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Evan Maglin ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, der alles erreicht hat, was man sich nur wünschen kann. Sein Leben erscheint wie aus einem Hochglanzmagazin mit einer hübschen Ehefrau an seiner Seite und zwei wohlgeratenen Kindern, die das Familienglück perfekt machen. In Wahrheit ist aber alles ganz anders ... Hinter Evans glanzvoller Fassade lauert ein skrupelloser, gefühlskalter Mann, für den das Leben nicht mehr als ein banales Theaterstück ist, in dem er die Spielregeln bestimmt. Als er eines Tages der außergewöhnlichen Valeria Blackwood begegnet, gleicht diese Begegnung einem Schicksalsschlag. Vollkommen gefangen in seiner Faszination für sie, verfällt er ihr und hat nur noch ein Ziel: Valeria um jeden Preis für sich zu gewinnen!
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Seitenzahl: 417
Veröffentlichungsjahr: 2019
…
und nehmt euch in Acht, wenn die Masken fallen
…
“More than I can bear …”
(Matt Bianco)
© 2019 Steven Gaston
Umschlag, Illustration: Nadine Drexler
Lektorat, Korrektorat: Antonia Jost
Verlag: Edition Sternsaphir, Saldenburg
Neuauflage Februar 2020
ISBN
Paperback
978-3-9819702-2-7
E-Book
978-3-9819702-4-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig.
Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Autor
Steven Gaston
„Ich danke Melanie, die diesen Roman aus ihrer weiblichen Sicht entscheidend mitgeprägt hat.“
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Perfektes Leben
Prachtexemplar
Win-Win-Situation
Neuer Schritt
Heimkehrer
Böse Überraschung
Schicksalsbegegnung
Verwirrungen
Aufwühlende Nacht
Auf ein Neues!
Spielchen
Beziehungen
Veränderungen
Schicksalsbande
Der Anfang vom Ende
Hingabe
Von Üppigkeit und Dürre
Pures Leben
Pläne
Ziele
Die Suche nach Antworten
Unmissverständlich
„Fröhliche“ Weihnachten
Neujahrsentscheidungen
Kontakt
Annäherung
Aussprachen
Glanzlos
Wahrheiten
Abgründe
Sorgen
Erlösung
Epilog
Prolog
Evan Maglin ist ein sympathischer und sehr beliebter Geschäftsmann, der alles erreicht hat, was ein Mann sich nur wünschen kann: Familie, Geld, Ansehen und Erfolg als Chef seiner eigenen Unternehmensberatung. Sein Leben erfüllt all die Klischees, die eine perfekte Fassade nach außen abgeben – ein Leben wie aus einem Hochglanzmagazin.
In Wahrheit ist aber alles ganz anders …
Evan ist ein Meister der Manipulation und exzellenten Menschenkenntnis. Hinter seiner glanzvollen Fassade lauert ein skrupelloser, gefühlskalter Magier, der seine Energien so gekonnt einsetzt, dass er jedes seiner Ziele erreicht. Als genauer Beobachter entgeht ihm kein Detail. Mit dieser Gabe macht er sich die Schwächen anderer Menschen für seine Zwecke zunutze.
Für ihn ist das Leben nicht mehr als ein banales Theaterstück, in dem er die Spielregeln bestimmt und die Fäden zieht, unbemerkt von seinen Mitmenschen, die seine Schachzüge nicht durchschauen und denen nicht bewusst ist, dass er nur ein Heuchler und Lügner ist.
So ist es bis zu dem Tag, an dem Evan Valeria das erste Mal sieht. Diese schicksalhafte Begegnung rührt Abgründe in ihm an, die ihn bis ins Mark erschüttern. Bittere Wahrheiten und verdrängte Schattenseiten, denen er bisher ausgewichen ist, drängen nun mit brutaler Macht in sein Bewusstsein. Innere Dämonen, die er in seiner Seele eingemauert hatte, lassen sich nicht mehr beiseiteschieben.
Er kann sich selbst nicht mehr ausweichen, denn Valeria nimmt ungewollt Besitz von seiner Seele und nach und nach von seinem ganzen Leben. Diese Frau ist anders als alle Frauen, denen er je begegnet ist. Sie durchschaut ihn vom ersten Moment an, was ihn fasziniert und zugleich verstört.
Aber auch Valeria wird in eine für sie befremdliche Rolle gedrängt, aus der sie sich nicht mehr befreien kann.
Evans Leben nimmt eine dramatische Wende.
Er weiß, dass er sie nie wieder gehen lassen kann, denn sie ist „seine Frau“ – die Frau, auf die er immer gewartet hat. Sie weckt seine Sehnsüchte und Leidenschaft so intensiv, dass er kaum noch einen klaren Gedanken fassen kann und zu jedem Mittel greift, um sie an sich zu binden.
Perfektes Leben
Evan stand wie jeden Morgen vor dem Spiegel im Bad. Am liebsten hätte er dieses Zerrbild seiner selbst erschlagen, das ihm erbarmungslos entgegenblickte.
Ich könnte kotzen, dachte er angewidert, als er versuchte, seine störrischen schwarzen Haare zu bändigen.
Mein grandioses Leben! Mein Gott, wie perfekt alles ist, dachte er spöttisch. Ja, sein Leben war „perfekt“. Dieses Wort löste fast Brechreiz in ihm aus, was es noch nie zuvor mit dieser Intensität getan hatte, aber heute war alles anders – alles!
Ungeduldig band er seine rote Krawatte, die ebenfalls „perfekt“ abgestimmt zu seinem dunkelblauen maßgeschneiderten Anzug passte, und natürlich sollte auch die Frisur korrekt sein, jedes einzelne Haar musste sitzen – was es bei ihm nie tat. Es schien fast so, als wollte es ihn ärgern, ihm zeigen, dass es sich nicht zähmen lassen würde – im Gegensatz zu ihm, der gefangen war in einem Leben ohne Höhen und Tiefen, angepasst, makellos und genauso glatt gebügelt wie seine Klamotten.
Über seinen Augen schien ein grauer Schleier zu liegen, als wollte er sich selbst ausblenden. Eine schier unerträgliche Unzufriedenheit nahm Besitz von ihm. Er glaubte, nicht zu wissen, warum er heute derart frustriert war, aber wenn er ehrlich war, war dem nicht so – er ahnte es …
„Morgen!“, riss ihn Julia, seine Frau, aus den Gedanken, die in diesem Moment das Badezimmer betrat.
Ohne ihn anzusehen, ging sie an ihm vorbei, stellte wie gewöhnlich die Dusche an und begann, ihren Schlafanzug auszuziehen.
„Ja! Morgen!“, erwiderte er gereizt, was seine Frau aber nicht zu bemerken schien. Das war ihre morgendliche Unterhaltung, wenn man es denn so nennen konnte.
Mehr gab es nicht zu sagen oder zu tun; weder küssten sie sich, noch gab es irgendeine Berührung, nichts. Aus dem Augenwinkel beobachtete er sie, als sie in die Dusche stieg. Für ihr Alter hatte sie noch immer eine gute Figur, aber außer Langeweile und Desinteresse empfand er nichts bei ihrem Anblick. Evan konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er seine Frau das letzte Mal geküsst hatte, geschweige denn, wann sie Sex miteinander gehabt hatten.
Er verließ das Bad und ging ins Schlafzimmer nebenan. Aus einem Schrank nahm er seine Anzugjacke heraus.
Diese ewige Uniformierung, dachte er genervt und knallte die Schranktür zu. Für einen Moment blieb er an dem geöffneten Schlafzimmerfenster stehen und sah in den weitläufigen herbstlichen Garten. Unter den Obstbäumen lagen bereits viele Äpfel verstreut herum. Evans aufgewühlte Seele beruhigte sich ein wenig bei diesem idyllischen Anblick.
Seltsam, dass Julia die Äpfel noch nicht aufgesammelt hat, wunderte er sich. Sie war immer sehr akkurat, was Haus und Garten anging. Bei ihr gab es keinerlei Nachlässigkeiten oder minimalste Versäumnisse, daher war es ungewöhnlich, dass sie sich noch nicht darum gekümmert hatte.
Es war Ende Oktober. Bald würde der erste Nachtfrost kommen und Julia würde das Obst nicht mehr verwenden können, wenn es erfroren war.
Warum mache ich mir über sowas Gedanken? Ist doch scheißegal, was sie macht.
An diesem Morgen war er extrem frustriert. In diesem Ausmaß war er das nicht von sich gewohnt. Genervt ja, aber nicht dermaßen angekotzt wie heute. Steckte er etwa schon in der Midlife-Crisis?
Das Klischee schlechthin – um die fünfzig werden alle unzufrieden und wollen noch einmal richtig was erleben. Lächerlich, dass man deswegen durchdreht, dachte er, während er einem Eichhörnchen zusah, das zwischen dem Laub herumwühlte. Bei diesen Zu-kurz-Gekommenen werde ich mich bestimmt nicht einreihen!
*
Viele von Evans Bekannten und Kollegen stellten in diesem Alter ihr Leben infrage. Einige trennten sich von ihren Partnern, kündigten ihre Jobs oder was auch immer. Allerdings hatte er den Eindruck, dass sie hinterher auch nicht wesentlich zufriedener waren als vorher. Jeder Einzelne von ihnen schien irgendetwas zu suchen, etwas Grundlegendes zu vermissen … War es die Wehmut nach vergangenen Zeiten, noch einmal jung zu sein und alles ganz anders zu machen? Vielleicht war es der Gedanke, dass man andere Wege hätte einschlagen sollen? Hätte man an Träumen und Idealen festhalten sollen, anstatt sie mit fünfundzwanzig zu begraben und sich in den wirtschaftlich profitablen Reihen anzustellen, in der Hoffnung, das größte Stück vom Kuchen zu ergattern?
Fast alle waren von einem unstillbaren Hunger getrieben – er eingeschlossen. Aber was war das für ein Hunger? Die stete Gier nach irgendeiner Art der Erfüllung, die man überall vergeblich suchte? Der Leere entfliehen … irgendwie … egal wie … Manche seiner Kollegen oder Freunde begannen zu trinken und stumpften noch mehr ab. Evan würde sich nie irgendeinem Suchtverhalten hingeben. Da war er sich sicher. Für ihn bedeutete das nur, dass einer zu schwach war, sein Leben bei vollem Bewusstsein zu ertragen. Stattdessen wurde sich in billige Ersatzbefriedigungen geflüchtet, die in Wahrheit nur noch mehr dazu beitrugen, sich noch frustrierter zu fühlen. Wobei er inzwischen selbst schon ein Maximum an Leere und Verdruss empfand, mehr ging nicht.
Vor allem an diesem Morgen.
In einem Monat war sein achtundvierzigster Geburtstag. Am liebsten würde er an diesem Tag gar nicht erst aufstehen und sich lieber die Bettdecke über den Kopf ziehen. Seit seiner Kindheit hasste er seine Geburtstage und das hatte sich bis heute nicht geändert. Schrecklich, wenn er so tun musste, als freute er sich über die vielen Glückwünsche oder, noch schlimmer, die ganzen sinnlosen Geschenke. Noch nie hatte ihm jemand etwas überreicht, was ihm gefiel oder was er zumindest brauchen konnte. Seine Frau schenkte ihm bevorzugt Krawatten, Pullis und Socken, manchmal auch Unterhosen oder ein Hemd. Sie traf nie seinen Geschmack, die Krawatten waren zu bunt, die Pullis zu weit, die Socken zu eng, die Unterhosen zu spießig, nur bei den Hemden konnte sie nicht viel falsch machen – die waren einfach nur weiß …
Besonders einfallsreich war Julia nicht.
Bei ihr ging es hauptsächlich um „Praktisches“, weniger um besondere Dinge. Das Schlimmste war, dass sie dafür auch noch Dank und Freude von ihm erwartete, ebenso wie alle anderen, die ihm irgendeinen Firlefanz schenkten. Was er brauchte und wollte, kaufte er sich selbst. Wenn er sich den ganzen Tag für diesen Mist bedanken und „freuen“ musste, war spätestens abends sein Kiefer verspannt und er hatte üble Magenschmerzen. Zum Glück erwartete diesmal niemand eine Party, ganz anders als bei seinem fünfundvierzigsten Geburtstag. Der war mit einhundertzwanzig Leuten gefeiert worden, denn Julia hatte ihn mit einer durchorganisierten Feier im teuersten Hotel der Stadt überrascht.
Für ihn war das eine böse Überraschung gewesen.
Den ganzen Abend hatte er gute Miene machen und seine Zeit mit Leuten verbringen müssen, die ihm völlig gleichgültig waren und ihn nur vollquatschten mit ihren Banalitäten.
*
Julia betrat in ein Handtuch gehüllt das Schlafzimmer.
„Du bist noch hier? Es ist gleich halb neun“, stellte sie verwundert fest. Er hatte gar nicht bemerkt, wie lange er da am Fenster gestanden und auf den Garten gestarrt hatte.
„Du musst die Äpfel aufsammeln, sonst erfrieren sie“, erwiderte er, ohne sie anzusehen.
„Ach, so schnell friert es nicht. Ist ja nicht mal November, da habe ich noch Zeit. Außerdem ist doch schönstes Oktoberwetter“, antwortete sie und warf das Handtuch auf das Bett. Sie hatte recht, es war ungewöhnlich warm für die Jahreszeit.
Er beobachtete sie, wie sie nackt am Kleiderschrank stand und sich ihre Unterwäsche zusammensuchte. Sollte er nicht so etwas wie Lust empfinden bei dem Anblick seiner Frau, die unbekleidet vor ihm stand? In diesem Moment durchfuhr ihn ein sehnsuchtsvolles Gefühl, ein Gedanke, wie es wäre, jetzt Sex zu haben, einfach nur Sex. Das gemeinsame Ehebett lag im Sonnenschein und wirkte so einladend – was könnte man hier jetzt alles machen …
Aber nicht mit Julia.
*
Hatte er sie überhaupt jemals begehrt?
Er wusste es nicht mehr. Wahrscheinlich war er beziehungsunfähig. Sexuelle Leidenschaft und berauschende Verliebtheit hatte er noch nie erlebt.
Wahrscheinlich gibt es so etwas nur im Kino, war er der Meinung, wenn derartige Sehnsüchte überhandnahmen. Immer öfter erwischte er sich bei dem Gedanken, dass er die Richtige einfach nie gefunden hatte.
Was für ein Blödsinn!
Die Richtige – was sollte das für eine Frau sein?
Er hatte in seinem Leben sehr viele Frauen getroffen, bei seiner Arbeit war er ständig von Frauen umgeben, doch keine war je dabei gewesen, die sein Herz höher hatte schlagen lassen oder die es gar berührt hatte.
*
„Was siehst du mich so an?“, fragte Julia plötzlich, während sie ihren BH zumachte.
„Nur so“, murmelte er ertappt. „Ich mache Kaffee.“ Er verließ das Zimmer und ging in die Küche im Erdgeschoss.
Immer dieselben Handgriffe, dachte er, als er die Kaffeemaschine bediente. Jeden Tag dasselbe.
*
Er war schon so lange mit Julia verheiratet.
Bevor er sie kennengelernt hatte, hatte er einige belanglose Bekanntschaften mit irgendwelchen Frauen gehabt. Evan wusste nicht einmal mehr ihre Namen. Er hatte sich damit abgefunden, dass es die großen Gefühle wohl nicht gab, zumindest nicht für ihn. Zum Glück war er im Lauf seines Lebens nur wenigen Menschen begegnet, die aus Liebe geheiratet hatten und nicht aus wirtschaftlichen Gründen oder weil es „irgendwie schon passte“. Diejenigen, die sich wirklich liebten, strahlten das aus, denn sie wirkten angekommen. Es umgab sie eine Art inneren Frieden und keine suchende Unruhe, wie man es bei den meisten anderen erlebte. Evan war neidisch, wenn er verliebte Paare beobachtete, wie sie sich ansahen, küssten, berührten oder Händchen haltend spazieren gingen. Dieses nagende Gefühl konnte er aber nicht zulassen und so radierte er es aus seinem Bewusstsein.
Nur erbärmliche Versager waren neidisch …
Er hatte alles erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Materiell mangelte es ihm an nichts, aber etwas ganz Entscheidendes fehlte ihm.
Julia war in Ordnung. Sie kümmerte sich bestens um die Familie und den Haushalt und schien ihr Leben an seiner Seite sehr zu genießen. Für die Kinder, die siebzehnjährigen Zwillinge Anna und Philipp, die zurzeit auf einem zweiwöchigen Schulausflug waren, war sie eine liebevolle Mutter.
Streit gab es zwischen ihm und Julia nie – ab und zu Meinungsverschiedenheiten, aber nichts dramatisch Weltbewegendes. In ihren gemeinsamen Jahren hatte es nur nach der Hochzeit eine ernste Krise gegeben.
„Wenn die Gefühle lauwarm oder vielmehr gar nicht vorhanden sind, gibt es auch keine leidenschaftlichen Auseinandersetzungen und vor allem Versöhnungen“, hatte Mrs Short, seine Sekretärin, augenzwinkernd zu ihm gesagt, als sie ihm von ihrer gescheiterten Ehe erzählt hatte. Diese Worte gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sogar danach sehnte er sich – nach temperamentvollen Gefühlsausbrüchen mit der dazugehörigen Versöhnung …
Evan konnte sich nicht beklagen, das tat er ja auch nicht, zumindest nicht nach außen. Er funktionierte als treu sorgender Familienvater, souveräner Geschäftsmann, verlässlicher Freund, engagierter Sportler und Sohn.
Alle sind zufrieden mit meiner Leistung, dachte er zynisch. Meine Rollen spiele ich absolut grandios. Mehr kann man wohl vom Leben nicht erwarten. Ist schon gut, es passt schon, versuchte er, sich selbst immer und immer wieder einzureden.
*
Er stellte zwei Kaffeetassen auf den massiven Holztisch der geräumigen rustikalen Wohnküche. Kaffee war das Einzige, was er heute herunterkriegen würde. Julia konnte sich ja selbst ihr Frühstück machen.
Als er gerade die Kaffeekanne aus der Maschine nehmen wollte, spürte er mit einem Mal einen reißenden Schmerz in der Brust, so intensiv, dass ihm die Luft wegblieb.
Sein Brustkorb verengte sich und es fühlte sich an, als würde eine kalte Eisenhand nach seinem Herzen greifen und es zusammenpressen. Nach Luft schnappend und in Panik riss er die Terrassentür in der Küche auf.
„Verdammte Scheiße!“, japste er und lockerte hastig die Krawatte, die sich wie ein Strick um seinen Hals anfühlte. Während er an der weit geöffneten Terrassentür tief ein- und ausatmete, ließ der Druck langsam nach.
Als er sich sicher sein konnte, dass die Atemnot nachgelassen hatte, ging er zurück in die Küche, goss sich mit zittriger Hand eine Tasse Kaffee ein, setzte sich auf einen der Holzstühle und sah in seinen Garten. Der Blick in die Natur und die frische Luft entspannten ihn, doch sein Herz schlug nach wie vor schwer, aber er hatte nicht vor, das, was eben geschehen war, überzubewerten.
Diesen kleinen Anfall vergesse ich am besten ganz schnell wieder, dachte er und zündete sich eine Zigarette an. Vielleicht sollte ich weniger rauchen.
An stressigen Tagen, die eindeutig in der Überzahl waren, rauchte er mittlerweile fast zwei Schachteln.
Hoffentlich meinte Julia nicht, ihm ausgerechnet an diesem beschissenen Morgen Gesellschaft leisten zu müssen. Sie arbeitete nur an zwei Tagen pro Woche in einer Schule. Heute hatte sie frei, also konnte sie tun, was immer sie wollte.
„Es ist wie Urlaub, wenn die Kinder außer Haus sind“, hatte sie mal gesagt und legte sich in diesen Tagen manchmal gleich wieder hin oder stand gar nicht erst auf, sondern las bis mittags ihre Romane.
Er war froh, wenn sie im Bett blieb, so konnte er ungestört seine Mails checken, Zeitung lesen oder einfach nur seinen Gedanken nachhängen. Jetzt, da es ruhig im Haus war, ließ er sich viel Zeit und hatte alle Termine auf frühestens neun Uhr oder später gelegt. An diesem Morgen musste er erst um zehn Uhr im Büro sein. Allerdings hatte er weder Lust, zu lesen noch seine Mails zu bearbeiten. Seine Stimmung war seltsam melancholisch, was ungewohnt für ihn war. Für solche Anwandlungen hatte er weder Zeit, noch war er der Typ für derartige Sentimentalitäten.
Ausgerechnet heute hatte er kein Glück. Julia kam im Morgenmantel in die Küche.
„Du rauchst schon wieder? Ach, Evan, du weißt doch, wie schädlich das ist“, seufzte sie. Er hatte gar nicht gehört, dass sie die Treppe heruntergekommen war, was sie sonst immer lautstark mit ihren hölzernen Clogs tat.
„Schau mich doch nicht so entgeistert an“, lachte sie, „ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Ich habe dich nicht kommen gehört“, murmelte er und drückte seine Zigarette aus.
„Ich finde meine Clogs nicht, hast du sie vielleicht gesehen?“ Er schüttelte den Kopf.
„Ach, sie werden schon wiederauftauchen“, meinte sie.
„Aber sag mal, du wirkst heute etwas angespannt. Geht’s dir nicht gut?“
„Alles in Ordnung, habe nur schlecht geschlafen, passt schon“, antwortete er so neutral wie möglich, während er in seiner Kaffeetasse rührte und es vermied, sie anzusehen.
Auf keinen Fall würde er ihr auf die Nase binden, dass er vorhin diesen kleinen Erstickungsanfall gehabt hatte – sonst würde sie ihm wieder ihre Vorträge halten, was er alles verkehrt machte: zu viel Arbeit, zu viele Zigaretten, unregelmäßige Mahlzeiten, zu viel Fleisch und natürlich, dass er sich unbedingt sofort durchchecken lassen müsste! Wahrscheinlich würde sie gleich wieder ans Telefon rennen und Doktor Sowieso anrufen.
Er konnte sich den Namen von diesem Quacksalber einfach nicht merken. Allein bei dem Gedanken, was da wieder alles auf ihn einprasseln würde, wäre er so unklug, ihr von dieser banalen Episode zu berichten, begann sich, sein Brustkorb schon wieder zu verkrampfen.
Julia stand am Kühlschrank, nahm Butter, Konfitüre und Brot heraus und stellte alles vor ihm hin:
„Du musst morgens etwas essen! Das ist nicht gesund, immer nur Kaffee und Zigaretten. In deinem Alter muss man besonders auf die Gesundheit achten, sonst …“
Er hatte das Gefühl, als zerreiße es ihn innerlich vor Unbehagen. Ihm wurde fast schlecht, während sie wieder zu ihren üblichen Monologen ausholte über das Alter, die Ernährung und diverse Vorsorgeuntersuchungen, die Julia im Gegensatz zu ihm regelmäßig in Anspruch nahm.
Er versuchte, auf Durchzug zu schalten.
Warum ließ sie ihn nicht in Ruhe?
Warum merkte sie nicht, dass es ihn einen Scheiß interessierte, was sie zu sagen hatte? Ihre Banalitäten hingen ihm zum Hals heraus!
„Entschuldige, ich muss einen wichtigen Anruf erledigen“, unterbrach er ihren Redefluss, nahm seine Tasse und ging in den ersten Stock in sein Homeoffice.
„Ja, ist schon gut“, rief sie ihm nach. „Aber mach dir mal Gedanken, ob du nicht gesünder leben willst. Hörst du?“ Evan schloss seine Bürotür, setzte sich in seinen Sessel und atmete erst einmal tief durch. Wie es ihm wirklich ging, interessierte sowieso niemanden, auch Julia nicht, obwohl sie immer so tat als ob.
*
Aber auch wenn ihn jemand ernsthaft nach seinem Befinden gefragt hätte, hätte er nur geantwortet:
„Danke! Bestens!“
Das erwartete man schließlich von ihm. Und er erwartete es vor allem von sich selbst. Wofür hätte er sonst so hart gearbeitet? Mein Umfeld würde kopfstehen, würde ich antworten: „Scheiße geht’s mir!“
Um Himmels willen, was wäre dann los!
Es wäre unvorstellbar für seine Mitmenschen, dass er nicht glücklich sein sollte, wo er doch alles besaß, was man sich nur wünschen konnte. Sie hätten ihn auf das Heftigste verurteilt, von wegen „undankbar“ und so. Niemand war es wert, seine Wahrheit zu erfahren, niemand – nicht einmal, oder gerade, seine Frau.
*
Heute war er nicht einfach nur schlecht gelaunt.
Nein, es war schlimmer, er fühlte sich extrem aufgewühlt und unwohl. Seine für ihn typische Souveränität hatte sich im Lauf der letzten Nacht in eine bisher nicht gekannte Unruhe verwandelt.
Bis zu diesem Morgen war er stets in der Lage gewesen, alles zu ertragen, sogar Julia und ihre langweiligen Monologe; mit allem hatte er umgehen können, auch wenn ihn etwas nervte, fand er schnell wieder in seine gewohnte Balance zurück. Nichts konnte ihn je ernsthaft aus der Ruhe bringen. Er ließ nicht zu, dass irgendjemand oder irgendein Umstand Zugriff auf seine Seele hatte.
*
Vergangene Nacht aber musste er sogar das Ehebett verlassen, weil er glaubte, durchzudrehen, wenn er noch länger Julias gleichmäßigen Atem hätte hören müssen. Er wälzte sich hin und her, bis er aufstand und auf die Terrasse ging. Obwohl es kalt war und er gefroren hatte, saß er über eine Stunde in der Dunkelheit. Während sich sein Blick im Sternenhimmel verlor, rauchte er eine Zigarette nach der anderen – und dachte an diese Frau, die ihm nicht mehr aus dem Sinn ging.
Gestern Nachmittag, als er auf dem Weg ins Büro gewesen war, war sie ihm begegnet. Sie fiel ihm sofort auf, denn sie wirkte ganz anders als die Frauen, die ihn sonst so umgaben. Die Frauen, die er kannte, schienen ebenfalls „perfekt und makellos“ zu sein: dünne Gestalten mit gepflegten Einheitsfrisuren in Designerklamotten. Designte Frauen ohne Wiedererkennungswert.
Und dann sah er auf einmal diese Frau.
Entgegen seiner Gewohnheit war er sogar stehen geblieben, um ihr nachzusehen. Bisher wäre ihm ein derartiges Verhalten nicht in den Sinn gekommen.
Erstens wäre es ihm viel zu plump erschienen und zweitens hatte es bis zu diesem Tag nichts Sehenswertes gegeben, das ihn gefesselt hätte, sodass er wie angewurzelt verharrte und es ihm egal war, wie das andere empfanden, die diese Szene vielleicht beobachteten.
Ihr Aussehen hatte ihn vom ersten Moment an fasziniert. Ihre taillenlangen blonden Haare sahen unfrisiert aus, als wäre sie gerade erst aus dem Bett gestiegen … Ihre Figur glich der Form einer Sanduhr. Evan fühlte sich unwillkürlich in einen 60er-Jahre-Film zurückversetzt, während er ihren Körper abscannte, die schmale Taille, den knackigen Hintern in den engen zerrissenen Jeans und ihr üppiges Dekolleté. Nicht, dass er auf große Brüste stand, aber ihre schienen absolut perfekt zu sein, leicht wippend unter einer dünnen roten Bluse – und dieses Mal meinte er es ernst, wenn er das Wort „perfekt“ benutzte. Er fand diese Frau unglaublich anziehend.
Sie strahlte Sex aus.
Aber es war nicht allein ihr ungezähmtes Aussehen, es war ihre sinnliche, weibliche Ausstrahlung, die ihn umhaute. So hatte er sich immer eine Vollblutfrau vorgestellt. Er hatte nicht einmal zu träumen gewagt, dass so etwas tatsächlich existierte. Er war wie elektrisiert.
Das, was ihn allerdings irritierte, ja, sogar ärgerte, war, dass sie ihn überhaupt nicht wahrgenommen hatte.
IHN … nicht wahrgenommen!
Sie hatte ihn zwar kurz angesehen, aber er konnte erkennen, dass er ihr nicht aufgefallen war.
Mit einem gleichgültigen Ausdruck in ihrem Blick hatte sie ihn nur gestreift und das war‘s! Auch wenn er gewollt hätte, konnte er sich nicht einreden, dass das von ihr nur gespielt gewesen war, um sich interessant zu machen.
Sie. interessierte. sich. nicht. für. ihn!
*
Evan kannte seine Wirkung auf Frauen. Ihm war bewusst, dass er gut aussah. Seine eisblauen Augen mit den dichten Wimpern konnten seinem Blick etwas Unschuldiges verleihen. Dagegen ließen ihn die schwarzen Haare, die ihm sein italienischer Vater vererbt hatte, verwegen wirken. Er war fast einen Meter neunzig groß, hatte eine sportliche Figur, einen Dreitagebart und markante Gesichtszüge.
Die Natur hatte ihn reich beschenkt.
Da er sich noch dazu seinen „süßen Jungencharme“ bewahrt hatte, wie ihm eine seiner glühendsten Verehrerinnen bei einer Firmenfeier mitgeteilt hatte, hatte er auf manche Frauen eine geradezu verheerende Wirkung. Den Damen, die ihn anschmachteten, war es gleichgültig, dass er verheiratet war und zwei Kinder hatte. Früher oder später versuchten sie, bei ihm zu landen. Die Röcke wurden kürzer, die Blusen durchsichtiger und weiter ausgeschnitten, die Parfümwolken aufdringlicher, die Blicke tiefer und vielsagender. Sie umgarnten ihn wie Katzen, schmeichelten ihm, heuchelten Interesse an seiner Familie, lockten ihn oder versuchten, ihn zu ignorieren, um seinen Jagdinstinkt zu wecken. Sein Jagdinstinkt war in seinem ganzen Leben noch nicht einmal geweckt worden.
Aber er sehnte sich genau danach, mehr als er sagen konnte. Es war die Sehnsucht, eine Frau zu finden, die ihn zutiefst faszinierte. Eine Frau, die er so sehr begehrte, dass er sein bisheriges Leben wegwerfen würde, um sie zu erobern, und der er in heißblütiger Leidenschaft hinterherjagen konnte.
Endlich lebendig fühlen.
*
Die gestrige Begegnung mit dieser Wahnsinnsfrau war vielleicht nur eine einmalige Sache gewesen.
Wahrscheinlich sehe ich sie nie wieder, dachte er resigniert. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass er sich wie ein Loser benahm, der im Selbstmitleid versank. Was war bloß in ihn gefahren, dass er so an sich zweifelte?
Wer bin ich, dass ich mich damit abfinden würde? Nein!
So einfach geht das nicht!
Er musste sie wiedersehen!
Und er würde sie wiedersehen!
Sonst würde er gar nicht mehr zur Ruhe kommen, jetzt, da er wusste, dass sie irgendwo da draußen war. Auch wenn die Begegnung sehr kurz gewesen war, hatte diese Frau etwas in ihm angerührt, was er so bisher noch nie hatte erleben dürfen. „Dürfen“, genau dieses Wort traf es. Ja, er hatte etwas empfunden – Bewunderung und Begehren.
Jetzt gab es endlich ein Gesicht zu seiner Fantasie. Sein Entschluss stand fest, er würde sie suchen und finden, egal zu welchem Preis! Schließlich hatte er bisher noch alles bekommen.
*
In den frühen Morgenstunden war er wieder ins Haus gegangen. Im Wohnzimmer richtete er sich ein Bett aus Kissen und Decken her, denn er brauchte Abstand von Julia. Die Terrassentür blieb weit geöffnet, er brauchte frische Luft. Irgendwann schlief er endlich ein und wurde um sieben Uhr von seinem schrillen Handywecker aus dem Tiefschlaf gerissen. Er fühlte sich wie gerädert, sprang aber trotzdem sofort von seinem Nachtlager auf, ordnete Kissen und Decken, damit Julia nicht doch noch bemerkte, dass er im Wohnzimmer geschlafen hatte. Das würde nur wieder zu lästiger Fragerei führen, die er sich ersparen wollte. So leise wie möglich ging er hinauf ins Bad und war erleichtert, als er feststellte,
dass seine Frau noch immer schlief.
*
Als er sich nun in seinem Homeoffice gerade die nächste Zigarette anzündete, hörte er plötzlich seine Frau von unten rufen: „Evan! Ist alles in Ordnung?“ Widerwillig erhob er sich aus seinem Sessel und öffnete die Tür. Julia stand am Treppenabsatz und sah zu ihm hinauf.
„Was soll nicht in Ordnung sein?“, fragte er unwirsch.
„Na, es ist gleich zehn und du bist immer noch da. Wo bist du nur mit deinen Gedanken heute?“ Sie wartete auf eine Antwort, aber er schwieg.
„Schau doch mal auf die Uhr“, sagte sie und schüttelte ungläubig den Kopf. „Müsstest du nicht langsam mal los?“ Er sah auf seine Armbanduhr. Jetzt musste er sich tatsächlich beeilen, er verabscheute Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit.
„Danke für die Erinnerung“, antwortete er mit einem spöttischen Unterton, „aber ich weiß schon, was ich tue!“
Heute konnte und wollte er sich nicht zusammenreißen. Er hatte sowieso keine Lust mehr, sich ständig zu beherrschen und auf einen angemessenen Ton zu achten. Für einen Moment ging er in das Büro zurück, nahm seinen Aktenkoffer, lief die Treppe hinunter und ging, ohne Julia anzusehen, an ihr vorbei.
„Ciao“, sagte er und ließ die Haustür hinter sich zufallen. Bevor er den Wagen startete, rief er seine Sekretärin an und teilte ihr mit, dass er sich verspätete: „Kümmern Sie sich bitte um meinen Zehn-Uhr-Termin und entschuldigen Sie mich.“
Während der Fahrt in die Firma, die im Stadtzentrum lag, dachte er wieder an die geheimnisvolle Schönheit. Mit einer bisher nicht gekannten Aufregung und Hoffnung, sie wiederzusehen, fuhr er auf den Firmenparkplatz und – tatsächlich!
Da war sie!
Von weitem schon erkannte er ihre blonde Mähne, die der Herbstwind so durcheinanderwirbelte, dass sie noch wilder aussah.
Wow, was für eine Windsbraut, dachte er fasziniert. Sein Herz raste, aber diesmal fühlte es sich nicht bedrohlich an. Evan parkte seinen Wagen neben dem Eingang und stieg eilig aus, wobei er sie keine Sekunde aus den Augen ließ.
Er musste unbedingt herausfinden, was so eine Frau in diesem Viertel zu suchen hatte. Da er sie hier schon das zweite Mal sah, musste sie ja auch irgendetwas zu tun haben. Sie verschwand in einer der Banken. Arbeitete sie etwa dort? In diesem Aufzug? Enge Jeans, hohe Stiefel, Rucksack lässig über einer Schulter, offene Haare. Schwer vorstellbar, zu unseriös, zu unkonventionell, zu scharf …
Gut, dass sein Büro in Richtung dieser Bank lag, so konnte er den Eingang im Blick behalten. Da er nicht annahm, dass sie dort arbeitete, kam sie sicher auch bald wieder heraus. Als er sein Firmengebäude betrat, sammelte er sich, zwang sich zur Konzentration und setzte sein antrainiertes Business-Gesicht auf. Es war wie ein Programm, auf das er je nach Situation automatisch umschaltete, wie es gerade erforderlich war. Jetzt stand es auf Modus:
„Souveräner Geschäftsmann“
Seine Lieblingsrolle.
Schwungvoll öffnete er die große Glastür, die in die großzügige Eingangshalle führte. Die beiden jungen Empfangsdamen strahlten, als sie aufblickten und ihn sahen.
„Guten Morgen, Mr Maglin“, flöteten sie.
Er nickte freundlich und schenkte ihnen ein Lächeln.
„Guten Morgen, die Damen“, begrüßte er die beiden, als er vorbeimarschierte und die geschwungene Treppe hinaufging. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie sie sich vielsagende Blicke zuwarfen, tuschelten und kindisch kicherten. Dieses Schauspiel langweilte ihn, denn diese Szenerie wiederholte sich fast täglich.
Auch kamen ihm jeden Morgen immer wieder die gleichen weiblichen Büroangestellten auf dem Flur entgegen, um ihn mit einem überdrehten „Guten Morgen, Mr Maglin“ anzustrahlen. Sogar heute, obwohl er spät dran war, kamen zwei Kolleginnen auf ihn zu, die schon von weitem erwartungsvoll lächelten. Abschätzig dachte er:
Wenn ihr wüsstet, was ich in Wahrheit von euch halte.
*
Ob in der Firma, im Freundes- oder Bekanntenkreis, es fand sich immer irgendeine Frau, die ihn anhimmelte. Zwar registrierte er die Schwärmerei, ließ sich aber nichts anmerken. Hätten seine Verehrerinnen gewusst, was er über sie dachte, hätten sie ihm mit ihren künstlichen Fingernägeln die Augen ausgekratzt. Seiner Ansicht nach waren sie alle durch und durch Kunstobjekte – aufgesetztes Lachen, affektiertes Getue und immer darauf bedacht, unwiderstehlich zu wirken. Dabei glich eine der anderen, nichts weiter als nichtssagender Durchschnitt.
Evan durchschaute alles – ihre diversen Tricks und Bemühungen um ihn. Manchmal amüsierte ihn ihr Getue, aber meistens verachtete er sie, vor allem, wenn sie selbst verheiratet waren und ihn auf Teufel komm raus anmachten. Ab und zu spielte er Katz und Maus mit einer der Kandidatinnen, wenn er besonders genervt war, weil diejenige nicht aufgab, ihn anzubaggern – dann führte er sie aufs Glatteis. Seine Taktik war so subtil, dass „die Maus“ nicht bemerkte, dass er sie langsam aber sicher in den Wahnsinn trieb. Die Aktionen waren so fein abgestimmt, dass er weiterhin als ehrenwerter Gentleman durchging, garniert mit seinem „süßen Jungencharme“.
Mal sah er ihr für den Bruchteil einer Sekunde zu lange in die Augen, mal setzte er ein schüchternes Lächeln auf. Evans Taktik zielte auf das Unterbewusstsein seiner „Opfer“ ab. Nichts war greifbar, es konnte so sein oder auch nicht …
Seine Verehrerin wurde mit der Zeit immer verwirrter. Einerseits nahm sie sein vorsichtiges Interesse an ihr wahr und deutete es wohl so, dass er zu schüchtern oder zumindest zurückhaltend war. Dass er in seinen Absichten nicht deutlicher wurde, machte ihn noch aufregender. Andererseits passte sein Verhalten nicht mit seiner Ausstrahlung zusammen, denn in seinem Blick war keine Warmherzigkeit erkennbar, auch wenn er sonst nahezu perfekt war in seinem Schauspiel als schüchterner Liebhaber.
Seine perfide Show konnte seine Kälte und zynische Verachtung nicht gänzlich verbergen, die in Nuancen immer wieder zum Vorschein kamen.
Nach einer kurzen Phase des zur Schau getragenen Interesses ignorierte er die Bewerberin, was ebenfalls zum Repertoire seines Theaters gehörte. Diese Ignoranz wurde aber so gedeutet, dass er sich nicht traute, oder noch besser, dass er Angst vor seinen Gefühlen hatte und versuchte, sich dagegen zu wehren, schließlich war er ja verheiratet. Evan konnte unglaublich boshaft in sich hineingrinsen, wenn er sich nach einem besonders tiefen Blick schnell wegdrehte.
Der Reiz, den er auf diese Frauen ausübte, war so intensiv, dass sie von ihm nicht mehr lassen konnten, selbst wenn sie durch ihn an ihre Grenzen kamen – hatten sie doch die Hoffnung, dass er sich doch noch für sie entscheiden würde. Jede von ihnen wollte das Rennen machen.
Denn wäre sie diejenige, die ihn einfing, wäre es ein echter Triumph über alle anderen Frauen. Und falls er dann auch noch seine Ehefrau für sie verlassen würde, wäre es ein grandioser Sieg.
Wie erbärmlich!
In den gemeinsamen Jahren mit Julia hatte Evan sie nie betrogen und er hatte es auch nicht vor. Die Frauen, die ihn umgarnten, wussten, dass er treu war. Sein integrer Ruf eilte ihm voraus. Er hatte sich noch nie etwas zuschulden kommen lassen. Darauf legte er Wert, diesen Anspruch hatte er an sich selbst. Billige One-Night-Stands und Affären waren etwas für Loser, das hatte er nicht nötig und vor allem: Warum sollte er sich einem nichtssagenden Abenteuer hingeben? Was hätte er davon? Entweder ganz oder gar nicht.
Er wartete auf die Eine, und wenn es die nicht gab, hatte Julia nichts zu befürchten. Niemals würde er sich mit einer Frau einlassen, die ihn kaltließ. Und jede ließ ihn kalt.
Mit Unbehagen erinnerte er sich an einen Vorfall vor zwei Monaten, als eines seiner Opfer in Tränen aufgelöst vor ihm gestanden und ihm seine Liebe offenbart hatte:
„Evan, ich liebe dich“, hatte diese Frau geschluchzt.
„Bitte schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Ich habe kein Interesse!“, hatte er zur Antwort gegeben und sie stehen gelassen. Am nächsten Morgen erschien sie nicht zur Arbeit. Sie war krankgeschrieben und reichte kurz darauf die Kündigung ein. Das ließ ihn zwar völlig unberührt, allerdings war er froh, dass solche Liebesgeständnisse bisher ein Einzelfall gewesen waren – und das sollte auch so bleiben.
Er nahm sich vor, in Zukunft vorsichtiger mit seinen Spielchen zu sein, damit sich solche Peinlichkeiten nicht wiederholten. Eigentlich machte ihm dieses Theater schon lange keinen Spaß mehr, also konnte er es auch ganz bleiben lassen. Wahrscheinlich war es höchste Zeit, damit aufzuhören, bevor er riskierte, dass sich so etwas noch einmal ereignete.
*
Auf seiner Büroetage blieb Evan an einem der Fenster im Flur stehen, das den Blick auf den Parkplatz ermöglichte. Er sah hinüber zur Bank, in der die Schönheit verschwunden war. Auf keinen Fall wollte er versäumen, wenn sie das Gebäude wieder verließ. Jetzt war es sowieso schon egal, dass er dadurch noch später kam.
Er war sich heute selbst fremd …
Eine unbekannte Frau – die ihn noch dazu ignoriert hatte – interessierte ihn mehr als die hohen Ansprüche, die er an sich selbst hatte: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Pflichtbewusstsein. Es war noch nie vorgekommen, dass etwas wichtiger war als seine Arbeit.
Die Frau erschien einfach nicht – und er musste ins Büro. Sein Kunde wartete schon eine Ewigkeit auf ihn, falls er nicht bereits gegangen war.
Als er das Vorzimmer betrat, rief seine Sekretärin Mrs Short amüsiert: „Ah, Mr Maglin! Wie nett, dass Sie auch schon da sind.“
„Guten Morgen, Mrs Short. Tja, da habe ich mich heute wohl ein wenig in der Zeit vertan“, grinste er.
„‚Ein wenig‘ ist gut, mein Lieber, sehen Sie mal auf die Uhr! Sie können froh sein, dass ich mich so angeregt mit Ihrem Kunden unterhalten habe, sonst wäre der sicher schon über alle Berge. Ich habe ihm eine wilde Story aufgetischt, warum Sie nicht an Land kommen“, schimpfte Rosie Short mit gespielter Empörung. Nur sie und Sebastian, sein einziger wahrer Freund und Geschäftspartner, redeten in diesem Ton mit ihm.
„Ich danke Ihnen, dass Sie mich gerettet haben. Es kommt bestimmt nicht wieder vor, das verspreche ich Ihnen“, lächelte er. „Was haben Sie denn heute alles für mich?“
„Nun, das Übliche. Nichts, was Sie großartig überraschen würde. Ihr Kunde ist gerade in Ihr Büro gegangen, um zu telefonieren, weil er seine Termine wegen Ihnen nach hinten verschieben muss. Bis eben habe ich mit ihm Kaffee getrunken. Zum Glück hatte ich heute Morgen wieder etwas Gebäck gekauft, das ich ihm dazu reichen konnte“, meinte sie und zwinkerte ihm freundschaftlich zu.
„Gut, vielen Dank! Ach ja, wenn Mr Segal anruft, stellen Sie ihn bitte gleich durch, auch wenn ich hoffe, dass ich gerade heute von dem verschont bleibe“, sagte er und verdrehte die Augen. „Natürlich, sehr gerne“, entgegnete Mrs Short mit einem ironischen Unterton. Als er sein Büro betrat, saß sein Kunde mit einer Tasse Kaffee in einem Sessel und tippte geschäftig in sein Handy.
„Ich bitte um Entschuldigung, ich bin aufgehalten worden“, gab sich Evan zerknirscht.
„Alles bestens, machen Sie sich keine Gedanken. Ich habe mich sehr nett mit Ihrer Sekretärin unterhalten“, antwortete der Kunde freundlich.
Rosie Short ist Gold wert!
„Sehr gut, das freut mich“, antwortete Evan erleichtert.
„Dann machen wir uns an die Arbeit, wenn es Ihnen recht ist.“ Die Beratung verlief sehr positiv für beide Seiten.
Man konnte sich in allen Punkten schnell einigen, sodass das Gespräch nicht allzu lange dauerte und der Kunde zufrieden das Büro verließ.
Nach dem miesen Start in den Tag war Evan wieder etwas versöhnt und fühlte sich um einiges entspannter. Kaum war er allein im Büro, kam Mrs Short mit einem vollgepackten Kuchenteller und einer Tasse Kaffee herein und stellte alles vor ihm auf den Schreibtisch: „So, mein Junge, ich bin mir sicher, dass Sie heute noch nichts Anständiges gegessen haben, stimmt’s?“
„Was würde ich ohne Sie nur tun?“, lächelte Evan dankbar. Inzwischen hatte er tatsächlich Hunger.
„Lassen Sie es sich schmecken“, sagte sie und ging wieder in ihr Vorzimmer zurück. Seine Sekretärin war die einzige Frau in „diesem Verein“, wie Sebastian die Firma stets bezeichnete, die geradezu mütterliche Gefühle für ihn hegte.
„Sie sind wie ein Sohn für mich. Daher kann ich Ihnen natürlich auch nicht alles durchgehen lassen!“, neckte sie Evan des Öfteren, wenn er in ihren Augen zu nachlässig mit sich selbst umging und Mittagspausen ausfallen ließ.
Rosie Short war die einzige Frau, die Evan wertschätzte und von ganzem Herzen gernhatte, ehrlich achtete, respektierte und der er bedingungslos vertraute.
Ihre erfrischende Geradlinigkeit war Balsam für ihn.
Ihr hatte er es auch zu verdanken, dass sein Arbeitsplatz zu einer Oase für ihn und seine Kunden geworden war. Im Vorzimmer gab es eine Küchenzeile und ein büroeigenes Bad. Es glich mehr einer Wohnung als nur einem sterilen, kargen Büroraum, der seinen Zweck erfüllte. Überall standen exotische Pflanzen, die Mrs Short jeden Tag mit Hingabe pflegte. Auf dem Boden lagen teure Teppiche und dezente Naturbilder schmückten die Wände. An den Fenstern hingen champagnerfarbene Gardinenstores. Die Kunden fühlten sich sehr wohl und lobten die geschmackvolle, außergewöhnliche Büroeinrichtung.
*
Auch wenn Evan von Mrs Shorts Einrichtungsideen anfangs nicht gerade begeistert gewesen war, hatte er sie dennoch bei der Gestaltung gewähren lassen. Sie sprudelte über vor Enthusiasmus und fegte seine Bedenken mit den Worten: „Sie verbringen den Großteil Ihres Lebens in diesen Räumen, also lassen Sie mir gefälligst freie Hand!“, vom Tisch.
„Wie Sie meinen“, gab er sich geschlagen, war aber erst überzeugt, als das Büro vollständig mit allen Möbeln und Pflanzen fertig eingerichtet war. Sogar Sebastian war begeistert und das wollte etwas heißen:
„Wow! Nicht mal meine Wohnung hat so ein Flair, Alter. Deine Kundschaft wird gar nicht wieder gehen wollen und dich um den nächsten Termin auf Knien anflehen.“ Grinsend hatte er sich an Mrs Short gewandt:
„Echt Hammer, Rosie! Wann schlagen Sie in meinem tristen Büro auf?“
„Gar nicht, mein Junge. Sie sind mir viel zu chaotisch“, entgegnete sie. „Sie würden mir den letzten Nerv rauben.“ „Sie enttäuschen mich, Mrs Short. Allerdings müssen Sie ab sofort mit gehäuften Besuchen meinerseits in diesen heiligen Hallen rechnen.“
*
Als Evan Rosie Short vor Jahren bei der Firmeneröffnung eingestellt hatte, hatte das Bewerbungsgespräch über zwei Stunden gedauert. Er war von ihrer Offenheit, ihrem Humor und ihrer Ehrlichkeit beeindruckt, was sich bis heute nicht geändert hatte. Sie besaß all die Eigenschaften, die er vermissen ließ … In diesen Stunden unterhielten sie sich so vertraut und freundschaftlich, als kannten sie sich schon ewig.
„Erzählen Sie von sich“, begann Evan damals das Vorstellungsgespräch. „Ich möchte Sie kennenlernen.“
„Also gut, wenn Sie unbedingt wollen, dann plaudere ich gerne ein wenig aus meinem Nähkästchen. Mein Mann und ich lassen uns gerade scheiden, und ich brauche dringend eine neue Aufgabe. Leider haben wir es nicht einmal geschafft, Kinder in die Welt zu setzen. Unsere Ehe war dadurch etwas … wie soll ich sagen? Eintönig, na ja, eigentlich sehr langweilig, wenn ich ehrlich bin. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich war ja selber schuld, dass ich das so lange ausgehalten habe. Und dann bin ich auch noch krank geworden und habe nach dem Krankenhausaufenthalt in der Kur einen anderen Mann kennengelernt. Der war alles andere als langweilig! Mit dem ist es zwar nichts geworden, nichts Festes, wenn Sie verstehen, was ich meine“, erzählte sie augenzwinkernd, „aber mir wurde dadurch klar, dass ich mein Leben ändern muss. Auch wenn ich schon sechsundfünfzig bin, bin ich doch noch keine Mumie!“
„Nein, das sind Sie wahrlich nicht“, grinste Evan. Er war von dieser Dame sehr angetan, die so offenherzig ihr Leben darlegte und ihre Worte gesten- und mimikreich unterstrich. Was ihm besonders gut gefiel, war, dass sie sich selbst nicht so ernst nahm.
„Ich habe die ganzen Jahre im Büro meines Mannes mitgearbeitet. Die Arbeit war genauso trist wie er. Er ist Steuerberater, wenn Sie verstehen, das sagt alles. Eines Tages sagte ich zu mir: Rosie, krieg deinen dicken Hintern endlich hoch und fang noch mal neu an! Und hier bin ich! Ich dachte, ich melde mich einfach mal bei Ihnen, als ich die Stellenanzeige las. Ich habe ja nichts zu verlieren. Es geht mir ja auch nicht ums Geld. Wir verkaufen gerade unser gemeinsames Haus. Von dem Geld kann ich bis an mein Lebensende gut auskommen und verdient habe ich als Bürofachkraft auch nicht schlecht. Also, Mr Maglin, jetzt habe ich Sie ganz schön zugetextet, aber nun wissen Sie, mit wem Sie es zu tun kriegen, wenn Sie mich wider Erwarten einstellen würden. Allerdings glaube ich nicht, dass Sie jeden Tag so eine alte quasselnde Schabracke in ihrem Büro sitzen haben wollen“, kicherte sie.
„Sie irren! So jemanden wie Sie brauche ich hier“, antwortete Evan ernst.
„Wie bitte? Wirklich? Ich war schon ganz aus dem Häuschen, dass Sie mich überhaupt zum Vorstellungsgespräch eingeladen haben“, staunte sie ungläubig.
„Ich sagte zu meiner Nachbarin: ‚Liz, ich weiß wirklich nicht, warum mich so ein gut aussehender junger Mann zu einem Vorstellungsgespräch einlädt.‘ Und wissen Sie, was Liz geantwortet hat? Sie sagte: ‚Der will bloß sehen, was das für ein dreistes Weibsbild ist, das sich allen Ernstes einbildet, noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Und dann auch noch so eine kugelige Vogelscheuche wie du!‘“
Mrs Short lachte Tränen bei der Erinnerung an die Worte ihrer Nachbarin. „Bitte entschuldigen Sie, ich benehme mich mal wieder unmöglich“, sagte sie und wischte sich mit einem verknüllten Taschentuch über ihre Augen.
„Wann können Sie anfangen?“
Mrs Short starrte ihn mit offenem Mund an.
„Sie verscheißern mich jetzt nicht, oder?“
„Nein, ganz im Gegenteil. Genau Sie will ich hier haben.“
Sie sah ihn prüfend an und er nickte nur amüsiert.
„Also, jetzt bleibt mir echt die Spucke weg! Das muss ich gleich Liz erzählen. Die glaubt mir das nie!“
„Sagen Sie ihr einen schönen Gruß von mir.“
„Und ob ich das tun werde!“
*
Evan mochte gar nicht daran denken, irgendwann eine neue Sekretärin einstellen zu müssen.
„Was mache ich nur, wenn Sie in Rente gehen wollen?“, hatte er Rosie vor ein paar Tagen gefragt.
„Keine Sorge, mich werden Sie nicht los. Nur mit den Füßen voran werde ich dieses Büro verlassen. Vorher nicht! Das versichere ich Ihnen!“
Normalerweise fühlte Evan sich wohl, wenn er in seinem großzügigen, wohnlichen Büro seine Arbeit erledigte. Heute wollte sich das Gefühl des Wohlbefindens aber nicht einstellen, obwohl er sich, im Gegensatz zu heute Morgen, inzwischen wesentlich besser und nicht mehr ganz so angespannt fühlte. Aber die Ruhe in seinem Büro, die er sonst genoss, störte ihn mehr, als dass sie ihn beruhigte. Auch das war ungewöhnlich für ihn.
Sein Blick schweifte alle paar Minuten zu dem Eingang des gegenüberliegenden Gebäudes. Während des Kundengespräches hatte er sich so platziert, dass er immer wieder hinausschauen konnte, um zu sehen, ob die Windsbraut auf der Bildfläche erschien.
Wie sollte er so konzentriert arbeiten?
Um das Notwendige mit dem Angenehmen zu verbinden, erledigte er ein paar Anrufe. Dabei ließ er die Bank keine Sekunde unbeobachtet.
„Verdammt, die Bank hat ja noch einen Ausgang auf der
Rückseite!“, fiel ihm plötzlich ein. Er schmiss sein Telefon auf den Schreibtisch und erschrak über sich selbst. Wie konnte er sich derart gehenlassen, wegen irgendeiner Frau, die er nur zweimal gesehen hatte? Und die ihn noch dazu ignoriert hatte!
Ich bin ja nicht mehr ganz klar im Kopf!
Er war sauer auf sich selbst, dass er die Kontrolle verloren hatte. Wahrscheinlich lag es daran, dass er kaum geschlafen hatte, das machte nervös und gereizt. Das musste die Erklärung sein für all das Unangenehme an diesem Tag.
Evan war ein durch und durch rationaler Mensch. Er war der geborene Analyst, Stratege und Mathematiker. Zahlen und Statistiken waren seine Welt. Daher war er jetzt mehr als genervt über sich selbst. „Das kann doch nicht wahr sein, dass mich so etwas aus der Bahn wirft!“
„Seit wann wirft dich irgendwas aus der Bahn?“, kam es plötzlich von der Tür. Erschrocken fuhr Evan zusammen. Sebastian stand im Türrahmen und grinste ihn belustigt an.
„Äh … nichts weiter“, stammelte Evan. „Hab schlecht geschlafen. Wo kommst du denn plötzlich her? Angeklopft hast du ja anscheinend nicht, sonst hätte ich dich wohl gehört!“, sagte er gereizt. Irgendwie musste er seine Ehre wiederherstellen. Unsicherheit zu zeigen oder Schwäche – das passte nicht zu ihm!
„Nein, ich habe mich weder von Rosie anmelden lassen, noch habe ich geklopft. Ich habe ganz leise die Tür geöffnet und mich hereingeschlichen, mit Rosies Segen übrigens. Die versteht wenigstens Spaß, im Gegensatz zu dir“, spottete Sebastian. „Sonst alles okay bei dir?“, fragte sein Kollege in lauerndem Ton, den Evan überhörte; er hatte nicht vor, darauf zu reagieren. Stattdessen fragte er knapp: „Was gibt’s?“
„Ach, unser Problemkind Segal“, begann Sebastian abschätzig. „Der wollte anscheinend nicht mehr länger warten, und anstatt uns erst einmal anzurufen, sitzt er bereits im Konferenzraum …“
„Na prima“, seufzte Evan, das konnte er jetzt auch noch gebrauchen. Nun war wieder einmal sein Improvisationstalent gefragt.
„Dann lass uns gehen. Ich hoffe, wir kriegen den Typen endlich klein!“ Er schnappte sich den Ordner mit Segals Unterlagen, der griffbereit neben seiner Telefonanlage lag.
„Dein Wort in Gottes Gehörgang“, seufzte Sebastian und verließ mit Evan das Büro.
„Wir müssen in den Konferenzraum, der Segal ist da“, informierte Evan seine Sekretärin.
„Viel Spaß!“, flötete Mrs Short, wofür sie einen vernichtenden Blick von Sebastian kassierte.
„Sagen Sie alle Termine für heute ab“, rief Evan ihr zu, als er schon zur Tür hinaus war. „Das kann Stunden dauern!“
„Alles klar!“ Evan konnte das Lachen in Rosies Stimme hören. So wie er sie kannte, würde sie sich etwas einfallen lassen, um die angespannte Situation mit diesem Segal aufzulockern. Die beiden machten sich in Richtung Konferenzraum auf, während Sebastian die ganze Zeit vor sich hin schimpfte: „Blöder Mist, der versaut einem den ganzen Tag!
Als hätte ich nichts Besseres zu tun!“
*
Sebastian war kurz nach Firmengründung als Geschäftspartner in Evans Team gekommen. Auch er hatte Evan mit seiner natürlichen Art, seinem Sinn für Ironie und schwarzen Humor imponiert. Bei beiden Männern war es Sympathie auf den ersten Blick gewesen. Schon bald wurden sie Freunde, was für Evan untypisch war, denn als Freund konnte und wollte er keinen seiner unzähligen Bekannten bezeichnen. Sebastian war eine Ausnahme, ihm vertraute er, allerdings hatte auch dieses Vertrauen seine Grenzen.
Sein Kollege war zehn Jahre jünger als er. Im Gegensatz zu Evan versuchte er bei jeder hübschen Frau sein Glück, die „nicht bei drei auf dem Baum war“, wie Evan es nannte.
„Solange ich meine absolute Traumfrau nicht gefunden habe, muss ich ja wohl alles testen, was auf dem Markt ist, oder?“, war Sebastians Meinung dazu.
„Ja, mach nur, mein Freund. Ich hoffe, du findest, was du suchst“, entgegnete Evan und musste aufpassen, nicht allzu resigniert zu klingen.
„Wenn ich auch mal so ein Sahneschnittchen wie deine Julia eingefangen habe, lasse ich es dich wissen“, hatte Sebastian theatralisch geseufzt. „So ein Glück wie du hat nicht jeder.“
Evan erwiderte nichts darauf.
Zwar vertraute er Sebastian als Mensch und Kollege, aber sogar ihn ließ er in dem Glauben, dass sein Leben perfekt und er zufrieden war. Vielleicht würde er ihm eines Tages anvertrauen, dass er Julia nie geliebt hatte, aber jetzt war er noch nicht soweit. Bis jetzt war er noch in dem Stadium, dass ja eigentlich alles in Ordnung war.
Daran wollte er auch vorerst nicht rühren. Außerdem hatte er nicht vor, seinem Freund die Illusion zu nehmen, dass es die einzig wahre Liebe wahrscheinlich gar nicht gab.
*
„Hey, hörst du mir eigentlich zu?“, fragte Sebastian ungeduldig. „Ich labere hier vor mich hin …“
„Was? Nein! Ich muss mich auf unseren Kunden konzentrieren, der uns seit Monaten in Atem hält mit seinen ständig wechselnden Sonderwünschen“, erwiderte er gereizt. „Wir sind da.“
Sebastian atmete tief ein. Evan öffnete die Tür zum Konferenzsaal. „Guten Tag, Mr Segal, wie nett! Schön, Sie zu sehen!“, begrüßte er den nicht sehr sympathischen Klienten. Sebastian versuchte, sich ebenfalls ein Lächeln abzuringen, sparte sich allerdings irgendwelche Floskeln – das war nicht seine Art.
Die Show konnte beginnen.
Prachtexemplar
Irritiert stand Julia an der Treppe, als Evan schon längst aus dem Haus war. In so einem Ton hatte er noch nie mit ihr geredet. Ihr kam es so vor, als wollte er an diesem Morgen nichts mit ihr zu tun haben. Sie hatte ihn auch nicht telefonieren gehört, als er in seinem Büro verschwunden war, aber sie konnte sich nicht erklären, was mit ihm los war.
Wahrscheinlich hat er Stress bei der Arbeit, dachte sie und ging zurück in die Küche, um das Frühstücksgeschirr wegzuräumen.
Als sie etwas später aus dem Haus ging, um einkaufen zu fahren, machte sie sich noch immer Gedanken über das abweisende Verhalten ihres Mannes. Zwar war sie es gewohnt, dass er vor allem morgens keine Lust hatte, sich zu unterhalten, aber bisher war er immer zugänglich gewesen und nicht so gereizt und unleidlich wie heute. Irgendetwas hatte er von „schlecht geschlafen“ gesagt, fiel ihr wieder ein. Ihrer Meinung nach lebte er viel zu ungesund. Oft vergaß er zu essen, aber dafür rauchte er umso mehr. Schrecklich fand sie das, aber es war ihm einfach nicht abzugewöhnen.
