Der Schiffsjunge - John Boyne - E-Book

Der Schiffsjunge E-Book

John Boyne

4,6
9,99 €

Beschreibung

Portsmouth 1787: John Jacob Turnstile ist gerade mal 14, ein Meister in Taschendiebstahl und so einigen anderen Gaunereien. Sein Leben ändert sich schlagartig, als er eines Tages erwischt wird. Doch statt im Gefängnis, landet er auf der Bounty. Unter Kapitän Bligh segeln sie in die Südsee, mit der Mission, auf Tahiti Setzlinge des Brotfruchtbaumes einzusammeln. Ein Abenteuer, dessen Ausgang bekannt ist. Hier aber wird die Geschichte erstmalig aus der Perspektive des Schiffsjungen erzählt. Die Ereignisse, Kapitän Bligh und seine Mannschaft erscheinem in einem komplett neuen Licht. Es ist als würde man von der Meuterei auf der Bounty zum ersten Mal hören. Spannend, aufwühlend und atemlos. Sie kennen die Geschichte der Meuterei auf der Bounty? ›Der Schiffsjunge‹ erzählt sie neu, unerwartet und verblüffend.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 736




John Boyne

Der Schiffsjunge

Die wahre Geschichte der Meuterei auf der Bounty

Aus dem Englischen von Andreas Heckmann

Fischer e-books

Für Con

Erster TeilDas Angebot

Portsmouth, 23. Dezember 1787

Erstes Kapitel

Ein Gentleman, ein groß gewachsener Mann mit überlegenem Auftreten, hatte einst die Angewohnheit, sich am ersten Sonntag jeden Monats auf den Markt von Portsmouth zu begeben, um seine Bibliothek zu vervollständigen.

Anfangs erkannte ich ihn an der Kutsche, in der sein Diener ihn fuhr. So was von einem tiefen Schwarz hatte ich noch nie gesehen, aber oben war sie mit einer Reihe silberner Sterne bemalt, als interessierte er sich für eine Welt jenseits der unseren. Er verbrachte fast den ganzen Vormittag damit, die Bücherkisten vor den Läden zu durchstöbern oder mit den Fingern über die Rücken der Bände zu streichen, die drinnen in den Regalen standen. Manche zog er heraus, um einen Blick auf den Inhalt zu werfen, bei anderen prüfte er die Bindung, indem er sie von einer Hand in die andere gleiten ließ. Manchem rückte er derart zu Leibe, dass er nachgerade die Tinte von den Seiten schnüffelte – ungelogen. Bisweilen schleppte er ganze Kisten von Büchern ab, die mit einem Hanfseil auf der Kutsche festgezurrt werden mussten, um nicht herunterzufallen. An anderen Tagen war er glücklich, überhaupt ein Bändchen entdeckt zu haben, das ihn interessierte. Doch während er eine Gelegenheit fand, seine Börse durch solche Einkäufe zu erleichtern, suchte ich eine Gelegenheit, seine Taschen um seine Habe zu erleichtern, denn das war damals mein Beruf. Oder doch einer meiner Berufe. Ich nahm ihm hin und wieder ein paar Taschentücher ab, und ein Mädchen, das ich kannte – Floss Mackey –, trennte für einen Viertelpenny sein Monogramm MZ heraus, sodass ich sie für einen Penny an eine Wäscherin verkaufen konnte, und die wiederum schlug regelmäßig einen hübschen Gewinn daraus, der für Gin und Pökelfleisch reichte. Einmal legte er seinen Hut auf die Auslage einer Kurzwarenhandlung, und auch den nahm ich mir und verkaufte ihn für eine Tüte Murmeln und eine Krähenfeder. Bei Gelegenheit versuchte ich, an seine Brieftasche zu kommen, doch er trug sie wohlverwahrt, wie die Gentlemen das zu tun pflegen, und als ich ihn sie ziehen und den Buchhändler bezahlen sah, wusste ich sofort, dass er jemand war, der seine Barschaft gern bei sich hatte, und beschloss, sie würde eines Tages mir gehören.

Ich erwähne diesen Mann gleich zu Anfang dieser Geschichte, weil ich von einem Vorfall erzählen möchte, der sich an so einem sonntäglichen Marktvormittag zutrug, an dem es für die Weihnachtszeit ungewöhnlich warm und auf den Straßen ungewöhnlich ruhig war. Dass zu dieser Stunde nicht mehr Damen und Herren ihre Einkäufe tätigten, betrübte mich, da ich auf ein spezielles Weihnachtsessen spechtete, mit dem zwei Tage später die Geburt des Erlösers gefeiert werden sollte und für das mir noch die nötigen Schillinge fehlten. Doch da kam er auch schon, mein Gentleman, im Sonntagsstaat und dezent parfümiert, und ich hielt mich im Hintergrund und lauerte auf den richtigen Augenblick zum Zuschlagen. An sich hätte es einer Herde wildgewordener Elefanten bedurft, um ihn von seinem Bücherstreifzug abzulenken, doch an diesem Dezembermorgen kam es ihm in den Sinn, in meine Richtung zu schauen, und einen Moment lang glaubte ich, er hätte mich ertappt und es wäre um mich geschehen, obwohl ich den Diebstahl doch erst noch begehen musste.

»Guten Morgen, mein Junge«, sagte er, wobei er die Brille abnahm und zu mir herübersah, auch ein wenig lächelte – ganz der große Gönner. »Und es ist ein herrlicher Morgen, nicht wahr?«

»Sofern man zu Weihnachten Sonne mag, was ich nicht tue«, erwiderte ich dreist.

Der Gentleman dachte kurz nach, kniff die Augen zusammen und musterte mich mit leicht zur Seite geneigtem Kopf. »Na, das ist mal eine Antwort«, sagte er und klang, als wüsste er nicht recht, ob er sie gutheißen sollte. »Schnee wäre dir wohl lieber, was? Wie den meisten Jungen.«

»Jungen vielleicht«, gab ich zurück und richtete mich zu voller Länge auf, nicht annähernd so groß wie er, aber größer als manch anderer. »Männern nicht.«

Er lächelte ein wenig und fuhr fort, mich zu betrachten. »Ich bitte um Verzeihung«, sagte er, und ich glaubte, einen schwachen Akzent zu hören, Französisch vielleicht, obwohl er ihn gut verbarg, wie es ja wohl angebracht war. »Ich wollte Euch nicht beleidigen. Ihr seid offensichtlich von achtbarem Alter.«

»Schon gut«, sagte ich und verbeugte mich knapp. Zwei Tage zuvor, zur Wintersonnenwende, war ich vierzehn geworden und hatte beschlossen, mich fortan von niemandem mehr von oben herab anreden zu lassen.

»Habe ich Euch hier nicht schon öfter gesehen?«, fragte er mich, und ich dachte daran, ihn einfach stehen zu lassen, da ich weder Zeit noch Lust zu einer Unterhaltung hatte, hielt aber erst einmal meine Stellung. Wenn er ein Franzmann war, wie ich glaubte, dann war ich hier zu Hause, nicht er. Schließlich war ich Engländer.

»Kann schon sein«, gab ich zurück. »Ich wohne ganz in der Nähe.«

»Und darf ich fragen, ob ich in Euch einen geistesverwandten Liebhaber der Künste gefunden habe?«, fuhr er fort. Nachdenklich die Stirn runzelnd, kaute ich auf seinen Worten herum wie auf einem zähen Stück Fleisch und beulte mit der Zunge die Backe aus: Eine Missgeburt, die mal beim Abdecker landet, nennt Jenny Dunston mich immer, wenn ich das mache. Das haben sie so an sich, die Gentlemen: Sie gebrauchen nie fünf Worte, wenn es auch fünfzig tun. »Ich nehme an, die Liebe zur Literatur hat Euch hergeführt?«, fragte er dann, und ich dachte, jetzt reicht's, und war drauf und dran, ihm einen Fluch an den Kopf zu werfen und auf dem Absatz kehrt zu machen, um mir ein anderes Opfer zu suchen, als er ein gewaltiges Lachen ausstieß, als wäre ich ein Einfaltspinsel, und mir das Buch, das er in der Hand hatte, hinhielt. »Ihr mögt Bücher?«, kam er endlich zur Sache. »Ihr lest gern?«

»Allerdings«, gab ich nach kurzem Überlegen zu. »Aber ich habe nur selten Bücher zum Lesen.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte er mit einem Blick auf meinen Aufzug leise und schloss aus den zusammengewürfelten Sachen, in denen ich steckte, vermutlich darauf, dass ich im Augenblick nicht übermäßig mit Reichtum gesegnet war. »Dabei sollte ein junger Bursche wie Ihr stets Zugang zu Büchern haben. Sie bereichern den Geist, nicht wahr. Sie werfen alle erdenklichen Fragen auf und helfen uns, unsere Stellung in der Welt etwas besser zu verstehen.«

Ich nickte und sah weg. Es gehörte nicht gerade zu meinen Gewohnheiten, mit Gentlemen ins Gespräch zu kommen, und der Teufel sollte mich holen, wenn ich das an diesem Vormittag änderte.

»Ich frage nur …«, fuhr er fort, als wäre er der Erzbischof von Canterbury und im Begriff, eine Predigt zu halten, ohne sich davon entmutigen zu lassen, nur einen einzigen Zuhörer zu haben, »ich frage nur, weil ich das sichere Gefühl habe, Euch hier schon gesehen zu haben. Auf dem Markt, meine ich, und besonders bei den Bücherständen. Und zufällig achte ich junge Leser sehr hoch. Meinen Neffen kann ich leider nicht mal dazu bringen, ein Buch auch nur aufzuschlagen.«

Tatsächlich hielt ich mich gewöhnlich bei den Bücherständen auf, aber nur, weil sich dort gut Beute machen ließ, denn wer außer Leuten mit Geld kann sich schon Bücher leisten? Doch obwohl seine Frage nicht vorwurfsvoll gemeint war, verstimmte sie mich, und so beschloss ich, noch ein wenig mitzumachen und zu sehen, wie ich ihn drankriegen konnte.

»Stimmt schon, ich lese gern«, sagte ich also, rieb mir die Hände und klang dabei wie der studierte Sohn des Duke of Devonshire im Sonntagsstaat, die Ohren gewaschen und die Zähne geputzt. »Doch, wirklich. Ich habe sogar vor, einmal nach China zu reisen, wenn ich mich von meinen gegenwärtigen Verpflichtungen freimachen kann.«

»China?«, fragte der Gentleman da und gaffte mich an, als hätte ich zwanzig Köpfe. »Verzeihung, aber sagtet Ihr China?«

»Allerdings«, erwiderte ich mit knapper Verbeugung und malte mir einen Moment lang aus, er werde mich vielleicht als seinen Burschen anstellen und fein einkleiden, falls er mich für gebildet hielte; das hätte zwar eine Veränderung meiner Situation bedeutet, aber vielleicht keine unangenehme.

Er gaffte weiter, und ich vermutete, ihn vielleicht falsch verstanden zu haben, denn was ich gesagt hatte, schien ihn völlig verwirrt zu haben. Um ehrlich zu sein, hatte Mr Lewis – der Mann, der sich damals um mich kümmerte und in dessen Haus ich wohnte, solange ich mich erinnern konnte – mir in meinem Leben nur zwei Bücher zu lesen gegeben, und beide spielten zufällig in genau jenem fernen Land. Im ersten Buch ging es um einen Mann, der auf einem kaum noch seetauglichen Schiff dorthin gesegelt war und vom Kaiser persönlich einen ganzen Rattenschwanz von Aufgaben gestellt bekam, ehe er dessen Tochter heiraten durfte. Das zweite Buch war eine schweinische Geschichte mit Bildern, die Mr Lewis mir ab und an zeigte, wobei er mich fragte, ob mich das errege.

»Offen gesagt, Sir«, setzte ich hinzu, trat näher und musterte mit einem kurzen Blick seine Taschen, ob nicht vielleicht ein, zwei Schnupftücher heraussahen und sich nach Befreiung und einem neuen Besitzer sehnten, »habe ich sogar den Wunsch, selbst einmal ein Bücherschreiber zu werden, wenn ich erwachsen bin.«

»Ein Bücherschreiber«, sagte er lachend, und ich erstarrte mit versteinertem Gesicht. Gentlemen wie er verhalten sich alle so. Sie mögen sich freundlich geben, wenn sie mit dir reden, doch kaum äußerst du den Wunsch, etwas aus dir zu machen, vielleicht selbst einmal ein Gentleman zu sein, schon halten sie dich für einen Spinner.

»Verzeiht«, sagte er, als er meine missbilligende Miene sah. »Ich wollte mich nicht lustig machen, das versichere ich Euch – im Gegenteil: Ich heiße Euren Ehrgeiz gut. Ihr habt mich nur erstaunt. Ein Bücherschreiber«, wiederholte er, als ich schwieg und seine Entschuldigung weder annahm noch ausschlug. »Nun, da wünsche ich Euch alles Gute, Master –«

»Turnstile, Sir«, sagte ich und verbeugte mich erneut aus Gewohnheit – einer Gewohnheit, die ich abzulegen versuchte, sollte ich wohl hinzufügen, denn mein Rücken brauchte diese Übung so wenig wie Gentlemen das Liebedienern brauchen. »John Jacob Turnstile.«

»Dann wünsche ich Euch alles Gute dabei, Master John Jacob Turnstile«, sagte er mit einer Stimme, die beinahe angenehm klang. »Denn die Künste sind eine wunderbare Beschäftigung für jeden jungen Menschen, der höher hinaus will. Übrigens widme auch ich mein Leben ihrem Studium und ihrer Unterstützung. Ich bekenne gern, dass ich von Kindesbeinen an ein leidenschaftlicher Bücherfreund war, was mein Leben bereichert und meinen Abenden herrlichste Gesellschaft beschert hat. Die Welt braucht gute Erzähler, und vielleicht werdet Ihr ja einer, falls Ihr Eure Ziele verfolgt. Ihr beherrscht das Alphabet?«, fragte er und legte den Kopf ein wenig schief wie ein Schulmeister, der auf Antwort wartet.

»A, B, C«, erwiderte ich so hochtrabend wie möglich. »Gefolgt von ihren Kameraden D bis Z.«

»Und Ihr habt eine schöne Handschrift?«

»Der Mann, der sich um mich kümmert, sagt, meine Schrift ähnelt der seiner Mutter, und die war eine Amme.«

»Dann schlage ich vor, dass Ihr Euch so viel Papier und Tinte besorgt, wie Ihr erschwingen könnt, junger Mann«, sagte der Gentleman. »Und macht Euch sofort daran, denn diese Kunst ist langwierig und erfordert viel Konzentration und Feinschliff. Ihr hofft natürlich, Euer Glück damit zu machen?«

»Allerdings, Sir«, antwortete ich … und dann geschah etwas sehr Merkwürdiges! Ich stellte fest, dass ich ihm schon gar keinen Bären mehr aufband, sondern mir überlegte, wie großartig das in der Tat wäre. Denn es stimmte, ich hatte die Geschichten wirklich gemocht, die ich über China gelesen hatte, und ich verbrachte die meiste Zeit bei den Bücherständen auf dem Markt, obwohl alle Welt wusste, dass es in der Nähe der Stoffgeschäfte und Gaststätten mehr zu holen gab.

Der Gentleman schien mit mir fertig zu sein und setzte sich die Brille wieder auf die Nase, doch ehe er sich abwandte, ermannte ich mich, ihm eine Frage zu stellen.

»Sir«, sagte ich, und die Anspannung war meiner Stimme nun doch anzumerken, weshalb ich sie senkte. »Sir, darf ich Euch etwas fragen?«

»Ja?«, erwiderte er.

»Wenn ich ein Bücherschreiber werden wollte«, begann ich und wählte meine Worte mit Bedacht, um eine brauchbare Antwort von ihm zu bekommen, »wenn ich das wirklich versuchen wollte, da ich das Alphabet beherrsche und eine gute Handschrift habe – womit genau sollte ich beginnen?«

Der Gentleman lachte ein wenig und zuckte die Achseln. »Um ehrlich zu sein, habe ich nie eine künstlerische Berufung verspürt«, erwiderte er schließlich. »Ich bin eher Mäzen als Künstler. Aber wenn ich eine Geschichte erzählen wollte, würde ich wohl versuchen, den allerersten Anstoß ausfindig zu machen, den Punkt, der die ganze Sache ins Rollen gebracht hat. Und von dort aus würde ich meine Geschichte beginnen.«

Dann verabschiedete er mich mit einem Nicken, wandte sich wieder den Büchern zu und überließ mich meinen Gedanken.

Der allererste Anstoß. Der Moment, der die ganze Sache ins Rollen gebracht hat.

Ich erwähne das hier und jetzt, weil der Moment, der meine Sache ins Rollen brachte, eben diese Begegnung mit dem französischen Gentleman zwei Tage vor Weihnachten war, ohne die ich die hellen und dunklen Tage, die folgen sollten, wohl nie erlebt hätte. Wäre er nämlich an jenem Vormittag nicht dort in Portsmouth gewesen und hätte er nicht seine Taschenuhr allzu verlockend aus seinem Paletot lugen lassen, hätte ich mich ihm wohl nie genähert und hätte sie nie aus der luxuriösen Wärme seines Wintermantels gezogen und in die kalten Tiefen des meinigen überführt. Und höchstwahrscheinlich wäre ich dann nicht so bedachtsam und ein munteres Liedlein pfeifend davongeschlendert, wie ich es gelernt hatte, um mir den lässigen Anschein eines Jungen zu geben, der ganz arglos seiner ehrlichen Arbeit nachgeht. Und ganz sicher hätte ich nicht den Eingang des Marktes angesteuert und mich in dem befriedigenden Gefühl gewiegt, meinen morgendlichen Verdienst schon in der Tasche zu haben, Mr Lewis bezahlen und mir in zwei Tagen gewiss ein Weihnachtsessen leisten zu können.

Und wenn ich das nicht getan hätte, wäre mir auf jeden Fall das Vergnügen versagt geblieben, das durchdringende Pfeifen eines Blauen zu hören und die Menge sich zornigen Blicks und mit zum Losschnellen bereiten Gliedern nach mir umblicken zu sehen. Auch wäre ich nicht mit dem Kopf knirschend aufs Pflaster geschlagen, nachdem ein hochmoralisches Riesenrindvieh sich auf mich gestürzt und mich an den Füßen gepackt hatte, so dass ich bäuchlings auf dem Boden landete.

Nichts von alledem wäre wohl passiert, und ich hätte nie eine Geschichte zu erzählen gehabt.

Ist es aber. Und habe ich aber. Und diese Geschichte geht so:

Zweites Kapitel

Man hatte mich geschnappt! Ich wurde gequirlt wie ein Ei, ja schaumig geschlagen. In solchen Momenten gehört dir dein Leben nicht – andere greifen dich und zwingen dich, dorthin zu gehen, wohin du nicht willst. Und ich, der ich in meinen vierzehn Jahren genügend solcher Augenblicke erlebt hatte, hätte es wissen sollen. Aber sobald diese Pfeife ertönt und die Menge ringsum sich zu dir umwendet, dich mit bösen Augen fixiert und bereit ist, dich anzuklagen, vor Gericht zu zerren und zu verurteilen, kannst du genauso gut auf die Knie sinken und darum beten, dich in Luft aufzulösen, denn du hast eigentlich keine Chance, ohne blutige Nase oder blaues Auge davonzukommen.

»Ihr da, zurück!«, kam ein Ruf von außerhalb des Gedränges, ohne dass ich – unter der Last von vier Händlern und einer einfältigen Frau begraben, die sich auf den Haufen geworfen hatte, vor Lachen kreischte, in die Hände klatschte und das ganze Jahr über noch keinen solchen Spaß gehabt zu haben schien – hätte einschätzen können, von wem. »Zurück, sonst wird der Junge zerquetscht!«

Dass jemand Partei für einen jungen Schurken wie mich ergriff, hörte man selten, und ich beschloss, dem, der diese Worte gerufen hatte, anerkennend zuzunicken, falls ich je wieder ans Tageslicht käme. Da ich wusste, welch schimpfliche Behandlung am Horizont lauerte, war ich jedoch froh, für kurze Zeit – die Nase in eine Orangenschale gepresst, das Kerngehäuse eines verfaulten Apfels an den Lippen – ausgestreckt auf dem Pflaster zu liegen. Lästig war allerdings der verdammt große Hintern, der an meinem rechten Ohr rieb.

Dann aber öffnete sich ein heller Spalt im Gewusel der Körper über mir. Die fünf erhoben sich nacheinander, und das lastende Gewicht wurde leichter. Als auch der Mann mit dem großen Hintern sich von meinem Kopf erhoben hatte, lag ich noch einen Moment lang flach am Boden und blickte auf, um meine Möglichkeiten zu taxieren, sah aber nur die Hand eines Blauen, die mich ohne Federlesen am Revers griff.

»Aufgestanden, Junge«, sagte er und zog mich auf die Beine. Zu meiner Schande stolperte ich ein wenig, ehe ich mein Gleichgewicht fand, und die Schaulustigen amüsierten sich über mich.

»Er ist betrunken«, rief einer – eine Verleumdung, da ich vor dem Mittagessen nie etwas trinke.

»Ein junger Dieb, ja?«, fragte der Blaue, ohne sich um den Mann zu kümmern, der diese Lüge gerufen hatte.

»Einen jungen Dieb hat’s gegeben«, sagte ich, begann, mich abzuklopfen, und überlegte, wie weit ich käme, falls er seinen Griff ein wenig lockern und ich fliehen würde. »Er wollte mit der Taschenuhr des Gentlemans verduften, und hätte ich ihn nicht geschnappt und nach den Blauen gerufen, wäre ihm das auch gelungen. Ein Held bin ich, doch dann sind all diese Leute auf mich gesprungen und hätten mich beinahe erdrückt. Der Dieb«, setzte ich hinzu und zeigte in eine Richtung, was alle kurz den Kopf drehen ließ, ehe sie sich mir wieder zuwandten, »ist da entlang geflohen.«

Ich ließ den Blick schweifen, versuchte, die Reaktion der Leute einzuschätzen, und wusste genau, dass sie nicht dumm genug waren, mir eine solche Lüge abzukaufen. Doch ich hatte mir aus dem Stegreif etwas ausdenken müssen, und etwas Besseres war mir auf die Schnelle nicht eingefallen.

»Ein Ire war’s«, setzte ich hinzu, denn die Iren waren in Portsmouth wegen ihrer schmutzigen Sitten, ihrer schlechten Manieren und ihrer Gewohnheit verhasst, sich mit ihren Schwestern fortzupflanzen. Darum war es leicht, ihnen für alles, was außerhalb von Anstand und Gesetz lag, die Schuld zu geben. »Er hat in einer Sprache gequasselt, die ich nicht verstanden habe. Außerdem hatte er rote Haare und große, vorquellende Augen.«

»Wenn das so ist«, sagte der Blaue, der sich so mächtig über mir aufgebaut hatte, als wollte er sich gleich in die Luft erheben, »was ist dann das?« Er griff in meine Tasche und zog die Uhr des französischen Gentlemans heraus. Ich starrte darauf, und die Augen sprangen mir vor Staunen fast aus den Höhlen.

»Der Lausebengel«, rief ich mit zunehmender Empörung. »Der Wandale und Bösewicht! Oh, ich bin erledigt! Er war’s, er hat sie dort hingetan, ehe er geflohen ist – ungelogen! Das machen die, wenn sie wissen, dass sie ertappt sind. Sie versuchen, einem anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Wozu sollte ich denn eine Uhr brauchen? Meine Zeit gehört mir!«

»Spar dir die Lügen!«, sagte der Blaue, schüttelte mich um der Wirkung willen erneut und tastete mich auf eine Art ab, die ihn – da bin ich mir sicher – erregt hat. »Schauen wir mal, was du noch auf die Seite geschafft hast, du Gauner. Bestimmt hast du den ganzen Vormittag über gestohlen.«

»Kein Stück!«, rief ich. »Ich werde zu Unrecht beschuldigt! Hört mich an!« Ich appellierte an die Menge ringsum, doch was glaubt ihr, was geschah? Die einfältige Frau trat heran und steckte mir die Zunge ins Ohr! Ich zuckte zurück, denn nur der Erlöser mochte wissen, wo diese Zunge zuvor gewesen war, und ich wollte mir keinen Tripper holen.

»Schluss jetzt, Nancy«, sagte der Blaue, und sie trat zurück, streckte mir ihre eklige Zunge aber trotzig heraus. Was hätte ich für ein frisch geschliffenes Messer gegeben! Im Handumdrehen hätte ich ihr die Zunge abgeschnitten!

»Der gehört gehängt«, rief einer, von dem ich wusste, dass er jeden Penny, den er mit seinen Obstständen verdiente, für Gin ausgab und nicht berufen war, mich anzuklagen.

»Überlasst ihn uns, Sir«, rief ein anderer, der selbst ein- oder zweimal im Gefängnis gesessen hatte und deshalb für mich hätte Partei ergreifen sollen. »Überlasst ihn uns, und wir lehren ihn ein paar Dinge darüber, was ihm und was uns Übrigen gehört.«

»Herr Wachtmeister, bitte …«, kam eine kultiviertere Stimme, und wer schob sich durch die Menge? Der französische Gentleman, der jedes Recht gehabt hätte, meiner Seele ewige Verdammnis zu wünschen, in dem ich nun aber denjenigen erkannte, der Minuten zuvor meine Vernichtung unter dem Haufen stinkender Körper hatte verhindern wollen. Die Menge, die einen Herrn spürte, teilte sich, als sei er Moses und sie das Rote Meer. Sogar der Blaue lockerte seinen Griff ein wenig und stierte. Das bewirken eine gepflegte Stimme und ein feiner Paletot, und ich beschloss in diesem Moment, beides eines Tages zu besitzen.

»Guten Morgen, Sir«, sagte der Blaue und gab seiner Stimme etwas Vornehmeres, der räudige Hund, um dem Gentleman von Gleich zu Gleich zu begegnen. »Seid Ihr das Opfer dieses Schurken?«

»Herr Wachtmeister, ich glaube, ich kann für den Jungen bürgen«, gab er zurück und klang, als sei der ganze Schlamassel seine Schuld und nicht meine. »Meine Taschenuhr hing unheilvoll aus meinem Mantel und drohte, aufs Pflaster zu fallen, und nicht einmal ein Meister seines Fachs hätte den Schaden reparieren können. Ich glaube, der Junge hat sie nur genommen, um sie mir zurückzugeben. Wir hatten uns über Literatur unterhalten.«

Es war kurz still, und ich muss gestehen, dass ich seine Worte beinahe selbst geglaubt hätte. War ich an diesem unglücklichen Ereignis vielleicht völlig unschuldig? Würde ich ohne weiteren Angriff auf meine Person und meinen guten Namen auf freien Fuß gesetzt werden und zudem womöglich von einer hochgestellten Persönlichkeit ein Empfehlungsschreiben bekommen? Ich sah den Blauen an, der über die Worte des Gentlemans nachdachte, doch die Menge, die ihren Spaß zu Ende gehen spürte und befürchtete, hier würde in den Lauf der Gerechtigkeit eingegriffen und die angemessene Strafe abgebogen, nahm statt seiner die Keule.

»Das ist Schwindel, Herr Wachtmeister!«, rief einer und stieß die Worte so heftig hervor, dass ich mich ducken musste, um seine Spucke nicht abzubekommen. »Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er die Uhr eingesteckt hat.«

»Das habt Ihr gesehen, ja?«

»Und es ist nicht das erste Mal«, schrie ein anderer. »Er hat mir vor ein paar Tagen fünf Äpfel abgenommen, ohne dass ich einen Penny dafür gesehen habe.«

»Eure Äpfel würde ich nicht essen«, rief ich zurück, denn das war eine schreckliche Lüge. Ich hatte bloß vier Boskop und einen Granatapfel für eine Nachspeise auf die Seite geschafft. »Die sind doch voller Würmer – jeder einzelne!«

»Das darf er nicht sagen!«, rief die Frau neben ihm, seine alte Hexe von Gattin, deren Gesicht allein einen schon zum Schielen brachte. »Wir haben ein florierendes Geschäft«, fügte sie hinzu und wandte sich mit ausgestreckten Armen an die Umstehenden. »Ein florierendes Geschäft!«

»Der Junge ist verdorben«, rief ein anderer. Sie hatten einfach Blut geleckt. In so einem Moment möchte man dem Mob nicht allein gegenüberstehen, und so war ich beinahe froh, dass der Blaue da war, denn sonst hätten sie mich womöglich in Stücke gerissen – französischer Gentleman hin oder her.

»Herr Wachtmeister, bitte«, sagte der nun, trat näher und nahm die Uhr wieder an sich, wie mir auffiel, da der Blaue sie sonst gewiss kurzerhand eingesteckt hätte. »Der Junge könnte bestimmt auf eigene Gefahr entlassen werden. Bereust du deine Taten, Kind?«, fragte er mich, und diesmal hielt ich mich nicht damit auf, ihn wegen der Anrede zu korrigieren.

»Ob ich sie bereue?«, fragte ich zurück. »Gott ist mein Zeuge, dass ich sie alle bereue. Ich weiß wirklich nicht, was über mich gekommen ist. Zweifellos der Teufel. Aber ich bereue zu Ehren des Weihnachtstages. Ich bereue all meine Sünden und schwöre, dass ich von diesem Platz gehen und nie mehr sündigen werde. Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht scheiden«, fügte ich hinzu, denn ich erinnerte mich der wenigen Sätze, die ich von der Frohen Botschaft vernommen hatte, und reihte sie aneinander, um allen meine Ergebenheit zu zeigen.

»Er bereut, Herr Wachtmeister«, verkündete der französische Gentleman mit großmütig geöffneten Armen.

»Aber er hat den Diebstahl zugegeben!«, brüllte ein Mann, auf dessen dickem Bauch eine Katze herrlich hätte schlafen können. »Schafft ihn weg! Sperrt ihn ein! Peitscht ihn aus! Er hat das Verbrechen gestanden!«

Der Blaue schüttelte den Kopf und sah mich an. Zwischen seinen beiden Vorderzähnen waren Essensreste zu sehen, die ich für Eintopf hielt; der bloße Anblick ekelte mich. »Du bist festgenommen«, teilte er mir in ernstem Ton mit. »Du musst für dein abscheuliches Verbrechen büßen.«

Jubelnd feierte die Menge ihren frisch gekürten Helden und drehte sich um, als ein Wagen zu hören war, der hinter dem des französischen Gentlemans auftauchte und bei dem es sich um den Brougham des Blauen handelte. Mir sank der Mut, als ich einen weiteren Blauen auf dem Kutschbock sah. Im Nu war er abgestiegen und sperrte die Hecktüren auf.

»Komm jetzt«, rief der Erste dröhnend, damit alle es hörten. »Am Ende unserer Reise erwartet dich dein Richter, du kannst also schon anfangen zu zittern.« Er hätte als Schmierenkomödiant auftreten sollen – ungelogen!

Die Falle war zugeschnappt, und ich wusste es, stemmte die Absätze aber trotzdem zwischen die Pflastersteine. Erstmals bereute ich meine Taten wirklich, jedoch nicht aus Gründen der Moral. Eher, weil ich einen Verstoß zu viel begangen hatte, und obwohl dieser Blaue mich nicht kannte, gab es dort, wohin ich unterwegs war, andere, die mich kannten, und mir war nur zu klar, dass die Bestrafung dem Verbrechen nicht ganz angemessen sein mochte. Ich hatte nur noch eine Chance.

»Sir«, rief ich und wandte mich an den Franzosen, während der Blaue mich zu meinem Leichenwagen zerrte. »Sir, helft mir, bitte. Habt Mitleid. Glaubt mir, es war ein Unglücksfall! Ich hatte zu viel Zucker zum Frühstück, und das hat mich auf seltsame Ideen gebracht.«

Er musterte mich, und ich sah ihn nachdenken. Einerseits musste er sich an die angenehme Unterhaltung erinnern, die wir kaum zehn Minuten zuvor geführt hatten, und an mein gewaltiges Wissen über China – ganz zu schweigen von meinem Vorhaben, Bücher zu schreiben, das er vollkommen guthieß. Andererseits war er schlicht und ergreifend beraubt worden, und was falsch ist, ist falsch.

»Herr Wachtmeister, ich verzichte auf eine Anzeige«, rief er schließlich, und ich stieß einen Jubelschrei aus, wie ein Christ es getan haben mag, wenn Caligula – der dreckige Wilde – im Kolosseum den Daumen nach oben hielt und ihn leben ließ, damit er erneut zum Kampf antreten konnte.

»Ich bin gerettet!«, rief ich und riss mich von dem Blauen los, doch er brachte mich sofort wieder in seine Gewalt.

»Ganz und gar nicht«, erwiderte er. »Du wurdest bei deinem Verbrechen beobachtet und musst dafür büßen, damit du nicht weiter hier auf dem Markt stiehlst.«

»Aber Herr Wachtmeister«, rief der französische Gentleman, »ich spreche ihn von seinem Verbrechen frei!«

»Und wer seid Ihr? Unser Herr Jesus Christus?«, fragte der Blaue, was die Menge vor Lachen prusten ließ, worauf er sich – erstaunt über die Anerkennung – den Leuten zuwandte, und seine Augen leuchteten, denn er war begeistert von sich selbst, davon, dass sie in ihm einen feinen Kerl und überdies einen Unterhalter sahen. »Er wird vor den Richter und von dort wohl ins Gefängnis gebracht, um für seine grausige Tat zu büßen, der kleine Gesetzesbrecher.«

»Das ist schrecklich –«, kam die Antwort, doch der Blaue wollte nichts davon wissen.

»Wenn Ihr etwas loswerden wollt, dann bringt es vor den Richter«, rief er ihm zum Abschied zu, war dabei schon auf dem Weg zur Kutsche und zog mich hinter sich her.

Ich ließ mich fallen, um die Dinge für ihn schwieriger zu machen, doch er zerrte mich die nasse Straße entlang, und ich weiß noch genau, wie mein Hintern übers Pflaster schlug, während ich zu den Kutschentüren geschleift wurde. Das tat weh; ich wusste nicht, warum ich das tat, aber mir war klar, dass ich nicht aufstehen und ihm die Arbeit erleichtern würde. Eher hätte ich einen Käfer gegessen.

»Helft mir, Sir«, rief ich, als ich in die Kutsche geworfen wurde und die Türen so knapp vor meinem Gesicht zuknallten, dass sie mir fast die Nase abgequetscht hätten. Ich ergriff die Gitterstäbe und zog die flehentlichste Miene, die ich je aufgesetzt hatte: ein Bild der verfolgten Unschuld. »Helft mir, und ich tue, was immer Ihr wollt. Ich wienere Euch täglich die Stiefel – einen Monat lang! Ich putze Eure Knöpfe, bis sie funkeln!«

»Schafft ihn weg!«, rief die Menge, und einige wagten es sogar, mich mit verfaultem Gemüse zu bewerfen, die Mistkerle. Die Pferde hoben die Hufe, und los ging unsere fröhliche Fahrt. Ich saß hinten im Wagen und fragte mich, welches Schicksal mich vor dem Richter erwarten würde, der mich von früheren Begegnungen viel zu gut kannte, um auch nur das leiseste Mitleid zu haben.

Das Letzte, was ich sah, als wir um die Ecke bogen, war der französische Gentleman, der sich das Kinn rieb, als dächte er darüber nach, was nun, da ich in den Händen des Gesetzes war, am besten zu tun wäre. Er hob seine Taschenuhr, um nach der Zeit zu schauen … und was glaubt ihr, was geschah? Sie rutschte ihm aus der Hand und fiel auf den Boden. Es war leicht zu erkennen, dass das Glas beim Aufprall zerspringen würde. Ich warf empört die Arme hoch und setzte mich, um es mir auf der Reise wenigstens ein wenig bequem zu machen, doch in solchen Kisten ist wenig Behagen zu finden.

Sie sind nicht dazu gedacht, Trost zu spenden.

Drittes Kapitel

Gütiger Jesus und gesegnete Mutter Maria – als ob das Leben nicht schon schwer genug wäre, nahmen die Blauen sorgfältig jedes Schlagloch auf dem Weg zum Richter mit. Der Wagen bewegte sich rauf und runter wie das Nachthemd einer Braut. Für die beiden war das in Ordnung, denn sie hatten weiche Kissen unterm Hintern, doch was hatte ich? Nur das harte Metall, das denen als Sitz diente, die gegen ihren Willen mitgenommen worden waren (und die zu Unrecht Beschuldigten? Man zwingt sie einfach, solche Herabwürdigungen zu dulden!). Ich stemmte mich in eine Ecke des Gefährts, klammerte mich an die Gitterstäbe und hoffte, so an Ort und Stelle zu bleiben, da ich sonst die folgende Woche über nicht würde sitzen können, doch es hatte keinen Zweck. Die Mistkerle steuerten in die Schlaglöcher, um mich zu verhöhnen – ungelogen! Und als wir schließlich die Mitte von Portsmouth erreichten und ich hoffte, die Tortur wäre endlich ausgestanden, da fuhr der Wagen doch stracks an den geschlossenen Toren der Justiz vorbei und auf der holprigen Straße weiter.

»He!«, rief ich und trommelte wie ein Wahnsinniger an die Wagendecke. »He, ihr da oben!«

»Ruhe da drin, oder du wirst vermöbelt!«, schrie der zweite Blaue, also der Kutscher, nicht der, der mir mein ehrlich gestohlenes Diebesgut abgenommen hatte.

»Aber ihr seid zu weit gefahren!«, schrie ich zurück. »Ihr seid schon am Gericht vorbei!«

»So gut kennst du dich also aus, ja?«, gab er lachend zurück. »Ich dachte mir schon, dass du das Gericht an so manchem Nachmittag von innen gesehen hast.«

»Soll ich es heute denn nicht sehen?«, fragte ich und wurde zugegebenermaßen etwas nervös, als ich merkte, dass wir die Stadt verließen. Ich hatte Geschichten von Jungen gehört, die von den Blauen mitgenommen worden und nie mehr aufgetaucht waren; alles Mögliche war ihnen widerfahren. Unaussprechliche Dinge. Aber ich war kein so schlechter Junge, wie ich fand. Ich hatte nichts getan, um so ein Schicksal zu verdienen. Außerdem wusste ich, dass Mr Lewis mich und meine morgendlichen Erträge bald erwartete, und wenn ich nicht käme, gäbe es mächtigen Ärger.

»Der Richter von Portsmouth ist für eine Woche weg«, kam zur Antwort. Diesmal klang er durchaus freundlich, und ich dachte, sie würden mich vielleicht nur aus der Stadt fahren, mich mit dem Gesicht voran in einen Graben werfen und mich auffordern, meinem Gewerbe anderswo nachzugehen – ein Vorschlag, dem ich mich nicht grundsätzlich widersetzt hätte. »In London. Kaum zu glauben, was? Der König hat ihm einen Orden verliehen. Wegen seiner Verdienste um die Gesetze des Landes.«

»Dem verrückten Jack?«, fragte ich, denn der alte Mistkerl von Richter war mir von ein, zwei Verhandlungen her nur zu bekannt. »Was ist in den König gefahren? Gibt’s in seiner Nähe keinen, der eine Blechmedaille verdient hat?«

»Halt den Mund da hinten«, sagte der Blaue bissig. »Oder du fängst dir noch einen Anklagepunkt.«

Ich setzte mich wieder und beschloss, vorläufig mit mir selbst zu Rate zu gehen. Der Straße zufolge waren wir auf dem Weg nach Spithead; bei meiner vorletzten Festnahme im Vorjahr (auch wegen Diebstahl, wie ich beschämt zugeben muss) war ich dorthin gebracht worden, um meine Strafe zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit hatte ich vor einer bösartigen Kreatur namens Mr Henderson gestanden, der einen Leberfleck mitten auf der Stirn und lauter verfaulte Zähne hatte und mir mit Vorhaltungen über den Charakter von Jungen meines Alters gekommen war, als stünde ich für das ganze Pack. Er hatte mich meiner Untaten wegen mit der Rute züchtigen lassen, und mein Hintern hatte noch eine Woche später wie ein Brennnesselfeld gestochen. Ich hatte gebetet, nie mehr vor diesen Richter treten zu müssen. Doch als ich nun aus der Kutsche sah, war ich mir sicher, dass wir genau dorthin unterwegs waren, und als mir klarwurde, was das bedeutete, bekam ich es mit der Angst zu tun und war froh, dass ich mich mit dem Hintern übers Pflaster hatte zerren lassen und im Wagen hin und her geworfen wurde, denn wahrscheinlich wäre mein Allerwertester bis zur Ankunft im Gericht taub, und ich würde nichts mehr spüren, wenn sie mir die Hose herunterzögen und mich blutig schlügen.

»He«, rief ich zur anderen Seite der Kutsche heraus, wo der erste Blaue saß. Immerhin hatten wir im Zuge der Festnahme eine gewisse Beziehung zueinander entwickelt. »He, Blauer«, fragte ich. »Wir fahren doch nicht nach Spithead, oder? Sagt mir, dass es nicht so ist.«

»Wie denn, da es genau dorthin geht?«, erwiderte er und wieherte los, als hätte er einen prächtigen Witz gerissen.

»Nie und nimmer!«, sagte ich, diesmal allerdings leiser, da ich bedachte, was das hieß, doch er hatte mich gehört.

»Oh doch, mein junger Schurke, und dort wirst du behandelt, wie es jungen Dieben wie dir geziemt. Ist dir klar, dass es Länder gibt, in denen dem, der ohne Erlaubnis die Dinge eines anderen nimmt, die Hand abgehackt wird? Meinst du, so eine Strafe verdient zu haben?«

»Aber nicht hier«, rief ich trotzig. »Hier nicht! Ihr wollt mir Angst einjagen, stimmt’s? So was passiert hier nicht. Das ist ein zivilisiertes Land, in dem anständige, ehrliche Diebe mit Respekt behandelt werden.«

»Wo dann?«

»Im Ausland«, sagte ich, setzte mich wieder und beschloss, nicht weiter mit diesen Ahnungslosen zu sprechen. »In China zum Beispiel.«

Dann wurde kaum noch geredet, doch die beiden Schwachköpfe gackerten weiter wie zwei alte Hennen auf der Türschwelle, und ich bin mir sicher, einen Bierkrug zwischen ihren schmutzigen Pfoten hin und her gehen gehört zu haben, was auch erklären würde, warum wir auf halbem Weg nach Spithead langsamer wurden und der Fahrer die Kutsche anhielt und abstieg, um seine Blase am Straßenrand zu entleeren. Er hatte keinerlei Scham, denn er drehte sich währenddessen plötzlich zu mir, um mich durch die Gitterstäbe zu treffen, was den anderen Blauen vor Begeisterung fast vom Kutschbock fallen ließ. Ich wünschte, das wäre geschehen, denn dabei hätte er sich vielleicht den Schädel gebrochen, und das wäre ein schöner Anblick gewesen.

»Hau ab, du dreckiger Mistkerl«, schrie ich und zog mich weiter in die Kutsche zurück, um seiner Feuerlinie auszuweichen, doch er lachte nur, beendete sein Geschäft, packte seine Flöte wieder ein und ließ dabei die letzten Tropfen auf die Hose tröpfeln – so wenig Respekt hatte er vor sich und seiner Uniform. Die Blauen bilden, wie jeder weiß, eine Welt für sich, doch sie sind ein seltsamer Menschenschlag. Ich habe jedenfalls nie einen getroffen, dem ich nicht gern in den Hintern getreten hätte.

Binnen einer Stunde erreichten wir Spithead, und den beiden bereitete es ein diebisches Vergnügen, die Wagentüren zu öffnen und mich herauszuzerren wie ein Baby, das nicht aus der Mutter will. Die Knochen wären mir beinahe aus den Gelenken gesprungen – ungelogen! Ich möchte mir nicht ausmalen, was mir dann widerfahren wäre.

»Komm, Junge«, sagte der Blaue, der mich verhaftet hatte, ohne sich um meine Proteste gegen ihre dreckige Brutalität zu kümmern. »Mund halten jetzt. Auf geht’s.«

Das Gericht in Spithead war nicht annähernd so prächtig wie das in Portsmouth, und die Richter dort waren verbittert. Sie hätten lieber in der Bezirkshauptstadt Recht gesprochen, da jeder Dummkopf weiß, dass man dort viel bessere Übeltäter bekommt als in Kleinstädten. In Spithead gab es kaum mehr als einige Fälle von Trunkenheit oder ein wenig Mundraub. Im Vorjahr hatte es viel Lärm um einen Mann gegeben, der sich an einer jungen Frau vergangen hatte, doch der Richter hatte ihn freigesprochen, da der Mann zwanzig Hektar Land besaß und die junge Frau nur ein Kind einfacher Leute war. Sie hätte dankbar dafür sein sollen, dass der Mann so vertrauten Umgang mit ihr gepflegt habe, hatte der Richter ihr gesagt, doch das war bei der Familie nicht gut angekommen, und eine Woche später war er mit einem ziegelsteingroßen Loch im Kopf tot im Straßengraben gefunden worden (der Ziegel lag friedlich am Kantstein). Jeder wusste, wer das getan hatte, doch niemand sagte etwas, und der Mann mit den zwanzig Hektar zog sofort nach London, ehe ihm Gleiches widerführe, und verkaufte das Land an eine Zigeunersippe, die Karten legen und Kartoffeln anbauen konnte, die wie Schweine, Rinder und Schafe aussahen.

Der Blaue zerrte mich einen langen Flur entlang, den ich von meinem letzten Besuch nur zu gut kannte. Wir hatten so ein Tempo drauf, dass ich mehrmals fürchtete zu stürzen, und das wäre mein Ende gewesen, da der Boden aus Granit war und einem weichen Kopf wie dem meinen sicher furchtbar zugesetzt hätte. Meine Füße tanzten geradezu über den Boden, als er mich mit sich zog.

»Langsamer«, rief ich. »Wir haben es nicht eilig, oder?«

»Langsamer, hat er gesagt«, brummte der Blaue, lachte und sprach offenbar mit sich selbst. »Langsamer! Hat man so was schon gehört?«

Unvermittelt bog er nach rechts und öffnete eine Tür. Der plötzliche Richtungswechsel überraschte mich so, dass ich doch noch den Boden unter den Füßen verlor, kopfüber in den Gerichtssaal stürzte und mich blamierte. Ehe ich mich aufrappeln konnte, war es totenstill geworden. Jeder Kopf, jede Perücke hatte sich umgewandt und starrte mich an.

»Bringt den Jungen zum Schweigen!«, brüllte der Richter von seinem Stuhl. Und wer war’s? Natürlich Mr Henderson, dieser furchtbare Kerl, der schon so alt – vierzig, wenn nicht fünfundvierzig! – war, dass er gewiss schon recht vergesslich war und sich nicht mehr an mich erinnerte. Immerhin war ich nur einmal hier gewesen. Da konnte man mich kaum als Berufsverbrecher ansehen.

»Verzeihung, Euer Ehren«, sagte der Blaue, nahm Platz und zwang mich neben sich auf die Bank. »Ein später Fall, leider. Portsmouth hat geschlossen.«

»Das ist mir klar«, sagte Mr Henderson und zog ein Gesicht, als habe er seine Zähne in ein krankes Frettchen gerammt und den Bissen auf einen Sitz geschluckt. »Anscheinend sind die Richter dort mehr daran interessiert, Auszeichnungen und Tand zu scheffeln, als auf anständige Weise Recht zu sprechen. Hier in Spithead ist das anders.«

»Allerdings«, sagte der Blaue und nickte so vehement, dass ich dachte, sein Kopf werde abfallen und diese Enthauptung könne mir Gelegenheit zur Flucht geben. An den Türen hatte ich zu meiner Freude kaum Wächter gesehen.

»Zurück zu unserem Fall«, sagte Mr Henderson und wandte sich wieder dem Mann zu, der vor ihm stand und sehr gewöhnlich, wirklich sehr gewöhnlich wirkte. Er hielt die Mütze in Händen, und in seinem Pferdegesicht stand reine Bestürzung. »Ihr, Mr Wilberforce, seid eine Schande für die Gemeinde, und ich denke, es wäre für uns alle besser, wenn Ihr eine Zeit lang aus ihrer Mitte entfernt würdet.« Er achtete darauf, dass jedes seiner Worte vor Abscheu und Überheblichkeit troff, der Mistkerl.

»Euer Ehren, bitte«, meldete sich der Mann zu Wort und versuchte sich aufzurichten, doch vielleicht spielte sein Rücken nicht mit, denn er schien sich nicht gerade hinzusetzen zu können. »Ich war nicht recht bei Sinnen, als der Vorfall geschah – das ist die Wahrheit. Meine liebe, geheiligte Mama, die mir nur wenige Wochen vor meiner Fehleinschätzung genommen wurde, ist mir in einer Vision erschienen und hat gesagt –«

»Schluss mit dem Unsinn!«, brüllte Mr Henderson und ließ seinen Hammer auf den Richtertisch sausen. »Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, dass ich Euch verurteilen werde, ihr unverzüglich zu folgen, wenn ich noch ein Wort über Eure geheiligte Mama höre. Und haltet das nicht für eine leere Drohung!«

»Schämt Euch!«, rief eine Frau, und der Richter stierte die Versammelten an. Das eine Auge war geschlossen, das andere so weit geöffnet, dass ein Klaps auf den Rücken sicher genügt hätte, es aus der Höhle springen und wie eine Murmel über den Boden rollen zu lassen.

»Wer hat das gesagt?«, donnerte er, und selbst der Blaue neben mir zuckte zusammen. »Wer das gesagt hat, will ich wissen!«, brüllte er noch lauter, bekam aber keine Antwort, schüttelte nur den Kopf und sah uns wie ein Mann an, dem kürzlich erst Blutegel angelegt worden waren und der dies genossen hatte. »Gerichtsdiener«, sagte er zu einem erschrocken wirkenden Blauen, der neben ihm Wache stand. »Noch ein Mucks von einer dieser Gestalten« – dieses Wort sprach er aus, als handelte es sich um trübsten Bodensatz, womit er womöglich recht hatte, was aber trotzdem unhöflich war –, »noch ein Wort von irgendwem, und ich belange jeden Einzelnen wegen Missachtung des Gerichts. Verstanden?«

»Jawohl«, sagte der Gerichtsdiener und nickte rasch. »Voll und ganz.«

»Und nun zu Euch«, fuhr der Richter fort und musterte den armen, unglücklichen, gottverlassenen Schatten, der vor ihm auf der Anklagebank schmorte. »Drei Monate Gefängnis – möge Euch das eine Lehre sein, die Ihr nicht so rasch vergesst.«

Zu seiner Ehre sei gesagt, dass der Mann seine Würde nun wiederfand und nickte, als sei er mit dem Urteil vollkommen einverstanden. Kaum hatte man ihn von der Anklagebank geführt, wurde er von einer Frau, in der ich seine Gattin vermutete, beinahe erdrückt, bevor der Gerichtsdiener sie mühsam von ihm trennte. Ich beobachtete sie aus der Entfernung und wäre selbst gern von ihr umarmt worden, denn sie war ungemein hübsch, obwohl ihr Gesicht ganz verweint war, und trotz der ernsten Angelegenheit, die mir bevorstand, erregte mich ihr Anblick.

»Nun, Gerichtsdiener«, sagte der Richter, raffte seine Robe und wollte aufstehen. »Ist das alles für heute?«

»Eigentlich ja«, antwortete der Gerichtsdiener nervös, als fürchtete er, selbst ins Gefängnis zu wandern, falls er seinen Vorgesetzten aufhielte, »aber dann tauchte der Junge auf, der vorhin hereingeführt wurde.«

»Ach ja«, sagte der Richter und erinnerte sich an mich. Er setzte sich wieder und sah mich an. »Komm her, Junge.« Er wirkte froh darüber, mit dem Austeilen von Elend noch nicht fertig zu sein. »Auf die Anklagebank, wohin du gehörst.«

Ich stand auf und entfernte mich von dem Blauen. Ein anderer Blauer griff mich am Arm, zog mich zur Anklagebank, kniff mir dabei mit den Fingern ins Fleisch und platzierte mich dort, wo der alte Henderson, dieser Mistkerl, mich besser sehen konnte. Auch ich betrachtete ihn und hatte den Eindruck, sein Leberfleck sei seit unserem letzten Gespräch gewachsen.

»Dich kenn ich doch, oder?«, fragte er leise, doch ehe ich antworten konnte, war der Blaue – mein Blauer, meine ich – auf den Beinen und hüstelte, um auf sich aufmerksam zu machen. Ich will verdammt sein, wenn nicht alle im Saal ihn daraufhin angeschaut haben. Dieser Tropf hatte seine Bestimmung verfehlt. Er hätte wirklich Schauspieler werden sollen!

»Ich darf dem Gericht mitteilen …«, begann er und schlug wieder den vornehmen Ton an, auf den keiner hereinfiel, »ich darf dem Gericht mitteilen, dass ich das elende Geschöpf, das hier vor Euch steht, heute Vormittag beim verbrecherischen und ungesetzlichen Nehmen einer Taschenuhr festgenommen habe, die ihn nichts anging, ihm nicht gehörte und sich in Eigentum und Besitz eines anderen befand.«

»Er hat sie also gestohlen?«, fragte der Richter, um dem Geplapper ein Ende zu setzen.

»Ja, Euer Ehren«, sagte der Blaue, den die Zusammenfassung etwas entmutigt hatte.

»Nun?«, fragte Mr Henderson daraufhin, beugte sich vor und funkelte mich an. »Was sagst du dazu, Junge? Hast du es getan? Bist du dieses abscheulichen Verbrechens schuldig?«

»Das alles ist ein furchtbares Missverständnis«, sagte ich flehentlich. »Ich hatte zu viel Zucker zum Frühstück – das ist an allem Schuld.«

»Zucker?«, fragte der Richter verwirrt. »Gerichtsdiener, hat der Junge gesagt, er sei Opfer einer Überdosis Zucker geworden?«

»Ich glaube ja, Euer Ehren«, erwiderte der Mann.

»Das ist wenigstens eine ehrliche Antwort«, sagte der Richter und kratzte sich das Haar, bis ihm die Schuppen wie Schnee von der Kopfhaut auf die Robe rieselten. »Zucker hat in Jungen nichts zu suchen. Der bringt sie nur auf dumme Gedanken.«

»Das sehe ich genauso, Euer Weisheit«, pflichtete ich ihm bei. »Ich will ihn künftig meiden und lieber einen Honiglutscher schlecken, wenn mich wieder die Lust auf Süßes plagt.«

»Einen Honiglutscher?«, rief er und sah mich an, als hätte ich vorgeschlagen, den Prinzen von Wales auszupeitschen, um die Langeweile loszuwerden. »Mein Junge, das ist ja noch schlimmer. Du brauchst Haferschleim. Haferschleim wird dich bekehren. Haferschleim hat schon viele Jungen bekehrt, die sich dem Bösen ergeben haben.«

Haferschleim – o ja! Ich hätte sehr gern jeden Morgen eine Schale davon zum Frühstück gegessen, wenn er mir die zwei Pence dafür gegeben hätte. Haferschleim! Um die Wahrheit zu sagen: Richter wie er haben keine Ahnung davon, wie die Welt von Menschen wie mir beschaffen ist. Und doch sitzen sie über uns zu Gericht. Doch ich will nicht politisieren –

»Dann esse ich von nun an Haferschleim«, versprach ich und senkte den Kopf ein wenig. »Zum Frühstück, zum Mittag und zum Abendbrot, falls ich das Kleingeld dafür erübrigen kann.«

Er beugte sich erneut vor und wiederholte eine frühere Frage, von der ich gehofft hatte, er habe sie vergessen. »Dich kenn ich doch, oder?«

»Keine Ahnung.« Ich verkniff mir ein Achselzucken, denn Richter hassen das. Sie sagen, es deute auf eine schlechte Kinderstube. »Wirklich?«

»Wie heißt du, Junge?«

Ich überlegte, einen falschen Namen anzugeben, doch die Blauen kannten mich. Also sagte ich die Wahrheit, da eine Lüge mich nur tiefer reingeritten hätte. »Turnstile«, erklärte ich. »John Jacob Turnstile. Engländer, bis vor kurzem noch in Portsmouth.«

»Ha!« Er spuckte kräftig auf den mit Sägemehl bestreuten Boden, das Dreckschwein. »Portsmouth soll verdammt sein!«

»So wird es kommen, Eure Magnifizenz«, sagte ich, um ihm zu gefallen. »Am Tag des Gerichts. Daran zweifle ich nicht.«

»Wie alt bist du, Junge?«

»Vierzehn, Sir.«

Er leckte sich kurz die Lippen, und ich war sicher, einige seiner scheußlichen schwarzen Zähne, die sich aus dem Zahnfleisch zu lösen drohten, rings um den dunklen Abgrund seines Mundes gesehen zu haben. »Du hast vor einem Jahr schon vor mir gestanden«, sagte er und zeigte mit einem wächsernen Finger auf mich, wie er einem bei Exhumierungen begegnen dürfte. »Jetzt erinnere ich mich. Damals ging es auch um Diebstahl, glaube ich.«

»Ein Missverständnis«, brachte ich vor. »Ein Streich, der aus dem Ruder lief – mehr nicht.«

»Du wurdest dafür mit der Rute gezüchtigt, nicht wahr? Ich vergesse kein Gesicht aus meinem Gerichtssaal und keinen Hintern aus meiner Züchtigungskammer. Sag mir jetzt die Wahrheit, damit Gott dich verschonen mag.«

Ich dachte nach. Das Wörtchen »mag« enthält ein Universum an Bedeutungen, doch nur wenig davon war mir zu etwas nutze. Aber zu lügen hätte nichts gebracht, da die Akten im Nu einsehbar waren. »Ihr erinnert Euch recht. Ich wurde durch zwölf Hiebe zur Einsicht gebracht.«

»Und davon war keiner zu viel«, sagte er, sah vor sich auf den Tisch und machte sich auf einem Blatt eine Notiz. »Ich spreche Euch des bösartigen Verbrechens schuldig, John Jacob Turnstile«, sagte er dann mit leiserer Stimme, als habe er bereits das Interesse an mir verloren und denke nur noch an sein Essen. »Schuldig im Sinne der Anklage, du ungezogener Junge. Bringt ihn weg, Gerichtsdiener. Ins Gefängnis für zwölf Monate.«

Ich bekam große Augen, und mein Herz tat, wie ich zugebe, vor blankem Schrecken einen gewaltigen Satz. Zwölf Monate Gefängnis? Ich würde es nicht als der Junge verlassen, als der ich es betreten hatte – das wusste ich. Ich wandte mich an den Blauen, an meinen Blauen, und selbst er sah mich, zu seiner Ehre sei es gesagt, mit einem Stirnrunzeln an, aus dem Bedauern darüber sprach, mich hergebracht zu haben, denn es gab im Gerichtssaal niemanden, der dieses Urteil für angemessen hielt. Eine Prügelstrafe wäre angebracht gewesen.

»Euer Ehren –«, begann der Blaue, mein Blauer, doch Mr Henderson war bereits in sein Büro gestürmt, wo er zweifellos Befehle von den Herren der Unterwelt bekam, während der Gerichtsdiener seine Pranken auf mir hatte und mich fortzog.

»Was geschehen ist, ist geschehen«, sagte er bedauernd. »Du musst tapfer sein, Junge. Standhaft musst du bleiben.«

»Tapfer?«, rief ich ungläubig. »Standhaft? Im Gefängnis? Zwölf Monate lang?«

Es gibt eine Zeit für Tapferkeit und eine Zeit, in der man jemandem eine geladene Pistole gibt und ihm erlaubt, die Welt ehrenvoll zu verlassen – und diese Zeit war nun gekommen. Meine Beine gaben nach, und ehe ich mich versah, wurde ich durch die Tür geschleift. Wohin? Einem Jahr voll Folter und Gewalt entgegen? Voll Hunger und Grausamkeit? Ich wagte kaum, darüber nachzudenken.

Viertes Kapitel

Was für eine Bescherung! Ich gebe gern zu, die Treppe vom Gerichtssaal zu den Kellerzellen niedergedrückt und mit schlimmsten Erwartungen hinabgestiegen zu sein. Der Tag hatte sehr angenehm begonnen, sich binnen Stunden aber so verdüstert, dass ich mich unwillkürlich fragte, welche Prüfungen das Schicksal noch für mich in petto hatte. Ich hatte im Haus von Mr Lewis zum Frühstück einen halben Räucherhering und ein Eigelb abgestaubt und war sorglos zum Markt geschlendert. Das Gespräch mit dem französischen Gentleman war intellektueller Natur gewesen, und eine kleine intellektuelle Unterredung weiß ich von Zeit zu Zeit durchaus zu schätzen. Seine Taschenuhr, die so anstrengungslos in meinen Besitz gekommen war, hätte mein Glück bedeuten können, denn es handelte sich um ein hervorragendes Stück mit solider Kette und gesunder Farbe, das ihn beim Juwelier sicher ein paar Pfund gekostet hatte; wäre die Uhr in meinem Besitz geblieben, hätte ich sie zu einem Einäugigen gebracht, der mit Diebesgut handelte, und eine halbe Krone dafür bekommen. Doch nun war alles verloren. Ich war auf dem Weg ins Gefängnis und stellte mich darauf ein, wer weiß wie viele Demütigungen und Qualen zu erleiden.

Bin ich zu stolz, mich der Tränen zu erinnern, die mir in die Augen stiegen, als ich dasaß und wartete? Oh nein.

Der Gerichtsdiener hatte mich in den Keller gebracht und in einen kalten Raum gesperrt, wo ich meines Transports in den Hades harren sollte und nur auf dem Steinboden sitzen konnte. Der Blaue hatte mich ohne ein Wort des Bedauerns oder der Entschuldigung in die Zelle gestoßen, und mit wem musste ich sie teilen? Natürlich mit Mr Wilberforce, den der Richter vor mir verurteilt hatte. Als ich eintrat, saß das große Untier auf dem Eimer und erzeugte einen derart pestilenzialischen Gestank, dass ich so weit wie möglich zurückwich, doch die Tür war hinter mir zugeknallt, und mir blieb nichts anderes übrig, als seinen Ekelschwaden tapfer zu begegnen. Nach Lage der Dinge mochte er für längere Zeit mein Zellengenosse sein.

»Der alte Widerling hat dich auch verknackt, was?«, fragte er und grinste, da das Elend gern Gesellschaft hat. Als Antwort igelte ich mich mit unters Kinn gezogenen Knien und um die Beine geschlungenen Armen in der hintersten Ecke der Zelle ein, sah auf meine Füße und fragte mich, wie lange mir meine Schuhe bleiben würden, wenn ich erst in mein neues Heim gebracht worden wäre. Und ich dachte an Mr Lewis und an den Ärger, den ich mit ihm bekäme, wenn er entdeckte, was mir widerfahren war; ich hatte ihn Jungen aus geringerem Anlass halb totprügeln sehen.

»Hat er«, gab ich zu. »Und auch zu Unrecht.«

»Wofür hat er dich denn drangekriegt?«

»Ich habe eine Uhr gestohlen«, sagte ich und vermochte ihn dabei nicht anzusehen, denn er war aufgestanden und prüfte den Inhalt des Eimers wie ein Arzt oder ein alter Apotheker. »Aber der Bestohlene hat sie zurückbekommen – also ist nichts Übles passiert. Wo ist da das Verbrechen?«

»Hast du das dem alten Widerling etwa erzählt?«, wollte Mr Wilberforce wissen, und ich schüttelte den Kopf. »Wie lange musst du brummen?«, fragte er dann.

»Zwölf Monate«, erwiderte ich.

Er pfiff durch die Zähne und schüttelte den Kopf. »Das ist lange. O weh, oha, ganz schön lange – keine zwei Meinungen. Wie alt bist du überhaupt?«

»Vierzehn.«

»Du wirst deutlich gealtert sein, wenn du in einem Jahr wieder herauskommst«, sagte er mir mit ziemlichem Vergnügen – eine herrliche Neuigkeit für den Anfang. »Ich war selbst im Bau, als ich nur ein, zwei Jahre älter war als du, und ich will dir nicht erzählen, was mir dort widerfahren ist. Sonst kannst du nicht schlafen.«

»Dann lass es.« Ich funkelte ihn zornig an. »Verkneif dir deine Ratschläge und kümmere dich um deine Angelegenheiten, du alter Säufer.«

Er starrte mich an und verzog die Lippen. Sollten wir zusammen ins Gefängnis geschafft und in eine Zelle gesperrt werden, so musste ich zu Beginn unserer Bekanntschaft grob auftreten, um sofort klarzustellen, dass ich keiner von denen war, die sich aufgrund ihres zarten Alters zu Dienern machen ließen.

»Du nennst mich also einen Säufer, du kleiner Mistkerl?«, fragte er, richtete sich auf und stemmte die Hände in die Hüften, als stünde er für eine Statue Modell, die in Pall Mall aufgestellt werden sollte. »Das ist die größte Verleumdung, die ich je gehört habe.«

»Ich habe den alten Henderson so ziemlich das Gleiche sagen hören«, erwiderte ich und begann, mich für das Thema zu erwärmen. »Er hat dich deshalb für drei Monate in den Bau geschickt. Und die im Gerichtssaal, die sich die Augen ausgeweint hat, ist deine Frau, oder?«

»Das ist meine Frau«, sagte er, und seine Augen wurden schmal. »Was ist mit ihr?«

»Sie hat mit einem anderen poussiert, als ich in den Keller gebracht wurde. Sie hat ihm ins Ohr gegurrt, dass einem übel wurde, und ihn mit Blicken wissen lassen, sie wolle nicht darben, auch wenn du es musst.«

»Du kleiner Widerling.« Er kam näher, und ich überlegte, ob es ein Fehler gewesen war, ihn zu provozieren, denn nun sah ich, dass er größer war als vermutet, seine Bärentatzen zu Fäusten geballt hatte und entschlossen zu sein schien, mir damit ernsthaften Schaden zuzufügen. Doch als er mich gerade vom Zellenboden hochriss, drehte sich zu meinem Glück der Schlüssel im Schloss, die Tür wurde aufgezerrt, und wer war zurück? Natürlich nur der Gerichtsdiener, der mit einem kurzen Blick unsere unvorteilhafte Lage erkannte: Ich hing an der Kehle gepackt mit knapp überm Boden baumelnden Füßen in der Luft, während die Faust von Mr Wilberforce zum Zuschlagen erhoben war.

»Einen Moment später, und er hätte dich vermöbelt«, sagte der Gerichtsdiener ungerührt, als wäre ihm ganz egal, was uns widerfuhr, und als wäre er völlig darauf eingestellt, daneben zu stehen und sich den Angriff anzusehen.

»Also raus mit Euch, Blauer, damit ich das erledigen kann«, sagte Mr Wilberforce. »Er hat meine Frau verleumdet, und das wird er mir büßen, oder ich will verdammt sein.«

»Dann seid verdammt«, sagte der Gerichtsdiener, trat näher und stieß ihn beiseite; die Hand meines Angreifers löste sich von meinem Hals, und ich ging – nicht zum ersten Mal an diesem Tag – zu Boden. Ich strich mir über den Kehlkopf und fragte mich, ob meine Stimmbänder noch heil waren und ich je wieder singen könnte. Dann kam mir der Gedanke, dass mein Körper aufgrund der schimpflichen Behandlung, die ich in den letzten Stunden hatte erleiden müssen, grün und blau geschlagen sein musste.

»Auf die Beine, Junge«, sagte der Gerichtsdiener und nickte mir zu, und ich rappelte mich langsam auf.

»Ich kann nicht stehen«, erwiderte ich schwach. »Ich bin fix und fertig.«

»Auf die Beine«, wiederholte er strenger und trat so böse einen Schritt auf mich zu, dass ich mein Gleichgewicht wiederfand und mich in die Senkrechte begab.

»Geht’s schon ins Gefängnis?«, fragte ich ihn, denn so wenig mir die Vorstellung behagte, weiter mit meinem gewalttätigen Zellengenossen eingesperrt zu sein: Von der Aussicht auf meine lange Inhaftierung war ich noch weniger begeistert. »Gibt es keine Verhandlungen mehr abzuwarten, bevor wir verlegt werden? Ist Spithead von Sündern rein?«

»Du sollst mitkommen«, sagte der Gerichtsdiener, nahm mich beim Arm und zog mich aus der Zelle. »Ihr bleibt vorerst hier«, sagte er zu Mr Wilberforce. »Ich sehe wieder vorbei, sobald der Wagen für Euch da ist.«

»Lasst Ihr den etwa laufen?«, rief mein ehemaliger Kamerad, als er mich seinem Griff überraschend entzogen sah. »Ich sag Euch, der Kerl ist eine Gefahr für die Gesellschaft! Wenn im Gefängnis nur für einen von uns Platz ist, dann sollte er dort einfahren, denn er hat ein volles Jahr abzubrummen und ich nur ein Viertel davon.«

»Spart Eure Spucke«, sagte der Gerichtsdiener und zog die Tür zu. »Er wird für sein Verbrechen büßen – das verspreche ich Euch.«

»Ich grüße Eure Frau von Euch«, rief ich, als die Zellentür zuging. Im nächsten Moment hörte ich, wie Mr Wilberforce sich dagegen warf und mit den Fäusten ans Türblatt hämmerte.

»Was steht jetzt an, Blauer?«, fragte ich, doch er wandte sich ab und ging den Flur entlang, so dass ich ihm nachsetzen musste. Er war der Erste heute, der nicht das Bedürfnis hatte, mich wie einen Hund an der Leine hinter sich her zu zerren.

»Komm einfach mit, Junge, und stell weniger Fragen. Mr Henderson will mit dir sprechen.«

Mir sank der Mut, als ich das hörte. Ich überlegte, ob der Alte die Wachtmeister aus Portsmouth weiter befragt hatte und zu dem Schluss gekommen war, ich sei ein durch und durch böser Mensch, und deshalb seien zwölf Monate nicht genug. Vielleicht würde ich zu noch längerer Haft verurteilt oder vorher gezüchtigt.

»Worum geht’s denn?« Das wollte ich unbedingt wissen, um mir schon Argumente zu meiner Verteidigung zurechtlegen zu können.

»Das weiß der Herrgott«, erwiderte er achselzuckend. »Und glaubst du, er vertraut sich Leuten wie mir an?«

»Nein«, gab ich zu, »Ihr seid nicht wichtig genug.«

Er blieb stehen und funkelte mich an, schüttelte dann aber den Kopf und ging weiter. Offenbar war er nicht so schnell in Wut zu bringen. »Komm einfach mit, Junge«, sagte er. »Und keine Trödelei, wenn du weißt, was gut für dich ist.«

Das wusste ich allerdings und hätte es ihm gern erzählt. Gut wäre für mich gewesen, nach einer bloßen Standpauke und meinem Versprechen, mein Leben künftig der Unterstützung der Armen und Verkrüppelten zu widmen und meinen Blick nie mehr auf Dinge zu richten, die mir nicht gehörten, umgehend auf die Straßen von Spithead entlassen zu werden. Doch ich schwieg und folgte ihm stattdessen auf sein Geheiß bis zu einer großen Eichentür. Er klopfte laut an, und mir ging durch den Kopf, dass dahinter meine Rettung oder mein Verderben lag. Ich atmete tief durch und machte mich auf das Schlimmste gefasst.

»Herein!«, rief es von drinnen. Der Gerichtsdiener öffnete die Tür und trat beiseite, damit ich eintreten konnte. Erwartungsgemäß war das Zimmer des Richters um einiges hübscher als die anderen Räume, die ich im Gericht gesehen hatte. Ein Feuer brannte im Kamin, und auf dem Tisch prangte eine Wurstplatte neben einer Suppenschüssel, damit der alte Mistkerl etwas zu futtern hatte. Mr Henderson saß hinter dem Tisch, hatte sich eine Serviette in den Kragen gesteckt und stopfte seine Mahlzeit gierig in sich hinein. Als ich das sah, regte sich mein Magen und machte seine Rechte geltend; mir wurde bewusst, dass ich seit dem Frühstück nichts gegessen und seither enorm gelitten hatte.

»Da ist der Junge«, sagte Mr Henderson und sah zu mir hoch. »Los, komm rein, du Schurke, und stell dich gerade hin, wenn ich mit dir rede. Danke, Gerichtsdiener«, fügte er lauter hinzu und sah den Blauen an. »Das ist vorläufig alles. Schließt bitte die Tür.«

Der Diener tat, wie ihm geheißen, und der Richter schlürfte erneut behaglich seine Suppe, ehe er sich den Mund mit der Serviette abwischte und sie aus dem Kragen zog. Dann setzte er sich auf, kniff die Augen zusammen, schob die Finger ineinander, starrte mich an und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Ich fragte mich, ob ich als Nächstes auf seinem Speiseplan stand.

»John Jacob Turnstile«, sagte er nach einer langen Pause und betonte jede Silbe so, als wäre mein Name ein Gedicht. »Was bist du doch für ein Schlawiner.«