Beschreibung

Zwei Perspektiven, eine Geschichte. Von Pola, die die Zeit anhalten kann. Von Janek, der hinter ihr Geheimnis kommt. Von Lange Sömme, einem Ort, in dem die Straßen auch nachts noch nach Kamillenblumen riechen. Von Schmetterlingen, die getötet werden müssen, um ihre Schönheit zu bewahren. Von verschwundenen Vätern. Und von roten Flugzeugen, aus denen man springen muss, um ein Leben zu erfahren, das so magisch wie die Summe aller Wirklichkeiten ist.

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Stefan Petermann

Der Schlaf und das Flüstern

Stefan Petermann

 

 

 

ROMAN

 

© 2009 asphalt & anders Verlag, Hamburg

Alle Rechte vorbehalten

www.asphalt-anders.de

Lektorat: Stefan Mayr, Köln, und Nico Schröder, Hamburg

Titelgestaltung: Monika Bendel, Laupheim, unter Verwendung eines Bildes von clautsch/photocase.com sowie eines Bildes von Gerti G./photocase.com

Autorenfoto: Candy Welz, Weimar

ISBN 978-3-941639-99-7

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

Für W. und Y.

Alles schien erstarrt in einem Warten

Auf die letzten Sommertage dieses Jahres

Und mir war es

Alles andere als fremd

Dirk von Lowtzow, Jenseits des Kanals

 

 

 

Im Gras lag ein Körper, zwischen salzweiß blühenden Kamillen. Die Arme geöffnet, die Beine gespreizt, das Gesicht, von einem kaum wahrnehmbaren Lächeln gezeichnet, dem Himmel zugewandt. Der Körper unberührt, die Kleidung unversehrt. Keine Knöpfe, die fehlten, kein Hosenbein, das gerissen war. Die Schnürsenkel der roten Stoffturnschuhe doppelt gebunden. Um den Hals ein buntes Tuch geschlungen, das dichte Haar von hölzernen Spangen gehalten. Neben dem Körper, auf einem dreibeinigen Metallgestell, ein Fernrohr. Das Objektiv auf einen unsichtbaren Punkt in den Wolkenbergen gerichtet. Vor dem Fernrohr ein alter Stuhl. Über die hellgrünen Rispengräser der Wiese, die an den Rändern sanft in ein Tal überging, trieb der Wind Wellen. Grillen zirpten, Fliegen verfingen sich in Spinnennetzen, Schmetterlinge landeten auf Kamillenblüten, um Nektar zu saugen.

Aus dem Gräsermeer erhob sich ein Arm und streckte sich langsam dem Himmel entgegen. Wie in Zeitlupe öffnete sich die zur Faust geballte Hand, bis der Handteller parallel zum Horizont stand. Bewegung kam in die Pflanzen. Sie schüttelten sich, raschelten aufgebracht und legten sich schließlich zur Seite. Das Gesicht eines Mannes in den mittleren Jahren tauchte auf. Es war ein Gesicht, das vor vielen Jahren Schönheit getragen hatte. Auch wenn nochimmer tiefblaue Augen dicht beieinanderstanden, wenn neben den Nasenflügeln Überreste von Sommersprossen zu erkennen waren, wenn das halblange Haar zerzaust, aber nicht ungepflegt in die Stirn fiel, so fehlte dem Gesicht jegliche Spannung, jede Form von Energie, von Kraft. Man konnte so weit gehen zu sagen, dem Gesicht fehlte Leben.

Müde blickte der Mann sich um. Er hatte sich aufgesetzt, vom Wind getrieben trommelten Gräser gegen seine Brust. Er fuhr durch seine Haare, doch nicht um sie zu ordnen. Unscharf nahm er die Umgebung wahr. Sah auf die Wiese, wie sie ruhig und friedlich dalag. Nur Sonnenstrahlen, Wolkenfetzen und ein Fernrohr. Janek tastete seinen schmalen Körper ab. Er schien unverletzt. Vorsichtig streckte er sich. Von seiner Brust glitten die Gräser ab. Sein Blick verschob sich. Noch bevor er zum Stehen kam, wurde ihm schwindelig. Die Beine gaben nach und er taumelte, ohne das Gleichgewicht halten zu können, stürzte zurück ins Grün. Benommen blieb er liegen. Verlor das Bewusstsein, für ein, zwei Minuten. Öffnete die Augen, blinzelte in den Himmel. Bemühte sich, nicht in die Sonne zu schauen. Schillernde Trapeze formten sich, tanzten wie aufgescheuchte Mückenschwärme vor seinen Augen. Janek drehte sich zur Seite. Kühl umfingen ihn die Gräser.

Die Wiese fiel ins Tal hinab. Dort begann das Dorf. Wie hinter einem Vorhang versteckt lag es. Nur ein dumpfes Flimmern von Geräuschen war zu hören, nichts Eindeutiges, nichts, das auf die unmittelbare Anwesenheit von Menschen hindeutete. Allein stand Janek auf dem Plateau, tat vorsichtig seine ersten Schritte. Immer noch fühlte er sich schwach. Er wusste nicht, wie er hierher geraten war. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte, wonach er suchen musste. Vielleicht hundert Meter von ihm entfernt war das Gras niedergedrückt. Taumelnd umkreiste Janek die Stelle, entfernte sich davon und stolperte wieder näher, bis er sieschließlich erreichte. Eine Erinnerung, mehr die Ahnung einer Erinnerung, durchzuckte ihn, viel zu schnell, um sie halten zu können. Er hielt inne. Dann sah er.

Im Gras lagen zwei Körper. Die Gesichter waren unkenntlich. Einzig an den unterschiedlichen Staturen war zu sehen, dass einer ein Mann, der andere eine Frau gewesen sein musste. Sie lagen übereinander, alles andere als friedlich. Die Arme und Beine waren ineinander verdreht. Blut strömte aus den Körpern, tropfte auf Kamillenblumen. Der Tod musste sie eben ereilt haben, vor wenigen Minuten nur. Gestorben lagen sie zwischen den Gräsern. Janek betrachtete die Körper. Er stand, die Sonne in seinem Rücken, und warf einen Schatten über den Mann und die Frau. Er kannte beide, das wusste er, er musste beide kennen, doch er konnte sich nicht erinnern. Er schlug sich gegen den Kopf. Gegen das Vergessen. Etwas Feuchtes an seinem Fuß. Das Blut sammelte sich in einer Lache. Er trat einen Schritt zurück, einen zweiten. Schon entschwanden die Körper seinem Blick. Vielleicht würde er sich später erinnern.

Unablässig blies Wind. In der Ferne das Rauschen des Dorfes. In den Augenwinkeln sah Janek etwas glänzen. Er lief, stolperte darauf zu. Die Gräser raschelten, wenn er sie niedertrat. Manchmal blieb er stehen und hielt sich benommen den Kopf. Das Glitzern änderte seine Stärke. Janek erreichte das Fernrohr. Doch als er ankam, fesselte nicht mehr das Fernrohr seine Aufmerksamkeit. Er betrachtete nicht die silberne Ummantelung, die, obwohl an vielen Stellen zerschrammt, gepflegt wirkte. Er drückte nicht sein Auge an das Okular, um zu sehen, worauf das Fernrohr gerichtet war. Auch die orangefarbenen Luftkissen, die von dieser Stelle aus sichtbar waren, interessierten ihn nicht. Stattdessen setzte sich Janek erschrocken, erstaunt und fassungslos zugleich auf den Holzstuhl nebendem Fernrohr. Und als er saß und sah, kam die Erinnerung wieder. Im Gras lag ein Körper, und Janek kannte diesen Körper.

Doch nicht, dass dieser Körper leblos war, bestürzte ihn. Es war der Körper selbst. Da war die ledrige, verbrauchte Haut, in die sich Falten wie Furchen gegraben hatten. Da waren handgroße Altersflecken, die Ränder ausgefranst. Da war das Haar. Schlohweiß und dicht und lang fiel es über die schmalen Schultern der Frau, von hölzernen Spangen kaum gehalten. Das Haar hing ihr über das Gesicht, über die Lippen. Schorf an den Mundwinkeln. Die Augen offen, glasig blau, fast durchscheinend. Es war nicht der leblose Körper, der Janek ängstigte. Es war das Alter. Erst nach vielen Minuten fand er die Kraft, sich zu der Frau hinabzubeugen. Neben ihr sank er auf die Knie. Er wollte sie berühren, weil er dachte, dass nur eine Berührung sie wirklich machte. Doch er fürchtete sich vor ihr, wie sie regungslos dalag, um Jahrzehnte gealtert. Über einer abgewetzten Jeans trug sie das Kleid einer jungen Frau. Blumen waren auf den dünnen Stoff gestickt. Ein Träger hatte sich von ihrer Schulter gelöst. Auf den Wangen eine Schicht Rouge, auf den Lippen Lippenstift. Die Konturen ihrer Augen waren dunkel nachgezeichnet. Auf den Lidern Pulverkrümel. Vorsichtig legte Janek eine Hand auf ihren Arm. Der Körper war warm. Janek wusste, sie konnte nicht tot sein. Er schob die andere Hand unter ihren Kopf und hob ihn sanft an. Die Haut an ihrem fleckigen, alten Hals spannte sich. Schwach roch er den leichten Duft eines Parfüms, das sie hinter ihre Ohrläppchen aufgetragen hatte.

„Pola“, flüsterte Janek, und er wusste, sie würde ihn nicht wahrnehmen.

Er betrachtete ihr Gesicht, so wie er es vor vielen Jahren zuletzt getan hatte. Es war ihm vertraut und fremd zugleich. Schmal war es und eingefallen und über den Stellen, die früher unergründlich geschimmert hatten, schlotterte Haut. Doch das Alter hatte ihr keinen Schaden zugefügt. Auf eine kaum greifbare Weise hatte es ihr Wesen preisgegeben und in ihr Gesicht gezeichnet. Janek fuhr mit dem Nagel seines rechten Zeigefingers über ihre Stirn, über ihre Nase, ihre Wange, bis er schließlich ihre Lippen fand. Er strich über sie. Doch sie schwiegen, zitterten nicht. Und wie Janek Pola in seinen Armen hielt, fühlte er sich bedeutend. Auch wenn er länger darüber nachdenken würde, so fiele ihm kein besseres Wort dafür ein. Es hatte etwas zu bedeuten, dass er so neben ihr kniete. Es machte ihn bedeutend. Etwas war zu ihm zurückgekehrt. Er war angekommen. Das war kein Ende. Sondern ein Anfang.

Schließlich sprang er auf. Polas Körper fiel nach hinten, und für einen Moment schien es, als würde sie wie Glas zerspringen. Doch sie drückte nur Gräser tiefer in den Boden, die längst niedergedrückt waren. Janek stand in der Wiese. Bis eben hatte Pola noch friedlich gewirkt. Das würde sich ändern. Janek sah sie kommen. Die Männer in weißer Schutzkleidung, mit den Atemschutzmasken, die ihre Gesichter bedeckten. Mit gedämpften Stimmen würden sie sich Anweisungen geben und einen Pavillon errichten, unter dem sie ihre Gerätschaften aufbauen konnten. In dichten Reihen würden sie die Wiese durchschreiten, würden Staubkörner in kleine Plastikbeutel füllen, würden die starren Körper mit weißen Planen bedecken, würden mit geübten Bewegungen Informationen in ihre tragbaren Computer tippen. Um den Ort wäre dann rotweiß gestreiftes Absperrband gezogen, hinter dem sich die Bewohner des Dorfes sammeln würden. Leise würde das Wispern ihrer geflüsterten Annahmen über die Wiese flattern, würden Blicke fragen und Hände gestikulieren. Die jungen Polizisten aus dem Ort würden an das Absperrband treten und abwehrend die Hände heben, gerade so, als dürften sie nichts sagen. Krankenwagen kämen, und Sanitäter würden verschiedene Tode erkennen. Fotoapparate würden sich auf die Ferne scharf stellen, Hubschrauber das Gelände abmessen. Sie würden kommen, vielleicht in der nächsten Stunde schon. Ein alter Bauer, der mit seinem Traktor zum Feld fuhr, würde das Fernrohr bemerken. Kinder, die im nahegelegenen Wald spielten, würden über die Körper stolpern. Es würde Anrufe geben, Aufregung. Unweigerlich würden sie kommen und würden alles von der Wiese nehmen. Sie durften ihn nicht finden. Durften Pola nicht finden.

Janek lief zu den anderen Körpern, lief zurück zu Pola. Wieder und wieder, bis sich ein Pfad in der Wiese abzeichnete. Er musste Pola fortbringen. Ins Dorf konnte er sie nicht tragen. Das war ausgeschlossen. Sie würden ihn entdecken, bevor der Abend anbrach. Doch im Dorf stand sein Auto. Er starrte auf den Waldrand, hinab ins Tal, in die Ferne. Niemand war zu sehen, alles schien ruhig. Also rannte er ins Dorf, so schnell er konnte.

Als Janek zurückkehrte, sah er ihn schon von Weitem. Über die Wiese ging ein alter Mann. Langsam, in ruhiger Bewegung. Noch hatte er Pola nicht erreicht. Das Fernrohr hatte offenbar seine Aufmerksamkeit erregt. Janek beschleunigte den Wagen. Vielleicht würde es ihm gelingen, den Mann abzufangen, bevor er die Körper erreichte. Abrupt lenkte er in die Gräser. Der Alte blickte auf und setzte seinen Weg ungerührt fort. Nur noch wenige Meter trennten ihn vom Fernrohr, als er plötzlich innehielt. Vermutlich hatte er die Körper entdeckt. Janek trat auf die Bremse. Er sprang aus dem Wagen und hastete auf den Mann zu. Und je näher er ihm kam, desto größer wurde die Gewissheit, dass er den Mann kannte. Janek rannte. Der alte Mann brach zusammen. Er fiel nach vorn. Ohne die Hände zum Schutz zu benutzen, stürzte er ins Gras. Jetzt konnteJanek ihn nicht mehr sehen. Nur das Fernrohr und die Wiese.

Der Alte weinte nicht. Bewegungslos verharrte er zwischen den Kamillenblüten, so wie Janek vor vielen Minuten. Sein Gesicht in den Boden gepresst. Keuchend erreichte Janek ihn. Der alte Mann lag still. Janek stützte die Hände auf die Oberschenkel und atmete schnell. Er griff nach dem Alten. Packte ihn an der Schulter und drehte ihn unsanft auf den Rücken. Erde und Gräserpollen klebten im Gesicht des alten Mannes. Die Augen weit aufgerissen.

„Großvater“, setzte Janek an. Dann brach er ab.

Janek wischte die Erde aus Großvaters Gesicht. Die Berührung brachte ihn wieder zu Bewusstsein.

„Einar ist ...“, begann Janek leise.

Großvater starrte ihn an.

„Was machst du hier draußen?“, fragte er.

Seine Augen verengten sich, musterten ihn misstrauisch. „Was ist das für ein Fernrohr?“, fragte er weiter. Seine Stimme war scharf.

„Nnnichts“, stotterte Janek, „nur ein Fernrohr.“

Großvater erhob sich. Schwankend kam er auf die Beine. Janek versuchte ihn zu halten, doch Großvater wischte ihn wie eine lästige Fliege von sich. Lief los. Nur langsam kam er voran. Jeder Schritt schien ihm Schmerzen zu bereiten. Doch unbeirrt steuerte er sein Ziel an. Janek blieb im Gras liegen, wusste, dass das Unvermeidliche nicht zu verhindern war. Erst als Großvater erneut aufschrie, bewegte er sich wieder.

„Wieso ist sie alt?“, schrie Großvater.

„Wieso ist sie unverletzt?“, schrie Großvater.

„Was hast du getan?“, schrie Großvater.

Anstatt seine Unschuld zu beteuern, griff Janek nach Großvaters Hand.

„Wir dürfen nichts sagen.“

Großvater schaute ihn grimmig an.

„Was hast du getan?“

Janeks Stimme überschlug sich.

„Pola ist nicht tot. Sie lebt.“

Janek drückte die Hand, stärker als es notwendig schien. Großvater überlegte. Er blickte auf den Körper im Gras, auf Janek, dann wieder auf Pola.

„Es ist ihre Schuld“, brüllte er, „sie hat ihn umgebracht. Sie war es.“

Sein Schreien schwoll an. Er löste sich aus Janeks Griff und beugte sich zu Pola hinab, begann sie zu schütteln. Immer lauter schrie er, einzelne Wörter waren nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Aus ihm brach, was sich seit vielen Jahren aufgestaut hatte. Großvater hob die Hand, schlug Pola ins Gesicht. Ein roter Abdruck blieb. Janek warf sich auf Großvater, versuchte sich zwischen Pola und den Alten zu schieben. Er riss Großvater zurück. Der Alte schrie auf, versuchte sich zu drehen. Sein Knie stieß in Polas Bauch. Pola war so still, als gäbe es nichts, was sie in ihrer Ruhe stören könnte. Großvater zerriss einen Träger ihres Kleides. Janeks Hand krallte sich in Großvaters Gesicht. Der schrie, kreischte, bis Janek den Druck weiter verstärkte. Großvaters Stimme verstummte. Er begann hektisch zu atmen. Janek schob sein Knie zwischen Großvaters Beine und presste den Körper gegen den Alten, um so dessen Bewegungen kontrollieren zu können. Großvaters Arme erschlafften. Er ließ von Pola ab. Doch Janek drückte zu, immer weiter zu. Großvaters Zähne gruben sich in seine Hand, doch Janek ignorierte den Schmerz, presste, drückte, quetschte den Alten, bis die Zähne nicht mehr länger bissen. Dann sank Großvater in die Wiese, das Gesicht feuerfarben angelaufen. Keuchend fiel Janek neben ihn. Nur sein Atmen war zu hören. Und der Wind. Großvater lag so starr wie Pola, so starr wie die beiden anderen Körper. Janek wusste nicht, warum er zugedrückt hatte. Ob er es getan hatte, um Großvater von Pola wegzureißen. Oder ihn zum Schweigen zu bringen. Ob er es getan hatte, weil er Pola verleumdet hatte. Er wusste es nicht. Er wollte es nicht wissen.

Janek musste schnell handeln. Großvater hatte geschrien. Vielleicht hatte jemand sein Gebrüll gehört. Jede Sekunde, die er länger in der Hasenheide verbrachte, vergrößerte die Gefahr, entdeckt zu werden. Er untersuchte Pola. Ein Träger ihres Kleides war gerissen. Auf ihrer Wange glänzte dunkelrot der Abdruck von Großvaters Hand. Auf ihrem Arm war eine Prellung zu erkennen. Doch sie schien unverletzt. Und immer noch lag sie unbewegt da. Er musste sie zum Wagen schaffen. Janek griff unter Polas Körper. Er legte ihren Arm um seinen Hals und stand auf. Sofort begann er zu schwitzen. Pola wog nicht viel. Doch war sie groß, und ihre Beine schleiften auf dem Boden. Nur langsam kam er voran. Immer wieder musste er innehalten und einmal legte er sie ins Gras ab, weil er sie nicht mehr halten konnte. Und wenn er ging und sein Gesicht dem ihren nahe war, da schien kein Jahr vergangen. Endlich erreichte Janek den Wagen. Er öffnete die Tür und legte sie auf den Rücksitz. Er musste ihre Beine unter den Beifahrersitz schieben, damit sie Platz fand. Einen letzten Blick warf er auf die Hasenheide, auf das Dorf, bevor er den Motor startete.

Den Rest des Tages und die folgende Nacht fuhr Janek. Es gab kein Ziel für ihn, keinen Punkt, den er erreichen wollte. Er fuhr, den Blick starr auf den Asphalt vor ihm gerichtet. Er hatte sich für die kleinen Straßen entschieden, auch wenn er auf dem Weg durch die Dörfer nicht so schnell vorankommen würde. Pola lag auf der Rückbank, noch immer in der Haltung, in die Janek sie vor vielen Stunden gelegt hatte. Die Beine seltsam ineinandergeschlagen, über dem Körper eine Decke. Oft drehte sich Janek zu ihr um, wollte sich vergewissern, dass sie noch schlief. Wenn er nichts sah, parkte er am Seitenstreifen, um zu ihr auf die Rückbank zu klettern, ihre Lippen zu beobachten. Jedes noch so geringe Anzeichen einer Bewegung hätte ihn dazu veranlasst, die Reise zu beenden. Vielleicht war dies sein Ziel: Das Zittern ihrer Lippen zu sehen.

Als es Morgen wurde und schließlich Tag, übermannte ihn Müdigkeit. Er zwang sich weiter zu fahren, doch als er in einer Kurve auf die Gegenfahrbahn steuerte und nur das wütende Hupen eines entgegenkommenden Autos ihn aus dem Dämmern riss, entschloss sich Janek, eine Pause einzulegen. Er fuhr auf einen Feldweg und legte sich zu Pola. Oft schreckte er aus einem unruhigen Schlaf hoch und schaute auf die alte Frau neben ihm. Am Nachmittag setzte er den Weg fort. Bald überquerte er eine zweite Grenze. Vorsichtig näherte er sich den Übergängen, doch Polizisten winkten ihn uninteressiert vorbei, warfen keinen Blick auf die Rückbank, in die Augen des Fahrers. Janek wusste nicht, ob er getötet hatte. Regungslos hatte Großvater im Gras gelegen. Regungslos, ohne Atmung, mit gerötetem Hals, mit Speichel am Mund. Er musste nicht gestorben sein; sein Leben war eine Möglichkeit, die nicht ausgeschlossen werden konnte. Doch Großvaters Schicksal spielte keine Rolle. Sicher waren die Spuren, die die Reifen im Gras hinterlassen hatten, längst ausgewertet. Bestimmt lief schon eine Fahndung nach Janek, bestimmt war sein Bild an alle zuständigen Behörden geschickt worden. Wonach sie suchten? Nach einem zwei-, vielleicht dreifachen Mörder. Nach einem Entführer. Im Dorf würde man sich der alten Geschichten erinnern. Wie er früher war. Was er getan hatte. Dass alles kein gutes Ende nehmen konnte. Es war Abend, als er die dritte Grenze überquerte.

Doch weitere Tage sollten vergehen. Niemanden schien es zu interessieren, wohin er fuhr. Wenn Polizeiwagen hinter ihm plötzlich das Martinshorn einschalteten, galt das nicht ihm. Pola ließ er nur allein im Wagen zurück, wenn er in Raststätten Wasser holte und Benzin tankte. Einmal geriet er in einen Stau. Doch er stieg nicht aus, sondern harrte viele Stunden ruhig schwitzend aus. Es wurde heißer, je weiter er in die Fremde vordrang. Die Landschaft veränderte sich und mit ihr die Geräusche. Motoren brummten sanfter, ein anderer Belag, über den die Reifen rollten. Öfter Hupen. Das Radio spielte Musik mit akustischen Gitarren und hohen Stimmen. Die Luft schmeckte bald salziger, webte Blütenduft hinein. Und immer der Blick zu Pola. Manchmal, wenn er die nötigen Halte machte, legte Janek sich zu ihr, strich über ihre Haut, verdrehte das dichte, weiße Haar zu Zöpfen, zog ihr Kleid straff. Der Duft ihres Parfüms war längst verschwunden.

Schließlich, es war an einem Nachmittag, endete die Reise. Janek blickte zu Pola und sah keine Veränderung an ihr und als er sich nach wenigen Minuten erneut umdrehte, da erkannte er, wie über ihre Lippen ein Schaudern lief, das Frösteln, das er so gut kannte. Darauf hatte er gewartet. Die Reise war zu Ende. Janek hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, was er tun würde, wenn es soweit war. Er wusste, dass ihm nur wenig Zeit zum Handeln blieb. Und doch wurde er seltsam ruhig in diesem Augenblick. Gefasst blickte er in die Landschaft, sah ein bewaldetes Tal zu seinen Füßen. In weiter Ferne ein Meer. Er verließ die befestigte Straße und bog in den Wald ein. Ein Schlagbaum versperrte den Weg, doch gelang es ihm, den Wagen daran vorbei zu manövrieren. Eine Schneise lag vor ihm, teilte den Wald in zwei Seiten. Ein paar Kilometer später kam ihm ein Auto entgegen. Es gehörte dem Förster, der wissen wollte, wie Janek an dem Schlagbaum vorbeigekommen war. Der Förster und Janek sprachen unterschiedliche Sprachen. So fiel es ihnen schwer, einander zu verstehen. Der Förster forderte Janek auf, ihm zu folgen. Janek gehorchte und wartete an der nächsten Gabelung, bis sein Auto in der Ferne verschwunden war. Dann kehrte er auf den ursprünglich eingeschlagenen Weg zurück.

Nach etwa einer Stunde fand er eine Stelle, nahe der Krümmung eines Flusses. Hier war niemand mehr, nur Bäume, nur Blätterwerk, das matt glänzend in der Nachmittagssonne schaukelte und Janek tiefer in den Wald winkte. Der Weg verlor sich zwischen den Bäumen, war bald nicht mehr auszumachen. Seine Schritte sanken im Moos ein, modriges Wasser drang in die Schuhe, als er die schmale Lichtung erkundete. Er fuhr den Wagen in den Wald und vergewisserte sich, dass dieser vom Weg aus nicht zu sehen war. Auf das feuchte Gras legte Janek eine Decke. Diesmal kostete es ihn kaum Kraft, Pola aus dem Wagen zu heben und zur Lichtung zu tragen. Ruhig hielt er ihren Körper, der von den vielen Stunden im heißen Inneren des Wagens mit Wärme geladen war. Immer wieder fiel sein Blick auf ihre fröstelnden Lippen. Einzelne Wörter drangen zu ihm durch, nichts, was schon Sinn ergab, doch Janek wusste, dass er sie verstehen würde, wenn es soweit war. Vorsichtig legte er Pola auf der Decke ab. Strich Haare aus ihrem Gesicht, drückte sanft ihre Hand.

Nahe bei ihnen rauschte Wasser, Wind strich durch Baumwipfel. Janek schmiegte seinen Kopf an Polas Brust, sodass sein Ohr ihre Lippen berührte. Kein Atmen hörte er, nur erste, kaum wahrnehmbare Worte. Und während Janek zu flüstern begann, still und leise, zitterten Polas Lippen. Und wenn sie schwieg, dann fuhr er fort und ihre Geschichten wurden eins, an vielen Stellen.

Das erste Anzeichen eines Bruches.

 

 

 

Pola. Das Schmetterlingszimmer

Das erste Anzeichen eines Bruches. Wie eine Glasscheibe, durch die, bevor sie zersplittert, Risse laufen. An einer Stelle ist die Scheibe unversehrt. Nichts deutet den endgültigen Sprung an. Feine Unregelmäßigkeiten beginnen zu fließen, knacken gedämpft und schneiden schmale Schlieren ins Glas, vereinen sich zu einem Muster, bewegen sich unvermeidlich auf den Riss zu, den Bruch. Bevor das Glas bricht, werden Narben sekundenbruchteilelang offenbart und die Welt schaut gespannt hindurch, klopft vorsichtig mit dem Finger dagegen.

Meine erste Erinnerung: Die Welt steht still. Eine wirkliche Erinnerung. Keine von denen, die unverhofft kommen und rasch gehen, wenn man nach ihnen greifen will. Kein zufällig aufgeschnappter Geruch, der plötzlich ein verschüttet geglaubtes Bild hervorruft, kein Gedankenblitz, der in den Kopf fährt und eine Szene enthüllt, die vor Jahrzehnten spielte. Nein, ich habe eine Erinnerung, die man erzählen könnte, wenn jemand zum Zuhören bereit ist. Bist du das? Wirst du mir glauben, wenn ich davon erzähle?

Vielleicht ist es mir schon in den Jahren zuvor gelungen. Vielleicht, und das scheint nicht so unglaublich, nicht so unbegreiflich wie der Rest der Geschichte. Doch das ist mir nicht gegenwärtig. Ich kann nicht sagen, ob es früher geschah. Also nehme ich es an. Bruchteile von Alltäglichkeiten sind es, die sich zu einem Bild fügen. Auf dem Tisch ein dampfender Topf mit Kartoffeln, daneben eine Schüssel, gefüllt mit kaltem Kräuterquark. Eine gestickte Decke. Der gezackte Goldrand der Schüssel kaum ausgeblichen, weil sie nur am Sonntagmittag benutzt wird. Meine Mutter, die solche Entscheidungen traf. Die Herrscherin des Sonntagnachmittags, denn an den Wochentagen war sie kaum zu Hause. Eine große Frau, mit feingliedrigen Fingern, offenem Haar, den Mund ständig in Bewegung. Aufmerksam kontrollierte ihr Blick die Ordnung aller Details. Sonntags war sie für die Familie verantwortlich. Und diese Aufgabe nahm meine Mutter sehr ernst. Mein Vater. In sich gesunken, die Hände unter dem Tisch, die Uhr auf der Fensterbank abgelegt. Leise den Takt eines Liedes mit dem Fuß stampfend. Er wartete auf das Essen, wartete auf Mutter, fügte sich ihren Gepflogenheiten, ging den Weg, den sie bestimmte. Beim gemeinsamen Frühstück keine Zeitung lesen, sondern miteinander sprechen. Beim Kochen einander zur Hand gehen und Gemüse klein schneiden. Auf dem Weg zum Sonntagnachmittagsspaziergang ihren Sender im Autoradio einschalten. Abends zwei Gläser mit Rotwein vorbereiten. Einen schönen Film im Fernsehen aussuchen. Er hatte seine Rechte, mein Vater. Zwischen ihm und Mutter saß ich. Meine Gesichtszüge nur lose ausgeprägt, formlos, zu jung, um wirklich Anteil an Gesprächen haben zu können, zu still, zu brav, zu regungslos. Mein Name ist Pola. Ich bin fünf Jahre alt. Vielleicht auch sechs. Vielleicht auch vier. Jedenfalls kein gutes Alter. Das gibt es sowieso nicht, das gute Alter.

Der leere Teller meiner Mutter glänzte wie ihr zufriedenes Lachen. Sie hatte festgelegt, dass Vater zuerst zu Essen bekam. Ihm allein stand es zu, die erste Wahl über die Nahrungsmittel zu treffen, die Kartoffeln auf den Teller zu schaufeln, den Quark darüber zu geben, mit lauter Stimme „Guten Appetit“ zu sagen und dann einen Schluck Wasser aus einem Glas zu trinken. Das war Vaters Vorrecht, hatte meine Mutter beschlossen, und niemand widersprach ihr. In aller Ruhe nahm sie eine Serviette aus dem Serviettenhalter, faltete sie auseinander und legte sie auf ihren Schoß.

„Komm, nimm dir“, wandte sie sich an mich. Ich reichte ihr meinen Teller. Sollte sie dies ruhig als Aufforderung verstehen.

„Nein, Pola, du nimmst dir selber. Bist schließlich kein kleines Kind mehr“, sagte meine Mutter.

Fünf Jahre. Man ist kein kleines Kind mehr, man ist noch kein großes. Hilfe suchend blickte ich zu meinem Vater. Doch der nickte nur müde und starrte auf das Kräuterquarkmeer, das die Kartoffeln auf seinem Teller ertränkte.

„Tu, was deine Mutter dir sagt.“

Widerwillig stach ich die Zinken meiner Gabel in die Kartoffeln und beförderte eine Kartoffel aus der Schüssel auf meinen Teller. Vielleicht grummelte ich verstimmt, vielleicht stieß ich mit meinen Füßen an den Tisch. Ich weiß es nicht mehr. Ich blickte nach unten und als ich wieder aufsah, nun, daran kann ich mich erinnern. Ziemlich gut sogar. Das war der Anfang, dieser Augenblick, das Erleben von etwas, das unglaublich war. Unmöglich. Unheimlich vor allem. Doch das wurde mir nicht sofort bewusst. Im Gegenteil. Ich nahm es hin, so wie man seine Augenfarbe akzeptiert. Oder dass man nicht schnell laufen kann, weil die Beine zu kurz sind. Ist eben so. Erst später, sehr viel später, wurde mir das Unfassbare bewusst. Mir schauderte. Wie habe ich das damals ertragen können, wieso wurde ich nicht verrückt? Es hätte passieren können. Damals jedoch – ich war fünf Jahre alt. Ich ahnte etwas davon, was es auf der Welt geben konnte und was nicht. Doch die Ahnung war nicht mehr als ein Gummiband an meinen Füßen.

Zuerst bemerke ich nichts. Ich sehe in das Gesicht meiner Mutter, meines Vaters. Es ist, als hielten sie die Luft an. Jeder Muskel ist erstarrt, kein unwillkürliches Zucken ihrer Mundwinkel, die Augen geöffnet, aber tot, die Pupillen verhärtet, das Blut gefangen. Ich stelle den Teller zurück auf den Tisch.

Schaufensterpuppen, denke ich und kichere, aber so leise, dass mich niemand hören kann. Mir fällt auf, dass ich mein Kichern höre. Es ist laut, so laut, dass es dröhnt. Und es ist seltsam, weil ich das leise Kichern trainiert habe. Menschen sollen nicht wissen, wenn man kichert, weil man meist über sie kichert. Deshalb kichere ich leise. Und nun gellt mein Kichern durch unser Wohnzimmer.

Ich erwarte einen bösen Blick von meiner Mutter. Doch sie, sie starrt weiter auf die Kartoffelschüssel. Als wäre die Kartoffelschüssel der interessanteste Gegenstand von allen.

„Schaufensterpuppen“, zittert meine Stimme.

Meine Mutter – unbewegt. Mein Vater – ruhig. Ich muss mehr wagen.

„Schaufensterpuppen“, rufe ich in die Stille.

„Schaufensterpuppen! Schaufensterpuppen! Schaufensterpuppen!“

Jetzt ist meine Stimme ein Orkan, der meine Familie hinwegfegen sollte. Doch tut sie nicht. Niemand reagiert. Sie bleiben so, wie sie sind. Wie Schaufensterpuppen. Als habe jemand ihre Bewegungen festgehalten. Eingefroren. Die Gabel am Mund, die Hand auf der Serviette, das Bein in der Luft. Der Rhythmus, den mein Vater gestampft hat, verstummt. Die Zeit steht still.

Vorsichtig drücke ich mich aus dem Stuhl hoch. Noch immer fürchte ich, sie würden einen Scherz machen und jeden Moment erwachen, um dann so zu tun, als wäre nichts gewesen. Ich nehme alles wahr in diesem ersten Moment. Zögernd laufe ich um den Tisch. Berühre die Schulter meiner Mutter, zupfe am Bart meines Vaters. Schöpfe Quark auf meinen Teller. Sehe meine Eltern wie Tote sitzen. Greife nach der Hand meiner Mutter, lege sie in die meine. Sie sind warm, beide Hände. Eine Fliege hängt neben der Stehlampe. Ich pflücke sie aus der Luft und betrachte ihre durchsichtigen Flügel. Vorsichtig lege ich sie auf die Fensterbank. Neben dem Wohnzimmer, in dem der Esstisch steht, befindet sich der Durchgang zu unserer Küche. Ich laufe in die Küche, blicke auf den Wasserhahn, blicke auf einen Wassertropfen. Regungslos hängt er in der Luft, wie ein durchsichtiger Trichter, voll und rund an der Oberseite, um nach unten hin auszulaufen, eine länglich gedehnte Seifenblase. Innerhalb des Tropfens sind viele kleine Tropfen aufgefädelt. Vielfach brechen sie Licht. Mit meinem Zeigefinger bringe ich den Wassertropfen zum Platzen. Er splittert in schillernde Perlen, die in Zeitlupe in die Spüle schweben, um dort lautlos zu explodieren. Ich setze mich wieder, reibe den Zeigefinger an meiner Strumpfhose trocken. Schneide Grimassen. Rufe wieder etwas. Stibitze eine Kartoffel vom Teller meines Vaters. Stecke sie in meinen Mund. Lache. Kichere. Stoße meinen Vater in die Seite. Kitzele ihn. Doch er bleibt in seiner steifen Haltung, rührt sich nicht. Schweigt. Ich starre meine Mutter an. Auch sie wie tot. Und plötzlich fühle ich eine merkwürdige Geborgenheit Besitz von mir ergreifen. Ich sitze mit den Menschen, die meine Familie sind, sitze zwischen ihnen, kann sie ansehen, sie anfassen und doch sind sie keine Menschen. Aber ich bin einer in diesem Moment, vielleicht der einzige. Ich beginne zu lachen. Kein Kichern, kein Glucksen, sondern ein kehliges, herzhaftes Jubeln. Ein Mädchen am Sonntagmittagstisch mit Kartoffeln und Quark. Tränen tropfen auf den Tisch, zerspringen hell und schillernd. Dann falle ich nach vorn. Lachend platscht mein Gesicht in den Quark. Er ist kühl und schmeckt nach Kräutern. Vor meinen Augen beginnt sich die Welt wieder zu bewegen. Ich höre die Stimme meiner Mutter.

„Pola, spiel nicht mit dem Essen.“

Schließlich – zum ersten Mal diese Schwärze. Purpurfarbene Schmetterlingsflügel, die durch diese Schwärze zittern, schlotternd, zuckend. Sie treiben davon, verschwinden. Ich habe die Zeit angehalten. Die Welt versinkt schwarz.

An diesem Abend: Mein Bett war mir eine Burg, die Decke Festung und die Kissen Zitadellen, die mich beschützten vor dem, was geschehen war. Nun, da die Foliensterne, die mein Vater an die Decke geklebt hatte, fahl in der Dunkelheit sangen, schien ich mir selbst fremd, selbst einem Traum entsprungen.

Vielleicht gehörte dies zu den Geheimnissen der Großen. Vielleicht konnte man mit fünf Jahren die Zeit anhalten, so wie man Sprechen lernte oder auf zwei Beinen zu laufen.

Die Großen sprachen über so vieles nicht. Manchmal brachen sie Sätze ab, verschluckten Blicke und verbargen, was sie eben gesagt hatten, als hätte man sie bei etwas Verbotenem ertappt. Sie bissen sich auf die Lippen, wenn sie ein Wort zu viel von ihrer Welt preisgegeben hatten. Ihre Geheimnisse schlossen sie in Schatullen, die nur selten geöffnet wurden. Ich wusste, dass sich mein Leben einmal mit ihren Leben vermischen würde. Doch ich kannte den Zeitpunkt nicht. Den allein bestimmten sie. Eines Tages würden sie mich wie ihresgleichen ansprechen und wie selbstverständlich würden sie ihre Geheimnisse mit mir teilen. Sie würden annehmen, ich wäre wie sie. Erleichtert würden sie Vertrauen anstatt Scham spüren. Sie würden mich als ihresgleichen anerkennen. Doch bis dahin galt ich noch als Kind. Noch musste meine Welt vor der ihren geschützt werden. Ich sah den Schein des Flurlichts unter meiner Tür flackern und beschloss herauszufinden, ob das, was heute geschehen war, bei mir bleiben würde, ob der Zustand des Zeitanhaltens geduldet war.

So sind Erinnerungen. Sie lügen und lächeln, sie haben kein Gewissen. Sie haben keine Absicht. Sie sind eine Option. Sie bieten etwas an.

Kurz nachdem ich geboren wurde, verlor mein Vater durch einen Unfall drei Finger. Er hat mir nie erzählt, wie es geschah. Auch Mutter wollte darüber nicht sprechen. Der Unfall passierte während der Arbeit. Er selbst hatte ihn verschuldet. So viel konnte ich herausfinden. Alles Weitere blieb ein Rätsel. Es hieß, nach dem Unfall wäre er nie mehr der Alte gewesen. An den alten Vater konnte ich mich nicht erinnern. Deshalb kannte ich nur den neuen.

Der neue Vater blieb in der Wohnung. Ärzte hatten ihm dazu geraten. Sie sagten, dass es draußen zu viele Dinge gäbe, die Vater aufregen würden. Zweimal die Woche suchten sie ihn auf. Sie stellten ihre schweren Ledertaschen auf den Glastisch und kramten aus ihren Hemdtaschen klebrige Bonbons, die sie zu mir herabreichten. Anschließend baten sie mich, im Kinderzimmer zu spielen. Bonbonkauend sprang ich davon, während sie die Stühle zurechtrückten, auf denen sie meinem Vater gegenübersaßen. Ich glaube, er nahm die Ärzte nie wahr. Er saß die Zeit mit ihnen ab, faltete seine Hände so zusammen, dass die fehlenden Finger nicht zu sehen waren. Gedämpft hörte ich sie murmeln, manchmal drückte ich mein Ohr an die Tür, doch ich verstand nie, was sie sagten. Manchmal hielt ich die Zeit an. Dann konnte ich die Taschen der Ärzte sacht auf der Tischglasplatte summen hören. Ihr Echo hatte sich in der Zeit verfangen. Als hätte man über den Rand von Weingläsern gerieben, so zerbrechlich schwebten die Klänge im Zimmer. Von meinem Vater war das Klackern seiner Pantoffeln zu hören. Er trug gefütterte Hausschuhe mit hölzernen Absätzen, die beim Gehen hohl auf dem Boden klopften. Es war ein hektisches Surren, eine unsichtbare Erregung, so rastlos wie sein Bein, das unter der Tischplatte auf und ab zitterte. Die einzelnen Schläge vermischten sich zu einem hämmernden Brei. Ich konnte dieses Geräusch nicht lange ertragen. Vater blickte die Ärzte nicht unfreundlich an. Oft hatte er Tee für sie gekocht. Wenn die Zeit stillstand, war der Dampf in einer Wolke eingeschlossen, der Wind fehlte, sie weiterzutreiben. Meine Finger stachen Löcher hinein. Die Ärzte hatten Hefter aus dunklem Karton auf ihren übereinandergeschlagenen Beinen liegen. Während sie mit den Köpfen nickten, notierten sie wichtige Informationen. Ich habe sie mir angesehen.

„Heißmangel nicht vergessen!“

„Ruf Mutter an.“

„Schwester Christine sagen, dass sie morgen eine Stunde früher kommen soll.“

„You reached for the secret too soon.“

Die Eintragungen hatten keinen Bezug zu meinem Vater. In der Krankenakte stand stets der gleiche Satz: „Patient verhält sich den Umständen entsprechend.“ Allerdings wusste mein Vater das nicht. Er dachte, die Eintragungen galten ihm. Doch die Gespräche mit den Ärzten waren Täuschungen. Sie hätten auch von Kittel tragenden Schauspielern geführt werden können.

Später, als ich längst in meinem Zimmer verschwunden war und die Zeit weiterlief, stellten die Ärzte Medikamente zusammen, die in einer Art Plastiksetzkasten nach Wochentagen geordnet waren. Die Pillen hatten verschiedene Farben, damit Vater sie nicht verwechselte. Er wusste genau, wie wichtig die Arzneimittel für ihn waren, und er wusste ebenso, wie sehr er es hasste, die Pillen zu schlucken, aber er wusste auch, dass es nichts gab, was er dagegen tun konnte.

Weil Vater nicht in der Lage war, hinaus zu gehen, interessierte ihn umso mehr, was draußen passierte. Ich sehe ihn vor mir: Wie er im Sessel kauerte und seine Handflächen einen ungeduldigen Rhythmus auf die Polster schlugen. Wie er eine Zeitung las, ständig knitternd die Seiten umblätterte, immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Nachrichten aus der Welt. Oft sprang er auf, um zum Fenster zu hasten. Nervös starrte er hinaus, während seine verbliebenen Finger gegen die Scheibe pochten und die hölzernen Sohlen seiner Pantoffeln auf dem Boden klackerten. Manchmal öffnete er das Fenster, um die Antenne unseres Fernsehers neu auszurichten. Stunden konnte er damit verbringen. Vater gab sich nicht zufrieden mit dem, was er in unserer Wohnung erlebte. Er wollte mehr wissen, ich musste ihm Bericht erstatten, was ich auf dem Weg zum Kindergarten gesehen hatte, was im Kindergarten geschehen war, welche Kindergärtnerinnen sich wie verhielten, welche Kinder andere schlugen und solche Sachen. Nie gab er sich mit der Antwort „schön“ zufrieden, wenn er mich fragte: „Und, wie war es heute?“ Unstillbar war seine Wissenssucht. Er zwang mich, aufmerksam zu beobachten, jede Kleinigkeit zu beachten, Bagatellen nie gering zu schätzen.

„In den kleinen Dingen liegt die Wahrheit“, sagte er, und als ich nicht verstand, las er mir Sherlock Holmes vor. Von den vielen Leichen, den rothaarigen Männern und Professor Moriarty bekam ich Albträume, mein Vater verzichtete schließlich darauf. Dafür erklärte er mir später, wie Nadelspitzen in Schmetterlingskörper zu schieben waren.

Ansonsten wusste ich nicht viel über meinen Vater. Nachdem ich ihm meinen täglichen Bericht erstattete und wir zusammen gegessen hatten, tat jeder seine eigenen Sachen. Mutter hatte mir das mal erklärt.

„Er liebt dich, aber er kann das gerade nicht so gut zeigen. Wenn du ihn fragst, ob er mit dir spielen möchte und er will nicht, dann heißt das nicht, dass er dich nicht liebt. Das musst du wissen. Dein Vater liebt dich über alles.“

Also spielte ich allein in meinem Zimmer. Vater sah es nicht gern, wenn ich ging. Die Wohnung verließ ich nur, wenn andere Kinder mich einluden, das kam jedoch selten vor, oder wenn Mutter mit mir einen Spaziergang machte.

Ich glaube nicht, dass mein Vater ein trauriger Mann war. Er weinte nicht und sah nicht unglücklich aus. Glücklich sah er auch nicht aus, aber wie erkennt man schon, ob jemand glücklich ist? Einmal bemalte er meine Zimmerdecke himmelblau und beklebte sie mit Sternen, die er aus einer nachleuchtenden Folie geschnitten hatte. Gemeinsam bestrahlten wir die Sterne mit Taschenlampen, doch sie flackerten nur matt und verloren bald ihr Licht.

Eines Tages meinten die Ärzte, dass Vater in eine Klinik müsse. Meine Mutter behauptete, es wäre wegen seinen Fingern. Doch das glaubte ich nicht. Seit Kurzem trug mein Vater einen Handschuh, der seine verletzte Hand vor den Blicken der anderen verbarg. Die fehlenden Handschuhfinger waren nicht abgeschnitten, sondern hingen schlaff zur Seite. Der Arzt sagte, Vater müsse für mindestens drei Monate in die Klinik.

Aus den drei Monaten wurden sechs, und ich kam in die Schule. Als er zu uns zurückkehrte, hatte er sich verändert. Allein lief er vom Bahnhof in die Wohnung, bestand darauf, dass wir ihn nicht abholten. Er nahm mich und Mutter in die Arme und hob uns gleichzeitig in die Luft.

„Ich habe einen Bärenhunger“, rief er gut gelaunt und wirbelte uns im Kreis. Nachdem er uns vorsichtig abgesetzt hatte, ging er mit ruhigem Schritt in die Küche. Seine Pantoffeln klackerten nun nicht mehr auf dem Fußboden.

Von da an erschienen die Ärzte seltener. Dafür besuchten uns nun Vaters ehemalige Arbeitskollegen. Sie unterhielten sich mit ihm und boten ihm schließlich an, zurück zur Arbeit zu gehen. Seinen ursprünglichen Beruf konnte er nicht ausführen und auch würde er nur noch einen halben Tag arbeiten können, doch das wäre eine einmalige Möglichkeit. Die Kollegen klopften auf seine Schulter.

„Jemand wie du ...“, sagten sie, und mein Vater lachte laut auf.

„Ja ja, jemand wie ich.“

Er überlegte zwei Tage. Dann ging er zurück zur Arbeit. Mittags kam er nach Hause, um Essen für mich zu kochen. Viel redete er nicht. Er wollte auch nichts weiter von meinem Tag wissen. Klappernd hantierte er mit den Töpfen, schnitt Gemüse klein, warf Zwiebeln in brodelndes Öl, schälte Kartoffeln, kratzte mit Holzlöffeln in Pfannen, füllte den gläsernen Salzstreuer auf. Immerzu hatte er etwas zu tun. Doch wie er seine verletzte Hand unter einem Handschuh verbarg, verbarg er sich vor mir. Er wurde stiller. Lachte nicht mehr so viel wie in der ersten Zeit nach der Rückkehr aus der Klinik und klopfte stattdessen wieder Rhythmen auf Tischplatten. Zerknüllte Zeitungen sammelten sich im Papierkorb. Oft verschlief er. Wenn ich mittags von der Schule kam, stand er im Schlafanzug am Herd und lächelte mich verlegen an.

Eines Tages entschloss er sich, ein eigenes Zimmer herzurichten. Er wollte sich die Wäschekammer zurechtmachen. Mutter schimpfte, hatte jedoch seinen ernsthaften, mit beharrlicher Stimme vorgetragenen Absichten nichts entgegenzusetzen. Die Kammer war fünf Meter lang, aber nur etwa einen Meter breit, mehr ein Schlauch als ein