Der Schlächter - Jacqueline Pawlowski - E-Book

Der Schlächter E-Book

Jacqueline Pawlowski

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Beschreibung

Kopfüber hängend, ausgeblutet wie Vieh. So findet Mordermittlerin Linda Geissler eine junge erfolgreiche Anwaltsfamilie in ihrem Haus vor. Schnell wird klar, dass es sich bei der Tat nicht um einen Einzelfall handelt. Zeitgleich wird die junge Schriftstellerin Marie Sadlowski auf schlimmste Weise terrorisiert. Linda Geissler setzt alles daran, dem ein Ende zu bereiten und blickt dabei in den tiefsten Abgrund der menschlichen Seele.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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REDRUM

 

 

 

 

 

 

 

Der Schlächter

1. Auflage

(Deutsche Erstausgabe)

Copyright © 2018 dieser Ausgabe bei

REDRUM BOOKS, Berlin

Verleger: Michael Merhi

Lektorat: Stefanie Maucher

Korrektorat: Jasmin Krieger / Silvia Vogt

Umschlaggestaltung und Konzeption:

MIMO GRAPHICS unter Verwendung einer

Illustration von Shutterstock.

 

 

ISBN: 978-395957-068-8

 

www.redrum-verlag.de

 

 

YouTube: Michael Merhi Books

Facebook-Seite: REDRUM BOOKS

Facebook-Gruppe:

REDRUM BOOKS - Nichts für Pussys!

Jacqueline Pawlowski

DER Schlächter

Zum Buch:

 

Kopfüber hängend, ausgeblutet wie Vieh. So findet Mordermittlerin Linda Geissler eine junge erfolgreiche Anwaltsfamilie in ihrem Haus vor. Schnell wird klar, dass es sich bei der Tat nicht um einen Einzelfall handelt. Zeitgleich wird die junge Schriftstellerin Marie Sadlowski auf schlimmste Weise terrorisiert. Linda Geissler setzt alles daran, dem ein Ende zu bereiten und blickt dabei in den tiefsten Abgrund der menschlichen Seele.

 

 

Zur Autorin:

 

Jacqueline Pawlowski wurde am 02.12.1988 in Krefeld geboren und lebt gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihrer kleinen Tochter seit fünf Jahren in der kleinen Stadt Waltrop.

Seit ihrer frühen Kindheit schreibt die gelernte Bürokauffrau leidenschaftlich gern und brachte im April 2018 ihr Debüt »DER SCHLÄCHTER« heraus. Das Buch erscheint bei REDRUM BOOKS in überarbeiteter Neuauflage.

 

 

Inhalt

Prolog

1

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43

Epilog

Nachwort

REDRUM VERLAGSPROGRAMM

.

 

Jacqueline Pawlowski

DER Schlächter

Thriller

Prolog

 

Montag, 22. Dezember 2008

 

Wie das Pendel der verstaubten Uhr im Esszimmer meiner Eltern schwangen die vier leblosen Körper, langsamer werdend, hin und her.

Ich beobachtete mein Werk und schwang in Gedanken versunken leicht mit.

Wie friedlich sie wirkten. Kopfüber hängend, mit je einer klaffenden Wunde am Hals, ausblutend wie Vieh. Ich lauschte der Melodie des Todes, die durch das Tropfen des Blutes auf die kalten Marmorfliesen entstand.

Die wie ein U geformte Treppe der Villa eignete sich ideal zum Aufhängen und verschaffte mir diesen einzigartigen Blick.

Papa, Mama, Bruder und Schwester ewig vereint.

So ruhig und friedvoll wie in diesem Moment waren sie vor wenigen Minuten jedoch nicht gewesen. Die Gesichter von Angstschweiß und Rotz getränkt, hatten sie um ihr Leben gebettelt. Sie sagten, sie würden alles tun, um am Leben zu bleiben. Alles! Ich hatte das Flehen und Winseln genossen, mir ihre Vorschläge angehört. Geld. Macht. Anonymität. Streichelte ihnen über den Kopf, gab ihnen das Gefühl, gehört zu werden. Vermittelte ihnen einen kleinen Augenblick der Hoffnung, ehe mein Messer nach vorn schnellte und ihre Hälse durchschnitt. Man konnte keiner verzweifelten, zum Tode verurteilten Seele Glauben schenken. Niemals.

Einen kleinen Augenblick verweilte ich noch und empfand eine tiefe, mit Sex niemals aufzuwiegende Befriedigung, die sich in meiner Hose bemerkbar machte. Ich rückte meine Latte zurecht, steckte mein Messer mit der nach oben gebogenen, schmalen, knapp fünfundzwanzig Zentimeter langen Klinge vorsichtig in meine Jackeninnentasche und ging zur Eingangstür. Zog sie behutsam, fast andächtig hinter mir zu und verließ unbemerkt das Grundstück.

Man würde von mir Kenntnis nehmen und mir einen Namen geben. Es war nur eine Frage der Zeit, ehe mein Werk die Medien erreichen und die Leute beschäftigen würde. Ich konnte es kaum abwarten, mich neben die gebrechliche Nachbarin an die Theke der Bäckerei zu stellen und ihr dabei zuzuhören, wie sie von mir sprach, während die Brötchentante abgezählte Brötchen in eine Tüte packte.

Schon sah ich mich in den nächstgelegenen Kiosk gehen und ein halbes Dutzend Menschen dabei beobachten, wie sie ihre Köpfe in die frisch gedruckte Tageszeitung steckten und erschüttert über meine Tat kopfschüttelnd und angewidert mit der Zunge schnalzten. Andere würden ihren Blick nicht mehr vom Fernseher in den Kneipen abwenden können, wenn sich der Nachrichtensprecher über mein Werk das Maul zerriss. Ich würde an den fassungslosen Gesichtern erkennen können, dass meine Tat eine tiefe klaffende Wunde in das perfekte Erscheinungsbild der Kleinstadt riss. Und nur ich würde wissen, dass es nicht das letzte Mal sein würde, dass sie über mich sprachen, denn ich war noch nicht am Ende. Meine Mission hatte gerade erst begonnen.

1

 

Linda Geissler

Mittwoch, 24. Dezember 2008

 

Mit Blaulicht fuhr ich die Hauptstraße entlang und verfluchte den Moment, da ich an mein Smartphone gegangen war. Als mir mein Partner Marvin Schöller mitgeteilt hatte, was mich erwarten würde, war mir der letzte Bissen von Muttis Weihnachtsbraten im Hals stecken geblieben. Diese kranken Psychopathen machten nicht einmal am Heiligen Abend Pause.

Als ich endlich ankam, tummelten sich bereits die Reporter hinter dem Absperrband. Geier, auf der Suche nach neuem Aas.

Ich lief zu dem Anwesen und nickte den Kollegen zu.

Schöller kam mir entgegen und reichte mir die schicken Plastiküberzieher für die Schuhe. Ob sie auch bei meinen hochhackigen Stiefeln hielten? Besser wäre es. Blut und Gedärme bekam man wirklich schlecht aus Wildleder heraus. Ich wusste, wovon ich sprach.

Wir gingen ins Haus und blieben kurz hinter der Eingangstür stehen. Das war der einzige Fleck, an den das Blut nicht geflossen war. Ich sah hinauf zu der U-förmigen Treppe und mir stockte der Atem. Über dem Geländer hingen vier Leichen. Die Kehlen von Ohr zu Ohr aufgeschlitzt. Bleich. Die Augen weit aufgerissen, die Blicke leer. Ich bemühte mich, mir den Schrecken nicht anmerken zu lassen und ging meiner Arbeit nach. Als einzige Frau unter testosterongesteuerten Kerlen war es wichtig, professionell zu bleiben. Sie warteten darauf, dass die leitende Ermittlerin einen Fehler machte oder Schwäche zeigte. Da kannten sie mich aber schlecht. Diese Genugtuung würde ich ihnen nicht gönnen und was den kranken Psychopathen anging, der diese Sauerei veranstaltet hatte: dem würde ich die Absätze meiner Wildlederstiefel noch früh genug in den Arsch rammen.

2

 

Am selben Ort, zur selben Zeit

 

Ein Wagen kam mit Blaulicht die Straße hochgefahren und hielt vor dem Anwesen. Die Tür ging auf, die Anspannung wuchs. Sofort, da der erste Treter mit hohen Hacken aus dem Wagen lugte, fiel mir die Kinnlade runter. Eine Frau? Prompt riss das Weibsbild die Kontrolle an sich und kommandierte die Markenträger rum. Das musste dann wohl die Ermittlerin sein, die die Leitung des Falls innehatte. Die wollen mich wohl verarschen! Mehrmals musste ich schlucken. Ich durfte keine Aufmerksamkeit auf mich lenken, musste mich dem Strom der Schaulustigen anpassen. Ruhe bewahren!

Langsam und unauffällig, löste ich mich aus der Reihe der Gaffer und verdünnisierte mich.

Innerlich tobte ich.

Nicht nur, dass ich vor wenigen Tagen meinen Job verloren hatte und vor dem Nichts stand, während Yuppies die Karriereleiter aufstiegen und Geld wie Heu aus dem Fenster warfen, nein, jetzt wurde auch noch eine Frau auf mich angesetzt. Was fiel diesen Markenträgern ein? Wurde mein Werk wirklich so geringgeschätzt? Sollte es so leicht sein, mir das Handwerk zu legen, dass sie eine vollbusige Brünette für den Fall vorgesehen haben? Den Zahn würde ich denen ziehen. So leicht, würden sie mich nicht bekommen. Das war sicher.

 

 

3

 

Linda Geißler

Mittwoch, 24. Dezember 2008

 

Gleich, nachdem der gröbste Dreck beseitigt war, machte ich mich mit Schöller auf den Weg in die Rechtsmedizin.

»Na, das ist ja ein schönes Weihnachtsfest. Gleich so viele Präsente zum Auspacken. Nett.« Rechtsmediziner Dr. Ralf Nickel zwinkerte uns zu und schlenderte mit einem Stück Papier an uns vorbei. »Ich bin sofort für euch da.«

Er hatte einen ziemlich merkwürdigen Humor. Leute, die ihn nicht kannten, hielten ihn glatt für verrückt. Ich sah zu Schöller, der an diesem Abend das erste Mal das Vergnügen mit meinem alten Freund hatte und musste laut lachen, als ich sein verdutztes Gesicht sah.

»Mach dir nichts draus. Das ist seine Art, mit diesem ganzen Scheiß umzugehen.«

Schöller nickte und holte seinen Notizblock aus der Jackentasche. Seite für Seite ging er seine Notizen durch und erschrak, als ihm Ralf von hinten auf die Schulter klopfte.

»So, dann wollen wir uns mal ansehen, was ihr Schönes gefunden habt.« Nickel ging zu den Liegen und entfernte die weißen Tücher.

Schöller schluckte und hielt sich ein Taschentuch vor Nase und Mund. In der großen Villa hatte man den Verwesungsgeruch kaum bemerkt, doch hier breitete er sich schnell im gesamten Raum aus und lag schwer in der Luft. Die Autolyse hatte begonnen.

Schöllers Gesichtsfarbe veränderte sich. Er wurde kreidebleich.

»Möchtest du lieber an die frische Luft?«

Schöller schüttelte den Kopf, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Ralf, der gerade dabei gewesen war, seine Obduktions-Utensilien zurechtzulegen, hielt inne und beäugte Schöller.

»Linda, ich denke, es wäre besser, wenn dein Partner rausgeht, meinst du nicht auch? Was hältst du davon, wenn ich das hier allein zu Ende bringe und dir nachher noch den Bericht schicke. Geht nach Hause! Es ist Heiligabend.«

Schöller sah zu Boden.

Sicher wusste Ralf, dass ich gar nichts von diesem Vorschlag hielt, aber Schöller sah nicht mehr gut aus und drohte, jeden Augenblick aus den Latschen zu kippen. Ich stimmte also zu und schob meinen angeschlagenen Kollegen aus dem Obduktionssaal.

Als wir an der frischen Luft waren, nahm Schöller das Taschentuch von seinem Gesicht und atmete ein paar Mal tief ein, ehe er mich peinlich berührt ansah. Ich wusste, dass ihm sein letzter Fall noch immer zu schaffen machte, nach dem er sich aus der Großstadt hierher versetzen lassen hatte. Scheiße, auch ich würde es nicht so leicht wegstecken, wenn ich in ein Gebäude gestürmt wäre, in dem sich etliche gehäutete Frauenleichen stapelten. Seine Versetzung hierher war nötig gewesen, wenngleich sein neuer Einsatzort ihm den Beruf wohl auch nicht einfacher machte, da hier leider ebenso Furchtbares geschah.

»Das wird schon wieder! Wie sieht es aus, soll ich dich irgendwo absetzen oder kommst du mit aufs Revier?«

»Ich komme mit. Kann jetzt einen starken Kaffee gebrauchen.«

Wir fuhren die Hauptstraße entlang und hörten weihnachtliche Musik im Radio. Noch wurde der Mord an der Anwaltsfamilie nicht publik gemacht. Allem Anschein nach hielten sich die Medien zurück. So viel Nächstenliebe war ich von den Hyänen nicht gewohnt.

Im Gemeinschaftsraum des Dezernats setzte ich eine Kanne Kaffee auf und schaute aus einem der vielen Fenster im zweiten Stockwerk des Gebäudes. Es sah alles friedlich aus. Kaum ein Auto fuhr die Straße entlang. In vielen Häusern brannte das Licht. Teilweise waren sie von außen festlich geschmückt.

Wenn man sich umsah, fiel es einem schwer zu glauben, dass solch eine kranke Scheiße hier in diesem kleinen Ort geschehen konnte. Die Wahrscheinlichkeit, so etwas hier zu erleben, war gering, aber dennoch vorhanden, wie ich heute feststellen musste.

Ein tiefes Grollen unterbrach meine Gedankengänge und ich warf einen Blick auf die Kaffeemaschine. Die bittere schwarze Sünde, die mich Tag für Tag fit hielt, war fertig. Ich griff mir zwei Tassen aus einem der Küchenschränke und füllte sie. Schöller kam dazu und nahm seine Tasse entgegen. Er bedeutete mir mit einer Handbewegung, dass er zu seinem Arbeitsplatz zurückgehen und seinen Bericht schreiben wollte. Ich nickte, begab mich ebenso ins Büro und schloss die Tür hinter mir.

Eine Weile später – Schöller war dabei, den Tathergang mit anderen in der Datenbank zu vergleichen – öffnete ich gerade Nickels Obduktionsbericht, als es klopfte.

»Gut, dass du da bist, Schöller. Die Ergebnisse der Rechtsmedizin sind gerade angekommen«, winkte ich ihn herein. Ich las die Mail und schüttelte den Kopf. Dann lehnte ich mich zurück, sah Schöller an und sagte: »Chloroform.«

Er sah mich verständnislos an, strich sich durch sein Haar und versaute damit seine perfekte Frisur.

»Was könnte das Motiv von dem Dreckskerl gewesen sein?«, fragte Schöller, während ich mich aus meinem Stuhl erhob und aus dem Fenster sah.

»Das werden wir herausfinden! Wir brauchen eine Liste der Personen, die mit dem Sohn Tilo Steglitz Kontakt hatten. Such mir alle Zeugen zusammen, die du auftreiben kannst. Wir brauchen jeden Hinweis.« Ich machte eine kurze Pause. »Am besten, du erstellst eine solche Liste für alle Familienmitglieder. Wir müssen in alle Richtungen gleichzeitig ermitteln, wenn wir schnell ans Ziel gelangen wollen.« Schöller nickte, stand auf und wollte sich gleich an die Arbeit machen, doch ich hielt ihn davon ab.

»Heute wirst du nicht mehr viel erreichen. Es ist Heiligabend. Geh nach Hause und ruh dich aus. Wir sehen uns morgen wieder.«

Er grinste, nickte erneut und schloss die Tür hinter sich, während ich noch immer aus dem Fenster starrte. Ich bin dir auf den Fersen, dachte ich und tippte mit den Stiefeln auf den Boden.

4

 

Marie Sadlowski

Mittwoch, 24. Dezember 2008

 

Was für ein toller Abend! Alle meine Liebsten hatte ich beisammen. Das Haus hatte ich bereits vor Tagen festlich geschmückt. Im Esszimmer ragte ein riesiger Weihnachtsbaum bis an die Zimmerdecke und in den weiteren Räumen hingen Girlanden und Lichterketten. Ich liebte den Duft von Orangen, Zimt und Kaminfeuer zur Weihnachtszeit. Er löste in mir ein Gefühl von Wärme, Zuneigung und endloser Liebe aus. Leider kamen wir alle nicht so oft zusammen. Meine Eltern sah ich nur alle paar Monate. Umso mehr genoss ich ihre Anwesenheit an Tagen wie diesen.

Die Entscheidung, aus meiner Heimatstadt wegzuziehen, war mir leichtgefallen, da ich mit dem schnellen Leben in der Großstadt nicht mehr klarkam. Die Zeit raste immerzu und der Lärm drückte mir auf die Seele. Ich wollte mein Leben an einem ruhigeren Ort weiterführen. An einem Ort, an dem ich sesshaft werden, meine Träume verwirklichen und stressfrei leben konnte. Meine Mutter ließ mich ziehen, aber tief in mir spüre ich ihre unendliche Trauer darüber, dass ihre einzige Tochter so weit wegziehen wollte. Inständig hoffte ich, sie würde es mir irgendwann verzeihen und das Positive daran sehen. Ich war glücklich.

Ingo und ich waren bereits seit vier Jahren verheiratet. Er und sein Bruder Marek waren mit mir aus der Großstadt geflohen, weil auch sie sich nicht mehr wohlgefühlt hatten. Die beiden verband eine tiefe Bindung. Sie hatten sich gemeinsam durch ihre Kindheit gekämpft und waren immer für einander eingestanden.

Ingo und ich waren Seelenverwandte. Bei ihm fühlte ich mich sicher und geborgen und ich konnte mir keinen besseren Vater für mein Kind vorstellen.

Der Esstisch war reich gedeckt. Ich ließ mich nicht lumpen und tischte die allerfeinsten Sachen auf. Von Wildgulasch bis hin zu Edelfisch-Filet war alles dabei. Natürlich wie immer viel zu viel, aber wozu hatte eine Frau wie ich Plastikdosen und einen immer hungrigen Ehemann? Im Radio lief herrliche Weihnachtsmusik und sogar das Wetter spielte ausnahmsweise mit. Wir saßen dieses Jahr mal nicht im T-Shirt am Tisch.

Ich sah aus dem bodentiefen Esszimmerfenster und verlor mich in meinen Gedanken. Es war nur eine Frage der Zeit, ehe die ersten Schneeflocken fielen.

»Hey, Liebes, was schwirrt dir denn im Kopf herum?« Mein Vater, der mir lächelnd gegenüber am Tisch saß.

»Oh, entschuldige. Bitte, greift zu und lasst es euch schmecken.«

»Frohe Weihnachten euch allen. Prost.« Ich erhob mein Weinglas und nickte allen Anwesenden zu.

Wir ließen uns das Essen schmecken, lachten und erfreuten uns an der festlichen Musik. Unweigerlich musste ich grinsen, als ich feststellte, dass das Resultat der stundenlangen Arbeit vorm Herd binnen kürzester Zeit gegessen war.

Das war ein gutes Zeichen.

Plötzlich unterbrach mein Vater unser Gelächter mit einer kurzen Handbewegung und Zischlauten und deutete auf das Radio.

»… unterbrechen unser weihnachtliches Programm für eine wichtige Durchsage. Am heutigen Abend wurde ein schreckliches Verbrechen aufgedeckt. Die Rechtsanwaltsfamilie Steglitz ist einem schrecklichen Verbrechen zum Opfer gefallen. Mehr dazu von unserer Reporterin Ricarda Wagner.« Die Stimme des männlichen Nachrichtensprechers verstummte.

»Danke, Martin. Ich stehe hier vor dem Anwesen der Familie Steglitz, wo sich Grauenhaftes ereignete …«

»Schrecklich«, sagte ich. Mit einem Mal war die unbekümmerte Weihnachtsstimmung verflogen. Ich senkte meinen Kopf und stocherte lustlos in meinem Essen herum. Wer wäre zu so etwas fähig? Welches Motiv steckte dahinter? In meinem Kopf kreisten plötzlich tausende Fragen. Als Schriftstellerin war es mein tägliches Brot, mich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Ich erfand ein Szenario und musste dieses auch irgendwie begründen. Ich fragte mich, womit ich eine solche Gräueltat rechtfertigen würde. Kann man einen Mord überhaupt erklären?

Mein Mann bemerkte meine geistige Abwesenheit, legte seinen Arm um meine Schulter und flüsterte mir liebe Worte ins Ohr.

Im Verlauf des Abends wurde das Programm nicht mehr unterbrochen. Es schien keine neuen Anhaltspunkte zu geben. Niemand wusste, wer der Mörder war, somit war er noch auf freiem Fuß und bestimmt schon über alle Berge. Neugierig, wie ich war, versuchte ich, meine beste Freundin auf dem Smartphone zu erreichen. Vergebens. Wahrscheinlich suchte Ricarda Wagner fieberhaft nach Informationen und quetschte die Polizisten vor Ort aus. Ich war mir sicher, dass sie sich bei mir zurückmelden würde, sobald sie die Zeit dazu hatte, aber ich konnte mich nicht zurücknehmen und warten, und so probierte ich noch mehrere Male, sie zu erreichen. Geduld war noch nie meine Stärke gewesen. Als auch nach dem vierten Mal niemand abhob, legte ich das Telefon beiseite, setzte mich zu meinem Mann an den Weihnachtsbaum und lehnte meinen Kopf an seine Schulter.

»Frohe Weihnachten, mein Schatz«, flüsterte ich ihm zu, dann küssten wir uns und genossen, gemeinsam mit unserer Familie, das Weihnachtsfest.

 

5

 

Marie Sadlowski

Montag, 29. Dezember 2008

 

Die Feiertage vergingen wie im Flug. Ich verbrachte sie mit meinem Mann in unserem Haus. Ganz gemütlich, vor unserem Kamin im Wohnzimmer, hinter stets geschlossenen Vorhängen. Es war das erste Mal seit Jahren, dass wir keinen Weihnachtsmarathon bestritten. Unsere Familien waren nicht übermäßig groß, aber zerstritten. Der eine wollte mit dem anderen nicht an einem Tisch sitzen und umgekehrt. Es war eine ständige Hin- und Herfahrerei, weil sich Erwachsene nicht vertragen konnten. Oft dachte ich darüber nach, wie es wäre, wenn wir ein Kind hätten. Würde ich dann den Geburtstag meines Kindes zehn Mal feiern müssen, weil alle nur dann kämen, wenn der andere nicht anwesend war? Es graute mir tatsächlich davor, denn es gab nur einen, der darunter leiden würde: unser Kind. Andererseits hatte ein kleines, unschuldiges Leben vielleicht auch die Kraft, Menschen dazu zu bewegen, über ihren eigenen Schatten zu springen. Bis dahin würde es jedoch jedes Jahr aufs Neue heißen: Erst dorthin, dann dahin und hier und da noch jemanden dazwischen quetschen.

Als ich heute die Vorhänge geöffnet hatte, begegnete mir eine wunderschöne weiße Landschaft. Über Nacht hatte es geschneit und alles in ein Winterparadies verwandelt.

Ingo war selten zu Hause. In seinem Job war er ständig darauf aus, neue Kunden zu werben. Es freute mich, dass er so in seiner Arbeit aufging, aber noch mehr freute es mich, dass er für die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr keine Termine hatte. So war ich in diesem großen Haus zur Abwechslung mal nicht allein. Da ich als Schriftstellerin lieber vor meinem Schreibtisch oder aber auch auf dem Sofa saß, statt mich draußen von der Natur ablenken zu lassen, sah ich selten etwas anderes als meine vier Wände. Manchmal schlug mir das aufs Gemüt und mir drohte die Decke auf den Kopf zu fallen, aber diese Phasen gingen gewöhnlich schnell wieder vorbei und ich konnte mich ohne Ablenkungen auf meine Arbeit konzentrieren.

Wir wollten die freien Tage nach den Feiertagen dazu nutzen, um kleine Änderungen und Reparaturen am Haus vorzunehmen. Ich freute mich sehr auf die kleinen Veränderungen. Ingo fehlte dazu jegliche Motivation, was mich allerdings nicht davon abhielt, unser Vorhaben in die Tat umzusetzen. Einmal in Fahrt gekommen wusste ich, dass Ingo nicht mehr zu bremsen war. Er brauchte nur einen kleinen Anstoß. Ein wenig schadenfroh sah ich lächelnd zu ihm rüber und wedelte mit dem Schmirgelpapier. Ingo grinste zurück und nahm es mir aus der Hand. Zuallererst wollte er dem Esstisch zu neuem Glanz verhelfen.

In der Hoffnung neue Informationen über den Mord an der Familie Steglitz zu erfahren, schaltete ich das Radio an. Ricarda hatte sich bis heute nicht bei mir zurückgemeldet. Leider kam das häufiger vor, als mir lieb war. Sie mutierte zu einem Workaholic und verlor sich allmählich selbst. Ich hatte die Befürchtung, wir könnten uns auseinanderleben. Wir waren einige Jahre befreundet und mir war sie sehr ans Herz gewachsen, was mich dazu brachte, nicht aufzugeben und ihr Verhalten als Phase abzutun. Wie lange das noch auf diese Weise gut gehen würde, wusste ich nicht und so bemerkte ich einen immer größer werdenden Kloß in meinem Hals. Sie war die einzige Freundin, die ich hier hatte. Ohne sie wäre ich allein. Niemanden zu haben, mit dem man über die eigene Beziehung sprechen konnte, Mädchenkram machen konnte, Spaß haben konnte? Der Gedanke ließ mich schaudern und verstärkte mein Bedürfnis, mit Ricarda zu sprechen. Ich holte mein Smartphone. Freizeichen. Ein gutes Zeichen. Nach dem zweiten Tuten sprang die Mailbox an und ich legte enttäuscht auf. Einen kurzen Moment sah ich auf mein Telefon und überlegte, ob ich es noch einmal versuchen sollte, ließ es bleiben und steckte das Gerät zurück in meine Hosentasche. Ich wollte mir nichts anmerken lassen und räumte das benutzte Geschirr in die Spülmaschine.

»Hier ist Radio LRW mit den Nachrichten. Der Schlächter ist noch immer auf freiem Fuß und sehr gefährlich. Bitte seien Sie vorsichtig. Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren und sobald wir mehr über den Täter erfahren haben, werden wir Sie selbstverständlich in Kenntnis setzen. Hören Sie nun einen Mitschnitt der gestrigen Pressekonferenz. ›Aufgrund der Tatsache, wie wir die Familie Steglitz vorfanden und der Rekonstruktion des Tathergangs, kann man davon ausgehen, dass der Täter mindestens eines der Opfer gekannt haben muss. Wir bitten daher um Ihre Mithilfe. Wenn Sie etwas Auffälliges zwischen dem neunzehnten und dem zweiundzwanzigsten Dezember bemerkt haben sollten, möchten wir Sie bitten, sich beim Polizeipräsidium zu melden. Jeder noch so kleine Hinweis könnte uns weiterhelfen.‹ Das war Ludger Herrmann, polizeilicher Pressesprecher, auf der Pressekonferenz des gestrigen Abends. Und nun weitere Meldungen des Tages. Auf der …«

Ingo schaltete das Radio wieder aus und sah mich an. »Der Schlächter? Wirklich? Jetzt gibt die Presse dem Typen auch noch einen Namen. Das spornt ihn doch nur noch mehr an.«

Er stoppte, als er zu mir herübersah und meinen Gesichtsausdruck wahrnahm. »Lass uns nicht länger darüber nachdenken. Die werden ihn kriegen. Linda macht einen guten Job, das weißt du. Es wird alles gut, versprochen.« Linda Geissler war eine herausragende Ermittlerin, die sich durch die ganze Mannschaft boxte. Ich hielt viel von ihr und freute mich sehr, sie als Quelle für meine Recherchen zu haben.

Mein ungutes Gefühl schluckte ich hinunter und ging ins Obergeschoss, um die Betten zu beziehen. Auf halbem Weg blieb ich auf der Treppe stehen, da ich das Klingeln von Ingos Mobiltelefon vernahm.

»Guten Tag, Herr Seifert. Was kann ich für Sie tun? … sicher! Das ist überhaupt kein Problem. … Ja. Morgen Mittag passt mir gut. … gut. Ich suche die Unterlagen zusammen und dann sehen wir uns morgen bei Ihnen. … genau. Das bekommen wir hin. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen. … Danke. Auf Wiederhören, Herr Seifert.«

Ingo bemerkte meine Anwesenheit und sah zu mir hoch zur Treppe.

»Ich dachte du nimmst dir frei?«

»Ich verspreche dir, ich beeile mich. Das dauert nicht lange. Gewiss nicht.«

Er versuchte, mich aufzumuntern, kam mir auf der Treppe entgegen, strich mir zärtlich durchs Haar und küsste meine Stirn. »Wenn ich mit dem Termin fertig bin, besorge ich uns etwas vom Chinesen und leihe uns einen Film aus. Was hältst du davon, Schatz?« Wenn er mich so ansah, konnte ich ihm nichts mehr übelnehmen. Mein Herz begann schneller zu schlagen und Schmetterlinge flogen wild in meinem Bauch umher.

»Sicher. Chinesisch klingt sehr gut und ich lasse mich überraschen, was du uns besorgst«, zwinkerte ich ihm zu. Er wusste, ich bevorzugte Filme mit einem gewissen Gruselfaktor. Ich konnte mit Komödien nicht viel anfangen und von Liebesfilmen bekam ich Ausschlag. Vermutlich war dies eine Eigenschaft, die Ingo an mir liebte. Er konnte mit seiner Ehefrau Horrorfilme schauen, Fast Food essen und Bier trinken. Ich freute mich sehr darauf, den nächsten Abend mit ihm zu verbringen und dachte nicht im Traum daran, dass der Abend in einer Katastrophe enden könnte.

6

 

Der Schlächter

Dienstag, 30. Dezember 2008

 

Während der Feiertage nicht rauszukommen, war schrecklich. Ich brauchte meinen Freiraum. Ruhe. Aber was hätte ich meiner Freundin zu Hause sagen sollen? Plausible Ausreden, die sie mir widerstandslos abgekauft hätte, hatte ich nicht parat. Bis auf heute. Ein spontaner Termin, den ich unbedingt wahrnehmen musste. Fertig. Die Beziehung war nicht mehr die Gleiche wie vor ein paar Jahren. Ein kurzer Blickkontakt, ein Nicken, ein kleines ›Tschüss‹. Kein Kuss, keine Umarmung, kein ›Ich liebe dich‹. Sie war festgefahren. In eine Sackgasse geraten. Ging unaufhaltsam dem Ende entgegen, dabei wollte ich diese Frau heiraten. Irgendwann, wenn das Geld stimmte.

Wie so oft in letzter Zeit, saß ich teilnahmslos auf dem Sofa, trank mein Bier und starrte die Wand an, während meine Freundin wie eine Furie durch die Wohnung lief und mich in einer Tour beschimpfte. »Du Versager! Nichtsnutz! Dämliches Arschloch!«

Meine Halsschlagader schwoll an und ich musste meinen Zorn runterschlucken. Raus hier, einfach raus!

Unauffällig klaubte ich mein Smartphone hervor und täuschte einen eingehenden Anruf vor.

Ich musste mich abreagieren gehen.

Völlig genervt fuhr ich die leer gefegte Hauptstraße entlang und sah mir die schicken Häuser an. Eines prunkvoller als das andere. Kopfschüttelnd und dem Erbrechen nahe, stand ich als Einziger an der roten Ampel. Mein Blick wanderte hinauf zu einem der vielen Lofts, die wahrscheinlich größer waren als ein Fußballfeld.

---ENDE DER LESEPROBE---