Der Schrei der Krähen - Bridget Nash - E-Book
  • Herausgeber: epubli
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2018
Beschreibung

Die Entführung einiger Campingurlauber auf dem Weg in den Süden, geben Kommissar Thomas Brenner und seiner Mannschaft große Rätsel auf. Es gibt keine Gemeinsamkeiten, keinen Anhaltspunkt, keine Lösegeldforderung. Wer und warum die Tat begangen wurde bleibt lange im Dunklen. Die Fahndung nach Dealern führt endlich zu einer Spur der psychopathischen Täter.

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Seitenzahl:219

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Der Schrei der Krähen

VorwortSchüsse im WaldEVAVerdächtigungenDrei Jahre späterDie EntführungVeränderungenVerschwundenBabyglückDie Tote im KanalEin kleiner ErfolgFeierabendWeitere ErmittlungenDer erste VerdächtigeNachtschichtErkenntnissePresseSabineWeitere ErgebnisseFortschritteEine heiße SpurDie Ereignisse überschlagen sichNachwort der Autorin

Vorwort

Hauptkommissar Thomas Brenner hat wieder einen verzwickten Fall.

Die Entführung einiger Campingurlauber auf dem Weg in den Süden stellt die Kommissare Brenner und Lehmann vor ein Rätsel. Alle Nachforschungen verlaufen zunächst im Sande. Erst die Tote im Kanal bringt sie auf die Spur. Im Zuge der Ermittlungen wird auch noch der Tod einer jungen Frau aufgeklärt, die bereits Jahre früher verschwunden ist.

Der Mensch plant und das Schicksal lacht darüber!Drum lebe jeden Tag,als wäre es dein letzter.

Schüsse im Wald

Nebelschwaden wabern über Wald und Wiese, das diffuse Licht verleiht der Natur ein gespenstisches Gesicht. Vom gestrigen Unwetter sind nur noch ein paar dunkelgraue, sich langsam auflösende Wolkenfelder, geblieben. Wenn sich auch die letzten grauen Wolken aufgelöst haben, wird es ein herrlicher Frühlingstag werden.

Auf der Suche nach ein paar Würmern, Käfern oder Aas schreitet eine Krähenschar über den verwilderten Acker. Blauschwarz glänzt ihr Gefieder im Sonnenlicht. „Kroa, Kroa“, hört man sie krächzen. Glücklich, endlich ihr Traumgewicht erreicht zu haben, läuft Eva leichtfüßig durch den Wald, springt über ein paar aus dem Boden wachsenden Baumwurzeln. Die ständige Diät und das tägliche Joggen waren am Anfang unerträglich, ihr Vorhaben 15 kg abzunehmen, erschien ihr zu Beginn ihrer Diät unerreichbar zu sein. Zum Glück ist Elias, ihr Verlobter, da. Immer wieder hatte er sie unterstützt, wenn sie glaubte, am Ende zu sein. Jedes Mal erklärte er ihr, dass sie für ihn nicht abnehmen müsse, dass er jedes Gramm an ihrem wundervollen Körper liebe.

Eva denkt an ihre ersten Tage, als sie mit dem Laufen begonnen hatte. Schon nach den ersten einhundert Metern schnaufte und keuchte sie wie eine alte Dampflok. Dabei war sie erst 25 Jahre jung. Unzählige Male war sie rückfällig geworden, hatte dem Heißhunger und den Fressattacken nachgegeben. Aber das war jetzt glücklicherweise vorbei, sie hatte es geschafft, hatte 15 Kilo abgenommen und passte in ihren BMI. Heißhunger und Fressattacken gibt es nicht mehr. Sie darf durchaus mal über die Stränge schlagen und sich etwas Gutes tun. Morgen Abend, wenn Elias von seiner Geschäftsreise zurück ist, würden sie exquisit essen, besser gesagt, schlemmen gehen.

Elias ist seit ein paar Tagen auf einer Fachmesse in Berlin. Die gemeinsamen Gespräche am Abend und die Kuscheleinheiten fehlten ihr. Elias ist das Beste, was mir passieren konnte. Er ist einfühlsam und lieb. Mit ihm kann ich mir den Rest meines Lebens ganz gut vorstellen.

In ein paar Metern kommt der Schotterweg, dann ist es für heute geschafft. Ich leg noch ein paar Kohlen nach und rase die restlichen 500 Meter bis zum Parkplatz. Eva ist so in ihren Gedanken versunken, dass sie das Reh vor sich nicht wahrnimmt. Peng! Ein Schuss fällt! Laut verhallt der Knall im Wald. Aufgeschreckt fliegen die Krähen davon, setzten sich auf eine Eiche. Auf den Ästen wippend verkünden sie lauthals ihren Ärger über den Schuss. „Kroa, kroa“, schimpfen sie.

Ein brennender stechender Schmerz am rechten Unterbauch durchdringt Evas Körper. Sie lässt sich zu Boden gleiten, unfähig klar zu denken. Was ist geschehen? Richtig. Ich habe einen Schuss gehört. Hat der mich getroffen? Wer schießt auf mich? Eva greift auf ihren Bauch, sie spürt, wie ihre Hand nass wird. Sieht das Blut an ihrer Hand, Blut durchtränkt das gelbe Shirt. Aua! Tut das weh. Ich muss die Rettung rufen. Mit zittrigen Fingern öffnet sie den Reißverschluss am Oberschenkel ihrer Jogginghose, greift mit zwei Fingern in die Hosentasche und zieht ihr Handy raus. Sie schaltet es ein, um einen Notarzt zu rufen. Erst jetzt sieht sie den Mann, der angriffslustig auf sie herunterstarrt, nimmt das Gewehr in der Hand des Fremden wahr. Wieso hat der auf mich geschossen? Hat der etwa gewildert? „Bitte helfen sie mir. Ich muss sofort ins Krankenhaus.“ „Hast du blöde Kuh nichts anderes zu tun, als um diese Tageszeit hier herumzurennen? Musst du nix arbeiten?“ „Ich wollte bevor ich zur Arbeit gehe eine Runde laufen“, murmelt sie mit bebender Stimme. Was geht den das an, wann und wo ich laufe. „Hättest ja woanders laufen können, blöde Schnepfe“, knurrt er unwirsch. Das Gesicht des Mannes ist äußerst biestig, sieht sehr böse aus. „Jetzt hast du mir meinen Sonntagsbraten verjagt“, brüllt der mit dem Gewehr. „Bitte helfen sie mir doch, ich brauche dringend einen Arzt“, bettelt Eva. „Los, gib mir dein Handy“, knurrt der Fremde. „Ich helfe dir.“ Dankbar sieht sie den alten schmierig aussehenden Griesgram an. Der unerträgliche Schmerz treibt ihr die Tränen in die Augen.

Dieser dermaßen ungepflegte Mann war ihr ganz und gar nicht geheuer, irgendwie bekam sie plötzlich Angst vor dem Trauerkloß, der sah ja aus wie ein Unheilsprophet. Die laut krächzenden Krähen verstärken ihr Unbehagen noch mehr. Wie in einem Horrorfilm, denkt Eva. Ihr fällt der Film „the Crow“ wieder ein. Da konnte sich ein Mann in eine Krähe verwandeln, war ihr damals total unheimlich. In jener Nacht konnte sie nicht einschlafen, jedes Mal wenn sie die Augen schloss, erschien ihr dieser unheimliche Krähenmann. „Danke.“

EVA

Erwartungsvoll öffnet Elias Gärtner die doppelt verschlossene Wohnungstür. Seine geliebte Eva ist also noch nicht zu Hause. Wo ist sie? Den ganzen Tag hatte er versucht, sie zu erreichen. Elias war vorzeitig von der Computer-Messe in Berlin zurückgekehrt, freut sich auf seine über alles geliebte Eva. Ob sie bei ihren Eltern ist? Arbeiten wird sie nicht mehr, es ist bereits 19.00 Uhr, so lange ist sie selten in der Kanzlei. Oder haben sie wieder einen neuen, schwierigen Fall reinbekommen?

Ich ruf noch mal auf ihrem Smartphone an. Der Teilnehmer ist im Moment nicht erreichbar, hört er zum wiederholten Mal. Er versuchte es in der Kanzlei, aber hier war sie ebenfalls nicht. Es meldet sich der Anrufbeantworter der Anwaltskanzlei Fischer, Gümpel und Herbig. Möglicherweise ist sie zu Hause bei ihren Eltern. Elias wählt die Nummer der Familie Horn. Franziska Horn, Evas Mutter meldet sich. „Guten Abend, Franziska. Ist Eva zufällig bei euch. Ich bin wieder zu Hause.“ „Hallo Elias. Nein, bei uns ist sie nicht. Sie hat auch heute nicht angerufen.“ „Dann kann sie nur bei Sandra sein. Die beiden werden sich verplaudert haben. Wenn die erst mal was zu bequatschen haben, kann es lange dauern, bis sie zum Ende kommen. Eva weiß ja nicht, dass ich vorzeitig zurück bin, ich habe sie heute nicht erreichen können.“ Schade, wär ein schöner Abend geworden. Kann es ja immer noch, sie wird ja nicht bei Kerstin übernachten. Warum kontrolliert sie ihr Handy nicht?

„Willst du noch auf einen Sprung vorbeikommen?“ „Nein. Ich denke sie wird bald kommen, dann bin ich nicht hier.“ „Sag ihr einen schönen Gruß.“ „Mach ich gerne.“

Elias packt seine Reisetasche aus, sortiert die Schmutzwäsche in die vorgesehenen Behälter. Es gibt drei Boxen, eine für Helles, eine für Dunkles und eine für 60 Grad Wäsche. Was die Wäsche angeht, ist Eva sehr penibel, da muss alles richtig sortiert sein. Anschließend setzt er sich auf die Couch, schaltet den Fernseher ein, hofft, dass er bald das Knacken des sich öffnenden Türschlosses hört. Sein großes Verlangen nach Eva spürte er bereits in seinen Lenden, Elias freute sich auf eine Runde Nacktknutschen mit Abrutschen. Eva nannte das so, sie hatte überhaupt so ausgefallene Sprüche drauf, was ihn oft zum Schmunzeln brachte. Als sie um Mitternacht immer noch nicht zu Hause war, sorgt er sich. Große Unruhe breitet sich aus. Er wählt nochmals ihre Nummer, bekommt auch dieses Mal keinen Anschluss. Soll ich mal bei Kerstin anrufen?Lieber nicht, das ist lächerlich, wenn ich meinem Schatz hinterher telefoniere. Irgendwann fällt der Besorgte in einen unruhigen bleiernen Schlaf. Am nächsten Morgen wird er durch das Klingeln des Festnetztelefons geweckt. Wer ruft denn am Festnetz an? Hat sich bestimmt wieder einer verwählt. „Gärtner“, meldet er sich. „Hallo Herr Gärtner. Anwaltskanzlei Fischer, Gümpel und Herwig. Sandra Kohl am Apparat. „Was hat Eva? Hoffentlich hat sie nicht die Sommergrippe erwischt. Geht es ihr schon besser?“ Elias verspürt so etwas wie einen Boxhieb in seinen Magen. Wie bitte? Was ist los?Krank? Eva ist krank? Davon wusste Franziska nichts, da ist doch was oberfaul, da stimmt etwas nicht. „Ich hab sie heute noch nicht gesehen, war auf einer Dienstreise.“ Bin gerade zur Tür rein. Das war zwar nicht ganz die Wahrheit, aber was geht die das an, dass ich gestern schon zurückgekommen bin. „Was hat Eva denn gesagt, sie ist nicht zu Hause.“ „Eigentlich hat sie gar nichts gesagt. Sie ist bloß gestern nicht zur Arbeit erschienen, das ist nicht ihre Art. Wir waren der Meinung, dass sie krank sei.“ „Ich hör mich mal um, sage ihnen Bescheid, sobald ich etwas in Erfahrung gebracht habe.“ „Danke, das ist sehr nett. Wir brauchen sie nämlich sehr dringend. Wir haben einen neuen schwierigen Fall bekommen.“ Ihr muss etwas Schlimmes zugestoßen sein. Möglicherweise hatte sie einen Unfall.

Elias ruft seine Kollegin in der Firma an, gibt Bescheid, dass er heute sein Zeitguthaben abbaut und nicht ins Büro kommt. Er will zunächst nachschauen, ob seine Geliebte zum Joggen gefahren ist. Der kleine Waldparkplatz, auf dem Eva immer geparkt hat ist leer. Also da stimmt was nicht. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch fährt er zur Polizei. Ich werde Eva als vermisst melden. Elias sucht nach der Adresse der Polizeidienststelle. Am Eingang schickt ihn der Pförtner zu Kommissar Erwin Frische.

Kommissar Frische steht kurz vor der Pensionierung, er ist zwar sehr erfahren, hat aber nicht mehr viel Ehrgeiz. Elias Gärtner betritt die Vermisstenstelle. „Guten Morgen. Ich soll mich bei Kommissar Frische melden.“ „Dann kommen sie mal zu mir.“ Frische zeigt auf einen Stuhl. Erwin Frische ist ein kleiner, untersetzter Polizeibeamter mit einer großen Denkerstirn. Seine stahlgraue Augen und die große Nase geben seinem Gesicht etwas Animalisches. „Bitte nehmen` s Platz. Was kann ich für sie tun?“ „Ich vermisse meine Partnerin.“ „Seit wann ist sie abgängig?“ Abgängig, wie sich das anhört. „Ich bin mir nicht sicher. Ich war auf der Computer Fachmesse in Berlin, habe gestern den ganzen Tag über versucht Eva zu erreichen. Immer wieder kam die Nachricht, dass ihr Anschluss vorübergehend nicht erreichbar sei. Sie ist weder bei ihren Eltern noch bei ihrer Freundin. Kerstin, ihre Freundin weiß ebenfalls nicht, wo sie sein könnte. Heute früh hat ihr Arbeitgeber angerufen, Eva ist gestern nicht zur Arbeit erschienen.“ „Das ist aber noch zu früh, für eine Vermisstenmeldung. Sind sie sicher, dass sie sich nicht von ihnen getrennt hat?“ „Also das ist absolut unmöglich, wir wollten im August heiraten.“ „Wäre es nicht denkbar, dass sie sich eine Auszeit nimmt. Unter Umständen ist es ihr zu viel geworden, will mal ihre Ruhe haben, oder überlegt es sich noch mal mit der Heirat.“ „Nein, so ist Eva nicht. Außerdem hängt ihre Handtasche am Garderobenhaken, sie würde niemals ohne ihre Tasche das Haus verlassen, außer zum Joggen.“ „Kennen sie die Laufstrecke ihrer Partnerin?“ „Sie läuft gerne im Wald hinter Kraftshof. Da war ich aber bereits, dort ist sie nicht.“ „Wir schauen uns das mal an“, sagt Kommissar Frische. „Gut, wenn sie meinen, Herr Frische.“ „Was fährt sie für einen Wagen.“ „Sie hat einen schwarzen VW up.“ „Das Auto ist wohl auch verschwunden.“ „Ja, zumindest steht es nicht auf ihrem Parkplatz.“ „Geben sie mir die Mobil-Nummer ihrer Partnerin, ich schau mal, ob wir ihren Aufenthaltsort herausfinden können.“ Bereitwillig rückt Elias die Nummer raus. Kommissar Frische übergibt sie einem Kollegen der TÜ, der aber auch nur feststellte, dass das Handy nicht eingeschaltet ist. „Können sie mir auf dem Plan zeigen, um welchen Parkplatz es sich genau handelt?“ „Ich kann auch vorausfahren.“ „Würden sie mich begleiten?“ „Ja natürlich.“

Kommissar Frische ruft nach seinem Kollegen Klaus Wilkes. Frische hatte ihn als Anwärter unter seine Fittiche genommen und ihn ausgebildet, seit dem sind sie Partner. Wilkes war das komplette Gegenteil von Frische. Sein Ehrgeiz hatte Frische oft zur Raserei gebracht, hin und wieder musste er ein Machtwort sprechen und ihn zur Gelassenheit zwingen. Klaus Wilkes war sehr groß mit einer sportlichen Figur. Sein Haar war schwarz, die Augen dunkelbraun. Die beiden waren ein perfektes Team. Frische mit seiner Gelassenheit und Wilkes mit seinem Ehrgeiz immer alles zu tausend Prozent zu erledigen, passten perfekt zusammen.

Kommissar Frische, Klaus Wilkes und Elias Gärtner eilen zum Parkplatz, steigen in den Dienstwagen von Herrn Frische. Elias dirigiert die beiden Polizisten direkt zum Wanderparkplatz hinter Kraftshof. Da Eva ein Gewohnheitstier ist, weiß Elias ganz genau, wo seine Geliebte immer ihr Auto abstellt. Er leitet die beiden Beamten direkt zum kleinen Waldparkplatz. Es gibt nur Platz für drei Fahrzeuge. Der Parkplatz ist natürlich, genau wie heute früh leer, kein Auto weit und breit. „Eva nimmt immer die erste Bucht neben der hölzernen Absperrung“, erklärt er den beiden Polizisten. Die Beamten sehen sich kurz um. „Hier sind Reifenspuren“, ruft Wilkes. „Die sind ganz klar erkennbar.“ „Oh gut. Es dürfte also kein Problem sein, einen Abdruck vom Profil zu nehmen.“ Klaus Wilkes holt das rot-weiße Absperrband aus dem Kofferraum und sichert die Stelle rund um das Reifenprofil. Anschließend durchforsten sie den Weg bis zum Waldrand, suchen nach eventuellen Spuren, die auf ein Verbrechen hindeuten. Ein Bauer mäht gerade seine Wiese, sitzt auf seinem Traktor wie ein König auf dem Thron. Er beobachtet die kleine Gruppe. „Was wollen die hier?“ Die Beamten fordern den Landwirt zum Anhalten auf. Nachdem der Traktorfahrer nicht reagiert und unbeirrt mit den Mäharbeiten fortfährt, stellt Wilkes sich vor den Traktor, hält seine Marke hoch. „Halten sie mal an.“ Der Bauer sieht auf den Kommissar herab. „Scheiße, Polizei.“ „Schalten sie bitte den Motor ab.“ „Was ist los, hab keine Zeit“, belfert der Bauer missgelaunt. „Wir haben ein paar Fragen an sie.“ Schwerfällig steigt er die hohen Tritte vom Führerhaus des Traktors runter, lässt sich dabei besonders viel Zeit. „Wir suchen nach einer jungen Frau.“ „Nicht mein Problem. Was geht mich das an?“, knurrt der Landpfleger. „Ist ihnen gestern am frühen Morgen eine Joggerin oder ein schwarzer VW up aufgefallen?“ „Glauben sie, ich habe Zeit mich um Autos oder Leute zu kümmern, die hier herumlaufen?“, gibt er einsilbig von sich. „Wir suchen eine junge Frau, die gestern hier gejoggt sein soll.“ „Mir ist nichts aufgefallen. Hier laufen oft Leute rum“, grollt er. Elias hatte ein Foto von seiner geliebte Eva dabei, hielt es dem Bauern unter die Nase. „Schauen sie sich die Frau bitte mal genau an, eventuell ist sie ihnen doch aufgefallen“, bittet Kommissar Frische ruhig. Der Bauer schüttelt so energisch den Kopf, dass sein Doppelkinn schwabbelt. „Kenne ich nicht, noch nie gesehen“, brummt er stirnrunzelnd. „Ist ihnen sonst irgendwas aufgefallen, Herr ähm? Wie ist ihr Name?“ „Ich hab nun wirklich was Anderes zu tun, als mich um irgendein Weib zu kümmern. Mir reicht schon mein eigenes faules Stück. Ich muss zusehen, dass ich meine Wiese gemäht bekomme. Meine beiden nichtsnutzigen Söhne haben keine Lust mir zu helfen. Die Arbeit gefällt ihnen nicht,“ blafft er. „Ihren Namen bitte.“ „Georg Meier.“ „Wer lebt sonst noch hier?“ „Meine Frau Johanna und meine beiden Luschen.“ „Wie heißen die? Sind die jetzt zu Hause?“ „Wer?“ „Ihre Luschen.“ „Ich hab genug von ihren Fragen. Lassen sie mich meine Arbeit machen.“ „Wir können das auch gerne auf dem Revier klären, Herr Meier“, erklärt ihm Kommissar Frische. „Oliver und Sebastian. So und nun ist genug.“ Missgelaunt steigt der Bauer auf den Traktor und fährt mit dem Mähen seiner Wiese fort.

Kommissar Frische fordert die Tatortermittler an, um einen Abdruck vom Reifenprofil nehmen zu lassen. Allenfalls finden die ja Hinweise auf ein Verbrechen. Die beiden Beamten und Elias bleiben so lange am Parkplatz, bis das forensische Team eintrifft. Elias wäre zwar gerne sofort wieder nach Hause gefahren, aber er ist ja darauf angewiesen, dass ihn die beiden Beamten mit zurücknehmen. Elias ist froh, als das forensische Team eintrifft. Er will auf dem schnellsten Weg zu Evas Mutter, er will ihr sagen, dass Eva vermisst wird, bevor sie es aus den Nachrichten oder von der Polizei hört. Vor dem Revier verabschiedet sich Kommissar Frische von Elias. „Ich melde mich bei ihnen, Herr Gärtner, sobald ich etwas Genaues weiß. Wir werden auf jeden Fall ermitteln.“ „Vielen Dank.“

Das forensische Team durchkämmt die Gegend. Alles was die Leute achtlos in die Landschaft werfen, wird eingetütet und beschriftet. Papiertaschentücher, Pappbecher und Eis-Stäbchen sind immer gut um eine DNA festzustellen.

Bevor Kommissar Frische seinen Schreibtisch aufsucht, besorgt er sich erst einmal einen Kaffee und ein Sandwich aus der Cafeteria. An seinem Platz angekommen, schaltet er seinen PC an und loggt sich ein. Er lässt die Familie Meier durch den Raster laufen. Frische traut den Aussagen des Bauern nicht. Ist schon seltsam, dass er nichts Auffälliges gesehen hat. Der steht doch ganz früh auf, der muss wenigstens das Auto gesehen haben. Auch wandte er seinen Blick ab, als ich ihn befragte, er konnte mir nicht in die Augen sehen. Das allein zeigt schon, dass da etwas oberfaul ist. Frische war enttäuscht, als er nichts über die Meiers in Erfahrung bringen konnte. Die Familie lebt quasi von der Hand in den Mund, nicht einmal einen Strafzettel gibt es. Über die beidem Söhne Oliver und Sebastian gab es ebenfalls nichts.

Auf dem schnellsten Weg fährt Elias zu Evas Mutter. Er will ihr schonend beibringen, dass Eva vermisst wird, bevor die Polizei bei ihr auftaucht. Franziska öffnet die Tür, sieht ihren zukünftigen Schwiegersohn verständnislos an. Eva ist Franziska wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie hatten die gleichen blauen Augen und das schmale Gesicht mit der Stupsnase. Franziska kennt ihren angehenden Schwiegersohn gut genug, um zu wissen, dass etwas nicht in Ordnung ist. „Was ist los Elias?“ „Mmh, Emm,“ druckst er herum. „Komm, wir setzen uns erst.“ Die beiden gehen ins Wohnzimmer, machen es sich auf der Couch bequem. „Sag schon. Ich sehe doch, dass was nicht stimmt. Ist was mit Eva?“ Er nickt. „Sie wird vermisst. Ich war schon bei der Polizei.“ Franziska schnauft laut, sieht ihn verzweifelt an. „Wie? Vermisst?“, stöhnt sie. „Ja, leider.“ „Was sollen wir jetzt machen, Elias? Wir müssen nach ihr suchen.“ Franziska springt auf, schnappt sich ihren Autoschlüssel. Noch bevor sie den Flur erreicht, hält Elias sie auf. „Du musst vernünftig sein, Franziska.“ Elias wundert sich darüber, dass er so ruhig bleibt. Am liebsten würde er ja selber nach seiner Geliebten suchen. „Aber, wir.“ Die restlichen Worte des Satzes bleiben in ihrer trockenen Kehle stecken. „Wo sollen wir anfangen, Franziska?“, beruhigt er sie. „Ich war schon in Kraftshof, dachte, dass ihr eventuell beim Joggen etwas zugestoßen ist. Hätte ja sein können, dass sie umgeknickt ist und sich etwas gebrochen hat. Ihr Auto war aber nicht dort, ich weiß keinen Rat, wir müssen es der Polizei überlassen.“ Kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, als es läutet. „Ich geh schon, Franziska. Bleib sitzen.“ Franziska Horn ist kreidebleich. Elias hatte Angst, dass sie zusammenbricht. Er öffnet die Tür. Zwei Polizeibeamte in Zivil stehen vor ihm, einer von ihnen ist Klaus Wilkes. „Wir wollen zu Frau Horn.“ „Ja, schon klar. Bitte kommen sie weiter.“

Die beiden Kommissare betreten das Wohnzimmer. Franziska hält den Telefonhörer in der Hand. Sie hatte Hannes ihren Mann angerufen, ihn gebeten herzukommen. Die beiden Beamten stellen sich vor. „Ich gehe davon aus, dass sie wissen, was passiert ist, Frau Horn.“ „Elias hat mir gerade berichtet, dass Eva vermisst wird.“ „Würden sie uns ein paar Fragen beantworten, Frau Horn?“ „Ja natürlich. Ich werde alles tun, was nötig ist, um Eva so schnell wie möglich zu finden.“ „Wir möchten gern mit Frau Horn alleine sprechen, Herr Gärtner.“ „Elias kann bleiben, er gehört zur Familie.“ „Schon gut Franziska, ich geh solange in den Garten.“ Elias verlässt das Zimmer, geht auf die Terrasse und setzt sich auf die Hollywoodschaukel. Hier waren Eva und er oft gesessen und hatten Pläne geschmiedet. Ihm war nicht wohl, er hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Ihr wird ihr doch nichts Schlimmes zugestoßen sein. Was soll ich nur machen ohne meinen Schatz. Nein, nein, sie kommt wieder. Es wird sich alles aufklären. Möglich, dass sie einen Unfall hatte und sich nicht melden kann. Elias schließt seine Augen. Er sieht seine Eva vor sich. Ihr wundervolles, braunes Haar, die blauen Augen ihre warme, sanfte Schlafzimmerstimme. Er glaubt den Duft ihrer Haut wahrzunehmen, und ihre wunderbar zarte Haut zu fühlen. Ihr mitreißendes Lachen kann er fast hören. Er seufzt laut. Wo bist du nur meine geliebte Eva.

Verdächtigungen

Die beiden eifrigen Ermittler löchern Frau Horn mit unzähligen Fragen. Wollen wissen, wer Eva entführen oder ihr etwas antun könnte. „Gibt es oft Streit zwischen Eva und ihrem Verlobten?“, erkundigen sie sich. „Nein, nein. Die beiden lieben sich sehr, sie verstehen sich wunderbar. Sie haben dieselben Interessen, ich glaube die beiden sind Seelenverwandte." „Hat es sich ihre Tochter möglicherweise anders überlegt?“ „Wie meinen sie das, Herr Kommissar?“ „Na, könnte doch sein, dass sie sich von ihrem Schwiegersohn in spe getrennt hat.“ „Also das ist absolut unmöglich. Selbst wenn, würde sie sich niemals davonschleichen. Eva ist ein absolut offener und ehrlicher Mensch.“ „Also gibt es niemanden dem sie zu nahe getreten ist, oder einen abgewiesenen Verehrer?“ „Nicht dass ich wüsste“, murmelt sie unter Tränen. „Hat ihre Tochter noch ein Zimmer hier?“ Frau Horn nickt. „Dürfen wir das mal sehen?“ Wieder ein Nicken. „Es stehen nur noch leere Möbel darin, sie werden nichts finden. Aber schauen sie sie sich ruhig um. Die letzte Tür links.“

Die beiden Kommissare wussten zwar selbst nicht, wonach sie dort suchen sollten, aber sicher ist sicher. Auf jeden Fall macht es sich in der Ermittlungsakte gut, wenn wir auch dort nachgesehen haben. Die beiden Kommissare schauen in die leeren Schränke, öffnen die ausgeräumten Schubladen. Auch unter den leeren Schubladenböden sehen sie nach, nicht dass Eva hier eine Nachricht versteckt hatte. Obwohl dies ja unmöglich war, da sie hier nicht mehr wohnte.

Die beiden Kommissare erkundigen sich nach dem Beruf ihres Mannes und ob das Ehepaar eventuell vermögend ist. Nachdem die beiden aber keine großen Ersparnisse haben, schließen die Ermittler eine Entführung aus. „Danke Frau Horn, das war`s für den Moment. Falls wir noch Fragen haben, dann melden wir uns. Wenn ihnen irgendetwas einfällt, rufen sie uns bitte an, auch wenn es ihnen noch so banal erscheint.“ „Ja, das mach ich. Auf Wiedersehen.“ „Auf Wiedersehen.“

Elias bleibt noch so lange bei Franziska, bis ihr Mann Hannes zu Hause ist. Hannes arbeitet als kaufmännischer Leiter in Forchheim. Es dauerte also etwas, bis er zu Hause ankommt. Endlich öffnet er die Tür. Franziska eilt auf ihren Mann zu und umarmt ihn. Nur ein geflüstertes „Hannes, da bist du ja endlich“, entgleitet ihrer rauen Kehle. Elias schildert seinem zukünftigen Schwiegervater, was bisher geschah. Sie reden und reden, können nicht begreifen, wer Eva etwas antun würde. Nach zwei Stunden verabschiedet sich Elias von den beiden Horns, sie versprechen, sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten. Er will schnell nach Hause, es wäre durchaus denkbar, dass sich Eva bei ihm meldet. Sie hat ja ihr Handy bei sich, möglicherweise gelingt es ihr den Entführern zu entkommen, um ihn anzurufen.

Die Polizeiautos vor dem Mehrfamilienhaus sieht Elias bereits, als er in die Straße einbiegt. Was wollen die hier?Haben die schon was gefunden?

Nachdem das Auto von Eva Horn ebenfalls verschwunden war, was ungewöhnlich schien, verdächtigen sie Elias des Mordes an seiner Verlobten. Sein persönliches Umfeld wird akribisch abgeklopft, sein Leben quasi durchleuchtet. Bei Entführung und Mord ist es ja meistens ein Bekannter oder gar der Ehemann. Sie glauben, dass es sich eventuell um einen Mord aus Eifersucht handeln könnte. Wäre durchaus möglich, dass sich Eva wirklich von ihm trennen wollte. Die Ermittler versuchen von den Nachbarn etwas über die Beiden zu erfahren. Die Beamten erkundigen sich, ob das Paar sich oft gestritten hätte, oder ob Elias sie je geschlagen hätte. Außerdem wollen sie wissen, wann sie Eva Horn oder Elias Gärtner zuletzt gesehen haben. Aber auch hier erfahren sie nichts anderes als das, was ihnen Frau Horn berichtet hatte.

Mittlerweile hatte sich das Alibi von Elias bestätigt. Die von ihm angegebenen Zeiten seines gestrigen Tagesablaufs stimmten mit den Aussagen der Zeugen zu einhundert Prozent überein, Elias war also raus. Kommissar Wilkes geht auf Elias zu, um ihn über den Stand der Ermittlungen aufzuklären. Er verlangt eine Haarbürste, um im Falle eines Falles die DNA abgleichen zu können. Auch ein paar getragene Kleidungsstücke von Eva will er mitnehmen. „Am Besten ist da Unterwäsche und Socken“, erklärt er dem Verzweifelten. Elias packt ein paar Sachen in einen Plastiksack. „Ich habe einen Schlafanzug von ihr, den können‘s auch mitnehmen.“ „Super. Da haben die Hunde was zu schnüffeln.“

Kommissar Frische hatte die Leichenspürhunde angefordert, vermutlich war Eva einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Bereits am Parkplatz schlagen die Hunde Alarm, sie folgen der Geruchsspur entlang des Pfades. An einer Stelle verharren die Suchhunde, kratzten am Boden, aufgeregt geben sie Laut. Überaus gewissenhaft wird eine Bodenprobe entnommen, sie wird sorgfältig eingetütet und zur technischen Forensik gebracht. Die Gegend um den Parkplatz wird gründlich abgesucht, außer einem Kleeblatt-Anhänger, den Elias als Evas Glücksbringer identifiziert, finden sie keinerlei Spuren, die auf ein Verbrechen hinweisen. Im Labor wird festgestellt, dass sich in der Bodenprobe Blut befindet, die man eindeutig Eva Horn zuordnen kann. Ansonsten gibt es nicht das Geringste, was auf ein Verbrechen hindeuten würde. Die Fahndung nach dem schwarzen VW-Up bleibt ebenfalls ergebnislos.

Regelmäßig sucht Elias die Polizeidienststelle auf, um sich nach eventuellen Fortschritten zu erkundigen. Jedes Mal verlässt er enttäuscht das Revier. Es beruhigte ihn keineswegs, dass man ihm versicherte, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um die Vermisste zu finden, sogar Euro- und Interpol hatte man hinzugezogen.

Elias ist der Meinung, dass die Beamten nicht richtig ermitteln. Eva ist ja auch nicht prominent, da muss man nicht zu viel Eifer zeigen. Es muss doch irgendeine Spur geben, das gibt es doch nicht, dass man sie nicht finden kann.

Drei Jahre später

Das Ehepaar Schwesiger ist mit Sofia, ihrer kleinen Tochter, auf dem Weg zum Gardasee. Die beiden haben sich das Wohnmobil ihrer Eltern geliehen, es ist ihr erster Urlaub seit 2 Jahren. Während der Schwangerschaft und nach der Geburt der kleinen Sofia blieben sie lieber zu Hause, wollten kein Risiko eingehen. Die beiden bevorzugten zwar Urlaube in wärmeren Gefilden, aber mit dem Baby wollten sie nicht in ferne Länder fliegen. Man weiß nie, was alles passieren kann. Optisch ist es ja sauber in den Hotels, aber was ist mit Keimen? Die sieht man ja nicht und wenn man sie spürt, ist es zu spät. Die ärztliche Versorgung in den Urlaubsregionen außerhalb Europas ist meist problematisch, zumindest für ein kleines Kind. Heutzutage fliegen ja die Eltern mit ihren Säuglingen überall hin, weil sie auf nichts verzichten können. Aber nein, das lass ich mal lieber, das kann ich immer noch, wenn Sofia alt genug dafür ist.

Die beiden hatten eine Ewigkeit darauf gewartet, bis Marlies schwanger wurde. Monat für Monat hatten sie gehofft, dass es endlich klappen würde. Sie hatten die Hoffnung schon aufgegeben, hatten schon geglaubt, kein Kind mehr bekommen zu können. Endlich war es soweit, Marlies war schwanger. Die beiden freuten sich riesig, hofften, dass alles glattgehen würde, sagten es ihren Eltern erst, als man es beinahe sah. Sofia war ihr ganzer Stolz, so fröhlich und brav.

Die beiden Glücklichen freuten sich, dass sie zügig und ohne Staus durchkamen. Sie wollten auf dem Campingplatz am Dutzendteich die Nacht verbringen. Noch schnell zu Hause anrufen, tanken, etwas einkaufen und dann schlafen gehen. Ganz in der Früh sollte die Reise weitergehen.

Nachdem Dominik getankt hatte, lässt er sich den Weg zum Dutzendteich von seinem Navi weisen. Er steuert den nächsten großen Supermarkt an, sucht sich einen Parkplatz im hinteren Bereich des Marktes aus. Dort hat das Wohnmobil platz und schattig ist es auch. „Ich schau mal, was ich Leckeres für heute Abend finde. Ich hoffe, die haben eine heiße Theke.“ „Es ist schon 18 Uhr Dominik, viel werden die nicht mehr haben.“ „Wieso? Die Berufstätigen kommen erst jetzt, Marlies.“ „Ein gegrilltes Hähnchen wäre lecker.“ „Mmm, dachte ich mir schon, dass du darauf Lust hast. Ich schau mal, was ich für dich tun kann, mein Schatz.“ „Ich füttere mal die Süße und lege sie trocken.“ „Brauchst du noch was für Sofia?“ „Nein ich habe noch alles.“

Dominik eilt davon, schnell verschwindet er im Eingang des Supermarktes. Er durchstöbert den Laden, um Lebensmittel fürs Frühstück und Abendbrot zu besorgen. Er freut sich, als er an der heißen Theke das gewünschte Hähnchen findet.