Der Schwur des Maorimädchens - Laura Walden - E-Book

Der Schwur des Maorimädchens E-Book

Laura Walden

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6,99 €

Beschreibung

Auckland 1920. Vivian ist nicht freiwillig nach Neuseeland gereist. Es war der letzte Wille ihrer Mutter, dass sie bis zur Volljährigkeit bei ihrem Vater lebt. Einem Mann, der sich nach ihrer Geburt aus dem Staub gemacht hat und der sie nun nicht gerade herzlich empfängt. Deswegen kommt es Vivian gelegen, dass sein Adoptivsohn Frederik sie auf eine Reise in die Bay of Islands mitnimmt. Er soll einen Artikel über einen alten Maori schreiben, dessen merkwürdiges Gebaren für einiges Aufsehen sorgt. Warum wehrt er sich so verbittert gegen das Denkmal zu Ehren jenes Missionars, der sich um die Maori so verdient gemacht hat? Während Vivian immer tiefer in die Geschichte des alten Mannes eintaucht, erkennt sie, dass diese eng mit ihrem eigenen Schicksal verknüpft ist -

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Seitenzahl: 722

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Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

PROLOG

1. TEIL

AUCKLAND, FEBRUAR 1920

PARNELL/AUCKLAND, FEBRUAR 1920

PARNELL/AUCKLAND, FEBRUAR 1920

PARNELL/AUCKLAND, FEBRUAR 1920

PARNELL/AUCKLAND, FEBRUAR 1920

WHANGAREI, FEBRUAR 1920

MOUNT PARAHAKI/WHANGAREI, DER NÄCHSTE MORGEN, FEBRUAR 1920

PAIHIA, KORORAREKA (RUSSELL), MAI 1844

PAIHIA, AM GLEICHEN ABEND, JUNI 1844

MAIKI HILL, KORORAREKA (RUSSELL), MAI 1844

PAIHIA, AM NÄCHSTEN MORGEN, MAI 1844

MOUNT PARAHAKI/WHANGAREI, FEBRUAR 1920

MOUNT PARAHAKI/WHANGAREI, FEBRUAR 1920

PAIHIA, SEPTEMBER 1844

PAIHIA, NÄCHSTER MORGEN, SEPTEMBER 1844

PAIHIA, AM GLEICHEN NACHMITTAG, SEPTEMBER 1844

PAIHIA, ZUR GLEICHEN ZEIT, SEPTEMBER 1844

PAIHIA, AM GLEICHEN ABEND, SEPTEMBER 1844

WHANGAREI, FEBRUAR 1920

TE WAIMATE, JANUAR 1845

PAIHIA, JANUAR 1845

TE WAIMATE, ENDE FEBRUAR 1845

PAIHIA/RUSSELL (KORORAREKA) 10. MÄRZ 1845

RUSSELL (KORORAREKA), 11. MÄRZ 1845

RUSSELL (KORORAREKA), 11. MÄRZ 1845, ETWA ZUR GLEICHEN ZEIT

MAIKI HILL, NUR WENIG SPÄTER, 11. MÄRZ 1845

TE WAIMATE, 13. MÄRZ 1845

TE WAIMATE, ENDE MÄRZ 1845

2. TEIL

WHANGAREI, FEBRUAR 1920

WANGANUI, FEBRUAR 1864

WANGANUI, FEBRUAR 1864

WANGANUI, AM ABEND DES GLEICHEN TAGES, FEBRUAR 1864

WHANGAREI, FEBRUAR 1920

DUNEDIN, APRIL 1866

DUNEDIN, SEPTEMBER 1866

WHANGAREI, FEBRUAR 1920

DUNEDIN, JANUAR 1867

DUNEDIN, APRIL 1871

DUNEDIN, SEPTEMBER 1871

WHANGAREI, MÄRZ 1920

MANGAWHAI, JANUAR 1880

WHANGAREI, MÄRZ 1920

MANGAWHAI, JANUAR 1884

MANGAWHAI, FEBRUAR 1885

MANGAWHAI, FEBRUAR 1885

WHANGAREI, APRIL 1885

WHANGAREI, MÄRZ 1920

AUCKLAND, APRIL 1885

WHANGAREI, MÄRZ 1920

NACHWORT

Über die Autorin

Laura Walden studierte Jura und verbrachte als Referendarin viele Monate in Neuseeland. Das Land fesselte sie so sehr, dass sie es zum Schauplatz eines Romans machen wollte. Wenn Laura Walden nicht zu Recherchen in Neuseeland weilt, lebt sie mit ihrer Familie in Hamburg. www.laurawalden.de

Laura Walden

DERSCHWUR DESMAORI-MÄDCHENS

Neuseelandsaga

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe:

Copyright © 2012 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Friedel Wahren

Titelillustration: © LOOK-foto/age fotostock

Umschlaggestaltung: Christina Krutz Design

Datenkonvertierung E-Book:

Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-1532-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

PROLOG

Der Missionar beschleunigte seinen Schritt. Wenn er das Boot nach Paihia noch rechtzeitig erreichen wollte, musste er sich beeilen. Er schnaufte ein wenig, als er den Bergkamm überquerte, um die Abkürzung am Fluss entlang zu nehmen. Wie immer im Frühjahr hatte sich das ruhige Gewässer in einen reißenden Strom verwandelt. Er mochte die Wildheit der Natur. Das war einer der Gründe, warum er trotz der immerwährenden Sehnsucht seiner Frau nach den sanften, lieblichen Feldern der alten Heimat nicht zur Rückkehr zu bewegen war. Nein, am anderen Ende der Welt empfand er jene grenzenlose Freiheit, die ihm in England nicht vergönnt gewesen war. Einmal abgesehen davon, dass er hier eine überaus befriedigende Aufgabe zu erfüllen hatte. Was konnte schöner sein, als in die feierlich glänzenden dunklen Augen der Einheimischen zu blicken, wenn er sie taufte? Und er durfte nicht ohne Stolz von sich behaupten, dass er schon viele von ihnen zum christlichen Glauben bekehrt hatte. Ein markerschütternder Schrei riss ihn aus seinen Gedanken. Erschrocken blieb er stehen und blickte sich nach allen Seiten um. Als er sah, was dort ein paar Schritte vor ihm am Flussufer vor sich ging, durchfuhr ihn ein eiskalter Schauer.

Mit Musketen bewaffnete Maori trieben einen Jungen vor sich her und zwangen ihn, ins Wasser zu gehen. Der Reverend kämpfte mit sich. Sollte er sich bemerkbar machen und das Unglück verhindern? Das konnte gefährlich werden, denn er erkannte auf einen Blick, dass die Männer Fremde waren. Noch nie zuvor hatte er diese Art von Tattoos gesehen, die jene Maori wie einen edlen Schmuck und voller Stolz im Gesicht trugen. Gewöhnlich fürchtete er die Begegnung mit fremden Stämmen nicht, aber diese Männer machten keinen freundlichen Eindruck. Im Gegenteil, immer wenn der Junge sich umdrehte und um sein Leben schrie, schnitten sie Furcht erregende Grimassen, die fatal an jene erinnerten, die Maori-Krieger beim Haka zogen.

Der Junge stand bereits bis zu den Knien im kalten Wasser. Ein paar Schritte noch, und er würde vom Strom mitgerissen werden und jämmerlich ertrinken. Das konnte der Reverend trotz der Furcht vor diesen Männern nicht mit seinem Gewissen vereinbaren.

»Lasst den Jungen los!«, brüllte er so forsch wie möglich. Etwa ein Dutzend Gesichter drehte sich auf einmal zu ihm um. Der Häuptling in seinem schmückenden Federmantel gab seinen Leuten ein Zeichen zu schweigen. Dann trat er einen Schritt vor und schrie etwas zurück, was der Missionar nicht sofort verstand. Das bewies ihm endgültig, dass diese Maori Fremde waren, denn die Sprache der örtlichen Stämme war ihm inzwischen vertraut. Gut sogar, denn er unterrichtete schließlich in der Missionarsschule ihre Kinder. Überdies sprachen die meisten von ihnen inzwischen eine Art Maori-Englisch, sodass sie sich problemlos mit den Pakeha verständigen und vor allem Handel mit ihnen treiben konnten.

Wenngleich dem Reverend nicht wohl war, trat er scheinbar unerschrocken auf den Häuptling zu. Nun versuchte er, ihn auf dem in der Bay of Island üblichen Kauderwelsch anzusprechen.

»Woher kommt ihr?«

Der Häuptling zögerte, doch dann erwiderte er schroff: »Wir sind hier, um die Ahnen zu rächen.«

»Das ist nicht wahr!«, rief der Junge, der zitternd im kalten Wasser stand.

Er spricht gutes Englisch, stellte der Reverend erstaunt fest. Und er erkannte an dessen Kleidung, dass er offenbar der Sohn eines Häuptlings war. Sein Mantel war aus prächtigen Emufedern gefertigt. Der Junge hatte ihn nach oben gezogen, damit sich die Federn nicht voller Wasser saugten.

»Geh deines Weges!«, befahl der Häuptling und funkelte den Reverend aus seinen glühenden Augen an.

»Ich bewege mich nicht von der Stelle, bevor ich nicht weiß, was hier geschieht«, erwiderte er entschieden.

»Sie haben das Dorf meiner Eltern niedergebrannt und alle umgebracht!«, brüllte der Junge verzweifelt.

»Sein Vater und seine Männer haben einst unser Dorf überfallen und sich die schönsten Mädchen genommen. Und nun haben wir sie endlich aufgespürt, und das war die Strafe, doch unsere Ahnen werden erst Ruhe geben, wenn der Sohn des Häuptlings vom Fluss Kerikeri verschluckt wird.«

Ein lautes Aufheulen – ähnlich dem eines verletzten Tieres – ließ dem Reverend das Blut in den Adern gefrieren. Es kam nicht von dem Jungen, wie er irritiert feststellen musste.

»Was ist das?«, fragte er.

In diesem Augenblick trat hinter einem der Maori ein Mädchen hervor. Sie besaß große braune Augen, aus denen die nackte Angst sprach. Ihr Haar war lang, glatt und dunkel glänzend. Der Reverend schätzte sie auf acht oder neun Jahre, und er hatte noch niemals zuvor ein so hübsches Kind gesehen.

»Und was habt ihr mit dem Mädchen vor?«, wollte er wissen, ohne den Blick von der kleinen Schönheit zu wenden, doch da wurde sie bereits von einem der Männer an der Hand gepackt und hinter die Gruppe zurückgestoßen, sodass er sie nicht mehr sehen konnte.

»Wir werden sie mitnehmen und später mit einem der Unseren verheiraten. Wir haben zu wenig Frauen, seit sie uns überfallen haben«, erklärte der Häuptling ungerührt.

»Aber was können wir dafür? Du hast unsere Eltern getötet. Du gehörst in den Fluss!«, schrie nun der vor Kälte am ganzen Körper bebende Junge voller Wut.

»To wahe hakirara!«, brüllte der Häuptling zurück und machte seinen Männern ein Zeichen, den Jungen zu packen. Er hatte ihn soeben als Lügenmaul bezeichnet, und der gekränkte Maori schien nun kurzen Prozess mit dem verfeindeten Häuptlingssohn machen zu wollen.

Der Reverend atmete ein paarmal tief durch. Was sollte er nur tun? Gegen ein Dutzend zu allem entschlossener Krieger konnte er nichts ausrichten. Und mit Worten war der Häuptling offenbar nicht zu besänftigen. Oder doch? Der Reverend musste es versuchen.

»Gib ihn mir!«, verlangte er in scharfem Ton.

Der Häuptling wandte sich an seine Männer und übersetzte ihnen, was der Pakeha gerade von sich gegeben hatte. Ein lautes Lachen war die Antwort. Nein, mit frommen Worten oder gar einem Appell an die christliche Nächstenliebe kam der Reverend hier nicht weiter.

Er überlegte fieberhaft, womit er die Krieger sonst locken konnte. Da fiel ihm das Geld ein, das er sich soeben in der Missionsstation von Kerikeri hatte auszahlen lassen. Es war für die Bestellung neuer Bibeln aus London gedacht gewesen. Die müssen warten, sagte sich der Reverend. Er räusperte sich, bevor er dem kämpferischen Krieger ein Geschäft vorschlug.

Der Häuptling stutzte, dann brach er in lautes Gelächter aus, sodass dabei seine weißen Zähne hervorblitzten.

»Aber womit willst du handeln? Hast du Musketen?«

Der Reverend warf einen abschätzigen Blick auf die Reihe der Krieger, die bis unter die Haarspitzen bewaffnet waren.

»Wie ich sehe, habt ihr bereits ausreichende Waffengeschäfte getätigt.«

Der Häuptling lachte immer noch und bemerkte spöttisch: »In Kororareka bekommst du alles, was dein Herz begehrt.«

Der Reverend runzelte die Stirn. Ja, das Höllenloch des Pazifiks, wie dieser gottlose Ort inzwischen genannt wurde, war ihm seit Langem ein Dorn im Auge. Dort herrschte Gesetzlosigkeit. Hoffentlich hat der Häuptling bei seinem Aufenthalt in dem verfluchten Hafennest nicht mitbekommen, wie ehemals stolze Maori-Mädchen nachts zu den Schiffen rudern, um sich an die Seefahrer zu verkaufen, ging es dem Reverend durch den Kopf. Er war davon überzeugt, dass das den Zorn des fremden Häuptlings sicher noch verstärkt hätte, denn die Waffen nahmen sie gern, aber konnten sie auch mit den Schattenseiten der Käuflichkeit umgehen?

Die Männer hatten den Jungen mittlerweile von allen Seiten umzingelt, bereit, ihn in den Fluss zu werfen, falls er nicht freiwillig ging.

Wenn der Reverend ihn retten wollte, musste er endlich handeln, statt sich weiter tatenlos den Kopf zu zerbrechen. Vorsichtig zog er seine Börse aus der Umhängetasche und holte das Geld hervor. Und selbst wenn diese Kerle es in neue Musketen umsetzen würden, er musste es tun. Er konnte nicht zusehen, dass sie diesen Jungen wie eine Katze ersäuften.

Zögernd reichte er dem Häuptling das ganze Geld für die neuen Bibeln. Es war nicht gerade wenig.

»Gebt mir den Jungen, und es gehört euch«, erklärte er und versuchte kühl zu klingen. Wohl war ihm nicht, denn wie konnte er wissen, wie dieser Häuptling zu den Pakeha stand? Die Vertreter der örtlichen Stämme konnte der Reverend inzwischen einschätzen, aber dieser Stammesanführer, der offensichtlich aus dem Süden gekommen war, nur um sich an dem Stamm des Jungen zu rächen – wer weiß, wozu der imstande war? Was, wenn sie sich mein Geld nehmen und mich gleich mit ertränken?, schoss es dem Reverend durch den Kopf. Dann ist es Gottes Wille, versuchte er sich einzureden. Überzeugt davon war er allerdings nicht so recht, denn er hing an seinem Leben. Allein aus Liebe zu seiner Frau durfte er nicht im Kerikeri verschwinden. Ihm wurde ganz warm ums Herz bei dem Gedanken an sie. Er liebte sie mehr als sein Leben. Nein, das konnte er ihr nicht antun. Und er durfte sie auch nicht mit ihrem gemeinsamen Sohn allein zurücklassen. Sie war dem Bengel nicht gewachsen. Er war ein wilder Bursche, und wer konnte schon wissen, wo er endete, wenn ihm die väterliche Strenge fehlte? Wenn er nur daran dachte, dass der Kerl trotz all der Schläge immer wieder nach Kororareka durchbrannte, nur um sich mit dem Abschaum herumzutreiben. Dabei war der Bengel erst vierzehn. Sein eigenes Aufseufzen riss den Reverend aus seinen trüben Gedanken. Er straffte die Schultern. Handeln musste er, nicht grübeln.

»Nun entscheide dich! Ich habe nicht ewig Zeit. Willst du mir den Jungen verkaufen oder nicht?«

Der Häuptling aber hörte ihm gar nicht mehr zu. Er war damit beschäftigt, das Geld zu zählen. In seinem Gesicht stand die Frage geschrieben, wie viele Musketen er wohl dafür bekommen würde.

Der Missionar setzte jetzt alles auf eine Karte. Er trat dem Häuptling entgegen und nahm ihm wortlos das Geld aus der Hand.

»Dann eben nicht«, murmelte er betont gleichgültig und wandte sich zum Gehen. Sein Herz klopfte wie wild, denn was sollte er tun, wenn der Häuptling ihn nicht zurückrief? Einfach nach Hause zurückkehren und so tun, als hätte er nichts gesehen? Er holte tief Luft und zählte leise und stumm bis drei.

»Warte, Pakeha! Nun warte doch!«, hörte er die schmeichelnde Stimme des Häuptlings hinter sich. Der Reverend verkniff sich ein Lächeln und wandte sich betont gleichgültig um.

Der Häuptling gab seinen Leuten ein Zeichen, den Jungen aus dem Wasser zu holen. Kaum waren sie mit ihm am Ufer angekommen, stieß der Häuptling ihn hinüber zum Reverend. »Nimm ihn! Die Ahnen werden uns nicht zürnen, wenn wir ihn verkaufen.«

Der Junge kam ins Straucheln, doch er fand im letzten Moment wieder festen Tritt unter den Füßen. Kaum war er auf dem Trockenen angelangt, verschränkte er trotzig seine Arme vor der Brust.

»Ich gehe nicht mit! Ich gehöre zu meinen Leuten«, verkündete er und reckte das Kinn trotzig vor.

Der Reverend starrte den störrischen Jungen fassungslos an. War das der Dank, dass er ihm das Leben gerettet hatte?

»Du gehörst nicht zu uns«, spuckte der Häuptling verächtlich aus.

»Aber sie gehört zu mir!«, erwiderte der Junge und deutete auf das Mädchen, das erneut zitternd hinter den Männern hervorgetreten war und sie alle stumm aus großen, schreckensweiten Augen anblickte.

»Sie spricht nicht mehr, seit unsere Eltern getötet wurden, und ich gehe keinen Schritt ohne sie«, erklärte der Junge mit fester Stimme.

Der Reverend war unschlüssig. War das Mädchen die Schwester? Er begriff, dass der Junge sie nicht zurücklassen wollte, aber er befürchtete, dass der Häuptling nicht bereit war, weitere Geschäfte mit ihm zu tätigen. Und vor allem, womit sollte er ihn bezahlen? Und noch etwas anderes bereitete ihm Unbehagen. Dem Jungen fehlte es an jeglicher Demut. Er war stolz. Zu stolz. Der Reverend schätzte ihn auf zehn oder elf Jahre. Jedenfalls für jünger als seinen Sohn, aber nicht minder eigensinnig. Ob dieser Junge ihm eines Tages ebenso viel Ärger bereiten würde wie sein eigener? Ja, der Reverend fühlte es beinahe körperlich. Ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken. Doch nun konnte er nicht mehr zurück. Das hätte er sich vorher überlegen müssen. Wenn er auf leisen Sohlen umgekehrt wäre und sich fortgeschlichen hätte … Ihm wurde mulmig zumute. Was holte er sich da ins Haus, und wie würde seine Frau reagieren, die ohnehin nicht so gut mit den Maori auskam? Sie behauptete immer, diese Menschen seien als Krieger geboren und spielten ihnen den Frieden nur vor, um jederzeit losschlagen zu können. Nämlich dann, wenn sie das Vertrauen der Pakeha erschlichen hätten. Der Reverend teilte diese Ansicht nicht. Er glaubte daran, dass sie alle den Weg zu seinem Gott finden und ihre heidnischen Bräuche über kurz oder lang aufgeben würden.

In diesem Augenblick aber überfielen ihn gewisse Zweifel, jedenfalls was diesen Jungen betraf. Sein dunkles, für einen Maori auffallend kantiges Gesicht, das kein Tattoo schmückte, strahlte etwas Unbezähmbares aus, etwas, das ihm große Sorge bereitete.

Der Reverend straffte erneut seine Schultern. Es gab kein Zurück. Und mehr noch. Wenn er den Jungen schon mitnahm, dann nicht ohne das Mädchen. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie auf lange Sicht einen guten Einfluss auf ihn ausüben würde. Denn bei all ihrer Angst war zu erkennen, dass sie ein sanftmütiges Wesen besaß.

Da fiel dem Reverend seine goldene Taschenuhr ein, die er einst zur Geburt seines Sohnes von seinem Vater geschenkt bekommen hatte. Damals in England. Es war ein prachtvolles Stück und der einzige wertvolle Gegenstand, den der Reverend jemals besessen hatte.

Ohne zu zögern, öffnete er den Verschluss der Uhrkette, nahm sie in die Hand und reichte sie dem Häuptling.

»Du bekommst die Uhr, und ich darf das Mädchen mitnehmen!«

Der Häuptling hielt die Uhr gegen das Sonnenlicht, während er überlegte. Er rümpfte die Nase, und der Reverend befürchtete bereits das Schlimmste. Doch dann ging ein Strahlen über das Gesicht des Häuptlings.

»Kahurangi Pounamu!«, rief er begeistert aus und deutete auf die grün funkelnden Edelsteine, die den Uhrdeckel zierten.

Der Reverend nickte zustimmend. Er würde sich hüten, den Irrtum aufzuklären. Für die Maori war der Pounamu, der Greenstone, ein heiliger Schatz. Um den Hals trug der Häuptling ein Amulett aus diesem sattgrün schimmernden Stein, der der gewöhnlichen Jade nicht unähnlich war. Warum sollte er ihm die Illusion nehmen und erklären, dass es sich um vier winzige Smaragde handelte? Der Häuptling lächelte immer noch. In seinem Gesicht stand die Entschlossenheit geschrieben, dass er diese Uhr auf keinen Fall wieder hergeben würde.

»Gut, Pakeha. Sie ist ohnehin nicht so hübsch wie unsere Frauen. Sie ist viel zu mager«, verkündete der Häuptling gönnerhaft und rief dem Mädchen etwas auf Maori zu. Der Reverend meinte herauszuhören, dass sie nun dem Pakeha gehöre und zu ihm gehen solle, doch sie rührte sich nicht vom Fleck. Stattdessen starrte sie hilfesuchend den immer noch vor Kälte bibbernden Maori-Jungen an. Der blickte aufmunternd zurück, nahm sie entschlossen bei der Hand und trat auf den Reverend zu. Gemeinsam verließen sie unter den Blicken der Kämpfer diesen Ort des Schreckens.

Unterwegs sprachen die beiden Kinder kein Wort. Der Junge trug ein hochmütiges und abweisendes Gesicht zur Schau, das den Referend frösteln ließ. Noch bevor er zu Hause in Paihia seine Haustür öffnete, ahnte er, dass er einen großen Fehler begangen hatte, aber er wusste auch, dass er nicht mehr zurückkonnte. Es waren keine Hunde, die er an der nächsten Ecke wieder aussetzen konnte, sondern zwei Kinder Gottes, für die er die Verantwortung übernommen hatte.

Das hätte ich mir vorher überlegen sollen, durchfuhr es ihn. Nun gehören sie mir.

1. TEILDER MISSIONARUNDSEINE KINDER

Ka mate, ka mate! ka ora! ka ora!

Ka mate! ka mate! ka ora! ka ora!

Tēnei te tangata pūhuruhuru

Nāna nei i tiki mai whakawhiti te rā

Ā, upane! ka upane!

Ā, upane, ka upane, whiti te ra!

’Tis death! ’tis death! (or: I may die)

’Tis life! ’tis life! (or: I may live)

’Tis death! ’tis death!

’Tis life! ’tis life!

This is the hairy man

Who brought the sun and caused it to shine

A step upward, another step upward!

A step upward, another … the sun shines!

Aus: Ka Mate, ein Haka, komponiert von Te Rauparaha,

Häuptling der Ngati Toa, 1810

AUCKLAND, FEBRUAR 1920

Vivian stand mit vom Fahrtwind und vor Aufregung geröteten Wangen an der Reling des Dampfschiffes Prinzessin Beatrice und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vergessen waren die Strapazen der langen Reise, die ihr dank eines Billettes der zweiten Klasse nicht ganz so beschwerlich vorgekommen war.

Ach, Mutter, dachte sie wehmütig, wenn du dieses hellgrüne Wasser und diese kleinen verzauberten Inseln nur sehen könntest … Sie seufzte. Ihre Mutter war tot und hatte ihr allein diese Fahrkarte und eine Adresse in Auckland hinterlassen. Und dazu einen Brief, den sie erst auf dem Schiff hatte lesen sollen, doch bislang war sie nicht einmal dazu gekommen. Ständig hatten ihr mitreisende junge Herren den Hof gemacht und ältere Herren versucht, sie unter ihre Fittiche zu nehmen.

»Du siehst aus wie ein aus dem Nest gefallener Vogel, den man einfach beschützen will und liebhaben muss«, hatte ihre Mutter stets geseufzt. Vivian fand das gar nicht. Sie war stark. Daran änderte auch ihre Größe nichts. Sie war klein und zierlich, besaß glattes, langes schwarzes Haar, das sie züchtig eingerollt und aufgesteckt trug, einen dunklen Teint und große braune Augen. Ihr außergewöhnliches Aussehen hatte ihr in London oft scheele Blicke der Frauen eingebracht, während die Männer sie sehnsuchtsvoll angestarrt hatten. Das hatte sie nur noch stärker werden lassen. Sie hatte sich schließlich damit abgefunden, eine Außenseiterin zu sein. Eine Exotin, wie die Mädchen in der Schule sie, nicht immer unbedingt nett gemeint, genannt hatten.

Natürlich hatte sie ihre Mutter mehr als einmal mit der Frage bedrängt, warum sie eine so dunkle Haut, dunkle Augen und dunkles Haar besaß, während deren eigenes Gesicht von vornehmer Blässe gewesen war. Ihre Mutter Mary hatte ihr etwas von einem italienischen Vorfahren erzählt.

O Mutter, dachte Vivian und fühlte die Schamesröte auf ihren Wangen brennen, während sie sich daran erinnerte, wie wütend sie diese noch kurz vor deren Tod angegangen war. Am Abend, als Mary ihr das Billett für die Prinzessin Beatrice und diese Adresse in Auckland gegeben hatte. Sie erinnerte noch den genauen Wortlaut ihres heftigen Streites.

»Du fährst nach Neuseeland zu deinem Vater«, hatte ihr die Mutter mit ihrer sanften und von der langen Krankheit bereits geschwächten Stimme zu erklären versucht.

»Zu meinem Vater?«, hatte Vivian wutentbrannt geschrien. »Du meinst doch nicht etwa den Mann, der dich nach meiner Geburt sang- und klanglos verlassen hat und in seine Heimat geflüchtet ist. Ans andere Ende der Welt, damit du ihn ja nicht findest, oder?«

»Vivi, du bist ungerecht, er hat immer für uns gesorgt.«

Vivians Antwort war ein hässliches Lachen gewesen. »Gesorgt? Er hat dir Geld geschickt. Er hat dich bezahlt.«

Ihre Mutter war in Tränen ausgebrochen, aber selbst das hatte Vivians Zorn nicht bezähmen können.

»Ich habe dich das noch nie gefragt, aber bevor du mich zu diesem Kerl schickst: Hat er vielleicht eine dunkle Hautfarbe? Habe ich das etwa von ihm? Ist er der Italiener?« Letzteres hatte sie mit einem spöttischen Unterton gesagt.

»Nein, dein Vater ist kein Italiener, kein … nein, er ist hellhäutig wie ich«, hatte Mary gequält entgegnet.

»Ach, dann hat er dich vielleicht verdächtigt, dass ich von einem anderen Mann bin, und hat er sich deshalb aus dem Staub gemacht? Bin ich etwa von einem ganz anderen Mann als ihm, und du wolltest das vertuschen?«, hatte Vivian unbarmherzig spekuliert.

»Bitte, Vivi, nichts von alledem. Er ist dein leiblicher Vater. Warte, bis du auf dem Schiff bist. Ich habe dir ein paar Zeilen geschrieben, damit du verstehst, was …«

»Und warum sagst du mir nicht einfach die ganze Wahrheit? Hast du Sorge, ich würde dann nicht auf das verdammte Schiff gehen? Aber das werde ich auch ohne deinen Brief nicht tun. Ich bleibe bei dir!«

Mary hatte daraufhin nach ihrer Hand gegriffen und unter Tränen gefleht: »Es ist mein Letzter Wille. Er ist doch dein Vater. Versprich es mir!«

»Aber er will mich nicht. Glaubst du, ich fahre um die halbe Welt, damit er mich wieder zurückschickt?«

»Ich habe ihm geschrieben, dass und wann du ankommst.«

»Ach ja? Und er hat Freudensprünge aufgeführt?«

Mary schlug die Augen nieder. »Er freut sich auf dich.« Das klang schwach.

Vivian hatte kein Wort geglaubt, doch als ihre Mutter sich schließlich in Krämpfen gewunden und verzweifelt ihre Hand gedrückt hatte, war sie bereit gewesen, ihren Widerstand aufzugeben.

»Mutter, ich schwöre dir: Ich gehe auf dieses Schiff. Ich fahre nach Neuseeland«, hatte sie unter Tränen versprochen.

Daraufhin war Mary in einen tiefen Schlaf gefallen. In einen Schlaf, aus dem sie nicht mehr erwachen sollte. Aber das hatte Vivian erst am nächsten Morgen gemerkt, als sie ihre Mutter hatte waschen und ihr das Frühstück bringen wollen. Vivians durchdringender Schrei hatte sogar die Nachbarn herbeigeholt.

»Na, so allein, junge Frau? Gibt es jemanden, der Sie abholt, oder soll ich Sie in dem Wagen mitnehmen, der mich erwartet?«, hörte Vivian wie von ferne eine männliche Stimme fragen. Sie fuhr herum und blickte einem untersetzten älteren Herrn mit schlohweißem Haar geradewegs in das vor Aufregung gerötete Gesicht. Wie sie diese Blicke anekelten. Was dachte sich so ein alter Mann eigentlich dabei, sie zu einer Autofahrt einzuladen? Würde er das auch bei der hochgewachsenen blonden Schönheit wagen, die links von ihr stand und ebenfalls fasziniert die Einfahrt in den Hafen von Auckland beobachtete?, schoss es Vivian durch den Kopf.

Täuschte sie sich, oder legte er seine Hand nun absichtlich so dicht neben ihre, dass sie einander berühren mussten? Wütend zog sie die Hand weg und wechselte, ohne ein Wort zu sagen, ihren Platz.

Die Inseln kamen immer näher, und Vivian schlug das Herz bis zum Hals. Das war mehr, als sie sich erträumt hatte. Noch niemals zuvor hatte sie so grünes Wasser gesehen. Sie hatte ein Buch über ihre neue Heimat mit an Bord genommen und es förmlich verschlungen. In diesem Werk wurden wahre Hymnen auf die unglaublich schöne Natur Neuseelands gesungen. Gletscher, tropische Wälder, Wasserfälle, weite Strände … Und die Natur war das Einzige, worauf sich Vivian von Herzen freute, weil sie sich vorstellte, dass dieses ganze Land mehr zu bieten hatte als der Regent’s Park. Das war die Art von Natur gewesen, die sie bislang gekannt hatte, abgesehen von den wenigen Ausflügen an die Küste. Auf das Meer war sie besonders gespannt gewesen … Und nun war es von diesem unbeschreiblichen Grün.

Trotzdem wäre sie viel lieber in London geblieben, aber sie war erst achtzehn und hatte keine Verwandten in der Stadt. Die Eltern ihrer Freundin Jane hätten sie zwar gern bei sich aufgenommen, aber Vivians schlechtes Gewissen wegen ihres allerletzten Streites mit der Mutter war so übermächtig, dass sie sich nicht traute, sich deren Letztem Willen zu widersetzen. Außerdem hatte sie es ihr geschworen. In gewisser Weise sah sie diese Reise auch als Strafe dafür an, dass sie nicht in Frieden mit ihrer Mutter auseinandergegangen war. Hatte Mary nicht stets nach einem Streit gebeten, sich schnell wieder zu versöhnen? »Es kann ja einem von uns etwas zustoßen, und dann verzeihen wir uns nicht, dass wir uns im Bösen getrennt haben«, hatte sie stets gemahnt. Vivian hatte das nie so ganz ernst genommen. Nun musste sie schmerzhaft erkennen, wir recht ihre Mutter damit gehabt hatte. Vivian kämpfte mit den Tränen bei dem Gedanken, dass sie keine Gelegenheit mehr für eine Entschuldigung haben würde. Und erneut fragte sie sich, was dieser Mann, zu dem ihre Mutter sie geschickt hatte, für ein Mensch sein mochte. Töchterliche Gefühle wollten sich bei ihr jedenfalls nicht einstellen. Dazu hatte sie ihre Mutter viel zu sehr geliebt. Obwohl Mary immer nur gut von Peter gesprochen und sogar behauptet hatte, er habe sie geliebt, hatte das auf Vivian nicht abgefärbt. Sie war nicht bereit, ihm zu verzeihen, dass ihre Mutter ein Leben lang gelitten hatte. Ja, sie ging so weit, auch die tückische Krankheit, die Marys Körper langsam zerfressen hatte, auf den feigen Abgang ihres Vaters zurückzuführen. Was gab es Gemeineres als einen Mann Gottes, der eine junge Frau schwängerte, ihr die Ehe versprach und sich am Tag der Geburt des Kindes auf Nimmerwiedersehen absetzte? Vivian wurde allein bei dem Gedanken daran flau, diesem Kerl gleich begegnen zu müssen, doch dann zog das Anlegemanöver ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich. An der Pier standen Hunderte von aufgeregt winkenden Menschen, als der Dampfer festmachte. Die Geräuschkulisse war gewaltig. Quietschendes Eisen, Stimmengewirr, das Tuten des Schiffshorns, eine Kapelle, die zu ihrer Ankunft spielte …

»Ich bin gespannt, wer meiner ist«, sagte eine junge Rothaarige aus einem Pulk von Frauen direkt neben ihr kichernd und deutete nach unten. Vivian erblickte eine laut grölende Gruppe grobschlächtiger Kerle, die den Frauen Handküsse zuwarfen. Vielleicht stimmte es ja wirklich, was Jane ihr scherzhaft zum Trost mit auf den Weg gegeben hatte. »Ich beneide dich glühend, es soll in Neuseeland viel mehr heiratswillige Männer geben als hier. Also, wenn ich in London keinen finde, komme ich nach …«

Unwillkürlich musste Vivian lächeln, doch das verging ihr schon in demselben Augenblick wieder. Du bist keine Frau zum Heiraten, hatte ihr einmal ein junger Mann, mit dem sie öfter ausgegangen war, an den Kopf geworfen, nachdem sie sich geweigert hatte, allein mit ihm in seine Wohnung zu gehen. Einmal abgesehen von der Erfahrung mit diesem unverschämten Kerl war sie ohnehin nicht sonderlich daran interessiert, eine Ehefrau zu werden. Sie träumte davon, für eine Zeitung zu schreiben. Ihre größte Angst war allerdings, so wie ihre Mutter allein mit einem Kind sitzen gelassen zu werden. Deshalb empfand sie kein großes Bedürfnis, überhaupt mit Männern auszugehen. Und das hatte sie ihre Verehrer an Bord auch zur Genüge spüren lassen.

Nachdem das Schiff festgemacht hatte, begann ein furchtbares Geschiebe und Gedränge. Weder die Auswanderer noch die Reisenden konnten es erwarten, endlich neuseeländischen Boden zu betreten.

Vivian aber ließ sich bewusst Zeit. Sie trödelte absichtlich, als könne sie die Begegnung mit ihrem Vater auf diese Weise doch noch vermeiden. Als eine der Letzten ging sie die Gangway hinunter. Die Menschenmengen am Pier hatten sich merklich gelichtet. Vivian seufzte. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als nach ihrem Vater Ausschau zu halten. Sie erschrak. Wie sollte sie ihn erkennen? Ihre Mutter hatte ja nicht einmal ein Bild von ihm besessen. Und die Beschreibung, dass er groß, blond gelockt und stattlich war, traf auf mehr als die Hälfte der wartenden Männer zu.

Als sie schließlich mit ihrem Gepäck, drei unterschiedlich großen Koffern, an der Pier stand, wollte sie plötzlich jeglicher Mut verlassen. Ihr war zum Heulen zumute. Dagegen half auch kein Blick zurück auf die märchenhafte Bucht, in der das Schiff sie ausgeladen hatte. Sie fühlte sich so verloren und verfluchte ihre Entscheidung, dem Willen ihrer Mutter Folge geleistet zu haben. Wenn ich doch nur bei Jane sein könnte, dachte sie, als sie einen hochgewachsenen blonden Mann auf sich zusteuern sah. Sie stutzte. Das konnte unmöglich ihr Vater sein. Dieser Mann war jung, allerhöchstens Mitte zwanzig.

»Entschuldigen Sie, Sie sind nicht zufällig Vivian Taylor?« Er blickte sie prüfend an und fügte, bevor sie antworten konnte, hastig hinzu: »Nein, sorry, das sind Sie sicher nicht.«

Vivian hielt seinem Blick stand. »Warum sind Sie sich da so sicher?« Sie versuchte freundlich zu klingen, obgleich sie sich maßlos über sein ungläubiges Staunen ärgerte. »Sie zweifeln daran wegen meiner dunklen Haut, nicht wahr?«, fügte sie spitz hinzu.

Der junge Mann war sichtlich verlegen. »Sie haben recht. Man hat Sie mir nicht beschreiben können. Ihr Vater hat Sie wohl zuletzt als Säugling gesehen, wenn ich recht informiert bin. Und er ist nun einmal jemand, der beim ersten Sonnenstrahl einen Hut aufsetzen muss. Sonst bekommt er einen Sonnenbrand. Er ist ausgesprochen blass, würde ich sagen. Das sollten Sie übrigens auch tun, auch wenn Sie einen wesentlich dunkleren Teint als Ihr Vater haben.«

»Was sollte ich tun?«, fragte Vivian angriffslustig. Hatte dieser Kerl nichts Besseres zu tun, als ihr unter die Nase zu reiben, dass sie ihrem Vater so gar nicht ähnlich sah?

»Einen Hut aufsetzen! Die Sonne ist sehr kräftig in diesen Breiten.« Er lächelte sie gewinnend an und reichte ihr die Hand. »Ich bin Frederik, Sie können mich auch Fred nennen. Ihr Vater hat mich geschickt. Er war verhindert. Eine Hochzeit. Das Paar wollte unbedingt vom Bischof höchstpersönlich getraut werden.« Er lächelte immer noch, während er ihr herzlich die Hand schüttelte.

Spitzbübisch, wie Vivian fand, und sie konnte sich nicht helfen, der junge Mann war ihr trotz allem Vorbehalt gegen die neue Heimat sympathisch.

Aber wer in aller Welt war dieser Fred? Auch ein Geistlicher? Und hatte sie ihn gerade richtig verstanden, dass ihr Erzeuger der Bischof von Auckland war? Sie konnte sich gerade noch verkneifen, ihn mit neugierigen Fragen zu überfallen. Er musste ja nicht unbedingt wissen, dass er ihr Interesse erweckt hatte.

Frederik nahm einen ihrer Koffer und hievte ihn auf die Ladefläche eines roten Wagens, einer Art kleinen Lastwagens.

»Nehmen Sie doch schon mal auf dem Beifahrersitz Platz«, schlug er vor und blickte sie aus seinen graugrünen Augen prüfend an. »Oh, verzeihen Sie. Rede ich zu viel? Sie sind ja völlig verstummt. Sie nehmen mir doch hoffentlich nicht übel, dass ich meinte, Sie könnten nicht Vivian sein.« Er lächelte entschuldigend.

Vivian erwiderte sein Lächeln. »Nein, so schnell verschlägt es mir nicht die Sprache. Was meinen Sie, was ich mir in meinem Leben schon alles anhören musste. Na, zu lange in der Sonne gebraten? War dein Vater Indianer? Wissen Sie, dass mich Ihre Exotik schier verrückt macht? Wenn ich jedes Mal beleidigt wäre, ich hätte viel zu tun. Und was meinen Sie, was ich früher alles angestellt habe, um blasser zu werden. Ich bin nicht in die Sonne gegangen, habe mich mit Talg eingeschmiert, mich abgeschrubbt, bis mir die Haut in Fetzen hing …«

»… um Himmels willen, nicht doch! Sie sind wunderschön – so, wie Sie sind.«

»Würden Sie das auch einer blassen weißen Frau, die Sie gerade einmal fünf Minuten kennen, so unverblümt sagen? Oder trauen Sie sich das nur bei einer Exotin wie mir?«, konterte Vivian und konnte ihm dennoch nicht wirklich böse sein.

Fred lächelte sie verschmitzt an. »Nein … doch … nein … also, das würde ich sicher auch bei einer blassen Dame tun, aber ich habe selten eine Frau getroffen, die mich auf den ersten Blick so beeindruckt wie Sie. Und das liegt weniger an Ihrem wunderschönen Teint als vielmehr an Ihrer erfrischend offenen Art.«

Das verschlug Vivian die Sprache. Hoffentlich sieht er nicht, dass ich rot geworden bin, schoss es ihr durch den Kopf, während sie hastig auf den Beifahrersitz kletterte.

»Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten«, bemerkte er entschuldigend, als er die Tür hinter ihr schloss. Dann holte er ihr restliches Gepäck und fuhr mit ihr durch Auckland. Vivian kam aus dem Staunen nicht heraus. Es sah hier merkwürdig ländlich aus. In der Hauptstraße gab es zwar einige höhere Gebäude und sogar solche aus Stein, aber der Rest waren zweistöckige Holzhäuschen, die alle ein Vordach besaßen.

»Auckland muss Ihnen doch, gemessen an London, wie ein Dorf vorkommen«, bemerkte Fred.

Konnte er Gedanken lesen? Ohne sich ihm zuzuwenden, nickte sie eifrig. Sie bogen in eine Straße ein, in der nur noch kleine Einzelhäuser aus Holz standen, bis sie in einen Teil der Stadt kamen, der zwar auch von Holzhäusern gesäumt war, die aber ungleich prächtiger wirkten. Es schien ihr, als hätten sich die Bewohner dieses Viertels gegenseitig mit viktorianischen Verzierungen übertrumpfen wollen.

»Das ist Parnell«, erklärte ihr Fred. »Hier haben immer schon die reicheren Leute gewohnt. Und sehen Sie dort. Das ist Selwyn Court. Dort hat der erste Aucklander Bischof gelebt. Wir wohnen leider nicht ganz so hochherrschaftlich.«

Wir? Vivians Neugier wuchs. Wohnte er mit ihrem Vater unter einem Dach? Und schon rutschte es ihr heraus: »Sind Sie auch Geistlicher?«

Seine Antwort war ein kehliges Lachen. »Gott bewahre!«, rief er aus. »Ich bin Sklave beim New Zealand Herald.«

Vivian wandte sich interessiert zu ihm um. »Sie sind Reporter?«

Er nickte eifrig.

»Das wäre ich auch geworden, wenn man mich in London gelassen und nicht gezwungen hätte, in diesem letzten Ende der Welt zu versauern«, stieß sie wütend hervor. Erst an Freds betroffenem Blick erkannte sie, dass sie ihn mit ihren groben Worten beleidigt haben musste. Das war nicht ihre Absicht gewesen.

»Entschuldigen Sie, das ist mir nur so herausgerutscht. Ich wollte das nicht so sagen, ich …«, stammelte sie.

»Ich entnehme Ihren Worten, dass Sie nicht freiwillig, geschweige denn gern nach Auckland zu Ihrem Vater gereist sind.«

»Pah, Vater. Wenn ich das schon höre. Ich kenne den Mann doch gar nicht. Er hat meine Mutter mitsamt ihrem Neugeborenen, also mir, sitzen gelassen. Das ist alles, was ich von ihm weiß. Und das ist kein guter Grund, ihn aufzusuchen. Es war der Letzte Wille meiner Mutter, hierherzukommen. Und der ist mir heilig.« Letzteres sagte sie leise und traurig.

»Es tut mir leid. Ich bin ungeschickt. Ich wusste doch nicht, wie Sie zu ihm stehen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich überhaupt erst vor einigen Wochen von Ihrer Existenz erfahren und …« Er unterbrach sich. »Wir sind da.« Er machte aber keine Anstalten auszusteigen, sondern musterte sie durchdringend. »Vivian, lassen Sie sich nicht von seiner manchmal recht groben Art abschrecken. Er ist im Grunde seines Herzens ein guter Mensch.«

»Danke für den Ratschlag, aber das passt in das Bild, das ich von ihm habe. Ich hege keine Illusion, was den Charakter dieses Menschen angeht, und werde ohnehin nur so lange hierbleiben, bis ich volljährig bin. Dann wird das erste Schiff zurück nach England meines sein.«

Fred sah sie beinahe mitleidig an. »Ich wollte nur vermeiden, dass Sie enttäuscht sind, wenn Sie ihn kennenlernen.«

Vivian aber hörte ihm gar nicht mehr zu. Sie sprang gehetzt aus dem Wagen, denn nun wollte sie es nur noch hinter sich bringen. Arm ist er nicht, dachte sie, als sie staunend das hochherrschaftliche Haus betrachtete. Mit Bitterkeit dachte sie an die Verhältnisse zurück, in denen sie mit ihrer Mutter hatte leben müssen. Ein bescheidenes Zimmerchen für sie beide, mehr war ihnen nicht vergönnt gewesen, während dieser Mann … Ach, sie wollte sich das Herz nicht unnötig beschweren. Und nun war es zu spät zur Umkehr. Sie hatte sich schon so vieles in ihrem Leben erkämpft. Ihren hervorragenden Schulabschluss trotz des Widerstandes der Lehrer, die partout nicht an sie glauben wollten, oder den Gleichmut gegenüber den Sticheleien ihrer Mitschülerinnen. Sie würde die Zähne zusammenbeißen und diese drei Jahre klaglos überstehen.

Eine wohlige sommerliche Wärme, die sie jetzt erst richtig wahrnahm und die sie wie eine Wolke einhüllte, bekräftigte sie in ihrem Entschluss. Wie hatte ihre Mutter immer gesagt? Ach ja, alles im Leben habe sein Gutes. Ja, und die Luft hier am anderen Ende der Welt war ungleich lieblicher. Vivian atmete noch ein paarmal tief ein, bevor sie mit pochendem Herzen auf die Haustür zuging.

PARNELL/AUCKLAND, FEBRUAR 1920

Vivian saß am weit geöffneten Fenster und blickte versonnen in den Garten. Dabei sog sie staunend die fremden Gerüche tief ein und konnte sich nicht sattsehen an den intensiven Farben der ihr völlig fremden Blumen. Sie war in London höchstens bei einem Spaziergang durch den Park in den Genuss gekommen, frische Blumen zu betrachten. Auch die Geräusche waren ganz anders als in London. Wo zu Hause der Lärm der Stadt sogar durch die geschlossenen Fenster in die Wohnungen gedrungen war, herrschte hier eine angenehme schläfrige Ruhe.

Ein forderndes Klopfen an der Tür des geräumigen Zimmers, in das Fred sie vorhin gebracht hatte, ließ sie aufschrecken. Zu ihrem großen Bedauern hatte der junge Mann bald nach ihrer Ankunft zurück in den Verlag eilen müssen.

»Herein!«, rief Vivian und wandte ihren Blick neugierig zur Tür. Sie war enttäuscht, als eine ältere Frau eintrat. Und sie spürte sofort eine Aversion gegen sie in sich aufsteigen. Sie schätzte die hagere Fremde auf vierzig bis fünfzig Jahre. Was ihr auf Anhieb missfiel, war der Blick, mit dem diese Person sie unverschämt musterte.

»Wie war die Reise?«, fragte die Frau nun in unerwartet höflichem Ton und konnte ihr Erstaunen über Vivians Aussehen doch nicht verbergen. Dabei versuchte sie zu lächeln.

»Wie war die Reise?«, wiederholte sie.

»Gut, aber dürfte ich einmal erfahren, wer Sie überhaupt sind? Ich habe eigentlich meinen Vater erwartet.«

Das eben noch krampfhaft lächelnde Gesicht der Frau gefror zur Maske.

»Ich habe nur nett sein wollen, aber lassen wir das Drumherumgerede. Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass ich auch nicht begeistert bin, eine erwachsene Tochter zu bekommen …«

»… entschuldigen Sie bitte, aber ich bin nicht Ihre Tochter. Was erlauben Sie sich?«, fauchte Vivian, doch dann dämmerte es ihr. »Sind Sie … ich meine … sind Sie seine Frau?«

»Wer denn sonst? Ich bin Rosalind Newman«, gab die Frau des Bischofs empört zurück.

»Aber Sie werden schon verstehen, dass ich Sie nicht Mutter nennen werde, nicht wahr?«, erwiderte Vivian mit einem spöttischen Unterton.

»Das fehlte noch. Am liebsten wäre es mir, du würdest mich Misses Newman nennen, auch wenn wir unter uns sind. Ach, was hat sich deine Mutter nur dabei gedacht, dich uns zu schicken?«

»Das frage ich mich allerdings auch«, entgegnete Vivian wütend.

Diese Äußerung brachte ihr einen verwirrten Blick Rosalinds ein. »Heißt das, du hast es gar nicht gewollt?«

»Richtig, ich lege keinen Wert darauf, den Mann kennenzulernen, der sich mein Vater schimpft. Es ist der Letzte Wille meiner Mutter, und den habe ich zu respektieren.«

»Na gut. Es ist nicht zu ändern. Irgendwann rächt sich jeder Fehltritt.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Entschuldige, das ist mir nur so herausgerutscht. Er hat sich immer bedeckt gehalten, was sein Verhältnis zu deiner Mutter angeht, aber jetzt wird mir so einiges klar. Ich konnte doch nicht ahnen, dass deine Mutter eine Maori war. Ich habe ja von deiner Existenz überhaupt erst kürzlich erfahren.«

Vivian schluckte trocken. Ich habe ja von deiner Existenz erst kürzlich erfahren. Das hatte sie heute schon einmal gehört. Aus Freds Mund. Aber hatte er sie auch für die Tochter einer Maori gehalten? Es war nicht eben viel, was Vivian über die Maori wusste. Nicht mehr und nicht weniger, als in ihrem Buch gestanden hatte. Und das war mehr als dürftig gewesen. Immerhin aber genug, um zu wissen, dass ihre Mutter nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit den Maori auf den Abbildungen besaß.

»Meine Mutter ist noch hellhäutiger als Sie, Misses Newman. Aber falls Sie auf meinen dunklen Teint anspielen, einer meiner Vorfahren war wohl ein Italiener.«

Vivian stutzte. So plausibel ihr diese Erklärung ihrer Mutter sonst auch immer erschienen war, in diesem Augenblick machten sich leise Zweifel bemerkbar.

Rosalind aber reichte ihr versöhnlich die Hand und erklärte seufzend: »Dann bin ich ja beruhigt. Aber es ist nicht fair, uns ungefragt ihr Kind ins Haus zu schicken. Nun müssen wir eben das Beste daraus machen.«

»Keine Sorge, ich bleibe keinen Tag länger, als ich unbedingt muss. An meinem einundzwanzigsten Geburtstag bin ich fort«, erwiderte Vivian hastig. Dass man sie so unverhohlen ablehnen würde, das hatte sie nicht in Betracht gezogen. Eigentlich hatte sie erwartet, dass ihr Vater sie reumütig empfangen und ihr mit fadenscheinigen Ausreden kommen würde, warum er ihre Mutter einst in einer so schwierigen Lage allein in London zurückgelassen hatte.

»Darf ich Sie zu einem kleinen Ausflug durch unser schönes Parnell entführen?«, unterbrach Freds wohlklingende Stimme Vivians Gedanken.

Erfreut wandte sie sich zu ihm um. Er kam ihr wie gerufen. Sie verspürte keine Lust, sich weiter mit der Ehefrau ihres Vaters zu unterhalten.

»Na, du hast deine Meinung aber schnell geändert, was die Ankunft dieses Mädchens betrifft. Und schon spielst du den fürsorglichen Bruder«, bemerkte Rosalind an Fred gewandt in spitzem Ton.

»Bruder?« Das traf Vivian so unvorbereitet, dass sie ins Wanken geriet und sich auf einen Stuhl fallen ließ. »Bruder?«, wiederholte sie fassungslos.

»Mutter«, schimpfte Fred, »hör auf damit! Wir haben beschlossen, sie freundlich aufzunehmen. Sie kann schließlich nichts dafür und hat gerade erst ihre Mutter verloren. Sie nimmt dir doch nichts weg!«

Vivian atmete tief durch.

»Ich möchte gern allein sein«, murmelte sie.

»Aber Vivian, ich glaube, Sie brauchen dringend frische Luft«, widersprach Fred besorgt, doch da hatte seine Mutter ihn bereits am Ärmel durch das halbe Zimmer gezogen.

»Du hast doch gehört, was sie gesagt hat. Komm!«

Unter der Tür wandte sich Rosalind noch einmal um.

»Dein Vater erwartet dich um acht Uhr in seinem Arbeitszimmer. Und sei bitte pünktlich. Er kann Unpünktlichkeit nicht ausstehen. Bitte zieh das verschwitzte Reisekostüm aus und kämm dir die Haare. Er hasst Unordnung.«

Nachdem die Tür endlich zugeklappt war, schlug Vivian die Hände vor das Gesicht und weinte bittere Tränen. Die Gedanken in ihrem Kopf überschlugen sich. Ihr Vater war also verheiratet gewesen, als er ihre Mutter geschwängert hatte. Deshalb hatte er sie sitzen gelassen. Warum hat sie mich bloß nicht darauf vorbereitet, dass er eine Familie hat?, fragte sich Vivian verzweifelt. Dann hätte ich doch wenigstens gewusst, was mich hier erwartet. Ja, sie konnte Rosalind sogar ein wenig verstehen, denn welche Frau nahm schon gern das Ergebnis eines Seitensprunges bei sich auf?

Der Vorsatz, ihr Schicksal tapfer zu ertragen, geriet gefährlich ins Wanken.

PARNELL/AUCKLAND, FEBRUAR 1920

Bischof Peter Newman saß stocksteif in einem schweren Ledersessel hinter seinem Schreibtisch. Er trug immer noch seinen feierlichen Chormantel. Eine Zornesfalte hatte sich tief in die Stirn eingegraben, während er versuchte, Frederiks Worte ungerührt zur Kenntnis zu nehmen. Der junge Mann war vor ein paar Minuten einfach in sein Arbeitszimmer gestürmt und hatte ihn sogleich auf das Mädchen angesprochen. Immer wieder verlangte er, die ganze Wahrheit zu erfahren. Wenn er nur ahnen würde, wie unchristlich meine Gedanken sind, ging es dem Bischof durch den Kopf. Warum musste sie mir das antun? Warum nur? Sie hätte doch wissen müssen, dass das jede Menge unangenehmer Fragen mit sich bringen würde. Kein Mensch in seiner Umgebung hatte von seinem Kind in London gewusst, und keiner hätte es je erfahren, wenn Mary nicht jenen Brief geschrieben hätte, der dummerweise Rosalind in die Hände gefallen war. Ein kurzer Brief. Darüber konnte er zwar froh sein, nachdem seine Frau ihn zufällig gefunden hatte, aber wenn er ehrlich war, hatten ihn ihre mageren Worte auch ein bisschen gekränkt. Bin krank, werde sterben, schicke Dir unsere Tochter … Und dann die Daten von Vivians Ankunft in Auckland. Aber was hatte er erwartet? Eine Liebeserklärung auf dem Totenbett, nach allem, was er ihr angetan hatte? Nachdem er bittere Tränen um Mary vergossen hatte, hatte er beschlossen, den Brief verschwinden zu lassen und ihn nicht zu beantworten. Stattdessen hatte er Mary einen großen Geldbetrag geschickt, zusammen mit einem einzigen Satz: Ich kann nicht! Er hatte gehofft, damit sei es getan, doch Marys Antwort war ein zweiter Brief gewesen. Erneut hatte sie ihm die Ankunftszeit der Prinzessin Beatrice mitgeteilt, versehen mit den unmissverständlichen Worten: Das Kind hat nur noch Dich. Nun gibt es kein Entrinnen mehr. Sie wird zu Dir kommen. Diesen Brief hatte er sofort vernichtet, aber den ersten, den hatte er achtlos in der Schreibtischschublade verschwinden lassen. Rosalind hatte ihn dort gefunden und ihn mit Fragen bestürmt. Es war ihm nichts anderes übrig geblieben, als die Existenz seiner Tochter zuzugeben und auch zu beichten, dass deren Mutter sich in den Kopf gesetzt hatte, das Kind zu ihm nach Auckland zu schicken. Rosalind hatte zwar getobt, aber was hätte er tun sollen? Das Mädchen am Schiff abfangen und unbemerkt in einem Heim unterbringen? Das hätte sich in Auckland schneller herumgesprochen, als ihm lieb gewesen wäre. Nein, nun musste er alles daransetzen, den Schaden zu begrenzen. Inzwischen hatte er seine Vorkehrungen getroffen und sicher davon ausgehen dürfen, dass seine Familie mitspielte. Dass ihm ausgerechnet Fred in den Rücken fiel, enttäuschte ihn bitter.

»Geh, ich möchte allein sein«, stieß Peter Newman gequält hervor.

»Nein, ich bewege mich keinen Schritt aus deinem Zimmer, bevor du mir nicht endlich die Wahrheit gesagt hast. Vater, ich habe dich etwas gefragt. Nun rede doch endlich! Was ist das für eine Geschichte? Warum verlangst du von Mutter und mir, dass wir nach außen hin behaupten, sie sei eine entfernte Verwandte? Warum verlangst du von uns, dass wir sie verleugnen?«

»Wie sprichst du eigentlich mit mir? Mäßige deinen Ton, mein Junge!«, entgegnete Peter tadelnd.

Frederik bebte vor Zorn. »Ich versuche mit dir ein Gespräch von Mann zu Mann zu führen. Ich bin doch kein Kind mehr. Und ich habe ein Recht zu erfahren, warum es dir stets so enorm wichtig war, dass die Leute denken, ich sei dein Sohn, während du die ganze Zeit von der Existenz deines leiblichen Kindes wusstest.«

»Das geht dich gar nichts an. Und jetzt lass mich bitte allein. Ich habe zu arbeiten.«

»Arbeiten? Willst du sie denn gar nicht begrüßen?«, entgegnete Frederik fassungslos.

Peter warf einen angestrengten Blick auf seine Uhr. »Ich habe sie um acht Uhr herbestellt.«

»Herbestellt? Aber sie ist keines deiner Schäfchen, sondern deine Tochter, die um die halbe Welt gereist ist, um dich zu sehen.«

»Ich habe nicht darum gebeten.«

Frederik schüttelte den Kopf. »Tu mir bitte einen Gefallen. Behandle sie gut!«

»Was unterstellst du mir? Ihr soll es an nichts mangeln. Sie hat das schönste Zimmer, sie …«

»Du weißt, dass ich nicht von ihrer Versorgung rede …«

»Ich wiederhole mich ungern. Ich habe zu arbeiten«, unterbrach der Bischof Frederik harsch.

»Ich gehe ja schon, aber vorher muss ich noch etwas anderes mir dir besprechen.«

Peters Antwort war ein genervter Seufzer.

»Hast du schon einmal von einem Mann mit dem Namen Matui Hone Heke gehört?«

Peter wurde noch bleicher, als er ohnehin schon war. »Nein, wer soll das sein?«, fragte er in schroffem Ton.

»Das wollte ich ja gerade von dir erfahren. Wenn du etwas über ihn weißt, könnte ich mir vielleicht eine Recherchereise in die Northlands sparen.«

»Ich weiß gar nichts!«, fuhr Peter seinen Stiefsohn an.

»Gut, dann fahre ich morgen nach Whangarei.«

»Whangarei?«, wiederholte Peter erschrocken. »Warum? Wir werden doch bald gemeinsam dorthin reisen, wenn das neue Denkmal eingeweiht wird.«

»Das ist doch gerade das Problem. Es gibt Stimmen, die Zweifel an der Integrität deines Urgroßvaters Reverend Walter Carrington äußern.« Frederik deutete auf ein altes Bild, das hinter dem Schreibtisch an der Wand hing und einen grimmig dreinschauenden Mann zeigte.

»Er war ein großartiger Missionar, der nur eines im Auge hatte: aus den Maori wahre Christenmenschen zu machen. Und wie haben sie es ihm gedankt? Sie haben seine Frau getötet. Es ist alles gesagt! Er hat es verdient, dass sie ihn ehren.«

»Das ist es ja gerade. Anscheinend gibt es da ein paar Geheimnisse, die den guten Mann in einem etwas anderen Licht darstellen …«

»Alles Lüge!«, fauchte Peter.

»Ja gut, das sagst du, aber ich habe den Auftrag, dieser Geschichte nachzugehen und darüber zu berichten. Und wenn du diesen Matui Hone Heke nicht kennst, muss ich mir selbst ein Bild von ihm machen.«

»Was hat dieser Kerl denn mit dem Denkmal zu tun?«

»Er wurde von der Gemeinde beauftragt, ein Bildnis des Reverends zu schnitzen. Nun aber hat er seine Schnitzerei fertiggestellt, und es ist das Bildnis einer Frau geworden. Die Gemeinde ist ratlos. Überdies sitzt der Alte seit Wochen täglich stundenlang auf dem Platz, wo das Denkmal errichtet werden soll, und betet in einem fremdartigen Singsang, die zu ehren, die es wirklich verdient habe, weil sie viel für die Maori getan habe. Er nennt sie auch den Engel der Maori.«

»O nein!«, stöhnte Peter gequält auf.

Frederik blickte seinen Stiefvater forschend an. »Sagt dir diese Frau etwas? Ich habe leider ihren Namen vergessen, aber es ist ein Maori-Name, wenn ich es recht entsinne. Sie soll aus den Northlands stammen.«

»Lass mich in Ruhe mit dieser Sache. Hast du gehört? Du wirst nicht in Whangarei herumschnüffeln und dir von einem Wahnsinnigen Lügen auftischen lassen! Ich verbiete dir, diese Geschichte weiter zu verfolgen.«

Frederik lachte spöttisch auf. »Vater, ich bin dir zu großem Dank verpflichtet, du hast Mutter und mich nach Vaters Tod aufgenommen und mich wie einen Sohn behandelt, aber nun bin ich erwachsen. Und ich bin nun einmal ein Reporter mit Leib und Seele. Und so verrückt kommt mir der Mann gar nicht vor. Er ist ja immerhin so diskret, dass er nicht einmal offenbart, worin die Geheimnisse bestehen, die den Reverend in weniger ehrenwertem Licht erscheinen lassen als bisher vermutet.«

»Kein Maori kann so steinalt werden wie er! Ihre Lebenserwartung ist viel geringer als unsere«, murmelte der Bischof. »Warum schaffen sie ihn nicht einfach weg und sperren ihn ein?«

»Wenn du ihn gar nicht kennst, woher weißt du dann, dass er für einen Maori ein geradezu biblisches Alter erreicht hat?«, fragte Frederik forschend nach.

»Du hast von einem alten Mann gesprochen. Und nun hör auf, mir meine Zeit zu stehlen. Du lässt die Finger davon. Hast du verstanden?«

»Wenn ich es nicht tue, übernimmt es ein anderer. Und du kannst mir glauben, ich musste hart darum kämpfen, der Geschichte nachgehen zu dürfen. Für einen Fremden wäre es ein gefundenes Fressen, wenn er herausfinden würde, dass der Urgroßvater des Bischofs von Auckland doch nicht so ein Heiliger gewesen ist, wie alle denken. Jedenfalls ist man beim Herald hinter dieser Geschichte her wie der Teufel hinter der armen Seele, und man wird sie nicht einfach fallen lassen. Glaub mir! Ich habe da einige Kollegen, die würden sich mit Freuden darauf stürzen. Du hast nicht nur Freunde in dieser Stadt.«

»Ja, ja, schon gut. Es wird das Vernünftigste sein, wenn du ihnen die Geschichte lieferst. Dann schreibst du eben, dass dieser Alte ein schwachsinniger Maori ist, der die Leute narrt. Und diese Frau musst du gar nicht erwähnen …«

»Vater, du weißt doch etwas, nicht wahr? Aber ich lasse mich nicht erpressen. Ich werde nichts als die Wahrheit schreiben.«

»Was redest du da? Erpressung? Ein übles Wort für einen kleinen Gefallen! Du bist mir zu großem Dank verpflichtet, mein Lieber, wie du eben selbst ganz richtig sagtest. Ohne mich hättet ihr ein Leben in Armut gefristet, und du hättest nie die Möglichkeit bekommen, beim Herald anzufangen. Das hast du allein meinen Verbindungen zu verdanken. Also verlange ich äußerste Loyalität.«

»Tatsache, du willst mich erpressen! Gut, damit wir nicht schon wieder aneinandergeraten, verspreche ich dir Folgendes: Ich werde dich mit keinem Wort erwähnen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass du offenbar mehr darüber weißt, als du zugeben willst.«

»Das ist wohl das Mindeste. Und wenn du es schon nicht aus Rücksicht auf mich tust, dann denk wenigstens an deine eigene Karriere. Du bist ein ehrgeiziger junger Mann, dem alle Möglichkeiten offenstehen. Alles, was gegen mich sprechen würde, würde auch auf dich zurückfallen! Du bist mein Sohn. Schon vergessen?«

Frederik war angesichts dieser unverhohlenen Drohung seines Stiefvaters bleich geworden, aber Peter redete ungerührt weiter. »Also, tu deine Pflicht, und lass dich nicht von seinen Lügengeschichten einlullen. Er wird mit Sicherheit behaupten, dass er mich kennt …«

»Also doch! Du kennst ihn! Vater, sag mir lieber gleich die ganze Wahrheit, bevor ich sie selbst herausfinde.«

»Hauptsache, es erscheint nichts in eurer Zeitung, das mir schaden könnte. Außerdem gibt es nichts zu erzählen, außer einem: Ja, ich weiß, wer dieser Kerl ist, und hatte gehofft, dass er schon längst bei seinen Ahnen ist. Er gehörte zu den ortsbekannten Maori dort oben im Norden, die überall mitreden wollen und uns Weiße verachten. Mehr nicht! Er ist ein Spinner!«

»Es heißt, er sei ein weiser Mann.«

Peter lachte höhnisch auf. »Dummes Zeug! Bevor du ein unbedachtes Wort, das unsere Familie in Misskredit bringen könnte, der Öffentlichkeit preisgeben solltest, lass es mich vorher lesen. Dann kann ich immer noch Stellung beziehen, meinethalben auch öffentlich. Was meinst du, wem eure Leser mehr Glauben schenken? Einem altersschwachen Maori oder dem Bischof von Auckland?«

»Gut, Vater«, seufzte Frederik schwach. »Ich werde dir das Ergebnis meiner Recherchen vorlegen.«

Der Bischof wandte sich demonstrativ seiner Arbeit auf dem Schreibtisch zu.

»Ist noch etwas?«, fragte er, ohne den Kopf zu heben, als Frederik zögernd vor dem Schreibtisch stehen blieb.

»Vater, da wäre noch etwas. Vielleicht sollte ich Vivian mitnehmen. Sie würde gern Reporterin werden, und ich glaube, es wäre für alle Beteiligten von Vorteil, wenn sie erst einmal beschäftigt wäre und von hier fortkäme.«

»Gute Idee, aber verdonnere sie zum Schweigen«, knurrte Peter, als es an der Tür klopfte.

Peter hob den Kopf und erstarrte, als Vivian das Zimmer betrat. Das Kind war nicht, wie er es seit Marys Brief Nacht für Nacht vom Herrn erfleht hatte, im Alter erblondet oder hellhäutiger geworden. Im Gegenteil, sie war zu einer exotischen Schönheit herangewachsen. Ihre polynesischen Wurzeln waren zwar nicht auf den ersten Blick erkennbar, aber dass sie keine reine Engländerin war, ließ sich nicht verleugnen.

»Guten Tag, Mister Newman, ich bin Vivian Taylor«, sagte sie mit fester Stimme.

»Für dich bin ich ab heute Vater«, entgegnete er streng, während er innerlich immer noch um Fassung rang. »Ich würde mir ausbitten, dass du mich nur so vertraulich ansprichst, wenn wir unter uns sind. Es gibt diverse Gründe, warum ich in meiner Stellung nicht plötzlich eine erwachsene Tochter haben kann. Das verstehst du doch sicherlich, nicht wahr?«

Vivian verschränkte ihre Finger ganz fest ineinander. So fest, dass es beinahe wehtat. Das sollte sie daran hindern, laut loszuschreien. Was für ein schrecklicher Mann, und wie verlogen! Und da war sie auch schon dabei auszusprechen, was sie doch eigentlich hinunterschlucken wollte.

»Natürlich werde ich Sie Mister Newman nennen. Da können Sie ganz unbesorgt sein. Das Wort Vater werde ich ohnehin nicht über die Lippen bringen.«

Peter sah sie mit großen Augen an. »Wie redest du mit mir?«

»Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Ihnen unhöflich erscheine. Meine Mutter hat mir eigentlich Benehmen beigebracht, und ich weiß, dass ich Vater und Mutter ehren soll, aber wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir beide uns niemals kennengelernt.«

Frederik, der dem Wortgefecht voller Anspannung zugehört hatte, räusperte sich lautstark.

»Vivian, ich würde Ihnen gern ein Angebot machen. Ich muss für ein paar Tage beruflich in die Northlands reisen. Ich arbeite dort an einer Geschichte und würde mich freuen, wenn Sie mich begleiten würden.«

Vivian kämpfte mit sich. Wie gern wäre sie mit ihm gereist, aber das Blatt hatte sich gewendet. Sie wollte ihn nicht mögen. Er war ihr Bruder.

»Kein Interesse!«, erwiderte sie kalt und wandte sich wieder dem Bischof zu. »Ich hätte da noch ein paar Fragen«, ergänzte sie sachlich.

Frederik blickte sie ungläubig an. Vivian warf ihm einen flüchtigen Blick zu und wandte sich dann an den Bischof. »Unter vier Augen, wenn Sie nichts dagegen haben, Mister Newman.«

Peter machte Frederik ein unmissverständliches Zeichen zu gehen. Sichtlich angeschlagen trat der junge Mann den Rückzug an.

Nachdem die Tür hinter ihm zugefallen war, funkelte Vivian den Bischof wütend an.

»Wir beide müssen uns gar nichts vormachen. Ich kann Sie genauso wenig ausstehen wie Sie mich, doch drei Jahre lang werden wir so tun, als ob wir uns vertrügen. Aber ich darf Ihnen versichern: Mir ist es ein Rätsel, warum meine Mutter mich zu einem scheinheiligen Ehebrecher geschickt hat.«

»Ehebrecher?« Peter sah Vivian verwirrt an. »Ehebrecher?«

»Ja, was ist es denn sonst, wenn ein verheirateter Familienvater eine junge Frau schwängert?«

»Aber ich war nicht verheiratet, als ich deine Mutter …«

»Ach nein? Und wie komme ich sonst zu einem älteren Bruder?«

»Bruder?«, wiederholte er und fügte leise hinzu: »Ich wünschte, er wäre es!«

Jetzt war es an Vivian, den Bischof verwirrt anzusehen. »Wieso? Ist Frederik denn nicht Ihr Sohn? Ihre Frau machte da vorhin eine ganz andere Andeutung. Sie warf ihm vor, dass er mir gegenüber brüderliche Regungen zeige.«

Der Bischof holte tief Luft. »Er ist nicht mein leiblicher Sohn. Ich habe meine spätere Frau nach meinem Aufenthalt in London kennengelernt. In Australien, wo ich ein paar Jahre als Reverend gearbeitet habe. Der Junge war damals fünf Jahre alt, als ich zurückkehrte … In Auckland gilt Frederik allerdings als mein leiblicher Sohn.«

Vivian machte eine abwehrende Handbewegung. »So genau wollte ich es auch wieder nicht wissen. Ich habe schon begriffen, dass hier alles nur schöner Schein ist. Wahrscheinlich wären Sie ohne eine intakte Familie und diesen prachtvollen Sohn niemals Bischof geworden, nicht wahr? Und eine uneheliche Tochter passt da schon gar nicht ins Bild. Aber keine Sorge, von mir wird es keiner erfahren. Weil ich Sie nämlich gar nicht zum Vater möchte!«

Peter lief rot an.

»Mister Newman, sagen Sie mir nur eines: Sind Sie wirklich mein Vater? Oder ist das auch alles nur Lüge?«

»Nein, du bist meine Tochter«, murmelte er kaum hörbar. »Aber nun sollten wir zu Tisch gehen. Ich denke, das Essen wird zubereitet sein«, fügte er hastig hinzu.

Mit diesen Worten erhob er sich hinter seinem Schreibtisch, und Vivian entdeckte, wie groß er war. Hager, rotblond und weißhäutig. Es gab noch vieles zu klären, aber für heute hatte sie genug. Doch eines war ihr sonnenklar: Wenn sie dieses Land in drei Jahren als freie Frau verließ, dann mit dem sicheren Wissen, was es mit ihrem Aussehen wirklich auf sich hatte. Der italienische Großonkel kam ihr immer absurder vor.

Tief in Gedanken versunken, trat sie auf den Flur hinaus und wäre beinahe mit Frederik zusammengestoßen.

»Oh, entschuldigen Sie bitte«, sagte sie und lächelte ihn freundlich an.

»Was ist denn mit Ihnen geschehen? Eben dachte ich noch, Sie wollten mich fressen«, erwiderte er erstaunt.

»Es war ein dummes Missverständnis. Ich habe irrtümlich geglaubt, Sie seien ein anderer.«

»Sie machen mich neugierig. Wer sollte ich denn sein?« Jetzt lächelte er ebenfalls.

»Mein Bruder!«

»Na ja, das bin ich in gewisser Weise schon, wenn auch nicht wirklich mit Ihnen verwandt.«

Vivian lachte gequält.

»Und könnte die Erkenntnis, dass ich nur so etwas wie ein entfernter Stiefbruder bin, an Ihrer schroffen Absage womöglich etwas ändern?«

Vivian sah ihm in die Augen. Sie strahlen so viel Lebensfreude und Zugewandtheit aus, dachte sie und merkte, wie mit einem Mal die ganze Anspannung der letzten Stunden von ihr abfiel. Langsam kehrte ihre Stärke zurück, und sie war entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen und vor allem das Beste aus der Situation zu machen.

»Ich begleite Sie gern, Fred«, flötete sie. »Aber kann ich Ihnen auch wirklich helfen? Ich möchte nicht nur herumsitzen«, fügte sie eifrig hinzu.

»Und wie! Sie schreiben alles mit, was der alte Maori sagt, zu dem wir reisen, damit ich mich auf meine Fragen konzentrieren kann.«