Der Schacht - Volker Dützer - E-Book

Der Schacht E-Book

Volker Dützer

4,8

Beschreibung

Mörderischer Zweikampf im Westerwald Helen Stein trifft in der ländlichen Abgeschiedenheit auf ihren Albtraum. Starker Auftakt einer packenden Serie. Drei Tage und drei Nächte war die Koblenzer LKA-Profilerin Helen Stein in der Gewalt eines Serienmörders, der bereits ein Dutzend junger Frauen ermordet hat. Sie erwacht nackt und hilflos auf dem Parkplatz einer Autobahnraststätte. An die Zeit ihres Martyriums fehlt ihr jede Erinnerung. Ihr Vorgesetzter verordnet ihr eine Auszeit in einer kleinen Polizeiinspektion im Westerwald. Doch nur wenige Stunden nach ihrer Ankunft wird sie bereits mit einer Mädchenleiche konfrontiert. Schnell wird klar, dass der Killer ihr gefolgt ist und nun ein perfides Spiel mit ihr treibt. Ihre einzige Hilfe scheint der Dorfpolizist Funke zu sein, der sich nach dem Verschwinden seiner Tochter langsam zu Tode säuft. Das ungleiche Paar nimmt den scheinbar aussichtslosen Kampf gegen einen skrupellosen Gegner auf, der ihm stets einen Schritt voraus zu sein scheint.

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Volker C. Dützer Der Schacht

Volker Dützer, geb. 1964, lebt mit seiner Frau im ländlichen Idyll des Westerwalds. Sein erster Roman »Schattenjagd« erschien 2008. Seither veröffentlichte er zahlreiche weitere Thriller und Kriminalromane. Mit seiner Kurzgeschichte »Schwarzer Regen« belegte er den zweiten Platz des deutschen eBook-Preises 2012. »Der Schacht« ist sein erster Thriller bei KBV und der Auftakt einer neuen Serie um die Ermittler Helen Stein und Ben Funke. Die Homepage des Autors finden Sie unter: www.volker-duetzer.de

Volker C. Dützer

Der Schacht

Thriller

Originalausgabe © 2016 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheimwww.kbv-verlag.de E-Mail: [email protected] Telefon: 0 65 93 - 998 96-0 Fax: 0 65 93 - 998 96-20 Umschlaggestaltung: Ralf Kramp unter Verwendung von: © dilynn - www.fotolia.de Lektorat: Nicola Härms, Rheinbach Print-ISBN 978-3-95441-316-4 E-Book-ISBN 978-3-95441-333-1

Der Muse gewidmet. (Weil sie immer wieder zu mir zurückkommt und es höchste Zeit wird, mich dafür endlich einmal zu bedanken.)

There’s a little black spot on the sun today It’s the same old thing as yesterday (The Police, King of pain)

»Ein Funke reicht aus und alles fliegt in die Luft.« (Helen Stein)

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Nachwort des Autors

Danksagung

1

4. Juni, 22:13 Uhr, Koblenz

Es kann überhaupt nichts schiefgehen.« Helen presste entschlossen die Lippen aufeinander und versuchte so auszusehen, als wüsste sie, was sie tat.

Nichts schiefgehen? Himmel, eine Million Dinge konnten passieren. Mehr als einmal hatte sie erlebt, dass der Teufel Zufall einen perfekten Plan in ein Chaos aus Blut und Tränen verwandelte. Aber diesmal hatte sie an jedes Detail gedacht. In einer Viertelstunde würde alles vorbei sein.

Das Mädchen in dem dunkelgrauen Kapuzenpulli blickte sie unsicher an. Tapfer verbarg es die aufsteigende Panik und suchte nach einer Bestätigung in Helens Gesicht, dass es diesen Ort lebend verlassen würde. Mit den Sommersprossen, den großen graublauen Augen und der Stupsnase sah Mia jünger aus, als sie war. Nach dem Gesetz war sie mit neunzehn Jahren alt genug, um zu wissen, worauf sie sich einließ. Aber hier draußen zählten andere Dinge als Paragrafen. Mia war zu unerfahren, um die Tragweite der Konsequenzen zu begreifen, falls das SEK-Team den Kontakt zu ihr verlieren sollte.

Sie konnte die Angst des Mädchens nicht länger ertragen und ließ ihre Blicke über das pechschwarze Dickicht des kleinen Parks am Rheinufer schweifen. Der Wind hatte in den letzten Minuten stark aufgefrischt. Prüfend bog er die Kronen der Platanen und fuhr mit unsichtbarer Hand rauschend durch das Blattwerk. Der nahe Rhein schimmerte im Licht der Natriumdampflampen auf der Uferpromenade wie verdünnte Goldfarbe.

In den sternförmig um den Park verteilten Fahrzeugen warteten ihre Kollegen – Ralf König, Heyrich und der dicke Bender, der vor ein paar Monaten von Bad Ems nach Koblenz zur Kriminalinspektion gewechselt war und wahrscheinlich bereits wieder Kohldampf schob. In den Schlagschatten zwischen den Säulen des Denkmals am Deutschen Eck verbarg sich Karsten Engelhardt, der Leiter des zwanzigköpfigen SEK-Teams. Von dort oben hatte er den besten Überblick und konnte bei einem Zugriff blitzschnell Anweisungen geben. Vierundzwanzig erfahrene Polizisten riegelten das Gelände ab – fünfundzwanzig, wenn man Georg Starbacher hinzuzählte, der im Laderaum eines Lieferwagens auf der anderen Straßenseite saß und die Aktion leitete.

Sie hatten eine perfekte Falle aufgebaut, um das Schwein zu fassen, auf dessen Konto sechs tote junge Frauen gingen. Helen griff in ihre Jackentasche und stopfte sich eine Handvoll Gummibärchen in den Mund. In den bunten Süßigkeiten musste irgendein Stoff enthalten sein, der in ihr die gleiche Wirkung entfaltete wie Nikotin im Blut eines Kettenrauchers. Sie wollte Starbacher beweisen, dass sein Vertrauen in sie gerechtfertigt war, und brauchte dazu ihre volle Konzentration. Denn nur dann würde die Aktion mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks ablaufen.

Über den Ausläufern des Westerwalds im Osten zerfaserten Gewitterblitze am Nachthimmel. Der Tag war drückend schwül gewesen, und die Hitze lag bleiern über dem Rheintal. Der Wetterdienst hatte für die nächsten Stunden heftige Gewitter vorhergesagt.

Ob er den Wetterumschwung einkalkuliert hatte? Seit drei Jahren jagten sie nun den unbekannten Triebtäter, von dem sie noch immer nicht mehr wussten, als dass er den Kontakt zu Prostituierten und drogenabhängigen Mädchen suchte. Dieses Merkmal traf auf so gut wie jeden Serienkiller zu, der je die Straßen einer Großstadt unsicher gemacht hatte. Fast schien es, als ob er sich bewusst an das Standardschema hielt – männlich, dreißig bis vierzig Jahre alt, vermutlich alleinstehend und mobil. Möglicherweise fuhr er ein Wohnmobil oder einen Lieferwagen. Zeugen hatten einen weißen Kastenwagen beschrieben.

Triebgesteuerte Monster wie der Mann, den sie jagten, zogen meist ruhelos umher auf der Suche nach einem neuen Opfer. In der Regel galten sie als wenig intelligent oder bewegten sich gar an der Grenze zum Schwachsinn.

Oder er gehörte zum zweiten Typus: der unauffällige Familienvater, der ein Doppelleben führte, von dem niemand etwas ahnte; klug, brutal und zu allem entschlossen, um seine perversen Fantasien auszuleben. Sie ging davon aus, dass der Unbekannte zur zweiten Kategorie gehörte. Der Killer, den die Zeitungen den Maskenmann nannten, plante seine Taten minutiös und hatte bisher nicht den geringsten Fehler begangen oder eine noch so winzige Spur hinterlassen. Die groteske Stiermaske, die eine Zeugin beschrieben hatte, sorgte für Diskussionen in der Koblenzer SoKo und war ein gefundenes Fressen für die Regenbogenpresse. Niemand wusste, ob sie existierte oder der Fantasie der Zeugin entsprang.

Stets war er der Polizei auf geradezu unheimliche Weise immer einen Schritt voraus. Das nährte in ihr einen Verdacht, den sie bisher keinem mitgeteilt hatte, auch Starbacher nicht. Möglicherweise stammte der Täter aus den eigenen Reihen oder hatte Zugang zu internen Ermittlungen. Nur eine Tatsache stand zweifelsfrei fest: Er war pervers und wahnsinnig. Warum schnitt er seinen Opfern sonst die Hände ab, nachdem er sie tagelang gequält, sexuell missbraucht und dann erdrosselt hatte?

Ein Windstoß stob durch die Platanen wie eine letzte Warnung. Von fern drangen die nächtlichen Geräusche der Stadt herüber – das stete Rauschen des Verkehrs auf der B 9, das Rattern der Güterzüge, die auf der Rheinschiene die Innenstadt passierten, und das leise Hintergrundmurmeln einer Stadt, die niemals völlig schlief.

Erschrocken fuhr sie herum, als sie ein Schnaufen hörte. Der dicke Bender tauchte zwischen den Bäumen auf. »Starbacher verlangt nach dir.«

»Was will er?«

»Hat er nicht gesagt. Immer muss ich dir hinterherlaufen.

Warum benutzt du eigentlich nie ein Handy?«

»Weil sie dauernd kaputt gehen.« Sie wandte sich ärgerlich um und zögerte. Auf keinen Fall durfte Mia jetzt noch einen Rückzieher machen. Sie war der Joker im Spiel. Ohne sie lief gar nichts.

»Ich passe so lange auf die Kleine auf«, versprach Bender.

»Okay. Ich bin in zwei Minuten zurück. Wir haben noch Zeit genug.« Helen verließ den Park, überquerte die Uferstraße und stieg auf der dem Rhein zugewandten Seite in den Lieferwagen. Der Laderaum war mit Abhörtechnik und Kommunikationsgeräten vollgestopft. Georg Starbachers Gesicht leuchtete eisblau im Licht der Monitore. Als sie die Schiebetür hinter sich zuzog, wirbelte er mit seinen kräftigen Händen den Rollstuhl herum.

»Wir können noch immer abbrechen«, sagte er.

»Und ihn entkommen lassen? Niemals. Eine bessere Chance bekommen wir nicht. Seit sechs Wochen planen wir diese Nacht. Wir sind gut vorbereitet.«

»Es ist deine Entscheidung.«

»Und du bist der Boss. Warum befiehlst du den Abbruch nicht, wenn dich Zweifel am Erfolg der Operation plagen?«

»Dir ist doch klar, wieso ich das nicht tue.« Geschickt wickelte er einen Kaugummi aus dem Zellophanpapier und schob ihn in den Mund.

Ja, sie wusste es. Und sie hatte die Bedingungen akzeptiert, weil sie versessen darauf war, den Maskenmann zu schnappen. Starbacher stand unter enormem Druck und brauchte den Fahndungserfolg. Entweder präsentierte er in einer Stunde den wartenden Medien den gesuchten Serienkiller … oder ein weiteres Opfer. Geschah Letzteres, war sie erledigt. Ein Fehlschlag würde alleine auf ihren Schultern lasten. So lautete der Deal.

»Wenn du mir den Job nicht zutraust, solltest du jemanden anderen einsetzen.«

Starbacher lächelte. An ihm sah das aus, als zerbeiße er Kieselsteine. Er griff nach einer aufgeschlagenen Tageszeitung. »Helen Stein, jüngste und erfolgreichste Fallanalytikerin von Rheinland-Pfalz, beantwortet Ihre Fragen zum Maskenmann.« Er pfiff durch die Zähne. »Du bist sehr schnell sehr weit gekommen. Und überaus beliebt – ein Popstar unter Deutschlands Profilern.«

»Ich habe hart gearbeitet und mache einen guten Job, mehr nicht.«

»Sicher«, sagte er, »du bist die Beste.« Er grinste und streckte sich, so gut er es vermochte. »Fast so gut wie ich mal war.«

Sie biss sich auf die Lippen. Seit vier Jahren saß Starbacher im Rollstuhl. Bei einer Geiselbefreiung hatte ihm der Täter zwei Rückenwirbel zerschossen. Eine Aktion, bei der nichts schiefgehen konnte.

»Ich wollte dich nur daran erinnern, dass keiner von uns perfekt ist, auch du nicht.«

»Das habe ich nie behauptet.«

»Ich weiß. Aber manchmal stellt einem der eigene Ehrgeiz ein Bein, und man schätzt das Risiko falsch ein. Leichtsinn kann in unserem Beruf tödlich sein.«

»Ich werd‘s nicht vergessen.«

»Kannst du dich auf das Mädchen verlassen? Ich bin noch immer der Meinung, dass sie zu labil für die Sache ist.«

»Ich vertraue ihr. Sie wird es nicht vermasseln.« Sie warf einen Blick auf den Überwachungsmonitor. »Wir sehen uns, wenn ich das Schwein habe.«

»Viel Glück.«

Rasch verließ sie den Lieferwagen und lief in den Park zurück.

»Geht es jetzt los?« Mia trat nervös von einem Bein auf das andere und sog noch einmal hastig an ihrer Zigarette, bevor sie die Kippe austrat.

»Lass dich anschauen.« Helen suchte nach verräterischen Anzeichen des verkabelten Mikrofons, konnte aber nichts entdecken. Einem plötzlichen Impuls folgend drückte sie das Mädchen an sich. »Unsere Leute sind überall im Park. Wir lassen dich keine Sekunde aus den Augen.«

Mia nickte, ihr blasses Gesicht war unter der Kapuze kaum auszumachen. Nur ihre Augen leuchteten angstvoll und riesengroß in der Dunkelheit. Sie drehte sich um und ging zögernd auf die halbrunde Säulengalerie zu, die das Deutsche Eck zur Landzunge hin umgab. Helen überquerte die Straße und stieg zu Bender und König in den Wagen. Bender saß auf dem Fahrersitz, kaute an einem Donut und trank Kaffee aus einem Pappbecher.

»Du solltest doch auf sie aufpassen«, sagte Helen vom Rücksitz aus.

»Hab dich nicht so. Es ist alles ruhig«, antwortete Bender schmatzend.

»Er kann uns nicht entwischen«, sagte König. »Wir haben den Treffpunkt mit mehr als zwanzig Mann abgeriegelt. Da kommt nicht mal eine Maus durch.«

Bender verschlang den Rest des Schokokringels und wischte sich die Finger an einer Papierserviette ab. »Wie kann man nur so blöd sein, ausgerechnet am Deutschen Eck ein Mädchen entführen zu wollen.«

»Stimmt«, sagte König, »der Platz ist auf zwei Seiten von Wasser umgeben und die Landzunge ist problemlos abzuriegeln. Scheint so, als ob unser Killer die Nerven verliert. Er braucht dringend Frischfleisch.«

Ja, wie kann man nur so dämlich sein, dachte Helen. Es machte sie nervös, dass sie in der Dunkelheit keinen Sichtkontakt mit Mia hatte. In ihrer Jackentasche knisterte es. Eine Handvoll Gummibärchen wanderte in ihren Mund.

König drehte sich zu ihr um. »Wie kannst du nur dauernd diese bunte Gelatinescheiße in dich reinstopfen?«

»Wie viele Zigaretten hast du heute schon geraucht?«, fragte sie schmatzend. Sie wusste, dass ihn das Geräusch verrückt machte.

»Nikotin beruhigt.«

»Siehst du? Darum fresse ich Gelatinescheiße.«

»Hast du die Narben an ihren Unterarmen gesehen?«, fragte Bender.

König nickte. »Hab ich. Mia Ewers hat zwei Suizidversuche hinter sich. Starbacher hat recht. Sie ist als Lockvogel ungeeignet.«

»Sie hat eine Therapie gemacht. Und wenn ihr mich fragt … das Mädchen hat mehr Mumm in den Knochen als ihr beide zusammen.«

»Sie wird’s versauen – so wie sie alles in ihrem Leben versaut hat.«

»Schau nach vorne und pass auf, dass du den Funkkontakt nicht verlierst. Sonst reißt Starbacher dir den Kopf ab und bringt ihn zum nächsten Kegelabend als Kugel mit.«

König kicherte. »Nervös, wie? An deiner Stelle wäre ich das auch. Schließlich war es deine Idee, Mia als Köder einzusetzen – ein Mädchen, das keinen Schritt durchs Leben gehen kann, ohne auf die Schnauze zu fallen. Oh Mann. Ich habe noch nie den Lebenslauf eines Menschen gelesen, der so viel Scheiße gebaut hat.«

»Ihr hat nie jemand vertraut.«

»Aus gutem Grund.«

»Hör sich einer diesen Menschenkenner an«, sagte sie. »Wie viele Scheidungen hast du hinter dir, Ralf? Zwei oder waren es drei?«

»Das ändert nichts an den Tatsachen. Sie hat einen geradezu klassischen Abstieg hingelegt. Ich wette mit dir um meine Pension, dass sie in einem halben Jahr wieder an der Nadel hängt und sich vom nächsten Junkie schwängern lässt. Sie taugt nichts.«

Ein knisternder Blitzschlag kam Helens Antwort zuvor und erhellte für Sekundenbruchteile die Nacht. Deutlich hob sich die Silhouette des Mädchens von der Steinfassade des Kaiser-Wilhelm-Denkmals ab. Dem Blitz folgte ein Donnerschlag, der den Boden erbeben ließ. Schwere Regentropfen klatschten auf die Windschutzscheibe und verschmolzen zu einer undurchdringlichen Wasserwand. Die Scheiben des Opels begannen zu beschlagen.

»Scheiße.« Bender fummelte an den Lüftungsreglern.

»Lass bloß die Scheibenwischer aus. Sonst ist das Arschloch sofort gewarnt.« Wie kann man nur so dämlich sein, dachte Helen wieder. Da wurde ihr klar, warum Benders Worte sie alarmiert hatten. Der Mann, den sie jagten, war nicht dumm oder unvorsichtig, sonst hätten sie ihn längst geschnappt. Nein, der Maskenmann war brutal und gerissen wie ein Schakal. Er hatte sich in einem sozialen Netzwerk mit Mia angefreundet und sechs Tage später ein Treffen am Deutschen Eck vorgeschlagen – einem Ort, an dem es zu fast jeder Tageszeit von Touristen wimmelte. Das hätte er nicht getan, wenn er keinen todsicheren Weg kannte, auf dem er mit seinem Opfer unerkannt verschwinden konnte. Einen Weg, von dem niemand außer ihm wusste. Das Gewitter passte perfekt in seinen Plan, als hätte er es extra bei Petrus bestellt.

»Der rechnet einfach nicht damit, dass wir ihm so dicht auf den Fersen sind«, überlegte König, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

»Nein. Er weiß, dass wir hier sind. Wir brechen ab.« Sie öffnete die Autotür und lief in den Regen hinaus. Undeutlich hörte sie Königs wütendes Geschrei hinter sich.

»Helen! Bleib hier!«

Der Regen stürzte mit ungeheurer Wucht zu Boden. Millionen kleine Bomben durchschlugen das Blätterdach der Platanen und prasselten ohrenbetäubend auf Autodächer, Pflastersteine und Gehwege.

Nach wenigen Schritten blieb Helen stehen und drehte sich im Kreis, weil sie die Orientierung verloren hatte. Der schwarze Opel war hinter einem Wasservorhang verschwunden. Eine schemenhafte Gestalt torkelte durch das Unwetter auf sie zu wie ein Gallertmännchen. Es war König. Von Mia fehlte jede Spur.

Sie stemmte sich schräg gegen den Sturmwind, den Weg mehr ahnend als sehend. Vor ihren Augen tauchte der flehende Blick des Mädchens auf, in dem neben Angst auch Hoffnung und Vertrauen gelegen hatten. Mia hatte nie eine echte Chance gehabt. Ihren Vater kannte sie nicht, ihre Mutter war nach zwei erfolglosen Entziehungskuren mit einer Überdosis Crystal Meth in den Adern von einer Autobahnbrücke gesprungen. Mia hatte danach die übliche Karriere durchlaufen – ein bisschen Gras rauchen, dealen; und irgendwann war sie auf dem Babystrich gelandet, das ideale Opfer für kranke Mörder wie den Maskenmann.

Mühsam hatte Helen ihr Vertrauen gewonnen und einen Deal mit dem Staatsanwalt ausgehandelt. Wenn sich Mia als Lockvogel zur Verfügung stellte, würde sie mit einer Bewährungsstrafe davonkommen. Für das Mädchen war es außerdem eine Gelegenheit zu zeigen, dass es ihr Vertrauen nicht enttäuschen würde. Und nun war sie selbst es, die ihr Versprechen brach. Es kann überhaupt nichts schiefgehen.

Sie rannte durch das Unwetter auf den Treffpunkt zu, einer kleinen Baumgruppe, die in einem offenbar künstlich angelegten, gleichförmigen Dreieck standen.

Atemlos verlangsamte sie ihre Schritte und blieb schließlich stehen. Jeder Baum sah in der vom Regen gepeitschten Dunkelheit aus wie der andere. Ein Blitz machte für einen Wimpernschlag die Nacht zum Tag. In der Nähe der Baumgruppe dreißig Meter links von ihr waberte eine schlanke Gestalt durch den Wolkenbruch. Helen schrie Mias Namen, aber ihre Stimme ging im Toben der Elemente unter. Erschrocken fuhr sie herum, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte.

»Verdammt, Helen! Kauf dir endlich ein Handy. Starbacher tobt wie ein Verrückter!«, keuchte König.

»Wo ist sie? Ich kann Mia nicht finden.«

»Sie steht genau dort, wo sie stehen soll. Komm in den Wagen zurück. Wenn wir Glück haben, hat er uns bei dem Sauwetter noch nicht entdeckt.«

König wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und schob Helen in den Schatten der Platanen. Widerwillig streifte sie seine Hand ab und kniff die Augen zusammen. Vor ihnen lag eine Wiese, die auf drei Seiten von Bäumen und dichtem Strauchwerk begrenzt wurde. Der Regen klatschte mit solcher Intensität auf die Erde, dass es aussah, als ob das Gras kochte wie in einem riesigen Topf.

»Was ist das?«, schrie sie gegen den Sturm an. Erschrocken wich sie zurück, als ein morscher Ast über ihrem Kopf krachend brach und herabstürzte.

Angestrengt starrte König auf den Kiesweg, der sich in sanften Bögen durch den Park schlängelte.

Zwei blinkende, rotierende Lichter näherten sich durch den sintflutartigen Regen. Es schien, als schwebten sie dicht über der Erde wie überdimensionale Glühwürmchen, die sich in dem Orkan verirrt hatten. Sie reckte den Kopf vor und trat aus dem Schutz der Bäume. Was sie sah, musste ein Trugbild ihres überreizten Verstands sein.

König sah es ebenfalls. »Das gibt’s doch nicht.«

Die beiden blinkenden Lichter gehörten zu einem ferngesteuerten Spielzeugauto, einem schuhkartongroßen Polizeiwagen, der über den Kies auf sie zu holperte. Etwa zehn Meter vor ihnen blieb er plötzlich stehen.

»Was zur Hölle soll das?«, fragte Helen.

Aus dem Dunkel drang ein erstickter Schrei, der abriss wie mit einer Schere abgeschnitten.

Helen zog ihre Dienstwaffe aus dem Schulterholster und sprintete auf die Baumgruppe zu, bei der Mia auf ihren Mörder wartete. Die schnelle Reaktion rettete ihr das Leben. Das Spielzeugauto explodierte mit einem Knall, der selbst den Sturmwind übertönte. Plastikteile und scharfkantige Splitter durchbohrten Königs Gesicht. Sie zuckte zusammen, duckte sich instinktiv und rannte weiter durch die Dunkelheit. Der Platz zwischen den Bäumen war leer. Sie kam zu spät. Mia war fort.

2

22:45 Uhr

Das Unwetter erschöpfte sich so plötzlich, wie es begonnen hatte. König schlug die Hände vor das Gesicht. Seine Lederjacke war mit Splittern und Plastikfragmenten gespickt, zwischen seinen Fingern quoll Blut hervor.

Helen drehte sich im Kreis. Mia war so schnell verschwunden, als hätte der Erdboden sie verschluckt. »Er hat uns reingelegt … er hat uns wieder reingelegt … mit einem Spielzeugauto!«

Der blaue Lieferwagen überquerte die Wiese und stoppte auf dem Kiesweg. Starbacher zog die Schiebetür auf. Sein kantiges Bulldoggengesicht leuchtete purpurrot vor Zorn. »Wo ist das Mädchen?«

König presste ein Taschentuch auf sein Gesicht und sackte in die Knie. Engelhardt stürmte die Stufen des Denkmals herab und beugte sich über ihn. »Wir brauchen einen Krankenwagen!«

Helen leuchtete jeden Winkel im Umfeld der Baumgruppe mit einer Taschenlampe aus. Außer einer halb gerauchten Kippe fand sie keine Spur von Mia.

»Er hat nur fünfzehn Sekunden gebraucht, um sie sich zu schnappen und mit ihr zu verschwinden. Das schafft nicht mal Houdini. Wie hat er das gemacht?«

Zwei SEK-Männer hoben Starbacher mit seinem Rollstuhl aus dem Laderaum des Lieferwagens. »Er kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben«, schrie er wutentbrannt.

Bender tauchte in seinem Watschelgang zwischen den Platanen auf. Er trug einen Karton mit den Trümmern des Spielzeugautos. »Da muss eine Bombe drin gewesen sein«, sagte er kopfschüttelnd. Niemand hörte ihm zu.

König kam schwankend auf die Füße. Er blutete aus mehreren Schnittwunden im Gesicht. »Warum ein Spielzeugauto?«

»Es macht ihm Spaß, uns zu verarschen«, antwortete Bender.

»Ich habe Mia die ganze Zeit im Auge behalten«, sagte Helen. »Sie stand genau hier.«

»Er muss sie sich in dem Moment geschnappt haben, als das Auto explodierte«, sagte König.

»Wie weit kommt man in fünfzehn Sekunden?«, überlegte Starbacher. »Sie muss noch in der Nähe sein.« Er wandte sich an Engelhardt. »Es ist so finster wie in einer Gruft. Wir brauchen Licht!«

Zehn Minuten später hatten Engelhardts Leute vier starke Halogenstrahler aufgebaut, die das Areal in grelles, weißes Licht tauchten. Ein Dutzend Polizisten durchkämmte den Park, ohne die geringste Spur zu entdecken.

Starbacher bearbeitete wütend seinen Kaugummi. Helen hatte sich mit einem Ast bewaffnet und drosch auf das Dickicht hinter den Bäumen ein. Mehr aus Frustration und Zorn, als in der Aussicht, auf etwas Brauchbares zu stoßen.

»Keine Fußabdrücke, keine Reifenspuren, keine Anzeichen für ein Gerangel oder einen Kampf. Nichts.« Plötzlich traf der morsche Ast auf einen harten Gegenstand und zerbrach in ihrer Hand.

»Hierher! Ich hab was!«

Sie befreiten einen Betonsockel von Dornenranken und Gestrüpp. Er ragte etwa einen Meter aus dem Boden und war mit zwei verrosteten Stahlplatten verschlossen, deren Scharniere im Beton verankert waren. Der Sockel lag nur eine Armlänge von der Stelle entfernt, an dem Mia gestanden hatte. Nah genug, um sie in einem unbeobachteten Moment in das Dickicht zerren zu können.

»Weiß jemand, was das ist?«, fragte Starbacher.

»Sieht nicht aus wie ein Kanalschacht. Vielleicht der Eingang zu einem alten Luftschutzbunker?« Engelhardt schob seine Finger unter die Kante der Platte und versuchte, den Deckel anzuheben. »Packt mal mit an!«, rief er.

Bender schnaufte wie eine Dampflok, aber auch mit vereinten Kräften gelang es ihnen nicht, die Klappe zu öffnen.

»Scheint so, als hätte er den Zugang von innen verriegelt«, keuchte Engelhardt. »Wir brauchen Werkzeug! Schnell!«

Starbacher telefonierte bereits.

Ungeduldig verfolgte Helen kurz darauf, wie ein SEK-Mann mit einem Winkelschleifer die Scharniere durchtrennte. Engelhardt und Bender wuchteten den Deckel vom Betonschacht. Darunter gähnte ein kreisrundes Loch, aus dem es nach Fäulnis und Verwesung stank. An der Innenwand führten rostige Steigeisen hinab. Der Schacht war etwa zwei Meter tief. Ein kräftiger Mann hätte in wenigen Sekunden von innen den Deckel aufklappen und Mia überwältigen können, ohne dass es jemand der zwanzig Polizisten bemerkt hätte.

Starbacher telefonierte noch immer und versuchte herauszufinden, worum es sich bei dem Schacht handelte.

Helen schwang sich über den Rand und kletterte auf den Betonboden hinab. Das Licht ihrer Lampe schälte einen schräg in die Tiefe führenden Gang aus dem Dunkel. Die Gewölbedecke war aus gebrannten Ziegeln gemauert und schien mindestens hundert Jahre alt zu sein. An der Tunnelwand liefen uralte elektrische Leitungen entlang. Sie entdeckte einen altmodischen Drehschalter, der aber keinerlei Funktion mehr besaß.

»König hatte recht mit seiner Vermutung.« Starbachers Bassstimme drang von oben in den Schacht. Sein vor Anstrengung tiefrot angelaufenes Gesicht tauchte am Rand der Betoneinfassung auf. »Das ist der Notausgang eines alten Luftschutzbunkers.«

Helen entsicherte ihre Walther. »Ich gehe rein.«

»Das wirst du bleiben lassen«, rief Starbacher. »Da unten existiert ein Gewirr von Tunneln und Gängen. Kein Mensch weiß, wohin dieses Labyrinth führt.«

»Er weiß es«, rief sie nach oben. »Und er hat einen Vorsprung von zehn Minuten. Aber er kommt nur langsam voran, weil er Mia tragen muss. Und er rechnet damit, dass wir ihm folgen, sonst hätte er nicht den Zugang von innen blockiert.«

»Genauso gut kann er den Bunker längst verlassen haben.«

»Wir wissen, dass er seine Taten akribisch plant. Ich bin sicher, dass es in der Nähe einen zweiten Ausgang gibt, vor dem ein weißer Kastenwagen steht.«

»Wir brauchen einen Lageplan.« Engelhardt gab den Einsatzkräften lautstark Anweisungen. Helen sah, wie die Männer ausschwärmten. Wenn der gesuchte Wagen im Umkreis von einem Kilometer stand, würden sie ihn finden.

Starbachers Stimme hallte von den Schachtwänden wider. »Bender, Sie gehen mit rein.«

»Was, ich?«

Sie wartete nicht auf ihn und folgte dem abfallenden Tunnel. Je weiter sie in die Dunkelheit vordrang, desto stärker wurde der moderige Gestank. Nach hundert Schritten versperrte ein Eisengitter den Weg.

Gleißender Lichtschein erhellte plötzlich den Gang und malte ihren Schattenriss an die Wand. Jemand hatte einen Halogenstrahler in den Schacht hinabgelassen. Helen tastete die fingerdicken Stäbe nach einem Öffnungsmechanismus ab. Unvermittelt schwang das rostige Tor kreischend auf. Der Entführer hatte es offenbar nicht für nötig gehalten, ein weiteres Schloss anzubringen, nachdem er bereits die Klappe des Einstiegs von innen verriegelt hatte. Ein Grund mehr, sich zu beeilen, dachte sie. Er wusste, dass er sich nicht lange in den Katakomben aufhalten würde.

»Mia … ia … ia!«

Ihre Stimme rollte als unheimliches Echo an den Tunnelwänden entlang. Gebückt hastete sie in dem niedrigen Tonnengewölbe vorwärts. Aufgewirbelter Staub und der Geruch von Schimmel kitzelten in ihrer Nase und legten sich schwer auf ihre Lungen.

Der Gang endete abrupt in einem kreisrunden Raum von etwa fünf Metern Durchmesser. Drei weitere Stollen führten tiefer in den Koblenzer Untergrund, den wahrscheinlich seit sechzig Jahren niemand mehr betreten hatte. Nur einer Handvoll Historiker und Archäologen dürfte diese Anlage überhaupt bekannt sein … und einem Mann, den sie seit drei Jahren jagte. Sie hatte von Bunkeranlagen gelesen, die sich kilometerweit unter deutschen Großstädten erstreckten – finster, leer und vergessen. Dies war eine von ihnen, eine verlassene Stadt unter der Stadt.

»Helen, warte doch!« Benders Stimme klang dünn und weit entfernt.

Die Eingänge weiterer Stollen klafften wie zahnlose Mäuler im gewachsenen Fels. Der Lichtstrahl ihrer Taschenlampe huschte über Dinge, die so verrostet waren, dass ihre Form nicht mehr erahnen ließ, wozu sie einst gedient hatten. Neben einem der Tunnelportale fand sie ein Hinweisschild mit der verwitterten Aufschrift ›Luftschutzbunker‹. Welchen Weg hatte der Täter genommen? Sie verlor kostbare Zeit, bevor sie im rechten der drei Gänge Schleifspuren auf dem staubigen Betonboden entdeckte. Das Mädchen lebte. Es war bei Bewusstsein und wehrte sich verzweifelt. Der Scheißkerl kam nur langsam voran und musste ganz in der Nähe sein.

»Mia!«

»He … el … elen.« Durch die Tiefen der weitverzweigten Anlage rollte ein leises Echo, verzerrt und unwirklich wie eine Geisterstimme.

Sie drang entschlossen in das Labyrinth vor. So schnell sie es wagte, rannte sie die Stollen entlang. Ständig befürchtete sie, die Orientierung zu verlieren. Das Licht ihrer Taschenlampe hüpfte und tanzte über grob behauene Steine. Die Dunkelheit außerhalb des Lichtkegels war so abgrundtief und dicht, dass sich die Luft selbst wie staubige, schwarze Kohle anfühlte.

Hinter einer Biegung blockierte ein Schutthaufen aus Ziegelsteinen und Geröll den Gang. Hektisch ließ sie den Lichtstrahl über das eingestürzte Gewölbe wandern und entdeckte unter der Decke ein Loch, gerade groß genug für einen schlanken Erwachsenen.

Die Lampe riss verrottete Rohre und Leitungen aus dem Dunkel. Links verlor sich ein weiterer Stollen in den Tiefen des Koblenzer Untergrunds, endete jedoch nach wenigen Metern an einer gemauerten Ziegelwand. Die Steine leuchteten hellrot. Vielleicht hatte man den Zugang erst vor Kurzem verschlossen, weil man die Räume dahinter nicht mehr gefahrlos betreten konnte. Die Bunkeranlage wurde also von den Behörden regelmäßig kontrolliert und war damit nicht so sehr in Vergessenheit geraten, wie König vermutet hatte. Sie lief zu dem Schutthügel zurück und zögerte. Niemand wusste, ob die zugänglichen Gänge und Kavernen noch sicher waren oder bei der leisesten Erschütterung einstürzen würden. Der Maskenmann hatte seine abscheulichen Verbrechen akribisch geplant. Sie wettete ihre Pension darauf, dass er jeden Winkel der Stollen zuvor erkundet hatte. Wenn sie jetzt vor ihrer Furcht kapitulierte, war das Leben des Mädchens keinen Cent mehr wert. Vorsichtig erklomm sie den Schuttberg.

Über Geröll, Steine und verrottete Balken kroch sie auf das Loch unter der Gewölbedecke zu. In Gedanken fügte sie den spärlichen Informationen, die sie gesammelt hatten, die neuen hinzu: Der Maskenmann war höchstwahrscheinlich schlank, drahtig und agil und sehr viel gerissener, als sie alle gedacht hatten. In nur fünfzehn Sekunden hatte er die gesamte Mannschaft der SoKo genarrt und Mia Ewers vor ihrer Nase entführt. Wäre Helen nicht zufällig auf den Stolleneingang gestoßen, hätte sie als Erklärung akzeptieren müssen, dass er sich in Luft aufgelöst hatte.

Mit den Armen voran wand sie sich durch das Loch. War dieses Phantom überhaupt menschlich oder jagten sie eine intelligente Schlange? Sie ertastete einen verbogenen Eisenträger, der aus dem Schutt ragte, und zog sich Hand über Hand weiter. Das Knirschen von morschem Holz warnte sie zu spät. Die brüchige Decke dicht über ihrem Kopf sackte zwei, drei Zentimeter ab. Nicht weit genug, um sie zu zerquetschen, aber ausreichend, um ihre Beine einzuklemmen. Panisch ruderte sie mit den Armen und verlor die Taschenlampe, die klappernd den Schuttberg hinunterrollte und in einem Winkel des Stollens liegen blieb. Sie flackerte zweimal, erlosch aber nicht.

Mühsam kämpfte sie die aufsteigende Panik nieder. Auch wenn sie sich nicht selbst würde befreien können, war Hilfe längst unterwegs. König suchte sich wahrscheinlich schon die Farbe aus, mit der er ihr Büro neu streichen lassen würde, wenn er ihren Posten übernahm. Aber für Mia bedeutete ihr Scheitern einen qualvollen Tod.

Hinter der Biegung des Ganges knirschten Ledersohlen auf dem Betonboden. Sie versuchte, an die Waffe in ihrem Schulterholster zu gelangen, aber mit ihren ruckartigen Bewegungen schränkte sie ihre Bewegungsfreiheit nur noch mehr ein. Vorsichtig verringerte sie den Druck des Balkens auf ihre Waden, indem sie ihr Gewicht verlagerte. Wo blieben Bender und die anderen?

An der Tunnelwand tauchte ein grotesker Schatten auf wie der Scherenschnitt in einem Horrortheater. Er imitierte die schlanke Silhouette eines menschlichen Wesens, doch damit hörte die Ähnlichkeit bereits auf. Auf seinen Schultern saß ein viel zu großer Kopf in Form eines Stierhauptes.

Helen vergaß zu atmen und starrte das Ding an. Bisher hatte sie die Zeugenaussagen, die den Täter als Mischwesen aus Stier und Mensch beschrieben hatten, für Übertreibungen oder Halluzinationen gehalten. Was sie sah, konnte nicht existieren. Der Schemen war nichts weiter als ein Trugbild ihrer überreizten Nerven. Vielleicht lagerten in den Katakomben Behälter, die nach fast siebzig Jahren korrodiert und verrostet waren, und aus denen nun schleichend Nervengas austrat und sie vergiftete.

Der Schatten trat in den Gang und blieb reglos stehen. Er drehte den unwirklichen Stierkopf, bis die phosphorgrün leuchtenden Augenhöhlen sie erfassten wie zwei Laserscanner. Sie starrte zurück und bemühte sich, wieder Herr der widerstreitenden Gedanken zu werden, die hinter ihrer Stirn tobten. Sie war nicht in das Labyrinth abgetaucht, in dem der sagenhafte Minotauros Jagd auf seine Opfer machte, sondern in einen leeren alten Luftschutzbunker. Der Stiergott der Kreter würde wohl kaum einen schwarzen Overall und Schnürstiefel tragen. Sie wusste, wen sie vor sich hatte, dazu brauchte sie das Gesicht des Mannes hinter der Maske nicht zu kennen. Sein abstruses Verhalten war der letzte Beweis, dass er wahnsinnig war. Vielleicht trug er die alberne Maske, um nicht durch Zufall erkannt zu werden. Wahrscheinlicher war jedoch, dass er es genoss, seine Opfer in Angst und Schrecken zu versetzen. Die Stiermaske verlieh ihm ein Gefühl von Allmacht über Leben und Tod, eine Macht, die er mindestens ein Dutzend Mal ausgeübt hatte. Sie gehörte zu dem Ritual, das jedem der Verbrechen vorausging.

Verbissen wand und drehte Helen sich und arbeitete sich stückweise vor, während er sie stumm beobachtete. Plötzlich löste sich die Pistole aus dem Schulterholster, schlitterte den Schuttberg hinunter und blieb vor den Füßen des Mannes liegen.

»Wo ist Mia? Wo ist das Mädchen?«, schrie sie. »Was hast du mit ihr gemacht, du verdammter Mistkerl?«

Mit einer beiläufigen Bewegung kickte der Maskenmann die Waffe in das Dunkel und legte den monströsen Stierkopf schief, als müsse er über ihre Worte nachdenken.

»Wenn du ihr nur ein Haar gekrümmt hast, reiße ich dir die Eier ab! Wo ist Mia?«

Er zeigte nicht, ob ihn die Drohung in irgendeiner Weise beeindruckte, die Maske ließ keine Gefühlsregung nach außen dringen. Langsam näherte er sich dem Schuttberg und beobachtete interessiert ihre Versuche, sich zu befreien. Er schien keine Eile zu haben oder zu befürchten, dass die Polizei ihm den Fluchtweg abschnitt. Dann tat er etwas, das ihr Blut in Eiswasser verwandelte.

Beinahe zärtlich nahm er ihre Hände in die seinen, strich erkundend über ihre Fingerknöchel, den Handballen und den empfindlichen Handrücken. Durch ihre eingeschränkte Bewegungsfreiheit konnte sie ihm kaum Widerstand entgegensetzen. Die Berührung lähmte sie, als ströme ein zersetzendes Gift aus seinen Fingern direkt in die Nervenbahnen unter ihrer Haut. Die Fotografien seiner Opfer blitzten vor ihren Augen auf, die entsetzlich zugerichteten Leichen junger Frauen, denen ein grausiges Detail gemein war: Sie besaßen keine Hände mehr.

Sie wagte nicht zu atmen. Doch dann ließ er ihre Finger los und nickte unmerklich, als sei er mit dem zufrieden, was er entdeckt hatte.

»Haben Sie keine Angst, Helen. Ich werde Ihnen geben, wonach es Sie verlangt.« Seine Stimme klang dumpf und verzerrt durch die Maske. Nicht die Spur von einem Akzent oder einem verräterischen Sprachfehler, er sprach reines, gut akzentuiertes Hochdeutsch.

Er kniete sich auf den Schuttberg, nahm eine kleine braune Glasflasche und einen Lappen aus einer Tasche seines Overalls. Ein beißender Geruch stieg in ihre Nase.

»Bender! Verdammt, Engelhardt! Wo seid ihr?«, schrie sie panisch.

Er träufelte eine klare Flüssigkeit auf den Lappen und drückte ihn auf ihr Gesicht.

»Ich werde Ihnen zeigen, wo das Mädchen ist«, sagte er. »Warum kommen Sie nicht mit und leisten uns ein wenig Gesellschaft? Dann werden Sie Frieden finden, das verspreche ich Ihnen.«

3

9. August, Dreifelden

Ich will einen richtigen Polizisten«, sagte Ivan Milic.

Ben Funke griff in die Tasche seiner zerschlissenen Cordjacke und legte seinen Dienstausweis auf die Theke des Wäller Krugs. »Wie sieht denn deiner Meinung nach ein richtiger Polizist aus?«

»Er trägt eine Uniform, ist ordentlich rasiert und hat morgens um neun keine Fahne, die einen umhaut.«

»An der du gut verdient hast.« Funke steckte seinen Ausweis wieder ein. »Warum hast du angerufen?«

»Hat Harder dir nicht gesagt, worum es geht?«

»Er sagte, du wolltest einen Polizisten sprechen. Bitte – hier steht einer. Oder willst du lieber mit Harder reden?«

»Ich lasse keine Schnecken in meine Kneipe, die eine Schleimspur hinter sich herziehen.«

Funke verkniff sich ein Grinsen. »Dann wirst du wohl mit mir vorliebnehmen müssen.«

»Und du kannst gleich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, stimmt‘s?« Milic stellte ein Schnapsglas auf den Tresen und griff nach einer Flasche Slibowitz.

»Lass mal, Ivan. Das ist selbst mir zu früh. Sag mir lieber, warum du auf der Wache angerufen hast. Haben die Jungs vom Zeltplatz wieder in deiner Kneipe randaliert?«

Milic schüttelte ernst den Kopf. Erst jetzt bemerkte Funke die sorgenvolle Miene des Kroaten, der vor dreißig Jahren seine Heimat verlassen hatte und im Westerwald hängen geblieben war. Er sah aus, als hätte er seit drei Nächten kaum geschlafen. Seine deutsche Frau streckte den Kopf aus der Tür hinter der Theke. Ihre Augen waren entzündet und verheult. Als sie Funke erblickte, verzog sie missbilligend den Mund und verschwand wieder. Er fuhr sich über die unrasierten Wangen. Seit ein paar Wochen brauchte er eine Ewigkeit, um rasch all die Kleinigkeiten und Details zu verarbeiten, die einem guten Ermittler verrieten, was in den Köpfen und Herzen der Menschen vorging. Ob er Milics Angebot doch annehmen sollte? Der Alkohol würde ihm zumindest helfen, das wattige Gefühl in seinem Schädel zu vertreiben. Die Welt erschien ihm verzerrt und verschwommen, wie durch die Scherbe einer Bierflasche betrachtet.

»Irena ist verschwunden«, sagte Milic.

»Seit wann?«

»Ich sah sie vorgestern Nachmittag zum letzten Mal. Sie wollte rüber zum Campingplatz.«

»Die Kirmesjugend hat es krachen lassen. War nicht zu überhören.«

Milic wischte mit einem Lappen die Spüle und die Zapfhähne ab, obwohl der verchromte Stahl vor Sauberkeit blitzte. »Wie lange willst du eigentlich noch in dem Schrotthaufen am See hausen?«

»Bis er auseinanderfällt. Ein ordentlicher Kapitän geht mit seinem Schiff unter.« Funke setzte sich auf einen Barhocker. Seine Hände suchten nach Beschäftigung. Es war ein seltsames Gefühl, ohne ein volles Glas hier zu sitzen. »Ist sie öfter mal über Nacht ausgeblieben?«, fragte er.

»Meine Tochter ist noch nie fortgelaufen.«

»Hab ich nicht behauptet.«

»Sie meldet sich, wenn sie bei Freundinnen übernachtet. Wir wissen immer, wo sie ist.«

»Gab es Streit?«

Milic warf den Putzlappen auf die Theke. »Nein. Sie wollte zur Party am anderen Seeufer. Und seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Wir machen uns Sorgen. Ist das so schwer zu begreifen?«

»Vielleicht hat sie sich gelangweilt, ist spontan mit Freunden losgezogen und hat darüber die Zeit vergessen.«

Milic stemmte die Fäuste auf den Tresen und beugte sich vor. »Deine Tochter war keine fünfzig Meter von dir entfernt, als sie verschwand. Was hast du damals gemacht? Einen Bericht geschrieben und abgestempelt?«

Funke stierte auf die Schnapsflasche und kämpfte gegen den unwiderstehlichen Drang, sie anzusetzen und in einem Zug zu leeren. Bis sein verfluchtes Gehirn das Denken einstellte. Als hätte Milic seine Gedanken erraten, stellte er die Flasche in das Regal über der Theke zurück und fuhr damit fort, den Tresen zu polieren. »Was wirst du unternehmen?«

»Ich werde mich mal bei den Jungs am See umhören.« Er rutschte von dem Barhocker und durchquerte den Schankraum. An der Eingangstür wandte er sich noch einmal um. »Ich will nicht, dass ihr euch unnötig Sorgen macht, Marianne und du. In dem Alter machen sie manchmal verrückte Sachen. Sie wollen ihre Grenzen kennenlernen und rebellieren gern. Die meisten Jugendlichen tauchen nach ein paar Tagen wieder auf.«

»Nicht Irena. Mach dich an die Arbeit«, sagte Milic, ohne aufzusehen.

Funke verließ den Krug und stieg in den ausrangierten Streifenwagen, auf dem noch Fetzen der Polizeiembleme klebten, und umrundete den Dreifelder Weiher. Am nordwestlichen Ende des Sees stellte er den verbeulten Passat auf dem Parkplatz ab und ging über die taufeuchte Wiese auf ein Dutzend Zelte zu. Der Geruch von verkohltem Holz und abgestandenem Bier hing in der Luft. Vor einem der Zelte hockten vier Jungen im Alter von sechzehn bis achtzehn Jahren und ließen eine Bierflasche kreisen. Aus einer Lautsprecherbox dröhnte ›Phantom Lord‹ von Metallica.

Er blieb vor dem heruntergebrannten Lagerfeuer stehen, von dem noch immer Hitze aufstieg.

»Morgen«, sagte er.

Die Jungen nuschelten einen Gruß und blickten misstrauisch auf. Drei der Gesichter kannte er vom Sehen, von dem schmächtigen Burschen mit der Brille und dem fahlblonden Haar wusste er auch den Namen: Kai-Uwe Haffner, Sohn des Ortsbürgermeisters von Dreifelden.

»Morgen, Kai.«

Er lief rot an, mied Funkes Blick und zündete sich eine Zigarette an. Vielleicht war es ihm peinlich, von Funke am frühen Morgen beim Saufen erwischt zu werden. Oder er hatte Angst, dass sein Vater davon Wind bekam. Die Wutausbrüche des Bürgermeisters hatten lokale Berühmtheit erlangt. Und wie man so hörte, rutschte ihm im familiären Kreis gern die Hand aus.

»Ich will einen Anwalt«, sagte einer der Jungen grinsend. Die anderen lachten, einer legte die Unterarme über Kreuz. »Oh ja, bitte fesseln Sie mich.«

Das Gelächter wurde lauter. Funke lachte mit. Eine Zeit lang hatte er sich noch vorgemacht, dass sie in ihm einen Kumpel sahen. Doch mittlerweile war ihm klar, dass sie schon lange jeden Respekt vor ihm verloren hatten.

Kai-Uwe stocherte mit einem Ast in den Glutresten und sog an seiner Zigarette. »Wir haben nichts gemacht.«

»Hab ich nicht behauptet.« Funke scharrte mit der Schuhspitze in der Asche und blickte sich um. »Muss ja ne wilde Party gewesen sein vorletzte Nacht. Läuft die immer noch?«

»Ist schon wieder ne neue.« Der Älteste der vier stieß Haffners Sohn in die Seite. »Biete Columbo mal was zum Frühstück an.«

Der Angesprochene zog eine Flasche aus einer Bierkiste und hebelte den Kronkorken mit einem Feuerzeug ab.

»Kaffee wäre nicht schlecht«, sagte Funke.

»Gibt’s nicht«, antwortete Kai.

»Sind Sie aus einem bestimmten Grund hier oder lüften Sie nur mal Ihren Wohnwagen?«, fragte einer der Jungen.

»Ivan Milic hat seine Tochter als vermisst gemeldet.«

Er beobachtete die Reaktion der Jungen und konzentrierte sich auf Kai Haffner. Ob er etwas wusste, was er für sich behalten wollte oder nur von der Präsenz eines Polizisten eingeschüchtert war, galt es herauszufinden. Wahrscheinlich hatte er tatsächlich etwas ausgefressen.

»Sie war also hier.«

Die Jungen nickten.

»Okay. Wann kam sie? Was hat sie gemacht? Mit wem hat sie geredet? Wer hat sie zuletzt gesehen?«

Einer deutete mit dem Daumen auf Kai-Uwe. »Sie war Kais Ische. Wir waren sowieso alle Birne in der Nacht.«

»Hast du Lust auf einen Spaziergang?«

Kai kam umständlich auf die Beine. Funke drehte sich um und ging auf das Seeufer zu. Er hörte Schritte auf dem Kies und wusste, dass der Junge ihm folgte. Immerhin ignorierte er die Aufforderung nicht. Er bückte sich, hob einen flachen Kieselstein auf und schnellte ihn über das Wasser.

»Dann erzähl mal, was los war«, sagte er, ohne sich umzuschauen.

»Was soll schon los gewesen sein? Wir haben ein paar Bier getrunken und ein bisschen abgefeiert, sonst nichts.«

»Das Zeltlager findet jedes Jahr statt, nicht wahr?« Er wischte sich die Hände ab und richtete sich auf.

»Das wissen Sie doch sowieso.«

»Also, was ist passiert? Gab‘s Ärger? Hattest du Streit mit Irena?«

»Gar nix ist passiert, Mann.«

»Es wär besser für dich, wenn du die Wahrheit sagst. Ich krieg‘s eh raus. Dann gibt‘s einen Riesenwirbel. Du wirst einen Rechtsbeistand brauchen, der Staatsanwalt wird offiziell Anklage erheben, und die Presse wird die Nase in euer Familienleben stecken. Das wird deinem Vater nicht gefallen.«

Wütend kickte Kai einen Stein in den See. »Ich hab überhaupt nichts gemacht. Sie haben kein Recht dazu, mich zu verhören.«

»Ich verhöre dich nicht, ich unterhalte mich mit dir.« Er sah dem Jungen in die Augen. »Es könnte aber ein Verhör draus werden. Dann gibt’s ne Vorladung, du musst auf der Wache erscheinen und eine Aussage machen.«

»Mein Vater wird dafür sorgen, dass Sie Ihren Job verlieren. Ohne ihn wären Sie längst arbeitslos.«

»Ja, kann sein. Kann aber auch sein, dass mir das scheißegal ist und ich wissen will, was mit Irena passiert ist.«

»Und wenn ich nichts weiß?«

Funke betrachtete ihn prüfend. »Na komm, erzähl schon. Wenn du nichts angestellt hast, bleibt alles unter uns.«

Kai vergrub die Hände in den Taschen seiner ausgebeulten Jeans und blickte auf den See hinaus. Funke gab ihm ein paar Minuten, um eine Entscheidung zu treffen.

»Sie kam gegen sechs«, begann der Junge zögernd. »Wir haben bei den Zelten abgehangen, was getrunken und Musik gehört. Wie immer.«

»Und dann?«

»Sie war irgendwie anders.«

»Wie anders?«

»Hat dauernd telefoniert. Jedes Mal, wenn ich sie gefragt hab, mit wem, ist sie sauer geworden. Hat behauptet, ich würde ihr aus Eifersucht nachspionieren.«

»Und? Hast du?«

»In letzter Zeit ist sie oft nach Koblenz getrampt. Sie hat da nen Typ kennengelernt, der ist Musiker. Das hat sie wohl mächtig beeindruckt. Ich wollte wissen, ob was zwischen ihnen läuft. Als ich ihr zu dicht auf die Pelle gerückt bin, ist sie zum See runter. Ich bin ihr nachgegangen.«

»Was ist am See passiert?«

»Sie hat wieder in ihr Handy gequatscht. Ich hab‘s ihr weggenommen, weil ich die Nummer rauskriegen wollte, die sie dauernd anruft. Da ist sie ausgeflippt.«

»Hm. Wär ich sicher auch. Und dann?«

»Ich war wütend und hab das bescheuerte Handy in den See geworfen. Wir haben uns gestritten, und ich bin zu den anderen zurück.«

»Das war alles? Glaub ich nicht.«

»Irena wollte weg. Das Landleben hat sie angekotzt. Sie war total auf dem Auswanderungstrip. Sie sagte, der Typ wolle sie mit nach Portugal nehmen.«

»Ihre Eltern wussten nichts davon?«

»Nee. Der Alte hätte das niemals erlaubt.«

»Sie wird bald achtzehn. Dann kann er es ihr nicht mehr verbieten. Aber vielleicht wollte sie nicht so lange warten.«

Kai zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht.«

Funke versuchte, sich zu konzentrieren. Er brauchte dringend einen Kaffee mit vier Stücken Zucker. Sein Blutzuckerspiegel war auf die Höhe seiner Zehen abgesackt. Vielleicht war das Mädchen einfach nur durchgebrannt. Aber sein Instinkt sagte ihm, dass mehr dahintersteckte. Wenn er den Jungen auf dem Revier eine halbe Stunde in die Mangel nahm, würde er reden.

»Und hier unten am Seeufer hast du Irena zum letzten Mal gesehen?«

»Ja.«

»Du kommst morgen Nachmittag auf die Wache und unterschreibst deine Zeugenaussage«, sagte Funke.

»Was? Wieso? Sie haben gesagt, das bleibt unter uns.«

Funke zuckte mit den Schultern. »Du hast doch nichts gesehen oder gehört. Dann kannst du das ja auch unterschreiben. Es ist nur so …« Er bohrte die Schuhspitze in den Sand.

»Was?«

»Na ja, sollten wir Irenas Leiche finden, kriegst du einen Haufen Probleme.«

»Wieso ihre Leiche? Ich hab sie doch nicht umgebracht.«

»Wer war‘s dann?«

»Weiß ich doch nicht. Sie sind doch der Polizist.«

»Sie ist also tot.«

»He, Sie …«, der Junge stockte. Er schien zu merken, dass er in eine Falle getappt war.

»Okay. Ich sag dir, was ich denke«, fuhr Funke fort. »Du bist ihr nachgegangen, ihr habt euch gestritten, und du hast ihr Handy ins Wasser geworfen. Sie ist scheißwütend geworden und hat dir eine geknallt. Du hast dich gewehrt und sie unglücklich getroffen. Irena ist gefallen und hat sich den Kopf an einem der Felsen am Ufer aufgeschlagen.« Er blickte Kai Haffner an. »So läuft es meistens ab. Blutspuren zu finden, ist für uns kein Problem. Ganz gleich, welche Mühe du dir gegeben hast, sie zu entfernen.« Er schritt am Ufer entlang und inspizierte sorgfältig jeden einzelnen Felsbrocken.

»Das stimmt nicht. So ist das nicht gewesen.« Kais Stimme zitterte.

»Dann sag mir, wie‘s war.«

»Es ist alles so abgelaufen, wie ich gesagt hab. Aber nach ner Weile, einer halben Stunde oder so, hab ich mir Sorgen gemacht, weil Irena nicht wieder auftauchte. Sie war alleine unten am See, und ich weiß, dass sie nicht schwimmen kann.«

»Du bist zurück zum See.«

»Ja.«

»War ein feiner Zug von dir.«

»Aber ich hab sie nicht gefunden. Dann bin ich zum Zeltplatz und hab die anderen gefragt, ob sie Irena gesehen haben. Die meisten waren schon breit. Ich hab gedacht, sie ist vielleicht über den Uferweg nach Hause gegangen – ist ja nicht weit. Aber wenn es dunkel ist, kann man da böse ausrutschen oder stolpern. Und sie hatte ein bisschen was getrunken.«

»Wie viel?«

»Weiß ich nicht genau. Ich bin durch den Wald Richtung Dreifelden gelaufen. Als ich bei den Wiesen unterhalb des Golfplatzes ankam, hab ich sie an der Straße stehen sehen. Sie hatte den Daumen draußen.«

»Du meinst, sie wollte trampen?«

Kai nickte. »Von Steinebach her kam ein weißer Kastenwagen, der anhielt.«

»Ist sie eingestiegen?«

»Der Typ hat die Seitenscheibe runtergelassen und kurz mit ihr geredet. Dann ist sie um den Wagen rumgelaufen und eingestiegen. Sie sind Richtung Freilingen weitergefahren. Ich hab noch gerufen, sie soll hierbleiben, aber ich war wohl zu weit weg. Sie hat mich nicht gehört. Vielleicht wollte sie‘s auch gar nicht.«

»Du glaubst, es war der Typ aus Koblenz.«

»Ja.«

»Kannst du ihn beschreiben?«

»Nee, war zu dunkel. Und Irena hat mir die Sicht verdeckt.«

»Und der Kastenwagen? Hast du dir Marke und Kennzeichen merken können? Ist dir irgendwas aufgefallen? Ein Schriftzug oder Werbung auf dem Lack?«

Kai schüttelte den Kopf. »Es ging alles viel zu schnell. Ach ja, das linke Rücklicht war kaputt. Ich glaub, es war ne Koblenzer Nummer, aber sicher bin ich nicht.«

»Warum bist du nicht zur Polizei gegangen?«

»Weil Irena getrampt hat? Das ist doch nicht verboten. Ich hab ja nicht gewusst, dass ihre Eltern sie vermissen.«

»Mm-hm.« Funke blickte auf den schiefergrauen See. Der für die Sommermonate ungewöhnliche Frühnebel lag wie eine milchige Glocke über dem Wald. Es war schwül und stickig. Wenn die Sonne den Dunst aufgelöst hatte, würde es heiß wie in einem Backofen werden. Aber noch war das Nordwestufer kaum auszumachen. Im Südwesten zog sich ein Streifen Sumpfland am Wasser entlang, schwer erreichbare Stellen, die den Kormoranen und Wildenten gehörten. Etwa achtzig Meter nordöstlich traten zwei Männer aus dem Wald. Der Kleinere der beiden trug einen grünen Cordhut und Kniebundhosen. Gestenreich beschrieb er Kreise in der Luft, die das Gelände rings um den See einzuschließen schienen. Funke erkannte in dem Mann mit der tonnenförmigen Brust Josef Haffner, den Ortsbürgermeister und Vater von Kai. Sein Begleiter war schlank und hochgewachsen. Er trug einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd mit Krawatte und wirkte in der Landschaft wie ein Fremdkörper. Breitbeinig stemmte er die Hände in die Hüften und betrachtete den See, als gehöre er ihm bereits. Kai drückte sich hinter den Stamm einer Buche.

»Wie spät war es, als du den Kastenwagen gesehen hast?«, fragte Funke.

»Ungefähr halb zwölf. Kann ich jetzt gehen?« Kai schielte um den Baum herum zu seinem Vater.

Etwas irritierte ihn an der Geschichte, obwohl sie sich logisch anhörte. Aber er konnte nicht sagen, was es war. »Okay. Wenn dir noch was einfällt, ruf auf der Wache an oder komm bei mir vorbei. Weißt ja, wo du mich findest.«

»Ja, mache ich. Ganz bestimmt. Und … und ich muss nichts unterschreiben?«

»Im Augenblick nicht.«

»Okay.« Er wandte sich hastig um.

»Kai?«

Er blieb stehen. »Ist noch was?«

»Sauf nicht so viel.«

»Nee. Keine Sorge.« Er lief zum Zeltplatz zurück, auf dem wie jedes Jahr die Zelte der Kirmesjugend standen.

Als Funke sich wieder dem Uferweg zuwandte, waren die beiden Männer verschwunden. Er wanderte den gewundenen Pfad entlang bis zu der Stelle, an der Haffner und der Fremde gestanden hatten. Links begrenzte dichter Wald den Weg, auf der rechten Seite erstreckte sich eine ausgedehnte Wiese, auf der Klatschmohn, Schafgarbe und Glockenblumen blühten. Oberhalb des Hanges, gegenüber der Straße, standen die Gebäude des Golfklubs. Setzte Haffner seine Pläne um, blieb von den Wiesen nichts übrig. Ein protziges Golfhotel würde die Sicht über den See versperren. Mit der Stille und Abgeschiedenheit war es dann vorbei.

Er folgte dem Pfad zur Straße hinauf. Nach wenigen Schritten begann er zu schwitzen. Die Sonne brach durch die Hochnebeldecke und brannte heiß in seinem Nacken. Keuchend erreichte er die Stelle, an der die Straße einen Knick machte und in den Ort hineinführte. Irgendwo hier musste Irena in den Kastenwagen gestiegen sein. Er lief ein Stück und suchte Seitenstreifen und Graben ab, ohne auf eine Spur zu stoßen. Nichts deutete auf ein Verbrechen hin.

Nach einer Viertelstunde kam er wieder am Zeltplatz an. Seit er jede Nacht versuchte, seinem Kopf das Nachdenken abzugewöhnen, funktionierte sein Bulleninstinkt nicht mehr so gut wie früher. Trotzdem ließ er sich von seinem Gefühl treiben, stieg in den Passat und umrundete langsam den See. Auf einem Wanderparkplatz am südlichen Ende hielt er an. In der feuchten Erde stieß er auf Reifenspuren, die tiefer in den Wald hineinführten, bis sie sich auf Geröll und Kies verloren. Das Seeufer lag etwa hundert Meter entfernt hinter einem Schilfgürtel. Die Sumpfwiesen wimmelten vor Stechmücken und Zecken. Nur ein Verrückter würde sich bei diesem Wetter dort hineinwagen – ein idealer Platz, um eine Leiche loszuwerden. Er wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn, griff in seine Jackentasche und holte eine Miniflasche Basaltfeuer hervor. Mit zitternden Fingern schraubte er den Verschluss ab, trank den hochprozentigen Schnaps und warf die leere Flasche in hohem Bogen in den See. Ein Eichelhäher stob aus dem Dickicht und krächzte protestierend.

Der Alkohol breitete sich warm in seinem Magen aus und packte die rasenden Gedanken in Watte. Irena war nur ein weiteres Mädchen, das spurlos verschwand. So wie Nora. So funktionierte die Welt eben. Mädchen verschwanden, und er konnte nichts dagegen tun.

Er kehrte zum Parkplatz zurück. Josef Haffner lehnte an der Motorhaube des Passats und paffte einen Zigarillo. »So früh auf den Beinen, Funke? Was treiben Sie hier im Wald?«

»Was Polizisten immer tun. Sie schnüffeln herum.«

»Sind Sie wegen Milic hier?«

»Sie haben also schon davon gehört.«

»Die Kleine ist längst über alle Berge. Es ist kein Geheimnis, dass sie es zu Hause nicht mehr ausgehalten hat.«

»Dann wissen Sie mehr als ich.«

»Hier werden Sie das Gör jedenfalls nicht finden. Suchen Sie sie von mir aus in Koblenz.«

»Wie kommen Sie auf Koblenz?«

Haffner nahm den Zigarillo aus dem Mundwinkel und blies eine Rauchwolke aus. »Hab gehört, sie hätte dort jemanden kennengelernt. Man muss der Polizei bei ihren Ermittlungen doch helfen, nicht wahr?«

»Sie sind gut informiert.«

»Ich bin der Bürgermeister. Ich weiß alles.«

»Dann wissen Sie sicher auch, wer in der Gegend einen weißen Kastenwagen fährt.«

»Die gibt’s hier wie Karpfen im Dreifelder Weiher. Sie suchen also einen. Darf man fragen, warum?«

»Vielleicht hat‘s nen Unfall gegeben.«

»Ach, tatsächlich?«

»Könnte sein, dass dem Mädchen was zugestoßen ist. Wir werden den See absuchen müssen.«

Haffners Wangen liefen dunkelrot an. Er schob seinen Jägerhut in den Stiernacken. »Das werden Sie ganz sicher nicht.«

»Ich wüsste nicht, wer mich daran hindern sollte.«

»Wenn Sie Ihren Job behalten wollen, lassen Sie die Finger von den Schleusen.«

»Im Oktober wird der See sowieso abgefischt.«

»Dann warten Sie, bis es so weit ist. Ich brauche noch ein, zwei Wochen, und der Bau des Golfhotels ist beschlossene Sache. Was, glauben Sie, wird geschehen, wenn Sie vor den Augen von Bernd Middendorf eine Leiche aus dem See ziehen? Ich warne Sie, Funke. Sollte das Projekt wegen Ihnen scheitern, werden die Leute Sie mit Stöcken aus dem Dorf jagen.«

»Kann sein. Vielleicht wird man aber auch Sie teeren und federn. Eine Menge Einwohner sind gegen den Bau des Hotels.«

Haffner baute sich dicht vor ihm auf. Er warf den halb gerauchten Zigarillo in eine Pfütze, wo er zischend erlosch. »Vertreiben Sie sich die Zeit von mir aus mit einer Radarfalle oder schreiben Sie ein paar Parksünder in Hachenburg auf. Aber halten Sie sich aus meinen Geschäften raus. Der Landrat hat sich für den Bau eingesetzt und die Kontakte zu Middendorf geknüpft. Wenn er seine Zeit wegen Ihrer Sturheit vergeudet, können Sie sich einen Job bei der Müllabfuhr besorgen. Aber ich schätze, selbst die Stadtreinigung stellt keine Alkoholiker ein.«

»Schön, wenn Geschäfte in der Familie bleiben«, sagte Funke. »Bestellen Sie dem Landrat, dass es mir scheißegal ist, womit er seinen Tag verbringt.«

Die feinen blauroten Äderchen auf Haffners Wangen glühten. »Ich werd‘s ihm ausrichten. Aber Sie wissen ja, wie nachtragend mein Bruder sein kann. Es wird eng für Sie, sollte er seine schützende Hand von Ihnen abziehen. So ein Jammer. Wo Ihr Job doch das Einzige ist, was Ihnen noch geblieben ist.«

»Ich brauche die Hilfe der Freiwilligen Feuerwehr, um das Dickicht am Südufer abzusuchen. Treiben Sie bis heute Abend so viele Männer auf, wie Sie kriegen können.«

Haffner spuckte aus und ballte die Fäuste. »Mensch Funke, seien Sie doch vernünftig. Wenn das Mädchen wirklich da unten liegt, kann es ihm egal sein, ob man ihre Leiche jetzt oder in ein paar Wochen findet.«

»Aber mir nicht. Schönen Tag noch.«

Er ließ den Motor an und steuerte den Passat auf die Straße zurück. Im Rückspiegel sah er, dass Haffner ihm grimmig hinterherstarrte. Er zog ein Handy aus der Jackentasche und wählte eine Nummer. Wahrscheinlich heulte er sich jetzt bei seinem Bruder, dem Landrat, aus.

Zwischen den Bäumen tauchte die glitzernde Oberfläche des Sees auf. Wenn er sein Vorhaben durchzog, war er erledigt. Vor wenigen Augenblicken noch war er fest davon überzeugt gewesen, dass es ihm gleichgültig war. So wie ihm alles egal war seit Noras Tod. Aber das war eine Lüge. Er hing an diesem verfluchten Job. Haffner hatte recht. Er war das Letzte, was ihm noch geblieben war. Danach kam nichts mehr. Er würde so lange saufen, bis er fette Würmer aus den Wänden kriechen sah und irgendwann verrecken, ohne dass es jemand bemerkte. Wenn er wenigstens ihre Leiche gesehen hätte, wäre alles anders. Aber so blieb ein letzter Rest verzweifelte Hoffnung. Sie allein hielt ihn davon ab, es sich mit einer Zigarette und einem Feuerzeug auf einer Propangasflasche gemütlich zu machen.