Der Score - Andreas Syska - E-Book

Der Score E-Book

Andreas Syska

0,0

Beschreibung

Deutschland im Jahr 2040: Künstliche Intelligenz regiert, Parlamente sind abgeschafft, Der Alltag wird vollständig durch Avatare, Bots und Roboter organisiert. Leistung und konformes Verhalten der Menschen werden über den Score bewertet. Nur ein hoher Score gewährt Zugang zu Wohlstand, Gesundheit und Sicherheit. Janne Steiger ist überzeugter Anhänger dieses Systems und beruflich erfolgreich. Gemeinsam mit seiner Frau Anna und Tochter Julia führt er ein Leben, das nichts vermissen lässt. Doch als plötzlich unerklärliche Zwischenfälle in seinem beruflichen Verantwortungsbereich auftreten, beginnt nicht nur sein Score zu sinken, sondern gerät seine bürgerliche Existenz in Gefahr. Er erkennt, wie wenig Kontrolle er je über sein Leben und über sich selbst hatte - und was es wirklich heißt, verantwortlich und mutig zu handeln. Ein Roman über die Macht der Algorithmen, die Illusion von Kontrolle und die Frage, ob der Mensch sich selbst noch gehört.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 506

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Die Menschen ändern sich nicht.

Ihre Sehnsüchte, ihre Ängste, ihre Niedertracht

– all das bleibt. Technologischer

Fortschritt alleine macht die Welt nicht

besser. Er liefert den Menschen lediglich

immer wieder neue Werkzeuge, um zu

manipulieren, zu täuschen, zu zerstören –

aber auch, um zu träumen und zu hoffen.

Inhaltsverzeichnis

1: JANNE

2: KIENLE

3: FELIX

4: BOCKLEMÜND

5: JULIA

6: 5KOMMAO

7: CARLA

8: I ENGINEER

9: IMPACT

10: LALA

11: CIUDAD PERÓN

12: CARS

13: EMMA

14: HATSUNE MIKU

15: REVOLUTION RADIO

16: AUTOBAHN

17: BLOODHOUND GANG

18: BLACK FRIDAY

19: TÜNNES

20: BALLROOM BLITZ

21: SHOWDOWN

22: DER TAG DANACH

Nachklang

1

JANNE

Endlich wieder arbeiten dürfen! Nicht, dass Janne seine Frau und seine Tochter nicht lieben würde. Auch war das zurückliegende Pfingstwochenende mit den beiden wirklich schön, aber solche Tage bringen nun mal keine Credits für den Professional Score. Und da will Janne dranbleiben. Nein, er muss.

Janne Steiger verlässt den Fahrstuhl, der ihn aus der Dachwohnung in die Tiefgarage gefahren hat. Sein Auto wusste von Jannes Ankunft und hat sich direkt vor dem Fahrstuhl eingefunden, um auf ihn zu warten.

All das will er nicht aufgeben – allein schon das Privileg, in der Kölner Innenstadt zu wohnen und sich ein eigenes Auto leisten zu können. Ihn hat es als Physikstudent hierher gespült, als er das Studium genutzt hat, um dem trostarmen Bocklemünd im Nordwesten der Stadt zu entfliehen.

Konnte er ahnen, dass diese Medizinstudentin, der er auf der Uni-Party versehentlich einen Ingwer-Shot über das Kleid gekippt hatte, worauf sie ihm ohne jedes Zögern heftigste Vorwürfe machte, einmal seine Frau werden würde? Und dass beide ein paar Jahre später ihre WG-Zimmer gegen ein gemeinsames Penthouse getauscht haben, aber noch immer in der Nähe des Uni-Viertels wohnen würden, weil es ihnen dort so gefällt?

Janne nähert sich mit federndem Schritt seinem Auto, worauf es die Fahrertür und den Kofferraum automatisch öffnet. Er legt seine Sporttasche auf den hierfür vorgesehenen Platz in den Kofferraum. Direkt neben den Windbreaker, der sich dort bereitzuhalten hat und noch nie in Jannes Wohnung war, platziert er sorgfältig die Box mit den personalisierten Snacks und Getränken, die perfekt auf seinen Körper abgestimmt sind.

Kaum hat er Platz genommen, befiehlt er dem Auto „Quartier Nord“ als Ziel, woraufhin es die Fahrertür und Kofferraumdeckel schließt und sich geräuschlos in Bewegung setzt.

„Robinson-Modus aus!“, ordnet Janne an und ist jetzt wieder erreichbar. Wie jeder Mensch ist Janne stets mit dem Netz verbunden. Außer er geht aktiv offline, in den Robinson-Modus halt, der jedem gesetzlich zugestanden wird, aber eben nur in engen Grenzen. Und Janne war die letzten drei Tage offline – nur der RoboDoc war permanent online geschaltet und erhielt in jeder Sekunde Jannes Gesundheitsdaten, um sie an Global Health weiterzuleiten. Das würde Janne sowieso tun, selbst, wenn dies nicht Gesetz wäre.

Dass Janne den Robinson-Modus erst jetzt ausschaltet, hat er nur seiner Frau Anna zuliebe getan. Sie hat darauf bestanden, dass Janne sich erst dann wieder ins Netz begibt, wenn er im Auto sitzt. Zugunsten eines gemeinsamen Vormittags mit der Familie, wie sie sagte. Janne hat sich darauf eingelassen, obwohl das ja alles von seinem ohnehin knappen Robinson-Budget abgeht.

Ohne sein Zutun windet sich Jannes Auto aus der Tiefgarage und erreicht die Straße. Es tastet sich vorsichtig an den Fußgängern und den Lieferrobotern auf dem Gehweg vorbei und manövriert sich in den fließenden Verkehr des Belgischen Viertels. Es heißt so, weil deren Straßen nach Städten in Belgien benannt sind: Brabanter Straße, Lütticher Straße, Brüsseler Straße. Köln hat einige dieser gewachsenen Viertel, die vor etwa 150 Jahren während der Industrialisierung direkt vor den Toren der Stadt entstanden sind und beginnend mit dem Ende des 20. Jahrhunderts von Akademikern, Freiberuflern und Zugereisten aller Art entdeckt wurden. Alle Bevölkerungsschichten leben hier friedlich miteinander: gut verdienender Mittelstand, alteingesessene Kölner, Gemüsehändler und Änderungsschneider aus dem Mittelmeerraum. Sie und die Kölner Toleranz verleihen diesem Viertel sein angenehmes Flair.

Zeit für Janne, auf VM umzuschalten. Janne liebt VM. Er ist über VM mit dem gesamten Wissen der Welt verbunden. VM steht für VirtualMind, den neuen Kommunikationsstandard. VM spielt Bilder, Texte oder Audio- und Videodateien direkt auf den Seh- oder Hörnerv. Man erkennt VM-Nutzer daran, dass sie kein Smartphone in den Händen halten oder sich Datenbrillen aufsetzen. Auch diese Holophones, die so heißen, weil sich aus ihnen Hologramme entfalten und die sich Ende der 20er-Jahre verbreitet hatten, sind mittlerweile veraltet.

Janne hat sich das MindSet-Modul geleistet, ein Add-On zur Gedankensteuerung. Kein Nicken, kein Blinzeln, keine Gestensteuerung und die anderen technisch überholten Dinge. Mit VM kann Janne die ihn umgebende Technik mit seinen Gedanken steuern.

In einem Gespräch mit einem Nutzer von VM und MindSet ist nicht zu erkennen, ob er das Gesagte aus seinem Gedächtnis wiedergibt oder eine VM-Information abliest. Auch nicht, ob die Meinungsäußerungen der eigenen Überlegung entspringen oder ob er nur eine Meinung eines Dritten wiedergibt. Fachwissen ist für jeden verfügbar, der sich VM leisten kann, so wie Janne. Ein unschätzbarer Vorteil, wenn es um berufliche Performance und damit um den Score geht.

VMplus ist seit diesem Jahr auf dem Markt, kombiniert dies noch mit den dazu passenden Emotionen. Dabei werden die im Körper des VMplus enthaltenen Depotmedikamente aktiviert, um den Sinneseindruck auszulösen, den der Erzeuger dieser Information hatte. VMplus lässt einen im wahrsten Sinne des Wortes mitfühlen. Selbstverständlich kann die Intensität individuell eingestellt werden. Die meisten wählen aber das Maximum. So wie über die Jahre Musik immer lauter und Darstellungen in Filmen immer expliziter wurden, wurden auch die Emotionen intensiver.

Jannes Blick auf die Straße und das Armaturenbrett verblassen in gleichem Maße, wie VM hochfährt. Nur aus den Beschleunigungen, den Bremsmanövern und den Richtungswechseln, die auf Jannes Körper wirken, würde er ab jetzt darauf schließen können, wo ihn sein Auto gerade hinfährt. Friesenplatz, Magnusstraße, dann durch die Unterführung am Breslauer Platz und weiter zum Rheinufer. Dies ist ganz bestimmt nicht der kürzeste Weg. Aber genau diese Route gefällt Janne, weshalb er sie seinem Auto auch vorgegeben hat. Und wenn sein Plan für die nächsten Minuten aufgeht, wird er hiervon sogar noch etwas sehen.

In diesem kurzen Moment der völligen Dunkelheit vor seinem Auge muss Janne an den Tag vor drei Jahren zurückdenken, als er mit seiner Tochter Julia das Deutsche Museum in München besucht hat. Dieser Besuch war nicht etwa virtuell, sondern ganz real, so wie sich das für ein Geschenk zum zehnten Geburtstag auch gehört. In der Abteilung für Kommunikation haben sich beide über schnurgebundene Telefone und Telefonzellen amüsiert. Dann erblickte Janne ein Smartphone aus dem Jahr 2012 und zeigte es voller Stolz seiner Tochter.

„Schau mal, Julia“, hatte Janne gesagt und ein Smartphone triumphierend in die Höhe gehalten. „So eins habe ich besessen, als ich ungefähr so alt war wie du.“

Julia ergriff das Smartphone und war wenig beeindruckt.

„Das Ding muss man ja in die Hand nehmen. Und wenn man will, dass etwas passiert, muss man ja mit dem Finger tippen oder wischen oder mit dem Ding reden. Oh, Papa, das ist doch voll umständlich. Was soll denn daran smart sein?“ Julia gab Janne das Gerät zurück und lief einfach weiter.

Das hatte Janne schon ein wenig getroffen. Er, dessen Generation sich „Digital Natives“ nannte und der älteren Generation in digitalen Dingen hoch überlegen war, musste sich von seiner eigenen Tochter sagen lassen, er wäre hinter dem Mond groß geworden.

Janne fühlt, dass sein Auto den Friesenplatz hinter sich gelassen hat und nun Kurs auf das Rheinufer nimmt.

„Update Performance“, denkt sich Janne und augenblicklich erscheinen die zentralen Kennzahlen in seinem Sichtfeld.

Es ist positiv für den eigenen Professional Score, wenn man für ein Netzwerk arbeitet, das seinerseits einen gesunden Score hat. Dies trifft auf das Kienle-Netzwerk zu, für das Janne seit drei Jahren tätig ist. Früher nannte man das „Reputation“ und es hatte etwas Willkürliches. Gekaufte Bewertungen im Internet und so. Heute stehen dahinter harte, objektive und für jeden nachvollziehbare Businessdaten.

Viereinhalb Stunden Robinson-Zeit für gut zehn Tage: Das ist nicht mehr viel, denkt sich Janne. Auf der anderen Seite würde er sowieso rund um die Uhr erreichbar sein müssen, allein schon wegen des Argentinien-Projekts und des geplanten Starts von MemoryTransfer. Sei es drum. So etwas gehört halt zu seiner Position.

Zum Glück hatte es der Bundestag in Berlin als eine seiner letzten Handlungen – bevor er aufgelöst und durch Künstliche Intelligenz ersetzt wurde – erlaubt, dass sich Menschen in seiner beruflichen Position hundert Stunden je Monat digital stumm und taub stellen und sich sogar die Zeit hierfür aussuchen dürfen.

Das Pfingstwochenende liegt hinter ihm und Janne ist guter Laune – angesichts einer Zeit, in der die anfallende Arbeit keine Rücksicht mehr auf Wochenenden oder Feiertage nimmt, eine planerische Meisterleistung, besonders weil beide Steigers ihren Berufen nachgehen und sich diesen Regeln unterwerfen müssen – er als Site Manager für Kienle und Anna als Entwicklerin von auf Künstlicher Intelligenz basierenden Algorithmen zur Diagnose von Herz- und Kreislauferkrankungen.

So besteht bei den Steigers die Herausforderung stets darin, gemeinsame Zeitfenster für private Aktivitäten zu finden, die sie gegenüber ihren jeweiligen Auftraggebern auch vertreten können und die sich deshalb nicht negativ auf ihren Professional Score auswirken.

Janne hat das zurückliegende Wochenende mit Anna und seiner Tochter Julia diesmal zu Hause verbracht. Seine Assistentin Emma hat aber durchgearbeitet. Emma arbeitet immer durch – Janne kann und will sie davon gar nicht abhalten. Wozu auch? Schließlich hat er für sie ja auch bezahlt. Und so hat Emma in den letzten Tagen die meisten der eingegangenen Nachrichten beantwortet. Soweit sie das halt konnte. Anfragen nach Konferenzteilnahmen, Termine für virtuelle Meetings, Kaufangebote für dieses und für jenes, was ein Unternehmen halt so braucht. Emma kennt den gesamten Nachrichtenverkehr von Janne, weiß um seine Vorlieben, kennt seine Art, Dinge auszudrücken, weiß um die seltenen Momente, in denen er deutlich wird und um die vielen, in denen er zurücksteckt. Sie kennt seinen Arbeitsrhythmus und seine Biodaten. Emma hat in den letzten drei Jahren der Zusammenarbeit mit Janne viel über ihn gelernt, kennt ihn besser als er sich selbst und kann sein Verhalten ziemlich gut vorhersagen.

„Was gibt es Neues, Emma?“ Janne hält sich nicht mit Höflichkeitsfloskeln auf, sondern ruft seine Assistentin. Sofort erscheint Emma in Jannes Sichtfeld.

„Guten Morgen, Herr Steiger. Schön, wieder von Ihnen zu hören. Ich hoffe, Sie konnten die Robinson-Zeit genießen.“

Emma ist so ganz anders als Anna. Annas Haare sind hellblond, sehr kurz und geben ihre beiden kleinen Ohren frei. Emma hingegen trägt einen schwarzen und glänzenden Pagenschnitt, der vorne knapp über ihren Augen endet und an den Seiten bis zum Hals reicht. Und ihre Augen sind so dunkelbraun, dass der Übergang zu ihren Pupillen kaum zu erkennen ist.

Anna hat hellblaue, wache, beinahe angriffslustige Augen, Emmas Blick ist aber mild, als ob sie in der Ferne eine romantische Szene beobachten würde. Janne liebt es, in Emmas Gesicht zu schauen.

So hat er sich seine Assistentin immer gewünscht. Und so hat er Emma vor drei Jahren auch bestellt.

„Ich darf Sie zunächst über Ihre Termine informieren“, sagt Emma, blendet den Kalender ein und liest vor: „Sie haben heute von 13.30 Uhr bis 14.30 Uhr einen Termin mit Namen ‚Projektvorstellung Montageroboter‘.“

„Da geht es um das Projekt des Studenten Soyoglu, den Roboter zu optimieren, nicht wahr?“, fragt Janne, obwohl er die Antwort kennt. „Ist Schrotti heute auch im Haus?“

„Ja, den ganzen Tag.“

Niklas Soyoglu und Schrotti sind also beide da. Hoffentlich laufen die sich nicht über den Weg. Unwahrscheinlich, dafür ist die Site zu klein, denkt sich Janne.

Er spürt, wie sein Auto eine ansteigende Rechtskurve fährt. Das muss der Tunnel am Hauptbahnhof sein.

„Vielleicht sollten Sie einmal mit beiden reden, bevor es zwischen den beiden knallt, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf“, empfiehlt Emma, die diesen Gedanken natürlich mitbekommen hat.

„Ich weiß, Emma. Das Berufsleben könnte so schön sein, wenn es nicht immer diese Konflikte zwischen den Menschen gäbe. Wobei sich solche Konflikte manchmal auch von alleine auflösen, nicht wahr, Emma?“

„Ja, Herr Steiger. Manchmal.“

Emma beobachtet Janne, wie er nachdenkt. Sie weiß, dass sie ihm hierfür ein wenig Zeit geben muss, und fährt erst nach einer kurzen Pause fort.

„Es gibt noch einen Termin morgen“, erklärt sie.

„Morgen?“

„Ja, eine weitere Besuchergruppe möchte sich von 12.00 Uhr bis 14.00 Uhr das Quartier ansehen.“

Eigentlich hat Emma die klare Anweisung bekommen, die Termine so zu legen, dass Janne nur einen Tag pro Woche im Quartier Nord verbringen muss. Aber diese Besuchergruppen kommen nun einmal aus allen Teilen der Welt. Und weil deshalb die Terminplanung sehr schwierig ist, will Janne dieser Planung auch nicht im Wege stehen.

„In Ordnung. Dann ist das halt so. Wie ist die Verständigung? Haben alle BabylonX?“

„Selbstverständlich. Jeder kann in seiner Muttersprache reden und hören.“

„Na gut. Ich denke, es wird eine ruhige Woche werden, in der ich mich ganz auf das Argentinienprojekt konzentrieren kann. Gibt es noch Dinge, für die du eine Entscheidung von mir brauchst?“

Bei einigen, wenigen Dingen, die in den letzten Tagen angefallen sind, hat sich Emma keine eigenständige Entscheidung zugetraut, aber schon einmal etwas vorgeschlagen. Das ist normal und zwischen beiden auch so vereinbart. Janne entscheidet, erklärt Emma diese Entscheidungen und erteilt ihr weitere Aufgaben, die sie zu erledigen hat. Emma registriert dies alles sehr genau und wird hierdurch weiterlernen. Und genau das ist Jannes Absicht.

„Nein, danke, Herr Steiger. Ich habe alles.“

„Aber ich mir rein vorsorglich eine kurze Bemerkung erlauben?“, fragt Emma und neigt dabei ihren Kopf ein wenig nach vorn, sodass sie von unten zu Janne aufblickt. Emma weiß, dass Janne diese Geste gefällt.

„Natürlich, was ist denn?“

„Ihr Social Score sinkt, Herr Steiger.“ Emma schaut Janne sorgenvoll an.

„Das entgeht mir nicht, Emma. Ich rufe die Zahlen ja täglich ab.“

„Ich weiß.“

„Er wäre ja auch höher, wenn mein Vater nicht so stur wäre und am Scoring-System teilnehmen würde. Aber ich kann ihn ja nicht zwingen.“ Janne spürt, wie seine rechte Hand die Mittelkonsole fest umklammert. „Wie oft war ich in diesem Jahr bei meinen Eltern und wie viel Zeit habe ich da verbracht?“

„34 Mal, also etwas mehr als 1,6 Mal pro Woche – insgesamt 92 Stunden und 23 Minuten. Das macht durchschnittlich 2 Stunden und 43 Minuten pro Besuch“, erklärt Emma und blendet auch gleich die Zahlen ein.

„Und wir haben ja nicht nur Small Talk gemacht. Wir reden ja permanent darüber, wie ich sie aus ihrem Drecksloch da herausbekomme. Bocklemünd ist eine gesetzlose Schlangengrube geworden. Ich mache ihnen Angebote, biete meine Hilfe an. Sie müssten sich um nichts kümmern. Ich würde das neue Haus ja auch bezahlen. Aber da kommt nichts, nichts, nichts!“

„Ich weiß. Herr Steiger, ich bekomme das alles ja mit.“

Janne hat Emma erlaubt, die Gespräche mit seinen Eltern über seine SkinCam aufzuzeichnen.

Er trägt seine mit Mikro ausgestattete Cam unter der Nasenwurzel. Diese Cam ist halb so groß wie ein Stecknadelkopf und an die Hautfarbe angepasst. Damit ist sie unsichtbar für andere und stellt keine optische Beeinträchtigung dar. Das war Janne ganz wichtig und ihm das viele Geld auch wert.

Man kann die Aufzeichnungen dieser Cam eine Zeit lang bei der Scoring-Agentur noch nachmelden und von ihr auswerten lassen. Dies würde Jannes Social Score schlagartig erhöhen und seinen Marktwert sichern. Denn Menschen, die einen hohen Professional Score haben, deren Social Score aber im Keller ist, werden in den Job Matching-Systemen weiter hinten gelistet und erhalten nur noch wenig attraktive Aufgaben. Und Janne weiß, er ist auf dem besten Wege dahin.

Nachmelden ohne die Erlaubnis des Gesprächspartners ist aber nicht erlaubt. Janne versteht diese Regel und hält sich auch daran. Auch wenn dieser Gesprächspartner sein sturer Vater ist. Warum gibt er nicht seine Erlaubnis? Es wäre das Beste für alle.

„Wie war der Zeitanteil der Gespräche, in der es um Kümmern und Fürsorge geht?“

„53,3 %. Das würde im Social Score 913 Punkte ausmachen.“

„913! Mein Score wäre …“

„… weit über 1000 und damit für die nächsten 24 Monate im grünen Bereich.“

„Emma, wenn du eine Idee hast, wie ich diesen Sturkopf überzeugen kann, sich hier anzumelden, lass es mich wissen.“

„Selbstverständlich, Herr Steiger.“

„Ist sonst noch was?“

„Nein, Herr Steiger. Vielen Dank, dass ich Ihnen wieder helfen und von Ihnen lernen durfte. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.“

Emma lächelt und schließt die Augen.

„Ja, danke!“

Janne schaltet VM ab und erblickt rechts neben sich den Rhein. Janne liebt den Rhein. Er ist für ihn, wie für viele gebürtige Kölner nicht nur ein Fluss – er ist ein Familienmitglied, nach dem man gerne schaut. Ist der Wasserstand niedrig, macht man sich Sorgen um den Rhein wie um ein krankes Kind, und geht der Rhein über die Ufer und Spundwände, dann ist man nicht wütend auf ihn, sondern beseitigt leise seufzend das Chaos, das er dabei angerichtet hat.

„Selbstfahrermodus“, befiehlt Janne.

„Versicherung Risikostufe fünf. Bitte bestätigen“, fordert ihn das Auto auf.

„Bestätigt.“

Ein zylinderförmiges Objekt schiebt sich aus dem Armaturenbrett heraus, verweilt ein wenig, als ob es sich vergewissern wollte, dass alles seine Richtigkeit hat, und faltet sich zu einem Lenkrad auf.

Jannes Hände können es nicht erwarten, das Lenkrad zu umfassen. Wie angenehm weich es sich doch anfühlt.

Er positioniert seine Daumen auf den beiden Sensorflächen für Geschwindigkeit und Bremse.

„Wonderful-Day-Option“, ordnet Janne an.

Augenblicklich wird der Himmel ein wenig blauer. Und die Graffitis an den leer stehenden Nutzgebäuden, von denen niemand mehr weiß, für was sie einmal nützlich waren, sind verschwunden. Auch der Müll und die Obdachlosen unter den Platanen auf der Rheinpromenade – einfach weg. Natürlich nur digital.

Janne liebt blauen Himmel und freundliche Farbtöne. Also lässt Wonderful Day alle Wolken verschwinden und ändert die Fassaden von schmutzigem Grau und Braun zu Pastellfarben.

Wonderful Day ist toll. Sie filtert oder verschönert Bilder und Geräusche, bevor sie über Sehnerv und Trommelfell den Weg in Jannes Hirn finden, um dort für schlechte Laune zu sorgen.

Ja, es ist eine digitale Inszenierung, die die Realität verändert. Und nein, natürlich sind die Probleme nicht wirklich weg. Das weiß Janne. Es ist eine nach persönlichen Vorlieben digital verschönerte Wirklichkeit. Ja und?, denkt sich Janne. Wenn ich mir das doch leisten kann? Zwischen den Menschen gibt es keine Übereinstimmung mehr in der Beurteilung des Gesehenen. Wenn schon. Vielleicht gibt es ja viele Wahrheiten. Und warum sollte nicht das wahr sein, was zwar nicht wahr ist, aber im Wettbewerb der Bilder und Töne am besten ankommt?

Janne ist Hören und Sehen vergangen. Das weiß er. Und das will er auch so. Das ist privilegierten Menschen wie ihm vor behalten. Menschen, denen es materiell besser geht, die es sich leisten können, digitale Assistenten zu haben, die das Hässliche der Welt einfach digital ausradieren.

In zartem Blau erscheint jetzt auch das eigentlich graue Hochhaus am Rheinufer, in dem seit 70 Jahren Menschen wohnen - Schuhkartons mit seitlichem Rheinblick. Dann doch lieber diese schicken Eigentumswohnungen mit ihren großzügigen Working Caves ein Stück weiter. Genau an der Stelle, wo früher das Altersheim stand. Altersheime braucht man ja jetzt nicht mehr. Die Alten sind in den wunderbaren Gated Communities vor der Stadt untergebracht, was ja nun wirklich zu ihrem Besten ist.

Janne erträgt auch keine schlechten Nachrichten. Spätestens seit der Revolution von 2032 hat er genug davon.

Er will nichts wissen von den Menschen, die auf der ganzen Welt vor Hochwasser, Dürre und Erdrutschen fliehen. Die eine neue Heimat suchen und von Söldnern und Drohnen erschossen werden, bezahlt von den Menschen, die ihre Heimat nicht mit anderen teilen wollen.

Er will auch nichts wissen von den Konflikten im Vorderen Orient, die seit Kurzem mit Atomwaffen ausgetragen werden. Deshalb konfiguriert er die News Feeds auch so, dass er nur Positives erfährt. Nein, Zensur ist das nicht, denn Janne könnte das ja jederzeit ändern – wenn er es denn wollte.

Andere können dies nicht.

Nämlich die mit einem geringen Score. Sie erhalten gefilterte Informationen. Vor allem solche, die ihnen helfen sollen, den Score zu verbessern. Dazu gehören regelmäßige Spots, die die Vorteile des Scoring-Systems deutlich machen. Und welche Möglichkeiten es mit einem hohen Score gibt: freie Auswahl der Reiseziele, hohes Ranking in Partnerbörsen, günstigere Darlehen, halt alles, was das Leben angenehm macht.

Man muss schon sehr unvernünftig sein, dies nicht einzusehen. Wie diese Wirrköpfe, diese von der Gesellschaft Ausgespuckten. Die doch alles haben, was sie zum Leben brauchen, ohne dafür arbeiten zu müssen. Finanziert auch von seinen Steuern, wie Janne stets betont. Woher diese Unzufriedenheit, woher diese Wut?

Und Bocklemünd ist voll von diesen wütenden Menschen.

Janne lotst das Auto am Niehler Rheinhafen mit seinen von Weitem sichtbaren Wasserstofftanks vorbei. Hier werden die zahlreichen Tankstellen versorgt, an denen sich Fahrzeuge bedienen können. Dass Autos mit Verbrennungsmotoren heute nicht mehr hergestellt werden, hat sich in den 20er-Jahren ja schon abgezeichnet. Wer hätte aber gedacht, dass Strom und Wasserstoff gleichberechtigt die beiden Antriebstechniken für Fahrzeuge werden würden?

Janne ist es gar nicht mal so unrecht, so spät ins Quartier zu fahren. Da ist die City-Maut nicht so hoch. Jedes Fahrzeug wird von den unzähligen Sensoren, Kameras und Laserscannern, die sich an den Straßenlaternen und den Hausfassaden verstecken, zentimetergenau erfasst. Und sollte diesen digitalen Augen und Ohren etwas entgehen, gibt es ja noch die Verkehrsmanagementdrohnen.

Alle diese digitalen Späher liefern ihre Beobachtungen pflichtgemäß und unverzüglich bei der City-Mobility-Cloud ab, damit diese die fälligen Gebühren berechnen kann, um sie dem Halter im Sekundentakt aus der Wallet, seinem digitalen Geldbeutel, zu entnehmen.

Die Höhe der Maut hängt davon ab, welche Strecke benutzt wird und wann dies geschieht. Und jetzt, kurz vor Mittag, ist der Umweg über das Rheinufer günstiger als der direkte Weg zur Hauptverkehrszeit.

Emma und sein Auto wissen das und planen Jannes Termine und Reiserouten kostenoptimiert. Sie wissen aber auch, dass Janne sehr gerne selbst fährt, obwohl in diesen Momenten die Versicherungsbeiträge nach oben schnellen. Denn auch die Abrechnung von Versicherungsprämien erfolgt sekundengenau und hängt vom Fahrstil ab. Wer den Selbstfahrermodus eingestellt hat, zahlt für diesen Zeitraum das Vielfache an Prämie. Janne ist das egal. Er hat nun einmal Freude am Fahren und nicht Freude am Gefahrenwerden und gibt hierfür gerne einen Teil seines Geldes aus.

Ab dem Rheinhafen nutzt Janne immer den Selbstfahrermodus. Er vertraut diesen Spähern, die alle Bewegungen erfassen – und nicht nur die der Autos. Würde sich ein Fußgänger der Straße nähern, ohne langsamer zu werden, würde das Leit system empfehlen, die Geschwindigkeit zu reduzieren und Jannes Auto dies auch automatisch tun, obwohl ja eigentlich der Selbstfahrermodus aktiviert ist. Für Janne ist es selbstverständlich, der Technik derartige Eingriffe zu erlauben.

Was haben die Protagonisten des autonomen Fahrens damals nicht alles versprochen – man könne das Auto mit anderen Fahrgästen sharen und damit Geld verdienen oder in Ruhe seine E-Mails checken. Und was ist heute zu sehen? Die meisten haben zwar ihre Hände nicht mehr am Lenker, schauen aber Frühstücksfernsehen. Mit Herablassung schaut Janne auf die autonom fahrenden Zombies, die sich in ihren Autos mit Werbung gespickte Unterhaltung ansehen.

Das war doch der eigentliche Grund, warum das autonome Fahren seinerseits damals so propagiert worden ist. Es sollte doch nicht darum gehen, Verkehrsprobleme zu lösen. Es sollte darum gehen, die Hoheit über die Aufmerksamkeit der Menschen zu bekommen. Um sie mit Werbung vollzustopfen.

Janne ist so froh, und so stolz auf sich, dass er die Hoheit über sein Hirn behalten hat.

Aber vielleicht können sich diese armen Menschen den Selbstfahrermodus ja einfach nur nicht leisten.

Janne denkt über die Qualität von Zukunftsbildern nach, und darüber, was dann wirklich eingetreten ist. Denn anders als vor 20 Jahren prognostiziert, fahren die Menschen in der Regel allein. Kein Sharing – sie verzichten auf das Geld, das ihnen ein Beifahrer zahlen würde, denn das Auto ist mehr denn je für viele der einzige Platz, wo man mal für sich sein kann, ohne die drei großen Heimsuchungen: personalisierte Werbung, Ehepartner oder Auftraggeber.

Und E-Mails gibt es ohnehin nicht mehr.

2

KIENLE

Janne erkennt die Parkfläche am bläulich schimmernden Farbton der Induktionsflächen. Sie würden dem Auto erlauben, sich aufzuladen, während er seinen Termin wahrnimmt. Das Auto hält am Eingang der Site. Mit einem Surren hebt sich die Fahrertür und lässt warme Frühlingsluft hinein. Sie riecht nach Flieder und gemähtem Gras.

Schwungvoll verlässt Janne sein und Auto und lässt seine Sachen im Kofferraum, er würde sie erst später benötigen.

„Frei bis 15.00 Uhr“, sagt er seinem Auto. Damit gibt er ihm die Möglichkeit, sich mieten zu lassen. Sollte jemand Mobilität benötigen, so würde sein Auto gerufen werden und autonom dorthin fahren, wo es gebraucht wird. Bedingung ist, dass es um 15.00 Uhr wieder dort ist, wo es abgestellt wurde.

Vielleicht würde sein Auto bis dahin jemanden von irgendwoher nach irgendwohin fahren und vielleicht auch wieder zurück. Janne würde davon nie erfahren, gäbe es hierfür nicht einen entsprechenden Eintrag in seiner Wallet zu seinen Gunsten.

Nicht, dass Janne das Geld brauchen würde, sein Professional Score ist recht hoch, aber warum sollte man nicht Geld verdienen, ohne dafür etwas zu tun? Ansonsten würde sein Auto als Stromspeicher dienen und entbehrlichen Strom an andere verkaufen.

Janne betritt das Gebäude, ohne weiter auf sein Auto zu achten. So bekommt er weder mit, wie es sich den Weg zur Parktasche selbst sucht, noch den tiefen, kurzen Summton, der signalisiert, dass der Motor nun aus ist. Wozu auch?

„Herr Steiger. Hier spricht der RecruitingBot des Kienle-Netzwerks. Wir sind auf Sie und Ihre Arbeit aufmerksam geworden und möchten um Ihre Mitarbeit werben.“

„Das Kienle-Netzwerk. Wirbt um mich. Um mich!“ Janne war völlig geflasht, als ihn damals der Call erreicht hatte. Klar hatte er sein Berufsleben lang darauf hingearbeitet, für renommierte Netzwerke zu arbeiten. Aber wenn es denn so weit ist und man angesprochen wird, werden schon mal die Beine weich. Einen Atemzug später war Janne aber wieder im professionellen Modus gewesen. Er unterbrach seinen Dauerlauf im Stadtwald, stoppte das Fitnessmonitoring und suchte die nächste freie Parkbank auf.

„Das freut mich. Um was soll es gehen?“, fragte Janne.

„Ein Gig“, erklärte der Bot, „Aber auf vier Jahre angelegt.“

„Das ist ungewöhnlich lange. Gigs dauern sonst doch nur wenige Monate.“

„Oder nur Wochen“, ergänzte der Bot. „Die Zeit werden Sie auch brauchen. Sie sollen ja auch etwas aufbauen. Sie haben am Aufbau des Quartier Nord mitgewirkt und bewiesen, dass Sie über längere Zeit an einer Sache arbeiten und durchhalten können. Genau das brauchen wir.“

In der Tat. Es hätte tausend Gründe gegeben, hinzuwerfen. Erst die Geschichte mit Solarpaneelen auf den Fahrwegen, die einfach nicht hatten halten wollen, dann das Problem mit dem nicht funktionierenden hydraulischen Hochwasserschutz. Das ganze Vorhaben stand auf der Kippe.

Janne hatte Ausdauer bewiesen und in dieser Zeit seinen Professional Score kräftig nach oben gebracht. So weit nach oben, dass er in den Matching-Systemen weit nach vorne rutschte und für Bots wie diesen sichtbar wurde.

Es gibt ja keine Festanstellungen mehr. Dazu ist das Business viel zu schnell. Es gibt Jobtionen. Das versteht Janne und findet dies auch gut. Und wer einen hohen Professional Score hat, kann aus einer Vielzahl dieser Jobtionen wählen und sich für Gigs buchen lassen.

Und nun bewirbt sich Kienle bei mir.

„Um was soll es inhaltlich gehen?“

„Wie Sie wissen, ist Kienle in Europa der führende Anbieter von Heizenergie und will dies auch weltweit sein.“

Weiß ich doch alles, dachte sich Janne, wagte es aber nicht, den Bot zu unterbrechen. „Wäre ich frei für andere Gigs?“

„Im Prinzip ja. Sie werden dafür aber nur wenig Zeit haben. Vielleicht noch die eine oder andere Führung von Besuchergruppen durch das Quartier Nord. Mehr wird aber nicht drin sein.“

„Ich gehe also volles Risiko? Mein Professional Score hängt allein vom Erfolg dieses Gigs ab?“

„Ich weiß, was Sie meinen“, antwortete der Bot, „die Vergütung ist aber entsprechend. Sie werden sehr zufrieden sein.“

„Welchen Umfang hat die Robinson-Zeit?“

„72 Stunden im Monat.“

„Das ist aber weniger als gesetzlich erlaubt“, bemerkte Janne vorsichtig.

„Wie ich Ihnen bereits sagte, die Vergütung wird Sie zufriedenstellen.“

„Wie zufrieden?“

„Kienle denkt an 750.000 Units pro Jahr.“

Jannes Atem stockte.

„Herr Steiger, sind Sie noch da?“

„Ja, natürlich.“

„Sie werden den geplanten Ausbau Ihres Penthouses finanzieren können. Sie werden endlich einen Haushaltsroboter mit Privatlehrerfeatures anschaffen können. Sie werden es sich leisten können, Ihr Auto selbst lenken zu dürfen. Und das Haus für Ihre Eltern in einer Gated Community ist finanzierbar.“ Der Bot war erstaunlich gut über Jannes Wünsche informiert. „Ich sende Ihnen einige Informationen zu Kienle. Nicht nur das, was für die Öffentlichkeit bestimmt ist, sondern auch interne Dokumente, Audio-Files von Meetings und so weiter, damit Sie den Kienle-Spirit kennenlernen. Aus rechtlichen Gründen teile ich Ihnen mit, dass diese Files nur für Sie bestimmt sind. Sie sind getaggt. Eine Weitergabe würde uns sofort gemeldet werden und die juristischen Konsequenzen für Sie wären mehr als unangenehm.“

„Ich kenne die Regel, aber danke für den Hinweis.“

„Wenn Sie Fragen haben, erreichen Sie mich auf diesem Kanal. Entscheiden Sie sich bis übermorgen. Ich erwarte Ihre Antwort bis 21. Juli 2037, 23.59 Uhr. Und noch etwas. Haben Sie eine Assistentin?“

„Noch nicht.“

„Sie werden eine brauchen.“

Kienle! Kienle! Kienle!

Janne verschlang noch am gleichen Abend alle Daten, auf die ihm der Bot Zugriff eingeräumt hatte. Natürlich nicht ohne Anna über das Gespräch mit dem RecruitingBot und die Anfrage zu informieren und sie um Entschuldigung dafür zu bitten, dass er sich nach dem Abendessen in seine Working Cave zurückziehen würde.

„Ist schon in Ordnung.“ Sie lächelte ihm zu. „Es ist deine Entscheidung. Aber triff sie diesmal bitte mit kühlem Kopf.“

Janne verschwand in seiner Cave; zwei mal zwei Meter konzentriertes, in blaues Licht getauchtes Arbeiten – mit einem Pult längs auf der rechten Seite direkt an der Wand. Diese ist eine einzige Medienfolie, auf der Inhalte dargestellt werden; an ihrem oberen Ende eine Kamera mit Mikrofon – so groß wie ein Stecknadelkopf.

Wer das Kienle-Netzwerk verstehen will, muss ihn selbst verstehen – Günter Kienle aus Schwäbisch Gmünd. Deshalb rief Janne als Erstes dessen Vita auf.

Kienle ist 64 Jahre alt und hat eine 42-jährige Tochter aus erster Ehe. Er ist Einzelkind und war in seiner Jugend ein sehr talentierter Mittelstreckenläufer. Jugendauswahl des Leichtathletikverbands. Internationale Wettkämpfe und so. Seine Tochter ist ledige Archäologin.

Kienle ist so weit vernetzt wie nötig und beschränkt sich dabei auf die Region. Er ist Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer und im Förderverein der lokalen Hochschule. Bayreuth oder die VIP-Lounge beim VfB Stuttgart sind seine Sachen nicht. Er hat einen Bungalow in Schwäbisch Gmünd und ein Ferienhaus in der Bretagne. Kienle fährt gerne Motorrad und fliegt mit seinem Solarflugzeug. Er ist mutig und liebt es, riskante Dinge zu wagen, bei denen sich die Reichsoberbedenkenpfleger vor Angst in die Hose scheißen würden. Sein Vermögen ist in Immobilien angelegt – in Stuttgart 21 zu investieren, war damals eine gute Entscheidung. Er ist sparsam, umsichtig, aber nicht geizig. Dinge, die ihm wichtig sind, dürfen auch Geld kosten. Er hat auf Geheiß seines Vaters, der eine Fachfirma für Heizungsbau mit sechs Gesellen und einigen Auszubildenden besaß, eine Lehre als Energieanlagen-Elektroniker gemacht, damit er auch etwas anderes sieht, wie sein Vater damals sagte. Kienle ist mit 18 Jahren in die Firma eingestiegen und hat seine Jugendfreundin mit 21 geheiratet. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters im Jahr 1998 hat er das Unternehmen übernommen. Seine eher ängstliche und unselbstständige Mutter hat ihm das Versprechen abgerungen, keine wesentliche Entscheidung ohne die Freunde seines Vaters zu treffen. Daraus wurde später der Beirat des Unternehmens. Für diesen Beirat war Kienle immer der Junior. Für Kienle war dieser Beirat immer lästig.

Die ersten Jahre in der Alleinverantwortung für Firma und Mutter haben ihn komplett in Anspruch genommen. Darüber ist seine erste Ehe zerbrochen. Aus mit 29. Kurze Zeit später war er aber wieder verheiratet. Seine zweite Frau hatte ein Faible für alles, was man mit Jet-Set in Verbindung bringt. Sie flog zu Golfturnieren oder zum Tennis nach Kitzbühel, während Kienle eher der Sinn nach einem gut gefüllten Teller Käsespätzle stand.

Auch dies ging nicht lange gut.

Das Private schön und gut, dachte sich Janne in seiner Cave, aber ich brauche Business-Informationen, und arbeitete sich weiter durch das reichhaltige Digitalmenu.

„Business-News. Da haben wir es doch“, triumphierte Janne und las:

2016: Neuausrichtung des Unternehmens und Bau der ersten selbstentwickelten HeizungAuslöser war der ausdrückliche Wunsch eines Vorstandsmitgliedes eines Automobilzulieferers, von Kienle eine maßgeschneiderte Heizungsanlage gebaut zu be kommen. Das hat Kienle sehr gut gelöst und das sprach sich herum. Weitere Aufträge waren unausweichlich.

Dabei hat Kienle ein Gespür dafür bekommen, was vor Ort so alles nicht passt. Die von den klassischen Heizanlagenproduzenten gelieferten Anlagen waren oftmals unvollständig, die Montageanleitungen fehlerhaft und Software-Downloads nicht immer verfügbar. Kann es denn so schwer sein, fragte sich Kienle, die Heizungsbaubetriebe mit alldem zu versorgen, was sie brauchen? Und das verlässlich? Also wenn ich diese Heizungen selbst produzieren würde, dann würde ich einiges anders machen.

Und dann ging alles ganz schnell, erkannte Janne.

2019: Gründung der ersten Fabrikationsstätte in Schwäbisch Gmünd

Kienle weiß, wie Heizung geht: Pumpen, Rohrleitungen, Elektronik und ein wenig Blech und Kunststoff drumherum. Er stellte zwei Ingenieurinnen ein, die für ihn Heizungen entwickeln sollten. Erdwärme, Luftwärme, also nur regenerative Energien. Er stellte Einkäufer ein, die das benötigte Material besorgten und Mitarbeiter, die das Ganze montieren sollten. Aus dem Handwerksbetrieb Kienle wurde der Produzent Kienle.

Laienhaft, chancenlos, nicht ernst zu nehmen.

So das Urteil der großen Heizanlagenhersteller, die natürlich jeden Versuch, in ihren Markt einzudringen, wahrnahmen, um ihn abzuwehren. Mit Preisen, mit Marketing und manchmal auch mithilfe des Gesetzgebers: verschärfte Zulassungen für neue Produkte, penible Überprüfung der Bücher und der Arbeitsbedingungen. Schließlich war man ja bis in die Parlamente hinein gut vernetzt. Aber Kienle? „Da muss man nichts dergleichen tun. Der schafft das nicht“, so die Hersteller.

Ungeduldig übersprang Janne die nächsten Jahre. Im Grunde kannte er ja die Kienle-Story, blieb aber an dieser Meldung hängen.

Wie ein Nobody von der Alb den Heizungsmarkt aufmischt. Der erstaunliche Aufstieg von Kienle

Das war die Headline in einem der führenden deutschen Wirtschaftsmagazine. Janne erinnerte sich. Es war 2026 gewesen. Diesen Beitrag hatte er als Student gelesen. Auf der lang ersehnten Zielgeraden seines Studiums. In einer Phase, wo sich jeder Student überlegt, wie es weitergehen soll. Ja, schon – Kienle gehörte zu den frechen Unternehmen in Deutschland und setzte der etablierten Konkurrenz gewaltig zu. Aber nach Schwäbisch Gmünd? Als Kölner zu den Schwaben?

Nie und nimmer!

Kienles Rezept wurde in diesem Beitrag gut beschrieben. Janne hatte dies damals aber nicht so richtig verstanden, wie er sich jetzt, mehr als zehn Jahre später, wo er diesen Beitrag erneut las, eingestehen musste. Kienles Geheimnis: kundenspezifische Anlagen, die den vorhandenen Bauraum in Heizungskellern perfekt ausnutzen und eine auf die Bedürfnisse des Kunden hundertprozentig abgestimmte Leistung erzeugen, statt auf Lager vorproduzierte Katalogware mit vom Produzenten vorgegebenen Leistungsmerkmalen.

Das Ganze auf Basis einer intelligenten Plattform. Kunden konnten aus einer unendlich erscheinenden Vielfalt aus Ausstattungsvarianten ihre Wunschheizung konfigurieren. Direkt am Computer oder mit einem Handwerker. Mass Customization heißt das. In der Automobilindustrie mit ihren hochemotionalen Produkten war dies schon lange der Standard, jetzt also auch für so nüchterne Dinge wie eine Heizung. Und das Ganze mit kurzen Lieferzeiten: 48 Stunden von Bestellung zur Installation. In der Zeit schafften es die Etablierten nicht mal, die Kundenbestellung in ihre Computer einzutippen.

Kienle hatte sich außerdem mit Handwerksbetrieben verbündet. Neben Individualität und Schnelligkeit war dies die dritte Säule des Erfolgs, wie das Wirtschaftsmagazin erklärte. Kienle wusste ja aus eigener Erfahrung, was Heizungsbauer vor Ort benötigen. Er kannte deren Sicht und deren Bedürfnisse. Ein großes Problem war das Verbindungsmaterial, also Rohrleitungen, Muffen und diese Dinge, die man braucht, um eine Heizung an die Verbraucher im Haus anzuschließen. In der Regel muss der Heizungsbauer bei einem Termin vor Ort beim Kunden das Aufmaß nehmen und die benötigten Anschlussteile beim Großhändler bestellen, um einiges dann in der eigenen Werkstatt zuzuschneiden.

Was, so fragte sich Kienle, wäre denn, wenn dies in einem Rutsch vor Ort geschehen könnte? Und so hat er die Handwerksbetriebe mit Laserscannern, Konfigurationssoftware und transportablen 3-D-Druckern ausgerüstet.

Er hat ihnen diese Dinge geschenkt. Einfach so.

Messen des Kellers und Herstellen des gesamten Montagematerials war eine Sache von wenigen Minuten. Die Handwerker konnten ihr Glück nicht fassen und wollten es gar nicht mehr anders. Kein Wunder, dass sie ihren Kunden die Kienle-Systeme empfohlen haben. Die Handwerksbetriebe waren Kienles stärkste Vertriebsmannschaft.

Die Etablierten waren aufgeschreckt und hatten in den nächsten Jahren reagiert. Das wusste Janne schon damals, weil er seitdem Kienle aus der Ferne bewundernd beobachtet hatte. Sie taten dann etwas, was sie in bestem Technikersprech „Erhöhung der Wertschöpfungstiefe“ nannten, kauften Handwerksbetriebe auf und nannten das Ganze „Strategische Partnerschaft“. Auch wurden Ingenieurbüros gekauft, um die jetzt im Trend liegende kundenspezifische Konstruktion nun vornehmen zu können.

Klar, dass das nicht klappen konnte. Die Integrationsprobleme, die entstehen, wenn die Kultur eines Großunternehmens mit der eines Handwerksbetriebs kollidiert und das fehlende Wissen, wie man intelligent kundenspezifisch konstruiert, waren die Gründe.

Und während sich in Deutschland viele Inhaber von Handwerksbetrieben mit den Erlösen des Verkaufs ihrer Betriebe und breitem Grinsen in einen frühen Ruhestand begeben hatten und die abgehängten etablierten Heizgerätehersteller weiterhin mit ihren Problemen kämpften, machte Kienle hierauf aufbauend den nächsten Schritt.

Eine Revolution!

Er kannibalisierte sein eigenes Geschäft und baute ein neues auf. Zukünftig verstand sich Kienle nicht mehr als ein Hersteller von Heizgeräten, sondern als ein Wärmeprovider.

„Vitalwerte nähern sich dem gelben Bereich. Bitte führen Sie in den nächsten 30 Minuten Magnesium und Vitamin B12 nach“, mischte sich der Medical Assistant ein und unterbrach rüde Jannes Lesefluss.

Ohne zu zögern, stand Janne auf und verließ die Working Cave, um auf kürzestem Weg den Küchenblock anzusteuern. Hätten sie einen Haushaltsroboter, dann würde Janne ihn damit beauftragen, einen passenden Mix anzurühren und ihm in die Cave zu bringen. So musste Janne das selbst tun. Aber vielleicht würde sich dies ja bald ändern, wenn Janne den Kienle-Gig annehmen würde.

„Na, schon fertig?“, fragte Anna ein wenig spöttisch, weil sie wusste, dass dem nicht so war.

Julia saß neben ihr am großen Esstisch in der Mitte des Wohnbereichs und schaute konzentriert auf ein Hologramm, das sich darauf gebildet hatte, und schob dort mit flinken Handbewegungen imaginäre Quader hin und her.

„Ich muss meine Vitalwerte stabilisieren“, rechtfertigte sich Janne, während er den Kühlschrank öffnete, um sich die vordosierten Zutaten zusammenzustellen.

„Übertreib’ es nicht.“

„Du als Medizinerin sagst mir, ich solle aufhören, auf meine Gesundheit zu achten?“, fragte Janne, ohne dabei aufzublicken, da er damit beschäftigt war, die Ampullen und Flaschen auf dem Küchenblock auszurichten.

„Ich sage dir, dass du mehr auf deinen eigenen Körper hören solltest, und nicht nur auf einen Algorithmus.“

„Ich nutze nur Algorithmen von Global Health. Das sind die besten.“

„Und du stärkst dieses Unternehmen noch. Die haben doch bald ein weltweites Monopol auf das Gesundheitswesen. Medikamente, Gesundheitshäuser, Medizintechnologie. An denen führt bald kein Weg mehr vorbei.“

„Na und? Wenn der Service stimmt?“, winkte Janne ab. „Außerdem vergibt das Unternehmen Scorerpunkte für gesunde Lebensführung. Mein Score steigt und ich werde weiter oben gelistet. Das hilft mir bei Gig-Anfragen. Wer weiß, vielleicht wäre die Anfrage von Kienle ohne das hier gar nicht gekommen?“ Er zeigte auf den Shaker, in dem es sich die öligen Zutaten aus dem Kühlschrank bequem gemacht hatten.

„Wer weiß. Sicher ist aber, dass sich Global Health darüber freut, wenn du dem Befehl ihrer Algorithmen folgst und deren Produkte zu dir nimmst.“

„Papa, schau mal, was ich gemacht habe!“, rief Julia vom Esstisch herüber.

Janne verstaute die restlichen Zutaten im Kühlschrank und ging mit dem Getränk in der Hand zum Esstisch. Warum heißt der Esstisch eigentlich so, obwohl man darauf alles Mögliche machen kann?

Jetzt konnte er sehen, womit Julia beschäftigt war.

Sie hatte das Hologramm eines Stadtviertels erzeugt. Gebäude, unterschiedlich hoch, bunt und mit absurden Formen, große Quader auf kleinen Quadern. Die Gesetze von Statik und Gravitation wurden von Julia kurzerhand außer Kraft gesetzt, weil für diese in der Fantasie von zehnjährigen Mädchen einfach kein Platz ist.

Geschwungene Straßen, mit vielen Menschen und wenigen Autos, begrünte Plätze, auf die begrünte Fassaden herabschauen. Und mittendrin der wohl größte Spielplatz der Welt.

„Das ist aber sehr schön“, freute sich Janne. „Was ist das?“

„Eine Stadt!“, rief Julia.

„Und wie heißt sie?“

„Steiger-Stadt!“, jubelte sie.

„Und wer wohnt da?“

„Na wir“, erklärte Julia strahlend. „Und das ist unsere Wohnung.“

Ihre Hand schnellte mit ausgestrecktem Zeigefinger hervor, um unmittelbar vor den in Neon-Pink gehaltenen obersten fünf Etagen eines Hochhauses zu stoppen, welches sich direkt gegenüber dieses Wohl-größten-Spielplatzes-der-Welt abenteuerlich auftürmte.

„Fünf Etagen. Ganz oben. Nur für uns. Für dich, für Mama, für mich und für Opa und Oma.“

„Opa und Oma. Natürlich!“, wiederholte Janne und schlug sich mit der freien Hand an die Stirn.

In einem Hologramm vielleicht, aber nicht in der wirklichen Welt, dachte er, während sein Blick auf die Steiger-Stadt fiel, um dort aber ins Leere zu gehen.

„Ich muss weiterarbeiten.“ Janne drehte sich um, um mit dem Getränk in der Hand in seiner Cave zu verschwinden.

„Sie sind im Begriff, Audiodateien von internen Meetings zu öffnen. Bitte bestätigen Sie, dass dies nur zum persönlichen Gebrauch geschieht und jede Weitergabe an Dritte juristische Konsequenzen haben wird“, las Janne, als er im Auswahlmenü den Punkt „Interna“ gewählt hatte.

Ohne zu zögern, tat er, wie befohlen. Zu groß war seine Neugier, in die Brennkammer des von ihm verehrten Netzwerks hineinhorchen zu können. Zur Sicherheit setzte sich Janne seine alten Kopfhörer auf, damit ja nichts nach draußen drang. Eigentlich überflüssig, da eine Working Cave nicht nur blick-, sondern auch schalldicht ist. Er stellte das Glas mit seinem Mix neben sich hin und legte los.

Er sah sich die Aufzeichnung des Strategie-Meetings mit Führungskräften und dem Beirat vom 23. Juni 2023 an, dem Tag, an dem Günter Kienle seine Vision des Geschäfts darlegte.

Kienle stand auf einer kleinen Bühne, das Rednerpult ignorierend und sprach zu seinem Publikum; geschätzt 200 Personen.

„Unsere Kunden sind Handwerksbetriebe; ihnen verkaufen wir Heizungen. Und darin sind wir nicht schlecht. Wir wissen aus eigener Geschichte: Wenn es darum geht, eine Heizungsanlage zu installieren oder eine defekte Anlage zu reparieren, ist Zeit Geld für die Handwerker.

Wir können schnell liefern und schenken den Handwerkern sogar das Werkzeug, das sie brauchen. Wie die portablen 3-D-Drucker, mit denen vor Ort die Kunststoffschläuche und Metallschellen erzeugt werden – in Minutenschnelle, nachdem der Kienle-eigene Laserscanner die Montageumgebung erfasst und die Anschlussmaße errechnet hat.

Wir begeistern unsere Kunden aus dem Handwerk durch minutengenaue Anlieferung der Heizgeräte am Ort des Einbaus durch einen Paketdienst, der von uns so gut bezahlt wird, dass er gerne die zehn Minuten wartet, bis das Heizgerät und das Montageset ausgepackt wurden, um das Leergut sofort mitzunehmen und zu uns zurückzubringen. So macht dem Heizungsbauer die Montage natürlich Spaß. Und seinem Chef macht es Spaß, dass er das Gerät erst dann bezahlen muss, wenn er seinerseits das Geld vom Kunden erhalten hat.

Schnelle Ausführung, sicher verdientes Geld, keine Vorfinanzierung der Geräte und keine Bestände in der Werkstatt. Kein Wunder, dass die Handwerker große Fans von Kienle sind und diese Geräte ihren Kunden empfehlen. Eine größere Vertriebsmacht kann man sich nicht vorstellen.“

Kienle erntete den Applaus aus 200 Händepaaren. Neu war dies den Anwesenden nicht, schließlich arbeiteten sie ja in diesem Unternehmen. Aber indem Kienle noch einmal die Großartigkeit seines Unternehmens erklärte, hatte er in den Herzen der Anwesenden ein wärmendes Lagerfeuer entzündet.

Und die Großen sind in Panik geraten, dachte sich Janne, ohne seine Augen von der Projektionsfläche zu lassen, während er an seinem Getränk nippte und so nicht bemerkte, dass sich dessen wesentliche Elemente längst auf den Weg zum Boden des Trinkgefäßes gemacht hatten, um dort den Rest des Abends zu verbringen, statt in Jannes Blutbahn.

„Wir haben nicht das Heizen neu erfunden, aber das Geschäft mit dem Heizungsbau, meine Herrschaften“, fuhr Kienle fort. „Und wir gehen ab heute einen großen Schritt weiter.“

Janne beobachtete Kienle, wie er zum Pult ging, einen Schluck Wasser zu sich nahm, um sich dann wieder seinem Publikum zuzuwenden. „Meisterlicher Spannungsaufbau“, schmunzelte Janne.

„Wie gesagt: unsere Kunden sind Handwerksbetriebe“, sagte Kienle. „Und deren Kunden sind Privatpersonen sowie Betriebe aller Art. Die wollen aber gar keine Heizgeräte, sie wollen Wärme. Und darauf reagieren wir, meine Damen und Herren“, macht er klar.

„Wir werden Heizungen mit marktüblichen Fernwartungsfunktionen ausstatten, Remote Control, und so die Heizungen bei unseren Kunden managen. Wobei es nicht die Heizungen der Kunden sein werden, wir vermieten sie ihnen lediglich. Statt technische Geräte zu verkaufen, garantiert Kienle seinen Kunden Wärme zum Fixpreis. Die Heizungen sind nur noch Mittel zum Zweck. Meine Vision: Flatrate für Wärme. Die Tarife werden abhängig sein von der von den Kunden gewünschten Raumtemperatur und den Zeiträumen, in denen diese zu garantieren ist. Alles andere wird unsere Sache sein. Kein Einstellen von Heizkörpern, keine Kalibrierung von Messfühlern und so weiter: Der Kunde überlässt das Managen der Heizung Kienle. Kienle wird ab sofort Wärmeprovider. Und der dazu passende Slogan lautet: Kienle regelt das schon. Das wird einschlagen, wie eine Bombe!“

„Ja, und zwar in unsere Bilanz. Aber nicht so, wie Sie es sich vorstellen, Herr Kienle.“ Der Beirat war entsetzt – wie eigentlich immer, wenn es um Neues ging.

„Bei allem Respekt, Herr Kienle, aber das ist der gerade Weg in den Ruin: Die Leute heizen, was das Zeug hält bei offenem Fenster, und Kienle zahlt. Das wäre bestimmt nicht im Sinne Ihres Vaters. Kommen Sie bitte zur Vernunft, Herr Kienle!“

Aber Kienle ließ sich nicht beirren. „Glauben Sie wirklich, dass die Welt voll mit solch bösen Menschen ist? Klar wird es den einen oder anderen geben, der sich so verhält. Und natürlich werden wir dann drauflegen. Aber das holen wir mehrfach bei den anderen Kunden wieder rein. Außerdem werden die Tarife nicht ewig gelten. Drei oder fünf Jahre. Da wir über Remote Control das Heizverhalten und auch sonstige Dinge im Haus erfassen – Anwesenheit der Bewohner und Stellung der Fenster – können wir den Kunden Hinweise geben, wie sie sich energieeffizient verhalten. Wer diese Hinweise ignoriert, kriegt halt keinen Anschlussvertrag oder ein Angebot, das er nicht annehmen möchte. Wissen Sie, vor 40 Jahren kamen die ersten Online-Handelshäuser für Bekleidung auf den Markt, die ihren Kunden ein uneingeschränktes Rückgaberecht eingeräumt haben. Auch denen hat man den Sturzflug in die Pleite vorhergesagt. Fakt: Nur die allerallerwenigsten Kunden haben dieses System ausgenutzt und beispielsweise feinste, aber verschwitze und verfleckte Abendgarderobe mit dem Hinweis zurückgegeben, dass sie leider nicht passe. Das haben sie einmal gemacht, zweimal und vielleicht noch ein drittes Mal. Dann waren sie als schwarze Schafe identifiziert und wurden nicht mehr beliefert.“

Und so hatte der kleine Kienle von der Schwäbischen Alb aus das Geschäft mit Heizungen neu definiert. Das wusste Janne auch aus der Wirtschaftspresse, aber dieses vertrauliche Videodokument mit seinem direkten Einblick in das Geschehen von damals elektrisierte ihn.

Und die Konkurrenz? Sie hatte noch lange versucht, mittels Digitalisierung die Kosten in der Fabrik zu senken, um so wettbewerbsfähig zu bleiben. Loser in the end.

Janne wusste auch schon, dass die Nutzer der Heizgeräte entscheiden konnten, ob und wenn ja, welche Daten Kienle – anonymisiert – weiterverkaufte und damit wiederum Erlöse erzielte, die in Form von Rabatten weitergegeben wurden. Kienle verdient heute Geld auch mit Datenhandel und gibt einen Teil der Erlöse an seine Kunden, die heizenden Datenproduzenten, weiter.

Während der Beirat noch sichtlich unter dem Flatrate-Schock stand, wie Janne im Video gut sehen konnte, legte Kienle nach.

„Ich werde nicht mehr an der Spitze des Unternehmens stehen, sondern im Zentrum. Die klassische Organisation ist tot. Das Unternehmen der Zukunft hat kein Organigramm. Wir werden uns nach dem Vorbild von Gehirnzellen organisieren. Dort fließen die Informationen nicht mehr vertikal, sondern horizontal, sogar bei Ihnen“, sagte er mit einem Blick in Richtung der Herren des Beirats. „Aus Mitarbeitern werden Mitwirkende – und das ist ein gehöriger Unterschied. Das heißt aber nicht, dass es keine Verantwortung mehr gibt – nur wird diese in den zeitlich befristeten Netzwerken fallweise festgelegt.“

Janne erkannte in der Aufnahme, wie sich Kienles Mitarbeiter ungläubig ansahen.

„Seit den 90er-Jahren haben sich sogenannte atypische Beschäftigungsverhältnisse ausgebreitet. Hierzu zählen unter anderem Zeitarbeit, befristete Arbeit oder von extern durchgeführte Projektarbeit. Die Unternehmen haben damit ein schlechtes Zeichen gesetzt: Der Mitarbeiter ist ein austauschbarer Produktionsfaktor, von dem man sich in schlechten Zeiten zu trennen hat. Und da ist es doch nur vernünftig, sich nicht langfristig zu binden. Dies hat natürlich zum Ende des Zusammenhalts geführt. Die Mitarbeiter, die dies erkannt haben, ließen Ideenreichtum und Engagement vermissen. Und die Manager haben überhaupt nicht verstanden, warum in dem Prozess der kontinuierlichen Verbesserung den Leiharbeitern weniger eingefallen ist als den Festangestellten. Nun, den Leiharbeitern ist nicht weniger eingefallen, sondern sie haben dieses Wissen für sich behalten. Frei nach dem Motto: Gib mir eine Festanstellung und mir fällt schon was ein.“

Janne sah, wie Kienle in Richtung der Mitglieder des Betriebsrats schaute - zu erkennen an ihrer unmodischen Kleidung und der Anstecknadel mit Gewerkschaftslogo, wenn man nur nah genug heranzoomte.

„Die Gewerkschaften haben dies lange Zeit moniert und gefordert, dass die Unternehmen diese typischen Beschäftigungsverhältnisse zum Standard machen. Sie haben vollkommen übersehen, dass es seit vielen Jahren eine zunehmende Anzahl von Menschen gibt, die diese Art von Beschäftigungsverhältnis gar nicht haben möchte. Es handelt sich um Berufseinsteiger, denen eine langfristige Bindung nicht wichtig ist, die auch keine emotionale Bindung zum Unternehmen haben, wie noch ihre Eltern. Wenn man so will, hat diese Generation ja einen nüchternen Umgang mit der Beschäftigung. Sie handelt Verträge auf Zeit aus und will sich alle Optionen offenhalten. Vor dem Hintergrund des aktuellen Fachkräftemangels haben diese auch die entsprechende Marktmacht, um so zu handeln. Arbeitsverträge von Geschäftsführern haben eine immer kürzere Laufzeit und ein Geschäftsführer ist von einem Interim-Manager gar nicht mehr zu unterscheiden.“

Kienle entließ den Betriebsrat aus seinem Blick und wandte sich wieder an alle Zuhörer.

„All das habe ich mir angesehen und bin zu dem einzig richtigen Schluss gekommen: Ende der Festanstellung. Wie arbeiten nur noch auf Projektbasis zusammen. Was sich für einen Außenstehenden anhört wie ein System beliebig austauschbarer Mitarbeiter und hoher Fluktuation ist in Wirklichkeit anders. Natürlich werden die Verhältnisse unserer Zusammenarbeit stets neu ausgehandelt. Aber wir sind ein mittelständisches, inhabergeführtes Unternehmen und legen natürlich großen Wert auf Kontinuität. Aber was, wie wo und zu welchem Honorar getan wird, muss stets neu verhandelt werden. Das wird für manch einen ehemals fest angestellten gewöhnungsbedürftig sein oder unbequem.“

Die Gewerkschaften hatten damals aufgeheult, erinnerte sich Janne, und zu Streiks aufgerufen, an denen sich aber niemand so recht beteiligen wollte. Stell' dir vor, es ist Streik und keiner geht hin.

„Arbeit findet bald nur noch in temporären Netzwerken statt“, fuhr Kienle fort. „Ich weiß, dass dies bei einigen von Ihnen Unbehagen erzeugt. Aber sehen Sie es doch einmal so: Manch eine sichere Anstellung ist doch nichts anderes, als eine Karrierefalle oder eine Quelle für Burnout. Freuen Sie sich über die gewonnene Freiheit der vielfältigen Möglichkeiten, von denen Sie gerne mehrere gleichzeitig wahrnehmen dürfen, im Kienle-Netzwerk und in anderen Netzwerken. Ich nenne dies ‚Jobtionen‘. Das wird so kommen – lassen Sie uns der Vorreiter sein.“

Er machte Pause, aber nur kurz. „In diesen temporären Netzwerken gibt es natürlich auch keine Vorgesetzten mehr, sondern nur noch Projektleiter. Kein Oben mehr und kein Unten, sondern nur ein Gemeinsam. Wir werden verschiedene Stufen der Vernetzung haben. Auf der ersten Stufe steht die Informationsweitergabe in unterschiedlichen Netzen. Das bedeutet, dass ein Mitarbeiter sich im Netzwerk in beliebige Themen einbinden kann und für das Einschleusen von Informationen in dieses Netzwerk belohnt wird. Auf der zweiten Stufe steht das Moderieren dieser Netzwerke. Und die dritte, höchste Stufe besteht darin, neue Netzwerke ins Leben zu rufen. Ich honoriere nicht zugewiesene und formale Machtfülle, sondern Kommunikation. Die Reputation des Einzelnen ist nicht umso größer, je höher er in der Hierarchie aufsteigt, sondern je besser er vernetzt ist. Und die Bewertung der Arbeit der einzelnen Netzwerker kommt aus dem Netzwerk selbst. Dies erfolgt durch Professional Scores, basierend auf objektiven, da automatisch erfassten Performanceindikatoren. Der erzielte Professional Score bestimmt den Marktpreis des Mitarbeiters. Folglich beschränkt sich die Entwicklung von Menschen nicht auf das eigene Unternehmen, sondern findet im gesamten Netzwerk und auf Gegenseitigkeit statt. Eine Personalabteilung braucht zukünftig niemand mehr.“

„Da hat der alte Kienle den Score schon früh gedanklich vorweggenommen. Ein Genie“, sagte Janne zu laut, weil er vergaß, dass er einen Kopfhörer trug.

„Wir stehen vor dem Zeitalter der Gig-Ökonomie, in der es keine festen Jobs mehr gibt, nur noch Gigs. Das wird kommen, ob wir dies wollen oder nicht. Und da es kommen wird, sollten wir auch hier die Vorreiter sein, finden Sie etwa nicht?“, fragte Kienle rhetorisch in die Runde. „Folgerichtig haben diese temporären Organisationen keine festen Grenzen mehr. Aus ehemals starren Organisationen werden fluide Systeme. Die klassische Aufbauorganisation hat ihren Sinn verloren. Auch existiert der Betrieb im traditionellen Sinn nicht mehr. Wo es aber keine Betriebe mehr gibt, haben auch Betriebsräte ihre Bedeutung verloren. Das Vertretungsmodell der heute zu Recht nicht mehr existierenden Gewerkschaften basierte auf der Präsenzkultur des 19. Jahrhunderts und ist deshalb überholt. Nicht, dass die Menschen heute keine Vertretung mehr brauchten, aber wer die Menschen nicht auf Schwankung, Risiko und Turbulenz vorbereitet, sondern sich darauf beschränkt diese zu verbieten, dessen Zeit ist halt abgelaufen.“

Genauso ist es gekommen, staunte Janne. Hat Kienle das schon vor 14 Jahren gewusst? Janne war beeindruckt.

„Wir wollen zukünftig den Kunden maximale Entscheidungsfreiheit geben. Darüber, welche Projekte realisiert werden, welche Produkte und Dienstleistungen erzeugt werden, wie welche Märkte erschlossen werden sollen: In nichts mischen wir uns mehr ein, weder ich persönlich, noch Sie als meine zukünftigen Netzwerkpartner.“

Die Reaktion des Beirates ließ nicht lange auf sich warten. Seine Sorgen bestanden darin, dass man nun sämtliche unternehmerische Kompetenz abgeben und Beliebigkeit und Chaos sich breitmachen würden.

„Herr Kienle, Sie hören auf, das Unternehmen zu führen. Das geht doch nicht!“

„Was ihr Führung nennt, ist doch nur Bevormundung. Ich schließe den Leuten ihre Fußketten auf und lasse sie in flüchtigen Projektteams einfach machen, denn sie wissen schon, was zu tun ist.“

„Kienle, Sie geben die Kontrolle über das Unternehmen ab. Wer das Geld gibt, bestimmt die Musik, wie bei uns auf dem Feuerwehrfest.“

„Ich gebe mein Geld lieber dafür aus, den Kunden kennenzulernen, als ihn zu verwalten“, schmetterte er dem Beirat entgegen. „Und wenn ihr schon mal nach dem Geld fragt: Die Netzwerkpartner, Projektpartner oder wie auch immer wir sie bezeichnen möchten, können sich auf dem Kapitalmarkt das Geld selbst besorgen. Dem Crowdfunding gehört die Zukunft. Jeder darf Ideen realisieren, wenn er das nötige Geld eingesammelt hat, natürlich auch bei mir selber. Unsere Kunden werden Investoren sein. Sie werden Einfluss nehmen auf Produktentwicklungen, bringen ihre eigenen Ideen ein und das hierfür benötigte Kapital gleich mit. Mein Vater hatte drei Gesellen und die Volksbank. Ich werde Millionen von Entwicklern und Kapitalgebern haben. Das ist doch nicht schlecht, oder?“

Doch, ist es, sagten die blassen Beiratsgesichter.

„Wir werden dahin gehen, wo die Talente sind. In die Städte. München, Hamburg, Dresden, Köln und so weiter. Und nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern. Überall bauen wir Standorte für Forschung, Entwicklung und Herstellung. Ich will diese Standorte Sites nennen.“

„Aber Herr Kienle. Wissen Sie nicht, wie hoch dort die Mieten sind? Hier in Schwäbisch Gmünd haben wir so viele ungenutzte Gewerbeflächen, Sie könnten hier für wenig Geld alle Hallen bauen, die Sie brauchen“, wehrte sich der Beirat matt.

„Was nützt mir die Halle, wo nix kostet, wenn man sie nicht mit klugen Köpfen füllen kann?“, bellte er den Beirat an. „Nichts da. Wir gehen in die Städte.“

Kienle machte eine lange Pause und blickte in den Raum. Es schien, als wollte er jedes der vorhandenen Augenpaare einzeln an sich binden.

„Schauen Sie sich um und erkennen Sie, was passiert“, warf Kienle den Anwesenden zu. „Soziale Netzwerke, Handel, Logistikdienste, Musik und Unterhaltung. Alles formiert sich zu Plattformen. Sie schieben sich zwischen die, die die Arbeit machen, die Künstler, die Handwerker und deren Kunden. Sie saugen sie aus und bieten dem Kunden alles aus einer Hand an.

Es ist ein erbarmungsloser Kampf – jeder gegen jeden. Bis nur noch einer übrig bleibt. Der dann die Preise bestimmt und weltweit das Geschäft beherrscht. Das mit Unterhaltung, das mit Handel, mit Logistik, das mit Mobilität, das mit der Gesundheit. Und auch das mit Wärme. Unser Geschäft!“

Janne spulte die Aufnahme zurück und zoomte Kienle an sich heran. Was für eine Angriffslust in Kienles Augen. Was für eine beeindruckende Persönlichkeit Kienle auch schon damals war. Und dann diese Weitsicht. Tatsächlich ringen heute Konzerne und Nationalstaaten darum, wer auf der Welt das Sagen hat –und die Nationalstaaten sind ganz schön in die Defensive geraten.

„Es geht um nichts Geringeres als die Weltherrschaft“, fuhr Kienle fort „und Kienle wird dabei sein!“

Es stimmt, dachte Janne, während er nach seinem Getränk tastete. Die Macht auf diesem Planeten ist heute nicht mehr allein bei den Staaten, sondern auch bei Konzernen. Das ist ja auch gut so.

Wie zum Beispiel bei „YourLife“, dem weltweit führenden Anbieter von Nahrungs- und Genussmitteln. Das Unternehmen hatte alles im Sortiment, was man brauchte. Wozu also woanders einkaufen? Es gab auch den Mobilitätsprovider „Panta Rhei“, ohne den weder Menschen noch Güter bewegt werden können. Der fast alle Logistikleistungen sowie alle Taxi- und Car-Sharing-Dienste unter seiner Kontrolle hatte. Gleiches machte „Global Health“, der das Geschäft mit Gesundheit weltweit betrieb. Janne nutzte die Produkte und Services von Global Health gerne, sie brachten ihn gesundheitlich nach vorne und damit natürlich auch seinen Health Score. Und dass kaum mehr Konzerte stattfanden und keine Musikproduktionen veröffentlicht wurden, ohne dass „Heart&Soul“ hier mitmischte, war ja bekannt. Aber war das denn schlecht, solange die Qualität stimmte? Und ja, alle digitalen Services wurden von „Hydra“ angeboten: Systeme, Hardware, Software, Soziale Netze. Alles aus einer Hand. Wie praktisch.

Sie nennen sich die Kümmerer und führen Wirtschaftskriege. Ihre Kunden heißen Jünger, ihre Mitarbeiter heißen Krieger und verpflichten sich, die Vorzüge der Produkte und Dienste des Kümmerers in die Welt hinauszutragen und diese auch weiterzuentwickeln. Die Frontlinien dieser Kriege verlaufen mitten durch Familien. Ihr Schlachtruf lautet: „Monopol oder Untergang“.

In ihrem Selbstverständnis sind diese Kümmerer wie Staaten. So hat sich Hydra 2034 ein riesiges, schwimmendes Areal ge baut und dieses in internationalen Gewässern in der Karibik verankert, küstennah und klimatisch angenehm. Unternehmenssitz und Wohnen und Arbeiten für 6.000 ihrer Krieger. Was für eine Wohltat für diese Krieger und ihre Familien, was für ein Anreiz, für Hydra zu arbeiten, dachten sich viele Beobachter von außen.

Was für ein gutes Argument, seine Unabhängigkeit zu erklären und Mitglied der Vereinten Nationen zu werden, dachte sich das Management von Hydra.

New York, 13. Februar 2035

Hydra ist seit heute Vollmitglied der Vereinten Nationen

Nach kurzer Beratung hat die UN-Vollversammlung mit großer Mehrheit den globalen Kommunikationskonzern Hydra im zweiten Anlauf als neues Mitglied aufgenommen. Es ist zu erwarten, dass weitere Unternehmen dem Beispiel von Hydra folgen werden.

UNO-Generalsekretärin Perez erklärte in diesem Zusammenhang, dass es sich um einen Meilenstein in der Weiterentwicklung der Vereinten Nationen handele, sie diese Entwicklung im Namen der Völkergemeinschaft begrüße und weitere Unternehmen hochwillkommen seien.

Noch drei Wochen zuvor sah es ganz anders aus. Da hatte Hydra seinen Antrag auf Anerkennung als unabhängiger Staat und die Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen erstmals eingereicht. Da Dänemark bereits 2013 diplomatische Beziehungen zu Facebook aufgebaut hatte, erschien dieser Gedanke auch nicht allzu abwegig. Und mit dem in internationalen Gewässern ankernden Areal würde man ja auch die Voraussetzung eines vorhandenen Territoriums erfüllen.

Aber sich selbst zum Staat zu erklären und gleich die Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen beantragen?

Die Herrschaften am Hudson River hatten sich die Bäuche gehalten vor Lachen. Ein Unternehmen als Mitglied der Vereinten Nationen? Undenkbar. Der Antrag kam deshalb auch gar nicht als Beschlussvorlage in die Vollversammlung – was das Management von Hydra übrigens genauso erwartet hatte.

Bereits am nächsten Tag kam es fast zeitgleich in Laos und in Bulgarien zum Totalausfall der digitalen Infrastruktur. Der öffentliche und private Verkehr stand still, da kein Leitsystem, keine Ampel mehr funktionierte. Das Wirtschaftsleben fand nicht mehr statt, weil niemand mehr eine Zahlung leisten konnte. Die Energieversorgung war zusammengebrochen und auf den Operationstischen starben Menschen unter den hilflosen Händen der Chirurgen.