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Die Familie der Reederei Römer ist schockiert. Zuerst sorgt Tochter Stefanie für einen Skandal, dann wird der älteste Sohn und Erbe auf grausame Weise umgebracht. Kommissar Rau und seine Assistentin tappen im Dunkeln. Als auch noch ein zweites Mitglied der Familie tot aufgefunden wird, kommt der Kommissar nach und nach einem schmutzigen Geheimnis auf die Spur.
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Seitenzahl: 226
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Der Reeder
von
Brigitte Tholen
Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Reeder - Kriminalroman
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Mehr von der Autorin
Impressum
Der Reeder - Kriminalroman
Der Reeder
Kriminalroman
Brigitte Tholen
Copyright Brigitte Tholen
Cover: Brigitte Tholen
Kapitel 1
Die Sonne schien durch die Buntglasfenster der Eingangshalle und legte ein Farbennetz auf die alten, mit Blätterwerk verschnörkelten Kommoden und den Terrazzoboden.
Tobias blieb einen Augenblick stehen, um sich für das Gespräch mit seinem Bruder und dem Vater zu wappnen.
Die massive Doppeltür zum Wohnzimmer war nur angelehnt, und als er den Raum betrat, umgab ein bedrohliches Schweigen die beiden Männer, die auf ihn warteten.
Er musterte das wütende Gesicht seines Vaters und warf einen kurzen Blick auf seinen älteren Bruder Harald, der mit trommelnden Fingern seine Knie malträtierte.
"Was gibt's?" Gereizt ließ er sich in einen der braunen Ledersessel fallen. "Was hat sie wieder angestellt?"
"Festgenommen wurde sie!", schimpfte der alte Römer. "Wegen Ruhestörung und Besitz von Rauschgift. Eine Römer!"
"Verdammt!" Thomas biss sich auf die Unterlippe.
Harald nickte heftig.
"Sie ist verrückt. Seit Jahren zieht sie unseren Namen in den Dreck. Und es ist ihr scheißegal." Seine Stirn krauste sich unwillig. "Man sollte Stefanie endlich beibringen, ihren Verstand zu benutzen."
Sekundenlang war es still im Raum, dann klatschte der alte Römer mit seinen Handflächen auf die Sessellehnen. "Schluss! Aus! ... Das Maß ist voll. Gestorben ist sie für mich. Wagt es nicht sie hinter meinem Rücken in dieses Haus zu lassen. Ich will sie hier nicht mehr sehen. "
Mit einem Blick auf Harald grollte er: "Mit dir rede ich morgen. Deine Eskapaden müssen auch ein Ende haben. Bin ich hier in einem Narrenhaus?"
Schwerfällig wuchtete sich der Vater aus dem Sessel und schwankte zur Tür. Sein graues Haar hing ihm wirr ins Gesicht. Die wulstigen Lider ließen nur noch Schlitze seiner Augen erkennen. Ohne ein weiteres Wort verließ er den Raum.
Tobias seufzte. "Wann wird sie bloß vernünftig?" " Drogen? Alles Mögliche, aber Drogen … das glaube ich einfach nicht. " Mit einem raschen Blick versicherte er sich, dass der alte Mann die Tür geschlossen hatte. "Ich finde, Vater reagiert zu extrem. Der Ruhestand bekommt ihm nicht."
"Hör auf!" Harald drehte ihm langsam sein Gesicht zu. Du weißt so gut wie ich, dass sie total abgesackt ist." Seine Stimme wurde lauter. "Vor drei Wochen hat sie im "LeMonde" einen Strip hingelegt. Mein Disponent hat es mir erzählt. Das passt. Drogen und ..."
Tobias hob abwehrend die Hand und wollte etwas sagen, doch Harald ließ sich nicht unterbrechen: "Sie tut alles, um uns gesellschaftlich zu ruinieren. Vater hat Recht. Was zu viel ist, ist zu viel."
Als rede er von einer ansteckenden Krankheit, fuhr er fort: "Es ist besser, wenn sie nicht mehr kommt. Vor allen Dingen Diana will ich diesen Umgang nicht zumuten."
"Red nicht so einen Unsinn. Deine Frau ist tolerant und hat ihr Herz am rechten Platz. Außerdem scheint bei dir auch einiges im Argen zu liegen. Wäre der Alte sonst so zornig auf dich?"
Harald sprang auf. Er hatte die kleine Statur des Vaters ebenso wie dessen Korpulenz.
Seine rechte Hand, die sich zur Faust geballt hatte, schoss vor und machte kurz vor Tobias Nase Halt. Er keuchte, das Gesicht hochrot angelaufen.
"Na, schlag doch zu! Komm schon!", forderte Tobias ihn auf und schlug lässig ein Bein über das andere.
"Vielleicht wirst du dann ein wenig lockerer. Du kannst von Stefanie sagen, was du willst, aber dein Leben möchte ich auch nicht führen. Weißt du eigentlich, wie man eine Frau glücklich macht? Diana jedenfalls sieht nicht danach aus."
Haralds Gesicht verzerrte sich. "Ich warne dich", sagte er und packte Tobias Arm.
"Wovor?"
Unwillig schüttelte Tobias die Hand ab, strich sorgsam mit seinen schmalen Fingern den Anzug wieder glatt. In aller Ruhe erhob er sich.
Als die Brüder sich gegenüber standen, konnte man erkennen, wie unterschiedlich sie auch im Aussehen waren. Tobias war größer, hatte einen schlanken, durchtrainierten Körper. Das kurz-geschorene, dunkle Haar ließ sein Gesicht ein wenig eckig und hart erscheinen. Genau wie seine Schwester Stefanie hatte er die großen grau-grünen Augen der Mutter. Die vollen Lippen waren jetzt ärgerlich zusammengepresst.
Harald schüttelte sich, als erwache er aus einem bösen Traum. "Ich hab keine Lust, mit dir über meine Frau zu diskutieren. Ich weiß, dass du in sie vernarrt bist. Oder glaubst du, ich sehe nicht, wie du um sie herumschleichst?"
Er straffte seine Schultern und verließ aufgebracht den Raum. Mit einem Knall flog die Tür zu.
Tobias zuckte leicht zusammen. Er ging zur Terrasse und atmete tief die frische Luft ein.
Diana - Harald konnte sich ja nicht im Entferntesten vorstellen, wie sehr er diese Frau begehrte."Mein Gott, was sind wir doch eine tolle Familie", dachte er. Sein Blick streifte den Garten, der von außen her durch hohe Zypressen uneinsehbar war.
Seine Eltern hatten die Villa 1935, nur wenige Kilometer von Leer entfernt, gebaut. Onkel Tido, Vaters Bruder, hatte sich im Nebengebäude, etwas abseits von der Familie, häuslich niedergelassen. Er kam nur selten herüber. Tobias konnte es ihm nicht verdenken.
Er drehte sich um und ging mit raschen Schritten durch das Wohnzimmer in den Flur. Das Eichenparkett, das im ganzen Haus verlegt war, knarrte unter seinen Schuhen.
Seine Gedanken wanderten zu Stefanie. Bestimmt würde sie nicht einmal mit der Wimper zucken, wenn er ihr von Vaters Reaktion berichtete. Sie besaß eine Eigentumswohnung in Leer und kam nur selten ins Elternhaus.
Er verstand nicht, warum sie so ein selbstzerstörerisches Leben führte. Diese häufig wechselnden Männerbekanntschaften, andauernde Partybesuche bis zum frühen Morgen und jetzt das.
Eigentlich kam nur Harald mit Vater aus. Tobias war acht, als die Mutter bei einem Autounfall starb. Er versuchte, der Beste in der Schule und später im Studium zu sein, um von seinem Vater beachtet zu werden. Vergebens. Als Rechtsanwalt hatte Tobias inzwischen eine gut gehende Kanzlei und arbeitete als Firmenanwalt für die Reederei.
Er stieg die geschwungene Holztreppe hinauf, betrat sein Studio und öffnete eines der Fenster, die eine herrliche Aussicht auf die Ems boten. Das Tuckern der Schiffe drang leise herüber. Es war ein schöner Spätnachmittag im April. Die Luft hatte sich erwärmt, und die Natur schüttelte ihren Winterschlaf ab. Zierliche Buschwindrosen hoben ihre Köpfe. Krokusse in allen Farben, gelbe Forsythien, Schlüsselblumen, Narzissen und Tulpen hatten ihre Blüten entfaltet und begrüßten die Sonne. Aufgeregte Spatzen wurden immer frecher, ließen sich auf Hecken und Bäumen nieder, schwatzten und tschilpten, flogen in die Luft und setzten sich wieder. Schmetterlinge flatterten lustig schwankend von Blüte zu Blüte, trunken vom Nektar. Wie eine Zauberin hatte die Sonne mit ihren Strahlen die Natur verwandelt. Doch all das sah Tobias jetzt nicht; auf seine Seele hatten sich dunkle Wolken gelegt.
* * *
Haralds Zorn war noch immer nicht verflogen, als er die Wohnung im Obergeschoss des Hauses betrat. Der Fernseher lief, und Diana verfolgte interessiert einen Bericht über Pandas. Fragend sah sie hoch.
"Das war wohl eine heiße Diskussion? Habt ihr Ärger im Betrieb?"
Harald war bemüht, sich aus seiner dunklen Gefühlswelt zu reißen. Er hatte nicht vor, ihr von dem Wortwechsel mit Tobias zu erzählen. Aber die Sache mit Stefanie musste er ihr berichten. Wieder einmal überlegte er, was für ein Glück es war, dass er Diana zur Frau gewählt hatte. Was ihre Herkunft betraf, war sie für ihn die passende Partie gewesen. Leider hatte ihr Vater, ein bekannter Architekt, durch Fehlspekulationen fast sein ganzes Vermögen verloren. Aber das war kein Problem für Harald. Ihr Aussehen, ihre Art sich zu bewegen, waren einer Königin würdig. Besitzen wollte er sie - wie einen Orden. Seinem Vater eine würdige Schwiegertochter vorzeigen.
Er atmete tief durch und sah in Dianas ovales Gesicht. Die schmalen Linien ihrer Brauen waren hochgezogen.
Langsam schüttelte er den Kopf. "Nein, im Betrieb ist alles in Ordnung."
Voller Groll schilderte Harald nun die neuesten Tollheiten seiner Schwester. Unruhig lief er dabei im Wohnzimmer auf und ab. Das spöttische Zucken ihrer wohl geformten Lippen konnte er nicht sehen. Ebenso wenig ihre wie Bernstein glänzenden Augen, die ihn spöttisch anblickten.
Die übergroßen, wie Bernstein glänzenden Augen, blickten ihn ironisch an.
"So so, deine Schwester hat es also wieder einmal geschafft, die Familie Römer zu schockieren. Mein Gott, dein Vater muss ja außer sich sein. Aber wie ich Stefanie kenne, kratzt sie das nicht."
"Leider hast du Recht. Sie ist absolut unmoralisch."
Diana nahm einen Schluck aus ihrem Cognacglas.
"Übertreibst du da nicht? Sie ist schließlich deine Schwester. Es wäre besser, du würdest einmal vernünftig mit ihr reden. Nachdem deine Mutter gestorben ist, hat sie unter euch Männern kein leichtes Leben gehabt. Dein Vater hat Stefanie überhaupt nicht beachtet. Du selbst hast mir erzählt, wie es hier abgelaufen ist. Dir ist nur die Gunst deines Vaters wichtig. Deine Geschwister sind dir vollkommen egal."
Harald hatte inzwischen seine Wanderung unterbrochen und ließ sich neben Diana auf die Couch fallen. Er nahm ihre Hand.
"Du bist wundervoll, wenn du dich so aufregst. Halt mir ruhig eine Standpauke. Es stimmt. Stefanie hatte es nicht leicht." Arrogant fuhr er fort: "Aber sie trägt den Namen Römer und daran sollte sie eigentlich denken."
Diana rollte mit ihren großen Augen und schüttelte den Kopf. "Herrgott, ich kann es nicht mehr hören. Euer Name! Euer Ruf."
Sie entzog Harald die Hand und stand auf. "Es ist Stefanies Leben und nicht unseres. Mein Gott Harald, warum bist du nur anderen gegenüber so intolerant. Jeder macht mal Fehler."
Diana stellte ihr Glas ab. "Auch du hast Abgründe in dir".
Harald starrte sie mit offenem Mund an und sah überrascht, wie ihre Augen feindselig blitzten.
* * *
Stefanie räkelte sich auf der Liege in ihrem Bad und ließ sich von ihrer Freundin Nora eine Schönheitspflege verpassen. Mit lauwarmem Wasser hatte diese gerade die Avocado-Maske von Gesicht und Hals entfernt und verteilte jetzt mit professionellen Bewegungen Creme aufs Dekolleté.
Nora, eine gut aussehende junge Frau mit hellblondem Haar und einer neunzig-sechzig-neunzig Figur, hatte sich vor drei Jahren als Kosmetikerin selbstständig gemacht.
"Was glaubst du, was jetzt bei dir zu Hause los ist?"
Stefanie zuckte leicht mit den Schultern. "Vater wird wahrscheinlich einen Tobsuchtsanfall bekommen und Harald wird lamentierend herumrennen. Du glaubst gar nicht, was für ein Ekelpaket mein Bruderherz sein kann. Tobias ist der Einzige, mit dem ich klarkomme."
Ihre Stimme wurde leiser. "Vater und Harald sind beide aus ein und demselben Holz geschnitzt, sie ..." Stefanie brach ab und zögernd fuhr sie fort: "Ich habe nie verstanden, warum Mutter bei ihm geblieben ist."
"Sie starb ziemlich früh, nicht wahr?"
"Ja, bei einem Autounfall. Ich war gerade vier Jahre alt und kann mich kaum noch daran erinnern. Wäre sie nicht gestorben, wäre sicher alles anders gekommen. Aber so..."
Stefanie verzog schmerzlich das Gesicht: " Au! Pass auf meinen Kopf auf, mein Schädel brummt wie verrückt. Nie wieder fasse ich so ein Mistzeug an, zusammen mit Alkohol ist das Selbstmord."
Nora grinste. "Mein Kopf hat das eigentlich ganz gut verkraftet. Aber noch mal werde ich das blöde Zeug auch nicht rauchen. Zuerst schwebe ich im Himmel und dann erwach ich in der Zelle."
Beide lachten schallend. Stefanie stand auf und streckte sich. In diesem Augenblick klingelte es an der Wohnungstür.
"Das wird Tobias sein, um mir die Leviten zu lesen."
Kichernd öffnete sie die Tür. Das Lachen blieb ihr im Halse stecken, als sie sah, wer dort stand.
"Harald!"
Kapitel 2
Im Zimmer roch es nach Schweiß, der sich mit dem Duft von Parfüm und Rasierwasser vermischt hatte. Nackt und sichtlich ermattet nach dem Liebesspiel lag er auf dem Messingbett. Die Hände und Füße noch mit weißen Seilen an die goldfarbenen Sprossen gefesselt.
"Küss mich", flüsterte er, "das war toll. Ich dachte, ich sterbe."
Noch immer hielt er die Augen geschlossen. Die Frau stand, nur mit schwarzen Stiefeln und Handschuhen bekleidet, vor dem Bett. Sie lächelte. Aber sie küsste ihn nicht.
"Ich zeige dir noch mehr, jetzt kommt dein Geschenk. Es ist etwas ganz Besonderes". Die Frau sprach mit leiser und ein wenig rauchiger Stimme.
Der Mann öffnete die Augen und musterte sie. "Du bist das Schärfste, das ich kenne. Ich hätte mir all die Nutten sparen können. Wenn ich dich so ansehe ... ich könnte schon wieder."
Die Frau lachte, während sie langsam etwas aus dem Stiefelschacht zog.
Der Mann versuchte, sich aufzurichten. "Sei so lieb und löse mir die Fesseln."
"Aber das Beste kommt doch erst. Bleib liegen."
Die schlanken Finger hielten plötzlich ein Rasiermesser mit einem goldenen Griff und näherten sich langsam seiner Kehle.
Irritiert versuchte der Mann, sich trotz der Fesseln aufzurichten. "Was machst du? Das soll mein Geschenk sein? Ich versteh nicht. Das ist ein sicherlich schönes Stück, aber ..."
"Es ist genau das Richtige", konterte die Frau und ihre Stimme klang diesmal hart und bestimmt. "Jeder bekommt von mir das, was er verdient."
Sie kniete jetzt breitbeinig über ihm.
Verblüfft verfolgte der Mann ihre Aktivitäten. "Gehört das mit zum Spiel?"
"Aber ja!" Lachend warf sie den Kopf in den Nacken und schüttelte ihre blonde Mähne.
Der Mann schluckte. Plötzlich schien er zu ahnen, dass sich etwas geändert hatte. Das Spiel war zu Ende. Ihr Gesicht glich einer Statue und die Augen sahen ihn verächtlich an. Er bewegte die Lippen. Kein Ton kam aus seiner Kehle. Mit den Fingern ihrer linken Hand hob sie sein Kinn ein wenig an. Die rechte Hand umfasste das Rasiermesser und war wie zum Schlag erhoben. Voller Panik starrte er darauf. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, und das Gesicht verlor alle Farbe. Entsetzt sah er, wie die rechte Hand sich seinem Hals näherte. Er riss und zerrte wie wild an den Fesseln. Die weißen Taue gaben nur wenig nach und schnitten ins Fleisch. Mit aller Kraft bäumte der Körper sich auf. Das Messingbett klapperte und quietschte. Den Kopf hin- und herwerfend, versuchte er, ihre Hand abzuschütteln. Vergeblich. Fassungslos drückte er sich tiefer in das Kissen. Sein Mund öffnete sich, aber kein Ton kam heraus.
Sie lachte. Befriedigt beobachtete sie in aller Ruhe seine panischen Versuche. Wie ein Habicht, der sich seiner Beute sicher ist. Die Hand sauste herab. Blitzschnell und mit aller Kraft schnitt sie ihm die Kehle durch. Holte aus und schnitt ein zweites Mal tief die Kehle entlang. Ein gespenstisches Röcheln war zu hören. Die weit aufgerissenen Augen blickten sie glasig an. Er wurde ohnmächtig. Das Blut schoss mit einem heftigen Strahl aus der Halsschlagader direkt in ihr Gesicht und auf ihren Körper. Es kam stoßweise im Bogen, immer kleiner werdend, bis zum pulsierenden Strudel, dann versickernd, rinnend. Fasziniert beobachtete sie, wie er nach und nach verblutete.
Sie sah ihrem Opfer in das angstverzerrte Gesicht, das die Farbe hellen Marmors angenommen hatte.
"Fahr zur Hölle", fauchte sie.
Das Messer noch immer in der Hand, entfernte sie mit einem glatten Schnitt seinen Penis und warf ihn in die Mitte des Zimmers. Dabei lachte die Frau. "Das war deine letzte tolle Liebesnacht."
Kapitel 3
Kriminalkommissar Rau warf eine dünne Akte auf den Schreibtisch und fluchte. "Dieses Scheiß-Wetter geht mir auf den Geist. Meine Frau geht mir auf den Geist. Jetzt auch noch dieser verdammte Mordfall! Ich frage Sie, meine Liebe, was hat das Leben noch so auf Lager für mich?"
Michaela Kröger wusste nicht genau, ob die Frage ihres Vorgesetzten rhetorisch gemeint war oder ob sie darauf antworten sollte.
Vor einem Dreivierteljahr war sie von der Oldenburger Sitte zum Morddezernat nach Leer gewechselt und hatte es noch nicht bereut. Sie träumte davon, einmal diese Abteilung zu leiten, und hängte sich voller Eifer in jeden Fall.
Leider hatte sie nichts Neues zu berichten. Sie hielt eine Akte in der Hand und las vor: "Das Opfer war einen Meter und sechsundsiebzig groß, das Körpergewicht betrug achtzig Kilo. Sein Alter: Mitte dreißig. Er hatte einen Ehering am Finger, ist also wahrscheinlich verheiratet. Keinerlei Schriftstücke oder Papiere, die Aufschluss über seine Familie geben könnten. Keine Geldbörse oder Brieftasche in seinem Anzug. Kein Telefon. Nur der Name Meißner an der Tür. Ich habe im ganzen Haus nachgefragt, aber niemand konnte mir sagen, ob er Freunde oder eine Freundin hatte. Wäre der Zeitschriftenwerber nicht so neugierig gewesen, wer weiß, wann wir den Toten entdeckt hätten. Die Wohnungstür stand ein Stück offen. Ich sage Ihnen, wer total anonym leben will, der sollte in dieses Haus ziehen."
"Wieso?"
"Ein Single-Haus. Keine Ehepaare. Die Wohnungen werden möbliert vermietet, sehen alle gleich aus. Wahrscheinlich im Hauruck-Verfahren fertig gestellt. Alle gleich tapeziert, alle gleich geschmacklos eingerichtet, bis auf die Wohnung des Opfers."
Kommissar Rau sah seine Assistentin finster an.
"Sind Sie jetzt unter die Innenarchitekten gegangen oder was? Sagen Sie mir lieber, ob die Spurensicherung schon was gefunden hat."
Michaela zuckte die Achseln. "Nada, nichts. Der Mörder muss eine Generalreinigung in der Wohnung durchgeführt haben." Sie liebte es, einige spanische Wörter einzustreuen, die sie im letzten Urlaub auf Mallorca gelernt hatte.
"Das Tatwerkzeug, ein Rasiermesser mit goldenem Griff und Ziselierungen war ebenfalls blitzblank und ohne Fingerabdrücke. Die ungefähre Todeszeit ist vom dritten auf den vierten April, also gestern, zwischen Mitternacht und ein Uhr. Das Labor hat uns bis jetzt nur mitgeteilt, dass man einzelne schwarze Haare gefunden hat. Lang. Das deutet auf eine Frau als Täter hin, aber wer kann das heute schon genau sagen. Meine Güte", Michaela feixte, "hoffentlich wurde sein gutes Stück erst nach dem Tode abgeschnitten."
Kommissar Rau stapelte einige Papiere vor sich auf den Schreibtisch und grollte: "Bewegen Sie Ihren hübschen Hintern in Richtung Einwohnermeldeamt. Wir müssen erfahren, wer dieser Mann ist und woher er kommt."
Kommissar Rau lächelte grimmig, als die Tür hinter seiner Assistentin laut zuschlug. Wenigstens hatte er etwas von seinem Frust abgeben können. Sein Gesicht lockerte sich etwas. Er stand auf, trat ans Fenster und sah auf den Autoverkehr. Die Turmuhr-Glocke von der nahen Kirche schlug gerade zwölf. Sein Blick wanderte ohne viel Hoffnung zum wolkenverhangenen Himmel. Es hatte sich eingeregnet und würde so schnell nicht wieder aufhören. Er fröstelte.
Und jetzt auch noch dieser Mord. Es gab keinerlei Anhaltspunkte. Er fühlte eine Blockade in seinem sonst so regen Verstand.
Wie lange hatte er schon keinen richtigen Urlaub mehr gemacht? In der wenigen Freizeit, die ihm blieb, schleppte ihn seine Frau ins Theater oder zu Freunden. Viel lieber würde er mal wieder einen guten Kriminalroman lesen und sich über seine fiktiven Kollegen amüsieren oder seinem Hobby, dem Malen, nachgehen.
Es nutzte alles nichts. Die hängenden Schultern strafften sich. Er musste jetzt und hier einen Fall lösen. Vorher wollte er noch schnell bei der Internetauktion nachschauen. Es waren alte Kriminalistik-Bücher angeboten worden. Seit einigen Tagen steigerte er mit und lauerte darauf, dass er die interessanten Bände bekam. Heute wurde die Auktion geschlossen, und er hoffte, dass niemand ihn überboten hatte. Rasch rief er im Computer die Site auf. Die Verbindung kam sekundenschnell zustande. Nach Eingabe seines Passwortes gelangte er in den gesicherten Bereich. Gott sei Dank, bis jetzt hatte ihn noch niemand übersteigert. Wenn er Glück hatte, würde der Auktionator ihm schon morgen eine Mail schreiben.
Er verließ die Site und schaltete zufrieden den Computer aus.
Jetzt wollte er sich die Wohnung des Opfers noch einmal ansehen. Vielleicht war etwas übersehen worden. Wenn er es sich genau überlegte, musste die Wohnung in der Rathausstraße eine Zweitwohnung sein. Es war nur wenig Kleidung im Schrank gefunden worden, die aber nicht der Größe des Opfers entsprach. Keinerlei Papiere. War der Tote vielleicht gar nicht Meißner? Der Anruf bei dem Vermieter in Bremen blieb erneut erfolglos. Hoffentlich war er nicht ausgerechnet jetzt in Urlaub. Bevor Rau ging, rief er beim Labor an und bat um einen schnellstmöglichen Bericht.
* * *
Er drosselte die Geschwindigkeit und schaltete vom vierten in den zweiten Gang. Langsam rollte der Audi aus. Direkt vor dem Haus fand er einen Parkplatz. Einige Minuten blieb Kommissar Rau noch im Auto sitzen und betrachtete die Umgebung. Sein routinierter Blick nahm jede Kleinigkeit wahr. Rechts war das "Single-Haus", wie die Kröger es genannt hatte, in dem der Mord geschehen war. Es war mit rotem Backstein verklinkert und machte einen gepflegten Eindruck. Er wusste, dass es sechs Wohnungen hatte. Nach seinen Informationen waren alle Mieter berufstätig und wahrscheinlich außer Haus.
Die Fenster zur Straße waren auf Kippvorrichtung geöffnet. Nur das Fenster des Tatorts war geschlossen. Gardinen, alle im gleichen Muster, versperrten neugierigen Blicken die Sicht in die Räume.
Er wollte gerade seine Augen auf die andere Straßenseite richten, als er bemerkte, dass sich eine der Gardinen bewegte. Eine schmale Hand kam zum Vorschein und schloss das Fenster.
Also war doch jemand im Haus. Rau überlegte.
Zweiter Stock links. Die Apothekenhelferin. Frau Ullrich, geb. Hartmann. Geschieden.
Bevor er ausstieg, richtete er noch einmal kurz seinen Blick auf die andere Straßenseite. Zwei seiner Leute führten dort eine Befragung durch. Er würde erst einmal mit Frau Ullrich sprechen und anschließend den Tatort alleine auf sich wirken lassen.
Schwerfällig quälte er sich aus dem Auto, stieß mit dem Knie gegen die Lenksäule und fluchte. Mit seinen fast zwei Metern hatte er immer Schwierigkeiten beim Ein- und Aussteigen.
Langsam schlenderte er auf das Haus zu. Der Himmel hatte vorübergehend die Schleusentore geschlossen. Es roch nach nassem Asphalt und die Luft war feuchtkalt. Fröstelnd zog er seine Schultern hoch.
Eine vollschlanke Mittdreißigerin, brünett, überquerte die Straße und lief dicht an Rau vorbei. Eine leichte Alkoholfahne wehte ihm um die Nase.
Er beobachtete, wie sie vor dem "Single-Haus" stehen blieb und die Haustür aufschloss. Gerade noch schaffte er es, die Tür aufzuhalten, bevor sie wieder ins Schloss fiel. Er lauschte. Die Schritte gingen zum ersten Stockwerk.
Interessant. Das musste die Wohnung von Duis sein. Einem Vertreter für Baustoffe. Während der Hausbefragung hatte niemand bei ihm aufgemacht.
Hauptkommissar Rau überlegte kurz.
Ullrich oder die Brünette zuerst? Seine Instinkte waren für brünett.
Das Treppenhaus unterschied sich in nichts anderen Miethäusern in der Stadt. Auf blanken Messingschildern waren Namen angebracht. Im ersten Stock stand rechts Meißner, links Duis. Vor der linken Tür blieb er stehen. Lauschte und klingelte, als er nichts hörte. Wenig später wurde die Tür aufgerissen. Braune Augen musterten ihn neugierig. Der rot geschminkte Mund lächelte ihn fragend an.
Man merkt ihr den Alkohol nicht an, dachte Rau und zeigte seinen Ausweis.
"Mein Name ist Kommissar Rau. Ich habe ein paar Fragen zum Tod ihres Nachbarn. Wenn ich kurz hereinkommen darf?"
Die Brünette sah ihn verwundert an und trat zur Seite. Erneut roch er den Alkohol, als er an ihr vorbei die Wohnung betrat. Im kahlen, ungemütlich wirkenden Wohnzimmer bat sie ihn, Platz zu nehmen. Sie selber lehnte sich mit dem Rücken an die hohe Fensterbank, die bis auf ein vertrocknetes Alpenveilchen leer war.
"Ein Toter, hier im Haus? Wovon sprechen Sie? ... Ich weiß nichts darüber."
"Sind Sie Frau Duis?"
Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ich bin die Freundin. Mein Name ist Sabine Wiegand. Wolfgang, ich meine Herr Duis, ist leider nicht zu Hause. Er besucht einen Lehrgang in Bremen. Wenn er verreist ist, bleibe ich in meiner Wohnung und sehe hier nur nach der Post."
Während sie sprach, rieb sie ununterbrochen ihre Unterarme. Ihr Teint war fahl. Kinn und Wangen hatten bereits eine hängende Tendenz. Mit halbgeschlossenen Augen unterzog er das Zimmer einer Blitzbesichtigung. Auf dem Tisch drei Briefe, eine Schachtel Marlboro daneben. Auf der Couch lagen zerfledderte Zeitschriften. Ein grob gestrickter Männerpullover lag über der Lehne.
Kommissar Rau hob den Kopf und sah Sabine Wiegand direkt in die Augen.
"In der Wohnung gegenüber ist ein Toter gefunden worden. Kannten Sie Herrn Meißner?"
Frau Wiegands Augenlider flatterten für den Bruchteil einer Sekunde. Ihr Blick richtete sich auf einen Punkt an der kahlen Wand.
"Mein Gott, das ist ja schrecklich. Nein, ich kannte ihn nicht. Das heißt, nicht näher. Vorgestern bin ich ihm im Hausflur begegnet. Wolfgang glaubt, dass er in Wirklichkeit gar nicht hier wohnt, weil er immer nur für einige Stunden, höchstens für ein, zwei Nächte bleibt. Wahrscheinlich ein reicher, frustrierter Ehemann, der sich hier sein Vergnügen holte. Arrogant war er. Grüßte nur kurz. Ich weiß nicht, worauf der sich was einbildete."
"Woher wissen Sie, dass es Meißner war?"
"Was..? Wieso?" Verwirrt sah sie ihn an. "Na, weil er die Wohnungstür aufgeschlossen hat."
"Bekam er hin und wieder Besuch?"
Sie stieß sich mit beiden Händen von der Fensterbank ab. "Keine Ahnung. Ich achte nicht darauf, wer bei wem zu Besuch ist. "
Rau spürte den Ärger in ihren Worten. Ganz ruhig fragte er: "Haben Sie eine Frau bei ihm gesehen, als er vorgestern kam?"
Sie verzog abfällig ihren Mund.
"Ja, genauso hochnäsig wie er. Ich sah sie kurz, als sie mit ihm ins Haus kam. Ich wollte gerade Wolfgangs Wohnungstür aufschließen. Mein Gott, sie sah aus wie ein Flittchen. Ich dachte noch, der muss es aber nötig haben. Holt sich was von der Straße. Nicht mal angesehen hat sie mich. Einfach den Kopf zur Seite gedreht. Schwarze Lack-Stiefel mit hohem Schaft. Der grüne Rock war nicht viel länger als ihr Gürtel breit. Die weiße Bluse war voller Schlitze, durch die man ihre nackte Haut sehen konnte. Die langen, schwarzen Haare hatten ihr Gesicht verdeckt. Man konnte es nicht richtig erkennen ..." Frau Wiegand unterbrach ihren Redestrom und sah den Kommissar nachdenklich an. "Irgendwie wirkte sie unecht", meinte sie dann. Ihre Stirn zog sich in Falten, und wieder ging ihr Blick auf einen imaginären Punkt hinter dem Beamten. Dann zuckte sie die Achseln. "Ich weiß gar nicht, warum mir das jetzt plötzlich auffällt."
Rau spürte es in seiner Jagdseele kitzeln. Ruhig bleiben, dachte er. Sie jetzt nur nicht verunsichern.
Und schon sprach sie weiter. "Wenn ich darüber nachdenke, wirkte alles an ihr unecht. War sie es vielleicht, die ihn getötet hat?"
"Das kann man nicht so einfach sagen. Ich müsste schon etwas mehr über sie wissen. Wie oft haben Sie die Frau denn gesehen?"
"Nur einmal."
"Könnten Sie die Frau so beschreiben, dass unser Polizeizeichner ein Bild im Computer erstellen kann?"
"Nein, ich sagte ja bereits, dass die Haare vor dem Gesicht waren. "
"Kam sie mit dem eigenen Auto?"
"Weiß ich nicht".
"An welchem Tag haben Sie sie gesehen?"
"Na, ich sagte doch schon, vorgestern. Wolfgang ist am 3. April vormittags nach Bremen gefahren. Genau. Und ich kam abends hierher, weil ich meine Blutdruck-Tabletten vergessen hatte."
"Wieviel Uhr war das ungefähr?"
Diesmal kam ihre Antwort prompt. "Fünf Minuten vor 23.00 Uhr. Meine Armbanduhr fing an zu piepsen. Ich hatte den Alarm eingestellt, damit ich den Film Die Verblendeten nicht verpasse".
Rau hob die Brauen. Hatte sie die Mörderin gesehen?
"Wie groß war die Frau? War sie schlank oder eher mollig?"
Frau Wiegands Augen bekamen Glanz und waren nicht mehr nur auf einen Punkt fixiert. Die Aussicht, vielleicht Zeugin in einem Mordfall zu werden, schien sie anzuregen.
"Sie war etwas größer als ich, vollbusig, aber mit schmaler Taille."
"Wie alt ungefähr?"
"So etwa dreißig, vielleicht ein wenig älter. Hätte ich das Gesicht besser sehen können, wäre es leichter zu sagen."
"Haben Sie sonst noch jemanden gesehen?"
Sie zuckte die Schultern. "Nein, ihn selber sah ich ja auch nur dieses eine Mal. Ein unsympathischer Typ".
