Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Nach einem verunglückten Selbstmordversuch begibt sich der sechsundzwanzig-jährige Student Hannes mit seinem neu gewonnenen Freund – dem Trompeter Achim – auf eine abenteuerliche Reise per Anhalter nach Cannes. Als musikalisches Duo – Trompete und Buschtrommel – lernen Sie die Welt lieben und hassen. Nehmen Sie teil an einer Mixtour aus Roadmovie, Drama und Komödie!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 628
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Sinn
Kapitel 1
Ein neues Leben
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Die Nachricht
Kapitel 6
Das Puffmobil
Kapitel 7
Die erste Probe
Kapitel 8
Guuten Mooorgen!
Kapitel 9
Spiel mit dem Tod
Kapitel 10
Der erste Auftritt
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Die Bande
Kapitel 15
Kapitel 16
Die Grillparty
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Johanna
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Schwarzbraune Zähne
Kapitel 25
Das närrische Paar
Kapitel 26
Die Fans
Kapitel 27
Kapitel 28
Die Kreissäge
Kapitel 29
Kapitel 30
Der Kampf im Waschsalon
Kapitel 31
Kapitel 32
Schwarze Witwe oder nicht?
Kapitel 33
Der Philosoph
Kapitel 34
Der Mann mit dem Saxophon
Kapitel 35
Kapitel 36
Die Prolls
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Der Vater und der Sohn
Kapitel 40
Der Fund
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Hurenbock
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Schwarzarbeiter und Affen-Schieber
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Die Heiligen Schwestern
Kapitel 50
In den Bergen
Kapitel 51
Kapitel 52
Ein Haufen Bellos
Kapitel 53
Luftalarm
Kapitel 54
Bella Italia
Kapitel 55
Die bunten Autonomen
Kapitel 56
Vor den Toren der Hölle
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Laura
Kapitel 60
Kapitel 61
Durchgeknallt
Kapitel 62
Afrika
Kapitel 63
Der Veteran und die Diskussion
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Ladykracher
Kapitel 67
Kapitel 68
Strand-Langfinger
Kapitel 69
Kapitel 70
Die verhängnisvolle Rotation der Erde
Kapitel 71
Kapitel 72
Die Marokkaner
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Der lange Alain
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Die Stars und die Chlochards
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Das war’s dann wohl. Das Leben ist futsch, alles ist dahin, die Zukunft ohne Sinn. Ich bin durchgefallen, und das zum zweiten Mal. Und es gibt kein drittes Mal mehr ... das war das letzte Mal. Die ganzen sechs Jahre Studieren endgültig für nichts.
Ich Versager, ich Null!
Die riesigen rechteckigen, grauen Betonklötze der verschiedenen Wissenschaften – ohnehin nicht die architektonische Pracht dieser Universität – wirken nun so erniedrigend, so bedrohlich. Mir ist, als wollten sie mich verschlucken, unter sich begraben – wie eine kleine unbedeutende Ameise, die nach kläglicher Arbeit vom Ameisenvolk ausgemustert wurde und nun ziellos umherirrt, ohne noch jeglichen Nutzen zu haben. Während die anderen Studenten eilig und zielstrebig an mir vorbei nach Hause strömen, um wohl weiter in ihren Stuben zu büffeln und zu büffeln und zu büffeln, trotte ich vorwärts wie ein geprügelter Hund.
Aber wohin noch gehen? Wozu noch gehen? Das war’s. Ich habe meine Chance gehabt. Sogar zwei Mal habe ich sie gehabt ... doch ich habe versagt – jämmerlich versagt. Was soll noch aus mir werden? Ohne Abschluss nimmt mich keine Sau. Wer will schon einen gescheiterten Akademiker? Ach, Akademiker, bin ich ja nicht einmal ... Von nun an kann ich weiter meinen Aushilfsjob im Kiosk machen, auf Vollzeit sozusagen – die Bildzeitung, Bier, Zigaretten, Gewinnrubbelscheine, Eis, Lakritz und Möhrenköpfe verkaufen, oder wenn der Kiosk irgendwann mal Pleite machen oder der Besitzer wechseln sollte, dann kann ich andere Hilfsarbeiterjobs machen, zum Beispiel auf dem Bau Steine und Betonsäcke schleppen, bis mir eines Tages das Kreuz bricht, oder im Restaurant und als Kellner die Gäste anlächeln, obwohl ich kotzen könnte, oder in der Küche kiloweise Kartoffeln schälen und Pfannen und Kochtöpfe sauber schrubben, oder Pizza ausfahren, oder noch andere erfüllende Tätigkeiten ausüben und von Leuten umgeben sein, die noch nie ein Buch in die Hand genommen haben, deren Lebenssinn im Wesentlichen aus den drei Fs besteht – Ficken, Fressen, Fernsehen. Wenngleich, vielleicht gibt es den einen oder anderen Maurer, Kellner, Koch oder Pizzafahrer, dessen Gemüt mit abenteuerlichen Geschichten bekritzelt ist – solche, die über den Horizont der Alltäglichkeit und die drei Fs hinausblicken können.
Doch das sind nur wenige...
Wenn ich Glück habe, gibt es auch im Hilfsarbeitermilieu ein paar Gleichgesinnte, also ein paar gescheiterte Geisteswissenschaftler. Doch worüber sollte ich mich mit ihnen unterhalten? Über Werthers Leiden, den Steppenwolf oder den Tod in Venedig; Bücher die wir zwar schätzen und mögen, aber dann noch nicht so ganz kapiert haben, wie es die Dozentenschaft gewünscht hätte und die uns schließlich hat durchfallen lassen. Und die anderen Kollegen im Hilfsarbeitermilieu, die echten Hilfsarbeiter, werden mich belächeln, auf mich herabsehen und sagen: „Schau mal, der kluge Lehrer. Doch so klug, wie er dachte, war er dann wohl doch nicht!“
Nein, nein, nein, ich bin ein Verlierer, inmitten der Gewinner – durchgefallen im Sieb der Leistungsgesellschaft.
Und meine Eltern? Was wird meine Mutter sagen? Ihr Sohn, ihr einziger Sohn, auf dem alle ihre Hoffnungen ruhten, der Einzige in der Verwandtschaft mit Abitur, der Sohn, der Akademiker, der Sohn, der bald Lehrer sein sollte, hat versagt! Ich, der ihr einziger Lichtblick in ihrem ohnehin schon depressiven Leben ist, habe versagt! Daran zerbrechen, daran zugrunde gehen wird sie.
Und die Frauen? Die wollen einen Gewinner, einen Sieger und den kann ihnen ein Verlierer im Hilfsarbeitermilieu nicht bieten.
Was soll ich noch zu Hause, im Studentenwohnheim, gleich allein in meinem Zimmer? Die gleichen düsteren Gedanken, die ich jetzt habe, werden mich noch den ganzen Abend lang begleiten. Auch morgen, auch übermorgen, nächste Woche, nächsten Monat, von nun an immer, immer, immer. Irgendwann werde ich dann schließlich selbst zum Kiosk gehen und mir ein paar Flaschen Bier holen, um meine düsteren Gedanken für den Rest des Abends davon zu treiben. Doch am nächsten Morgen werden sie wieder da sein und noch viel grässlicher sein, weil der Kopf dazu noch vom Bier am Vortage weh tut. Und irgendwann werde ich dann schon am Morgen zum Kiosk gehen, um mir meine Sorgenvertreiber im Flaschenformat zu besorgen ... Und irgendwann werde ich ohne sie nicht mehr auskommen können, denn dann werde ich sie brauchen, nicht nur mein Geist, sondern auch mein Körper wird sie brauchen. Und irgendwann werden dann schließlich nur noch ein paar wenige funktionstüchtige Gehirnzellen übriggeblieben sein, die gerade mal dazu ausreichen, das Leergut der Flaschen zusammenzuzählen, und dann ist endgültig Schicht im Schacht.
Ja, Schicht im Schacht.
Plötzlich höre ich die Melodie einer Trompete. Ich nehme meinen Blick vom Boden. Am U-Bahn-Eingang steht ein Trompeter und spielt für die Passanten. Vor ihm liegt eine Mütze mit ein paar Münzen drin, neben ihm ein Rucksack, daran festgebunden ein Schlafsack – ein vagabundierender Trompeter. Ich nähere mich ihm und bleibe stehen. Es ist eine schöne, eine wunderbare und sehr traurige Melodie. Wie traurig ist diese Melodie, wie traurig ist sie ... traurig wie ein Untergang. Warum spielt er sie, diese Melodie? Gerade jetzt? Spielt er sie etwa nur für mich? Nur für mich? Ist sie ein Zeichen, ein Signal, eine Fanfare ... meine Fanfare? Ich sehe einen Kran hinter dem Trompeter, einen großen, großen Kran in die Höhe ragend, flimmernd im grellen Sonnenlicht – Blau, Schwarz, Gelb die Farben. Ich starre ihn an. Eine Weile stehe ich da und starre auf ihn, während die Melodie in meinen Ohren klingt. Meine Sinne schwinden, ich schwanke – nur der Kran und die Melodie, nur der Kran und die Melodie. Ich höre Worte ... Worte vom Kran, flüsternde Worte, schöne, süße Worte im Einklang mit der Melodie:
„Komm zu mir! Komm zu mir, mein Junge! Komm nur, komm nur, komm nur!“
Ja ...
Am Trompeter vorbei gehe ich auf den Kran zu. Ich erreiche ein Tor. Ein Schild hängt daran – 'Betreten verboten!' Aber nicht für mich – nicht mehr. Auch ein Schloss hängt daran. Doch das Schloss ist auf. Wieder ein Zeichen! Einen Spaltbreit ziehe ich das Tor auf, gehe hindurch, weiter zum Kran.
„Komm zu mir! Komm nur, mein Junge! Komm nur, komm nur, komm nur!“
Ich erreiche den Kran und steige hinauf. Immer höher steige ich, Sprosse für Sprosse.
„Ja, komm nur, mein Junge – komm höher, komm hoch hinauf, komm zu mir!“
Ich steige und steige, meine Glieder bewegen sich wie von selbst. Am Führerhaus vorbei erreiche ich den Ausleger.
„Weiter mein Junge, nur weiter!“
Vom Mast wechsle ich auf den Ausleger und klettere weiter. Ich erreiche die Mitte des Auslegers, setze mich und starre in die Tiefe.
„Und nun spring, mein Junge! Nur zu, mein Junge, dann hast du es hinter dir, dann ist alles vorbei und du bist bei mir!“
Ja, Recht hast du, dann hab ich’s hinter mir, alle Last wird von mir weichen und alles wird vorbei sein. Jetzt ...
Plötzlich ertönt ein Schrei. Eine Frau steht am Boden und zeigt mit Entsetzen auf mich. Und mit dem Schrei höre ich die Melodie der Trompete nicht mehr. Ich erwache, ich erschrecke – ich sitze auf dem Kran, unter mir die Tiefe. Eine Menge versammelt sich am Boden, streckt die Hälse und gafft nach oben. Doch jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich habe mir alles genau überlegt. Es hat keinen Sinn ... keinen Zweck mehr ... es ist vorbei! Aber es ist tief da runter, verdammt tief. Und da unten ist kein Gras, auch kein weicher Sand, sondern harter Beton. Wie wird es sich anfühlen, wenn mein Schädel da unten aufprallt, zerbirst und das Gehirn zerplatzt wie eine reife Pampelmuse? Wie wird es sich anfühlen, wenn sämtliche Knochen in meinem Leib zerschmettert sind, ich aber nicht auf der Stelle tot bin, sondern noch ein paar Minuten leben werde? Und dann die Schmerzen ... Oder vielleicht werde ich gar überleben, jedoch nicht mehr laufen können, für immer am Rollstuhl gefesselt sein, und alles würde nur noch schlimmer sein.
„Hey, Kamerad, warte mal!“, höre ich eine Stimme rufen.
Ein Mann kommt heraufgestiegen. Es ist der Trompeter.
'Warte mal!'? Was will er von mir? Feuer, bevor ich runterspringe!
Auf meiner Höhe hält er inne. „Kamerad, was machst du da? Komm runter, Mann!“
„Lass mich in Ruhe!“
„Hey, mach keinen Scheiß!“
„Lass mich in Ruhe!“
„Mach` das nicht, Mann! Es gibt immer einen Weg weiter.“
„Was für einen Weg! Für mich gibt es keinen Weg mehr“, sage ich leise.
„Immer gibt es einen Weg, Kamerad. Glaub` mir, ich weiß, wovon ich rede.“
Ich starre in die Tiefe. „Ich habe versagt, ich bin eine Null!“
„Warum? Was ist passiert, Mann? Sprich mit mir!“
„Ich habe mein Studium nicht gepackt. Sechs Jahre ... sechs Jahre Studieren in den Wind.“
„Und was noch?“
Ich schaue ihn an. „Wie, 'was noch'?“
„Was noch, Kamerad? Das kann doch nicht alles sein!“
Verständnislos schaue ich ihn an: „'Das kann doch nicht alles sein!'?“
„Deswegen willst du dich da runter stürzen?“
„Ich habe versagt!“, kreische ich. „Ich bin eine Null! Ich bin ein Nichts. Ein Nichts, hörst du, ein Nichts!“
„Hey, nun bleib mal locker, ja?“, kreischt er zurück, ich zucke zusammen. „Ich hätte genau so einen Grund, da oben zu sitzen, wie du. Aber für mich geht das Leben weiter, hörst du, weiter geht’s! Selbstmord ist was für Feiglinge. Bist du ein Feigling?“
Ich schaue in die Tiefe. Bin ich ein Feigling? Bin ich ein Feigling, wenn ich hier runter springe? Eigentlich bin ich doch kein Feigling, wenn ich hier runter springe! Wie kann man ein Feigling sein, wenn man den Mut dazu hat, in diese Tiefe zu springen? Wie kann man ein Feigling sein, wenn man den Mut dazu hat, sich sämtliche Knochen im Leib zu zerschmettern? Wie kann man ein Feigling sein, wenn man den Mut dazu hat, sich seinen Schädel zu zerbersten?
„Ob du ein Feigling bist, frage ich dich?“
Oder bin ich doch ein Feigling? Ich will nicht mehr leben. Warum will ich nicht mehr leben? Weil ich ein Versager bin. Warum bin ich ein Versager? Weil ich zwei Mal in der Prüfung durchgefallen bin. Warum bin ich durchgefallen? Weil ich depressiv geworden bin. Warum bin ich depressiv geworden? Weil Silke, die Frau, die ich liebte, mit mir Schluss gemacht hat. Warum hat Silke mit mir Schluss gemacht? Weil sie einen Anderen gefunden hat. Warum hat sie einen Anderen gefunden? Weil der Andere ihr besser gefiel. Warum gefiel der Andere ihr besser? Weil ich ein Versager bin. Aber ... zu dem Zeitpunkt kann ich noch kein Versager gewesen sein, weil ich noch durch keine Prüfung gefallen war ... Ja, dann war ich aber als Mensch ein Versager, ich gefiel ihr als Mensch nicht mehr. Genau so wie ich Andrea, meiner ersten Freundin, als Mensch nicht mehr gefiel, sonst hätte sie nicht mit dem Anderen rumgemacht ... Aber ich gefalle doch anderen Menschen als Mensch – Hamed mag mich, Stelios mag mich ... Aber das sind Männer ... Vielleicht bin ich ja schwul? Nein, ich bin nicht schwul, ich habe noch nie einen Steifen bekommen, als ich mit anderen Männern unter der Dusche war, niemals ... Mit zwei Frauen war ich zusammen, bis jetzt ... Vielleicht waren es nicht die Richtigen ... Es gibt noch mehr Frauen auf diesem Planeten. Viele Menschen suchen sich, oft lange, bis sie sich finden. Vielleicht habe ich meinen Deckel schlichtweg noch nicht gefunden. Ich ...
„Ob du ein Feigling bist, habe ich dich gefragt?“
Ich blicke ihn an, schaue wieder in die Tiefe.
Ob ich ein Feigling bin? Ein Feigling ist jemand, der keinen Mut hat. Und wenn ich hier runter spränge, dann, weil ich keinen Mut gehabt hätte, eine neue Frau zu suchen; weil ich keinen Mut gehabt hätte, einen anderen Weg als den der Uni zu gehen. Und dieser Trompeter sagt, es gibt immer einen Weg.
Ich blicke zu ihm. Sein Gesicht ist vom Wetter gegerbt. Seine Gesichtszüge sind hart, scharf, markant. Ich sehe, gleich einem Schmiss, eine lange, dicke Narbe auf seiner Wange. Er scheint gelebt zu haben, er scheint schon viele Wege gegangen zu sein. Er könnte wissen, wovon er redet ... Schon damals war ich ein Feigling ... als mich Ralf Tenzler immer erpresst und gequält hat und ich mich nie gewehrt habe. Als mich die Jungs in meiner Klasse als `Weichei` und `Streber` bezeichnet haben, sich über mich lustig gemacht haben und ich mir hab` alles gefallen lassen. Als kürzlich dieses Mädchen von einem Kerl auf offener Straße zusammengeschlagen worden und keiner dazwischen gegangen ist, alle vorbeigegangen sind – und so auch ich.
Und ja, wenn ich hier runter springen würde, dann wäre ich wieder ein Feigling.
Vielleicht wäre es jetzt mal an der Zeit, kein Feigling mehr zu sein! Ja, genau ... mal was anderes. Wozu habe ich denn den Steppenwolf gelesen, dass das Leben ein stetiges Hüllenabstreifen ist? ... Und wenn ich hier jetzt runter spränge, dann hätte ich nicht einmal eine einzige abgestriffen ... ich Feigling!
„Nein, ich bin kein Feigling“, sage ich leise.
„Na, dann komm, Junge – komm runter da! Wir trinken ein Bier zusammen und reden. Komm schon! Ich lad` dich ein!“
Ja, ein Bier ... das wäre jetzt eine gute Idee ... und reden. Vielleicht kann er mir einen Weg zeigen ... vielleicht weiß er was, was ich nicht weiß! Und wenn nicht, und wenn mir das Bier nicht schmeckt, und wenn ich dann doch an dieser Hülle verrecken will, dann kann ich immer noch hier runter springen.
Zusammen steigen wir vom Kran herab.
Unten angekommen warten schon zwei Feuerwehrwagen, ein Krankenwagen, ein Arzt, zwei Pfleger, eine Wolldecke, die sie mir – trotz der wohl fast dreißig Grad – umhängen, und Pfefferminztee. Der Arzt redet sanft zu mir, will mich dazu bewegen, mich in ein Krankenhaus bringen zu lassen, doch ich will nicht. Nicht nur, weil dieser Trompeter mich auf ein Bier eingeladen hat, ich zudem neugierig bin, was für ein Typ das ist, der da auf den Kran geklettert kommt, den Engel spielt und Leuten das Leben rettet, sondern auch, weil ich weiß, wo man mich hin transportieren wird, wie meinen Onkel Anton, der damals auf einen Strommast geklettert ist und auch springen wollte, es aber nicht tat und stattdessen mit einem solchen Krankenwagen in eine Psychiatrie gebracht wurde, wo er bis heute sitzt ... Nun gut, seine Vorgeschichte war noch etwas dramatischer als meine – sexueller Missbrauch und Gewalt in der Kindheit, eine kriminelle Jugend, Gefängnis, jahrelanger Alkoholismus, mehrere Selbstmordversuche, womit seine Aussichten, etwas länger in dieser Einrichtung zu verweilen, von vornherein wahrscheinlicher waren.
Nachdem sich das Krankenwagenteam nochmals bei mir vergewissert hat, dass ich auch wirklich nicht noch einmal darauf steigen werde, fahren sie davon.
„Was kann ich euch bringen?“, fragt eine gutaussehende junge Frau mit hochgestecktem dunklem Haar.
„Bring uns zwei Pils, mein Schatz!“, sagt der Trompeter.
Ein wenig irritiert schaut die junge Frau, aber eigentlich mehr ein wenig verärgert, während sie sich an den Zapfhahn macht. Wir sind hier in einer Studentenkneipe, die Frauen hier sind emanzipiert und nicht jeder nennt sie hier wohl 'Schatz'. Doch ich hab` jetzt andere Probleme ...
Der Trompeter schaut mich an, ich senke meinen Blick zum Boden.
„Hey, Kamerad“, er legt seine Hand auf meine Schulter, „locker bleiben, es wird schon wieder!“
Ja, es wird schon wieder. Doch wie? Wie soll es wieder werden?
Die beiden Pils kommen. Der Trompeter reicht mir meins, ergreift seins, stößt an mein Glas und trinkt.
Er hat mir das Leben gerettet. Er hat mir das verdammte Leben gerettet.
Ich blicke ihn an. „Danke!“
Er winkt ab, nimmt noch einen Schluck und stellt das Bier wieder auf den Tresen. „Keine Ursache. Kann jedem passieren.“
Schließlich nehme auch ich einen Schluck, einen kräftigen. Er tut gut.
Jetzt will ich aber wissen, was er gerade damit meinte.
„Du ... du sagtest gerade, du hättest genauso einen Grund, da runter zu springen wie ich. Wie meintest du das?“
„Naja, weißt du ...“, er schaut aus dem Fenster, „... ich ... ich wollte auswandern, nach Cannes in Südfrankreich.“ Er schaut mich an. „Ich wollte da unten `ne Bar aufmachen, mit Live-Musik, Live-Jazz-Musik. Weißte?“
„Hm!“
„Naja, aber ... aber irgendetwas wollte nicht, dass es so kommt ... Jahrelang habe ich auf der Straße gespielt und dafür gespart. Dann, eine Woche vor meinem Abflug nach Nizza habe ich meine ganze Kohle vom Konto abgehoben – zehntausend Euro. Als ich dann noch mal nach Düsseldorf in die Fußgängerzone gefahren bin, um mir noch ein paar Kröten zusammen zu trompeten, ist bei mir eingebrochen worden. Und das Geld war weg. Alles weg! Sieben Jahre habe ich dafür gebraucht, sieben Jahre Trompeten auf der Straße.“ Er nimmt einen Schluck von seinem Bier, hält es in der Hand und starrt darauf. „Und weißt du, was dann passiert ist?“
„Hm?“
„Dann bin ich aus der Wohnung geflogen. Vor ein paar Monaten habe ich einen Brief vom Vermieter bekommen. Der wollte seine Wohnung verkaufen und hat mir geschrieben, dass ich aus der Wohnung raus müsse. 'Egal', habe ich mir gesagt, weil ich sowieso weg nach Frankreich wollte. Also habe ich mich nicht um eine neue Wohnung gekümmert. Na ja, und dann war die ganze Kohle weg und ich hatte nichts mehr, weder Geld noch Wohnung.“
Da hat er wirklich großes Pech gehabt.
„Die ersten zwei Wochen auf der Straße habe ich nur gesoffen. Gespielt hab ich nur, um genügend zum Saufen zu haben. Ich dachte ... ich dachte, das Schicksal oder Gott oder was auch immer diese Welt erschaffen hat, wollte, dass ich untergehe und mir das alles passiert. Als ich dann vor drei Tagen auf dem Bürgersteig plötzlich aufgewacht bin, weil ich fast an meinem eigenen Erbrochenen erstickt wäre, habe ich mir gesagt – 'Entweder du nimmst dir jetzt `nen Strick oder du reißt dich zusammen und fängst nochmal neu an!' So konnte es nicht mehr weitergehen, denn dazwischen gibt's nix mehr.“ Er lehnt sich bäuchlings gegen den Tresen, nimmt einen Schluck, stellt das Glas ab, fügt darauf starrend und daran drehend leise hinzu: „Irgendwie muss es ja weitergehen.“
Das klingt aber nicht sehr überzeugend. Anscheinend weiß er nicht so ganz, 'wie' es weitergehen soll. Anscheinend hatte er gerade eigentlich gar keine Ahnung, wovon er redete. Ich frage mich, woher er die Motivation genommen hat, auf diesen Kran zu steigen und den Retter der Lebensmüden zu spielen! Vielleicht ist er schlichtweg ein enorm geltungsbedürftiger Mensch, jemand, der gerne im Mittelpunkt steht, darum auch gerne mal den großen Helden spielt, aus einer narzisstischen Veranlagung oder gar Störung heraus ... Wie auch immer ... Den Weg, den ich erhofft hatte, von ihm gezeigt zu bekommen, kann er mir nun aber auch nicht zeigen.
Ich senke den Blick auf das Glas in meiner Hand.
Eine Weile herrscht ein betretenes Schweigen – und ich glaube, den Kran wieder rufen zu hören.
„Hast du Frau, hast du Kinder?“, fragt er dann plötzlich, schaut mich erwartungsvoll an, als hätte er den Einfall seines Lebens.
„Nee, bin ganz allein auf diesem Planeten.“
„Pass, auf, Kamerad!“, sagt er eifrig. „Lass uns zusammen einen neuen Anfang machen! Schmeiß` hier alles weg und komme mit mir nach Frankreich!“
Ich zögere. „Meinst du?“
„Na, klar Mann – lass uns abhauen! Da unten haste Sonne, Strand und Meer, und nicht mehr dieses Scheißwetter hier. Außerdem brauch` ich noch jemanden, der mit der Mütze die Runde macht.“
„Wie bitte? Ich soll mit der Mütze die Runde machen?“
Wenn mein zukünftiges Leben darin bestehen soll, für diesen Trompeter 'die Runde zu machen', dann will ich doch lieber von diesem Kran springen.
„Na, bleib` locker, Mann, nur für den Anfang! In Cannes, da gibt’s `ne Menge Touristen, schnell werden wir die Kohle für die Bar zusammenhaben.“
Er schaut mich an, ich blicke zur Seite und denke: Es kann sich nur um Jahre handeln.
„Und selbst wenn? Was willst du noch hier? Schau dich um, Mann!“ Er macht eine Handbewegung nach draußen. „Alles gestresste, traurige Gesichter. Alle rennen sie und rennen sie, alle wollen sie Karriere machen, keiner kümmert sich mehr um den anderen! Willst du noch dazugehören?“
Er starrt mich an.
Ob ich noch dazugehören will? Ich war auch einer von diesen Rennern. Mein Leben lang habe ich gebüffelt, war fleißig und strebsam, um meine Ziele zu erreichen – den Wechsel von der Hauptschule auf die Realschule, den Wechsel von der Realschule aufs Gymnasium und dann das Abitur. Ich war zwar ein später Renner, aber dann umso mehr ein ziemlich guter Renner. Nur das letzte Ziel, das Staatsexamen zum Deutschlehrer, habe ich nicht erreicht – aber muss man nicht im Leben ein Renner sein? Wie soll man sonst seine Ziele erreichen, wenn nicht durch Tüchtigkeit und Fleiß? Was sind die Alternativen? Keine Ziele haben und ziellos durchs Leben irren? Nein, das kann es auch nicht sein. Jeder Mensch braucht ein Ziel ... Doch ich habe kein Ziel mehr ...
„Mensch, lass uns abhauen!“, sagt er.
Nach Cannes ... und für diesen Trompeter die Runde machen! – Und was dann? Aber was ist die Alternative? Hier bleiben und sich einen Job suchen, einen Job ohne den Geist und ohne die Bücher? – Nee, das will ich auch nicht! Und diese Gesichter kann ich eigentlich auch nicht mehr sehen – obgleich ich wohl selbst eins von ihnen bin ... Vom Kran springen? Nein, das hatte ich schon, dann wäre ich ja ein Feigling – ein Feigling, dem alles egal gewesen ist ... auch der Tod. Und wenn mir ohnehin alles egal ist, dann kann ich auch mit diesem vagabundierenden Trompeter nach Cannes reisen. Vielleicht ergibt sich dann ja ein neues Ziel. Aber wenn ich dort oben runter springen würde, dann gäbe es niemals mehr ein Ziel! Ja, und wenn's hart auf hart kommt – Kräne gibt's wohl nicht nur hier in Bochum, wohl auch in Cannes ... und wenn nicht, dann Brücken – bestimmt aber Bahngleise oder auch Schlaftabletten.
„Na gut!“, sage ich also.
„Wo wohnst du?“
„In einem Studentenwohnheim. Nicht weit von hier.“
„Pass auf! Morgen brechen wir auf!“ Er hebt sein Glas zum Anstoßen. „Wie heißt du überhaupt, Mann?“
„Hannes!“
„Ich bin der Achim!“ Er gibt mir die Hand. „Das soll unser Pakt sein – wir zwei bis nach Cannes, und da fangen wir dann neu an. Das verdammte Leben soll uns niederstrecken, nicht wir uns selbst!“
Wir stoßen an und trinken.
Zunächst will er mich noch auf ein weiteres Bier einladen, doch dann besinnt er sich und meint, er wolle lieber noch ein paar Dosen vom Kiosk holen, weil es dort billiger sei, um dann bei mir weiter zu trinken. Anscheinend ist sein Plan, eine Bar in Südfrankreich aufzumachen, schnell wieder lebendig geworden, aus welchem Grunde er die Dinge ökonomisch angeht, um gleich wieder mit dem Sparen für seine Bar anzufangen. Am Kiosk holt er dann also noch ein paar Dosen und wir gehen zu mir.
Ich schließe die Tür zu meinem Dreizehn-Quadratmeter-Zimmer auf. Wir treten ein.
„Hier wohnst du also?“
„Ja, setz` dich!“
Achim legt seinen Rucksack ab, setzt sich auf meinen Schreibtischstuhl und schaut sich um, während ich mich auf mein Bett setze.
„Mannomann, akkurat, akkurat!“, sagt er.
„Was akkurat?“
„Na, ordentlich dein Stübchen, Kamerad! Das sieht ja fast so aus wie die Schreibstube von meinem Spieß, damals beim Bund.“
Mag sein. Ich habe es gerne ordentlich, weil ich es einfach hasse, Dinge zu suchen, es regt mich auf, ja es zermürbt mich, und wenn man Ordnung hält, erspart man es sich. Ich beneide die Menschen, die von sich behaupten, in einem 'ordentlichen Chaos' ihre Sachen verwalten zu können, ohne suchen zu müssen. Was heißt 'beneiden', ich frage mich, wie das gehen soll. Ich könnte es jedenfalls nicht.
Wir öffnen unsere Bierdosen, stoßen an und trinken.
„Wie lange wohnst du schon in dieser Bude?“, fragt er.
„Sechs Jahre!“
„Mann, und da ist dir niemals eng geworden hier drinnen?“
„Doch, es gab solche Momente. Aber eher selten. Hab` ja die ganze Zeit zu tun gehabt. Lesen, lesen, lesen, studieren, studieren, studieren. So bleibt man beschäftigt.“
„Verstehe!“
Doch alles für die Katz`, wie sich heute herausgestellt hat. Alles für die verdammte Katz`!
Er schaut sich weiter um.
„Hey, Mann, was ist denn das?“, fragt er und zeigt auf meine afrikanische Trommel, die auf dem Schrank liegt. „Gib mal her das Ding!“
Ich hole die Trommel vom Schrank herunter, er nimmt noch einen kräftigen Schluck von seinem Bier, stellt die Dose beiseite und ich gebe ihm die Trommel. Er beginnt, darauf herum zu trommeln und zwar sehr laut.
Oh, nein, bitte nicht, denke ich und hebe die Hände. „Nicht so laut! Wir sind hier nicht allein.“
„Ja, ja, sollen sie mal `ne Pause machen mit ihrer Büffelei! Wo haste die her?“, fragt er und begutachtet die Trommel von allen Seiten.
„Ach, die hab` ich mal vor Jahren aus dem Urlaub mitgebracht. Ich bin damals mit Interrail durch Frankreich und Spanien gereist.“
„Interrail?“
„Na, mit dem Zug, ist ein Sparticket für junge Leute.“
„Ach so!“
„Auf der Hinfahrt, in Paris. Habe damals ein halbes Dutzend Afrikaner in der Metro gesehen. Die haben auf diesen Dingern rumgekloppt und sich selbst und den ganzen Bahnsteig in Ekstase gebracht.“ Ich nehme einen Schluck von meinem Bier. „Völlig nass vom Schweiß waren sie. Einige haben dabei ihre Augen verdreht, dass man nur noch ihre weißen Augäpfel sehen konnte, während die Leute auf dem Bahnsteig einfach dazu getanzt und sich gehen gelassen haben. Es war wie ein Voodoo-Tanz. Ich habe nur dagestanden und wie gebannt zugeschaut. Es war höllisch!“
„Und dann hat dir einer `ne Trommel geschenkt?“
„Nee. Einen Typ, der noch einigermaßen zugänglich aussah, habe ich dann gefragt, wo man diese Dinger kaufen könne. Na ja, er hat’s mir dann gesagt, und auf dem Rückweg bin ich dann noch einmal durch Paris gefahren und habe mir diese Trommel gekauft. So war’s!“
„Zeig` mal!“ Er drückt mir die Trommel in den Schoß. „Zeig` mal, waste drauf hast!“
„Nee, lass mal!“ Ich stelle die Trommel zur Seite. „Ist schon Jahre her, dass ich das Ding in die Hand genommen habe. Ist außerdem zu laut, habe ich dir doch gesagt.“
„Pass mal auf, Kamerad!“, sagt er beschwörend. „Die nehmen wir mit! Eine Trommel kann ich zu meiner Trompete noch gut gebrauchen. Wir werden ein Duo und spielen für die Touristen in Cannes, dass es nur so klingelt in meiner Mütze.“
„Mensch, ich hab` dir doch gesagt, dass ich nicht spielen kann! Es ist schon Jahre her, dass ...“
„Liebst du Musik?“
„Ja, natürlich liebe ich Musik“, sage ich.
Was für eine Frage! Schon als kleines Kind habe ich bei Liedern aus dem Radio mitgesungen und herum getanzt und im Rhythmus der Musik wie ein Trommler auf dem Tisch herum gehauen. Heute tanze ich zwar nicht mehr, seitdem mir meine Mutter mal gesagt hat, ich solle mit diesen Albernheiten aufhören, mich nicht lächerlich machen, weil ich zu alt dafür sei – ich war fünf Jahre alt – als ich mal wieder nach einem Lied aus dem Radio im Wohnzimmer getanzt und gesungen habe. Doch natürlich liebe ich immer noch die Musik. Besonders Soul, Jazz und lateinamerikanische Musik.
„Dann reicht das!“, sagt er. „Du musst kein Weltmeister sein. Es wird reichen, wenn du abwechselnd mit den Händen drauf schlagen kannst. Immer nur“, er nimmt die Trommel und macht es mir vor, „tam, tam, taam, taam, taam ... tam, tam, taam, taam, taam ...“
„He, nicht so laut!“
„Ja, ja. Immer nur zwei kurze, drei lange Schläge. Ganz einfach. Das kannst du doch, oder nicht?“, sagt er mit einem leichten Spott in seinen Worten, als ob er mir diese fünf Trommelschläge nicht zutraute.
„Na klar kann ich das!“
„Na, dann zeig` doch mal!“
Gott im Himmel, er will es mir nicht glauben. Ich nehme ihm die Trommel aus den Händen und mache es ihm vor – zwei kurze, drei lange Schläge, aber ganz leise.
Ich konnte auch mal viel mehr.
Als ich aus diesem Urlaub damals zurückkam, bin ich gleich zu Andrea gegangen, meiner ersten Freundin, vor Silke, direkt vom Bahnhof aus, braungebrannt, mit Rucksack und Schlafsack und Trommel, mit allem Sack und Pack halt. Sie konnte nicht mitkommen, weil sie keinen Urlaub bekommen hatte und arbeiten musste. Ich wollte sie überraschen. Na ja, und als ich dann vor ihrer Wohnungstür stand und gerade klingen wollte, habe ich dieses Geräusch aus dem Innern ihrer Wohnung gehört. Es war ein Stöhnen. Es war ein eindeutiges Stöhnen. Ich meine, es war kein Stöhnen der Anstrengung, kein Stöhnen des Schmerzes und auch kein Stöhnen im Zusammenhang mit einem Asthmaanfall, oder so was, denn Andrea hatte kein Asthma – es war ihr lustvolles Stöhnen, ihr lustvolles Stöhnen sexueller Befriedigung. Ich dachte oder hoffte zunächst, sie mache es sich selber, denn schließlich war ich ja nicht da gewesen und sie ist ja auch nur ein Mensch. Ich lauschte also und wartete, bis sie fertig war, denn ich wollte sie bei dieser kleinen Selbstbeglückung nicht stören. Doch dann hörte ich auch das wollüstige Grunzen eines Mannes, hörte, wie er und sie zum Höhepunkt kamen. Dann hörte ich eine Weile nichts. Und dann vernahm ich seine Stimme.
„Du gehst gut ab“, sagte er.
„Du aber auch“, sagte sie.
Und ich erkannte die Stimme dieses Mannes. Es war ein guter Freund von uns beiden, der es ihr besorgt hatte. Ich ersparte es mir dann, an ihrer Tür zu klingeln und uns in eine peinliche Situation zu bringen. Also ging ich wieder und es war Schluss mit ihr und diesem Freund von uns beiden. Doch ich war natürlich enttäuscht. Die erste große Enttäuschung, die ich im Zusammenhang mit einer Frau erfahren musste. Zu dieser Enttäuschung kamen dann Wut, Frust und auch Hass. Und als ich dann ins Studentenwohnheim in mein Zimmer zurückkam, war mir danach, alles kurz und kleinzuschlagen. Doch nachdem ich eine ganze Reihe Bücher und zwei Weingläser, aus denen Andrea und ich immer Merlot getrunken haben, wenn sie mal da war, mit einem wuchtigen Schub vom Regal gefegt, es klirren gehört habe und ich mit dem Monitor meines Computers weitermachen wollte, wurde ich mir meiner zerstörerischen Kraft bewusst und besann mich im letzten Moment, weil ich es sonst außer einer zerbrochenen Liebe auch mit einem zerbrochenen Computer, der zwangsläufigen Neuanschaffung eines solchen und damit auch mit einem großen Loch in meiner Haushaltskasse zu tun gehabt hätte. Aber irgendwohin mussten die Wut und der Frust. Also habe ich meine neuerworbene Trommel zwischen die Beine geklemmt und darauf eingeschlagen wie ein tollwütiger Schimpanse, solange bis ich nicht mehr konnte. Da in den folgenden Wochen die Wut und die Enttäuschung weiterhin in mir schwellten, ich aber nicht meine Studentenwohnheimmitbewohner durch meine Wutauslassungen an der Trommel von ihrem Studium in ihren Stuben abhalten wollte, bin ich dann immer in den Musikraum im Keller gegangen. Der Musikraum war mit doppelten Wandschichten und einer Doppeltür ausgestattet, sodass gewährleistet war, dass die Lautstärke niemanden störe. In der Gewissheit, dass mich niemand oder kaum jemand hörte, habe ich dann meine Wut, meinen Frust, meinen Hass, all meine Affekte, all meine Gefühle, die mich damals beherrschten, an diesem Ding ausgelassen und darauf eingeschlagen, was das Zeug hielt.
Und ich muss sagen – ich fühlte mich verdammt gut dabei, besonders danach.
Es wirkte wie eine innerliche Befreiung. Leider bin ich nicht auch auf die Idee gekommen, meinen Frust und meine Enttäuschung an der Trommel auszulassen, als Silke mich verlassen hat. Womöglich hätte sich die Depression dann nicht so tief in mir festgefressen. Wie auch immer. Jedenfalls sind dann mit der Zeit sogar richtige Rhythmen daraus geworden, und diese Rhythmen wurden immer besser, ich wurde immer besser. Als dann das Studium jedoch immer umfangreicher und zeitraubender wurde, bin ich dann immer weniger und schließlich gar nicht mehr in den Musikraum gegangen. Stattdessen habe ich nur noch gelesen und studiert.
Doch alles für die Katz`, alles für die verdammte Katz`, wie sich heute herausgestellt hat.
„Also, die nehmen wir mit!“, sagt er dann, als sei er Sitting Bull, der oberste Häuptling der Sioux, der gerade eine Entscheidung getroffen hat, und nimmt einen Schluck von seinem Bier.
„Aber ich hab` in meinem Leben noch nie vor Leuten gespielt. Ich meine, ich weiß ... ich weiß nicht, ob ich das kann!“
„Hey, nun sei mal nicht so ein Weichei, ja?!“ Er schaut mich ernst an. „Du wolltest dir gerade das Leben nehmen. Du wolltest mit allem Schluss machen. Dir war alles egal gewesen. Aber wir haben gerade beschlossen, einen neuen Anfang zu machen. Erinnerst du dich?“ Er schaut mich eindringlich an. „Das musst du jetzt auch tun! Alles neu, alles anders machen. Ok, Kamerad?“
Er hat Recht. Bisher bin ich immer nur der brave, strebsame Student gewesen. Mein Ziel war es gewesen, ein ordentlicher Lehrer zu werden, doch das hat nicht hingehauen. Jetzt beginnt ein völlig neues Leben. Und dazu gehört wohl auch etwas Mut.
Ich nehme einen kräftigen Schluck vom Bier.
„Na gut, ich will es versuchen!“, sage ich, nicht ganz vom Gelingen dieses Vorhabens überzeugt.
„Hey, Kamerad, locker bleiben! Es wird schon werden!“
Na, wir werden ja sehen!
Ich schaue mich in meinem Zimmer um. Was soll ich alles auf die Reise mitnehmen? Ich habe noch den Rucksack von damals, als ich mit dem Zug durch Europa gefahren bin. Den Schlafsack habe ich auch noch. Dann ...
„Pass auf, ich rufe jetzt meinen Kumpel in Frankreich an und sage ihm, dass wir kommen!“
„Welchen Kumpel?“, frage ich, während er bereits zum Telefon greift und es sich auf den Schoß legt.
„Na, mein Kumpel Salvatore.“ Er nimmt den Hörer in die Hand. „Salvatore in Cannes. Zu ihm wollte ich. Er hat ein Restaurant da unten und wohnt mit einer französischen Tussi zusammen. Mit seiner Hilfe wollte ich da unten die Bar aufmachen.“
„Du kennst schon jemanden da unten?“
„Na klar, Mann! Doch nachdem sie bei mir eingebrochen sind, habe ich ihm `ne Karte geschrieben und mitgeteilt, dass ich doch nicht komme. Ich wollte nicht mit leeren Händen da unten ankommen.“ Er wählt, unterbricht den Vorgang. „Ich darf doch?“
„Nur zu!“
Er wählt weiter. „Hallo? Bonjour Marie, it's Achim!“
Achim lächelt. Die andere Seite spricht.
„Salvatore! Can I speak to Salvatore?“
Salvatore scheint nicht am Apparat zu sein. Mit skeptischer Miene hört Achim zu, was die andere Seite zu sagen hat. Dann legt er die Hand auf die Sprechmuschel. „Seine Tussi ist dran, sie spricht kein Wort Englisch und ich kein Wort Französisch. Kannst du Französisch?“
„Ein bisschen.“
„Dann leg los, Mann!“, sagt er und drückt mir den Hörer in die Hand.
„Bonjour, est-ce que je peux parler avec Salvatore?“, frage ich.
„Salvatore n'est pas ici. Il est en Italie“, sagt die Frau.
„Quand est-ce qu'il sera la?“
„Il sera de retour le 23. Juin!“
Ich lege die Hand auf die Sprechmuschel. „Salvatore ist in Italien. Er kommt am 23. zurück!“
Achim schaut einen Moment seitlich auf den Boden und scheint nachzudenken.
„Sag ihr, dass wir dann kommen!“, sagt er dann.
„Hallo?“, spreche ich wieder ins Telefon.
„Oui?“
„Nous viendrons le 23. Juin!“
„D'accord, d'accord.“
„Merci, au revoir.“ Ich lege auf.
„Was hast du ihr gesagt?“
„Na, dass wir dann kommen.“
„Ach so!“
Bis zum 23. sind es aber noch sechzehn Tagen und nicht morgen. Und nun?
„Was machen wir bis dahin?“, frage ich also.
„Pass auf, ich hab` nachgedacht! – Wir gaukeln von Stadt zu Stadt, per Anhalter, in Richtung Süden, machen Musik in jeder Stadt bis nach Cannes.“
„Per Anhalter? Wollen wir nicht besser mit dem Zug oder Bus fahren? So ist gewährleistet, dass wir von der Stelle kommen.“
„Geht nicht, wir müssen da so billig wie nur möglich runter kommen. Ich hab' kaum Kohle, Mann! Hab` ich dir doch gesagt!“
„Und wo sollen wir schlafen, bitte schön? Ein Hotelzimmer für jede Nacht wirst du dir wohl auch nicht leisten können.“
„Na, draußen!“
„Draußen?“, frage ich ungläubig.
„Na klar, Mann! Wo ist das Problem?“
Ich sage nichts, sondern schlucke nur. Mein Gott, das kann ja heiter werden! Per Anhalter bis nach Südfrankreich und dazu noch zwei Wochen draußen schlafen. Ich habe noch nie draußen geschlafen, nur einmal, bei meinem Interrail-Trip, am Strand von Malaga, nachdem ich in der Stadt kein Zimmer mehr bekommen hatte und mir nichts anderes übrigblieb. Sonst habe ich immer in irgendwelchen Herbergen übernachtet. Ich hätte viel zu viel Angst davor, dass man mich nachts überfallen würde oder mir ein Regenwurm oder andere Kleinstviecher ins Ohr kriechen könnten. Und zur Bundeswehr, um dort bei Nachtübungen die Nacht in irgendwelchen Erdlöchern oder Schützengräben zu verbringen, musste ich nicht, weil ich ausgemustert wurde. Wegen eines angeborenen Wirbelschadens. Der stört mich nicht wirklich, jedenfalls noch nicht, aber um ausgemustert zu werden, hatte er gereicht.
„Ich habe das zwei Wochen gemacht, kein Problem, glaub` mir, ich weiß, wovon ich rede!“ Er holt seinen Tabak aus der Brusttasche. „Man gewöhnt sich an alles. Spart uns außerdem Geld.“
Auch da muss ich jetzt durch. Ein neues Leben heißt eben, alles anders zu machen.
Er zündet sich eine Zigarette an. „Was dagegen, wenn ich rauche?“
Eigentlich hätte er mir diese Frage vorher stellen sollen.
„Normalerweise schon. Aber da heute meine letzte Nacht in diesem Raum ist ... nur zu!“ Ich greife nach einem Unterteller, der ihm als Aschenbecher dienen soll. „Hier!“ Ich stehe auf und öffne das Fenster. „Ist Salvatore Italiener?“
„Halb Sizilianer, halb Korse.“
Ich setze mich wieder. „Woher kennst du ihn?“
Achim erzählt mir von ihm – Achim habe vor sieben Jahren in einem italienischen Restaurant in Gelsenkirchen als Hilfskoch gearbeitet. Dort sei Salvatore Koch gewesen. Das Restaurant habe dann zumachen müssen, weil die Polizei ihnen auf die Schliche gekommen sei. Angeblich wegen krimineller Machenschaften. Kurz bevor gegen Salvatore Haftbefehl erlassen worden ist, sei Salvatore nach Südfrankreich geflüchtet. Seitdem haben sie sich immer Postkarten geschrieben und Achim habe ihn da unten viermal besucht. Beim letzten Besuch habe Salvatore ihm das Angebot gemacht, auszuwandern und zu ihm zu kommen. Das Angebot sei ihm willkommen gewesen, da Achim schon immer mit dem Gedanken gespielt habe, auszuwandern. Achim habe dann seinen Plan, in Wanne-Eickel eine Jazz-Bar aufzumachen, für die er die ganzen Jahre gespart hatte, aufgegeben, um stattdessen die Bar in Cannes aufzumachen.
Der Gedanke, zu einem Halbmafiosi oder vielleicht sogar Vollmafiosi zu reisen und mit dessen Hilfe ein neues Leben zu beginnen, behagt mir jedoch ganz und gar nicht.
„Was für kriminelle Machenschaften?“, frage ich.
Energisch erhebt sich Achim vom Stuhl.
„Weiß ich doch auch nicht, Mann! Irgendwas Illegales“, sagt er hin und her gehend, mit der Zigarette in der Hand.
„Hör` zu, ich habe keine Lust, unter dem Dach eines Mafiosi zu leben!“
„Reg` dich ab, Mann! Er ist in Ordnung. Er ist ein korrekter Bursche.“ Er bleibt stehen, schaut mich an und gestikuliert mit den Händen. „Nur weil er ein paar Sachen gemacht hat, die mit dem Gesetz kollidieren, ist er noch lange kein schlechter Mensch.“ Er geht weiter. „Du wirst schon sehen! Jeder Mensch versucht sich halt im Leben mit dem durchzuschlagen, was ihm die Welt mitgegeben hat. Jeder auf seine Weise.“ Er setzt sich wieder, nimmt einen Zug und bläst den Rauch aus.
Was soll’s, denke ich. Wenn mir dieser Salvatore nicht geheuer sein oder wenn’s mir da unten aus anderen Gründen nicht gefallen sollte, kann ich mir immer noch das Leben nehmen.
„Du willst in Frankreich leben und sprichst kein Wort Französisch? Ich meine, wie soll das gehen?“
„Alles zu seiner Zeit!“, sagt er. „Wenn es soweit ist, wenn ich dann einmal da bin und alles nach meinem Geschmack ist, dann werde ich es schon lernen.“
Ich stehe auf und hole meinen Rucksack aus dem Schrank.
„Was machst du?“, fragt er und gähnt.
„Packen!“
Er schaut auf seine Armbanduhr. „Mach` das morgen, Kamerad! Ich bin verdammt müde, ich muss jetzt in die Pofe.“ Er macht noch ein paar Züge von seiner Zigarette, drückt sie dann aus und rollt seinen Schlafsack für die Nacht aus.
„Ich muss morgen aber noch zu meinen Eltern, ein paar Sachen abgeben!“, sage ich, während ich mich ausziehe.
„Was für Sachen, Mann?“ Er hält in seinem knienden Tun inne und schaut mich genervt an.
„Na ja, meinen Computer, meine Dokumente, meine CDs, Klamotten, meine ...“
„Hey, lass mal! Wozu denn? Was willst du denn noch mit dem ganzen Zeug? Du willst doch einen Neuanfang machen, oder nicht?“
„Ja, aber, ich kann doch nicht alles wegschmeißen! Ich muss doch ...“
„Du musst gar nix, Mann! Du brauchst nur dich. Wer einen neuen Anfang machen will, der muss auch alles hinter sich lassen. Pack` dir ein paar Unterhosen ein, ein paar Hemden, `ne Hose, und das war’s!“
„Nee, das geht aber nicht. Ich kann nicht meine ganzen Zeugnisse, meine Geburtsurkunde, meinen Computer wegschmeißen und ...“
„Du sollst deinen Computer ja nicht wegschmeißen, du sollst die Klamotten verkaufen, Mann!“
„Und meine Dokumente? Soll ich die etwa auch verkaufen?“
Er zögert einen Augenblick.
Ich werde in Frankreich wahrscheinlich nicht noch einmal mit einem Studium anfangen, dazu fehlte mir der Nerv, aber mein Abiturzeugnis werde ich bestimmt nicht entsorgen. Und auf die Reise mitnehmen werde ich es auch nicht, es würde im Rucksack nur zerknüllt werden. Sollte ich es in Frankreich für einen Job brauchen, können meine Eltern es mir immer noch zuschicken.
„Na gut, dann fahren wir morgen eben noch zu deiner Mami und deinem Papi!“, sagt er dann.
„Kann ich meine Zahnbürste mitnehmen?“
„Verarsch mich nicht, du!“
Er zieht sein Hemd aus, entblößt dabei seinen kräftigen Oberkörper und zwei Tätowierungen – am rechten Oberarm eine spielende Trompete vor einer aufgehenden Sonne; am linken eine nackte Frau. Ich schließe daraus, dass ihm dies die wichtigsten Dinge im Leben sein müssen.
„Wo wohnen deine Alten?“, fragt er, nachdem er in seinen Schlafsack gekrochen ist.
„In Dortmund!“ Ich lege mich hin und verschränke die Arme unter meinem Kopf. „Was ist mit deinen Eltern?“
„Sind tot. Autounfall. Schon lange her“, sagt er und legt sich auf die Seite.
„Tut mir Leid!“
Während Achim schnell einschläft, was er durch sein Schnarchen – es ist, Gott sei Dank, leicht und gleicht keiner Säge, sonst hätten wir jetzt schon ein Problem – erkennbar macht, blicke ich eine Weile durch das Fenster in den Sternenhimmel. Da bin ich mal gespannt, was so alles auf mich zukommen wird. Ganz und gar nicht gefällt mir der Gedanke, auf der Straße vor Leuten zu spielen. Egal, morgen beginnt ein neues Leben. Schau’n wir mal, was daraus wird.
Ein Schrei weckt mich mitten in der Nacht. Erschrocken richte ich mich auf und sehe Achim im Mondlicht aufrecht in seinem Schlafsack sitzen. Fest umklammert er mit beiden Händen seinen Trompetenkasten, sein Gesicht ist vom Schreck verzerrt, er atmet hastig. Gott, was hat er nur?
„Was ist los?“, frage ich.
„Ein Albtraum! Jemand ... jemand wollte mir meine Trompete klauen“, sagt er erschöpft, als hätte er gerade einen Ringkampf hinter sich.
Ein paar Augenblicke beobachte ich ihn, wie er sich langsam wieder beruhigt.
„Du musst sehr an ihr hängen!“
„Und wie, Mann!“, sagt er und legt sich wieder hin. „Sie wurde mir schon einmal geklaut. Damals im Kinderheim. Kurz vor meinem 18. Geburtstag, und fast drei Jahre war ich ohne Trompete.“
„Wieso drei Jahre?“
„Ich hatte kein Geld für eine Neue und hab` darum `nen Einbruch gemacht. Wurde dabei erwischt und hab` Bewährung bekommen. Dann hatte ich aber immer noch kein Geld für eine Neue und hab` angefangen zu dealen. Na ja, und auch dabei haben sie mich erwischt. Zwei Jahre habe ich bekommen.“
Mit einem ehemaligen Knastologen ein neues Leben zu beginnen, um mit ihm dann zu einem Halb- oder Vollmafiosi zu reisen – das kann ja heiter werden.
„Warum gleich `nen Einbruch machen? Ich meine, warum biste nicht arbeiten gegangen?“
„Versuch` du mal als Heimkind `nen Job zu bekommen, versuch` das mal, Mann!“, sagt er verärgert.
Ich lege mich wieder hin. Ein paar Momente herrscht Schweigen.
„Und weißt du, was das Schlimmste war?“, fragt er dann.
„Hm?“
„Die knapp drei Jahre ohne Trompete. Mann, ich war nur ein halber Mensch!“
Ich lege mich auf die Seite und schließe die Augen.
Was bin ich dann? Ohne Abschluss bin ich nicht einmal ein halber Mensch, ich bin ein Nichts.
Am Morgen stehen wir früh auf. Zunächst steht er dabei und gibt mir wie ein Feldwebel Anweisungen, was ich verkaufen, was ich wegschmeißen und was ich behalten solle. Doch dann wird es mir zu bunt mit seinem Gehabe und ich verdamme ihn in die Küche, die auch als Gemeinschaftsraum dient, wo er dann Fernsehen guckt. Kurz darauf fällt ihm ein, dass er etwas streng riechen könnte, und nimmt eine Dusche. Etwas, was ich ihm eigentlich sowieso vorschlagen wollte, es mir aber unterdrückte, da er sich möglicherweise vor den Kopf gestoßen gefühlt haben könnte. Weiß ja noch nicht, wie empfindlich er ist. Nachdem er geduscht hat, wird ihm bewusst, dass auch seine Klamotten stinken könnten, und er fragt mich, ob er sie waschen könne, was ich bejahe. Dinge, auf die er wohl jetzt, da er ein Ziel im Leben hat, wieder Wert legt.
Die Stereoanlage verkaufe ich für vierzig Euro an Stelios, mit elf weiteren Studenten einer meiner Mitbewohner auf der Etage, auf der nur Männer wohnen. Die Frauen sind eine tiefer. Es ist ein katholisches Studentenwohnheim – darum. Stelios kommt jedenfalls aus Griechenland und studiert hier Wirtschaft. Er ist immer gut drauf und hat fast immer ein Lächeln auf den Lippen, das mag ich an ihm. Jedenfalls ist er jederzeit für einen zugänglich. Ziemlich witzig ist er auch, weil er einen sehr trockenen Humor hat. Er liebt Deutschland, weil er findet, dass hier alles so gut organisiert, so sauber sei und alle so nett und freundlich seien. Insbesondere liebt er die deutschen Frauen, weil sie alle so groß und mächtig proportioniert seien; in Griechenland seien sie nämlich meistens eher klein und zierlich. Den Fernseher, den ich kaum benutzt habe, verkaufe ich für ebenfalls vierzig Euro an Takumi aus Japan. Takumi studiert Germanistik wie ich, besser gesagt, wie ich es tat, und will Deutschlehrer in Japan werden; ein überaus zurückhaltender und höflicher Typ, wie halt fast alle Japaner sind. Ich würde gerne mal nach Japan reisen, weil ich mich frage, ob sie nur so sind, wenn sie sich im Ausland aufhalten, und, wenn sie dann wieder Zuhause sind, ein ganz anderes Benehmen an den Tag legen und auch mal richtig die Sau raus lassen. Vielleicht hängt ihr zurückhaltendes, fast demütiges Verhalten ja auch noch mit dem Krieg zusammen, weil sie damals mit uns Deutschen zusammen die Aggressoren der Welt gewesen sind. Verlierer haben halt keinen Grund stolz zu sein. Und vielleicht benehmen sich deswegen englische Fußballfans wie die neuen Eroberer und brüllen „God save the Queen!“, jedes Mal, wenn sie den Kontinent betreten, weil sie immer die Siegreichen waren. Eine Hälfte meiner CDs verkaufe ich für dreißig Euro an Eduardo, einen Afrikaner aus Angola. Ich verlange zwar mehr dafür, aber mehr will er mir nicht geben. Eduardo studiert Maschinenbau; ein sehr kritischer und empfindlicher Mensch, insbesondere was seine Hautfarbe und seinen Kontinent Afrika anbetrifft. Er reagierte einmal äußerst empfindlich, ja wurde richtig wütend, weil ich bei einer Diskussion über Globalisierung den Begriff „Schwarzafrika“ gebraucht habe. Er meinte, es gäbe kein Schwarzafrika oder Weißafrika, weil es keine Linie in Afrika gäbe, an der die Menschen nach Schwarz und Weiß getrennt werden. Eigentlich hat er Recht, aber man kann einige Dinge auch etwas eng sehen. Er hat sich mindestens einmal mit jedem auf der Etage angelegt. Eigentlich immer nur wegen Kleinigkeiten. Sehr misstrauisch ist er auch. Er lässt all seine Lebensmittel – die Wurst, den Käse, seine Nutella, Brot, die Marmelade, die Milchtüte, halt alles – immer in Plastiktüten verpackt, die er mit speziellen Knoten verschließt, die so speziell sind, dass er sofort merken würde, wenn jemand daran herumgefummelt hätte, um etwa von seinen Lebensmitteln zu mopsen. Vielleicht hat er mal in dieser Hinsicht schlechte Erfahrungen gemacht, das kann natürlich sein.
Die andere Hälfte der CDs geht für vierzig Euro an Mathias. Mathias kommt aus dem Sauerland und studiert Geschichte und Sozialwissenschaften auf Magister. Eigentlich rede ich kaum mit ihm, da ich mit ihm nicht viel anfangen kann, genauso wenig wie mit den anderen pseudo-intellektuellen, klugscheißenden Protonen, man kann sie auch Anwärter für die Weltmeisterschaften im Vernünfteln nennen, die mir zuhauf an der Uni begegnen. Auch wenn die Uni für mich nur zu einem unrühmlichen Ende gekommen ist, wenigstens bin ich die jetzt los. Allzu gut kann er selbst mit seinem Wesen auch nicht zurechtkommen, denn Takumi, der einen besseren Draht zu ihm hat, erzählte mir, dass er irgendwo in stationärer Therapie gewesen sei, als er mal über ein halbes Jahr von der Bildfläche verschwunden war.
Den Computer werde ich zunächst gar nicht los, weil alle auf der Etage schon einen haben. Doch als ich mich mit dem Computer auf dem Arm auf den Weg einen Stock tiefer zu den Mädels mache, um da mein Glück zu versuchen, kommt mir Hamed mit einem Lächeln von draußen auf dem Flur entgegen und sagt: „Hey, wo willst du hin mit dem Ding?“ Ich verkaufe ihm schließlich das Ding – zwar nicht für den Preis, den ich gerne dafür gehabt hätte, aber doch noch für 200 Euro. Hamed ist Palästinenser, studiert Medizin und will mal Arzt werden; ein sehr lebendiger Typ, der viel herum scherzt und immer gerne lacht – und das ziemlich laut. Immer dann, wenn er und Stelios in der Küche sind, ist was los und es wird viel gelacht. Selbst Takumi, der sonst immer so zurückhaltend ist, sieht man dann lachen. Meistens geht es dabei um Frauen, denn Stelios und Hamed sind die Schürzenjäger unserer Etage. Besonders Hamed. Er sieht zwar nicht gerade aus wie Johnny Depp, ist andererseits auch nicht unbedingt hässlich, aber er hat Charisma. Ich glaube, darauf stehen die Frauen. Er hat aber nicht nur Frauen im Kopf, sondern ist auch politisch ziemlich gut informiert. Oft habe ich mit ihm diskutiert – über Amerika, Globalisierung, den Palästina-Konflikt und den Islamismus. Auch, was Mohammed-Karikaturen anbetrifft, haben wir diskutiert. Er findet es nicht korrekt, dass Mohammed derart dargestellt wird. Ich hingegen sagte ihm, dass wir in einem Zeitalter der freien Meinung leben und wenn sich diese freie Meinung gegen eine Religion richte, dann ist sie auch dann gestattet. Wie auch immer, es blieb ein strittiger Punkt zwischen uns. Aber dass ein solches Theater in der moslemischen Welt veranstaltet wird, zum Beispiel im Zuge der Karikaturen aus Dänemark vor vielen Jahren, das fand er dann auch etwas übertrieben. Und natürlich verurteilte er die Charlie-Hebdo-Attentate. Er selbst schimpft auf fanatische Moslems und Islamisten – er ist sogar richtig wütend auf sie, weil durch sie seine ganze Religion in Verruf gebracht wird, weil durch sie die Deutschen ihm zunehmend mit Misstrauen und Ablehnung begegnen. Wahrscheinlich versteht er sich deswegen nicht so gut mit Omar, dem anderen Moslem, den wir noch auf der Etage haben.
Omar kommt aus Syrien und studiert Elektrotechnik, und das schon im 15. Semester, wie ich anhand seines Studentenausweises, den er mal in der Küche auf dem Tisch hat liegengelassen, erfahren habe. Ich will zwar nicht behaupten, dass Omar ein Islamist ist, aber er schottet sich von den anderen ziemlich ab. Er sagt zwar immer 'Hallo!', aber ansonsten spricht er mit den anderen fast gar nicht, nur das Nötigste. Ich glaube, er ist ziemlich gläubig, weil ich ihn mehrmals am Tage (sein Zimmer ist direkt neben meinem) beten und auch oft den Gesang des Korans aus seinem Zimmer höre. Ich weiß auch nicht, aber vielleicht ist er deswegen im 15. Semester, weil er einfach seinem Glauben zu viel Aufmerksamkeit schenkt anstatt der Elektrotechnik. Seine Freunde kommen oft in einem halben Dutzend in sein kleines Zimmer und bleiben stundenlang da, wobei ich mich manchmal frage, ob da wohl irgendwelche unrühmlichen Pläne geschmiedet werden. Wäre ja nun auch kein Präzedenzfall. Wie auch immer! Jedenfalls hat es mir immer gut getan, mit Hamed zu diskutieren oder mich auch nur mit ihm zu unterhalten. Seine Lebendigkeit und sein Temperament sind dabei oft auf mich übergesprungen, haben mich angesteckt, und manchmal habe ich mich über mich selbst gewundert, wie lebendig ich doch sein kann. Gerade in der Zeit, als sich Silke von mir getrennt hat und ich in ein tiefes Loch gefallen bin, war es gut, wenn ich mich mit ihm unterhalten konnte. In dem Maße, wie Hamed lachen und scherzen kann, weint und trauert er aber auch. Vor zwei Jahren ist seine kleine Schwester bei einem israelischen Luftangriff im Gaza-Streifen getötet worden. In seinem Zimmer hat er seinen Schmerz und seine Trauer herausgeschrien und danach noch tagelang bitterlich geweint. Ziemlich wütend kann er auch werden. Das habe ich gemerkt, als er sich mal mit Eduardo in die Haare gekriegt hat. Eduardo schimpfte mit Hamed, weil Hamed nach dem Abendbrot noch vor dem Fernseher saß und nicht gleich sein schmutziges Geschirr abgewaschen hat. Beide haben sich dann angekläfft, wobei Eduardo immer persönlicher und Hamed immer wütender geworden ist, und als er schließlich Eduardo am Kragen gepackt hatte und vor Zorn zu platzen drohte, mussten wir anderen dazwischen gehen, bevor Schlimmeres passiert wäre. Bei Hamed weiß man jedenfalls immer, woran man ist. Er ist offen wie ein Buch, das mag ich an ihm. Als ich ihm sage, dass ich mein Studium nicht geschafft habe, bleibt er lächelnd und heiter und sagt, dass ich den Kopf nicht hängenlassen soll, das Leben gehe weiter und es gäbe immer einen Weg. Man müsse nur immer tapfer weitergehen. Seine Worte bauen mich auf. Aber vor allem baut mich seine Heiterkeit auf. Anstatt mir mit mitleidvoller Miene Streicheleinheiten zu geben, wie es wohl die meisten Menschen tun würden, bleibt er lächelnd und heiter. Vielleicht will er sich von mir und meinem Leid nur nicht seine Laune verderben lassen und lebt auf diese Weise seinen eigenen gesunden Egoismus. Ich will ihm schließlich zum Abschied die Hand geben, doch stattdessen umarmt er mich herzlich, fasst mich an den Schultern und wünscht mir mit einem strahlenden Lächeln alles Gute.
Ich werde ihn vermissen, besonders sein lautes, herzhaftes Lachen.
Fast meine gesamte Kleidung stopfe ich in einen großen schwarzen Plastiksack, den ich dann von einem Altkleiderverein abholen lasse, damit sie bedürftigen Menschen zugutekommt. Bezüglich der Kleidung befolge ich Achims Rat und behalte ein paar Unterhosen, T-Shirts, meinen dicken dunkelroten Pullover – für kalte Nächte – eine bis zu den Knien abgeschnittene Jeans, die ich auch gleich anziehe, und eine lange Jeans für die Reise – wirklich nur das Nötigste. Zum Glück habe ich noch meine Wanderschuhe, die ich zuletzt auf meinem Interrail-Trip vor sechs Jahren anhatte. Sie sind genau das richtige Schuhwerk für eine solche Reise. Geld und Pass bringe ich in meinem Hüftbeutel unter, den ich am besten auch immer nachts anbehalte, aber zumindest mit in den Schlafsack nehmen sollte, um vor nächtlichen Langfingern geschützt zu sein. Außerdem packe ich Lichtenbergs „Aphorismen und andere Sudeleien“ in den Rucksack mit ein, sollte es auf dieser Reise langweilige Momente geben. Ich habe dieses Buch schon zweimal gelesen, aber da steckt so viel drin, dass es immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt. Das mag wohl auch daran liegen, dass Lichtenberg auf einige viele Kommata verzichtet hat, aus welchem Grunde sich der Sinn des Satzes nicht gleich beim ersten Mal ergibt. Allen anderen Kram schmeiß` ich weg. Wahrscheinlich würde ich noch einiges auf dem Flohmarkt verscherbeln können, doch der nächste Uni-Flohmarkt ist erst wieder in fünf Tagen. Zurück bleiben nur noch mein Rucksack mit den Sachen für die Reise, die Trommel, die ich an den Rucksack binde, und ein Koffer, den ich bei meinen Eltern lassen will. Im Koffer sind ein paar Disks mit den Dokumenten aus den ganzen Jahren, die ich vom Computer abgespeichert habe und die mir wichtig erscheinen, wie zum Beispiel meine ganzen Hausarbeiten, wobei ich mich jetzt jedoch schon frage, was ich damit noch soll, denn die Uni ist vorbei. Zudem würden sie mich nur immer wieder an meinen unrühmlichen Abgang von der Uni erinnern. Egal, jetzt sind sie schon drin. Und wer weiß, vielleicht wird es ja noch mal eine Zeit geben, in der ich über meine Schlappe an der Uni lachen kann. Im Koffer sind außerdem noch meine Dokumente, wie Geburtsurkunde, Zeugnis, Grundstudium-Zertifikat etc. Meine Bücher überlasse ich dem Gemeinschaftsraum. Ich habe sie alle gelesen, mehrmals sogar, sollen sie jetzt den anderen zugutekommen, oder auch nicht. Bei Stellen, die wissen sollten, dass ich nicht mehr im Studentenwohnheim lebe, wie zum Beispiel das Bafög-Amt, rufe ich an und gebe die Adresse meiner Eltern in Dortmund als neue Adresse an. Dabei fällt mir ein – wär wohl auch nicht ganz anständig gewesen, sich das Leben zu nehmen, denn dann hätte ich Schulden und möglicherweise noch für meine Eltern hinterlassen, nämlich die beim Bafög-Amt. Um einen sauberen Abgang von der Welt zu machen, müsste ich also erst das Bafög-Darlehen zurückzahlen. Ich habe mal von einem Fall gehört, da hat einer noch ein Jahr gearbeitet, um seine ganzen Schulden zurückzuzahlen, seine Wohnung ordnungsgemäß gekündigt, die Möbel vom Sperrmüll abholen lassen, seinen Hund in einem Tierheim untergebracht und sich dann, mit einem Sack Steine am Gürtel befestigt, in einem See ertränkt. Das nenne ich kaltblütiges Verantwortungsbewusstsein. Telefonisch kündige ich dann noch den Kiosk-Job bei Janozs, meinem polnischen Arbeitgeber und Pächter des Kiosks. Er regt sich auf, weil ich es ihm erst jetzt sage und er so schnell keine zweite Aushilfe finden würde. Ich sage ihm, dass es sich nun mal so ergeben habe, verzichte aber auf das Erzählen von Einzelheiten. Gegen Mittag gebe ich den Zimmerschlüssel beim Hausmeister ab. Dann gehen wir zur Sparkasse, wo ich mein ganzes Vermögen von knapp 300 Euro abhebe und mein Konto kündige. Mit den verkauften Sachen habe ich so mehr als 600 Euro zusammen. Damit kann ich wohl nicht die Welt kaufen, aber für den Anfang sollte es erst einmal reichen. Schließlich fahren wir mit der U-Bahn zum Bochumer Hauptbahnhof, von dort mit dem Zug bis Dortmund-Hauptbahnhof und steigen da noch mal in den Bus nach Dortmund-Scharnhorst um.
