Verlag: Verlag Herder Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Der Skandal der Skandale - Arnold Angenendt

Was ist dran an der Skandalgeschichte des Christentums, deren üppige filmische Inszenierungen nur so von Sperma, Blut und Gift triefen? Was ist mit Kreuzzügen, Inquisition und Hexenverfolgung? Stand das Christentum bei der Durchsetzung der Menschenrechte auf der Bremse oder auf dem Gaspedal – oder auf beidem? Was ist mit Frauenemanzipation, sexueller Revolution und vor allem: Wie steht das Christentum wirklich zum Holocaust? Manfred Lütz erzählt die spannende Geschichte des Christentums, wie sie nach Erkenntnissen der neuesten Forschung wirklich war. Dabei geht es letztlich um eine entscheidende gesellschaftliche Frage: Taugt das Christentum noch als geistiges Fundament Europas? Der international renommierte Historiker Arnold Angenendt hatte schon 2007 ein gewaltiges Werk vorgelegt: "Toleranz und Gewalt – Das Christentum zwischen Bibel und Schwert", das die Ergebnisse der internationalen Forschung zusammenfasst und seitdem ein Standardwerk ist für alle, die sich ernsthaft mit Christentum und Kirche auseinandersetzen wollen. Allerdings hat eine breitere Öffentlichkeit von den wirklich erstaunlichen Ergebnissen bisher kaum Notiz genommen. Zusammen mit Arnold Angenendt hat nun Manfred Lütz die zentralen Aussagen von "Toleranz und Gewalt" in einem fulminanten Buch aufgegriffen, das wie in einem Krimi die spannende Geschichte der größten Menschheitsreligion aller Zeiten erzählt. Damit auch wirklich alle so genannten Skandale der Christentumsgeschichte vorkommen, wurden einige Themen hinzugefügt, so dass man jetzt auf 286 Seiten den neusten Stand der Wissenschaft über alle kritischen Phasen der Geschichte des Christentums nachlesen kann. Führende Historiker haben das Buch korrekturgelesen, damit alles stimmt, aber auch sein Friseur, damit es locker bleibt. Es ist ein Buch geworden für Christen, die keine Angst vor der Wahrheit haben und für all die anderen, damit sie besser verstehen, woher sie kommen. So kann man erleben, wie eine kleine jüdische Sekte im römischen Reich zur Weltreligion wird, wie sie dann dieses Reich zu einem christlichen Reich macht und wie es am Ende dazu gekommen ist, dass aus den siegreichen Germanen christliche Germanen wurden. Man erfährt, was die Kreuzzüge wirklich waren, welche erstaunlichen Einsichten die neueste Forschung inzwischen über Inquisition, Hexenverfolgung und Indianermission erzielt hat und was wir der Aufklärung zu verdanken haben – und was nicht. Auch den neusten Stand der Wissenschaft zu den klassischen Themen Zölibat, Unfehlbarkeit des Papstes, Frauen und Kirche, Sexualmoral kann man hier nachlesen. Ohne dieses Wissen wird man die entscheidenden gesellschaftlichen Debatten der kommenden Jahre nicht seriös führen können. Schon jetzt reden viele vom "christlichen Menschenbild" oder vom "christlichen Abendland", ohne genau sagen zu können, was sie damit meinen. Und sogar die Christen selber schämen sich für ihre eigene Geschichte – ohne sie zu kennen. Für jeden, der die geistigen Wurzeln Europas verstehen will, ist dieses Buch ein einzigartiges, aber auch notweniges Bildungserlebnis, vor allem aber Aufklärung im besten Sinne. Machen Sie sich auf spektakuläre Überraschungen gefasst!

Meinungen über das E-Book Der Skandal der Skandale - Arnold Angenendt

E-Book-Leseprobe Der Skandal der Skandale - Arnold Angenendt

Die Zitate können in aller Regel einfach im Buch »Toleranz und Gewalt« von Arnold Angenendt anhand des Personenverzeichnisses gefunden werden, das auch die zitierten Autoren enthält. Wenn Zitate Auslassungen enthalten, sind diese hier der Lesbarkeit halber nicht mit drei Punkten gekennzeichnet worden. Die übliche Zitierweise findet man immer in »Toleranz und Gewalt«. Wo in »Toleranz und Gewalt« nicht vorkommende Zitate gebracht werden, wird in der Regel auch das Werk des zitierten Autors genannt. Gewisse Texte sind aus »Toleranz und Gewalt« übernommen, aber völlig neu zusammengestellt.

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: © Christoph Pittner (Pittner-Design)

E-Book-Konvertierung: post scriptum, Vogtsburg-Burkheim

ISBN Print 978-3-451-37915-4

ISBN E-Book 978-3-451-81175-3

Inhalt

Vorwort

Einleitung – »Das glaube ich Ihnen nicht!«

I. Zum Teufel mit der Religion – Judentum, Christentum und Islam: Der Monotheismus als Gefahr für die Menschheit?

1. Wahrheit und Gewalt – Die Ermordung einer schönen Theorie durch eine hässliche Tatsache

2. Zum Teufel mit dem Adel – Wie die Weltgesellschaft erfunden wurde

3. Theorie und Praxis – Warum der Islam logischerweise am tolerantesten ist

II. Die ersten tausend Jahre – Eine Religion der Liebe begegnet der Gewalt

1. Wohin mit dem Unkraut? – Ein Gleichnis verändert die Religionsgeschichte

2. Spannungen – Christliche Gewaltfreiheit und Staatsgewalt

3. Barbaren kultivieren – Das Christentum und die Germanen

4. Karl der Große – Der Sachsenschlächter als europäisches Vorbild

5. Knisternde Stimmung – Die Päpstin Johanna und das Ende der Welt

III. Das Mittelalter und die Kreuzzüge – Von der Erfindung eines neuen Menschen bis zum Ende einer Missgeburt

1. Wenn frauenlose Männer gebären und männerlose Frauen erfinden – Wie das Abendland entstand

2. Ein schlauer Fuchs und ein zögernder Hirte – Der Docht glimmt

3. Kontrollverlust: Judenmorde und ein Blutbad – Wollte Gott das wirklich?

4. Bilanz – Was die europäische Kommission mit den Kreuzzügen zu tun hat und warum die Türken zu lieben sind

IV. Sündenfälle – Mittelalterliche Ketzerverfolgung und am Ende die Borgias

1. Unter Druck – Ein König lässt Menschen verbrennen

2. Eine verhängnisvolle Justizreform – Dichtung und Wahrheit über die mittelalterliche Inquisition

3. Faktencheck zum »Namen der Rose« – Der Sieg von Herz und Verstand

4. Papst Alexander VI. Borgia und das ZDF – Wie Deutschland Spanien besiegte

V. Die Neuzeit – Alte Probleme, neue Lösungen

1. Welttheater – Martin Luther und der Ablass

2. Wie wirklich ist die Wirklichkeit? – Die schwarze Legende und die Wahrheit über die Spanische Inquisition (1484–1834)

3. Giordano Bruno und Galileo Galilei – Die Römische Inquisition (1542–1816) und ihre Opfer

4. Katholiken und Protestanten im Wettstreit – Im Guten wie im Bösen

VI. Der größte Justizirrtum aller Zeiten – Erstaunliches über die Hexenverfolgungen

1. Abenteuerliche Mythen – Theologische, nationalsozialistische und feministische Versionen der Hexenverfolgung

2. Hexenglaube im Mittelalter – Regino von Prüm: »Wahnvorstellungen«

3. Hexenglaube in der Neuzeit – Der Tod ist ein Meister aus Deutschland

4. Das Ende – Ein entsetzter Inquisitor, ein tapferer Jesuit und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts

VII. Legenden der Indianermission – Was man weiß und was man wissen sollte

1. Mission und Gewalt – Das Problem der Menschenopfer

2. Wirksame Ideen – Naturrecht, Menschenrecht, Völkerrecht

3. Protestantische Mission und katholische Mission – Ein kleiner Unterschied und seine großen Folgen

4. Das große Schweigen – Die vergessenen Verteidiger der Indios

VIII. Aufklärung – Woher kommen die Menschenrechte wirklich und wer hat die Sklaven befreit?

1. Der Aufstieg Europas – Konfessionsstreit und Aufklärung

2. Gottebenbildlichkeit – Zur »Genealogie der Menschenrechte«

3. Das Drama der Menschenrechte – Die Abschaffung der Sklaverei

a) Unaufgeklärte Aufklärer – Platte Nasen und Menschenrechte

b) Die Christen und die Sklaven – Der Lackmustest für eine Erlösungsreligion

c) Tiefpunkt – Der Transatlantik-Handel

4. Die Schatten der Aufklärung – Die Opfer der Revolution

IX. Nach dem Blutbad – Die Kirche im 19. Jahrhundert

1. Der Auftakt – Päpste sind auch nur Menschen

2. Katholiken tun nicht, was der Papst sagt – Katholische Revolutionen

3. Die Unfehlbarkeit des Papstes – Ein liberales Dogma?

4. Warum Karl Marx recht hatte – Und die Christen ihm folgten

X. Das 20. Jahrhundert – Christen und Nationalsozialismus, Erbsünde und Euthanasie, die Kirche und die Juden

1. Demokratie – Christen auf neuen Wegen

2. Diktatur – Die Christen und der Widerstand

3. Euthanasie – Warum die Nazis die Erbsünde hassten

4. Im Angesicht des Holocaust – Christen und Juden: 2000 Jahre lang unvermischt und ungetrennt

a) Wie es anfing – Vom Brüderzwist zum Judenschutz

b) Das jüdische Tränental – Die mittelalterlichen Judenverfolgungen

c) Mörderische Ideen – Der rassistische Antisemitismus und seine Folgen

d) Der Stellvertreter – Der Streit um Papst Pius XII.

e) Das Ende eines Bruderzwistes – Schuldbekenntnisse und Einsichten

5. Nach der Katastrophe – Neuaufbrüche und die »zweite Papstrevolution«

XI. Skandale am laufenden Band – Was Sie immer schon über das Christentum wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten

1. Frauenemanzipation und Frauenpriestertum – Wie die Christen mit 50 Prozent der Menschheit umgingen

2. Die Kirche, der Zölibat und der Sex – Über ein großes Missverständnis

3. Das Christentum und der Kindesmissbrauch – »Eher wird man vom Küssen schwanger als vom Zölibat pädophil«

XII. Das 21. Jahrhundert – Die Krise des Christentums und die Flüchtlinge

1. Entlastungen – Widerstände und das Skalpell der Vernunft

2. Belastungen – Opfer bringen für die Opfer

3. Das Ende – Die Stärken der Schwäche

Zum Autor

Vorwort

Das Christentum ist die unbekannteste Religion der westlichen Welt. Das liegt nicht an einem Mangel an Informationen, sondern im Gegenteil an einer Überfülle an Informationen. Allerdings haben diese Informationen gewöhnlich eine merkwürdige Eigenart: Sie sind grotesk falsch.

Das ist an sich nicht weiter schlimm. Mit falschen Überzeugungen kann man gut leben. Lange Zeit glaubte man, dass durch die Arterien Luft fließe, noch länger nahm man an, dass es Drachen gebe und selbst die Überzeugung, dass die Erde eine Scheibe sei, hat die Menschen nicht daran gehindert, ein sinnvolles Leben zu führen.

Fake News können sogar Spaß machen. Wer will die Welt schon von morgens bis abends so sehen, wie sie ist? Und auch ganz persönlich ist Verdrängung eine wichtige Fähigkeit, um lebenstüchtig zu bleiben. Wer dauernd all die Schattenseiten seiner Lebensgeschichte mit sich spazieren trägt, hat’s schwer im Leben.

Doch bei den Falschinformationen über das Christentum geht es nicht um irgendwelche kleinen Irrtümer, amateurhafte Fälschungen oder harmlose Schummeleien. Diese Falschinformationen haben das Christentum in seinem Kern nachhaltig erschüttert und absolut unglaubwürdig gemacht.

Dagegen spricht nicht, dass man öffentlich Papst Franziskus schätzt und Mutter Teresa verehrt. Man schätzt und verehrt sie nicht wegen, sondern trotz der Tatsache, dass sie Christen sind. Man nimmt es ihnen sozusagen nicht übel. Und auch das karitative Engagement christlicher Institutionen achtet man, ja sogar das, was man gerne »christliche Werte« nennt, was immer das dann sein soll. Doch den christlichen Glauben, die Geschichte der christlichen Kirchen, das Christentum selbst hält man bestenfalls für peinlich. In intellektuellen Debatten gilt ein christliches Bekenntnis gewöhnlich unausgesprochen als indiskutabel. Der Ausdruck Fundamentalismus hat sich nicht nur für fanatische Gläubige eingebürgert, sondern gilt inzwischen jedem religiösen, jedem christlichen Bekenntnis, das Religion nicht nur religionswissenschaftlich beschreibt, sondern für wahr hält. Das ist das Ende des realen Christentums als kulturprägende Kraft.

Man mag einwenden, dass immerhin die christlichen Kirchen noch beachtliche Institutionen vorweisen können, die zum Beispiel in Deutschland über enorme Finanzmittel verfügen. Doch ist nicht zu übersehen, dass viele Kräfte durch den Rückbau der einstmals großen Volkskirchen absorbiert werden und Neuaufbrüche eher am Rande des institutionalisierten Christentums stattfinden. Dabei gelingt christliche Mission am ehesten da, wo Menschen direkt spirituell angesprochen werden, eine Gemeinschaft von Überzeugten erleben und so ihr persönliches Leben erneuern. Aber, so paradox das klingen mag, das Christentum, seine Geschichte, seine Institutionen, seine Repräsentanten wirken für die christliche Mission in unseren Breitengraden eher als Hindernis, jedenfalls nicht als Attraktion.

Das liegt daran, dass dem Christentum ein Todesstoß versetzt wurde. Die inzwischen unbestrittene Überzeugung, dass die Geschichte des Christentums eine Geschichte der Skandale ist, erschüttert tatsächlich den Kern des christlichen Glaubens. Denn eine Religion, die an die Mensch-Werdung, also an die Geschichte-Werdung Gottes selbst glaubt, liefert sich rückhaltlos der kritischen Beurteilung dieser Geschichte aus. Und dieses Urteil ist vernichtend. »Der Fluch des Christentums« betitelte der namhafte Philosoph Herbert Schnädelbach im Jahre 2000 einen aufsehenerregenden Text, der in dem Satz gipfelte, das Beste, was das Christentum für die Menschheit tun könne, wäre: sich auflösen! Und die Gründe, die der Philosoph für dieses Todesurteil vorbrachte, waren nicht vor allem philosophische oder theologische Gründe. Schnädelbach äußerte keine Zweifel an der Dreifaltigkeit oder an der Menschwerdung Gottes, sondern er argumentierte fast ausschließlich geschichtlich. Dabei bezog er sich nicht auf irgendwelche historischen Studien, sondern er konnte sich auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens über die skandalöse Christentumsgeschichte stützen. Was dieser hochgebildete Philosoph da über die empörenden Kreuzzüge, die brutale Inquisition und den verheerenden Antisemitismus anführte, präsentierte er unbefangen als genauso unbestreitbar, wie man heute selbstverständlich davon ausgeht, dass der Mond um die Erde kreist und der Mount Everest der höchste Berg unseres Planeten ist. Auch dafür braucht man keine Belege. Insofern sprach dieser Text nur prägnant aus, was ohnehin alle dachten.

Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus war das ein engagierter Nachruf auf das Christentum.

Das hätte es dann gewesen sein können. Wie beim Kommunismus gibt es zwar immer einige, die die Signale nicht hören und betriebsblind nostalgisch unentwegt so weitermachen, als sei nichts geschehen. In Wahrheit aber ging der Text von Schnädelbach an die Substanz der christlichen Religion. Wenn Schnädelbach recht hatte, war das Christentum zweitausend Jahre nach seinem Beginn wirklich am Ende.

Aber hatte er recht? Was sich nach Veröffentlichung dieses Textes abspielte, war spektakulär und völlig unerwartet: Ein international renommierter Historiker nahm die Herausforderung an und ging den Vorwürfen Schnädelbachs auf dem Stand der heutigen Wissenschaft akribisch auf den Grund. Was stimmte und was stimmte nicht? Dieser Historiker heißt Arnold Angenendt, und er legte 2007 ein gewaltiges Werk vor: »Toleranz und Gewalt – Das Christentum zwischen Bibel und Schwert« heißt das Buch, und es ist seitdem ein Standardwerk für alle, die sich kritisch mit Christentum und Kirche auseinandersetzen wollen. Der wissenschaftlichen Gründlichkeit von Angenendt gelang dabei etwas ganz Seltenes. Er überzeugte mit nüchterner Aufklärung und erreichte, dass Herbert Schnädelbach sich korrigierte. Er bedankte sich bei Arnold Angenendt, »der mir einige optische Verzerrungen meines Rückblicks nachwies«. Es stellte sich heraus, dass landläufige Auffassungen über die Geschichte des Christentums der seriösen wissenschaftlichen Untersuchung einfach nicht standhielten.

Allerdings sind diese erstaunlichen Ergebnisse noch keineswegs ins allgemeine Bewusstsein gedrungen. Denn ein wissenschaftliches Werk von 800 Seiten mit über 3000 Anmerkungen nimmt wohl nur der zur Hand, der dem Christentum aus welchen Gründen auch immer besonders verbunden ist, und sei es auch nur, weil er es hasst.

Daher stellte sich die Frage, ob es nicht der Mühe wert sei, die entscheidenden Ergebnisse der Angenendt’schen Studie einer breiteren Öffentlichkeit in lesbarerer Form zugänglich zu machen. Denn was einem hochgebildeten Menschen wie Herbert Schnädelbach passierte, dass er nämlich gewisse falsche allgemeine Auffassungen vom Christentum für unbezweifelbar wahr hielt, das geht ja den meisten Menschen so. Gefragt ist also schlicht Aufklärung im besten Sinne.

Solche Aufklärung ist deswegen dringend nötig, weil der Wegfall des Christentums als verbindende Kraft die ganze Gesellschaft in eine schwere Krise gestürzt hat. Von Linksaußen bis Rechtsaußen wird das unumwunden zugegeben. Der Linkenvorsitzende Gregor Gysi erklärte in der Evangelischen Akademie in Tutzing, er sei Atheist, aber er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil der die Solidarität abhandenkommen könne, Sozialismus sei schließlich nichts anderes als säkularisiertes Christentum. Und bei der Vorstellung meines Buches »Gott – Eine kleine Geschichte des Größten«, erklärte er freimütig, für die Wertefrage in unserer Gesellschaft sei die Linke noch auf Jahrzehnte diskreditiert. Die einzigen Institutionen, die für die Wertefrage noch relevant seien, seien die christlichen Kirchen. Und wenn Atheismus bedeute, gegen die Kirche zu sein, dann sei er kein Atheist, dann sei er Heide, zu dem der Glaube noch nicht gekommen sei. Merkwürdigerweise lassen aber auch die Rechten von »Pegida« ausdrücklich das christliche Abendland hochleben, selbst wenn sie das Christentum so wenig kennen, dass sie in der Adventszeit lauthals Weihnachtslieder singen.

Doch in Wirklichkeit wird hier eine leere Hülle beschworen. Das Christentum selbst hat sich nicht in 70 Jahren wie der Kommunismus, sondern in zweitausend Jahren offenbar so weit diskreditiert, dass auch die, die es beschwören, kaum sagen können, was sie denn für so erhaltenswert am Christentum halten – wenn man einmal von einigen humanistischen Haltungen absieht, die aber auch der redliche Atheist ohne Weiteres an den Tag legt. Aufklärung über das Christentum müsste also jedem am Herzen liegen, der sich um diese Gesellschaft sorgt, auch dem vernünftigen Atheisten.

Jürgen Habermas, Deutschlands bekanntester Philosoph, der sich selbst für »religiös unmusikalisch« erklärt hat, forderte deswegen mit dramatischen Worten zumindest »rettende Übersetzungen« der jüdisch-christlichen Begrifflichkeit von der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Nur so, glaubt Habermas, könne man die allgemeine Akzeptanz des Menschenwürde-Begriffs, des zentralen Begriffs unserer Gesellschaftsordnung, weiter sicherstellen. Und er wünscht sich Christen, die im öffentlichen Diskurs als religiöse Bürger wahrgenommen werden. Doch dieser fromme Wunsch eines Agnostikers trifft auf Christen, die dazu neigen, ihren Glauben eher als Privatsache zu beschweigen. Vor allem eben, weil sie sich für die Geschichte des Christentums schämen.

Diese Scham hat auch damit zu tun, dass die Christen selbst sich ihrer Skandalgeschichte mit zwei Methoden gestellt haben, die beide nicht wirklich überzeugen. Die einen haben sich nach Kräften bemüht, die Geschichte des Christentums apologetisch reinzuwaschen und jegliches kirchliche Versagen zu leugnen, koste es, was es wolle. Dabei wäre eine zweitausend Jahre währende ununterbrochene christliche Heiligengeschichte gar nicht das, was Jesus selbst seiner Kirche vorausgesagt hatte. Die von ihm persönlich berufenen Säulen der Kirche, die Apostel, waren durchaus von durchwachsenem Charakter: Warum sollte es anschließend besser werden? Die anderen verlegten sich auf das gerade Gegenteil. Sie leugneten historische Schwächen des Christentums nicht, es kam ihnen sogar entgegen, vor dem düsteren Hintergrund einer vergangenen christlichen Skandalgeschichte das eigene gegenwärtige moderne Christentum besonders glanzvoll herauszustellen. Doch die große Geste: Zweitausend Jahre ist das Christentum in die Irre gegangen und dann kam ich oder Professor X oder Y oder das II. Vatikanische Konzil oder was sonst noch, ist reichlich naiv. Jeder gescheite Atheist kann darauf natürlich nur antworten: Dann warten wir mal, ob es nun die kommenden zweitausend Jahre auch wirklich besser läuft, und dann sehen wir weiter.

Diese beiden extrem unterschiedlichen Arten des Umgangs mit der eigenen Geschichte haben das Zerrbild der Christentumsgeschichte noch verstärkt. Denn für beide war Geschichte nur das Füllmaterial für die eigenen Vorurteile, die durch echte wissenschaftliche Forschung ins Wanken geraten könnten.

Da war das Vorgehen Arnold Angenendts ganz anders. Nie wusch er die Kirche rein, aber er nahm auch keine Skandalgeschichten einfach nur deswegen hin, weil sie so schön gruselig klangen oder immer wieder erzählt wurden. Der international renommierte Wissenschaftler bediente sich seiner Vernunft und seines wissenschaftlichen Sachverstands und forschte nüchtern nach. Mit beeindruckenden Ergebnissen. Diese langjährige Arbeit liegt auch dem vorliegenden Buch zugrunde.

Es kann also auch hier nur darum gehen, der Skandalgeschichte des Christentums vorurteilsfrei mit dem Skalpell der Wissenschaft zu Leibe zu rücken. Am Ende mögen dann Skandale tatsächlich Skandale sein, und selbst wenn sich herausstellen sollte, dass die historischen Fakten ein ganz anderes Bild zeichnen, wäre sogar eine Christentumsgeschichte ohne Skandale natürlich noch lange kein Grund, Christ zu werden. Es gibt ganz unsinnige Überzeugungen, die ausgesprochen heilsame historische Wirkungen entfalten. Es geht also hier nicht um Bekenntnis, sondern um Geschichte, um die ungemein spannende wirkliche Geschichte der größten Menschheitsreligion aller Zeiten. Und für den geneigten Leser nicht zuletzt um abendländische Bildung und um europäische Aufklärung im besten Sinne.

Ich habe den Text verfasst, aber die historisch-wissenschaftliche Substanz dieses Buches verdankt sich zu einem guten Teil Professor Dr. Dr. h. c. Arnold Angenendt und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die dafür gesorgt haben, dass dieses Buch noch über »Toleranz und Gewalt« hinaus den neuesten Stand historischer Forschung vermittelt. Das Buch ist ganz neu gegliedert und um einige Themen ergänzt, um möglichst alle kritischen Ereignisse der Kirchengeschichte zu erfassen. Damit alles stimmt, habe ich es zusätzlich noch vom Neuzeit-Historiker Professor Dr. Dr. h. c. mult. Heinz Schilling, vom evangelischen Kirchenhistoriker Professor Dr. Dr. h. c. mult. Christoph Markschies, vom katholischen Kirchenhistoriker Professor Dr. mult. Hubertus Drobner, vom Zeitgeschichtler Professor Dr. Karl-Josef Hummel und vom systematischen Theologen Professor Dr. Bertram Stubenrauch lesen lassen, denen ich herzlich für ihre Mühe danke. Und wie üblich hat es mein Friseur kontrolliert, damit alles allgemeinverständlich, locker und lesbar bleibt. Vor allem habe ich die Geschichte des Christentums aber erzählt, denn Geschichte wird lebendig, wenn man sie erzählt, besonders wenn sie so dramatisch abgelaufen ist und uns alle heute noch betrifft, ob wir wollen oder nicht.

So kann man erleben, wie eine kleine jüdische Sekte im römischen Reich zur Weltreligion wird, wie sie dann dieses Reich zu einem christlichen Reich macht und wie es am Ende dazu gekommen ist, dass aus den siegreichen Germanen christliche Germanen wurden. Man erfährt, was die Kreuzzüge wirklich waren, welche erstaunlichen Erkenntnisse die neueste Forschung inzwischen über Inquisition, Hexenverfolgung und Indianermission erzielt hat und was wir der Aufklärung zu verdanken haben – und was nicht. Stand das Christentum bei der Durchsetzung der Menschenrechte auf der Bremse oder auf dem Gaspedal – oder auf beidem? Was ist mit Frauenemanzipation, sexueller Revolution und vor allem: Wie steht das Christentum wirklich zum Holocaust?

So ist es am Ende ein Buch geworden für Christen, die keine Angst vor der Wahrheit haben, und für all die anderen, damit sie besser verstehen, woher sie kommen.

Bornheim, den 1. Januar 2018 Dr. med. Dipl.-Theol. Manfred Lütz

Einleitung – »Das glaube ich Ihnen nicht!«

Früher war alles besser! Seit es Geschichte gibt, ist das der Schlachtruf der Vertreter der Theorie des Goldenen Zeitalters. Für den griechischen Dichter Hesiod war die ganze Geschichte nichts anderes als ein beklagenswerter Niedergang und es hat zu allen Zeiten Dichter und Denker gegeben, die das genauso sahen. Bis heute.

Aber schon in der Antike gab es auch die anderen, die die Menschheit auf dem Weg eines immerwährenden Fortschritts sahen. Dieser glückliche Zustand am Ende der Geschichte, dieser U-Topos, diese Utopie, faszinierte vor allem viele Denker der Neuzeit, nicht zuletzt Kommunisten und Sozialisten bis hin zu schlichten Geistern wie einem Erich Honecker, der kurz vor seinem überraschenden Abgang noch mit dem Sektglas in der Hand den bekannten Spruch ausbrachte: Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. Es kam dann anders und es lag nicht an Ochs und Esel.

Für beide Sichtweisen kann sich die Geschichte so anstellen, wie sie will, sie ist als Geschichte an sich wertlos. Sie hat entweder ihren Wert nur von den Kostbarkeiten, die sie noch aus der Urzeit bewahren konnte, oder von den Ereignissen, die sie ihrem großartigen Ende nahebringen. Die Geschichte selbst kann man vergessen.

Doch so kann man nicht leben. Menschen ohne Geschichte sind schwer gestört, denn sie wissen nicht, wer sie sind. Und auch eine Gesellschaft, die ihre Geschichte bloß verachtet, ist gefährdet von einer ungesunden Mischung aus Nostalgikern und Utopisten, die sich dauernd aggressiv aus der Gegenwart hinausträumen.

Das gilt ebenso für eine zweitausend Jahre alte Institution wie die Kirche. Auch da tummeln sich alle Sorten von radikalen Rückwärtsgewandten und radikalen Fortschrittsgläubigen, denen die reale Geschichte der Kirche nie gut genug ist.

Nimmt man es allerdings nicht ganz so radikal, dann sind beide unterschiedlichen Perspektiven für die gerechte Beurteilung der Geschichte nötig. Natürlich muss man zunächst einmal geschichtliche Ereignisse aus ihrer Zeit heraus verstehen, aber dann hat man sie auch vom heutigen Standpunkt aus zu beurteilen. Wenn man unseren heutigen Begriff der Menschenrechte nicht für das zufällige Ergebnis einer zufälligen Geschichte hält, sondern für überzeitlich gültig, muss man in der Geschichte Ereignisse danach bewerten dürfen, ob sie der heutigen Vorstellung der Menschenrechte nahe kommen oder nicht.

Andererseits muss man insbesondere die Geschichte der Kirche auch aus der entgegengesetzten Richtung beleuchten, nämlich von ihrem Ursprung her. Und da geht es dann darum, ob einzelne kirchliche Entwicklungen sich von der Ursprungsidee und vom Ursprungsauftrag der Kirche, so wie sie von Jesus und seinen ersten Anhängern gemeint waren, entfernt haben oder nicht. Mit beiden Scheinwerferpositionen werden wir hantieren müssen, nachdem die Fakten geklärt wurden.

Natürlich könnte man die ganz grundsätzliche Frage stellen, ob das Christentum sich denn überhaupt geschichtlich entwickeln darf. Schließlich ist nach christlicher Auffassung vor zweitausend Jahren die definitive Offenbarung Gottes in der Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus erfolgt und das Wort Gottes kann man in der Bibel nachlesen. Wäre dann nicht alles, was Bischöfe, Päpste oder Konzilien in den anschließenden zweitausend Jahren an Texten und Taten produziert haben, völlig belanglos oder, schlimmer noch, Irrlehre und Glaubensabfall? Manche Sekten haben deswegen rücksichtslos die Rückkehr zum Urchristentum gefordert – mit nicht selten tödlichen Konsequenzen. Der bekannte Kirchenhistoriker Joseph Lortz hat sich dieser Frage angenommen. Offenbarung sei, so Lortz, nicht bloß ein punktuelles Ereignis vor zweitausend Jahren. Das Eintreten Gottes in die Geschichte, an das die Christen glauben, entfalte sich vielmehr über die Jahrhunderte der Kirchengeschichte nach und nach. So ist dann zum Beispiel das Eintreten des jüdischen Messiasglaubens der Christen dreihundert Jahre nach Gründung des Christentums in die griechisch-römische Geisteswelt für die Christen nicht irgendein nebensächlicher Zufall. Sondern dieser geschichtliche Vorgang wird für sie zum lebendigen Offenbarungsereignis. Demzufolge sind dann die frühen Konzilien mit ihren Definitionen der Göttlichen Dreifaltigkeit ebenso Ausdruck der göttlichen Offenbarung. Auch andere historische Entwicklungen können so gesehen für Christen Offenbarungscharakter bekommen: Die Wiederentdeckung der aristotelischen Philosophie im Mittelalter, die Entwicklung des Individuums in der beginnenden Neuzeit, die Aufklärung, die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft, all das kann den Christen klarer machen, was die ursprüngliche Offenbarung meint. Offenbarung ist nach Joseph Lortz also kein toter Buchstabe, sondern eine lebendige Offenbarung in einer lebendigen Geschichte. Deswegen ist Geschichte für Christen maßgeblich.

Von außen gesehen gibt es speziell für Christentum und Kirche aber noch ein ganz anderes Problem: Fake News! Wer immer wieder verfolgt, welchen Unsinn in einem sechsmonatigen Bundestagswahlkampf die eine Partei über die andere erzählt, welche absichtlichen Verzerrungen der jeweils anderen Position sozusagen zur Grundausstattung eines anständigen Wahlkampfs gehören, der muss sich vor Augen halten, dass die Kirche mehr oder weniger zweitausend Jahre lang sozusagen im Wahlkampf steht.

Wie viel Unsinn haben allein schon Katholiken über Protestanten und umgekehrt Protestanten über Katholiken fünfhundert Jahre lang in die Welt gesetzt! Dazu der unglaubliche ideologische Müll, den die rechten und linken Diktaturen des 20. Jahrhunderts über das Christentum ausgegossen haben, das ihrer Allmacht einen Allmächtigen entgegenstellte, der absolut nicht ins menschenverachtende System passte. Für die Nazis war das Christentum eine »verjudete« Religion und für die Kommunisten bloß eine verdammte Droge, Opium fürs Volk. Mit schlichtesten Argumenten und demagogischen Diffamierungskampagnen tat man alles, um das Christentum als lächerlich, unmodern und unwissenschaftlich darzustellen, wobei »Wissenschaft« das war, was zum Beispiel Erich und Margot Honecker dafür hielten. Und so führten beide Gewaltsysteme einen Vernichtungskampf gegen das Christentum. Mit erstaunlichem Erfolg! Obwohl bekennende Christen den Widerstand gegen Hitler geprägt hatten und die gewaltlose Revolution von 1989 von christlichen Kirchen ausging, hat fast als einziges Relikt dieser morschen Ideologien ihr staatlich gepredigter Atheismus in den Köpfen überlebt, mit all den absurden Verunglimpfungen des Christentums. Und so kann es niemanden wundern, dass es wohl keine Institution gibt, deren öffentliches Bild so grotesk falsch ist wie das vor allem der katholischen Kirche, die sich selber nicht nur wie die Protestanten die vergangenen fünfhundert Jahre, sondern die gesamte Distanz von zweitausend Jahren Christentum zurechnet. Das Ergebnis sind starre Klischees über die Geschichte des Christentums, die die Menschen sozusagen mit der Muttermilch einsaugen.

»Das glaube ich Ihnen nicht«, sagte ein Schüler, als Arnold Angenendt einige dieser Klischees infrage stellte. Und das mag einigen von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, vielleicht zunächst auch so gehen. Deswegen werden Sie von diesem Buch nur dann etwas haben, wenn Sie nicht bloß glauben, sondern wirklich wissen wollen. Wenn Sie also mögliche Vorurteile der kalten Dusche der Fakten aussetzen. Nur wer die Geschichte von Christentum und Kirche ohne allzu viel Liebe und ohne allzu viel Hass zur Kenntnis nehmen kann, wird sich dabei nicht erkälten. Es soll also hier darum gehen, auf dem heutigen Stand der historischen Wissenschaft all den sogenannten Skandalen der Kirche kritisch auf den Grund zu gehen und damit für Aufklärung über die geheime Geschichte des Christentums zu sorgen. Machen Sie sich auf spektakuläre Ergebnisse gefasst! Denn was die Wissenschaft heute angesichts der gängigen Vorstellungen über das Christentum zu sagen hat, ist wirklich unglaublich, aber wahr.

I. Zum Teufel mit der Religion – Judentum, Christentum und Islam: Der Monotheismus als Gefahr für die Menschheit?

Gott ist groß! Wo immer dieser Ruf in der Welt in unseren Tagen unerwartet ertönt, gehen die Menschen spontan in Deckung. Der islamistische Terror hat den Ruf der Religion bei vielen Menschen definitiv ruiniert. Religion assoziiert man mit Gewalt, Intoleranz und Unvernunft. Um die vielen friedliebenden Muslime in Schutz zu nehmen, beeilen sich manche Christen zu beteuern, dass auch das Christentum eine Gewaltgeschichte hat. Das macht es aber in Wirklichkeit natürlich nicht besser. Wenn man schließlich hört, dass Hindus in Indien Moscheen anzünden und Buddhisten in Myanmar dabei sind, ein ganzes muslimisches Volk zu vernichten, dann liegt der Gedanke nahe, dass man es um des lieben Friedens willen doch vielleicht mal ganz ohne Religion versuchen sollte. Das hat man im 20. Jahrhundert probiert. Das Ergebnis war erschütternd. Die drei Diktatoren Josef Stalin, Adolf Hitler und Mao Tse-tung haben mit ihren atheistischen Ideologien zusammen etwa 165 Millionen Menschen ums Leben gebracht. Vor zweitausend Jahren wäre das die gesamte Menschheit gewesen. Dennoch, die Religionsskepsis bleibt.

1. Wahrheit und Gewalt – Die Ermordung einer schönen Theorie durch eine hässliche Tatsache

Der Ägyptologe Jan Assmann erregte international großes Aufsehen mit seiner These, der Wahrheitsanspruch der monotheistischen Religionen sei der Kern des Problems. Die Behauptung derjenigen, die nur an einen einzigen Gott glauben, allein im Besitz der Wahrheit zu sein, sei ein Skandal mit schlimmen Folgen. Schon der Philosoph Odo Marquardt hatte ein Lob der Vielgötterei gesungen, denn wer sich von all den vielen Göttern seinen eigenen einfach frei aussuchen könne, schlage den Liebhabern anderer Götter sicher nicht den Schädel ein. Jeder nach seinem Geschmack. Klingt auf den ersten Blick plausibel. Aber leider nur in der Theorie. Frei nach Albert Einstein, der einmal bemerkte, Wissenschaft sei die Ermordung schöner Theorien durch hässliche Tatsachen, muss hier die historische Wissenschaft die Stimme erheben. Und da erfahren wir, dass die Mythen der Völker mit ihren volksspezifischen Götterhimmeln eine tödliche Nebenwirkung hatten: Rechte, vor allem das Recht auf Leben, hatten ausschließlich Angehörige des eigenen Volkes, niemand anderes. Und so war hemmungsloser, grausamer Krieg gegen andere Völker sozusagen der Normalfall, denn Mord und Totschlag waren für diese Leute gar nicht Mord und Totschlag, weil überhaupt nichts gegen das Abschlachten anderer Menschen sprach, wenn sie nicht zum eigenen Volk gehörten.

Die in Stammesgesellschaften übliche Selbstbezeichnung für das eigene Volk ist in der Regel »Mensch«, womit bekundet wird, dass die anderen nicht eigentlich Menschen sind, jedenfalls nicht in vollem Sinne. Für die Welt des Griechen Odysseus sieht der amerikanische Althistoriker Moses Finley noch »kein soziales Bewusstsein, keine Spur von göttlichen Geboten, kein Verantwortungsgefühl, außer dem für die Familie, keine Verpflichtung gegenüber irgend jemand oder irgend etwas, außer gegenüber der eigenen Tapferkeit und dem eigenen Streben nach Sieg und Macht.« Hier gibt es keine Gleichheit für alle, geschweige denn Frieden oder gar Toleranz. Die Stammesreligionen bestanden aus Erzählungen und äußerlichen Riten, in die man sich heimelig einkuscheln konnte und die sagten, wie es in der Welt war, wie es ist und wie es sein wird. Sie beschrieben die Welt, in der man lebte, und gaben Anleitungen, wie man mit ihr umzugehen hatte, wenn man nicht scheitern wollte. Es gehörte zur Lebenstüchtigkeit, diese Stammesreligionen kundig zu bedienen, so wie man heute eine Waschmaschine bedient. Macht man etwas falsch, kann das üble Folgen haben. Also nimmt man sich zusammen, auch wenn das lästig ist. Im Grunde glaubte man auch nicht an diese Stammesreligionen, genauso wenig wie man an eine Waschmaschine glaubt, diese Stammesreligionen gehörten einfach selbstverständlich zum Leben dazu.

Doch plötzlich passierte etwas Ungeheuerliches. Etwa um 1300 vor Christus begannen gewisse Menschen gewisser Völker erst noch unsicher und nebulös, dann aber immer klarer, an einen einzigen Gott zu glauben, der die ganze Welt geschaffen habe, alle Völker, alle Menschen. Das war revolutionär! Die Stammesgötter waren ja nur für den eigenen Stamm zuständig gewesen und nicht selten hatten diese Götter in den blutigen Schlachten ihrer Völker erbittert gegen die aus eigener Sicht schwächlichen Stammesgötter der anderen Völker gekämpft. Und nun plötzlich ein Gott für alle! In Ägypten hatte es wohl angefangen, unter Pharao Amenophis IV. Der Name Amenophis bedeutet: Amun ist zufrieden. Amun aber war neben all den anderen unendlich vielen ägyptischen Göttern der Reichsgott. Doch Amenophis IV. bekannte sich nicht mehr zu Amun, er glaubte nun an den einen einzigartigen Sonnengott, an Aton. Und weil der Pharao keine halben Sachen machte, benannte er sich um in Echnaton, das heißt: »Diener des Aton«. Er erbaute eine neue Reichshauptstadt, Achet-Aton, schuf einen neuen Kunststil, der plötzlich realistische Menschen zeigte, Menschen mit persönlichen Emotionen. Nofretete war seine Ehefrau und noch heute entzückt der Liebreiz dieser Frau das staunende Publikum im Neuen Museum in Berlin. Doch Echnaton blieb nur Episode. Mit Stumpf und Stiel riss man nach seinem Tode alles aus, was an ihn und seinen Glauben erinnerte, und setzte den alten Götterhimmel wieder in sein Recht ein.

Aber wer weiß, ob nicht die Strahlen dieses Sonnengottes bis auf den Sinai reichten, wo wenig später dem Moses von Jahwe die Gesetzestafeln übergeben wurden, auf denen das erste Gebot klar und deutlich lautete: Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben! Und mit der Zeit begriff das Volk Israel genauer, was das bedeutete, nämlich dass ihr Gott Jahwe der Gott aller Menschen war.

Das war der Durchbruch des Monotheismus. Aber das war noch viel mehr: Diesem einen Gott musste man nun plötzlich mit Herz und Verstand glauben oder nicht glauben, ihm musste man bereitwillig gehorchen oder nicht gehorchen, und das war etwas Innerliches, Seelisches, also Psychisches. Und es war etwas Individuelles. Jan Assmann schreibt: Der Mensch »emanzipiert sich aus seinem symbiotischen Weltverhältnis und entwickelt sich in Partnerschaft mit dem außerweltlichen, aber weltzugewandten Einen Gott zum autonomen bzw. theonomen Individuum.« Religion war deswegen nicht mehr bloß die äußerliche rituelle Bestätigung der ewigen Stammesordnung, für deren Aufrechterhaltung jedes Opfer, ja sogar Menschenopfer, nötig waren, um die Bedürfnisse rachsüchtiger Götter zu befriedigen, sondern der bedürfnislose, transzendente eine Gott forderte die individuelle, höchstpersönliche, freie ethische Entscheidung. Er forderte etwas Innerliches. Am Ende der Zeiten würden alle vor dem Gericht dieses Gottes stehen. Von jetzt an war der Mensch allein, allein vor Gott, denn von nun an galt: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Und vor allem konnte dem Menschen so mit der Zeit klar werden, dass er frei war, frei zu entscheiden, und dass er für seine Entscheidungen Ver-Antwortung übernehmen musste, im Sinne einer Antwort vor Gottes Richterstuhl. Der Mensch brach auf diese Weise aus dem geistigen Gefängnis der Stammesreligion aus, das keinerlei Religionsfreiheit kannte, und er musste Toleranz lernen. Denn weil es Gott selbst ist, der nur innerliche Gefolgschaft will, wird alle erzwungene Gefolgschaft sinnlos. Im Monotheismus, zu dem man sich frei bekehren musste, ist damit der Keim dessen angelegt, was man heute als Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen versteht. Natürlich war das alles nicht sofort da, sondern entfaltete sich in einer jahrhundertelangen Entwicklung. Es waren die Propheten Israels und die griechischen Philosophen, die sich längst vom Polytheismus emanzipiert hatten, die diese Entwicklung vorantrieben, weg von äußerlichen Religionsformen – in Israel, wie Jan Assmann sagt, hin zu einer »Kultur des Herzens« und in Griechenland hin zu einer »Kultur des Geistes«.

2. Zum Teufel mit dem Adel – Wie die Weltgesellschaft erfunden wurde

Und nicht nur Freiheit, sondern auch Gleichheit aller Menschen vor diesem einzigen Gott kam durch den Monotheismus in den Blick. Das fünfte Gebot – »Du sollst nicht morden!« – galt nicht nur für die Tötung von Stammesgenossen, sondern es galt im Letzten universal. Erstmals ergibt es Sinn, gegenüber diesem einen Gott von so etwas wie einer Menschheit zu sprechen und einer Weltgeschichte. Erst das Christentum macht das überdeutlich. Nicht nur zu einem erwählten Volk sendet Christus die Christen, sondern zu allen Völkern. Und das erkennt schließlich auch der Jude Petrus: »Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist« (Apg 10,34 f.). Das Christentum optierte für die Gleichberechtigung aller Völker. Weltreligionen, hat der geniale Soziologe Niklas Luhmann festgestellt, »nehmen gleichsam die Weltgesellschaft vorweg«. Deswegen hat man von der altgriechischen Welt sagen können, dass es dort noch nichts gegeben habe, »was einer Verrechtlichung und Humanisierung im Sinne des modernen Völkerrechts nahekommt.« Jesus aber geht noch weiter. Er fordert: »Liebet eure Feinde!« Nicht nur darauf zu verzichten, die Feinde zu töten, sondern sie sogar noch zu lieben, das muss auf damalige Menschen wie eine völlig weltfremde, verrückte Provokation gewirkt haben.

Während es früher immer zunächst um Verwandtschaft, Clan, Stamm und Rasse ging, versammelte das Christentum in der christlichen Kirche Menschen verschiedener Völker völlig gleichberechtigt. Daher gab es für die Christen auch nicht mehr nur ein auserwähltes Volk. Denn das auserwählte Volk, das waren diejenigen, die an Jesus Christus glaubten, und die stammten aus allen Völkern. So zielte das Christentum von vornherein auf die ganze bewohnte Welt oder, in heutiger Sprache, auf Globalität. Bischof Agobard von Lyon (um 769–840), erklärte für das Reich Karls des Großen programmatisch, es gebe »nicht mehr Aquitanier und Langobarden, Burgunder oder Alemannen«, und er begründete das religiös, nicht ohne geradezu sozialrevolutionäre Anklänge: »Weil alle Brüder geworden sind, rufen sie den einen Vater-Gott an: der Knecht und der Herr, der Arme und der Reiche, der Ungelehrte und der Gebildete, der Schwache und der Starke, der niedrige Arbeiter und der erhabene Kaiser«. Um solche Universalität zu realisieren, entstand früh schon ein christliches Trainingsprogramm, demgemäß man das Zusammenleben mit Fremden regelrecht einüben sollte. So sagt der Diognetbrief aus dem 2. Jahrhundert über die Christen: »Jede Fremde ist ihr Vaterland und jedes Vaterland ist ihnen eine Fremde.« Forcierend wirkte das Mönchtum, das sich ausdrücklich als geistliche Verwirklichung der biblischen Forderung Gottes an Abraham verstand: »Zieh weg aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und deinem Vaterhaus.« Der Frankfurter Soziologe Karl O. Hondrich sieht in der christlichen menschheitsumfassenden »Brüderlichkeitsethik eine gewaltige Leistung der prophetischen Erlösungsreligion und einen ungeheuerlichen Affront gegen alle bekannte Moral«, die immer »der eigenen Sippe den Vorrang« gegeben habe. Noch der moderne Nationalismus hat wieder das Volksblut propagiert und daraus seinen nationalen Chauvinismus genährt. Dagegen heißt es im Kolosserbrief, es gebe jetzt nicht mehr »Juden und Griechen, Beschnittene und Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven und Freie«, all diese Schranken seien im christlichen Glauben überwunden, und im Johannesevangelium steht dafür die provokative Begründung: Die Christen seien alle gleichermaßen Kinder Gottes, weil sie »nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Menschen«, sondern »aus Gott geboren« (Joh 1,13) seien. Die für Christen gewohnt klingenden Worte waren damals »eine moralische Revolution«.

Tatsächlich stellt sich das Neue Testament gegen kaum etwas sonst so ablehnend wie gegen die Ansprüche des Blutes, gegen die Herleitung heilsmäßiger Vorrechte aus Abstammung. Als man Jesus meldete, draußen warteten seine Mutter und seine Verwandten auf ihn, reagierte er brüsk: »Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.« Dagegen gehört es sozialgeschichtlich zu den Selbstverständlichkeiten, dass Gesellschaften sich nach der Qualität ihrer Geburtsblütigkeit definieren und entsprechend aufgliedern. Zugrunde liegt die Vorstellung vom Spitzenahn, der göttlich gezeugt ist und an dessen besserem Blut alle Volkszugehörigen durch Abstammung teilhaben, freilich in unterschiedlichen Graden, einmal die ganz reinen Blutsträger, die Adligen, und dann die nur geminderten, die Gemeinen. Demgegenüber zeigt das Christentum geradezu eine antifamiliäre Haltung, denn es trat von Anfang an für Gleichheit ein. In der Apostelgeschichte heißt es: »Die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam.« Für Otto G. Oexle vom Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte sind das die »folgenreichsten Sätze, die jemals geschrieben« worden sind, denn daraus resultiere eine Verpflichtung für das Allgemeinwohl mit sozialem Ausgleich. Der Althistoriker Jochen Martin kommt zu dem Schluss: »Mit dem Sieg des Christentums ging die Familie als Kultureinheit überhaupt unter.« Dem stellt der kanadische Philosoph und Politologe Charles Taylor die indischen Familien gegenüber, wo es schwerfalle, ohne die Familie irgendeine Entscheidung zu treffen.

Das Neue Testament kennt keinen Adel. Doch schon im frühen Mittelalter, beim langsamen Eindringen des Christentums in die germanische Standesgesellschaft, begann die dem Christentum ursprünglich ganz fremde Institution des Adels auch in der Kirche eine besondere Rolle zu spielen. Dagegen erhoben sich immer wieder Freiheitsbewegungen unter dem Motto: »Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?« Nachdem dann Luther mit der Betonung der »Freiheit eines Christenmenschen« wieder die Perspektive auf das ursprünglich egalitäre Christentum eröffnet hatte, vollzog er allerdings nach den für ihn erschreckenden Ereignissen der Bauernkriege eine radikale Kehrtwende: Er unterwarf die protestantischen Kirchen den Landesherren, was allerdings dann später zum Beispiel in Sachsen Widerstand von protestantischen Theologen gegen die Landesherrschaft nicht ausschloss. Damit war jedenfalls de facto der Adel wieder in seine Rechte eingesetzt. Der evangelische Theologe Heinz E. Tödt erklärt dazu: »Der konfessionalistische Protestantismus orientiert sich künftig an Autorität, am Gottesgnadentum des Monarchen, am christlichen zumindest sittlichen Obrigkeitsstaat, also antidemokratisch.« So überdauerten die der christlichen Botschaft ganz fremden Adelsprivilegien sowohl im katholischen wie im protestantischen Bereich auf unterschiedliche Weise bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Übrigens war bei diesem Thema schon im Alten Testament eine fundamentale Veränderung eingetreten. Während die Griechen noch mehrere Urgestalten des Menschengeschlechtes kennen, sehen die Israeliten in Adam den einzigen Urvater der ganzen Menschheit. Die Geschichte von Adam und Eva, nur allzu oft missverstanden im Streit zwischen Naturwissenschaft und Theologie, erweist sich in Wirklichkeit als eine fundamentale Aussage politischer Theologie, dass es nämlich keine bevorrechtigte Abstammung bestimmter Menschen oder Völker gebe, dass vielmehr alle von einem einzigen Elternpaar abstammen würden und deswegen ihrer Herkunft nach gleich seien. Schon das war nicht weniger als ein revolutionärer Umbruch. Als dann im 18. Jahrhundert die biblische Schöpfungsgeschichte in die naturwissenschaftliche Kritik geriet und eine Mehrstämmigkeit der verschiedenen Menschenrassen diskutiert wurde, führte das dazu, dass das universalistische Humanitätsideal in Gefahr geriet und nun die »Negersklaverei« auch rassentheoretisch legitimiert wurde. Noch im nationalsozialistischen Kirchenkampf war die christliche Sicht von der Einheit des Menschengeschlechts den Machthabern ein Dorn im Auge.

Dass die Menschen von Natur aus ungleich seien, diese Grundauffassung brachten die Stammesreligionen auch dadurch zum Ausdruck, dass die Ungleichheit im Diesseits sich auch noch im Jenseits abbildete und damit legitimierte, denn für sie blieb der König auch im Himmel der König und der Sklave auch im Himmel der Sklave. Dagegen schaffte der Monotheismus die Voraussetzung dafür, alle Menschen wirklich als gleich anzusehen, ihnen die gleiche Würde zuzusprechen. Das sieht auch Jan Assmann so.

Noch ein anderer Keim ist im Monotheismus angelegt. In den kosmologischen Religionen der Vorzeit entspricht der Mann gewöhnlich der Sonne und die Frau dem Mond, womit Letztere immer nur ein Abglanz ist und nie Gleichberechtigung erhält. Hingegen spricht ihr der Monotheismus dieselbe Menschenwürde zu. Damit ändert sich zum Beispiel auch die Ehe, die nun mit der Zeit zur partnerschaftlichen Konsens-Ehe wird.

Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde kamen erst durch den Monotheismus auf die Tagesordnung der Weltgeschichte. Auf diesen geistigen Fundamenten ruht der moderne Rechtsstaat, der im Bemühen um Recht und Gerechtigkeit auf die innere Zustimmung der Bürger setzt und damit entscheidend zur Gewaltminderung beiträgt.

Der Monotheismus war innovativ, er war revolutionär, während die Stammesreligionen immer wieder die bestehenden Verhältnisse bestätigten. Nur der Monotheismus konnte das »Magnifikat« hervorbringen, den Lobpreis Mariens: »Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen!« Das christliche Gottesgericht war vor allem Hoffnung für die Unterdrückten, die Schwachen, die Opfer des Lebens, Hoffnung, dass die göttliche Gerechtigkeit sich am Ende durchsetzt.

All das ist zu bedenken, wenn man auch über den Preis des Monotheismus spricht. Jan Assmann hat sicher recht, dass es eine Versuchung ist, wenn Menschen glauben, allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Und es hat bei fanatischen Vertretern der monotheistischen Religionen nicht nur theoretische, sondern auch praktische Intoleranz und Gewaltexzesse gegeben. Aber die entscheidende Frage ist historisch, ob die Alternative, ob eine Welt ohne Monotheismus etwa friedfertiger, humaner gewesen wäre. Und da ist das Ergebnis jüngster wissenschaftlicher Studien eindeutig: Ganz sicher nicht! Selbst Jan Assmann, der seine Ursprungthese im Jahre 2015 revidiert hat, gesteht am Ende ein, dass die monotheistische Wende sich zwar »in einem Unmaß von Gewalt und Blutvergießen manifestiert« hätte, doch auch die vorherigen Stammesreligionen seien voll davon gewesen und viele dieser Gewaltformen seien »von den monotheistischen Religionen im Zuge ihrer transformatorischen Machtentfaltung gebändigt, zivilisiert und geradezu ausgemerzt worden.« Kein Wunder also, dass auch Jan Assmann am Ende resümiert: »Nichts liegt mir jedoch ferner, als dem Monotheismus den Vorwurf zu machen, er habe die Gewalt in die Welt gebracht. Im Gegenteil, der Monotheismus hat mit seinem Tötungsverbot, seiner Abscheu gegen Menschenopfer und Unterdrückung, seinem Plädoyer für die Gleichheit aller Menschen vor dem Einen Gott, alles getan, die Gewalttätigkeit dieser Welt zu verringern.«

3. Theorie und Praxis – Warum der Islam logischerweise am tolerantesten ist

Von den drei monotheistischen Weltreligionen ist der Islam am tolerantesten. Theoretisch. Das hat einen logischen Grund. Jede der drei monotheistischen Religionen verstand sich selbst als endgültig und lehnte darum die jeweils jüngeren Versionen ab, weil diese nur eine Verformung der bereits erreichten Endgültigkeit darstellten. Das hatte zur Folge, dass das Judentum sowohl Christentum wie Islam ablehnte. Das Christentum lehnte den jüngeren Islam ab, musste aber das Judentum, dem es entstammte, teilweise anerkennen. Der Islam nahm sowohl Alt- wie Neutestamentliches auf und musste von daher sowohl Judentum als auch Christentum wenigstens partiell anerkennen. Diese Anerkennung ergab sich schon allein aus der Tatsache, dass man die freie Religionszustimmung wollte und deswegen Alternativen ertragen musste. Weil aber alle drei monotheistischen Religionen den Anspruch auf Alleinwahrheit erhoben und sich obendrein als universal verstanden, war dies nie eine Anerkennung auf Augenhöhe. So erlaubte der Islam Judentum und Christentum die interne Kultausübung und gestand ihnen die bürgerlichen Grundrechte zu, erlegte ihnen aber gleichzeitig bestimmte Beschränkungen auf, vor allem erhöhte Steuerzahlungen. Vergleichbare Regelungen erließ das Christentum für die Juden.

Das Judentum selbst verstand sich als erstmalig und einzigartig und sah daher keinen Anlass, die beiden anderen Religionen als »Erlaubte Religionen« zuzulassen, freilich auch deswegen nicht, weil es – abgesehen vom Sonderfall des sagenumwobenen Chazarenreiches im fernen Osten – nie und nirgends zur dominanten Religion aufstieg und andere zu tolerieren hatte. Denn während der ganzen gemeinsamen Geschichte blieb es eine machtlose Minderheit: unterdrückt, verstoßen, vertrieben und oft noch ermordet – ein zwei Jahrtausende dauerndes »Tränental«, von dem die jüdische Geschichtsschreibung bis heute spricht. Wie aber die jüdische Existenz stets eine geschlagene war, so blieb sie doch lange vor einer Herausforderung bewahrt: der Toleranzgewährung. Nicht weniger absolut als die beiden anderen Monotheismen, musste das Judentum den Rahmen einer »Erlaubten Religion« nie selbst aktiv bestimmen. Der amerikanische Politologe Gary Remer ist sogar der Meinung, hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden, »dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein«. Erst heute steht der Staat Israel vor der Aufgabe der Regelung religiöser Vielfalt.

Anders dann beim Christentum. Sobald es im römischen Reich staatliche Macht errungen hatte, stellte sich die Frage der Toleranz gegenüber dem Judentum. Dabei übernahmen die christlichen Kaiser die schon von ihren heidnischen Vorgängern bekannte Einrichtung der »Erlaubten Religion«, die damals ausschließlich dem Judentum gewährt worden war. Als das westliche Kaisertum endete, übernahm die Kirche den rechtlichen Schutz der Juden. Es war Papst Gregor der Große (um 540–604), der die Grundlage für eine, so der Wiener Judaist Günter Sternberger, »sehr ausgewogene Judenpolitik« schuf, die sich, wie der an der hebräischen Universität in Jerusalem lehrende Michael Toch betont, »auch unter den veränderten Bedingungen späterer Perioden bis in die Neuzeit als äußerst langlebig erweisen sollte«.

Im Islam erlangte die »Erlaubte Religion« ihre breiteste Bedeutung, zumal er sich über große, zumeist von Christen besiedelte Gebiete ausbreitete. Immerhin dürften in Zeiten der ersten Expansion zu Anfang des 8. Jahrhunderts nur 10 Prozent Muslime über 90 Prozent Nichtmuslime geherrscht haben. Erst im 12./13. Jahrhundert kann Nordafrika und im 15./16. Jahrhundert Anatolien als weitgehend islamisiert gelten. Die »Buchreligionen« Judentum und Christentum wurden »beschützt«, freilich unter Einforderung sowohl von Loyalität als auch von besonderen Abgaben, ja noch mit Kenntlichmachung der Kleidung. Dadurch ergab sich eine relative Religions- und Kultfreiheit, jedoch strikt innerhalb der eigenen Kulträume und ohne Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit – immer mussten die Minarette am höchsten bleiben –, aber doch mit Selbstverwaltung und eigener Rechtsprechung, auch mit Garantie von Eigentum und Erwerb.

Dass demgegenüber die Christen auch den Koran-Anhängern in ihrem Herrschaftsbereich den Status der »Erlaubten Religion« eingeräumt hätten, war nicht möglich, weil diese nur als falsche Nachzügler galten. Was die Christen wohl den Juden einräumten, eben das konnten sie aus diesem Grund den Muslimen nicht gewähren. Insofern blieb die christliche Toleranz faktisch beschränkter. Immerhin versuchte man es dennoch bei der christlichen Rückeroberung Spaniens: Im 12. Jahrhundert erhielten die Muslime Valencias das Recht zu ungestörtem Besuch der Moscheen, die Garantie der Wohnstätten und des Besitzes, eigenständige Gerichtsbarkeit und relative Selbstverwaltung, weiter die Zusicherung, nicht-islamische Rechtsentscheide nicht annehmen zu müssen.

Allerdings waren solche Mischzonen im Ganzen selten und wurden auf Dauer beseitigt, und zwar beiderseits. So einerseits bei der Rechristianisierung einer Reihe von Mittelmeer-Inseln und von Teilen Spaniens, andererseits bei der vollständigen Islamisierung Nordafrikas und Anatoliens. Im Islam gab es noch ein besonderes Problem: Im Falle einer christlichen Herrschaft sahen die islamischen Rechtsschulen, wie der britisch-amerikanische Historiker Bernard Lewis feststellt, »die Abwanderung als zumindest empfohlen und in den meisten Fällen als verpflichtend an«. Wer etwa freiwillig unter christlicher Herrschaft verblieb, den traf »die ganze Verachtung der Emigranten sowie der nichtunterworfenen Muslime«, denn die schlimmste muslimische Herrschaft sei eher zu akzeptieren als die beste der Ungläubigen. Vor diesem Hintergrund versteht man erst, dass sich mit der derzeitigen Emigration von Muslimen in nichtmuslimische Länder dem Islam ein zuvor nie gekanntes Problem stellt.

Das System der »Erlaubten Religion« schuf natürlich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, die durch die vielen Benachteiligungen immer einen gewissen Druck auf die Angehörigen der bloß tolerierten Religion ausübte. Und das konnte dann zum merkwürdigen Phänomen einer Doppelreligion führen mit Kryptojuden, Kryptochristen und Kryptomuslimen. Als sich in Spanien im 15. Jahrhundert Zehntausende Juden taufen ließen, entstand vielleicht aus Gewohnheit oder aus Unkenntnis vielerorts eine Doppelpraxis: Man ging am Sabbat in die Synagoge und am Sonntag in die Messe, aß zu Hause koscher und draußen Schweinefleisch. Für getaufte Muslime galt Ähnliches. Kryptochristen gab es zum Beispiel in Albanien, wo die Männer wie Muslime lebten und die Frauen wie Christinnen, in der Familie war man christlich, in der Öffentlichkeit muslimisch, zu Hause hielt man die christlichen Fastengebote und in der Moschee den Ramadan, beim Sterben erhielt man die letzte Ölung und wurde doch muslimisch beerdigt, bei der Steuereintreibung erklärten sich die Haushaltsvorstände als muslimisch – um der höheren Besteuerung als Christen zu entgehen – bei der Rekrutierung zum Militärdienst als christlich – wegen der Dienstbefreiung. Gemeinsam waren und sind bis heute oft die Wallfahrtsstätten und Heiligengräber.

Trotz all dieser Regelungen, die tatsächlich verhinderten, dass die drei monotheistischen Religionen sich angesichts ihres jeweiligen Absolutheitsanspruchs jahrhundertelang in einen Dauerkrieg verwickelten, wird aber klar, dass die Neuzeit wirklich etwas Neues brachte, nämlich gleichberechtigte Religionsfreiheit für alle und überall.

II. Die ersten tausend Jahre – Eine Religion der Liebe begegnet der Gewalt

Toleranz ist eine christliche Erfindung. Während »tolerantia« im klassischen Latein das Ertragen von körperlichen Lasten und Mühen bedeutete, von Unrecht, Folter und Gewalt, niemals aber das Ertragen anderer Meinungen oder Menschen, sorgten die Christen dafür, dass sich die Bedeutung dieses Wortes änderte. Von nun an versteht man darunter den liebevollen Respekt vor anderen Menschen, die Duldsamkeit gegenüber Andersdenkenden. Das hatte mit dem zentralen Doppelgebot des christlichen Glaubens zu tun: