Der Schnüffel-Chip - Jay Bates - E-Book

Der Schnüffel-Chip E-Book

Jay Bates

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Beschreibung

Computer umgeben dich überall. Du trägst sogar einen Chip bei dir. Er enthält Daten über dich. Sie können sie lesen, per Funk, ohne dass du es merkst. Sie wissen, wer du bist, wo du bist und was du gekauft hast. Wenn sie dich manipulieren wollen, können sie die Daten sogar ändern. Auch das merkst du nicht. Damit haben sie dich in der Hand. Du bist die Fliege im Spinnennetz der Informationen. Dein Datenschatten verlässt dich nie. Sie können dir sogar einen Mord in die Schuhe schieben. Und sie sind überall. Sie haben die Technologie. Glaubst du im Ernst, sie würden sie nicht benutzen?! Der RFID-Chip ist ein Beispiel dafür --- er steckt in unseren Pässen. Er kann automatisch, berührungsfrei und unbemerkt ausgelesen werden. Vielleicht sogar gestohlen werden. "Identitätsdiebstahl". Wer damit einen Mord begeht, ist fein heraus. Doch je genauer man plant, desto härter trifft einen der Zufall. Deswegen kommt Kommissar Lander dem Mörder auf die Spur. Ob der aber oder ein Unbeteiligter im Netz des Überwachungsstaates hängen bleibt, ist längere Zeit nicht klar. Die Nebenwirkungen, die der volle Einsatz der elektronischen Schnüffelmethoden bei allen Beteiligten auslöst, sind auch nicht unbeträchtlich. So bleiben am Ende ganz andere Opfer auf der Strecke --- wir alle.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Ähnliche


Jay Bates

Der Schnüffel-Chip

Ein Kriminalroman im Überwachungsstaat

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorbemerkung

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

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99.

100.

Impressum neobooks

Vorbemerkung

1961:

Der Staatsratsvorsitzende sächselt:

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

2007:

Der Innenminister schwäbelt:

„Kein Mensch denkt daran, von Menschen Geruchsproben zu nehmen.“

2013:

Der Regierungssprecher der Kanzlerin dementiert:

„Unsere Regierung hat von den Abhöraktionen nichts gewusst. Wir müssen ganz klar sagen: Abhören von Freunden, das ist inakzeptabel, das geht gar nicht“

202x:

Die Methoden der Datensammlung sind so unauffällig und allgegenwärtig, dass es keiner falschen Dementis mehr bedarf. Nur gelegentlich enthüllen „Whistleblower“ scheinbare Neuigkeiten, die Insider schon lange kennen.

Personen und Handlung sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen und Geschehnissen ist rein zufällig. Dies gilt leider nicht für alle beschriebenen Überwachungsmaßnahmen und -instrumente des Staates und der Industrie.

1.

Der Tag, an dem Okambo Ozamba starb, war ein Mittwoch. Der erste Mittwoch im März, um genau zu sein.

Eigentlich hatte er mit einer guten Nachricht begonnen...

Okambo war gegen acht Uhr erwacht und hatte vom Bett aus den erbarmungslos an die Scheiben trommelnden Regen und den heulenden Wind bemerkt. Da hatte er beschlossen, die Wärme des Bettes nicht so schnell gegen die kalte und ungemütliche Wohnung zu tauschen. Auf der Fensterbank des Flügels mit dem fehlenden Wasserschenkel hätte sich eine Pfütze gebildet, läge dort nicht seit Monaten ein zusammengerolltes, inzwischen stark müffelndes altes Handtuch, das an Regentagen wie diesem mehrmals täglich ausgewrungen werden musste. Eigentlich hätte er aufstehen müssen, um das zu erledigen, denn schon lief ein schmales Rinnsal aus dem Stoff die Fensterbank hinab.

Doch er hatte sich nicht einmal aufraffen können, die Etagenheizung anzustellen, die er über Nacht aus Sparsamkeit abgeschaltet hatte. So hatte er nur dagelegen und die spärlichen Möbel angestarrt, die herumstanden und sich nichts zu sagen hatten. Während der Wind feuchtkalte Luft und einen undefinierbaren Essensgeruch durch die Ritzen der undichten Fenster trieb, hatte er auf einen Grund zum Aufstehen gewartet. Doch dann war der Anruf gekommen. Eddie, einer seiner wenigen weißen Freunde, hatte stolz und im üblichen barschen Ton, den er für männlich hielt, verkündet: „Deine Kiste ist fertig, ich habe ’ne Scheibe gefunden... wie find’ste das? Nun räum’ aber die Schleuder vom Hof, ich brauch’ den Platz, und zwar dalli!”

Das hatte seine Stimmung gehoben und ihn aus seiner Lethargie befreit. Eine ganze Woche mit öffentlichen Verkehrsmitteln war stressig gewesen, und er hatte es kaum geschafft, seine zwei Jobs rechtzeitig zu erreichen. Mit dem Auto war das kein Problem gewesen, aber es hatte ja so kommen müssen in der Gegend, in der er in seiner winzigen Zweizimmerwohnung hauste. Zwei Bike Ripper hatten ihm morgens an der dritten Ampel mit ein paar Hammerschlägen die rechte Scheibe zertrümmert, sich seine auf dem Nebensitz liegende Laptop-Tasche geschnappt und waren auf ihrem Motorrad um die Ecke verschwunden, noch ehe er hatte reagieren können. Gott sei Dank waren nur seine darin befindlichen Sandwichs ihre Beute gewesen, neben der Tasche selbst natürlich ?­­ auch sie hatte Geld gekostet. Und seinen neuen Pass mit den biometrischen Daten auf dem Chip, sein wichtigster und kostbarster Besitz, den trug er sowieso immer am Körper tief in seinen Taschen vergraben.

Besonders dieser Ausweis war es gewesen, der ihm den Vorwurf seiner Frau eingebracht hatte, er habe sie nur wegen der Staatsbürgerschaft geheiratet. Von Anfang an hatte die Beziehung auf Missverständnissen beruht. Sie hatte eigentlich nur den exotischen feurigen Liebhaber gesucht. Und er konnte nicht einmal mit einem Kondom richtig umgehen. Eddie, sein Freund, hatte ihn immer gewarnt vor „Sex-Kontakten zu Weibern, die nur mal einen schwarzen Schwanz ausprobieren möchten.” Doch er hatte sich nach emotionaler Wärme gesehnt in dieser Welt, in der er ständig fror, und war nach ihrer ersten Nacht bei ihr geblieben. Aber sie war arrogant und kalt, und nur morgens im Bett genoss er ihre körperliche Wärme. Jetzt litt er unter dem Verbot, seinen dreijährigen Sohn zu sehen, den sie herabsetzend immer „das Milka-Baby” nannte. Und seine Wohnung war jetzt kalt und leer und ohne jegliches Geräusch eines menschlichen Wesens.

Die hohen Unterhaltszahlungen seit ihrer Scheidung hatten ihn gezwungen, die zwei Jobs anzunehmen, legale immerhin mit allen Papieren. So war er tagsüber Gärtner in einer exklusiven Wohnanlage und abends Gebäudereiniger in Banken und Büros. Da brauchte er das Auto, so alt und klapprig, wie es war, denn die Fahrten mit den Bussen, die immer öfter wegen der Smog-Fahrverbote notwendig waren, waren extrem zeitraubend und umständlich.

Okambo hatte sich seine Wohngegend ja nicht aussuchen können. Die Höhe der Miete bestimmte sein soziales Umfeld, und das war überhaupt nicht zu seiner Zufriedenheit. Der hohe Anteil an Ausländern, insbesondere Jugendlichen, machte ihn – den Schwarzen – zu einer beliebten Zielscheibe von Aggressionen. Jeder, der nur eine Spur hellere Haut hatte als er, glaubte höher zu stehen als “dieser Kongoaffe“. Angriffe, mit denen er alleine fertig werden musste, denn er war kein Mitglied irgendeiner Bande, die ihn hätte schützen können, und die Polizei traute sich auch nur in Notfällen und beachtlichen Mannschaftszahlen in diese Gegend. Nicht einmal die Müllabfuhr kam regelmäßig, und entsprechend sah es aus.

Nun war er auf dem Weg zur Bushaltestelle, den Kragen seines warmen cremefarbenen Raglan-Mantels aus dem Secondhand-Shop hochgeschlagen. Eine große, kräftige Gestalt mit aufrechtem Gang, allein auf weiter Flur. Der starke Regen hatte kurz nach dem Aufstehen aufgehört, und er hatte sich entschieden, lieber nicht zu frieren als sich nur mit seinem dünnen Regenmantel zu schützen. Es schien ja dieses Jahr überhaupt nicht Frühling werden zu wollen. Dunkle Wolkenfetzen jagten über den Himmel und ab und zu fegte eine Bö die Straße entlang. Es fiel nur noch ein leichter Nieselregen, kaum zu merken. Er legte sich auf die pelzigen Härchen seines Mantels wie Nebeltröpfchen auf ein Lotusblatt. Derselbe feine Überzug bedeckte seine kurzen gekräuselten Haare wie ein Brautschleier bei einer afrikanischen Hochzeit.

Gemächlich, doch mit festem und weiträumigem Schritt ging er die Straße entlang. Den Bus um 9 Uhr 35 würde er noch gut erreichen. Die Häuserzeilen der grauen Mietskasernen, durch einfallslose Graffiti verunstaltet, begleiteten ihn in ihrer Eintönigkeit, nur unterbrochen von einem nicht minder hässlichen brach liegenden Grundstück, dessen Gestrüpp, von Müllbeuteln und Unrat bedeckt, erst wenige grüne Spuren zeigte. Hier spielten oft Kinder, doch zu dieser frühen Tageszeit war noch niemand zu sehen.

Als ein kurzer Sonnenstrahl ein paar undefinierbare Blümchen am Anfang des verwilderten Grundstücks beleuchtete, lächelte er. Sein Auto war fertig, und es würde nicht viel kosten. Eigentlich begann der Tag doch ganz gut.

2.

Der Name ”Kastanienallee” war ein Relikt aus früheren Zeiten. Die Kastanien waren verschwunden, die ehemals breiten Bürgersteige zu Parkhäfen verkommen, um die sich die abendlichen Schlachten der Heimkommenden entzündeten, und die Bürgerhäuser mit ihren Vorgärten waren zum großen Teil vierstöckigen Mietskasernen gewichen. Gelegentlich roch es etwas nach Kloake, weil wegen der vielen Leerstände in diesem Viertel und der hohen Wasserpreise die Abwasserleitungen nicht mehr genügend durchgespült wurden.

Aufmerksam steuerte Carlo Diaz seinen Bus um die zahllosen Schlaglöcher herum, dessen zermarterte Stoßdämpfer keine weiteren Attacken schlechter Straßen ertragen würden. Er wurde für solche Schäden am Bus von den Verkehrsbetrieben persönlich haftbar gemacht und sogar finanziell beteiligt ?­­ das konnte ins Geld gehen und sogar seinen Personenbeförderungsschein gefährden, auf dessen rechtmäßigen Erwerb er so stolz war. Viele PBS seiner Kollegen waren ja mit ”Vitamin B” erworben oder gar im Internet gekauft worden.

Im hinteren Teil des Busses war inzwischen Lärm entstanden, der ihn ablenkte. Ein Mann mittleren Alters war mit zwei Jugendlichen, einem Jungen und einem Mädchen, offensichtlich in Streit geraten.

Carlo Diaz konnte über dem Motorengeräusch nur Teile verstehen. Wörter wie „Frechheit!”, „Reg dich ab, Alter!”, „Ich rufe die Polizei” und „Willst du’n Messer sehen?” drangen an sein Ohr. Auch das Mädchen schien kräftig mitzumischen.

Langsam schien sich der Streit zu einer Rangelei zu steigern, wie er im Rückspiegel beobachten konnte. Die Jugendlichen hatten begonnen, den Mann hin und her zu schubsen, der offensichtlich behindert war und sich nicht zur Wehr setzen konnte. Hilflos und verängstigt klammerte er sich an eine Haltestange wie ein dürres Kapuzineräffchen an seine Mutter.

Kurz entschlossen zog Carlo Diaz seinen Bus zur Seite an den Straßenrand. Das Fauchen der Druckluftbremsen, mit denen er den Bus abrupt zum Stehen brachte, passte gut zu seinem Gesichtsausdruck. Gewohnheitsmäßig zog er den Zündschlüssel ab, nahm sein Funksprechgerät aus der Halterung und schritt nach hinten, Würde und Drohung in einem.

Ruhig, aber mit klarer und lauter Stimme fragte er: „Was ist hier los?”

Der Mann, der sich aus der Nähe als recht betagt entpuppte, versuchte sofort, seine Beschwerde loszuwerden. Seine Stimme klang gepresst, als hätte die Angst vor den Angreifern noch seinen Hals umklammert. „Die haben mir ihre Limonade über die Hose gekippt!”

In der Tat konnte Carlo Diaz nun feststellen, was ihm im Rückspiegel entgangen war: Die beiden hatten Getränketüten in den Händen, aus denen Strohhalme ragten. Das machte die Sache einfach.

Ein scharfer Blick, ein strenger Ton: „Der Verzehr von Speisen und Getränken ist im Bus verboten. Werft die Sachen in den Papierkorb!”

Der schlaksige Junge, dessen Hosenboden knapp über den Kniekehlen begann, ließ sich überhaupt nicht beeindrucken. Auch der Blick auf die Fahrgast-Behandlungsutensilien an Diaz’ Gürtel – ausziehbare Schlagrute, Pfefferspray und Handschellen – schien ihn nicht vorsichtig zu stimmen. „Auch wenn du der Fahrer bist, du hast uns gar nicht zu sagen!”

Das Mädchen, einen Kopf kleiner, drahtig und mit einer aggressiven roten Haarfarbe, assistierte ihm: „Die Vorschriften interessieren uns nicht und ihr alten Säcke auch nicht!”

Carlo Diaz reagierte professionell. Er hob das Funksprechgerät an den Mund und tat so, als wollte er es benutzen, ließ es dann aber wieder etwas sinken und fragte: „Wollt ihr die harte Tour oder macht ihr, was ich sage?! Sonst ist eure Reise hier zu Ende.“ Er deutete auf die Überwachungskamera im vorderen Teil des Busses: „Und lächelt! Ihr seid auf Sendung!“

Der Junge grinste und zeigte seine gepiercte Zunge: „Dann hol’ doch die Bullen!“

Carlo blieb kühl. Sein kaltes Lächeln kündigte den bevorstehenden Sieg an: „Das könnte dir so passen! Vielleicht gleich noch mit ’nem Sozialarbeiter?! Nee nee, wir haben unsere eigene Security, die ist in fünf Minuten hier... und da kriegt ihr das volle Waschprogramm: Vorwäsche, Hauptgang, Schleudern. Also, was ist nun?“

Das war natürlich ein Bluff – niemand von den Fahrern würde wegen einer solchen Lappalie drei Qualifikationspunkte riskieren. Aber er wirkte.

Die beiden sahen ein, dass mit ihm nicht zu spaßen war. Murrend und mit verächtlichen Blicken stopften sie ihre Getränketüten in den überfüllten Papierkorb und trollten sich auf ihre Sitze. Mit ungelenken Bewegungen und ohne ein Wort des Dankes setzte sich auch der alte Mann wieder hin.

Zufrieden stapfte Carlo Diaz wieder nach vorne, schob sein Funksprechgerät in die Halterung zurück, steckte den Zündschlüssel ins Schloss, startete den Bus und fuhr in angemessenem Tempo weiter. Die drei Minuten, die das Ganze gedauert hatte, würde er wieder aufholen, wenn die Straße besser geworden wäre.

Die Haltestelle ”Kastanie Ecke Erlen”, wie sie im Busfahrer-Jargon genannt wurde, kam gerade in Sicht. Da er kein Haltesignal aus dem Bus hatte, würde er weiterfahren, denn niemand wartete dort. Aus den Augenwinkeln sah er eine Person vor dem leeren Grundstück. Doch das war wohl kein potentieller Fahrgast, denn sie war offensichtlich mit irgendwelchen spielenden Kindern beschäftigt.

3.

Den ersten Schuss hörte Okambo Ozamba nicht. Er spürte ihn auch kaum. Er konnte seinen rechten Ärmel nur gestreift haben. Trotzdem veranlasste ihn ein unbestimmtes Gefühl der drohenden Gefahr, an seiner rechten Seite entlang zu blicken. Was er sah, ließ ihn vor Schreck und Ärger erstarren. Sein einziger guter und warmer Mantel zeigte eine dünne feuchte rote Spur, die vom Oberarm aus langsam am Stoff nach unten lief und sich mit der Feuchtigkeit des Nieselregens mischte. Der Schreck wich purem Ärger... wie sollte er diesen Fleck wieder wegbekommen?!

Verwirrt und suchend blickte er sich um. Niemand war zu sehen. Was war das?, fragte er sich. Er konnte sich den leichten Ruck am Ärmel des Mantels ebenso wenig erklären wie die rote Spur, die den Stoff verunstaltete.

Der zweite Schuss war als gedämpfter Knall zu hören, und er spürte den Aufprall des Geschosses irgendwo seitlich am Saum des Mantels. Immer noch überrascht und unklar über das Geschehen bückte er sich, um die Stelle an seinem Mantel zu suchen, als sich hinter ihm eine Gestalt aus dem Gestrüpp des Grundstücks löste, die Waffe hob, zielte und schoss.

Dieser Schuss saß. Er traf Okambo Ozamba dicht oberhalb des Mantelkragens seitlich am Hals.

4.

Der junge Mann, der Sergej Czazclik gegenüber saß, war zwar progressiv-adrett gekleidet, hatte aber ein diamantbesetztes Piercing in der Augenbraue und eine flotte Reihe von Ringen an seiner rechten Ohrmuschel. Er sah aus, als hätte er gerade auf einer Gamer-Messe mit 3000 Leuten drei Tage und Nächte lang World Of War­craft gespielt und sich dabei nur von Pizza ernährt. Entsprechend roch er auch. Mit langsamer, in seinen Augen wohl cooler Bewegung langte er in die Brusttasche seines pinkfarbenen Hemdes, zog einen kleinen Zettel hervor und wedelte damit vor Sergej Czazcliks Nase, ohne zu merken, dass diesem das nicht sonderlich gefiel: „Der Code! Kann ich nun mein Geld haben?!”

Nicht der Ton störte Sergej so sehr, nicht das Gehabe, nicht das fehlende ”bitte” in der Forderung, das er trotz seiner niederen Herkunft aus einer ungarischen Bauernfamilie in diesem Satz für angebracht hielt, sondern dieser kleine schäbige Papierfetzen.

„Der Code?”, echote er. Und mit erhöhter Stimme noch einmal: „Der Code?”

Noch gab sich Ümid Özal zuversichtlich und wedelte weiter mit seinem Papierschnipsel: „Ja, der Code zum Lesen der RFID-Chips. Den wollten Sie doch haben, oder?”

Sergej vergewisserte sich noch einmal: „Der Code? Von heute?”

Ümid nickte zufrieden. Jetzt hatte der schmierige Typ mit dem harten Ostblock-Akzent offensichtlich verstanden. Saß da in seinem protzigen Palisander-Büro mit dem künstlichen Duftkerzen-Geruch und machte den dicken Max!

Nun nahm Sergej Czazclik richtig Anlauf: „Der Code von heute! Der Code eines Tages! Was soll ich denn damit? Willst du morgen wiederkommen und mir den neuen Code auf deinem Klopapier bringen? Weißt du Pfeife nicht, dass der Code täglich wechselt, dass alle Daten auf dem Chip mit dem letzten Änderungsdatum verschlüsselt sind? Der aktuelle Code steht im Internet, das weiß sogar ich. Und das Passwort dazu kann mein Sechsjähriger knacken...”

Ümids Sicherheit war wie weggeblasen. Schwach versuchte er, sich zu verteidigen: „Na ja, so einfach ist das auch nicht, ich habe schließlich drei Tage dazu gebraucht.”

„Na, toll, pfffhh,so what!? Du meine Güte! Was glaubst du wohl, wofür wir dir so viel Geld zahlen?!”

Sergej Czazclik griff sich an den Kragen und lockerte ihn, um den Druck auf seinen zornig angeschwollenen Hals zu verringern. „Wozu habe ich denn die European Hackers United um ihren besten Mann gebeten? Was, glaubst du, wollen wir haben, du Bitschnüffler?!”

„Äh, etwa den Algorithmus?”

„Du sagst es, den Algo... äh... rhythmus. Die Formel, die den Code aus dem Änderungsdatum errechnet. Das Programm, du Erpel! Komm mir das nächste Mal mit einem Stick oder sonst einem Speicher, auf dem das Verschlüsselungsprogramm ist, das den Tagescode errechnet. Für die neuen Pässe! Die alten, einfach codierten Chips können wir schon lange lesen. Das ist das, was wir wollen, capito?! Ich gebe dir eine Woche.”

Ümid glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Das Codeprogramm!? Das vermutlich bestgehütete Stück Software in der gesamten Republik!? Wie sollte denn das gehen!?

„Äh... das ist doch unmöglich! Wie soll ich denn an die Quelle kommen?“

Czazcliks Blick wurde eisig: „Ich will mich nicht wiederholen... Wozu bezahlen wir dir einen Batzen Geld!?“

„Das Programm gibt es nur auf einem Rechner, in einem Regierungsgebäude. Angeblich hat der zuständige Beamte eine Kopie zuhause... aber viele halten das auch für ein Gerücht... Jetzt sagen Sie mir, wie...“ Ümid brach ab. Sein Gegenüber hatte seine wasserhellen kalten Augen auf ihn gerichtet und starrte ihn an. Seine Lider bewegten sich nicht. Er schien in sein Hirn einzudringen wie eine Diamantfräse. Ümid konnte dem nicht standhalten und senkte den Blick. Die unbeweglichen fischigen Glasaugen schienen weiter in ihn hineinzuschneiden. Allmählich begann er zu begreifen.

Sergej Czazclik machte eine wegweisende Handbewegung. Ümid verstand. Er erhob sich und schlich sich mit einem kleinlauten Gruß davon.

Der Ungar hörte ihn schon nicht mehr. Er saß da und dachte über den Fehlschuss nach. Es war nicht leicht gewesen, die EHU zu einer nicht näher spezifizierten Aktion zu bewegen. Hacker-Organisationen waren im Allgemeinen absolut integer, das Greenpeace des Internet. Sie nahmen ihre Mission, Sicherheitslücken und Verletzungen der Datenschutzgrundsätze aufzudecken, absolut ernst. Sergej hatte ihnen weisgemacht, für einen Privatsender die Verwundbarkeit des RFID-Systems entlarven zu wollen und zu diesem Zweck die interne TV-Produktions­firma der Organisation vorgeschoben – nachdem er sichergestellt hatte, dass deren sonstige Tätigkeit, die Herstellung von Pornofilmen, zuverlässig maskiert war.

Dann griff er zum Handy, wählte eine Nummer und sprach, ohne sich zu melden: „Da ist dieser Hackertyp, der hat seinen Job noch nicht begriffen. Hilf ihm doch mal’n bisschen nach!”

5.

Instinktiv langte sich Okambo Ozamba mit der Hand an den Hals, wo er getroffen worden war. Er fühlte eine klebrige Flüssigkeit. War sie warm, war es sein Blut? Er spürte es nicht. Aber als er die Hand zurückzog und sie betrachtete, starrte er entgeistert auf die Farbe. Es war blau.

Hinter ihm brüllte eine helle Stimme: „Gotcha!”, gefolgt von einem mehrstimmigen Chor von „Yeah!”-Rufen. Er wirbelte herum und sah eine Gruppe von dicken Knirpsen, nicht älter als zehn oder zwölf Jahre, alle bewaffnet mit Plastikpistolen, die wie Wasserkanonen aussahen.

Impulsiv machte er einen Schritt auf das nächststehende Kind zu.

„Ey, Alter, tu das nicht! Denk’ nicht mal daran!”, forderte ruhig und cool ein etwas größerer Junge, nicht ganz so dick wie die anderen, eher muskulös, offensichtlich der letzte Schütze und ihr Anführer, in einem Ton, wie er es wohl in einem Streetfighter Movie gelernt hatte.

Zwei weitere ”Plop” und das Gefühl des Auftreffens von Farbkugeln verrieten ihm, dass nun auch Schützen auf der anderen Seite aufgetaucht sein mussten. Gleich­zeitig sah er den Bus in der Ferne kommen und wusste, dass er ihn nun nicht mehr erreichen würde. Eine dumpfe Wut stieg in ihm auf. Der Mantel war verdorben. Den Bus würde er verpassen und eine halbe Stunde in der feuchten Kälte stehen. Und Eddie würde ihn anblaffen, weil sein Auto im Weg stand.

So vergaß er seine Zurückhaltung, die er sich in einem Land, das nicht seine Heimat war, angewöhnt hatte. „Ihr Arschlöcher, Ihr habt mir meinen Mantel ruiniert”, brüllte er, wirbelte herum und ergriff den nächstbesten Knirps, der neben ihm stand. Der kleine Dicke wehrte sich nicht.

„Ey, Alter, lass ihn los!”, befahl der erste Schütze ruhig. Die Gruppe hatte sich inzwischen wie ein Belagerungsring um eine mittelalterliche Burg um ihn geschart, nur der Anführer stand etwas außerhalb. „Ich sagte, lass ihn los!”, sagte der Anführer noch einmal, gütig aber bestimmt wie ein Vater zu seinem Sohn und ein wenig ungehalten und von oben herab, als wäre er es nicht gewohnt, etwas zweimal zu sagen.

„Du kannst mich mal, du Mistkerl!”, schrie Okambo und wollte den kleinen Dicksack fester packen, als sich dieser unerwartet und mit ungeahnter Behändigkeit gegen seinem Griff wehrte, sich wand und drehte wie eine Katze. Aber Okambo ließ nicht los... bis er plötzlich einen scharfen Schmerz auf seinem Handrücken spürte und den Kleinen unwillkürlich freigab. Als er verwundert über diese neue Situation seine Hand betrachtete, sah er eine schmale rote Spur, die eine langsam sich ausbreitende Flüssigkeit hinterließ. Und diesmal war es keine rote Farbe.

6.

Es war schon fünfzehn Jahre her, da hatte Walter Morat, ”Steuerberater, Notar, Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberater”, wie seine damalige unauffällig-elegante Visitenkarte verriet, eine gute Entscheidung getroffen. Nicht, dass Morat bisher irgendeine seiner Entscheidungen in Nachhinein bereut oder auch nur kritisch hinterfragt hatte... schließlich war sein gigantisches Selbstbewusstsein ein wesentlicher Teil seines beruflichen Erfolges. Zu jener Zeit jedoch war ihm sein leeres Haus ebenso auf die Nerven gegangen wie seine Furcht, ja sogar Angst vor Angriffen gleich welcher Art. Zwar war er zu dieser Zeit noch relativ durchtrainiert gewesen – ”relativ” hieß bei seiner stattlichen Größe von über eins-neunzig so an die neunzig bis hundert Kilo ?­­ doch sein Spezialgebiet war ebenso heikel wie seine Kundschaft undurchsichtig und unberechenbar. Und so hatte er beschlossen, die Lösung seines Sicherheitsproblems mit dem Ende seines Alleinseins zu kombinieren.

BB&M, ”Butlers, Bodyguards and More”, war die richtige Adresse. Erfolgreich und schnell gewachsen war die Agentur in einem immer wichtiger werdenden Markt. Ihr Chef pflegte sein Golfspiel nur für wenige Kunden und Interessenten zu unterbrechen, doch Morats Karte, seine Büroadresse und sein Ruf hatten ihn schon eingestimmt. Den Ausschlag hatte der Wunsch „Ich brauche einen Rundum-Service. Bitte nur allein stehende Herren mit besten Referenzen!” gegeben. Das gab es öfter: Butler, die in die Einliegerwohnung einer feudalen Villa ziehen konnten und ihren Dienstherren rund um die Uhr beschützten. So hatte er es sich nicht nehmen lassen, die Crème seiner Männer persönlich zu präsentieren. Da hatte Morat nun gestanden, hochgewachsen, imposant, ein blaues Tuch aus Krawattenseide im offenen Arrow-Hemd, einen gerade eben noch nicht protzigen Siegelring am linken kleinen Finger und die Auswahl von BB&M gemustert.

Acht Kandidaten hatten sich vor Morat aufgereiht, muskulös, unauffällig im dunklen Anzug und mit professionellem Lächeln. Standbein links, Spielbein rechts, Hände locker am Körper. Erwartungsvoll, denn eine solche Position war auch für sie ein Leckerbissen: Butler und Leibwächter rund um die Uhr, mit Wohnung im Haus des Kunden.

Morat hatte nur Sekunden gebraucht, um sich zu entscheiden. Zwar war er auch sonst für schnelle Entscheidungen bekannt, doch diesmal war auch die Reaktion seines Gegenübers blitzschnell und eindeutig gewesen. Männer mit dieser Neigung erkennen einander. Kein anderer merkt es überhaupt. Jedem der beiden hätte man auch eine gutaussehende Frau und zwei nette Kinder zugetraut.

So hatte Morats förmliche Frage „Sie wissen, was ich von Ihnen erwarte?!” eine kleine, aber ihre wichtigste Nebenbedeutung erhalten. Mario, sein erwählter Kandidat, hatte ebenso schnell entschieden: „Ja, Herr Morat, ich denke schon, und ich werde Sie nicht enttäuschen!”

Danach hatte sich alles wie erwartet entwickelt. Gediegen, vornehm, ohne Hast, in gegenseitigem Respekt, obwohl natürlich klar war und in all den Jahren klar blieb, wer das Sagen hatte. Und auch, als Mario aus finanziellen und erbrechtlichen Gründen zum ”Adoptivsohn” aufgestiegen war und er viele Dinge im Hause alleine entscheiden und bestimmen konnte, war die Rangordnung unangetastet. „Mario, holst du mir bitte den Wagen aus der Garage?!”, genügte...

Er war sein Geld wert gewesen. Schon die Abwehr des Car-Napping-Überfalls, mit blutender Kopfwunde nach einem Hieb durch die zertrümmerte Seitenscheibe, hätte das gerechtfertigt. Ganz zu schweigen von anderen Situationen. Besonders genoss Morat aber das allgemeine Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit im Beisein seines zwanzig Jahre jüngeren ”Sohnes”. Und hervorragend kochen konnte er obendrein.

Natürlich war in den fünfzehn Jahren ihrer Beziehung das Sexuelle allmählich in den Hintergrund getreten. Es war Mario sogar gelungen, trotz Morats siebtem Sinn und seiner Wachsamkeit einige Male fremd zu gehen – Blow Jobs, nichts Ernsthaftes. Aber das hatte er bald aufgegeben. Irgendwie ahnte er, dass Morat nicht nur wachsam, sondern auch skrupellos war und viele wirkungsvolle Verbindungen hatte.

Diese Verbindungen hatten nicht zuletzt dafür gesorgt, dass er ein Angebot aus der Politik erhielt, dem er nicht widerstehen konnte. Als Fachmann für Internetrecht und mit einigen Semestern in Harvard im Hintergrund hatte er die National Security Agency der USA in einigen Prozessen in Deutschland erfolgreich vertreten. Dabei war es um die Verschlüsselung von E-Mails mit modernen kryptographischen Verfahren gegangen und um den Anspruch der NSA, diese verschlüsselten Nachrichten im Interesse der nationalen Sicherheit knacken zu dürfen. So hatte sich Morat nebenbei auch noch hervorragende fachliche Kenntnisse auf dem Spezialgebiet der Kryptographie angeeignet. Auf vielen Auslandsreisen, vor allem in den unruhigen Nahen Osten, hatte er wirkungsvolle Verbindungen knüpfen können. Nun war er zum Ministerialdirektor im Innenministerium aufgestiegen und leitete die Gruppe, die für das Codeprogramm der ePässe verantwortlich war.

Morat hatte inzwischen deutlich an Körperfülle zugenommen. Sein morgendlicher Auftritt im Ministerium glich dem prunkvollen Einzug des Sonnenkönigs. Alles hatte aufgeräumt an seinem Platz zu sein. Seine Chefsekretärin hatte in der kurzen Zeit zwischen dem Erscheinen seines Jaguars auf dem Parkdeck und seinem Auftauchen im Eingang seines Büros einen frischen Tee zu brühen, Earl Grey, ohne Zucker.

Aber auch, wenn er zuhause arbeitete, war er präsent. Er hatte ständigen Zugriff zum Computernetz des Ministeriums. Eine Telefon-Standleitung verband ihn mit dem Büro der Chefsekretärin. Angeblich abhörsicher – aber was war schon sicher in diesen Zeiten?! Und die nutzte er oft genug für kurze präzise Anweisungen.

Die erste Tätigkeit jedes Tages ?­­ Gott sei Dank war er ein Frühaufsteher ?­­ bestand darin, um acht Uhr morgens den aktuellen Tagescode für die RFID-Chips in das Internet zu stellen. Dies war eine komplizierte Prozedur, die nach dem Vier-Augen-Prinzip ablief: der Memory Stick mit dem Codeprogramm wurde aus dem Safe geholt und in den Code-Server gesteckt. Dann wurde das Codeprogramm auf die Platte des Rechners geladen und von dort ausgeführt, während der Stick wieder im Safe verschwand. Der neue Tagescode stand dann – natürlich mit allen erforderlichen Schutzmechanismen – auf dem Server für den Zugriff der Passämter zur Verfügung. Das Codeprogramm wurde danach aus Sicherheitsgründen von der Platte gelöscht, um sich gegen das – unwahrscheinliche, aber theoretisch mögliche – Ausspähen durch Hacker zu schützen. In den Räumen selbst gab es natürlich weitere Sicherungen gegen das physische Eindringen einer unerwünschten Person. Die Alarmanlage schaltete sich automatisch scharf, wenn kein Mensch im Raum war. Bewegungsmelder und Kameras überwachten jeden Winkel. Zusätzlich hätte eine Vernebelungsanlage einem Einbrecher jegliche Sicht genommen – er hätte gar nicht mehr aus dem Haus gefunden.

Die gesamte Ladeprozedur fand unter den Augen seines Stellvertreters statt, der als unbestechlicher Verwaltungsjurist im Ministerium für Recht und Ordnung sorgte. Obwohl er Morat nach anfänglicher Skepsis vertraute, schaute er ihm trotzdem, schon aus Pflichtgefühl, bei jedem Handgriff auf die Finger. Hätte er geahnt, welchen Ruf Morat in bestimmten Kreisen hatte, die streng abgeschottet von jeder demokratischen Öffentlichkeit operierten, er hätte noch genauer hingesehen.

So aber galt dieser kritische Bereich als absolut sicher. Niemand hier hätte dem Gerücht Glauben geschenkt, Morat habe eine Kopie des Code-Programms entwendet und zuhause in seiner Wohnung versteckt. Aber solche Verschwörungstheorien waren Regionen weit abseits des bürgerlichen Alltags und kursierten nur in Insider-Kreisen.

7.

Jetzt begriff Okambo Ozamba langsam den Ernst der Situation. Das waren keine normalen spielenden Kinder, die sich einen etwas zu weit gehenden Spaß mit einem Erwachsenen machen wollten. Vielleicht war ihnen die Situation nur entglitten, aber das sah nicht so aus. Vielleicht war das aber auch ihr Spiel, einen jedem einzelnen von ihnen überlegenen Gegner durch ihre schiere Anzahl niederzuringen. Aber wie weit würden sie gehen?

Sie sahen auch anders aus als andere Kids dieses Alters, die mit Designer-Schlappen, MP3-Ohrstöpseln und grellbunten Smartphones durch die Gegend stolzierten. Diese hier sahen aus wie kleine verfettete malaiische Dschungelkrieger, bereit, ihren Job zu tun, mit ausdruckslosen Gesichtern.

Er hatte jetzt wenig Zeit, sich das alles zu überlegen. Er musste nun möglichst ohne weitere Verletzungen aus dieser Situation entkommen. Wenn der Bus jetzt käme, könnte er losrennen und die dreihundert Meter bis zur Haltestelle schaffen. Aber der Bus kam nicht, er war ihm ja gerade vor der Nase weggefahren.

Inzwischen hatten sie ihn ganz umringt, eine Gruppe von vielleicht zehn Gestalten. Noch hielten sie Abstand, aber der verringerte sich drohend. Eine vorrückende Angriffsarmee. Der Kleine, der ihm den Schnitt an der Hand beigebracht hatte, hatte seine Waffe wieder verschwinden lassen.

Er beschloss, zu verhandeln.

„Okay, ihr habt gewonnen”, versuchte er in ruhigem Ton zu sagen, doch er fürchtete, sie würden das leichte Beben in seiner Stimme hören. „Nun ist’s gut, lasst mich gehen, ich muss zum Bus”. Mit diesen Worten wandte er sich in Richtung zur Haltestelle.

Doch der Belagerungsring wich nicht zurück. „Ich glaub’ es nicht”, vernahm er die bekannte Stimme des Anführers. Er war einzige, der bisher irgendeinen Ton von sich gegeben hatte.

„Du hast keinen Respekt, du Opfer! Du hast das irgendwie nicht gecheckt und so. Laber hier nicht rum. Rück’ mal etwas Kohle raus!”, war seine Forderung, locker und fast kumpelhaft vorgetragen. Unüberhörbar ein sanfter Unterton, eine kleine Andeutung, eine versteckte Aussage: versuche nicht, es abzulehnen!

Gott sei Dank besaß Okambo keine Brieftasche, sondern trug das wenige Geld, das er mitnahm, in der Hosentasche. Er fingerte es heraus und hielt dem Sprecher ein paar Scheine, die eigentlich für sein Auto bestimmt waren, hin. Eddie würde das verstehen.

„Ich glaube nicht, dass das reicht!”

„Aber ich habe nicht mehr!”

Lapidar, gleichmütig und doch endgültig: „Pech für dich!”

Der Anführer machte zwei drohende Schritte auf ihn zu. In seiner Not griff sich Okambo wieder einen dieser fetten Knirpse und hielt ihn wie eine Geisel vor sich.

Das hätte er besser nicht tun sollen.

8.

Hasso von Stewenberg saß auf seinem Stuhl im hinteren Teil der Boutique und beobachtete das Geschehen. Regungslos, wie ein Gesamtkunstwerk, ohne eine Miene zu verziehen. Nur seine Augen folgten Yasmin Stökel, der Besitzerin, die einer reich aussehenden Kundin ihre Stücke zeigte.

Aufpassen war sein Job, nachdem Yasmin von drei Russinnen um die wertvollsten Stücke ihrer Kollektion beraubt worden war. Seitdem mochte Hasso keine Russinnen, und gegen Kopftuch-Frauen war er sowieso allergisch. Und Yasmin war von seiner Effizienz begeistert. „Keine Steuern, keine Sozialabgaben, nur freie Kost und Logis!”, pflegte sie zu sagen, wenn die Rede auf ihren Security Service kam.

Wie von Yasmin erwartet verließ die Kundin den Laden, ohne etwas zu kaufen. Selbst die Reichen, die immer reicher wurden, hatten sich von der Sparmentalität der anderen anstecken lassen und investierten nur noch in werthaltige Gegenstände. Klamotten gehörten nicht dazu, für die bekamen sie nach einem Jahr im Secondhand-Laden nur noch Kleingeld.

Yasmin schloss die Tür und entschied sich, noch bis zum Ende der allgemeinen Mittagszeit zu warten und erst dann essen zu gehen. Vielleicht würde ja noch eine Mieze aus den umliegenden Broker-Büros kommen...

Auch Hassos Aufmerksamkeit verringerte sich schlagartig. Er legte den Kopf auf die Pfoten und konzentrierte seine Kraft darauf, nicht mit seinem riesigen Leib vom Stuhl zu rutschen.

Nach einer knappen Stunde ohne jeden weiteren Kunden beschloss Yasmin, die fünfhundert Meter zum Organic Food Bistro zu Fuß zu gehen, um dort eine Suppe zu essen. Als sie die Tür schloss, verabschiedete sie sich gebührend: „Hasso, pass auf! Ich bin gleich wieder da!”

Die riesige Dogge saß hinter der Tür, blickte ihr in die Augen und klappte ein Ohr herab.

Aber so bald sollte sie sie nicht wieder sehen.

9.

Seine Gegner hatten Okambo nun dicht umringt. Sein Mantel hatte sich geöffnet und erschien ihnen wie eine Lücke in seiner Panzerung. Dort stießen sie hinein. Mit kleinen Klappmessern aus Edelstahl, die sie plötzlich alle in den Händen hatten. Sie hatten nur eine scharfe Klinge und nur einen Zweck. Seine Geisel, die ihm vielleicht hätte etwas Schutz bieten können, hatte er beim ersten Stich vor Schreck losgelassen.

Nun folgte Stich um Stich, lautlos, fast geschäftsmäßig, wie von Akkordarbeitern am Fließband. Sie taten das, was sie tun mussten, ohne Wut, ohne Freude, einfach so. Sie bewegten sich mit pfeilschnell vorschießenden Armen wie eine gut eingespielte Basketballmannschaft, aber lautlos und ohne ein Rufen. Und Okambo war der Ball, der in diesem gespenstischen Reigen von einem Spieler zum anderen wanderte.

Okambo war in die Knie gegangen, und nun trafen die Stiche nicht nur seinen Unterleib. Er merkte es kaum noch, und irgendwann sank er vornüber. Seine modische Brille hatte er schon vorher verloren. Müdigkeit ergriff ihn und er fror plötzlich. Voller Unglauben stellte er fest, dass etwas geschehen war, was nicht hätte passieren dürfen. Er lag auf dem Boden, hilflos und unfähig, sich zu bewegen. Er spürte leichte Stiche in seinem Körper, aber sie taten nicht weh. Er dachte an seinen Mantel und daran, wie er ihn wieder von dem Matsch, in dem er lag, befreien könnte.

Die Kinder gehörten zu dem, was Kommissar Lander immer als ”Bruce-Willis-Generation” bezeichnete: kleine rohe gelangweilte Schläger, die nicht wussten, wann sie aufhören mussten und wie der Ritus ist, wenn der Gegner am Boden liegt. Wann er fertig ist, wie die Gesten der Unterwerfung aussehen, wann man aufhört. Sie fragten sich das auch nicht. Wie sollten sie? Sie hatten hier doch einfach nur ein paar Score-Punkte gesammelt. In ihren Filmen und Computerspielen stand der Gegner immer wieder auf. ”Game Over” hieß einfach nur: eine neue Runde. Man konnte ihn immer wieder zusammenschlagen und niedertreten.

Es überraschte sie auch nicht, dass es diesmal anders war. Sie achteten gar nicht darauf. Als er am Boden lag, war es ihnen zu mühsam, sich zu bücken und nach ihm zu stechen. Sie begnügten sich mit Tritten. Irgendwann verloren sie die Lust und entschwanden so plötzlich und lautlos, wie sie gekommen waren. Nicht einmal das huschende Geräusch eines aufflatternden Schwarms bösartiger schwarzer Vögel begleitete ihr Verschwinden.

Okambo blieb liegen. Er sah, wie der rote See um ihn herum ins Gigantische wuchs. Trotzdem dachte er nicht daran, dass er nun sterben würde. Er machte sich Sorgen, dass er jetzt auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen wäre, weil er nicht mehr alleine aufstehen konnte. Und er quälte sich mit dem Gedanken, dass Eddie, einer seiner wenigen und daher kostbaren Freunde, auf ihn sauer sein würde, weil er sein Auto nicht rechtzeitig würde abholen können.

Doch dann verloren sich auch diese Gedanken. Er hätte eine Ewigkeit dort liegen bleiben können, denn niemand half ihm und niemand vermisste ihn.

Nun, nicht ganz: seine Witwe und sein Sohn würden seine monatlichen Zahlungen vermissen. Sein Vermieter würde Mühe und Kosten haben, für dieses heruntergekommene Loch einen neuen Mieter zu finden. Eddie hätte ein herrenloses altes Auto auf seinem Grundstück stehen. Seine zwei Jobs würden von Arbeitssuchenden ergriffen werden wie Stücke Brot von hungrigen Kindern. Und jemand würde eine Beerdigung organisieren und bezahlen müssen. Das war alles. Nicht viel. Ein toter Single. Noch dazu schwarz.

Geist und Seele Okambo Ozambas lösten sich von seinem Körper und stiegen als kosmischer Äther empor. Dann materialisierten sich ihre feinstofflichen Anteile als lebensgroßer Engel, der in einem weich fließenden weißen Gewand über dem Körper Okambos schwebte. Er blickte nachdenklich auf sich herab. Mit seinen silbrigen schulterlangen Locken, die sein schwarzes Gesicht umrahmten, sah er aus wie der erste farbige Richter Englands in seiner hoheitlichen Perücke.

Mit einem letzten Blick nach unten begann er mit langsamen würdevollen Flügelschlägen nach oben zu entschweben. Ich armer Kerl, dachte er, da habe ich ja nun nicht viel vom Leben gehabt! Aber wenn ich an den Schlamassel denke, in den ich hineingeraten wäre, ...

10.

Lene Klemke hatte ihren Tag wie immer früh begonnen, und das Frühstück für sich und ihren Lebensgefährten bereits abgeräumt. Während dieser noch in der Küche klappernd mit dem Aufräumen beschäftigt war, stand sie wie so oft hinter der Gardine und blickte nach draußen in der Hoffnung, irgendein ungewöhnliches Ereignis möge ihren grauen Rentneralltag aufhellen.

Heute wurde sie nicht enttäuscht: „Du, Achmed, komm doch mal! Schau dir das an! Was machen die da?”

Achmed war die Unterbrechung seiner Küchenarbeit willkommen. Sekunden später stand er neben ihr, ebenso sorgfältig darauf bedacht, von außen nicht gesehen zu werden. Doch nach einem kurzen Blick wandte er sich enttäuscht ab: „Kinder spielen, na und?”

„Na, guck doch mal, guck doch mal! Das ist doch was nicht in Ordnung, die greifen einen Erwachsenen an!”

Er kam wieder zurück: „Wo? Ich sehe nicht!”

„Ihr Männer seht immer nichts! Da, hinter dem Strauch, jetzt kommt er nach vorne, die kämpfen miteinander!” Ihre Hand fingerte nach dem perlmuttbesetzten uralten Opernglas neben dem Kissen für ihre Ellenbogen, das so verstellt und zerkratzt war, dass es ihre Sicht auf die Ereignisse der Welt auch nicht merklich verbesserte.

„Sollen sie doch, da ist doch nichts dabei! Die spielen miteinander!”

„Spielen! Spielen? Eine Horde Kinder und ein Erwachsener? Die haben Pistolen...”

„Wasserpistolen werden das sein...”

„Und... O Gott, jetzt fällt er ja um! Na, mach doch mal was! Hilf ihm doch mal! Es ist doch ein Schwarzer wie du!”

Das gefiel Achmed gar nicht. Sie hätte es wissen müssen. Seine dunkle Hautfarbe war schließlich ganz anders, und das brachte er wieder einmal zum Ausdruck: „Er ist nicht wie ich, ich bin Marokkaner, nicht Schwarzer, er ist Schwarzer, ein Neger aus Kongo oder weiß ich! Er ist nur Neger, hat keine Kultur, wir haben Kultur, fünftausend Jahre, er ist nur Neger...”

„Aber deswegen kannst du doch nicht... er ist doch auch ein Mensch! O Gott, jetzt liegt er da! Und die hauen ab! Und er liegt da! Mach doch was! Ruf die Polizei!”

„Ich rufe nicht Polizei. Ich habe genug von Polizei. Wie mich hat letzte Mal behandelt! Nur weil ich bin aus Marokko und Muslim...”

„Dann rufe ich eben an!”

„Nein, das geht uns nicht an, wir haben nicht gesehen.”

„Aber wir müssen doch...”

„Wir müssen nicht!”

„Wir müssen doch! Ich rufe jetzt an! Ich muss mich ja nicht melden, ich sage nur sie sollen kommen...”

„Dann mach, was du richtig hältst! Aber sage nicht den Namen! Ich will nicht Ärger!”

Es war kurz nach zehn Uhr, als sie zum Hörer griff: „Hier... äh, äh... ein Mann liegt auf der Straße, Kastanienallee fünfundsechzig, kommen Sie doch mal, schnell, auf Wiederhören!”

11.

Der Bus näherte sich der Haltestelle ”Kastanie Ecke Erlen”. Es war 10 Uhr 03, als der Fahrer aus den Augenwinkeln etwas entdeckte, das seine Aufmerksamkeit von der Fahrbahn ablenkte.

Nach der Privatisierung waren die Verkehrsbetriebe erbarmungslos auf Effizienz und Kundenorientierung getrimmt worden. Die Betriebshöfe hatten sich in eine Art Armeedepot verwandelt, hoch umzäunt und scharf bewacht. So hatte sich die Rate der Sachbeschädigungen und Schmierereien drastisch verringert. Die Men In Blue ?­­ so nannte man die smarten Jungs von Adamson Consulting ?­­ hatten Service Levels definiert, insbesondere Pünktlichkeit und Freundlichkeit, für die die Fahrer selbst verantwortlich gemacht wurden. Ein System von Qualifikationspunkten war jedem Mitarbeiter zugeordnet. Bei Verletzung der Ziele gab es Sanktionen, zum Beispiel schlechte Schichten oder langweilige Büroarbeit oder gar so genannte ”Verhaltens­seminare”, die besonders verhasst waren und bei den Fahrern als Gehirnwäsche galten. Denn viele waren ”selbständige Unternehmer” und konnten jederzeit an die Luft gesetzt werden.

So nahm der Fahrer, als die Gestalt vor dem Brachland erblickte, zwar unwillkürlich den Fuß vom Gas, aber mehr auch nicht. Denn natürlich war es ihm erst recht verboten, ohne wirklich triftigen Grund zwischen den Haltestellen anzuhalten. Nach kurzem Zaudern griff er zum Sprechfunk-Mikrofon, das ihn mit der Zentrale verband und drückte die Taste.

„Code 1014, vielleicht sogar 1016”, sagte er knapp, ohne sich zu melden.

„Verstanden!”, kam es aus dem Lautsprecher. Mehr an Kommunikation brauchte es nicht. Man hatte in der Zentrale seine Bus-Kennung und seine Position über das GPS.

Die Zentrale handelte routinemäßig. ”Hilflose Person, vielleicht sogar verletzte Person”, das besagte die Meldung, und so wurden Polizei und Notarzt alarmiert.

Nach etwa 20 Minuten traf der Streifenwagen ein und fand Okambo in einer hellroten Blutlache am Boden liegend. Etwas ratlos stand der Beamte herum, ohne einen Finger zu rühren. Dann kam ihm eine Idee: „Ruf’ doch mal einen Krankenwagen!”, befahl er dem am Steuer sitzen gebliebenen Kollegen. Als er vernahm, dass dieser schon unterwegs sei, setzte er sich wieder in den Streifenwagen und wartete. Der Fahrer verriegelte die Türen.

Kaum 6 Minuten später hielt der Notarztwagen vor dem Brachland. Ein junger Arzt stieg aus, bewaffnet mit dem Notfallkoffer und ging auf Okambo zu. Er kniete neben ihm nieder und tastete nach seiner Halsschlagader. Dann legte er ihm eine Blutdruckmanschette an, schließlich auch noch ein EKG.

Die Polizisten beobachteten noch weitere Maßnahmen, deren Sinn ihnen aber verborgen blieb. Dann erschien der Notarzt am Seitenfenster des Streifenwagens und sagte lapidar: „Tot. Könnt Ihr übernehmen?!”

Der Beifahrer im Streifenwagen richtete sein Lesegerät auf den Toten, um seine Identität festzustellen. „Hoffentlich hat er einen Ausweis dabei, sonst haben wir eine Menge unnütze Arbeit!”, murmelte er beiläufig. Er wurde nicht enttäuscht.

Ein Funksignal trat aus der Antenne des kleinen Kastens und erreichte die Antenne des Chips auf dem Pass von Okambo. Dort erzeugte es eine elektrische Spannung. Das ist Physik – elektromagnetische Strahlen wirken so. Man muss nicht verstehen, warum es so ist. Hauptsache, es funktioniert. Sonst hätten wir weder Fernsehen noch Radio noch Handys. Nun hat der kleine Chip genug Energie bekommen – er braucht nicht einmal eine Batterie. Er wacht auf und sendet seine wenigen Daten, eigentlich nur die Passnummer, zurück. Es sind ja nur ein paar Meter bis zum Lesegerät im Wagen, das die Daten auffängt. Es fügt Standort und Datum dazu und noch ein paar weitere Informationen aus dem Laptop des Streifenwagens, und ab geht die Information als Datenpaket ins Präsidium, wo die Computer schon hungrig auf ihr Futter warten.

Es war der erste Mittwoch im März, zehn Uhr 48, um genau zu sein.

12.

Auf der anderen Seite des Atlantiks blickten ein mürrischer älterer Herr und eine aufgeregte junge Frau in einem fensterlosen Raum auf einen riesigen Bildschirm, auf dem sich verschlungene Muster zeigten. Man hätte sie für Tapetendesigner halten können oder Mathematiker, die den Verästelungen von Fraktalen folgten. Sie zoomten in die Verzweigungen der Grafik hinein und erzeugten neue Muster, die sich in neuen Fenstern auftaten. Ihr Vokabular wäre für Außenstehende unverständlich gewesen – nur, dass es hier keine Außenstehenden gab. Zwei von Tausenden hochbezahlter Spezialisten, die sich ihn ihrem Code unterhielten.

„John, ich würde gerne mal genauer in den Londoner Knoten schauen…“

„Ich würde beim De-CIX anfangen, Rachel… Frankfurt ist das No.1 Internet traffic hub in Europa.“

Die junge Frau – offensichtlich ein Trainee – wurde noch aufgeregter: „O ja. Moment, die fangen gerade zwei DDoS-Attacken ab… O, und hier bekomme ich eine cross-reference-Warnung: eine Meldung über einen Mord in Deutschland hat Aktivitäten in einem überwachten Firmen-Netzwerk ausgelöst. Das zeigt mir der britische GCHQ im Tempora-Programm. Und der Kincais-Algorithmus zeigt in unserem »Prism« dazu passende Skype-Aktivitäten. Das wird ja immer interessanter…“

„Bleib ruhig. Es ist nichts Politisches und nichts Terroristisches. Das BKA zeigt kaum traffic, das Innenministerium in Berlin auch nicht. Hast du finanzielle Aktivitätsmuster, die dazu passen?“

„Nichts zu sehen. SCISSORS und Protocol Exploitation zeigen auch nichts Auffälliges.“

„Haben wir was über das Opfer?“

„Nein. Kein Facebook-Profil, keine E-Mails, im Netz praktisch nicht sichtbar.“

„Hm! Entweder ein Profi oder ein Sozialfall. Aber wir können uns ja nicht persönlich um jeden kümmern. Was die Algorithmen nicht markieren, muss uns egal sein. Die Zahl der Morde bei uns ist ja in allen Großstädten stark rückläufig, dank der IT-gestützten Strategien beim Polizeieinsatz. Letztlich dank unserer Tätigkeit. »Wissen ist Macht«, sagte Lord Bacon, aber es ist auch Schutz der Bürger. Was die Deutschen machen, kann mir egal sein.“

„Aber wir müssen uns den BND warm halten, er überwacht den ausländischen Datenverkehr, der durch Deutschland führt. Die Nahost-Strecke, über die Datenströme aus Krisenregionen verlaufen. Was soll ich tun, John?“

„Gib dem Ganzen einen Prism-Schlüssel und leite es an einen Sachbearbeiter weiter. Soll er sich darum kümmern. Er soll entscheiden, ob er es an das Consolidated Intelligence Center in Wiesbaden schickt. Oder, das Foreign Affairs Directorate ist ja eigentlich zuständig für Kooperationen mit anderen Ländern. Sollen die das behandeln, damit sie das deutsche politische Führungspersonal vor dem Backlash schützen können, falls es bekannt wird, dass wir die Finger in ihren Geheimdiensten haben. Sie wissen ja offiziell nichts davon, haha! Das Internet ist für sie »Neuland«. Dabei kann es jeder Schüler in Wikipedia nachlesen. Na ja, nichts, was uns wirklich betrifft. Ein Einzelfall interessiert uns nicht. Die Metadaten brauchen wir: wer wann mit wem kommuniziert hat. Ich möchte dir jetzt lieber das Targeting and Mission Management zeigen, die Steuerung des Ganzen. Die Global Access Operations. Der Prototyp Boundless Informant beschreibt die GAO-Datensammelmöglichkeiten mit Metadaten. Anders werden wir den drei Milliarden Erkenntnissen pro Monat ja nicht Herr. Er kann nach Ländern auswerten, nach Organisationen, nach Individuen. Bis in höchste Detailtiefe. Wie du es gerade an diesem Einzelfall gemacht hast, Rachel. Aber das war ja nichts Bedeutendes.“

Und damit glitt ein aufblitzendes Warnzeichen in das Dunkel eines bürokratischen Ablaufs. Es hätte ein weiteres Menschenleben retten können.

13.

Wie immer registrierte Yasmin Stökel auf dem Weg zu ihrem Mittagsmahl die Blicke der Männer, die ihre trotz der Pelzjacke provozierenden Brüste anstarrten, ihre perfekte Nase und ihre sinnlichen Lippen ?­­ all das war ja auch teuer genug gewesen. Langsam schlenderte sie dahin, in Gedanken versunken. War es richtig gewesen, mit Ümid so schnell zusammenzuziehen? Mit dreiundzwanzig? Sie hatte zwar das Gefühl, dass er sie liebte und es nicht nur auf ihr Geld abgesehen hatte ?­­ er hatte offenbar selbst genug, aber niemand wusste, woher ?­­, aber sie misstraute ihrem Gefühl. Zu oft schon war sie so verliebt gewesen wie jetzt, und nach einigen Wochen oder Monaten war nichts mehr davon übrig gewesen.

Um einen verkrüppelten Bettler machte sie einen großen Bogen. Sie kannte die Geschichten aus dem Fernsehen: die mitleidheischenden, von rumänischen Profi-Banden geschickt platzierten Elendsgestalten, deren Tages­einnahmen abends in die Taschen der Chefs flossen. So bemerkte sie die Gruppe Jugendlicher nicht, die ihr immer dichter folgte. Und als es geschah, war sie vollständig überrascht. Sie war umringt, eine Hand drückte ihr den Kopf herunter, und ehe sie überhaupt reagieren konnte, wurde sie durch eine offene Seitentür in einen Kleinbus gedrängt, immer noch gefangen in der Gruppe, die wie ein Haufen von Spielern beim American Football im Inneren des Wagens über ihr zu Boden taumelte. Sie fühlte, wie ein kratziger Wollsack über ihren Kopf gestülpt wurde, und ehe sie einen Laut von sich geben konnte, war ihr auch diese Möglichkeit durch ein breites Packband verwehrt, das von außen um den Wollsack geschnürt wurde. Dann wurden ihre Hand- und Fußgelenke mit einem weichen dicken Strick gefesselt. Hilflos lag sie auf dem Boden des Wagens und versuchte, die aufkommende Panik zu bekämpfen.

Keiner der Passanten hatte offenbar mitbekommen, dass die Gruppe von grölenden Jugendlichen mit den Bierflaschen, die sich in einen offenen Kleinbus fallen ließen wie ein Fußballteam nach erfolgreichem Torschuss, ein attraktives junges Mädchen unter sich begrub. Und wenn es jemand mitbekommen hatte, dann hatte er sicherheitshalber weggeschaut.

Der Wagen setzte sich in Bewegung, fädelte sich zügig in eine Lücke des Verkehrs ein und bog um die nächste Ecke. Längere Zeit holperte er über die Straßen der Stadt und schien öfter gezielt die Richtung zu wechseln. Yasmin versuchte, die Kurven mitzuzählen, um sich irgendwie den Weg einzuprägen. Aber das gelang ihr nicht. Ihre Angst hinderte sie daran, sich zu konzentrieren, ebenso wie die fast alle Geräusche übertönende Techno-Musik aus dem Autoradio. Wäre ich nur nicht ohne Hasso gegangen, dachte sie immer wieder. Aber nun war es zu spät.

Plötzlich hörte sie eine Polizeisirene, erst schwach, dann immer lauter. Sie kam von hinten. Der Wagen verlangsamte ein wenig die Fahrt. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Sie sah schon eine Armee grimmiger Beamter vor sich, die ihre Entführer mit gezogenen Pistolen stoppten und in Handschellen legten. Dann war das Sirenengeräusch eine Sekunde neben dem Wagen und zog vorbei. Im Ton tiefer und leiser werdend entfernte es sich in Fahrtrichtung. Die Jugendlichen johlten vor Begeisterung und stellten ihre Füße auf den Sack mit ihrem Opfer.

Je länger sie fuhren, desto schlechter wurde die Wegstrecke. Offensichtlich hatten sie die Innenstadt inzwischen verlassen, denn sie schienen jetzt auch schneller zu fahren. Das Zeitgefühl war ihr vollkommen verloren gegangen. Soweit sie das beurteilen konnte, waren sie auf einer relativ einsamen Landstraße angelangt. Dann wurde die Geschwindigkeit plötzlich verringert und der Wagen bog schaukelnd auf einen weichen holperigen Boden ab. Langsam fuhr er durch platschende Pfützen. Es roch nach Wald, das konnte sie feststellen.

Ihr war schlecht vor Angst. Ihr Magen revoltierte, ein bitterer Geschmack stieg ihre Speiseröhre empor und beinahe hätte sie sich übergeben. Sie zwang sich, den Brechreiz zu unterdrücken. Das Klebeband auf dem Wollsack über Mund und Nase hinderte sie am Schreien, aber auch am Atmen. Sie brachte nur ein qualvolles Ächzen heraus, das aber niemand beachtete. Sie wusste, sie würde an ihrem Erbrochenen ersticken, wenn sie sich nicht beherrschte. Keiner würde sich darum kümmern. Wenn sie tot ankäme, würden sie sich ein neues Mädchen holen.

Ihre Panik stieg von Minute zu Minute. Ein krampfendes Gefühl schoss durch ihren Unterleib. Sie wusste, was kommen würde. Zu oft hatte sie im Fernsehen Berichte gesehen, wo Jugendliche Mädchen entführt und vergewaltigt hatten. Im Alkoholrausch, unter Drogeneinfluss oder auch total nüchtern. Das machte keinen Unterschied. Hauptsache, man hatte seinen Spaß und den Ruhm in der Szene, wenn man die Aufnahmen mit dem Foto-Handy in das Internet gestellt hatte.

Am Ende des Waldweges wurde sie aus dem Wagen auf den weichen Waldboden geworfen. Der Geruch nach feuchtem Moder stieg in ihre Nase. Die Männer stiegen aus. Plötzlich fühlte sie, wie sich eine Hand unter ihre Pelzjacke schob, unter ihr T-Shirt, über ihre nackte Haut wie eine kalte trockene Schlange. O Gott!, dachte sie verzweifelt und ihre Angst brach in einem Schluchzen aus ihr heraus. Jetzt würde das kommen, was sie am meisten gefürchtet hatte. Die Panik nahm ihr fast die Sinne.

Doch dann vernahm sie, gedämpft durch den Wollsack über ihrem Kopf, eine gebieterische Stimme: „Lass’ das! Das ist nicht unser Auftrag! Wir sollen sie nicht anrühren!”

Sofort ließ der Grapscher von ihr ab, ohne einen Ton zu sagen.

Sie spürte, wie eine kalte Flüssigkeit über ihre Fesseln gegossen wurde. Wieder dieselbe Stimme: „In einer halben Stunde ist das Papier aufgeweicht. Dann kannst du dich losmachen. Geh zur Straße, dann kommst du schon irgendwie nach Hause! Sag’ deinem Lover, er soll seinen Job machen! Und wenn ihr plaudert oder zur Polizei geht, dann hilft euch dein Köter auch nicht mehr!”

Der Motor des Wagens heulte auf. Und dann waren sie weg.

14.

Hauptkommissar Paul Lander saß am Schreibtisch, mürrisch und unlustig wie so oft. „Ich finde, in meinem Beruf und bei meinem Alter wäre gute Laune verdächtig!”, so lautete sein gelegentlich laut geäußerter Wahlspruch. Heute früh war er wieder einmal erschrocken, als er das zerfurchte Gesicht im Badezimmerspiegel entdeckt hatte, das ihn in letzter Zeit immer häufiger morgens in Panik versetzte. Er betrachtete die Welt von innen mit den Augen eines Dreißigjährigen, der er vor über zwei Jahrzehnten einmal gewesen war, und wunderte sich über die Gleichaltrigen, die wie seine Eltern aussahen. Wie attraktiv und dynamisch hatte er doch damals gewirkt, als er voller Idealismus und einem unbändigen Drang nach Gerechtigkeit der Polizei beigetreten war.

Vielleicht gehörte auch seine äußere Erscheinung zu seinem negativen Selbstbild. Miriam ermahnte ihn öfter, sich jugendlicher zu kleiden. Andere sagten, er wäre der typische Anzugtyp, aber er hasste Krawatten und formelle Kleidung. Im Dienst erschien er meist im fast schon antiken Cordjackett, natürlich nicht zu der Cordhose passend, die er trug, und einem nahezu beliebig dazu ergriffenen Hemd. Den Schlips in einer zu allem kompatiblen neutralen Farbe hatte er für offizielle Gelegenheiten in der Schreibtischschublade deponiert.

Die Jacke wurde wie üblich über die Stuhllehne gehängt, was ihrer Form nicht sehr gut bekam, sofern überhaupt noch eine vorhanden war – so auch heute, als er sich gleich morgens auf den kommenden Tag vorzubereiten begann. Ein ruhiger Job, wie er hoffte. Er ahnte nicht, dass er an diesem Tag noch richtig Arbeit bekommen würde.

Im Zuge der so genannten Entbürokratisierungsmaßnahmen hatte es einen ungeheuren Wirbel gegeben, der auch sein beschauliches Leben verändert hatte. Unternehmensberater, junge Burschen in korrekten grauen Anzügen, hatten für exorbitante Honorare die Verwaltungsstrukturen durchkämmt und zum Teil groteske Empfehlungen gegeben. So war die Internet-Recherche-Gruppe aufgelöst worden ?­­ dafür musste nun jeder Beamte einmal im Jahr sein IKZ, das ”Internet-Kompetenz-Zertifikat”, erneuern. Zum Abbau von Bürokratie hatten die Aktionen allerdings nicht geführt, im Gegenteil. Aber so ist nun mal der Lauf der Welt: schon Shakespeare beklagte den Übermut der Ämter, und das zu Recht.

Die Dienstvorschriften, ein grandioses System, das Genies zur Benutzung durch Schwachköpfe ersonnen haben, war im Computer gespeichert, perfekt mit Hypertext verlinkt. Manche Beamten verwendeten es, um ihr Nichts­tun zu rechtfertigen. Wenn man wollte, konnte man aus den Vorschriften ein Netz von Handlungsanweisungen herstellen, die nur den Nachteil hatten, sich in letzter Konsequenz selbst zu widersprechen. Dann brauchte man gar nichts zu tun und hatte auch noch eine perfekte Entschuldigung dafür. Wenn Lander so etwas sah, konnte er sich kaum im Zaum halten.