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Für seine groteske Selbsttherapie schafft der Erfolgscoach Paulus das scheinbar Unmögliche: Noch vor der Polizei fängt er den Mörder seiner Frau und sperrt ihn in ein Kellerverlies in einem abgelegenen Waldhaus. Dort befragt er ihn mit Techniken des Neuro-Linguistischen Programmierens, Methoden mit denen er sonst Top-Manager coacht, nur um das Verbrechen zu verstehen. Zu spät merkt Paulus, dass sein Gefangener Mitglied einer gefährlichen Sekte ist, die es nun auf ihn abgesehen hat. Paulus merkt, dass er das Töten vom Mörder seiner Frau lernen muss, um diesen umzubringen - wenn er, Paulus, nicht selbst das nächste Opfer werden will.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für Viola, Frank, Sebastian, Rike und Martin - gute Freunde, die bleiben und denen ich dieses Buch schon früher hätte widmen sollen.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Epilog
In der Nacht, in der Norman L. Paulus’ Frau starb, wurden die Schuldgefühle geboren, die sein Leben für immer verändern würden.
Bis dass der Tod Euch scheidet, dachte Paulus und sah mit nassen Augen auf seine Frau Hanna hinunter, die in seinen Armen lag, ihn schwach anblickte. Paulus spürte warmes Blut an seiner Hand, die ihren Kopf stützte. Immer mehr Blut, warm und klebrig, sickerte aus ihrem Hinterkopf, er konnte die Blutung nicht stoppen. Ängstlich hob er den Blick. War der Angreifer weg? Paulus sah sich um: die weite, hügelige Wiesenlandschaft mit dem Kinderspielplatz, die verlassenen Bänke des Parks weiter hinten, die Großstadtkulisse der Häuser des Düsseldorfer Bertha-von-Suttner-Platzes. Kein Mensch. Der dunkle Angreifer, der Glatzkopf, der mit seinem Teleskopschlagstock aus dem Nichts hervorgesprungen war, schien ins Nichts zurückgekehrt zu sein.
Was für einen Blödsinn man sagt, wenn jemand stirbt, dachte Paulus, als er sich floskelhaft lügen hörte: „Es wird alles gut, Hanna! Gleich kommt der Krankenwagen und morgen bringe ich Dir Blumen ans Bett!“ Mehr brachte er nicht hervor, seine Stimme versagte.
Blut stand im Mundwinkel seiner Frau. „Mir ist kalt!“ flüsterte sie. Er zog sie näher an sich heran. Er schwitzte.
„Norman!“ brachte sie hervor. Bereits ihre Stimme verriet, dass es ihr wichtig war. „Ich will nur eines: Du sollst glücklich werden! Du musst das Verbrechen verstehen, nur so kannst Du weiterleben! Glücklich weiterleben! Und das ist alles, was ich will!“
Die Hoffung stirbt zuletzt? Vielleicht. Für Norman L. Paulus starb sie in dieser Nacht mit seiner Frau, jener Nacht, die das erste Kapitel der bizarren Ereignisse sein würde, die er sich in diesem schrecklichen Moment nie hätte vorstellen können.
„Ich bin Schuld am Tod meiner Frau!“, sagte Norman Paulus entschlossen. Er schaute mit festem Blick die zwei Kriminalbeamten an, die vor ihm an dem kleinen, weißen Kunststofftisch in dem engen Vernehmungszimmer saßen: Ein bulliger Farbiger, der sich ihm als „Herr Cabera“ vorgestellt hatte und ein Schwarzhaariger mit Dreitagebart, der Oskar Pelzer hieß. „Herr Paulus“, sagte Pelzer gerade mit ruhiger Stimme, „Sie wissen so gut wie wir, dass das nicht stimmt. Ich kann Ihre Gefühle gut verstehen, aber – da bin ich mir jetzt schon sicher – Sie trifft keine Schuld! Der Mörder ist jemand anderes, und der rennt noch frei durch die Nacht.“ Pelzer machte eine Pause, ließ das Gesagte auf Paulus wirken. „Ich weiß, es ist spät. Und: Nein! Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Bitte versuchen Sie trotzdem, uns noch einmal für’s Protokoll klar zu machen, wer Sie sind, und wie Sie die Ereignisse erlebt haben.“ Paulus blickte in wache Ermittlergesichter, die Verständnis und Einfühlungsvermögen ausdrückten, als er sagte: „Ja, natürlich. Mein Name ist Norman Lukas Paulus. Ich arbeite als Coach. Mit Techniken des NLP – also dem Neurolinguistischen Programmieren – bringe ich Menschen bei, wie sie die inneren Programme von erfolgreichen Menschen in der eigenen Psyche nachbauen können, um dieselben Fähigkeiten zu erwerben.“ Paulus nahm einen Schluck kaltes Wasser aus dem Plastikbecher. Die Zeiger der Wanduhr standen schon auf 0.30 Uhr, es herrschte eine unangenehme Sommernachtshitze in dem kleinen Zimmer. Paulus wischte sich mit dem Hemdärmel den Schweiß von der Stirn, bevor er fortfuhr: „Ich besitze ein eigenes Institut, nicht weit von dem Ort, an dem… ,es’ passierte…“ Paulus schluckte, dann: „Ich hielt einen Vortrag über diese Techniken. Meine Frau Hanna wollte sich mit einem Informanten treffen. Sie ist… sie war Journalistin. Das Treffen sollte in der Parkanlage nahe des Bertha-von-Suttner-Platzes stattfinden.“
„Mit wem sie sich treffen wollte, wissen Sie nicht?“, fragte Pelzer. Paulus schüttelte den Kopf. „Nein, ich weiß es nicht.“
„Und nach dem Vortrag sind Sie in den Park gegangen“, sagte Cabera, um den Bericht erneut in Gang zu bringen.
„Ja. Ich wollte sie dort abholen.“
Paulus sah durch die zwei Ermittler hindurch, sein Blick ging zwei Stunden in der Zeit zurück: Der dunkle Park. Die verlassenen Spielgeräte.
Stille.
Dann der Schrei. Eine Frau! Seine Frau? Paulus rennt los in die Richtung des Schreis, rennt auf ein Bündel zu, das am Boden liegt. Dann der nächste Schock: Das rote Band in den dunklen Haaren, die rote Sommerbluse… Es ist seine Frau Hanna! Und darüber ragt eine dunkle Gestalt, die ausholt, um auf sie einzuschlagen! Paulus’ Verstand setzt aus. Er springt den Angreifer an, wirft ihn um, sie rollen über die sonnenverdorrte Wiese. Ein Messer! Dem Angreifer fällt ein Messer aus der Lederjacke! Paulus ergreift es, der Attentäter springt auf. Paulus sieht ihn jetzt erst wirklich: ein athletischer Kerl, jung, den Kopf kahl geschoren. Das Messer! Paulus will etwas tun, kann nichts tun, ist wie gelähmt. Mit einem hässlichen Grinsen dreht sich der Glatzkopf weg, dreht sich seiner Frau zu.
Etwas tun!
Paulus stolpert los, weiß, dass er den Angreifer nicht töten kann, dass er nie einen Menschen töten könnte. Das Messer… Er stößt zu. Doch seine Kräfte versagen. Die Klinge drückt sich in das Leder der Jacke, doch sie richtet nichts aus, Paulus kann es nicht tun. Der Glatzkopf wirbelt herum, schlägt ihm das Messer aus der Hand. Es fliegt in einem Bogen durch die Luft, landet irgendwo in der Dunkelheit. Paulus blickt ihm hinterher wie ein Hund beim Stöckchenholen, dreht sich weg.
„In dem Moment muss er auf Hanna eingeschlagen haben“, rekonstruiert er die Tragödie für die Polizisten. „Heute Nacht ist der falsche Mensch gestorben. Und Schuld daran bin ich!“
„Du bist nicht Schuld!“, hörte Paulus seinen Freund Peter Fels mit ruhiger Stimme auf sich einreden. Es war fast drei Uhr nachts, doch als Paulus den Seelsorger Fels zu Hause angerufen hatte, war keine halbe Stunde vergangen, bis der Kleinwagen von Fels vor Paulus’ Haus mit quietschenden Reifen gehalten hatte.
Nun saßen sie auf Paulus’ Terrasse, redeten, schwiegen und blickten auf das nächtliche Großstadtpanorama Düsseldorfs: die schmucken Häuser des Gründerzeitalters, die futuristischen Bauten des Medienhafens und den Rheinturm. Und davor: Der Rhein, der ruhig dahinfloss, gleichgültig gegenüber dem Seelenschmerz von Paulus, der zu dem dunklen Fluss hinabsah. Wie oft hatte er diesen Anblick der Großstadtkulisse mit seiner Frau Hanna geteilt, bewundert?
Der Schäferhund Andor, ein Geschenk von Hanna an ihn, legte seinen Kopf auf Paulus’ Knie und winselte, wollte ihn trösten. „,Die Welt ist nicht gerecht’. So eine Aussage können wir Menschen nicht akzeptieren“, erklärte Fels. „Daher konstruieren Menschen, oft wenn sie Opfer von Gewalt geworden sind, Sinn. Und der sieht oft so aus, dass Opfer ein weiteres Mal Opfer werden: ihre eigenen Opfer, weil sie sich die Schuld geben. Das gibt es häufig, aber es hilft Dir nicht wirklich weiter“, fuhr Fels fort. Paulus streichelte Andors warmes Fell und nahm einen Schluck Cognac. Fels trank nichts, angeblich weil er noch fahren müsste. Doch Paulus wusste, dass Peter dafür sorgen wollte, dass wenigstens einer von ihnen einen klaren Kopf bewahrte, und dafür war er seinem Freund sehr dankbar.
„Wieso konnte ich nichts tun? Wieso habe ich Hanna sterben lassen? Wieso habe ich diese Bestie nicht umgebracht?“, klagte Paulus.
„Tötungshemmungen sind genetisch bedingt und arterhaltend“, entgegnete Fels geduldig. „Aber die Bestie hatte diese Hemmungen nicht!“ protestierte Paulus lauter als beabsichtigt und mit schwerer Zunge. „Ja, das stimmt“, bestätigte Fels. „Auch Tötungshemmungen können abgebaut werden, das Militär beispielsweise betreibt das systematisch. In den früheren Kriegen gab es im Verhältnis zu modernen Kriegen weniger Tote, weil viele Soldaten absichtlich daneben geschossen haben. Das Militär hat viel dafür getan, das zu ändern.“
Paulus hörte gar nicht zu, war in sich und seinen Kummer versunken. „Das ist alles nicht fair!“, murmelte er.
Eine Weile sagten sie beide nichts.
„Und wie soll ich… ,sinnvoll’ Sinn konstruieren?“, nahm Paulus den fast vergessenen Faden wieder auf. „Hanna hat gesagt, ich solle dieses Verbrechen verstehen! Nur Wie? – Ich könnte ja mit NLP-Techniken den Mörder modellieren! Klar! Modellieren könnte ich die Bestie! Das wäre wohl eine der höchsten Formen des Verstehens!“ murmelte Paulus vor sich hin. Fels schwieg, ließ ihn aussprechen, was er dachte. Dabei war kaum klar, ob Paulus mit Fels, sich selbst oder eigentlich mit niemandem sprach: „Dieser Gedanke kommt immer wieder“, führte Paulus seinen Monolog fort. „Er ist wie ein Bumerang: Ich werfe ihn weg, weil ich ihn nicht haben will, doch er kommt immer zu mir zurück. Und genau das gibt mir zu denken: Was ist, wenn Hanna mir wirklich sagen wollte, ich sollte die Bestie modellieren?“
Alles ist wunderbar! Norman Paulus und seine Frau Hanna stehen vor dem alten Haus von Paulus’ Eltern, mitten in einem Sommerwald. Es ist warm, die Sonne scheint, Vögel zwitschern in den sattgrünen Baumkronen.
Sie gehen ein Stück über den weichen Waldweg, reden, scherzen, lachen.
Hanna zeigt zum blauen Himmel: Wolken breiten sich aus, rasend schnell, wirbeln durcheinander, schießen in die Höhe. Der Himmel wird rot wie bei einem Sonnenuntergang, nur zur falschen Tageszeit. Aus den Wolken formen sich zwei Wesen, menschliche Umrisse, mit unmenschlicher Aura, gigantisch, bedrohlich. Dann bricht ein unerbittlicher Kampf zwischen den Wolkenmännern am Himmel aus.
Norman und Hanna laufen um ihr Leben. Es regnet gelbe Blätter von den Bäumen wie in einem Herbststurm. Sie erreichen das Waldhaus, schlagen die Tür hinter sich zu. Die Luft wird eiskalt. Durch das kleine Fenster in der Tür strömt rotes Dämmerlicht. Es klopft laut an der Tür. Paulus kann nichts tun, kann nur schreien, als er wie in Zeitlupe mit ansieht, wie seine Frau die Tür öffnet. Vor dem roten Dämmerlicht sieht er einen der Wolkenmänner stehen, nur noch hoch wie die Tür. Er hört eine hasserfüllte, dröhnende Stimme in seinem Kopf, die verkündet, dass er gekommen ist, um seine Frau zu holen.
Norman Paulus fuhr mit erschrecktem Gesichtsausdruck aus seinem Albtraum. Der Gräuel der Bilder steckte noch in seinen Gliedern. Seine Stirn glänzte schweißnass, seine Augen waren tränenverklebt. Durch sein Schlafzimmerfenster strömte rotes Dämmerlicht. Ein neuer Tag, an dem er, Norman Lukas Paulus, zum Weiterleben verdammt war, brach an. Morgengrauen… Paulus wollte weiterschlafen, alles vergessen, was ihn heimgesucht hatte. Doch es ging nicht. Wenn er die Augen schloss, sah er erneut den Wolkenmann vor dem roten Dämmerlicht im Türrahmen stehen. Wenn er wach blieb, quälten ihn die Gedanken.
Was ist, wenn Hanna wirklich gemeint hatte, er sollte ihren Mörder modellieren? Wenn sie wirklich gewollt hatte, dass er, Norman Lukas Paulus, mit den Arbeitsstrategien des Neurolinguistischen Programmierens die Gedanken und Fähigkeiten dieser Bestie nachbauen sollte, wie er sonst Topmanager und Kreativgenies nachbaute…
Konnte sie das gemeint haben?
Was ist, wenn nicht?
Aber was sonst?
Alles deutete für Paulus darauf hin, dass sie gewollt hatte, dass er die Psyche des Mörders in der eigenen Psyche nachbaute… um den Mörder zu verstehen, um das alles zu begreifen, um irgendwie wieder glücklich zu werden. – Und das war es zweifelsfrei gewesen, was Hanna sich gewünscht hatte!
Paulus schwang die Beine aus dem Bett. Er war sich nicht sicher, was er tun sollte.
Paulus spürte, dass es nicht gut war, was er sich jetzt antun würde, als er die Fotoalben aus dem Wohnzimmerregal nahm, die unter einem gerahmten Hochzeitsbild lagen. Sicher würde es ihm nach dem Betrachten des Albums noch schlechter gehen als zuvor. Paulus wusste, dass ein Mensch viel mehr Einfluss auf sein Wohlbefinden hat als er sich in Leidenssituationen oft eingestehen will. Doch er konnte nicht anders, setzte sich in den Sessel, legte das Album auf die Knie und schlug es auf.
Hanna und er zusammen in einem Park, Arm in Arm bei ihrer Hochzeitsfeier…
Zehn Minuten später hatte er ein weiteres Album mit Hochzeitsbildern durchgeblättert, aus den Lautsprechern des Computers klang die Stimme seiner Frau: ein Podcast, den sie ihm aufgezeichnet hatte, bevor sie zu einer mehrwöchigen Recherchereise nach China aufgebrochen war. Paulus achtete nicht auf die Inhalte ihrer Worte, genoss ihre digital archivierte Stimme als einmaliges Klangerlebnis. Währenddessen blätterte er beinahe mechanisch in einem Album, doch er achtete mehr auf seine Erinnerung als auf die Fotos vor sich.
Er horchte auf. Der letzte Satz der Aufzeichnung seiner Frau lautete: „Du hast Fähigkeiten, die andere nicht haben. Nutze sie! Sie werden dir helfen! Dass es dir gut geht, ist alles, was für mich zählt!“
Norman Paulus versuchte, den Mund zu einem Lächeln zu formen, doch die aufsteigende Trauer machte eine Grimasse daraus. Doch egal wie schlimm der Moment auch war, er traf eine Entscheidung. Und die war der erste Schritt auf dem Weg, der ihn zu seinem inneren Frieden führen würde, dessen war er sich plötzlich sicher.
So sicher – das formulierte er später selbst so – wie ein Wahnsinniger, der eine Vision hat.
Schritt eins: Ich finde heraus, wer der Mörder ist.
Schritt zwei: Ich nehme ihn gefangen.
Schritt drei: Ich modelliere die Bestie!
Norman Lukas Paulus wusste, dass dieser Dreiklang mehr als naiv war. Aber er hatte bereits eine Idee, wie er dieses unrealistische Ziel auf höchst realistische Weise angehen konnte! Nein – nicht konnte: würde!
Er lief die Treppe vom Wohnzimmer hinauf in die erste Etage seines geräumigen Zuhauses, das ihm noch nie so bedrückend leer und groß erschienen war.
Ziel definieren, Strategie entwickeln, das Geplante umsetzen. Ergebnisse überprüfen, Strategie anpassen, weitermachen. Das war alles. Das war das Schema, das er in seinen Managementseminaren als Coach unzählige Male gepredigt hatte. Dieses Vorgehen würde ihm bei seinem „Projekt“ nun helfen, dachte er, während er auf das Arbeitszimmer seiner Frau zustrebte. Im Zielmanagement gibt es Nah- und Fernziele. Das erste Nahziel war für ihn, die Identität des Mörders herauszufinden. Ein ehrgeiziges Unterfangen. Aber das Wichtigste war: Er musste den Mörder stellen, bevor es die Polizei tat! Darin bestand das größte Problem. Nein! rief der Coach in Paulus. Es gibt keine Probleme! Nur Herausforderungen! Die Tatkraft und der Durchsetzungswille des Managertrainers in ihm flammten unvermittelt auf, Kräfte, die am gestrigen Abend unter einer Lawine von Trauer verschüttet gewesen waren, und die sich nun in einem unbändigen Überlebenswillen bis an die Oberfläche gegraben hatten.
Paulus betrat das Arbeitszimmer seiner Frau. Hanna hatte sich mit einem Informanten treffen wollen. Das bedeutete: Es gab möglicherweise Hinweise auf seine Identität in ihren Rechercheunterlagen…
Er schaltete ihren Laptop ein. Papiere würde er nicht wälzen müssen.
Die sensiblen Dokumente, das wusste Paulus, lagen in einem abgeschlossenen Fach in der Redaktion. Da würde er nicht herankommen. Aber an ihr digitales Material…
Paulus trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Schreibtisch. Dann fluchte er. „Passwort eingeben!“, las er wütend das Dialogfeld auf dem LCD-Bildschirm. Was für ein Passwort? Verdammt! Er sah sich um. Er wusste, dass Hanna ihre Passwörter aus Sicherheitsgründen wöchentlich gewechselt hatte. Und er wusste, dass sie dabei gerne Namen von Gegenständen in Sichtweite ihres Arbeitsplatzes verwendete. „Außerdem liebte sie lateinische Begriffe“, murmelte Paulus, während er sich im Zimmer nach etwas umsah, was, warum auch immer, für ein Passwort herhalten könnte… Blumentopf? Wanduhr? Bücherregal? Er versuchte es. „Falsches Passwort!“ Immer dasselbe! Paulus probierte es weiter: Bild, Bilderrahmen… nichts! Verzweifelt aufstöhnend, legte er den Kopf in den Nacken, blickte zur Decke. Über ihm drehte sich ein Mobile mit Papp-Fledermäusen, die an einem knorrigen Zweig hingen… Fledermaus?, dachte Paulus und hackte das Wort in die Tastatur.
„Falsches Passwort!“ Paulus fluchte. Doch Moment! Was war mit der Liebe zum Lateinischen von Hanna? Was hieß gleich Fledermaus auf Lateinisch? Hanna hatte es ihm einmal gesagt, als ein solches Nachtwesen auf ihrer Terrasse um sie herumgeflattert war. „Chiroptera! sagte Paulus, während er das Wort eintippte. Erleichtert seufzte er, als der Desktop endlich vor ihm aufleuchtete. Er klickte sich durch die Dateien, fand jene, die zu ihrer neuesten Story gehörten. Neben Interviewmitschriften fand er eingescannte Dokumente, die ihr offenbar streng vertraulich zugespielt worden waren. Sie war mindestens einem kleineren Skandal auf der Spur gewesen, das bemerkte Paulus schnell. Es ging um eine dubiose Gesellschaft, die Sprachstipendien für Schüler vergab. Doch offenbar waren einige der leistungsstärksten Schüler absichtlich benachteiligt worden, wie er den Dokumenten entnahm. Drei Schüler und zwei Schülerinnen waren bei gleicher Leistung aus der Bewertung genommen worden… Dann fand Paulus den Grund: Alle waren körperlich behindert. Offenbar ein Fall von Diskriminierung. Schlimme Sache, aber Paulus’ Plänen half diese Erkenntnis zunächst nicht. Er las weiter, überflog die Zeilen, öffnete neue Dateien. Der Skandal gewann an Ausmaß: Offenbar hatte sich die Organisation die medizinischen Daten über die Schüler auf illegale Weise beschafft… Paulus wurde ungeduldig. Wer war ihr Informant von gestern Abend? Dann die Datei mit dem Namen: „Kontakte“! Paulus holte tief Luft, klickte sie an.
„Bitte Passwort eingeben!“ Laut fluchend schlug Paulus auf die Schreibtischplatte! Er sah sich suchend um, tippte erneut „Chiroptera“ ein. Fehlanzeige! Weitere Versuche. Kugelschreiber, Briefbeschwerer… wieder Fehlanzeigen! Paulus schwitzte. Das durfte doch nicht wahr sein! Verzweifelt zog er eine Schreibtischschublade auf, wühlte darin herum. Schnellhefter, Stadtpläne, Bedienungsanleitungen… Was war das Passwort? Paulus strich sich über sein unrasiertes Kinn. Nicht aufgeben! rief es in ihm. Er riss die nächste Schublade auf. – Und zog langsam ein altes Handy heraus… Darauf klebte ein Zettel, auf dem mit Hannas geschwungener Handschrift stand: „Passwort vergessen? Frag Henri Nannen!“ Paulus biss sich auf die Lippen. Henri Nannen… Der große deutsche Journalist, der das Magazin „Stern“ gegründet hatte, war längst tot. Er war immer Hannas journalistisches Vorbild gewesen… „Das ist es!“, murmelte Paulus. Er hatte eine Vermutung. Wenn diese nicht zutraf, würde er nicht mehr weiterwissen. Aber er war sich sicher, wie er das Kennwort finden würde. Genau genommen vermutete er, dass es sich eigentlich um einen Zahlencode handelte. Und Hannas humorig gemeinter Tipp, den zu knacken, würde ihm nun tatsächlich helfen, zumindest hoffte er das, als er das Mobiltelefon einschaltete. Er öffnete das digitale Telefonbuch des Handys, dann rief er alle gespeicherten Namen mit „H“ auf. „Henri N“, las er laut. Er markierte den Namen und ließ sich die dahinter stehende Nummer anzeigen. Eine Düsseldorfer Vorwahl. Die Nummer gibt es vermutlich gar nicht, dachte Paulus, während er die Zahlen, die hinter der Vorwahl standen, in den Laptop eingab. Das Kennwort war als Telefonnummer getarnt, da war Paulus sich sicher. Dieser Trick, sich Zahlen zu merken, war typisch für Hanna gewesen. Die letzte Ziffer… Paulus hob den Finger über die Enter-Taste, holte tief Luft. Jetzt oder nie, sagte er sich, drückte die Taste und kniff die Augen zu, als glaubte er, der Computer würde explodieren. Nach einigen Momenten, die er angespannt da saß, traute er sich, die Augen zu öffnen.
Vom Monitor starrte ihn das Bild des Mannes an, den er gestern Abend im Park gesehen hatte! Paulus schluckte Trauer und Hass herunter. Das Bild war eingescannt. Darunter stand ein Name: „Paolo Cambiare“, las Paulus.
Es geht voran, du kannst nicht zurück, du willst nicht zurück, und du weißt es!, sagte sich Norman Paulus, als er aus der schwülen Abendluft, die bleischwer auf der belebten Königsallee lag, in ein angenehm klimatisiertes Restaurant trat. Der Sommerabend lockte trotz der Schwüle die Düsseldorfer auf die Straßen, in die Cafés und Restaurants.
Es war voll hier, doch erkannte er sofort den Mann, mit dem er sich verabredet hatte. Was für ein Widerling!, dachte Paulus, als er auf den Koloss im Nadelstreifenanzug zustrebte. Eine
