Der Schwindel des Langläufers - Stefan Iserhot-Hanke - E-Book
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Der Schwindel des Langläufers E-Book

Stefan Iserhot-Hanke

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Beschreibung

Fabian erhält über Jahre hinweg Überweisungen von Unbekannten auf sein Konto. Irgendwann findet er sich in einem Strudel von Ereignissen wieder, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint.

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Seitenzahl: 243

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für meine Frau

Langläufer, der

Substantiv, maskulin

(Bankwesen Jargon)

Anleihe mit einer längeren Laufzeit

DUDEN

Was hättet ihr getan?

Annemarie Norden

Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab

Und führe ihn, kannst du ihn erfassen,

Auf deinem Wege mit herab,

Und steh beschämt, wenn du erkennen musst:

Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange

Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.

Johann Wolfgang von Goethe

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

I. DER WINTER KEHRT ZURÜCK

II. 8333 EURO UND 33 CENT

III. NEUN JAHRE SPÄTER

IV. EINE TOILETTENBEKANNTSCHAFT

V. POST FÜR EINE ALTE DAME

VI. SECURITY-TRANSPORT-SERVICE

VII. MELTING ZONE

VIII. DER 20-LITER-KANISTER

IX. ASSISTENZBEDÜRFTIGKEIT

X. GEISTLICHER BEISTAND

XI. SCHEITELPUNKT

XII. DIE FRAU IM MARIANENGRABEN

XIII. GLAUBE UND ZWEIFEL

XIV. DELIRIUM

XV. HEIMKEHR

EPILOG

PROLOG

Whisky-Bar „Devil´s Place”

Hotel Waldhaus am See,

St. Moritz

„Langeweile?“

„Das ist eine Frage der Definition.“

„Ach, komm schon!“

„Doch, … ja, … Langeweile. Manchmal zumindest.

Aber zugegeben auf recht hohem Niveau.“

„Welch ein Trost.“

„Na, immerhin.“

Mortimer steckt seine Nase tief in das Glas und atmet den Duft eines 32-jährigen Bunnahabhain. Er lässt seinen Blick versonnen über die nicht enden wollenden Vitrinen an den Wänden gleiten. Eine gedämpft illuminierte Parade von Flaschen aller Formen, Farben und Größen. Über 2500 Sorten flüssiges Gold warten hier im Mekka der Whiskyliebhaber auf bonitäre Gaumen und geschulte Zungen. Internationale Loungemusic fließt dezent aus verborgenen Boxen. Von draußen dringt ab und zu das vorzeitige Knallen eines Silvesterböllers. Das ist jedoch das Einzige, was die gediegene Clubatmosphäre kontrapunktiert.

„Aber es war mal anders.“

„Das war es allerdings einmal, mein alter Freund.“

„Und nun?“

„Nun versuchen wir zu genießen, was wir haben.“

„Aber wir haben leider fast alles, … verstehe ich dich richtig?“

„Kann man wahrscheinlich so sehen. Mit Sicherheit sehen manche Leute es so. Und was wir momentan noch nicht haben, könnten wir jederzeit haben.“

„Eben, … und genau diese Tatsache scheint in letzter Zeit immer häufiger das Problem zu sein.“

William umspült mit einem 16-jährigen Highland Park seine Zungenspitze, setzt das Glas sehr langsam neben sich auf dem runden Holztischchen ab, um sich stöhnend in seinem Sessel zurückzulehnen.

„Kannst du dich bitte etwas präziser ausdrücken, mein Lieber?“

„Mir fehlt der Ikigai.“

„Der was bitte?“

„Ikigai, … der Grund, für den es sich lohnt, morgens aus dem Bett zu steigen, in die Hufe zu kommen, den verdammten Arsch hochzukriegen.“

„Ach der! … Du hast doch nicht etwa Depressionen, Will?“

„Blödsinn, Mort! Der Begriff Ikigai kommt aus dem Japanischen. Ich habe gehört, die Bewohner der japanischen Insel Okinawa haben so dermaßen viel von diesem Ikigai in sich, … dermaßen, dass sie noch als klapprige Tattergreise jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe wie verdammte Raketen aus ihren Betten schießen.“

„Deine Jungs und Mädels auf Okinawa nehmen mit Sicherheit Drogen. Wahrscheinlich sehr harte und streng verbotene.“

„Nein, nein, das hat etwas mit der inneren Einstellung zu tun, Will. Lebensinhalt, Motivation, Selbstwertgefühl, Berufung, mentale Mitte, Feng-Shui und dieser ganze Kram. Der Sinn des Lebens und so. Du weißt schon, was ich meine. … Ist ja auch egal, Mann! … Auf jeden Fall, … letztendlich bewirkt dieses Dings, … dieses Ikigai, dass wir beide uns trotz der lähmenden Gewissheit unseres unausweichlich bevorstehenden Todes nicht noch heute Abend vorsorglich vom Piz Bernina stürzen, sondern hier wie zwei kleine aufgeregte Rotzbengel, die zum ersten Mal so richtig lange aufbleiben dürfen, das Feuerwerk zum Jahreswechsel erwarten.“

„Okay, also liege ich mit Depressionen wohl doch nicht so falsch.“

Draußen vor den kleinen Fenstern, auf der anderen Seite des St. Moritzersees, schimmern die hellen Festbeleuchtungen der großen mondänen Hotels. Das Kulm, das Kempinski und das Carlton. Daneben behauptet sich trotzig die angestrahlte schlanke Turmnadel der Dorfkirche. Und über allem türmt sich das weiße Dach der Engadiner Bergwelt in eine sternklare Winternacht.

„Wollen wir noch kurz rüber in den Smokers-Room, bevor wir ins Hotel zurückgehen?“ Williams Mundwinkel zucken kaum merklich. „Und vielleicht kann uns die Agentur dann noch ein paar süße Girls rüberschicken.“

„Zigarre rauchen und bumsen macht mir auch keinen Spaß mehr.“

„Morti, Morti, ich muss mir doch wohl keine Sorgen um dich machen?“

Mortimer kippt den Rest des Bunnahabhain wie einen billigen Schnaps hinunter. Mit weit in den Nacken gelegtem Kopf. Seine Gesichtshaut ist rot angelaufen.

„Doch, das musst du, Will. Und um dich selbst übrigens auch, … dringend!“

„Ich wüsste ehrlich nicht, warum.“

„Weil du satt bist, mein Freund. Weil du und ich, … wir beide, … längst satt sind. Satt, fett, träge, feist und gelangweilt. Und überhaupt …“

Mortimer schreit jetzt fast. Wobei er sich provozierend den anderen im Halbdunkel sitzenden Gästen zuwendet.

„… und überhaupt vollkommen am Ende, … VOLLKOMMEN!“

„Brüll hier bitte nicht so rum, Mort!“, flüstert ihm William ins Ohr. „Oder willst du unbedingt, dass wir aus dem Laden hier rausfliegen? Der wievielte verdammte Whisky ist das da eigentlich in deiner Hand?“

„Erst der Fünfte mein Freund, … erst der FÜNFTE! Und ich bin noch immer bei glasklarem Verstand, … verstehst du? … GLAAASKLAR!“

„Reiß dich gefälligst zusammen. Der Typ dahinten guckt schon so komisch zu uns rüber.“

„Na und? Soll er doch! Das Leben übt eben einfach keinerlei Suggestivkraft mehr auf mich aus.“

„Oh mein Gott, Morti! Was ist bloß los mit dir?“

„Obwohl ich erst vor wenigen Tagen den Kaufvertrag für meine neue Yacht unterzeichnet habe. Eine Pershing 115. Absolut High-End das Gerät! State of the Art! Zwei MTU-Dieselaggregate mit 7400 PS plus – und jetzt halte dich bitte mal ganz doll irgendwo fest – plus einer Gasturbine mit zusätzlichen 5100 PS. In Fachkreisen übrigens Dampfhammer genannt. Dieses Geschoss von Yacht macht mit seinen insgesamt 12500 PS satte 55 Knoten, mein Allerbester. Die katapultiert deinen kleinen schlaffen Arsch mit annähernd 100 Stundenkilometern durch die Karibik. Na und, … ist das etwa nichts? Lediglich eine Kleinigkeit von 100 Milliönchen werde ich den Itakern dafür auf den Tisch blättern müssen. Was sagst du dazu? Mehr geht doch einfach nicht! Aber trotzdem … keinerlei Suggestivkraft, … keinerlei … Sug-ges-tiv-kraft!“

Unten auf der Eisfläche des Sees beginnt jetzt das Neujahrsfeuerwerk. Explodierende Sonnen färben die umliegenden Pisten und Hänge abwechselnd in purpurnes, grünes und blaues Licht. Meteoritenschwärme fächern sich heulend am Himmel auseinander, glühen jäh auf, um verlöschend der Erde entgegenzustürzen. Donnerschlägen folgen glitzernde Sternenkaskaden, die sich wie Lametta über den Menschen abregnen. Die dicht gedrängte Masse am Ufer und auf dem Eis kommentiert das Schauspiel mit Raunen. Champagnerflaschen knallen, Rufe ertönen, Gläser klirren, als würden die Leute plötzlich mit Eiszapfen gegeneinander fechten.

„Frohes Neues übrigens, Morti!“

„Ebenfalls, ebenfalls. Mögen das neue Jahr und die hoffentlich noch kommenden Jahre wenigstens ein bisschen Suggestivkraft für uns beide bereithalten!“

„Und Ikigai … nicht zu vergessen, … Ikigai!“

„Ja, natürlich … Ikigai! … Ikigai für alle! … Prosit Neujahr!“

William stülpt den Rand des leeren Whiskyglases über seine Nase und dreht, während er genüsslich den Restduft des Highland Park einatmet, mehrmals das Glas am Stiel um seine eigene Achse. Als er Mortimer einen Vorschlag für den weiteren Verlauf der Nacht macht, klingt seine Stimme nasal.

„Robbie Williams ist übrigens gestern Abend im Badrutt´s Palace abgestiegen und gerüchteweise gibt er nachher in erlauchter VIP-Runde ein paar seiner Lieblingssongs zum Besten. Als Abgesang auf das alte Jahr sozusagen. Und wir sind wie durch Zauberhand irgendwie mit auf die Gästeliste geraten. Hast du nicht Lust?“

Ächzend setzt er das Glas wieder ab. Um seine Nase herum ist ein blassroter, kreisrunder Abdruck zu erkennen.

„Who the fuck is Robbie Williams?“

„Weiß ich auch nicht. Dann vielleicht ´ne Partie Blitzschach?“

„Schach?! … Jetzt?! … Mit unseren besoffenen Schädeln?“

„Warum nicht? Dann hast du wenigstens mal ´ne minimale Chance.“

„Du bist ja vollkommen verrückt. Aber okay, … warum nicht?“

„Du baust auf.“

I. DER WINTER KEHRT ZURÜCK

Als Fabian Meyerbeer an diesem verschneiten Morgen als erster Kunde des Tages seine Sparkassenfiliale betreten will, scheint es, als würde ihn der von der nächtlichen Reinigungskolonne blankgeputzte Marmor schon seit Stunden persönlich erwartet haben. Da er befürchtet, den, wie eine makellose Eistanzfläche schimmernden Boden, unter seinen Winterstiefeln zu verschmutzen, setzt er seine Schritte sehr behutsam auf. Beinahe mit Ehrfurcht. Denn, dass er hier sein breitprofiliges Schuhwerk anbehalten darf, dass man ihn hier nicht zwingt auf Socken und Zehenspitzen grazil wie eine Ballerina durch das Foyer zu trippeln, empfindet er an diesem denkwürdigen Morgen als barmherzige Großzügigkeit. Als geradezu unterwürfige Geste – ihm – dem König Kunden gegenüber.

Warum? Das weiß er nicht so genau.

Obwohl es natürlich völlig gleichgültig ist, kann Fabian sich nicht spontan für einen der rot lackierten Kontoauszugsautomaten entscheiden. Diesen gesichtslosen, völlig emotionslosen Wachtkästen der Wahrheit. Diesen monetären Orakelmaschinen der Neuzeit.

Stecke dein Stück Plastik in uns hinein und wir spucken dir bis auf die zweite Kommastelle genau aus, wer oder was du bist. Was du darstellst und was am Ende deiner armseligen Tage per Saldo von dir übrigbleiben wird. Spätestens am Tage des Jüngsten Gerichts hältst du den himmlischen Ausdruck in deinen Händen. Das Extrakt deines Lebens, die Quintessenz deines Seins!

Während Fabian, geschlaucht von einer Woche aus schlaflosen Nächten und übermüdeten Tagen, aus seinem abgewetzten Taxifahrerportemonnaie seine Kontokarte fingert, beschleicht ihn wieder diese vertraute Unschlüssigkeit, dieses sanfte Gefühl vorauseilender Resignation. Denn das von diesem delphischen Automaten ans Tageslicht beförderte Ergebnis wird sich traditionsgemäß als ernüchternd, wenn nicht gar bestürzend erweisen. Obwohl sich seine Bestürzung über diese Offenbarung genaugenommen in Grenzen hält. Denn ökonomisch gesehen hat sich seine Existenz seit Jahren tief im Minusbereich manifestiert. Rein numerisch und monetär ist er nüchtern betrachtet seit seiner gesetzlich verordneten Geschäftsfähigkeit eine Non-existent-Person. Und Fabian ist sich ziemlich sicher, dass sich an diesem Befund kaum etwas korrigieren lassen wird. Auf jeden Fall nicht zeitnah.

* * *

Inzwischen haben sich im Vorraum des Bankinstituts eine Handvoll Personen eingefunden. Darunter ein überaus seriös wirkender älterer Herr in einem grauen Lodenmantel, dessen Gesicht im Schatten eines breitkrempigen Hutes mit Gamsbart liegt. Eine übergewichtige, irgendwie derangiert wirkende Frau im zweiten Lebensabschnitt, gepresst in einen farbbeklecksten Maleroverall. Sowie ein unästhetisches, kampfhundähnliches Tier mit Maulkorb, begleitet von einem jungen Mann mit verächtlichem Gesichtsausdruck und ballonseidener Trainingskleidung. Außerdem eine übergewichtige kopftuchtragende Mutter mit offensichtlichem Migrationshintergrund, deren drei Kinder an einem der Tische beflissen wichtige Bankgeschäfte tätigen, indem sie mit ernster Bürokratenmiene verschiedenste Vordrucke bekritzeln, abstempeln und untereinander austauschen. Noch in vielen Jahren wird Fabian sich an jeden Einzelnen dieser, hier heute Morgen versammelten, Menschen erinnern können.

Seine Entscheidung fällt auf den rechten Automaten. Fabian stellt sich hinter den in seriösem Grau gekleideten Herrn mit dem Gamsbart. Die stahlverstärkten Kappen seiner verschlissenen Springerstiefel berühren in militärischer Disziplin die rote Bodenmarkierung mit der Aufschrift: Diskretion.

Während das Gerät beginnt, eine gefühlte Ewigkeit lang einen Auszug nach dem anderen in die Hände des seriösen Herrn zu spucken, fragt sich Fabian, warum er wie so oft eine falsche Entscheidung getroffen hat. Am rechten Nachbarautomat wäre er nämlich längst an der Reihe gewesen. Warum lässt der Gamsbart sich seine Auszüge eigentlich nicht zuschicken? Leitet der einen Großkonzern, oder was? Wie kann man nur so viele Kontobewegungen haben. Der glatte Wahnsinn!

In Fabians rechtem Gehörgang fängt es an zu jucken. Er schiebt seinen gekrümmten kleinen Finger dem Jucken entgegen.

Fabians Blick wandert nach draußen. Hinter den geputzten Schaufensterscheiben steht der dampfende Autoverkehr im seifigen Schneematsch. An der großen Kreuzung spielen die Ampelanlagen verrückt. Sinnlos blinken sie in diesen chaotischen Morgen. Der städtische Winterräumdienst ist offensichtlich überfordert und die alarmierte Verkehrspolizei steckt scheinbar selbst im tiefsten Stau. Jetzt, immerhin schon Ende März, ist dieser massive Wintereinbruch wirklich ungewöhnlich. Der Himmel hängt schwer, wie ein vollgesogener Wattebausch über den umliegenden Dächern. Als würde er Tonnen schmutzigen Schnees für die nächsten Tage bereithalten.

* * *

Als Fabian nach dem Aufwachen auf seinem morgendlichen Toilettengang müde aus dem Fenster schaute, lagen die Straßen beschneit im Licht der Laternen. Noch war alles ruhig und friedlich in seinem Viertel. Er hatte sich abgewandt. Desillusioniert bezüglich des nahenden Frühlings, hatte er sich auf die eiskalte Toilettenbrille sinken lassen. Die Abende würden also vorerst lang und dunkel bleiben. Seinetwegen! Auf jeden Fall würde er den ermüdenden Hemingway endgültig zur Seite legen und sich etwas Neues vornehmen. Vielleicht mal etwas Leichtes. Irgendeine Neuerscheinung aus den Bestsellerlisten. Etwas Knappes und Pointiertes. Etwas Brisantes mit aktuellem politischem Bezug. Auf dem Küchentisch lag eine Nachricht von Connie:

Komme vor 19.00 Uhr leider nicht aus dem Büro! Der Chef hat mal wieder Sonderwünsche. Falls du also kochen willst, musst du selbst einkaufen. Tausend Küsse, Connie.

Auf der Straße stellte er dann fest, dass die meisten Leute mürrische und vom Jahresbeginn enttäuschte Gesichter hatten. Während er mit ihnen gemeinsam an den Ampeln wartete, hatte er sie sich aus den Augenwinkeln genau angeschaut und überlegt, ob irgendjemand vielleicht lachen würde, wenn er jetzt laut einen geschmacklosen, tief unter der Gürtellinie angesiedelten Witz erzählen würde. Wenn er diesen Witz in die einer Trauergemeinschaft ähnlichen Menge quasi hineinbrüllen würde. Wahrscheinlich würde jemand hervortreten und ihm wortlos mehrmals seine behandschuhte Faust ins Gesicht schlagen. Mit versteinerten Gesichtszügen. Bei dieser Vorstellung hatte Fabian seinen Mund zu einem breiten Grinsen verziehen müssen.

* * *

Ein Mädchen mit Zwillingskinderwagen kommt jetzt durch die elektrische Schiebetür herein. Die Geräusche der schnaufenden Metropole schwellen kurz an, um sogleich von dem sanft sich schließenden Mund wieder verschluckt zu werden. Fabian spürt, wie die Müdigkeit zurück in seinen Körper kriecht und beginnt seine Augenlider zu massieren. Dann sieht er in das schmale Gesicht des magersüchtig wirkenden Mädchens. Die Haut über ihren hohlen Wangen ist von der Kälte gerötet. Ein Geflecht feinster Äderchen wie nach einer wilden Schneeballschlacht auf dem Schulhof in der großen Pause. Aus dem überbreiten Kinderwagen des Mädchens ist weder Lallen noch Krähen zu hören. Vielleicht schlafen die Babys oder es liegen gar keine Babys darin. Oder vielleicht benutzt das Mädchen ihn auch nur als Einkaufswagen, denkt sich Fabian, als der seriöse Lodenmantel endlich zur Seite tritt und Fabian seine Plastikkarte in den Schlitz des Automaten stecken darf.

Das Innenleben der Maschine antwortet mit dezentem Summen und Vibrieren. Es erleichtert ihn, dass er die Karte diesmal auf Anhieb richtig herum in den Apparat eingeführt hat. Die vermeintliche Ungeduld der hinter ihm wartenden Kunden ist ihm jedes Mal unangenehm. Er nimmt die wieder zum Vorschein gekommene Karte und den Kontoauszug an sich, knickt das Papier vorsichtig zusammen und setzt sich an einen der noch freien Tische.

Die Kinder am Nebentisch spielen immer noch Büro. Emsig kritzeln und falten sie. Das Kleinste von ihnen hat sich alle noch zur Verfügung stehenden Vordrucke gegrabscht, was sofort einen lautstarken Streit mit seinen Geschwistern auslöst. Ohne messbaren pädagogischen Erfolg murmelt die Mutter ermahnend einige unverständliche Worte. Am Boden hat sich in den letzten Minuten eine bunte Halde aus zerrissenen und zerknüllten Formularen angesammelt.

Der Dispositionskredit, welcher Fabian von der Sparkasse vor einigen Jahren eingeräumt worden war, beträgt bescheidene zweitausend Euro. Fabian erwartet, dass dieser, besonders jetzt am Ende des Monats, ausgereizt, wenn nicht sogar überschritten sein wird. Doch für ihn liegt in dieser Tatsache, wie schon erwähnt, längst nichts Überraschendes oder gar Deprimierendes mehr. Denn die Aufstiegsmöglichkeiten in der Branche der Parkplatzwächter sind naturbedingt begrenzt. Und außerdem waren Ehrgeiz, Fleiß und Erfolgsorientiertheit, zum Leidwesen seiner gutbürgerlichen Eltern, für den Sohnemann tendenziell immer schon eher extraterrestrische Phänomene.

* * *

Das ist ein Irrtum, denkt er. Das kann nicht wahr sein! Fast hätte er einen erschrockenen Ruf ausgestoßen. Ungläubigkeit und heimliche Freude mischen sich in Fabian, als er den auseinandergefalteten Auszug genauer in Augenschein nimmt. Er dreht seinen Kopf langsam nach hinten. Sieht sich verstohlen um. Es müssen doch irgendjemandem in diesem Raum seine innere Elektrisierung und sein plötzlicher Spannungsanstieg aufgefallen sein. Stellen sich die versteckten Zoom-Objektive der Hightech-Überwachungsanlage nicht gerade auf seine Person ein? Tastet nicht irgendein uniformierter Security-Mitarbeiter in einem abgedunkelten Hinterzimmer gerade hastig nach dem Telefonhörer, während er weiterhin fassungslos auf seinen Monitor starrt? Auf das, was sich da unten im Foyer abspielt? Steigen da nicht zwei Polizisten aus einem unauffällig an der gegenüberliegenden Straßenseite abgestellten Streifenwagen? Wahrscheinlich wird ihn gleich ein überaus zuvorkommender Angestellter der Sparkasse mit gedämpfter Stimme ansprechen. Ihn, dezent am Oberarm berührend, beiseite nehmen:

„Herr Meyerbeer, würden Sie dann bitte so freundlich sein und mich für einige Sekündchen begleiten? Wäre Ihnen das vielleicht möglich? … Ja? … Hinten im Konferenzraum haben wir nämlich wesentlich mehr Ruhe für diese, … äh, … Angelegenheit. Dort können wir, … ähem, … das hier, … diese, ... äh, wie soll ich es formulieren, diese kleine … Unregelmäßigkeit … sicher ganz unkompliziert regeln. Ohne viel Aufhebens, verstehen Sie? Ohne allzu viel Staub aufzuwirbeln. Meinen Sie nicht auch, Herr Meyerbeer, dass dies das Allerbeste für alle wäre?“

Ein scharfer Schweißgeruch steigt aus seinem Mantelkragen auf. Fabian spürt seine feuchten Achseln klebrig und heiß unter den Schichten seiner winterlichen Kleidung. Obwohl er glaubt, dass seine Erregung von nun an riechbar sein muss, scheint jedoch weiterhin niemand Notiz von ihm zu nehmen.

Aber in Wahrheit wissen sie natürlich alle bestens Bescheid. Sie tun alle nur scheinheilig, so betont unbeteiligt. Das hier ist ein abgekartetes Spiel. Irgendein Schmierentheater. Versteckte Kamera oder sowas. Auf jeden Fall eine riesige Schweinerei. Eine Falle. Und in jedem Moment wird sie zuschnappen! Gleich werden um mich herum Tränengas-, Nebel- und Blendgranaten explodieren. Ein schwarz maskiertes Sonderkommando wird brüllend die Bank stürmen. Mit entsicherten automatischen Waffen martialische Befehle durcheinanderrufend. Sie werden mich im Bruchteil einer Sekunde überwältigen. Werden ihre harten professionellen Nahkämpferknie in meinen unsportlichen Rücken rammen, meine kraftlosen Arme nach hinten verdrehen, mein Gesicht brutal auf den kalten Marmor pressen und mir meine verbliebenen Rechte ins Ohr schreien. Während sich die kalte, todbringende Mündung einer Maschinenpistole in mein Genick bohrt.

* * *

Doch der beschlipste Kassierer hinter seiner Panzerglasscheibe macht ganz im Gegenteil ein außergewöhnlich freundliches Gesicht. Der Mann scheint Fabian jetzt sogar bestätigend, wenn nicht gar motivierend, zuzunicken:

„Es hat alles seine Richtigkeit, Herr Meyerbeer. Machen Sie sich um Gotteswillen keine Sorgen!“, scheinen seine Augen mitteilen zu wollen. „Nach all den Jahren haben wir uns die Freiheit genommen, Ihnen, – ja, Ihnen, Herr Meyerbeer, – eine bescheidene Erkenntlichkeit zukommen zu lassen. Oh ja, Herr Meyerbeer, wir machen so etwas durchaus häufiger. Denn wir sind gar nicht so skrupellos und berechnend, wie es unberechtigterweise manchmal den Anschein hat. Nein, durchaus nicht. Bedauerlicherweise handelt es sich hierbei zumeist um medial kolportierte Vorurteile einer bewusst in die Irre geführten Öffentlichkeit. Aber es entspricht einfach nicht der Unternehmensphilosophie unseres traditionsreichen Hauses große Verlautbarungen über gewisse Abläufe, über gewisse … liebgewonnene Geschäftsrituale zu machen. Diesbezüglich fühlen wir uns ganz dem Understatement der hanseatischen Kaufmannstradition verpflichtet. Jedoch zurück zu Ihnen, Herr Meyerbeer. Diesmal, – diesmal sind Sie vom CHARITY TRUST unseres alteingesessenen Instituts als „König Kunde des Monats“ auserkoren worden. Man hat getagt – bis spät in die Nacht, wie ich aus sicherer Quelle erfahren konnte –, und hat Sie auserwählt. Sie, Herr Meyerbeer. Freuen Sie sich darüber. Gönnen Sie sich etwas. Schlagen Sie ruhig mal über die Stränge. Nur Mut! Aber Sie wissen ja: Das oberste Gebot unseres ehrwürdigen Kreditunternehmens ist und bleibt die Diskretion. Und alle Beteiligten sollten diesen bewährten finanzgeschäftlichen Kodex beherzigen. Diskretion! Wir verstehen uns doch, Herr Meyerbeer? Unsere, … wie soll ich es ausdrücken, ... unsere Zusammenarbeit, … unser klitzekleines Joint Venture gedeiht nur auf beiderseitiger, … kann nur in einer Atmosphäre aus einvernehmlicher Diskretion gedeihen.“

Der Kassierer hat jetzt seine goldumrandete Brille abgenommen und beginnt die Gläser in aller Ruhe mit einem Tuch zu putzen. Mehrmals, so scheint es Fabian, mehrmals blinzelt der Mann ihm währenddessen mit konspirativer Verschmitztheit zu.

* * *

Jetzt ganz ruhig und entspannt bleiben, denkt er, während er sich wie in Zeitlupe aufrichtet. Erstmal muss ich irgendwie raus hier! Fabian durchquert das Foyer in einem benommenen Zustand. Bei jedem seiner wankenden Schritte in Erwartung, von irgendjemandem angesprochen oder aufgehalten zu werden.

Irgendjemand wird mir gleich ein Bein stellen. Vielleicht eines der Kinder. Vielleicht wird das magersüchtige Mädchen plötzlich ein Springmesser zücken und mir die Klinge höhnisch grinsend unter den Adamsapfel pressen. Vielleicht zaubert sie auch aus ihrem Zwillingskinderwagen eine riesige schwarzglänzende Pumpgun hervor, um mit dieser direkt in meine Weichteile zu zielen. Vielleicht wartet draußen vor dem Ausgang der Gamsbart mit gezücktem BKA-Ausweis, um mich zuvorkommend aufzufordern, doch bitte in das bereitstehende Dienstfahrzeug zu seinen überaus freundlichen Kollegen zu steigen: „Und bitte keine Mätzchen, Herr Meyerbeer! Das wäre doch unter unser aller Niveau, nicht wahr?“

Doch überraschenderweise lassen sie Fabian ungehindert nach draußen entkommen.

Tief atmet er die kalte Winterluft. Ein wenig schwankt er noch, aber er fühlt sich spontan viel besser. Dann macht er sich auf den Weg über die inzwischen mit Sand bestreuten Gehwege. Irgendwohin. Genaueres über sein Ziel weiß er noch nicht. Hauptsache weit weg von hier. Hauptsache ein Ort, an dem er inkognito und ungestört den Kontoauszug entfalten und betrachten kann. Aber seine Schritte sind jetzt auf einmal ganz leicht und federnd, und wer es sehen will, könnte in seinen Augen einen entrückten Schimmer erkennen.

Fabian kommt sich auf einmal vor, wie ein vom Zufall begünstigter Dieb. Ein armseliger Kleinkrimineller, welcher sein unglaubliches Glück über das Gelingen eines riskanten, eigentlich drei Nummern zu groß geratenen Coups noch nicht fassen kann. Ein Ganove, welcher, noch gänzlich im Unklaren über die komplette Tragweite der neu eingetretenen Situation, sich selbst, sein mickeriges Leben und die ganze Welt darum herum schlagartig mit anderen Augen sieht.

* * *

Einige Straßen weiter setzt er sich in ein kleines, so früh am Tag noch leeres Café. Hier fühlt er sich halbwegs sicher. Fabian nippt an einer Russischen Schokolade, einem Getränk, welches er um diese Tageszeit noch nie in seinem Leben konsumiert hat. Er inhaliert den süßlichen Rauch einer selbstgedrehten Zigarette. Immer wieder muss er mit bebenden Händen das Papier auseinanderfalten, um die dort aufgedruckte Ziffernkombination zu betrachten. Es könnte doch sein, dass sein Blick in die falsche Zeile gerutscht ist, dass er ein Minuszeichen oder ein Komma übersehen hat. Ein Druckfehler, ein ganz banaler Zahlendreher vielleicht? Könnte doch sein. Aber nein, er hat sich nicht getäuscht.

Das aufkeimende schlechte Gewissen des vernünftigen Erwachsenen wird sofort von einer Flut kindlicher Euphorie ins Meer gespült. Mama und Papa werden schon nichts bemerken. Und wenn doch, dann, … dann werde ich ihnen einfach sagen, dass ...

Fabian beobachtet den qualmenden Zigarettenstummel im Aschenbecher und drückt ihn ganz aus. Er spürt plötzlich die Wirkung des Wodkas. Streicht über seine verschwitzte Stirn. Er betastet sein raues unrasiertes Kinn, während er auf das rechteckige Papier vor sich auf dem Tisch starrt.

Vor dem Café staut sich der Verkehr. Bläulich eingefärbte Gesichter kleben an den beschlagenen Scheiben eines ächzenden Linienbusses. Nichts voneinander ahnend, erst recht nichts von Fabian und seinem innerlichen Feuerwerk. Der Bus ist beklebt mit Palmen, makellosem Sandstrand und haushoch brandenden Südseewellen. Wir machen aus Fernweh Urlaub! Die tiefblauen Wogen Polynesiens scheinen dem Betrachter aus den Fenstern wie eine lauwarme Springflut entgegenzuschwappen. Irgendjemand betätigt nervös dreimal die Hupe seines Autos. Die Hupe eines anderen Autos gibt mit einem langen Ton Antwort. Dann ist die Straße für einen Moment still. Die Szenerie hinter der Scheibe hat eine merkwürdige Unschärfe bekommen. Wie eine tonlose Hintergrundprojektion in einem alten Hitchcockstreifen. Der Film hält jetzt an.

Wenn ich nun die Augen schließen und nach drei Sekunden wieder öffnen würde, überlegt sich Fabian, würde ich dann zuhause in meinem warmen Bett aufwachen? Um aufzustehen und ans Fenster zu treten? Um den frischgefallenen Schnee auf den Straßen zu sehen? Um mit der kalten Klobrille unter dem Hintern über neuen Lesestoff nachzudenken? Um Connies handgeschriebene Nachricht zu lesen?

Doch dann bekommt die Szene hinter der Scheibe wieder Konturen. Der Film gerät allmählich wieder in Bewegung. Der Bus nimmt langsam seine Fahrt auf. Ein erschöpftes Urzeitwesen auf der Flucht vor der nahenden Eiszeit. Der Projektor läuft wieder rund.

Hinter dem gläsernen Tresen beobachtet Fabian eine junge Bedienung mit rot gefärbter Haarpracht, welche in einem verwaschenen Hardrock-Café-T-Shirt lautstark mit Geschirr und Besteck hantiert. Nebenbei aufgeregt mit jemandem telefonierend. Wahrscheinlich ihre allerbeste Freundin. Mit Sicherheit die zweitbeste Freundin. Fabian kann nicht vermeiden, ab und zu Halbsätze des Gesprächs aufzuschnappen.

„… sie hintergangen, … sowas von total unfair, … immer hintenrum, … sowas von falsch und verlogen, … immer schon gewusst, … direkt ins Gesicht sagen!“

Seine zittrigen Finger greifen nach dem fast leeren Tabakpäckchen, um sich aus den verbliebenen Krümeln eine neue Zigarette zu drehen. Meine wievielte ist das heute eigentlich, fragt er sich?

„... voll feige, … immer dieselbe Masche, … diese ewige Fremdgeherei, … echte Schlampe eben, … kannst du einfach nichts machen, … Fotze!“

Die Espressomaschine faucht, und in den weißen Lautsprecherboxen in den Ecken des pink gestrichenen Raums sitzt ein penetrant plappernder Jüngling, der für die nächsten Tage die „von den Leuten dieser obercoolen Kühlschrankstadt“ seit Wochen ersehnten frühlingshaften Temperaturen voraussagt.

„Holt Badehosen, Bikinis und Sonnenmilch aus euren Schränken, Leute. Ja, ihr habt richtig gehört. Die Hitze wird absolut unerträglich werden. Sie wird euch das Gehirn aus den winterdumpfen Schädeln burnen! Die Zeit des Sofachillens ist endgültig vorbei, Leute! Und hier kommt nun unser dritter Vorschlag für das Voting des heißesten Sommerhits aller Zeiten.“

Aus der Box über Fabians Kopf scheppert das Gitarrenintro von Summer in the City in der Coverversion von Joe Cocker.

Die Laserdruckerfarbe auf dem rechteckigen Papier ist zwar ein wenig blass, doch die Zahlenreihe, die Fabian dort lesen kann, wird sich für immer tiefschwarz in seine Erinnerung stanzen. Jemand hat mit einer Barüberweisung 8333 Euro und 33 Cent auf sein Girokonto eingezahlt. Jemand mit dem Namen Thorsten Döbler. Ein Mensch, welcher Fabian bis heute absolut unbekannt war.

II. 8333 EURO UND 33 CENT

Die Prophezeiungen des Radiomoderators sollten sich bewahrheiten. In der ersten Aprilwoche streicht ein schmeichelnder Luftstrom wie mit Seidentüchern über die rissige Gesichtshaut der Menschen. Aus den Grünanlagen und Parks weht eine würzige Brise den aufwühlenden Duft des Frühlings. Er beatmet Straßenzüge, Plätze und Wohnungen, weht bei Sonnenaufgang, neben dem Geräusch des erwachenden Verkehrs, auch wieder Vogelgezwitscher in die Schlafzimmer.

Es kribbelt in den auftauenden Extremitäten der Millionenstadt, und von Tag zu Tag scheint der Missmut der zurückliegenden Monate aus den erkalteten Herzen ihrer Bewohner zu verfliegen. An Bushaltestellen, Supermarktkassen und in Wartezimmern ergeben sich spontane Gespräche mit Fremden über geplante Urlaube, Hochzeitsfeiern, Grundsteinlegungen und Betriebsjubiläen. Überstandene Grippeinfektionen und die im Winter verstorbene Urgroßoma werden nur noch in Nebensätzen erwähnt. Kinderlachen, das Krähen von Neugeborenen und unbeholfenes Klavierspiel schallen in manchen Vierteln aus aufgerissenen Balkon- und Verandatüren auf die Gehwege, wo sie sich mit aus Autofenstern dröhnenden Beats der Radio-Charts mischen. So vergehen der April und die Osterzeit.

Und auch Fabian würde jetzt am liebsten laut lachen wie ein Kind. Den Kontoauszug in seinen Händen haltend, kann er nämlich kaum glauben, was er da sieht. Einmal ist keinmal, hatte er sich vor vier Wochen gesagt. Er hatte sich fest entschlossen abzuwarten, sich im Zweifelsfalle dumm zu stellen, es einfach darauf ankommen, auf sich zukommen zu lassen. Zwar hatte er in der Vergangenheit einmal von einer Frist gehört. Einer zweimonatigen Frist, innerhalb derer nach Bankirrtümern oder Fehlüberweisungen die entsprechenden Summen automatisch zurückgebucht würden. Weshalb er sich geschworen hatte Geduld zu beweisen und das Geld unangetastet zu lassen. Was habe ich schon zu verlieren? Vor allem hatte er sich vorgenommen, niemandem etwas von seiner Existenz zu erzählen. Irgendwann – vielleicht erst in einigen Jahren – würde er Cornelia überraschen und mit ihr endlich den von ihnen beiden lange ersehnten Trip nach Kalifornien antreten. Sozusagen als nachträgliche Hochzeitsreise.

Dann würde er mit ihr Hand in Hand auf den Spuren von Detective Mike Stone und Inspector Steve Heller durch die steilen sonnendurchfluteten Straßen von San Francisco schlendern. Als Endlosschleife die Titelmusik von Patrick Williams in den Ohren. Sie würden mit wehenden Haaren auf dem Trittbrett der Cable Cars die California Street hinauffahren. Oder im Abendrot in einem Cabrio langsam über die Golden Gate Bridge cruisen. Tief unter ihnen in der dunkelblauen Bucht von Frisco lägen die weißen Gemäuer und der Wasserturm der Gefängnisinsel von Alcatraz.

Und jetzt das hier. Erst dieser ominöse Thorsten Döbler. Und nun, genau einen Kalendermonat später, hatte ihm auch noch eine gewisse Marianne Fossloh-Siegel Geld auf sein Konto eingezahlt. Marianne Fossloh-Siegel, wer immer diese Frau war. Und zwar unfassbarerweise erneut den exakten Betrag von 8333 Euro und 33 Cent.

* * *

Diesmal entscheidet sich Fabian in ein stilles Friedhofscafé im Nachbarstadtteil zu gehen. Dort bestellt er sich ein skurrilerweise auf der Karte befindliches Fitnessfrühstück, zündet sich eine Zigarette an und verschwindet hinter einer großformatigen Zeitung. Er fühlt sich wie ein systemfeindlicher Undercoveragent in den Hochzeiten des Kalten Krieges. Wie ein Protagonist aus der Romanwelt von John le Carré. Fehlen nur noch Trenchcoat, Schlapphut, die Minox in der hohlen Hand und die Wanze im steifen Hemdkragen. Angeheuert vom hinter dem Eisernen Vorhang residierenden KGB, für den er einmal im Monat in wechselnden Etablissements westliche Topsecret-Informationen gegen Bargeld eintauscht. Im roten Kugelschreiber befindet sich der Mikrofilm, im blauen die aufgerollten Banknoten.

Erfolglos versucht er sich auf einen dreispaltigen Artikel über Menschenhandel, Boatpeople und Schleuserbanden zu konzentrieren. Wenn Geburtenkontrolle und Entwicklungshilfe nicht bald Erfolge zeigen würden, heißt es dort, könnte – laut Hochrechnungen – in zehn Jahren eine der Bevölkerung des Saarlandes entsprechende Menschenmenge in den Fluten des Mittelmeers ertrunken sein. Auf Grundlage dieser Prognose hätte ein rechtsradikaler Europaabgeordneter vor dem kollektiv empörten Brüsseler Parlament in seiner Rede von der