rannte die letzten Stufen der Treppe hinauf. „Freut mich, Sie zu sehen!“

Überraschend sehr sogar. In den letzten Wochen war sie so sehr mit ihrer Ausbildung beschäftigt gewesen, dass ihr gar nicht aufgefallen war, wie sehr sie diesen ungehobelten und doch vielschichtigen und faszinierenden Mann vermisst hatte.

„Freut mich ebenfalls“, sagte er mit einem Grinsen.

Remi blieb ein wenig zu dicht vor ihm stehen, beinahe hätte sie ihm einen Kuss auf beide Wangen gegeben, wie es in Frankreich eigentlich üblich war. Ein Handschlag kam ihr allerdings gleichermaßen unpassend vor (schüttelt man sich wirklich noch die Hand, nachdem man gemeinsam lebensgefährliche Situationen durchgestanden hat?), also entschloss sie sich, ihm schlicht zuzunicken und ein Lächeln aufzusetzen.

„Haben Sie Zeit für einen Kaffee?“, fragte er.

„Klar. Aber ich … bin zum Mittagessen bereits verabredet.“

Diese Formulierung fühlte sich wie Verrat an. Wieso hatte sie nicht einfach gesagt, dass sie mit Cyril Essen gehen wollte? Die beiden kannten sich doch sogar. Also, zumindest waren sie sich zwei-, dreimal begegnet. Mit kurzem Handschlag. Höflichem Smalltalk. Und ohne den jeweils anderen später im Gespräch jemals wieder zu erwähnen.

Sie machten sich auf den Weg in Richtung einer Starbucks-Filiale, in der sich das Personal des FBI gern aufhielt, weshalb die Angestellten dort gern witzelten, es handelte sich um das sicherste Café der Welt. Dort saßen Grüppchen von Männern in dunklen Anzügen, dazwischen nur wenige Frauen zu finden, tranken Kaffee, aßen Bagels und tauschten sich möglichst leise über ihre Arbeit aus.

Remi bestellte einen schwarzen Kaffee, was sie der Frau hinter der Theke gleich zweimal sagen musste, weil bei Starbucks normalerweise nie jemand einen schwarzen Kaffee bestellte. Daniel bestellte hingegen, wie es die meisten Kunden hier taten, ein riesiges Süßgetränk mit Sirup und Schlagsahne, außerdem orderte auch noch ein Knoblauchbagel mit Frischkäse.

Sie setzten sich an einen kleinen Tisch und waren zu allen Seiten von anderen FBI-Agenten umgeben. Zunächst berührten sich ihre Knie, doch dann setzte Remi sich anders hin.

„Wie ich sehe, haben sich Ihre Essgewohnheiten seit unserer letzten Begegnung nicht verbessert“, scherzte Remi. „Ist das etwa ihr Mittagessen?“

„Was? Nein, ich habe heute schon Mittag gegessen.“

„Verstehe. Und waren Sie heute bei McDonald’s, bei Burger King oder Pizza Hut?“

„Sloppy Yo.“

„Wie bitte?“ Remi glaubte zunächst, ihn nicht richtig verstanden zu haben.

„Sloppy Yo, das ist so ein Hip-Hop-Laden in der dritten Straße, der Sloppy Joe serviert.“

„Jetzt habe ich zwar jedes einzelne Wort verstanden, aber ein Sinn ergibt sich daraus für mich dennoch nicht.“

„Ein Sloppy Joe ist so ähnlich wie ein Hamburger, aber das Hackfleisch wird dafür nicht zu einem Patty zusammengepresst, sondern bleibt lose. Da sind dann auch noch Zwiebeln, Worcestershire-Soße, Ketchup und eine ganze Menge anderer Sachen drauf. Sloppy Yo gehört einem jüdischen Rapper namens Ice Berg, der vor zwanzig Jahren groß rausgekommen ist. Da seine Karriere als Musiker inzwischen im Sande verlaufen ist, hat er stattdessen ein Restaurant aufgemacht. Dort gibt es die besten Sloppy Joes der Stadt.“

„Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Also, wie läuft die Arbeit?“

Daniel zuckte mit den Achseln. „Alles ganz normal. Habe gerade einen Typen ausfindig gemacht, der geklaute Briefmarken verkauft hat.“

„Geklaute Briefmarken?“

„Mit Briefmarken lässt sich gutes Geld machen. Der Typ hat sich mit einem Einbrecher zusammengetan, der Briefmarkensammler ausgeraubt hat. Der hat sich dabei Sammlungen unter den Nagel gerissen, die teilweise zigtausende, manchmal sogar hunderttausende Dollar wert waren und diese Sammlung dann Stück für Stück an private Käufer weiterverkauft. Es ist nahezu unmöglich, das nachzuverfolgen. Briefmarken haben schließlich keine Seriennummern. Ich habe ihn nur überführen können, weil es mir gelungen ist, einige seiner Verkäufe mit fehlenden Sammlungen in Verbindung zu bringen. Das war aber nicht leicht, weil er die seltensten Stücke meist ins Ausland verkauft hat – und oftmals erst, nachdem er mehrere Jahre abgewartet hatte.“

Remi konnte an seiner Stimme hören, wie langweilig er diesen Fall fand. Daniel war eher ein Mann der Tat. Er hatte seine Zeit sicher nicht gern damit verbracht, gestohlene Sammlerstücke ausfindig zu machen.

Das wäre ihr nicht anders gegangen.

„Und hat Ihnen der Einbrecher irgendwelche Schwierigkeiten bereitet?“

„Gar nicht. Als ich bei ihm vor der Tür stand, hat er sich mit erhobenen Händen ergeben, bevor ich ihm überhaupt meine Dienstmarke gezeigt hatte.“

Daniel klang ein wenig enttäuscht. Bei Verdächtigen, die sich ihrer Verhaftung widersetzten, konnte ihr Partner durchaus rüde werden. Es ging sogar ein Gerücht um, dass er einmal den Kopf eines Drogendealers in ein Klo gesteckt und dann die Spülung gedrückt hatte. Man war sich nicht ganz einig darüber, ob er die Toilette vorher auch noch benutzt hatte oder nicht.

„Ich habe mir sagen lassen, dass Sie in Ihrer Ausbildung gute Fortschritte machen“, sagte Daniel. „Am Schießstand eine echte Musterschülerin. Auf der Laufbahn inzwischen auch nicht schlecht. Allerdings versohlt Ihnen Agent Herrero offenbar noch immer mit links den Hintern.“

Agent Herrero war der Ausbilder, der ihr Nahkampftechniken beibrachte. Er hatte schwarze Gürtel in Muay Thai, Judo und Shotokan Karate.

Über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg lächelte Remi Daniel an. „Ich würde ja gern mal sehen, ob Sie es mit ihm aufnehmen könnten.“

„Das habe ich alles schon hinter mir. Und ja, er hat mir dabei eine ordentliche Abreibung erteilt.“

„Aber wahrscheinlich haben Sie länger durchgehalten als ich. So etwas liegt mir einfach nicht.“ Remi gelang es nicht, sich in ihrer Tonlage nicht anmerken zu lassen, wie unzufrieden sie mit sich selbst war.

„Das sah aber noch ganz anders aus, als es ein Verrückter mit Messer auf Sie abgesehen hatte.“

Remi lachte und verspürte dann sofort diese seltsame Befremdlichkeit, von der sie seit ihrem Beitritt zum FBI regelmäßig erfasst wurde. Die alte Remi Laurent hätte niemals darüber gelacht, dass bereits mehrere Menschen versucht hatten, sie zu töten - und es ihnen beinahe sogar gelungen wäre. Das hätte die zurückhaltende Akademikerin, die sie einst gewesen war, nachhaltig traumatisiert. Die Geschwindigkeit, mit der sie sich verändert hatte, sorgte manchmal dafür, dass sie sich in ihrem eigenen Körper wie eine Fremde vorkam.

Ihr Lachen verstummte. Möglicherweise erkannte Daniel an der Veränderung ihrer Mimik, dass sich Remis Stimmung schlagartig verändert hatte – oder vielleicht hatte er seine Partnerin nach drei gefährlichen gemeinsamen Fällen auch einfach nur etwas besser kennengelernt. Seine nächste Frage war jedenfalls ein Volltreffer.

„Wie bekommt Ihnen die Umstellung?“

Mit seinen braunen Augen fixierte er sie, ihr Blick genauso scharfsinnig wie beim Verhör eines Verdächtigen, allerdings wesentlich mitfühlender.

Remi zuckte mit den Achseln und lächelte ihn nervös an. „Das ist alles … ziemlich seltsam. Als ich noch als zivile Beraterin für Sie tätig war, war die Arbeit beim FBI für mich ein einziges großes Abenteuer. Beängstigend, aber gleichzeitig aufregend. Jetzt, wo ich tatsächlich Agentin in Ausbildung bin, fühlt sich alles plötzlich ganz anders an… “

Ihre Stimme versandete, denn sie war sich nicht sicher, ob sie fortfahren sollte – oder wollte.

Doch ihr Partner/Vernehmer ließ sie nicht so leicht davonkommen. „Inwiefern anders?“

Remi brauchte eine Weile, um die richtigen Worte zu finden. „Es fühlt sich jetzt reeller an. Ernster. Vorher wollte ich unsere Fälle zwar auch unbedingt aufklären, wusste aber gleichzeitig, dass es eigentlich Ihre Fälle waren. Die Fälle des FBI.“ Daniel musste lachen. „Ich weiß, ich weiß, das ist Ihnen vermutlich nicht so vorgekommen, aber so hat es sich für mich angefühlt. Inzwischen habe ich mehr über die Geschichte des FBI gelesen und meine Ausbilder haben ihre Erfahrungen mit mir geteilt. Jetzt kommt es mir so vor, als wäre ich Teil einer langen Tradition. Das macht mich nervös.“

„Hochstapler-Syndrom?“

„Genau!“

„Da müssen wir alle durch. ‚Wieso sollte es denn ausgerechnet mir gelingen, einen Serienmörder ausfindig zu machen oder einen internationalen Schmugglerring auffliegen zu lassen?‘ Der Job stellt einen vor so große Aufgaben und bringt so viel Verantwortung mit sich, dass ich glaube, es ist gut, wenn man sich als Ermittler manchmal wie ein Hochstapler vorkommt. Das hält einen auf Trab und bringt einen dazu, immer sein Bestes zu geben.“

Remi nickte ihn lächelnd an. Manchmal war Daniel bei den seltsamsten Themen sehr verschlossen und empfindlich, aber es fühlte sich dennoch gut an, zu wissen, dass er sie verstand.

Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass sein Verständnis sehr hilfreich werden würde, wenn sie das nächste Mal gemeinsam an einem Fall arbeiteten.

Das FBI hatte ihr versprochen, sie weiter mit Daniel zusammenarbeiten zu lassen und Remi war selbst ein wenig überrascht davon, wie wichtig ihr diese Zusammenarbeit geworden war.

Und wie sehr sie darauf erpicht war, ihn bei ihren nächsten Ermittlungen zu beeindrucken.

Daniel warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ach, Mist.“

„Was ist denn?“

„Ich muss leider los. Ich habe noch einen Termin mit der Chefin.“

Remi horchte auf. „Mit Direktorin Ochiai?“

„Jepp.“

Daniel stand auf.

„Geht es um einen neuen Fall?“

„Könnte sein. Konzentrieren Sie sich aber erstmal darauf, die Vorschriften zu verinnerlichen und Agent Herrero den Hintern zu versohlen.“

„Hat sie denn bereits etwas über einen neuen Fall gesagt?“

„Bisher nicht. Und hören Sie auf, ein Gesicht wie ein Kind zu machen, dem man gerade einen Hundert-Dollar-Gutschein für einen Süßwarenladen geschenkt hat.“

Remi ließ sich wieder auf ihren Sitz fallen und lächelte Daniel schief an. „Ist es denn so schlimm, sich auf den nächsten Fall zu freuen?“

„Ob es schlimm ist, sich danach zu sehnen, Diebe und Mörder durchs ganze Land zu verfolgen? Nein, nicht direkt. Aber es ist ein bisschen seltsam. Andererseits ist Ihre seltsame Art ja auch der Grund dafür, dass ich Sie mag.“

Daniel kniff ein Auge zusammen, machte mit seiner Hand eine Pistolengeste und sagte: „Peng! Wir sehen uns später, Auszubildende Agentin Laurent.“

Remi begann zu kichern, ertappte sich dann selbst dabei und hielt sich eine Hand vor den Mund. Wann hatte sie wohl zum letzten Mal gekichert?

KAPITEL ZWEI

Daniel Walker musste innerlich schmunzeln, als er Keiko Ochiais Büro betrat. Es war schön gewesen, Remi wiederzusehen. Seit Beginn ihrer Ausbildung hatte er ihre Entwicklung ganz genau im Auge behalten. All ihre Ausbilder sagten, dass sie gute Fortschritte machte. Das sagte sogar Agent Herrero, obwohl der Nahkampfexperte ihm auch unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er bei jeder künftigen körperlichen Auseinandersetzung die Federführung übernehmen sollte.

Leichter gesagt als getan. Sie schlich sich so oft allein davon, dass Daniel manchmal das Gefühl bekam, er würde eines der Kinder seiner Freunde babysitten.

Als er vorm Schreibtisch seiner Chefin angekommen war, konzentrierte er sich auf das Hier und Jetzt. Direktorin Ochiai bestellte ihre Mitarbeiter nicht zu sich, um mit ihnen alltägliche Dinge – wie zum Beispiel das Aufspüren gestohlener Briefmarkensammlungen – zu besprechen.

Das Büro war modern eingerichtet, mit ergonomischen Stühlen und einer ganzen Wand aus Glas, die Blick auf die Skyline von Washington bot. Die anderen Wände waren mit exzellenten Schwarz-Weiß-Fotos von japanisch-amerikanischen Cowboys und Farmern geschmückt, die die Direktorin selbst aufgenommen hatte, hauptsächlich auf der Ranch ihres Vaters und in der umliegenden Gemeinde in West-Texas. Sie hatte damit bereits mehrere Fotowettbewerbe des FBI gewonnen.

„Guten Tag, Agent Walker, bitte nehmen Sie Platz“, sagte Direktorin Ochiai mit ihrem texanischen Akzent.

„Freut mich, Sie zu sehen, Frau Direktorin.“

Ich freue mich vor allem, weil dieses Treffen vermutlich bedeutet, dass Sie eine echte Herausforderung für mich haben.

„Wir hätten da einen Fall, dem Sie sich annehmen sollen.“

Bingo.

Sie nahm eine Mappe von einem Schreibtisch und schob sie ihm zu. Eine der dünneren Mappen, die dort lagen. Das bedeutete, dass bei diesem Fall eine Menge Laufarbeit auf ihn zukommen würde. Nun ja, das gehörte zum Job. Um genau zu sein, war es sogar der überwiegende Teil des Jobs.

„Professor Edward Hale ist gestern Abend in seinem Haus in Richmond ermordet worden. Er hat an der Universität von Virginia Geschichte und Theologie unterrichtet. Täter unbekannt, Motiv unbekannt.“

„Verstehe“, sagte Daniel, nahm die Mappe entgegen und klappte sie auf. „Und warum ist das ein Fall für die Antiquitäteneinheit?“

„Weil der Professor vor drei Jahren wegen Antiquitätenhandels angeklagt und freigesprochen worden ist.“

„Oh.“ Nun wurde es allmählich interessant.

„In der Mappe finden sich sämtliche Informationen zu seinem Prozess. Die Kurzfassung: Ihm wurde vorgeworfen, mit biblischen Artefakten gehandelt zu haben, die aus archäologischen Stätten in Israel, Syrien und Jordanien gestohlen worden waren.“

„Und wie ist er damit davongekommen?“

„Ein guter Anwalt und mangelnde Beweise. Bei diesem Handel hat nämlich kein Geld den Besitzer gewechselt.“

Daniel schaute zu ihr auf. „Wie bitte?“

„Es waren Tauschgeschäfte. Zumindest an seinem Ende. Er könnte die Gegenstände von Händlern im Nahen Osten mit Bargeld gekauft haben, aber soweit die Staatsanwaltschaft feststellen konnte, hat er die Artefakte dann gegen andere Artefakte vertauscht.“

„Und was hat er sich ertauscht?“

„Hauptsächlich seltene Bücher, darunter auch einige sehr frühe Manuskripte. Einige davon befinden sich in einem Schließfach, andere hatte er aber wohl bei sich zu Hause aufbewahrt.“

„Und die sind jetzt weg?“

„Ja.“

„Aber das ist nicht das Motiv?“

„Der Täter hat unter der Woche zugeschlagen, an einem Abend, an dem es sehr wahrscheinlich war, dass Hale zu Hause ist. In seinem Haus waren sogar fast alle Lichter an.“

„Einbruchspuren?“

„Nein.“

Dann kannte Hale seinen Angreifer also. Oder zumindest hat er ihn zunächst nicht für gefährlich gehalten.

„Kann ich Agent Laurent in dieser Sache hinzuziehen?“, fragte er. Remi würde sich bei diesem Fall sicher als hilfreich erweisen.

„Ja, natürlich. Das beschleunigte Ausbildungsprogramm lässt das explizit zu. Einsatzerfahrung ist ohnehin die beste Ausbildung.“

„Das sehe ich genauso. Ich hole sie ab und fahre dann sofort mit ihr nach Richmond.“

Er stand auf und freute sich schon auf diesen neuen Fall. Direktorin Ochiai hob jedoch eine Hand an.

„Agent Walker.“

„Ja?“

„Agent Laurent befindet sich noch in der Ausbildung. Den Berichten der Ausbilder und ihren eigenen Kommentaren nach zu urteilen, ist sie impulsiv. Es ist Ihre Pflicht, sie im Zaum zu halten und für ihre Sicherheit zu sorgen.“

Daniel hielt inne, doch dann nickte er.

„Das werde ich tun, Ma’am.”

Leichter gesagt als getan.

* * *

„Was ist denn los?“, fragte Remi ihren Freund mit leiser Stimme, in ihre machte sich zunehmend Unbehagen breit.

Das Mittagessen war bisher nicht gut verlaufen. Cyril war ungewöhnlich ruhig und auch körperlich distanziert gewesen. Sie hatten bei einem ihrer Lieblingsitaliener gesessen und schweigend gegessen. Cyril hatte eine Karaffe Wein bestellt und sie fast allein getrunken. Auch den Nachtisch hatten sie bereits hinter sich und jetzt, beim Kaffee, schaute Cyril ihr zum ersten Mal während der gesamten Mahlzeit direkt in die Augen.

Er stellte seine Tasse mit einem lauten Klirren vor sich ab.

„Ich halte das einfach nicht mehr aus.“ Er sprach in einem vorwurfsvollen Tonfall.

Remi blinzelte. „Was meinst du damit?“

Mit ungeduldiger Geste deutete Cyril auf sie. „Dich meine ich. Du bist weggelaufen, um dich dem FBI anzuschließen. Hast deine Karriere aufgegeben. Hast Georgetown aufgegeben.“

Remi beugte sich vor und legte ihre Hand auf seine. „Das heißt aber nicht, dass ich uns auch aufgeben habe.“

Er zog seine Hand weg. Wäre seine Verärgerung nicht im Geringsten gespielt gewesen, wäre das vermutlich allerdings etwas schneller gegangen.

„Doch, das hast du. Seit meinem Antrag vermeidest du es, einen Termin für die Hochzeit festzulegen. Außerdem verschwindest du regelmäßig und ohne jede Vorwarnung zu irgendwelchen Ermittlungen und kommst erschöpft und gezeichnet wieder zurück. Wenn du mal bei mir übernachtest, was ja nur noch selten vorkommt, dann wälzt du dich die ganze Nacht hin und her und murmelst im Schlaf. Wenn du wach bist, siehst du so aus, als wärst du gar nicht wirklich anwesend. Und von unserer gemeinsamen Zukunft redest du überhaupt nicht mehr. Ich habe ja sogar ein Haus für uns gefunden und du hast dafür gesorgt, dass wir es nicht bekommen haben, weil du gerade wegen eines Falls in Europa warst!“

Das war unfair. Er hatte bereits zugegeben, dass sie wohl kaum einem Hauskauf hätte zustimmen können, ohne das Haus je gesehen zu haben. Da konnte er diese Angelegenheit jetzt nicht gegen sie verwenden.

„Unsere Beziehung ist mir immer noch wichtig, Cyril, ich –“

„Heute gehen wir zum ersten Mal seit über einer Woche zusammen Mittagessen. Weißt du noch, dass wir früher fast jeden Tag zusammen gegessen haben?“

Daran konnte sie sich durchaus erinnern. Allerdings schien ihr diese Erinnerung schon sehr lange her zu sein.

„Ich habe für meine Ausbildung sehr viel zu tun. Ich hatte dir doch erklärt, wie intensiv das Programm ist.“

„Ja, und danach wirst du mit deinen Fällen sehr viel zu tun haben. Und was ist, wenn sie dich irgendwann versetzen wollen?“

„Die Antiquitäteneinheit ist in D.C. ansässig.“

„Klar, im Moment ist sie das. Aber ist das in einem halben Jahr immer noch so? Was, wenn sie auf die Idee kommen, die Einheit nach New York zu verlegen, weil dort am häufigsten Kunstraub begangen wird? Oder wenn sie dir einen Fall anvertrauen, für den du langfristig ins Ausland musst? Was wird dann aus uns?“

Remi spürte, dass Cyril immer panischer wurde. Sie beugte sich noch weiter vor und versuchte, ihn dazuzubekommen, ihr wieder in die Augen zu sehen. „Das wäre für uns alles kein Problem. Wir hatten in der Vergangenheit doch bereits eine Fernbeziehung und –“

Noch bevor Cyril sie unterbrach, wusste sie bereits, dass sie die falschen Worte gewählt hatte.

„Ach, super, dann haben wir also wieder eine Fernbeziehung. Hast du etwa vergessen, wie schrecklich das war? Wir haben es gehasst. Wir beide. Deshalb habe ich doch den Aufenthalt an Georgetown für dich organisiert. Und ich dachte, dass wir daraus einen dauerhaften Aufenthalt machen würden.“

Remi biss sich auf die Lippe. All das wusste sie natürlich. Sie konnte auch nachempfinden, wie verletzt er war, auch wenn das ihm nicht immer anzumerken war. Trotzdem brachte sie das, was er hören wollte, nicht über die Lippen.

Denn er wollte hören, dass sie ihre alberne neue Karriere aufgeben würde, bevor es dafür zu spät war, um sich wieder ihrer Forschung zu widmen und ihn zu heiraten.

Doch sie konnte diese Karriere nicht einfach so aufgeben. Diese Karriere hatte dafür gesorgt, dass sie sich lebendiger fühlte, als es seit Jahren der Fall gewesen war. Und sie konnte auch nicht zurück in die Forschung gehen. Ihr Status an der Sorbonne war sofort aufgehoben worden, als diese spießige Pariser Institution von ihrem Karrierewechsel erfahren hatte und sie wusste ganz genau, dass die alten Männer, die diese Universität leiteten, sie dort ohnehin nur widerwillig geduldet hatten und sie deshalb niemals wieder aufnehmen würden.

Und Cyril heiraten?

Das konnte sie tun. Das würde sie vielleicht auch tun. Sie war jedenfalls davon ausgegangen, dass es eines Tages dazu kommen würde.

Doch nun war er es, der diesem Plan eine Absage erteilte.

„Bitte gib mir einfach noch ein paar Wochen Zeit, Cyril. Ich weiß, dass ich zuletzt nicht genug für dich da war und das tut mir auch leid. Aber sobald ich mich eingewöhnt habe, finden wir eine Lösung.“

Cyril schüttelte traurig den Kopf. „Nein. Ich glaube nicht, dass wir die finden. Deine Entscheidung ist gefallen, als du Georgetown verlassen hast. Es ist offensichtlich, dass du unbedingt eine andere Möglichkeit finden wolltest, in den USA bleiben zu können, ohne mich dafür heiraten zu müssen. Vielleicht ist das auch alles meine Schuld. Vielleicht habe ich dich zu sehr unter Druck gesetzt. Aber das habe ich nur getan, weil ich dich so sehr geliebt habe. Ich liebe dich auch jetzt noch. Aber so kann ich einfach nicht weitermachen. Es tut mir leid. Auf Wiedersehen.“

Er stand auf, drückte ihre Schulter und ging davon.

Remi wurde nun klar, dass dieses Gespräch gar kein anderes Ende hätte finden können. Seine Worte hatten sich größtenteils einstudiert angehört. Er hatte sich bereits entschieden, bevor sie überhaupt hergekommen waren.

Sie war so verblüfft von dem, was gerade geschehen war, dass er, als sie sich umdrehte, um ihm hinterherzurufen, bereits aus dem Restaurant verschwunden war …

… und damit auch aus ihrem Leben.