Der schwarze Gürtel - Eduardo Rabasa - E-Book

Der schwarze Gürtel E-Book

Eduardo Rabasa

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Beschreibung

Auf den Gängen der Consultingfirma Soluciones erschallen unverständliche Anweisungen des Chefs, eine Rangliste im Foyer registriert minutiös die Performance der Mitarbeiter. Wer nicht genug leistet, wird mit einem fröhlichen Ständchen von Mädchen in kurzen Röcken fristlos entlassen. Ganz oben aber lockt wie ein Gral der Rang des Schwarzen Gürtels. Auch wenn keiner weiß, welche Versprechungen damit verbunden sind, und keiner den ominösen Chef je gesehen hat, wollen trotzdem alle nach oben. Fernando Retencio, einer der vielen Berater, scheint den Durchblick zu haben und auf dem besten Weg zum Schwarzen Gürtel zu sein. Für seinen Aufstieg ist ihm dabei jedes Mittel recht. Mit blühender Phantasie und so skrupellosen wie größenwahnsinnigen Methoden vermasselt er die Aufträge seiner Klienten – und wird entlassen. Außerdem droht ihm auch noch die eigene Ehefrau davonzulaufen, weil sie seine krankhafte Eifersucht nicht länger erträgt. Alles sieht danach aus, dass er gescheitert ist. Doch ein wahrer Held unserer Zeit gibt nicht auf … Mit bösem Humor und Hintersinn entlarvt Eduardo Rabasa den Zynismus einer modernen Unternehmenskultur, die die Brutalität des Wettbewerbs mit Achtsamkeitsjargon, mobilen Arbeitsplätzen und herablassender Wohltätigkeit kaschiert.

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Zum Buch

Ein hochaktueller, bitterböser Schelmenroman über den turbulenten Aufstieg eines Karrieristen.

Auf den Gängen der Consultingfirma Soluciones erschallen unverständliche Anweisungen des Chefs, eine Rangliste im Foyer registriert minutiös die Performance der Mitarbeiter.

Wer nicht genug leistet, wird mit einem fröhlichen Ständchen von Mädchen in kurzen Röcken fristlos entlassen. Ganz oben aber lockt wie ein Gral der Rang des Schwarzen Gürtels. Auch wenn keiner weiß, welche Versprechungen damit verbunden sind, und keiner den ominösen Chef je gesehen hat, wollen trotzdem alle nach oben.

Fernando Retencio, einer der vielen Berater, scheint den Durchblick zu haben und auf dem besten Weg zum Schwarzen Gürtel zu sein. Für seinen Aufstieg ist ihm dabei jedes Mittel recht. Mit blühender Phantasie und so skrupellosen wie größenwahnsinnigen Methoden vermasselt er die Aufträge seiner Klienten – und wird entlassen. Außerdem droht ihm auch noch die eigene Ehefrau davonzulaufen, weil sie seine krankhafte Eifersucht nicht länger erträgt. Alles sieht danach aus, dass er gescheitert ist. Doch ein wahrer Held unserer Zeit gibt nicht auf…

Mit bösem Humor und Hintersinn entlarvt Eduardo Rabasa den Zynismus einer modernen Unternehmenskultur, die die Brutalität des Wettbewerbs mit Achtsamkeitsjargon, mobilen Arbeitsplätzen und herablassender Wohltätigkeit kaschiert.

Über den Autor

Eduardo Rabasa, geb. 1978 in Mexiko-Stadt, ist Verleger, Autor und Journalist. Er schreibt eine wöchentliche Kolumne für die Tageszeitung Milenio und übersetzte Bücher von Morris Berman, David Hume, Somerset Maugham und George Orwell. 2002 gründete er den renommierten mexikanischen Independent-Verlag Sexto Piso. Rabasa wurde 2017 in die Liste Bogotá39 des Hay Festivals aufgenommen, die die 39 besten lateinamerikanischen Schriftsteller unter vierzig kürt. "Der schwarze Gürtel“ ist sein zweiter Roman.

 

 

EDUARDO RABASA

DER SCHWARZE GÜRTEL

Roman

 

Aus dem Spanischen vonHans-Joachim Hartstein

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

Für Diego

ERSTER TEIL

We’re the slaves of the phony leadersBreathe the air we have blown you.

THE WHO

I

JEDES MAL, wenn aus der Lautsprecheranlage von Soluciones, dem Unternehmen für Problemlösungen aller Art, die Tonfolge erklang, die die Botschaften des stets lächelnden Direktors, Señor Sonrisa, ankündigte, stellten die Mitarbeiter ihre Ohren auf Empfang. Wie einer geheimen Choreografie folgend, machten sie sich daran, ihre Interpretation des Geheuls zu notieren, das ihnen die Prinzipien des Unternehmens übermittelte, das Credo von Soluciones.

An einem Morgen, der sich in nichts von den anderen unterschied, trat der smarte Fernando Retencio aus dem Aufzug, als gerade eine jener Botschaften ertönte:

»Uuuiiiaaooo biisphoorseee caattroollluuuu …«

Folgsam begab er sich an den Arbeitsplatz, der ihm von der elektronischen Anzeigetafel in der Eingangshalle für diesen Tag zugewiesen worden war, und amüsierte sich im Stillen über das vergebliche Bemühen seiner Kollegen, die Erwartungen des Señor Sonrisa zu entschlüsseln:

»Mmaaaoooeebbrriii iiivuvuninooopeeel …«

Mit einem Kopfnicken begrüßte er die Mitarbeiter, mit denen er sich an diesem Arbeitstag das Büro würde teilen müssen. Schon seit Langem hatte er es aufgegeben, sich den Namen jedes Einzelnen zu merken. Das war, aus praktischen wie aus existenziellen Gründen, unnötige Energieverschwendung, denn die Anzeigetafel, die unermüdlich den jeweiligen Platz der Mitarbeiter in der Hierarchie des Unternehmens berechnete, war so schonungslos wie willkürlich. Retencio konnte sich nicht erinnern, in den mehr als fünf Jahren, die er Soluciones nun angehörte, irgendwann zwei Tage hintereinander am selben Arbeitsplatz gesessen oder mit denselben Kollegen zusammengearbeitet zu haben. Sich mit jemandem anzufreunden, der einen, je nach dem Ergebnis der allmorgendlichen Arbeitsplatzlotterie, argwöhnisch oder herablassend ansehen würde, konnte zu Enttäuschungen führen, wie die fortschreitende Standardisierung der Mitarbeiter zeigte: Die Frische des Talents, die dazu führte, dass sie als Problemlöser ausgewählt wurden, wurde von allgemeinem Neid getrübt. Irgendeiner der austauschbaren Pérez, ob nun einer der Männer oder eine der wenigen Frauen, die bei Soluciones arbeiteten, war jederzeit imstande, ein beiläufiges Gespräch dafür zu nutzen, sich im Ringen um eine höhere Rangstufe einen wertvollen Vorteil zu verschaffen. Nicht umsonst hielt sich Retencio für raffinierter als alle anderen zusammen.

»Jjjaaauuurrriiiiii ceeeuuueeuuu aabrichtliii …«

Er stand vor dem serienmäßig hergestellten Bürostuhl und ließ den Blick über den Raum in der ersten Etage schweifen, der ihm von der Anzeigetafel zugewiesen worden war, was Grund zu der Annahme gab, dass es ein relativ ruhiger Tag werden würde. Obwohl man das nie mit Sicherheit sagen konnte. Retencio hatte den Absturz von Problemlösern beobachtet, die geglaubt hatten, die von Señor Sonrisa entwickelte Methode zur kontinuierlichen Perfektion der Unternehmensstrategie entschlüsselt zu haben. Auch wenn er aus Erfahrung wusste, dass die Klienten, die in die erste Etage geführt wurden, einen niedrigeren Stellenwert besaßen als jene, die in der zweiten empfangen wurden, stellte die Ungewissheit einen so fundamentalen Pfeiler der Prinzipien von Soluciones dar, dass es ratsam war, permanent auf der Hut zu sein.

Von seiner Liste mit den unumstößlichen Normen des Unternehmens hatte Fernando Retencio gelernt, dass die naheliegendste Lösung niemals die geeignetste war, obwohl sie es in bestimmten Fällen durchaus sein konnte. Nicht so bei Soluciones. Denn warum hätte Señor Sonrisa sie einstellen sollen, wenn sie sich darauf beschränkt hätten, das anzubieten, was sich jeder andere genauso gut ausdenken konnte? Wenn die Mitarbeiter weiterhin Teil von Soluciones sein wollten, mussten sie sich, neben verschiedenen anderen wesentlichen Eigenschaften, durch eine Kreativität auszeichnen, die so einzigartig war, dass die Klienten süchtig danach wurden. Einige hatten die Bedürfnisse eines unbedeutenden Klienten missachtet, woraufhin man sie fristlos entlassen und ihnen eine Kopie der Kündigungserklärung überreicht hatte, die sie bereits bei ihrer Einstellung unterschrieben hatten. Vom juristischen Standpunkt aus war also jede Entlassung im strengen Sinne ein Ausscheiden auf eigenen Wunsch.

»Aaaaauuuulllllbbbrrrrrieieieieie …«

Mit zufriedener Gelassenheit schaute Retencio in die Runde, während seine Kollegen sich mit angestrengter Miene darauf konzentrierten, die Anweisungen des Direktors zu verstehen. Für die große Mehrheit war die Mühe vergeblich. Ihre Tage als Problemlöser würden eher früher als später gezählt sein. Nur einige wenige Auserwählte, zu denen zu gehören Retencio keinen Zweifel hatte, würden weitermachen, bis auch die letzten Reste jener Fehler ausgemerzt wären, die für die menschliche Gattung so typisch sind. Doch auch innerhalb dieser kleinen Gruppe gab es bestimmte Rangstufen, die für jene reserviert waren, die die Fähigkeit besaßen, die Grenzen, die den Übrigen auferlegt waren, zu überschreiten:

»Jjjssttpshuushuuushuuu jjssttpshuushuuushuuu …«

Sollten die anderen sich doch vergeblich abmühen und sich beeilen, aufzuschreiben, was sie zu verstehen vorgaben! Fernando Retencio holte aus seinem Rucksack das Notizbuch hervor, in dem die Maximen des Señor Sonrisa gewissenhaft verzeichnet waren. Behutsam nahm er den Füllfederhalter aus der Brusttasche seines bunt karierten Hemds und schrieb gut leserlich, in Großbuchstaben:

UNSERE AUFGABE ALS PROBLEMLÖSER BESTEHT DARIN, DEN KLIENTEN BEHILFLICH ZU SEIN, IHRE EIGENE GESCHICHTE ZU FINDEN

Er unterdrückte das Bedürfnis, auf den serienmäßig hergestellten Schreibtisch zu springen und einen Freudentanz aufzuführen, und setzte sich stattdessen auf seinen Bürostuhl, um sich den nächsten Abschnitt des Weges vorzunehmen, den zu gehen er sich berufen fühlte. Jede neue Lösung brachte ihn ein Stückchen dem Ziel näher, das er mit all seinem Eifer verfolgte. Jede Sekunde, die die Digitaluhren mit den roten Zahlen anzeigten, brachte ihn einen weiteren Millimeter der Erfüllung seines größten Traums näher: den Rang eines Schwarzen Gürtels zu erreichen.

Wie er während seiner Ausbildung gelernt hatte, versuchte Retencio, Abstraktionen ohne jeden konkreten Wert zu vermeiden. In einem der Seminare hatte er gelesen, dass in jedem Hirn ein innerer Feind wohnt, dessen einziges Ziel darin besteht, das dem Hirn innewohnende Potenzial zu sabotieren. Bisher konnten sich die Experten nicht einigen, ob die Beharrlichkeit dieses Feindes auf eine zerstörerische Intelligenz oder lediglich auf seinen Selbsterhaltungstrieb zurückzuführen sei. In der Praxis jedenfalls war es extrem schwer, ihn auszuschalten. Darum hatte sich die Pharmazie zu dem Versuch entschlossen, ihn ruhigzustellen. Retencios innerer Dämon erwies sich als besonders zäh, was ihn zwang, sich durch eine ganze Palette von Tabletten zu schützen, die ihm von Dr. Lao, dem Seelenarzt von Soluciones, verschrieben wurden. Doch bei einem minimalen Nachlassen der verordneten Ruhe oder auch aufgrund einer bloßen Unachtsamkeit seinerseits öffneten sich die Schleusen, die unnütze Gedanken, begrabene Erinnerungen, unhörbare Schreie und weitere Strategien zuließen, zu denen Retencio griff, um sich davon abzuhalten, er selbst zu sein: der zu sein, der er, wie er wusste, sein sollte. Vor allem nachts war das sehr ermüdend.

Während er darauf wartete, dass sein Notebook hochfuhr, schloss er ein wenig die Augen, gerade genug, um zu bemerken, dass sich etwas Unerwünschtes in ihm zusammenbraute. Reflexartig griff er in die Tasche seiner marineblauen Hose und berührte das Tablettenröhrchen. Er zog es hervor, und für alle Fälle schraubte er es auf, ohne es anzusehen, und schüttete ein paar Tabletten in die hohle Hand. Als harter Kerl, der er war, brüstete er sich damit, keinerlei Flüssigkeit zu benötigen, um Tabletten zu schlucken. Vorsichtshalber schluckte er erneut, um sicherzugehen, dass kein Rest auf halbem Weg zurückblieb. Nach wenigen Minuten würde er die Wirkung spüren, Dr. Lao sei Dank. Ermutigt durch den soliden Schutzschild ließ er eine jener beunruhigenden Fragen zu, die sich immer häufiger bei ihm einschlichen:

WAS IST DER SCHWARZE GÜRTEL?

Retencio verfügte über ein ganzes Arsenal an Antworten, die er aus dem von Señor Sonrisa verfassten Handbuch für Problemlöser ableitete. Heute Morgen jedoch hatte er Lust, sich einen kleinen Ausflug in die Philosophie zu erlauben. Erneut schlug er sein Notizbuch auf und begegnete der Fangfrage mit einem schlagkräftigen Satz:

DER SCHWARZE GÜRTEL IST VOR ALLEM EINE GEISTESHALTUNG

Und wenn die Schwarzen Gürtel …? Schluss jetzt! Das reichte. Mit einer raschen Bewegung hob er den Kopf, um einen der in der Nähe sitzenden Pérez bei einem Bespitzelungsversuch zu überraschen. Doch entweder war die Bewegung nicht rasch genug gewesen, oder die anderen konzentrierten sich tatsächlich auf die Bildschirme ihrer jeweiligen Computer und gaben nutzloses Zeug ein, das niemals das Niveau der von Retencio entwickelten Lösungen erreichen würde. Er betrachtete seine Kollegen aus den Augenwinkeln und suchte nach einem Muster, das es ermöglichte, sie auseinanderzuhalten. Doch obwohl sich die sechs Pérez, die sich mit ihm den polyedrischen Bürowürfel teilten, deutlich voneinander unterschieden, sah sich Retencio von einer Vielzahl identischer, kaleidoskopartiger Lichtreflexe überschwemmt, die, jeder auf seine Art, jenen Glanz erzeugen, der für Plastik so typisch ist.

Bevor er damit begann, sich den Problemlösungen des Tages zu widmen, fiel ihm ein, dass er etwas in seinem Wagen vergessen hatte. Er stand auf, um sich in die Tiefgarage zu begeben. Auf dem Weg zum Aufzug vernahm er hinter seinem Rücken plötzlich das Rascheln von Pompons und den Klang von Rumbarasseln, was selbst einen Problemlöser, der sich seiner Fähigkeiten sicher war, in kalten Schweiß ausbrechen ließ. Es war das Geschwader junger Mädchen, das immer dann in Erscheinung trat, wenn Soluciones gezwungen war, sich von einem seiner Mitarbeiter zu trennen. Die Vorschriften sahen vor, dass Retencio unverzüglich auf seinen Arbeitsplatz zurückzukehren hatte, um die Mädchen nicht zu brüskieren, falls sie ausgerechnet zu ihm wollten. Er wusste, dass dies nicht der Fall war. Er hatte nicht die geringste Lust, dem Sturz irgendeines Pérez beizuwohnen, verlangsamte jedoch seinen Schritt, um den ersten Strophen vom »Lied des glücklichen Abschieds« zu lauschen.

Als er auf den Knopf drückte, um den Aufzug zu holen, stellte er sich amüsiert vor, wie die wie Cheerleader gekleideten Mädchen – weißes Faltenröckchen, das knapp über den Knien endete, enger Pullover mit einem gestickten S auf der Brust – den betroffenen Pérez umringten, um ihm ein letztes, unvergessliches Erlebnis als Mitglied von Soluciones zu verschaffen, indem sie in vollendeter Synchronie um ihn herumtanzten und im Chor sangen:

Adióóóós

Adióóóós

Du bist nicht mehr bei Solucioneees

Good bye

Good bye

Geh fort von hiiier

Stör uns nicht meeehr

Ciaooo

Ciaooo

Aber mach doch nicht so ein trauuuriges Gesiiiicht

Au revooooiiir

Au revooooiiir …

Als sich die Tür des Aufzugs hinter ihm schloss, summte Retencio noch immer das Liedchen vor sich hin. Etwas verwundert stellte er fest, dass er allein war; keine Spur von José Dromundo, dem uralten Hausmeister und einzigen Angestellten von Soluciones im eigentlichen Sinne, da alle anderen den Status freier Mitarbeiter hatten. Wahrscheinlich hatte er irgendetwas für Señor Sonrisa zu erledigen. Retencios Zeigefinger schickte den Aufzug in die Tiefgarage. Bestimmt würde er sich auf dem Weg zu seinem Auto wieder daran erinnern, was er holen wollte.

Als er aus dem Aufzug trat, war er für kurze Zeit wie blind wegen des Kontrasts zwischen den grell erleuchteten Büros von Soluciones und dem fast absoluten Dunkel in der Tiefgarage. Erschwerend kam hinzu, dass die markierten Parkplätze nicht fest vergeben, sondern in Zonen aufgeteilt waren, auf die die Problemlöser vergleichbarer Kategorie täglich neu verteilt wurden. Eine der vielfältigen Aufgaben von José Dromundo bestand darin, darauf zu achten, dass jeder Wagen auf dem vorgeschriebenen Platz stand. Retencio war es nie zu Ohren gekommen, dass der Hausmeister irgendwann einen Verstoß hätte melden müssen. Die einzige feste Parkbucht gehörte Señor Sonrisa, der die verschiedenen Modelle seiner Oldtimer-Sammlung im hinteren Teil abzustellen pflegte, gleich neben dem privaten Aufzug, der ihn, so wollte es die Legende, direkt in sein Büro brachte, das strategisch wichtig in der dritten Etage des Gebäudes lag. Bisher hatte Retencio weder das Büro noch den Direktor persönlich kennengelernt. Das würde eines der ersten Privilegien sein, die er sich erhoffte, sobald er in den Rang eines Schwarzen Gürtels aufsteigen würde.

Als sich seine blauen Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und er in der Lage war, sich gefahrlos zu bewegen, ging er in eine Richtung, die der, die zu seinem Wagen führte, fast entgegengesetzt war. Er ließ sich von einem gelblichen Schimmer leiten, der durch einen schmuddligen Vorhang und ein Sprossenfenster mit einer zerbrochenen, durch ein Stück Karton ersetzten Scheibe drang. Retencio wollte nachsehen, ob der Faulpelz Dromundo in einem der beiden Zimmer seiner Wohnung lag. Er schlich an dem seitlichen Küchenfenster vorbei, um sich zu vergewissern, dass Dromundos Frau nicht zu Hause war, ging dann festen Schrittes um die Wohnung herum und sah durchs Schlafzimmerfenster. Ehebett und Etagenbett waren gemacht, ein Zeichen dafür, dass die Familie Dromundo damit begonnen hatte, ihren täglichen Pflichten nachzukommen. Retencio schlug so heftig mit der flachen Hand gegen den Fensterrahmen, dass der Lärm in der ganzen Wohnung widerhallte. Nach wenigen Sekunden schlug er erneut gegen den Rahmen, diesmal noch heftiger als zuvor, so als würde er das Fenster für die Abwesenheit der Bewohner verantwortlich machen, bis er sah, dass sich die Tür des Badezimmers öffnete. Und dort, auf der Kloschüssel, saß Dromundo, die Hose bis auf die Fußknöchel herabgelassen, bereit, auf den ohrenbetäubenden Lärm zu reagieren.

»Dromundo, du fauler Sack, was machst du da um diese Zeit?«, begrüßte ihn Retencio etwas erleichtert. »Sollen die Esel doch arbeiten, während du dir ein schönes Leben machst, was, du Penner?«

»Einen wunderschönen guten Morgen, Herr Doktor Ingenieur«, erwiderte der Hausmeister gut gelaunt. »Was glauben Sie denn? Sie wissen doch, in diesen finsteren Tagen bleibt einem nichts anderes übrig, als sich seine Brötchen zu verdienen. Ich bin nur kurz runtergegangen, um ein dringendes Geschäft zu erledigen. Warten Sie, ich bin gleich fertig, dann komm ich raus und begrüße Sie.«

»Du musst immer das letzte Wort haben«, entgegnete Retencio barsch. »Ich warte hier auf dich, also beeil dich. Und wasch dir die Hände, sonst, du weißt ja …«

»Keine Sorge, die Viren werden mit allem anderen runtergespült.«

Die Badezimmertür schloss sich wieder.

Retencio spähte durch den schmutzigen Vorhang in das Zimmer, in dem das Ehepaar Dromundo zusammen mit den zwei kleinen Kindern schlief. Das doppelte Glück der beiden rührte ihn. Im Unterschied zu Leuten wie ihm besaßen die Dromundos nur das Allernötigste und kannten nicht die Qualen und Ängste, die durch künstlich erzeugte Wünsche, die sie nie haben würden, hervorgerufen wurden. Außerdem hatten sie den Vorteil, dort zu wohnen, wo sie arbeiteten, was ihnen die Unannehmlichkeiten des Großstadtverkehrs ersparte. Und ihre Kinder waren noch zu klein, um zur Schule zu gehen, also konnten sie den ganzen Tag über bei ihrer Mutter sein und im Erdgeschoss des Gebäudes, das in den oberen Etagen das Unternehmen Soluciones beherbergte, »Reinemachen« spielen. Bald würden sie im schulpflichtigen Alter sein, und dann müsste sich die Familie Dromundo über ihre Zukunft Gedanken machen, überlegte Retencio. Doch im Augenblick war ihre Situation beneidenswert.

»So, fertig … Was machen Ihre Lösungen? Sind Sie inzwischen in der Lage, Ziegelsteine mit einem Karateschlag zu zertrümmern, oder brauchen Sie noch etwas Zeit?«, fragte Dromundo.

»Spiel hier nicht den Witzbold, du, heute ist mir nämlich nicht danach … Uhh! Wie eklig! Du hast ja mehr Geschwüre auf der Glatze als Christus am Kreuz! Kommt deiner Frau da nicht das Kotzen?«

»Sie wissen doch, dass es hier unten verdammt feucht ist. Und dann müssen wir auf den Fünfzehnten warten, um mir meine Salbe zu kaufen. Aber wie ich immer zu meiner Frau sage: Wenn ich eines Tages keine Geschwüre mehr kriege, dann deshalb, weil ich unter der Erde liege. Also ist es besser, sie liebevoll zu behandeln. Oder was meinen Sie?«

»Du siehst super aus, Dromundo. Los, komm mit.«

»Wie der Herr Doktor Ingenieur befehlen.«

Seit Retencio bei Soluciones arbeitete, hatte er einen direkten Draht zu Dromundo, der, als mustergültiges Faktotum, in der Lage war, die unterschiedlichsten Probleme im Nu zu lösen. Auch kam er eifrig jeder Bitte nach, die Retencio äußerte, und Retencio entlohnte es ihm mit einem, wie er meinte, großzügigen Trinkgeld. Am meisten jedoch genoss er ihre Plaudereien, bei denen Dromundo stets eine schlagfertige Antwort auf seine Beleidigungen parat hatte. Nur ob der Hausmeister ihn aus Respekt mit seinen beiden akademischen Titeln ansprach oder ob Ironie dahintersteckte, wusste er nicht so genau. Im Grunde war es ihm egal. Auch wenn er es niemals zugeben würde, war Dromundo der Einzige bei Soluciones, der dem, was man einen Freund nennen konnte, nahekam.

»In welcher Etage arbeiten Sie heute?«

»In der ersten.«

»O, sagen Sie mir nicht, dass Sie in der Gunst des Lächelns gesunken sind …«

»Red keinen Unsinn.« Retencio hob eine Hand, um Dromundos Glatze zu tätscheln, überlegte es sich dann aber anders, denn die Geschwüre auf der Glatze sahen aus, als würden sie jeden Moment aufplatzen. Bei der Vorstellung überlief Retencio ein kalter Schauer. »Am besten, wir gehen erst mal in die Eingangshalle. Ich möchte sehen, was die Anzeigetafel sagt.«

»Wie Sie befehlen. Dann können wir ja auch gleich unsere Damen begrüßen, meinen Sie nicht?«

Sie stellten sich vor die Aufzugtür. Retencio wartete darauf, dass Dromundo auf den Knopf drückte. Der Hausmeister legte sorgfältig die einzig verbliebene Haarsträhne quer über seinen Kopf und klebte sie mit Spucke direkt übers Ohr, sodass sie einen dünnen Bogen über seinen Schädel zog. Ungeduldig sah Retencio zu, wie Dromundo im dürftigen Schimmer der metallenen, von Dunkelheit umgebenen Aufzugtür Grimassen schnitt. Wie üblich machte Dromundo plötzlich ein überraschtes Gesicht, als würde er erst jetzt sein Versäumnis bemerken, und streckte die Hand mit einer Gemächlichkeit aus, die Retencio ein wenig unverschämt vorkam.

»Nach Ihnen, Herr Doktor Ingenieur«, sagte Dromundo, als die Tür aufglitt.

»Ich hab wirklich eine Engelsgeduld mit dir.«

In der Eingangshalle ging er zu der adretten Empfangsdame und starrte wie hypnotisiert auf die betriebsame Anzeigetafel, die eine Seitenwand der Halle fast vollständig beherrschte. Neben seinem Namen stand dort die Punktzahl, die nach dem von Señor Sonrisa entwickelten System seine Leistungen als Problemlöser bis auf drei Stellen hinterm Komma festhielt. Die Mitarbeiter von Soluciones hatten eine ungefähre Vorstellung von einigen der Bewertungskriterien, ohne sie jedoch auch nur ansatzweise durchschauen zu können, da das Besondere der Methode darin bestand, dass es unmöglich war, sie zu beeinflussen. Der Weg zum Schwarzen Gürtel war alles andere als linear. In seinen Träumen sah sich Retencio am Steuer eines gepanzerten Geländewagens mit Allradantrieb und verdunkelten Scheiben einen steilen, felsigen Hang hinauffahren, wobei er Minen und bettelnden Menschen, die überall herumlagen, ausweichen musste. In der Ferne war eine uneinnehmbare Festung zu erkennen, ausgestattet mit allem nur erdenklichen Luxus, bevölkert von Menschen, die sämtliche Schwierigkeiten gemeistert hatten, um hineinzukommen. Dort befand sich der Schwarze Gürtel. Je beschwerlicher der Weg, umso glorreicher das Erreichen des Ziels …

Seine Punktzahl hatte sich nicht verändert. Das war nur natürlich, denn heute hatte er noch kein Problem gelöst. Über seinem Namen war allerdings ein Rang frei, was nur bedeuten konnte, dass der soeben entlassene Pérez eine Stufe über ihm gestanden hatte. Wut überkam ihn. Am liebsten hätte er jeden einzelnen Konkurrenten niedergestreckt, seine derzeitige Überlegenheit bewiesen, der Anzeigetafel die Ungerechtigkeit seiner Bewertung vor Augen gehalten. Egal, tröstete sich Retencio, ein Wurm weniger, den es zu zertreten galt. Und während er so auf die riesige Tafel starrte, die unermüdlich rechnete, die Ziffern jeden Moment verschwinden ließ, um sie wieder erscheinen zu lassen, manchmal sogar unverändert, wurde er sich seiner Erbärmlichkeit bewusst. Wer konnte die Ziele des Weges infrage stellen? Laut sagte er zu der Empfangsdame, die ihn erwartungsvoll ansah:

»Der Schwarze Gürtel erwählt uns aus geheimnisvollen Gründen.«

»Guten Morgen, Señor Retencio«, erwiderte die Frau ein wenig perplex. »Soll ich Ihrer Frau Bescheid sagen? Ich glaube, sie ist gerade in einer Besprechung.«

»Nicht nötig, ich muss gleich wieder weg. Mich erwartet ein sehr arbeitsreicher Tag.«

Er sah sich in der Eingangshalle um, schaute in alle Winkel, bis er eine Frau in einem der Räume entdeckte, dessen Tür halb offen stand. Sie unterhielt sich gerade mit einem Mann. Er glaubte in der lebhaften Gestalt seine Frau Karla Alvarado zu erkennen, wie sie eine Haarlocke um einen Finger wickelte, während sie mit der für sie so typischen spielerischen Seriosität etwas Wichtiges besprach. Von dem Gesprächspartner, einem offenbar sehr interessanten Mann, sah Retencio nur einen Teil der Hose und die Schuhe. Als seine Frau den Kopf in seine Richtung drehte, sprang Retencio mit einem Satz aus ihrem Blickfeld, denn er wollte sie nicht bei der Arbeit stören. Außerdem hatte er so Gelegenheit, sie auf die Probe zu stellen. Am Abend würde er sich ein Bild davon machen, ob die Version seiner Frau mit seiner Beobachtung übereinstimmte. Wortlos drehte er sich um und begab sich wieder zu seinem Arbeitsplatz.

Diesmal stand Dromundo vor dem Aufzug bereit. Schweigend fuhren sie hinauf, und bevor Retencio den Aufzug verließ, sagte er zum Hausmeister:

»Irgendwann wird dir das bisschen Verstand, das du noch hast, aus den Geschwüren rinnen.«

»Ich nehme es, wie es kommt«, entgegnete Dromundo mit einer leichten Verbeugung.

Als Retencio in das ihm zugewiesene Büro kam, bemerkte er, dass einer der Pérez fehlte. Scheiße, er hatte es verpasst, eine Entlassung aus nächster Nähe zu erleben. Er drehte die Zeit zurück und sah sich neben den Mädchen das »Lied des glücklichen Abschieds« singen. Arm in Arm mit ihnen warf er rhythmisch die Beine hoch und tanzte Cancan, während das Opfer die Gruppe mit zitterndem Kinn ansah. Retencio setzte sich auf seinen Platz und betrachtete mit heimlicher Genugtuung die übrig gebliebenen Pérez. Auf keinen Fall würde er die Gelegenheit verpassen, dem, den es als Nächsten traf, das Abschiedslied zu singen.

Er fuhr sein Notebook wieder hoch, um die Mails zu checken. Eine Notiz erinnerte ihn daran, dass er in ein paar Minuten einen neuen Klienten empfangen musste, Señor Luis Marmolejo, dem Namen nach ein kleiner, schwammiger Mann. Retencio sah sich die Akte an, um sich mit der Angelegenheit vertraut zu machen. Einerseits wollte er sich eine Strategie zurechtlegen, andererseits tat er es aus Gewohnheit. Jede Geschichte hinter einem Schwarzen Gürtel trug gewisse, scheinbar unbedeutende Züge, die im Nachhinein jedoch entscheidend gewesen waren für den Aufstieg. In seinem Fall würde es ein übernatürliches Geschick sein, das Lösungen erlaubte, die sich völlig reibungslos ergaben, spontan, als wäre es eine jener Geschichten, von denen primitive Menschen glaubten, sie könnten sie mit einem Netz aus der Luft fangen. Deswegen zog Retencio es vor, nicht zu viel Zeit auf die Analyse der Akte zu verwenden. Ein typischer Fehler der weniger begabten Problemlöser bestand darin, sich an eine vorgefasste Lösungsstrategie zu klammern, die sich später unter keinen Umständen korrigieren ließ. Unter anderem darin unterschied sich Fernando Retencio von allen anderen Mitarbeitern: in der Fähigkeit, nach und nach eine geistige Übereinstimmung mit den geeigneten Lösungen zu entwickeln, die sich bereitwillig von seinem Charme verführen ließen. Manchmal bereitete ihm diese Übereinstimmung einen fast erotischen Genuss …

Ein letztes Mal sah er die Akte durch, um sich bestimmte Schlüsselwörter einzuprägen, bevor er sich in den Besprechungsraum begab: Luis Marmolejo … gemeinschaftliches Sparen … Kleinkredite … ausbeuten … allgemein üblich … ihnen die Luft abschnüren. Retencio war bereit. Er sperrte den Zugang zu seinem Computer, um die Pérez nicht unnötigerweise in Versuchung zu führen, und begab sich in den Raum, wo ihn sein überpünktlicher Klient bereits erwartete.

Seiner bewährten »Technik des ersten Eindrucks« folgend, konzentrierte sich Retencio auf die äußeren Merkmale des Mannes, wodurch sich bereits eine Lösung abzuzeichnen begann: schwabbeliges Doppelkinn; besorgte, hinter einer selbstzufriedenen Maske verschanzte Miene; ein zerbissener, jetzt leerer Kaffeebecher aus Polyester; ein elegantes weißes Hemd mit den Initialen seines Namens auf der Brusttasche; Strümpfe mit purpurrotem Rautenmuster, höchstwahrscheinlich von seiner Frau oder seiner Mutter – schwer zu sagen – ausgewählt. Noch bevor sich Retencio dem Klienten vorstellte, hatte er sich bereits die Strategie zurechtgelegt, die er »Schuld im Quadrat ergibt Tugend« getauft hatte.

»Guten Morgen, Señor Marmolejo, wie geht es Ihnen? Gut? Das freut mich. Ich weiß, dass Sie ein sehr beschäftigter Mann sind. Das bin ich auch. Sie suchen nach einer Lösung. Ich habe sie. Um Zeit zu sparen, erlauben Sie, dass ich Ihr Problem darlege. Korrigieren Sie mich ruhig, wenn ich mich irre. Doch ich sage es Ihnen gleich: Ich werde mich nicht irren.

Alles fing damit an, dass Sie sich von Ihren Kollegen der Kopfhörerfirma, in der Sie als Verkäufer tätig waren, zu gemeinschaftlichem Sparen überreden ließen. Ich weiß, ich weiß. Sie fanden dieses Sparmodell saublöd, erklärten sich jedoch bereit, daran teilzunehmen, aus Kollegialität, aus einem Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe und ähnlichem Schwachsinn. Nach der dritten Zweiwochenphase bat ein Kollege Sie, ihm Geld zu leihen, damit er seinen Beitrag leisten konnte. Dafür versprach er Ihnen, das Geld mit Zinsen zurückzuzahlen, sobald ihm der Gesamtbetrag ausgezahlt würde. Das machte die Runde, und es endete damit, dass Sie mehr als der Hälfte aller Teilnehmer Geld liehen. Als das Sparprogramm abgeschlossen war, stellten Sie fest, dass Sie fast das Doppelte Ihres Einsatzes herausbekamen. Sie unterdrückten Ihr Schuldgefühl, indem Sie sich sagten, dass Sie es getan hätten, um zu helfen, dass Sie kein geldgeiler Raffzahn seien, kein Spekulant, der andere ausnutzt … Doch dann hörten Sie sich um und erfuhren von einer weiteren Sparrunde, die gerade gestartet wurde. Und ehe Sie sichs versahen, begann praktisch wieder dasselbe Spiel.

Lassen wir den Film einige Jahre weiterlaufen. Heute sind Sie stolzer Mehrheitseigner eines Kleinkreditunternehmens, das sich hauptsächlich auf Personen mit niedrigem Einkommen konzentriert, die nicht wissen, dass ein monatlicher Zinssatz von fünf Prozent, einschließlich Zinseszins natürlich, einem jährlichen Zinssatz von fast 80 Prozent entspricht. Nach und nach erfüllte Ihr Unternehmen die strengsten Anforderungen der Rankingagenturen, und jetzt sind Sie nur noch einen kleinen Schritt davon entfernt, in die höchste Liga der Finanzwelt aufzusteigen. Keine Sorge, Señor Marmolejo, ich bin hier, um Ihnen zu helfen, nicht, um Sie zu verurteilen. Und glauben Sie mir, ich verstehe Sie. Wer würde die millionenschweren Kreditlinien missbilligen, die von den internationalen Geldinstituten zu günstigen Bedingungen bewilligt werden? Die Einladungen auf die Jachten von Präsidenten der Investmentfonds? Señor Marmolejo, wir Menschen sind nicht aus Holz. Glauben Sie etwa, ich wollte Ihnen die Schönheiten vermiesen, die gebucht werden, um die Konkurrenz bei Laune zu halten? Lassen Sie mich Sie mit einem der Grundprinzipien unseres Hauses vertraut machen: Was bei Soluciones geschieht, bleibt bei Soluciones. Kommen Sie, seien Sie nicht so schüchtern. Auf dem Boden werden Sie keine der Antworten finden, die Sie suchen.

Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, die Begleiterinnen. Der Champagner. Die Titelseiten der Zeitschriften, die Sie mit erfolgreichen Geschäftsleuten zeigen. Der Golfklub. Die bescheuerte Schwiegermutter, für die Sie nicht mehr nur der einfache Kopfhörerverkäufer ohne Zukunft sind. Mit wem, hat Luisito gesagt, war er im Gymnasium befreundet? So läuft das, jetzt sind Sie einer von ihnen, Señor Marmolejo, einer von ihnen.

Ist das soweit korrekt?«

»Ja, aber … aber …«

»Moment. Ich bin noch nicht fertig. Ich weiß, ich weiß: Aber … aber … Die innere Stimme. Diese verdammte innere Stimme, die sich auch von den stärksten Tabletten nicht unterkriegen lässt. Es gibt kein Bankett, das sie zum Verstummen bringt. Kein Coup, der sie ermüdet. Kein Bankkonto, das sie beeindruckt. Ganz im Gegenteil. Sie wird immer unverschämter. Lauter. Schriller. Moralisierender. Unbestechlicher. Nörgelt den ganzen Tag herum. Verdirbt Ihnen jede Freude. Oder irre ich mich, Señor Marmolejo? Sie redet Ihnen ein, malt Ihnen in rosaroten Farben aus, dass Sie eigentlich nichts von all dem wollten. Sie waren so glücklich, als Sie von Tür zu Tür gingen und Kopfhörer verkauften. Eine schwere, aber anständige Arbeit, jawohl! Doch es gibt kein Zurück mehr. So viele Menschen hängen von Ihnen ab, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und der Señora Marmolejo und den Kindern – den Kindern! – den gewohnten Lebensstandard nehmen, nein, auf gar keinen Fall. Wenn es nach Ihnen ginge, würden Sie das alles zum Teufel jagen. Glück findet man woanders, aber was kann Ihre Familie dafür? Nichts, überhaupt nichts. Also bezahlen Sie mit Ihrem inneren Frieden, bis ans Ende Ihrer Tage, was manchmal so unerträglich ist, dass Sie sich wünschten, es wären nur noch wenige … Sie werden sich für Ihre Familie aufopfern, nur für sie …

Wenn es doch nur irgendeine Möglichkeit gäbe, alles miteinander in Einklang zu bringen … Oder irre ich mich?«

In seiner Verfassung, die einer Katatonie gleichkam, schaffte es Señor Marmolejo gerade mal, die Frage mit einem fast unmerklichen Kopfschütteln zu beantworten. Fernando Retencio hatte ihn genau da, wo er ihn haben wollte. Einen Moment lang genoss er es, dass sein Klient ihm schutzlos ausgeliefert war, bevor er ihm den entscheidenden Stoß versetzte, der Retencio noch etwas weiter von den Pérez entfernte, die, wenn er ins Büro zurückkehrte, voller Neid von seinem Gesicht abzulesen versuchen würden, ob er dem Klienten eine Lösung präsentiert hatte, die den Erwartungen von Señor Sonrisa gerecht wurde.

»Wie Sie gemerkt haben werden, gehöre ich nicht zu denen, die ihre Worte leichtfertig aussprechen. Also hören Sie mir gut zu, denn ich werde es Ihnen nur ein einziges Mal sagen: Sie sind ein Held.«

»Wie bitte?«

»Sie haben richtig gehört, Señor Marmolejo, Sie sind ein Held unserer Zeit. Es gibt nur noch wenige wie Sie.«

»Glauben Sie das im Ernst?«

»Ich glaube es nicht, ich weiß es. Sagen Sie mir eins, Señor Marmolejo: Werden Menschen als Versager geboren, oder werden sie dazu gemacht?«

»Na ja, es gibt Menschen, die in bestimmten Situa…«

»Sparen Sie sich diesen Unsinn für die Beichte auf, hier sind wir unter Männern. Sie haben schwierige Zeiten hinter sich, ist es nicht so? Sie wissen sehr wohl, dass die Versager aller Rassen, Sprachen und sexuellen Orientierungen eines gemeinsam haben: Man kann tun, was man will, sie weigern sich, Fortschritte zu machen.«

Schweigen vonseiten Señor Marmolejos.

»Was ist also die einzige Möglichkeit, sie zu retten? Das, was Sie Tag für Tag praktizieren! Auch wenn Sie es nicht wissen, Sie helfen ihnen seit Jahren auf viele Weise. Sie leihen ihnen Geld, damit sie nicht verhungern, das fehlte noch, aber die Zinsen, die Sie erheben, erfüllen eine erzieherische Funktion. Vor allem hält es sie davon ab, das Geld für irgendwelchen Blödsinn zu verschwenden, den sie nicht brauchen. Und ich rede nicht von den Lastern, die wir alle kennen. Doch das ist nicht das Wichtigste. In unserer Gesellschaft sind sich alle einig, dass das Geld immer in die Taschen von Leuten wie Ihnen zurückfließt, Señor Marmolejo. Also vergessen Sie den ganzen Schwachsinn! Wenn Sie morgens in den Spiegel schauen, dann tun Sie das von nun an in der Überzeugung, dass Sie einen der unverstandenen Helden unserer Zeit vor sich sehen. Mehr noch, weil Sie mir sympathisch sind, werde ich jetzt für Sie ein kleines Experiment durchführen.«

Retencio griff zum Telefonhörer und bat die Empfangsdame, Dromundo zu sagen, er möge in den Besprechungsraum in der ersten Etage kommen und einen Tennisschläger mitbringen. Während sie warteten, beobachtete Retencio zufrieden die Wirkung seines Monologs auf dem Gesicht des Klienten, der das Gehörte im Geiste wiederholte. Die Katatonie war einem entschlossenen Gesichtsausdruck gewichen, und die gerunzelte Stirn mit den zusammengezogenen Augenbrauen ließ darauf schließen, dass er sich wahrscheinlich überlegte, wie er es anstellen sollte, dass man nicht länger auf seinen Schwachstellen herumtrampelte …

»Der Herr Doktor Ingenieur hat mich rufen lassen?«, unterbrach der wegen der Eile atemlose Dromundo seine Überlegungen.

»Kommen Sie herein, Don José«, begrüßte ihn Retencio. »Ich möchte ein Experiment durchführen, und dafür brauche ich Ihre Hilfe. Überlassen Sie mir bitte für einen Moment Ihren Tennisschläger und hocken Sie sich auf allen vieren vor mir auf den Boden. Das Experiment ist sehr einfach. Ich werde jetzt Geld auf den Boden werfen, und Sie können sich frei entscheiden, ob Sie es nehmen wollen oder nicht. Nur, wenn Sie es tun, werde ich Sie mit dem Tennisschläger auf den Hintern schlagen. Sind Sie bereit, aus freien Stücken an dem Experiment teilzunehmen?«

»Wie meine Tante Juana immer sagt: Unsere Freiheit ist das, was bleibt, wenn Leute wie Sie von Ihrer Freiheit Gebrauch gemacht haben«, erwiderte Dromundo, bereits auf allen vieren.

»Machst du nun mit oder nicht, Dromundo?«

»Ich stehe dem Herrn Doktor Ingenieur zur Verfügung, wie immer.«

Retencio fing an, Kleingeld auf den Boden zu werfen, doch Dromundo rührte sich nicht. Mit wachsendem Ärger und obendrein durch die Wellenbewegungen des Doppelkinns von Señor Marmolejo, der wegen des gescheiterten Experiments in sich hin einlachte, unter Druck gesetzt, erhöhte Retencio den Einsatz, ohne den Tennisschläger auch nur einen Augenblick sinken zu lassen. Als sein Vorrat an Kleingeld aufgebraucht war, warf er in letzter Verzweiflung ein dünnes Bündel Scheine auf den Boden, das Dromundo mit der rechten Hand eilig aufhob. Retencio legte seine ganze Wut in einen hohl klingenden Schlag mit dem Tennisschläger, der Dromundos Hintern jedoch keinen Widerstand leistete. Die beiden ursprünglichen Teilnehmer der Besprechung schauten sich sprachlos an: Die Bespannung des Tennisschlägers war geschickt angeschnitten worden, sodass sie bei dem geringsten Kontakt nachgegeben hatte und gerissen war. Dromundo nutzte die allgemeine Verblüffung aus, sprang auf die Füße, steckte das Geldbündel in die Tasche, griff sich den kaputten Schläger und verließ eilig den Besprechungsraum.

Retencio erholte sich als Erster von der Überraschung.

»Haben Sie es jetzt begriffen? Glauben Sie vielleicht, die sind Ihnen für Ihre Rücksicht dankbar? Ganz im Gegenteil! In den nächsten Tagen lasse ich Ihnen einen detaillierten Aktionsplan zukommen, doch ich sage Ihnen gleich: Die einzige Möglichkeit besteht darin, sie psychologisch unter Druck zu setzen. Beim geringsten Zahlungsverzug: überraschende Anrufe zur Unzeit, Drohbriefe von Ihren Anwälten, Pfändung des Fernsehers am Geburtstag ihrer Kinder! Einen anderen Weg gibt es nicht, vergessen Sie das nicht, Señor Marmolejo! Hat nicht ein berühmter Banker einmal gesagt, dass ein so großer Stress, der zu Herzstillstand führt, mehr Reichtum erzeugt habe als alle guten Absichten zusammen? Ich danke Ihnen, dass Sie mir Ihre Zeit geschenkt haben. Wir bleiben in Kontakt.«

Zurück an seinem Arbeitsplatz, lobte Retencio sich selbst dafür, dass er einen so misslichen Zwischenfall gemeistert hatte. Mit Dromundo würde er schon noch abrechnen. Im Augenblick genoss er den kleinen Schritt, der ihn dem Schwarzen Gürtel wieder ein Stückchen näher gebracht hatte.

Unter den verstohlenen Blicken der Pérez ringsum konzentrierte er sich auf den Lautsprecher an der Wand. Der musste gar nichts verkünden, Retencio aktivierte das unverwechselbare Geheul des lächelnden Señor Sonrisa in seinem Kopf:

Apteiuuuuiicccsshh betiiilllmmoo.

Er holte sein Notizbuch hervor und übersetzte gewissenhaft:

HINDERNISSE SIND EIN EBENSO INTEGRALER BESTANDTEIL DES SCHWARZEN GÜRTELS, WIE DER SCHWARZE GÜRTEL EIN BESTANDTEIL DER HINDERNISSE IST

II

DER STRASSENVERKEHR auf seiner täglichen Heimfahrt war bereits normalerweise lähmend dicht, vor allem aber, wenn es so heftig regnete wie an diesem Abend. Im Gegensatz zu einem Nieselregen, der sich mit sanft fallenden Tropfen begnügt, einem Stillleben gleich, wurde die Stadt, in der Retencio lebte, von wolkenbruchartigen Regenfällen heimgesucht, die keine Zeit verloren und so schnell, wie sie ohne vorherige Ankündigung begannen, ebenso unvermittelt wieder aufhörten. Die dicken, schweren Tropfen fielen schauerartig, als wollten sie den Menschen wehtun, und das mangelhafte Abwassersystem, das sich immer am Rande des Zusammenbruchs bewegte, führte zu Überschwemmungen, die den ohnehin stockenden Verkehr noch zusätzlich behinderten. Die Autos und Busse mussten vorsichtig durch die städtischen Flüsse navigieren, um nicht in dem fauligen Wasser zu stranden. Alle paar Sekunden brachen sich die Rücklichter des voranfahrenden Autos in den Tropfen auf der Windschutzscheibe und auf dem Gesicht von Fernando Retencio, der das Bremsen und Beschleunigen seinem Autopiloten überlassen hatte.

Um das Getöse der Autohupen in seinem Innern zum Verstummen zu bringen, ließ Retencio die Vorgänge des Tages noch einmal Revue passieren und verglich seine Selbsteinschätzung mit der auf der elektronischen Anzeigetafel, die er sich jeden Tag ansah, bevor er das Gebäude verließ. Verfluchter Dromundo! Er hatte die Präsentation der geeigneten Lösung ruiniert. Als kleine Rache hatte Retencio ihn dazu verdonnert, seinen Wagen zu waschen, als der Regen draußen bereits zu fallen begonnen hatte. Doch bei Lichte besehen hatte die Anzeigetafel darauf verzichtet, ihn wegen des Zwischenfalls zu bestrafen. Voller Verständnis für das Vorgefallene hatte sie ihn auf seinem Platz belassen. Stillstand. Dem Schwarzen Gürtel weder näher noch ferner. Immerhin, so tröstete sich Retencio, hatte er seinem Repertoire eine weitere Erfahrung hinzugefügt. Flexibilität war von zentraler Bedeutung. Ebenso die Fähigkeit, auf unvorhergesehene Ereignisse angemessen zu reagieren. So gesehen, hatte er eine schwierige Prüfung elegant gemeistert und erreicht, dass …

»Sag mal, wer war eigentlich der Typ, mit dem ich dich in der halb offenen Tür habe reden sehen?«, fragte er Karla Alvarado, so als hätte ihm die Erinnerung daran wieder ins Gedächtnis gerufen, dass er nicht allein im Auto saß. Ohne zur Seite zu sehen, versuchte er aus den Augenwinkeln einen Blick auf den grau melierten kurzen Rock zu erhaschen. Die strammen Schenkel sollten ihm verraten, ob sie log. Sollten bezeugen, dass …

»Ach, Fernando, fang nicht wieder damit an, ich bin hundemüde. Seit Monaten erzähl ich dir schon von diesem Projekt«, antwortete Karla und strich sich widerwillig ihre weit ausgeschnittene Bluse glatt, wie um die lüsternen Blicke ihres Gatten in die Schranken zu weisen.

»Erscheint es dir eigentlich nicht als Widerspruch oder, besser gesagt, als Beleidigung, dass ein berühmter Schauspieler die Ausstellung eröffnen soll? An seinen schlechtesten Tagen sieht er hübscher aus als all deine armen Teufel zusammen, selbst wenn sie frisch gebadet sind.«

»Weißt du was? Jetzt hör mir mal gut zu: Meine armen Teufel, wie du sie nennst, sind ganz und gar nicht hässlich. Nur dass ihre Schönheit von anderer Art ist. Wenn du eines Tages mal die Güte haben solltest, sie kennenzulernen, würdest du sehen, dass sie ihre Schönheit wenigstens untereinander sehr wohl zu schätzen wissen. Ich weiß nicht, warum du immer wieder davon anfängst, wo ich es dir doch schon hundertmal erklärt habe. Das ist dasselbe wie mit den Chinesen. Glaubst du, die finden sich hässlich, weil sie Augen wie Spardosenschlitze haben? Ich verstehe nicht, wie du so rückständig sein kannst, wo du doch sonst so intelligent bist.«

»Beruhige dich, meine Süße. Das mit den ›armen Teufeln‹ ist liebevoll gemeint. Ich bin sicher, dank deiner Bemühungen werden sie am Tag der Ausstellungseröffnung unglaublich schön aussehen. Señora Fruncido, diese alte Giftspritze, hat dich wirklich nicht verdient.«

Retencio beendete die Diskussion, indem er seiner Frau unter den Rock griff und ihre Innenschenkel streichelte. Vielleicht würde er sie damit erregen können, sodass sie es gleich hier, mitten im dichten Straßenverkehr, miteinander treiben könnten … Doch Karla machte seine Absichten zunichte, indem sie seine Hand entnervt zur Seite schob.

Als Retencio bei Soluciones eingetreten war, arbeitete Karla bereits im Erdgeschoss des Firmengebäudes in der von Señora Estela Fruncido gegründeten Armenwerkstatt, einer gemeinnützigen Einrichtung, die hauptsächlich deswegen ins Leben gerufen worden war, weil die stets mürrische Gründerin beschlossen hatte, der Gesellschaft etwas von dem zurückzugeben, was sie von ihr bekommen hatte. Gleichzeitig diente die Werkstatt ihr dazu, sich die Zeit zu vertreiben, jetzt, da ihre Kinder immer weniger gewillt waren, ihr zu erlauben, sich in ihr Leben einzumischen, um auch weiterhin an ihrer Erziehung zu arbeiten.

In der Armenwerkstatt frönte Señora Fruncido ihren beiden großen Leidenschaften, der Barmherzigkeit und der Kunst. Geleitet von der Maxime, aus der Not eine Tugend zu machen, stellte die Organisation ihre Einrichtungen den Bedürftigsten zur Verfügung, damit diese für ein paar Stunden ihrer misslichen Lage entfliehen konnten, während sie Gelegenheit hatten, ihre Kreativität zu entwickeln.

Señora Fruncido war eine Gegnerin jener Betreuungsmodelle, die dazu beitragen, die Situation, die sie zu verbessern vorgeben, auf ewig fortzuschreiben und sich zu Komplizen dessen zu machen, was ihrer Meinung nach das größte Hindernis auf dem Weg zur Bekämpfung der Armut war: der Glaube, dass diejenigen, die unter ihr leiden, eher Opfer als Schuldige sind. Im Laufe ihrer Mitarbeit in karitativen Einrichtungen hatte Estela Fruncido gelernt, dass man ihnen den größten Gefallen tut, wenn man von ihnen das fordert, was die hervorragendsten Mitglieder der Gesellschaft definiert. Anstatt immer wieder den schwierigen Verhältnissen ihrer Herkunft die Schuld an ihrer Misere zu geben, so argumentierte die Señora, seien sie zur Perfektion verpflichtet, wenn sie vorankommen wollten. Denn weniger als irgendjemand sonst dürften sie sich existenzielle Zweifel erlauben, die für Angehörige anderer Schichten so charakteristisch seien.

Deswegen war es einer der Grundsätze der Armenwerkstatt, die Teilnehmer mit den Werkzeugen auszustatten, die sie benötigten, um je nach ihren Fähigkeiten schöpferisch tätig zu werden, nicht aber mit den nötigen Materialien, um ihre Ideen zu verwirklichen. An diesem Punkt komme das Improvisationstalent ins Spiel, hieß es, und wer wirklich etwas schaffen wolle, lasse sich etwas einfallen. Bei ihren sporadischen Besuchen in der Werkstatt, die dem Zweck dienten, sich davon zu überzeugen, dass alles korrekt ablief, betrachtete Señora Fruncido voller Stolz das Objekt, das die Eingangshalle des Firmengebäudes schmückte: eine abstrakt-expressionistische Skulptur, angefertigt von einer jungen Frau, die schon seit einiger Zeit nicht mehr in die Werkstatt kam, da sie angeblich eine Anstellung als Haushaltshilfe gefunden hatte. Die Leiterin der Armenwerkstatt bekam feuchte Augen, wenn sie das Objekt sah, bestehend aus Konservendosen, Plastikflaschen, kaputten Schuhen, Schnüren und defekten Haushaltsgeräten, verbunden durch einen starken Klebstoff, der das Ganze zu einer amorphen Masse zusammenschweißte. Sie empfand die Arbeit als eine Metapher für die Macht der Kreativität, die imstande war, Abfälle in Gold zu verwandeln. Auf einer von der Armenwerkstatt organisierten Versteigerung hatte ein Beauftragter von Señor Sonrisa ein kleines Vermögen für das Objekt bezahlt, das die Klienten oder Besucher in der Eingangshalle des alten Gebäudes empfing, in dem die beiden Abteilungen des Unternehmens harmonisch zusammenlebten.

Im Gegensatz zu denen, die beim Thema Armut beschämt den Blick senkten, als gäbe es daran etwas, weswegen man sich schämen müsste, verfolgte die Werkstatt das Prinzip, die Armut offen zur Schau zu stellen, um zu demonstrieren, dass es sich um ein Phänomen mit einer ganz eigenen Ästhetik handelte, die in den hier Tag für Tag geschaffenen Werken zum Ausdruck kam. Ohne die Beschränkungen zu leugnen, die ihnen ihre Situation auferlegte, wollte Señora Fruncido den Armen beweisen, dass sie eine besondere Begabung hatten, die sie der Welt nicht vorenthalten durften.

Befreite man die Armut von der Schuldenlast, die sie zu einem unerwünschten Gesprächsthema machte, lernten die Besucher zudem, die künstlerischen Möglichkeiten der Armen zu schätzen, was Dutzende von auf Galaveranstaltungen verkauften Objekten bereits bezeugten, womit der Teufelskreis, wie von der Werkstatt beabsichtigt, durchbrochen wurde. Durch den Verkauf ihrer Werke erhielten zahlreiche Teilnehmer der Werkstatt etwas Geld, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und für einige von ihnen begann sogar eine erfolgreiche Karriere. Es gab Kunstkritiker, die der Meinung waren, Señora Fruncido habe eine avantgardistische Bewegung begründet, doch wenn dieses Thema angesprochen wurde, zuckte die Señora nur mit den Achseln und murmelte, sie mache das nicht für ihren persönlichen Ruhm, sondern lediglich aus dem Wunsch heraus, den am meisten Benachteiligten der Gesellschaft zu helfen. Die Furchen, die ihr Gesicht durchzogen, wurden dabei noch tiefer, so als tilge ihr Altruismus die dicke Schminkschicht, um die Verletzungen in ihrer von Enttäuschungen über die Undankbarkeit gegenüber ihrer Großzügigkeit gekennzeichneten Seele deutlicher hervortreten zu lassen.

Außer der Möglichkeit, den Armen dabei zuzusehen, wie sie ihre Kreativität entfalteten, hatten die Besucher der Werkstatt Gelegenheit, die spezifischen Merkmale alltäglicher Armut kennenzulernen. Es gab nämlich einen Bereich, in dem sich, hinter einer Glasscheibe, immer eine arme Familie aufhielt, die während eines festgesetzten Zeitraums in ein paar Zimmern wohnte. So konnten die Neugierigen sie in einer Situation beobachten, die ihrem natürlichen Umfeld entsprach, ohne sich der Strapaze unterziehen zu müssen, sich in die Stadtbezirke zu begeben, in denen die Armen untergebracht waren.

Die einzige Bedingung, die man den Armen stellte, war, dass sie sich an ihrem zeitlich begrenzten Aufenthaltsort normal bewegten und es vermieden, den Besuchern eine falsche Vorstellung von ihrer Realität zu vermitteln. So legte man ihnen zum Beispiel nahe, sich nicht zu häufig zu waschen, und man gestand ihnen auch kein fließendes Wasser zu, lediglich eine Tonne, die sie zu José Dromundo in die Tiefgarage schleppen mussten, um sie mit Wasser zu füllen. Auch war es den Besuchern untersagt, die Armen mit Lebensmitteln oder Kleidung zu versorgen, denn einerseits hätte es den Charakter des Dargestellten verfälscht, und andererseits hätte es bei den Armen Verwirrung stiften können, was sich kontraproduktiv ausgewirkt hätte, wenn sie in ihr gewohntes Umfeld zurückkehrten.

Aus ähnlichen Gründen erschienen am Ende der festgesetzten Zeitspanne ruppige Männer mit dem Auftrag, die Familie samt ihrer wenigen Habseligkeiten unverzüglich aus der Wohnung zu entfernen. Dann hatten die Besucher, die sich gerade in der Einrichtung aufhielten, das Glück, ein solches Schauspiel miterleben zu dürfen. Durch die Glasscheibe konnten sie den ungeschminkten Vorgang einer Wohnungsräumung beobachten, mit heulenden, rotzverschmierten Kindern, Küchengeschirr, das auf die Straße geworfen wurde und zerschellte, gelegentlich sogar mit einem Handgemenge zwischen den Rausschmeißern und dem verzweifelten Familienvater, der den Verlust seines Heims nicht akzeptieren wollte, obwohl er von Anfang an gewusst hatte, dass der Aufenthalt zeitlich begrenzt war.

Wenn Estela Fruncido den Auftrag der Armenwerkstatt in seiner Gesamtheit betrachtete, war sie davon überzeugt, einer der Grundbedingungen der Menschen Rechnung getragen zu haben, indem sie sie so darstellte, wie sie waren, ohne Mitleid oder Herablassung, was es erlaubte, dass sie in all ihrer komplexen Wirklichkeit wahrgenommen werden konnten.

Gerade das Projekt, an dem Karla zurzeit so eifrig arbeitete, hatte zum Ziel, die Armut von einem evolutionären Gesichtspunkt aus zu beschreiben, um zu zeigen, dass sie die Betroffenen nicht daran hinderte, voranzukommen, sondern dass sich auch die Armen den Anforderungen der verschiedenen Epochen anzupassen in der Lage waren. Gestützt auf eine sorgfältige wissenschaftliche Untersuchung, beabsichtigte man, verschiedene historische Phasen der Armut darzustellen, wobei man Kleidung, Nahrung, alkoholische Getränke zur geistigen Abstumpfung, improvisierte Baumaterialien und andere Elemente getreu abbilden wollte, um den Besuchern der Ausstellung ein allgemeines Bild nahezubringen und die Kontinuität der Lebensbedingungen der verschiedenen Arten von Armut, bis hin zur gegenwärtigen, der drastischsten von allen, herauszuarbeiten.

So war man auf den genialen Schachzug verfallen, die Theatertruppe des Schauspielers Germán Pavlóvich zu engagieren. Er und seine Kollegen sollten am Tag der Ausstellungseröffnung die Armen verschiedener Epochen darstellen – wozu sie das Vokabular und das Aussehen einstudieren und sich auch über die üblen Gerüche der unterschiedlichen historischen Umstände informieren mussten – und sich mit dem Publikum unterhalten. Dadurch würden die Besucher in einem kontrollierten Rahmen einen Eindruck von den verschiedenen Arten der Armut vermittelt bekommen.

»Was soll das? Findest du, dass dieser Pavlóvich so hübsch ist, wie gesagt wird? Wahrscheinlich kann er sich nicht mal die Schuhe selbst zubinden«, fuhr Retencio fort, genervt von dem Verkehr auf dem letzten Teilstück der Heimfahrt.

»Was glaubst du eigentlich, Fernando? Hältst du mich wirklich für so blöd? Jede Frau wäre froh, wenn sie mit ihm an einem Projekt arbeiten dürfte.« Sie warf ihrem Mann einen verächtlichen Blick zu, weil sie sich über die plumpe Provokation ärgerte. »Und wenn du glaubst, mein Verhältnis zu ihm wäre mehr als professionell-freundlich, dann ist das dein Problem, nicht meins.«

»Jede Frau wäre froh, wenn sie mit ihm arbeiten dürfte …«, wiederholte Retencio mit aufgesetzter Ironie.

»Allerdings! Du kannst ja eine deiner Umfragen machen, die du so liebst, dann wirst du schon sehen. Ich hab dir schon tausendmal gesagt, komm mir nicht mit so was. Ich bin so, wie du mich kennengelernt hast, und ich denke gar nicht daran, mich zu ändern, nur weil du Minderwertigkeitskomplexe hast.«

Da hatte sie recht, musste Retencio zugeben. Als er sie zum ersten Mal gesehen hatte, war ihm eine unwiderstehliche Übereinstimmung zwischen ihrem Körper und ihrer Persönlichkeit aufgefallen. Beides verströmte eine Art spielerischer, distanzierter Sinnlichkeit, die in keiner möglichen Hinsicht die Grenzen eines häufig hervorgerufenen, aber nur selten befriedigten Wunsches überschritt.

Retencio hatte sein Glück kaum fassen können, als der Pérez, der sich um den Etat der Armenwerkstatt kümmerte, entlassen wurde und ihm, als eine der ersten Aufgaben bei Soluciones, diese Arbeit übertragen wurde. Gleich bei der ersten Begegnung mit Karla faszinierte ihn ihr Lachen, ihr Witz, die Unbekümmertheit, mit der sie seine Hand, seinen Arm, sein Bein berührte. Ein Wort gab das andere, ein Satz schien so zwingend wie der nächste, und schon bald gingen sie etwas trinken. Danach lud sie ihn in ihre Wohnung ein, und am Ende landeten sie in ihrem Bett, wo Retencio sich von dem Ergebnis der zahlreichen Erfahrungen überzeugen konnte, von denen sie ihm seit ihrer Bekanntschaft offen erzählt hatte. Doch jedes Mal, wenn Retencio wieder auf dieses Thema zurückkam, musste er feststellen, dass Karla auch hier lediglich die natürliche Offenheit zeigte, die sie auszeichnete. Keine Angeberei, kein Anzeichen von Überheblichkeit. Und wenn sie, dachte Retencio, geahnt hätte, was sie mit den ständigen Anekdoten aus ihrem bisherigen Liebesleben in ihm auslöste, hätte sie bestimmt damit aufgehört. Sie hatte weder die Absicht, ihn zu warnen, noch, ihn daran zu erinnern, wie glücklich er sich fühlen müsse, sie an seiner Seite zu haben. Es waren lediglich irgendwelche Details aus ihrer Vergangenheit, die zu der Gegenwart geführt hatten, die sie nun miteinander teilten, und Karla sah keinen Grund, sie zu verheimlichen, denn das wäre ihr ebenso willkürlich erschienen, wie wenn sie irgendein anderes Detail aus ihrem früheren Leben zum Tabu erklärt hätte. Mit der Zeit wurde deutlich, dass Retencio weder auf ein so romantisches noch im Entferntesten auf ein so üppiges Vorleben zurückblicken konnte wie sie. Doch das war, wie Karla ihm soeben in Erinnerung gerufen hatte, sein Problem und nicht ihres.

Als Karla ihm einmal amüsiert erzählt hatte, wie sie mit zwei Männern gleichzeitig zusammen gewesen war, wobei sie mit der ihr eigenen Neugier nachgefragt hatte, ob Retencio auch schon so etwas erlebt habe, hatte er zum Ausdruck zu bringen gewagt, dass er keinen Wert darauf legte, das Thema zu vertiefen. Ohne weiteren Kommentar hatte sie die Bemerkung zur Kenntnis genommen und das Thema gewechselt. Ebenso wenig, wie sie die Absicht hatte, ihn zu verletzen, war sie geneigt, ihre offene Art zu verändern, weil sie nichts Verwerfliches darin sah. Darum versuchte sie, die regelmäßig auftretenden Eifersuchtsanfälle ihres Gatten im Keim zu ersticken. Retencio wusste selbst, dass es keinerlei Anlass für die Vermutung gab, Karla hätte, seit sie zusammen waren, eine heimliche Affäre gehabt. Und trotzdem …

»Entschuldige, mein Engel. Ich bin etwas nervös. Nachher erzähle ich dir, was der Blödmann Dromundo mir eingebrockt hat. Gut, dass wir gleich zu Hause sind …«

Der aufmerksame Wachmann betätigte den elektrischen Türöffner, um das Ehepaar Retencio in das Haus zu lassen, in dem sie wohnten. Das beeindruckende Stahlgitter verlieh dem Gebäude das Aussehen eines futuristischen Gefängnisses, was durch die klobigen zylindrischen Geländer in den Gängen und dem etwas labyrinthischen Treppenhaus noch unterstrichen wurde. Wenn Karla sich über die geschmacklose Funktionalität des Hauses beschwerte, verwies Retencio auf den Sicherheitsaspekt. Die Nachbarn waren anständige Leute, die wie sie einen ruhigen Ort suchten, an dem sie sich vom Lärm des Großstadtdschungels zurückziehen konnten, und die Wachleute waren jederzeit bereit, ihre Autos zu waschen, die Tüten mit den Einkäufen hinaufzutragen oder Zigaretten kaufen zu gehen, wenn sie ihnen mitten in einem Besäufnis ausgingen. Klar, es war kein schöner Ort, dafür aber waren sie hier sicher. Es sei eine uneinnehmbare Festung, argumentierte Retencio, in der er sich sicher fühle und sie, Karla, beruhigt allein lassen könne, wenn er aus beruflichen Gründen verreisen müsse. Zum Ausgleich überließ er seiner Frau die alleinige Entscheidung über die Einrichtung der Wohnung. In etwa zwanzig Jahren, wenn die letzte Hypothek getilgt wäre, könnten sie sich nach etwas anderem umsehen, aber im Moment …

»Weißt du wenigstens, ob Pavlóvich ein guter Schauspieler ist? Ich meine, ich verstehe ja, dass seine Schönheit auf die Armen abstrahlt, wenn er denn tatsächlich schön ist. Aber es ist nicht leicht, einen Armen zu spielen. Die Besucher werden ihm nicht allein wegen seines Aussehens zu Füßen liegen. Denk mal darüber nach.« Retencio machte eine Pause, während er den Schlüssel ins Türschloss steckte, um seine Frau zu zwingen, sich zu seinen Bedenken zu äußern. Da sie genervt schwieg, versuchte er, ins Alltägliche auszuweichen: »Übrigens, weißt du, ob Josy das Essen fertig hat? Ich habe einen Bärenhunger.«

Retencio öffnete die Tür und trat zur Seite, um seiner Frau den Vortritt zu lassen. Karla fasste ihn am Arm und schubste ihn sanft in die Wohnung. Heftiger als gewöhnlich schloss sie die Tür und ging direkt ins Schlafzimmer. Während Retencio noch den Po seiner Frau betrachtete, hörte er ihre sich entfernende Stimme sagen:

»Josy hat immer das Essen fertig. Aber heute wirst du wohl alleine essen müssen. Ich bin todmüde, ich geh sofort ins Bett.«

Retencio blieb im Wohnzimmer stehen und schaute sich um. Die Ledersessel, der Esstisch samt Stühlen aus Thailand, die vom Innenarchitekten angefertigten Bücherregale, der Retro-Plattenspieler, das Porzellangeschirr für Besuch, all das war ihm vollkommen egal. Überflüssiger Schnickschnack, um Karla glücklich zu machen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sich mit dem Allernötigsten zufriedengegeben, hätte sich von einem Reiskorn täglich ernährt, wie es ein wahrer Schwarzer Gürtel tat. Die Wohnungsausstattung konnte irgendeine x-beliebige sein. Oder auch gar keine. Was er aber kaum ertragen konnte, war, sogar zu Hause von den Armen umgeben zu sein. Konnte Karla sie nicht in ihrem Büro zurücklassen?

Da das Budget der Armenwerkstatt begrenzt war und stets von den großzügigen Spenden mildtätiger Seelen abhing – manchmal sah sich Señor Fruncido so sehr von seinen Geschäften in Anspruch genommen, dass er vergaß anzurufen, um das Hobby seiner Gattin mit dem nötigen Schmieröl zu versehen –, bot Señora Fruncido Karla hin und wieder an, sie mit Sachleistungen für ihren kümmerlichen Lohn zu entschädigen. So durfte Karla Werke von den Teilnehmern des Zentrums mit nach Hause nehmen und über die Mutter einer armen Familie, die gerade in der Werkstatt wohnte, als Dienstmädchen verfügen. Ehrlich gesagt, hätte Retencio lieber eine reguläre Haushaltshilfe eingestellt – es war lästig, immer wieder eine neue einarbeiten zu müssen –, die im Dienstmädchenzimmer auf dem Dach hätte wohnen können; doch er wusste, dass es Karla wichtig war, auf diese Weise ihren Beitrag zur Entlastung des Familienetats zu leisten. So weit konnte er sie verstehen.

Schlimmer war es, zwischen den künstlerischen Erzeugnissen zu leben, die Dilettanten mit Würmern im Magen angefertigt hatten: das typische Foto des Eingeborenenjungen, der melancholisch zum Horizont blickt; eine mit aufgemalten Streifen versehene Dienstmädchenuniform mit einer Nummer und einem Hakenkreuz auf der Brust; ein kaputter Besen, der so oft wieder zusammengeflickt worden war, dass er auseinanderzufallen drohte, wenn man ihn nur ansah; eine Fotocollage von herausgeputzten Damen im Fond einer Limousine mit Chauffeur … Da die Kunstobjekte ständig wechselten, war es Retencio unmöglich, sich an einen gleichbleibenden Ekel zu gewöhnen, denn er wusste nie, welcher Erguss jämmerlicher Kreativität ihn erwartete, wenn er nach Hause kam.

Auch er hatte an diesem Abend keinen Hunger, allerdings aus anderen Gründen als denen seiner Frau. Der Wachmann der Frühschicht würde das Glück haben, das von Josy zubereitete Abendessen genießen zu dürfen. Retencios Appetit war anderer Art. Wegen der eben geführten Diskussion würde es möglicherweise schwierig werden, aber ein Schwarzer Gürtel musste eisernen Willen zeigen.

Er überraschte Karla, die bereits abgeschminkt vor dem Badezimmerspiegel stand. Sie hatte ihre Seidenshorts angezogen, in denen sie schlief, wenn es die Temperaturen zuließen, dazu ein enges T-Shirt, unter dem sich die Rundungen ihrer Brüste abzeichneten, gekrönt von Brustwarzen, die den Stoff zu durchbohren drohten. Retencio erschien im Spiegel, betrachtete die tolle Figur seiner Frau und fragte sich, wie in einem einzigen Körper zu gleichen Teilen Geilheit und Zurückhaltung existieren konnten, diese Mischung, die ihn so sehr erregte. Karlas Augen begegneten den seinen im Spiegel, und sie begnügte sich damit, ihn mit einer Kopfbewegung zu fragen, was er wolle.

»Du weißt doch, was mit mir geschieht, wenn ich eifersüchtig bin«, sagte Retencio mit dem hilflosen Blick eines Welpen, der auf den Arm will. Da eine ausdrückliche Abweisung ausblieb, trat er einen Schritt näher und schmiegte sich von hinten an den Körper seiner Frau, die sogleich erriet, welches Stadium die Eifersucht ihres Mannes erreicht hatte. Retencio begann, mit den Fingerspitzen ihre Brustwarzen kreisförmig zu massieren, wobei er sich im Spiegel Karlas Behagen vergewisserte. Als er sah, wie sie auf ihre Unterlippe biss und die Augen verdrehte, presste er sie noch fester an sich und biss ihr sanft in den Nacken, bis sie keuchte und sich wand, was damit endete, dass alle Schranken zwischen ihnen fielen und sie – Karla mit beiden Händen auf dem Waschbecken abgestützt – miteinander vögelten.

Die ganze Zeit über war Retencio wie besessen von einer Gewalttätigkeit, die seine Frau überraschte. Sie hielt sich den Mund mit einer Hand zu, um ihre lauten Schreie zu ersticken. Retencio schloss die Augen und stellte sich die Szene so, wie sie sich gerade abspielte, im Geiste vor: Er, wie er ihrer beider Gesichter im Spiegel beobachtete, beide erstaunt über die unerwartete Versöhnung. Nur ein Detail veränderte sich in seiner Fantasie: Neben Karlas ekstatischem Gesicht tauchten im Spiegel die hübschen, schwitzenden Gesichtszüge Germán Pavlóvichs auf.

III

AM NÄCHSTEN MORGEN war Retencio allein, als er mit seinem Wagen in das unterirdische Halbdunkel der Tiefgarage glitt. Karla hatte verschiedene Außentermine. Ein schlechtes Vorzeichen. Den ganzen Weg über hatte Retencio sich spitzfindige Tricks ausgedacht, um ihren Aufenthaltsort zu ermitteln und herauszufinden, mit wem sie zusammen war. Er verstieg sich zu detaillierten Träumereien, in denen er zum Beispiel winzige Beweisstücke im Slip seiner Frau platzierte, sodass er, wenn sie sich auszog und er den Slip untersuchen konnte, sofort Bescheid wissen würde.

Leider war Karla sehr schlau. Retencio hatte Buch darüber geführt, wie häufig sie diese oder jene Unterwäsche benutzte, hatte einen Zusammenhang herzustellen versucht zu den angeblichen Aktivitäten des betreffenden Tages, zu ihrer Stimmung und sogar zu dem Platz, den die Unterwäsche in der Schublade ihres Kleiderschranks einnahm. Bisher war das Ergebnis gleich null gewesen. Nun kam es darauf an, in seinen Bemühungen nicht nachzulassen. Mit der nötigen Hartnäckigkeit würde es ihm irgendwann gelingen, sie zu überführen.

Retencio aktivierte die Alarmanlage seines Wagens und begann mit den Vorbereitungsübungen, die er in seiner Ausbildung gelernt hatte. Konzentriere dich, konzentriere dich, geeignete Lösungen verlangen eine absolute Hingabe des Geistes … Die gebeugte Gestalt José Dromundos, der vor seiner Wohnung den Boden fegte, versetzte Retencio in das, was er selbst den »Soluciones-Modus« nannte.

Obwohl der Hausmeister wusste, dass die Begegnung mit Retencio unausweichlich war, fuhr er mit dem Fegen fort, als hätte er das Zuschlagen der Autotür nicht gehört, mit dem Retencio ankündigte, dass er wegen des gestrigen Vorfalls Genugtuung forderte. Dromundo spannte die Bauchmuskeln und die Schultern an, um den Faustschlag auf sein rechtes Schulterblatt abzufangen.

»Was ist los, Dromundo? Ja, wenn du in den oberen Etagen mit derselben Energie fegen würdest wie hier unten bei dir, dann müssten wir nicht immer in so einem Saustall arbeiten. Komm her, lass mich mal deine Geschwüre anschauen, damit ich weiß, was der heutige Tag bringt. Weißt du, dass die Seher der Antike aus dem Flug der Vögel oder den Hufen der Rinder die Zukunft deuteten? Nun, das hier ist dasselbe. Für mich gibt es kein besseres Orakel, um die Absichten der Anzeigetafel vorauszusagen, als zu untersuchen, wie vereitert deine Geschwüre heute sind. Um Himmels willen! Ich glaube, du stehst kurz davor, einen Mutanten zur Welt zu bringen.« Retencio drehte Dromundos Schädel nach allen Seiten. »Man sieht, dass das Leben es gut mit dir meint. Kannst dir sogar erlauben, ein weiteres Maul zu stopfen.«

»Wie ich sehe, ist der Herr Doktor Ingenieur heute Morgen mit guter Laune aufgewacht«, entgegnete Dromundo, ohne das Fegen zu unterbrechen. »Und warum ist die Señora Karlita heute nicht mitgekommen? Hat sie etwas Wichtigeres zu erledigen?«

»Sei nicht anmaßend. Sieh mal, was ich dir mitgebracht habe! Eine Salbe, damit du die Löcher auf deinem Kopf zuschmieren kannst.« Retencio zog aus seiner Hosentasche eine Tube hervor und drückte sie gegen das schmierige beige Hemd, das zu Dromundos Uniform gehörte.

»Wie gütig von Ihnen. Möge das Lächeln es Ihnen vergelten und Sie dem Schwarzen Gürtel ein gutes Stück näher bringen.«