Beschreibung

Storms´ letztes und zugleich bekanntestes Werk erzählt von Hauke Haien, dem gespenstischen Schimmelreiter. Dieser Mann, begabt und ehrgeizig, wird seit seiner Kindheit als Sonderling gemieden. Als er schließlich durch die Heirat mit der Tochter des Deichgrafen zu dessen Nachfolger avanciert, neiden ihm die Deichbewohner dies. Sie versuchen seinen Plan einen neuen und sichereren Deich zu bauen, zu blockieren und diffamieren ihn, doch Hauke setzt sich durch. Als der neue Deich bereits fertig ist, lässt er sich zur Reparatur des alten Deichs überreden. Dabei übersieht er einen Schaden und das Unglück nimmt seinen Lauf. Bei der nächsten Sturmflut bricht der Deich und Hauke Haien muss mit ansehen, wie seine Frau und seine kleine Tochter ertrinken. Daraufhin stürzt er sich selbst auf seinem treuen Gefährten, dem Schimmel, in die Fluten. Zurück bleibt der neue Deich und die Sage vom Schimmelreiter, der bei drohendem Unheil am Deich erscheint.

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Seitenzahl: 206

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Zeit:4 Std. 9 min

Sprecher:Karlheinz Gabor


Inhaltsverzeichnis

Theodor Storm

Theodor Storm

Der Schimmelreiter

Was ich zu berichten beabsichtige, ist mir vor reichlich einem halben Jahrhundert im Hause meiner Urgroßmutter, der alten Frau Senator Feddersen, kundgeworden1, während ich, an ihrem Lehnstuhl sitzend, mich mit dem Lesen eines in blaue Pappe eingebundenen Zeitschriftenheftes beschäftigte; ich vermag mich nicht mehr zu entsinnen, ob von den »Leipziger« oder von »Pappes Hamburger Lesefrüchten«2. Noch fühl ich es gleich einem Schauer, wie dabei die linde3 Hand der über Achtzigjährigen mitunter liebkosend über das Haupthaar ihres Urenkels hinglitt. Sie selbst und jene Zeit sind längst begraben; vergebens auch habe ich seitdem jenen Blättern nachgeforscht, und ich kann daher um so weniger weder die Wahrheit der Tatsachen verbürgen, als, wenn jemand sie bestreiten wollte, dafür aufstehen; nur so viel kann ich versichern, daß ich sie seit jener Zeit, obgleich sie durch keinen äußeren Anlaß in mir aufs neue belebt wurden, niemals aus dem Gedächtnis verloren habe.

Es war im dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts, an einem Oktobernachmittag - so begann der damalige Erzähler -, als ich bei starkem Unwetter auf einem nordfriesischen Deich entlangritt. Zur Linken hatte ich jetzt schon seit über einer Stunde die öde, bereits von allem Vieh geleerte Marsch4, zur Rechten, und zwar in unbehaglichster Nähe, das Wattenmeer der Nordsee; zwar sollte man vom Deiche5 aus auf Halligen und Inseln sehen können; aber ich sah nichts als die gelbgrauen Wellen, die unaufhörlich wie mit Wutgebrüll an den Deich hinaufschlugen und mitunter mich und das Pferd mit schmutzigem Schaum bespritzten; dahinter wüste Dämmerung, die Himmel und Erde nicht unterscheiden ließ; denn auch der halbe Mond, der jetzt in der Höhe stand, war meist von treibendem Wolkendunkel überzogen. Es war eiskalt; meine verklommenen6 Hände konnten kaum den Zügel halten, und ich verdachte es nicht den Krähen und Möwen, die sich fortwährend krächzend und gackernd vom Sturm ins Land hineintreiben ließen. Die Nachtdämmerung hatte begonnen, und schon konnte ich nicht mehr mit Sicherheit die Hufen meines Pferdes erkennen; keine Menschenseele war mir begegnet, ich hörte nichts als das Geschrei der Vögel, wenn sie mich oder meine treue Stute fast mit den langen Flügeln streiften, und das Toben von Wind und Wasser. Ich leugne nicht, ich wünschte mich mitunter in sicheres Quartier.

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