Der Sommer, in dem wir Gatsby gelesen haben - Danielle Ganek - E-Book

Der Sommer, in dem wir Gatsby gelesen haben E-Book

Danielle Ganek

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Beschreibung

Alles, was Cassie und Peck Moritary verbindet, ist ihre Begeisterung für den Roman „Der große Gatsby“ und ein mit Kunst vollgestopftes Sommerhaus auf Long Island. Das Haus hat ihnen ihre Tante Lydia vererbt, und es soll sogar einen Schatz beherbergen, doch worum es sich dabei handeln soll, hatte ihre Tante den beiden nicht verraten.

Inmitten von exzentrischen Künstlern und hoffnungsvollen Literaten versuchen die zwei ungleichen Schwestern nun herauszufinden, was es mit diesem „Schatz“ auf sich hat. Dabei erleben sie einen nicht enden wollenden Sommer mit rauschenden Partys, unverhofften Begegnungen und dem großen Glück...

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Über das Buch

Alles, was Cassie und Peck Moritary verbindet, ist ihre Begeisterung für den Roman »Der große Gatsby« und ein mit Kunst vollgestopftes Sommerhaus auf Long Island. Das Haus hat ihnen ihre Tante Lydia vererbt, und es soll sogar einen Schatz beherbergen, doch worum es sich dabei handeln soll, hatte ihre Tante den beiden nicht verraten.

Inmitten von exzentrischen Künstlern und hoffnungsvollen Literaten versuchen die zwei ungleichen Schwestern nun herauszufinden, was es mit diesem »Schatz« auf sich hat. Dabei erleben sie einen nicht enden wollenden Sommer mit rauschenden Partys, unverhofften Begegnungen und dem großen Glück …

Über Danielle Ganek

Danielle Ganek lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in New York. Sie sammelt moderne Kunst und zeitgenössische Fotografie, doch am liebsten mag sie die Bilder, die ihre Kinder von der Schule mit nach Hause bringen.

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Danielle Ganek

Der Sommer, in dem wir Gatsby gelesen haben

Übersetzt von Ulrich Blumenbach aus dem amerikanischen Englisch

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Epilog

Danksagungen

Anmerkungen des Übersetzers

Impressum

Für Harry,

der Gatsby gerade zum ersten Mal

gelesen hat

1

Sommer 2008

Meiner Erfahrung nach sind Hüte meistens ein Fehler, genau wie erste Ehemänner. Aber die Einladung war unmissverständlich. Eine GATSBY-Party. Weiß erbeten. Und darunter in flehender Schreibschrift: »Damen bitte mit Hut«.

Mir ist bis heute unklar, was Hüte mit Fitzgeralds Roman zu tun haben – im Gatsby werden nur wenige erwähnt – oder was Erwachsene jenseits der zwanzig an einer Mottoparty reizen soll. Und ich weiß auch nicht, ob dieser Teil der Geschichte – dass nämlich Miles Nobles erste Party in dem Haus, dessen Planung und Bau fünf Jahre gedauert hatten, angeblich etwas mit dem Buch zu tun hatte, das er einst meiner Schwester geschenkt hatte – tatsächlich je bestätigt wurde. Aber ich war ja auch eine Ausländerin, wie Peck mir immer wieder unter die Nase rieb, und hatte eh von nichts eine Ahnung.

Wie so viele ihrer Bemerkungen trifft auch diese nicht ganz zu. Peck – kurz für Pecksland, was einem schon einiges über ihre Mutter verrät – ist meine Halbschwester. Wir hatten denselben Vater, aber er starb, als ich drei war und sie sieben; er hatte Pecks Mutter wegen meiner verlassen. Ich bin also genauso Amerikanerin wie meine Schwester und habe den gleichen marineblauen Pass. Bloß habe ich nie in den Staaten gelebt, und ihrer Meinung nach kenne ich absolut niemanden, nicht mal die Sorte Mensch, die jeder unbedingt kennen muss: amerikanische Promis, Modedesigner, Mitglieder der New Yorker Schickeria, Menschen, die in einem ominösen Restaurant namens Waverly Inn immer einen Tisch bekommen und so weiter.

Ich besaß auch keine Hüte, wie Daisy Buchanan sie zumindest in meiner Vorstellung getragen hatte, aber in der Beziehung war Peck wie so oft unerbittlich. Sie bestand nicht nur darauf (soll heißen: bettelte, flehte und drohte, mich aus dem Haus zu werfen), dass ich sie zu Miles Nobles Party begleitete, sondern wollte auch, dass ich mich an die seltsam präzisen Garderobevorschriften hielt. Sie war oft unerbittlich, meist wegen irgendwelcher Kleinigkeiten, aber besonders unerbittlich war sie, was Hüte anging. Da gab es für sie keine Diskussion. Sie hatte Miles seit sieben Jahren nicht gesehen, und für das Wiedersehen brauchte sie Beistand: mich.

Ich war erst seit drei Tagen in Southampton und nicht in Partylaune. Auch nicht, wenn der Gastgeber, wie Peck immer wieder dramatisch betonte, der erste und einzige Mann war, den sie je wirklich geliebt hatte. Das war am vierten Juli, einem Feiertag, den ich immer geheiligt hatte, aber damals im Sommer war ich noch kratzbürstig und zynisch, eine achtundzwanzigjährige, frisch geschiedene Möchtegern-Schriftstellerin, deren künstlerische Ambitionen gerade mal für einen wenig zukunftsträchtigen Job als Übersetzerin bei einer Schweizer Lifestyle-Zeitschrift für Touristen gereicht hatten. Und meine einzige engere Verwandte – abgesehen von meiner Halbschwester, die ich kaum kannte – war erst wenige Monate zuvor verstorben. Tante Lydias Tod hatte mich weit trauriger gemacht, als ich gedacht hätte, zumal ich sie schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich war in katastrophaler Verfassung und konnte mich einfach nicht daran gewöhnen, dass sie nicht mehr da war. Und deswegen lehnte ich Pecks Bitte erst einmal höflich ab.

Die höfliche Ablehnung einer Einladung vertrug sich allerdings nicht mit meiner glamourösen, vergnügungssüchtigen Halbschwester, und da der geplante Monat schwesterlicher Vertrautheit in dem Haus, das wir gemeinsam von Tante Lydia geerbt hatten, eben erst begonnen hatte, ließ ich mich widerwillig zum Mitkommen überreden. Um mich nicht unnötig mit Peck anzulegen, zog ich das einzige Kleid aus meinem Koffer voller Jeans und T-Shirts und wählte einen Hut aus dem seltsamen Sortiment, das Tante Lydia zurückgelassen hatte. Dabei entschied ich mich dummerweise für einen schlaffen, gebrochen weißen Bowler, der am Kopf juckte und mir immerzu ins Gesicht rutschte, während Peck den uralten Kombi unserer Tante ungeschickt die Auffahrt hinablenkte.

»Wir stecken in einer Krise«, verkündete sie, als sie auf die von Sonnenflecken getüpfelte Straße einbog und den Schotter stieben ließ, als säße sie am Lenkrad eines Fluchtwagens. Das ist einer ihrer Standardausdrücke. Peck verkündet gern irgendetwas, für sie ist das Leben eine einzige Abfolge von Krisen. Eine Krise konnte alles Mögliche sein: der geheimnisvolle Safe in Tante Lydias Kabinett, den wir nicht hatten knacken können, aber auch der Typ im nassen, hautengen weißen Slip, den wir am Morgen gemütlich vom Strand nach Hause hatten radeln sehen. Oder die Krise war ich.

Im betrübten Ton eines Duodezfürsten erläuterte Peck: »Die Krise ist, dass du und ich niemals einer Meinung sind.«

Das stimmte. Ich versuchte es ja, ehrlich. Aber schon die Aussage, Peck und ich würden einfach nicht miteinander harmonieren, wäre eine grobe Vereinfachung. Unsere ersten drei Tage waren, sagen wir mal, angespannt gewesen. Das bringen Erbschaften vermutlich so mit sich. Die näheren Umstände waren dabei gar nicht so ungewöhnlich: Eine geliebte alte Tante vermachte ihren Zweitwohnsitz zwei Nichten, die sich zusammenraufen mussten, um den Verkauf abzuwickeln. Nur dass die beiden Nichten eine komplizierte Beziehung hatten: Sie waren Halbschwestern, die, durch einen Ozean getrennt, von zwei Frauen aufgezogen worden waren, welche verschiedener nicht hätten sein können und doch denselben Mann geliebt hatten. Und es ging um ein Haus in den Hamptons. Southampton, genauer gesagt. (Anscheinend gibt es da Nuancen, von denen ich als »Ausländerin« keinen blassen Schimmer habe.) Außerdem reitet Peck ständig darauf herum, dass hier keiner von »den Hamptons« spricht.

Gewisse New Yorker, erfuhr ich, und zu ihrem eigenen Entzücken zählte sich die stilbesessene Peck dazu, ziehen am Wochenende und im Sommer aufs Land. Für sie ist alles »auf dem Land«, was nicht in Manhattan ist, denn dort ist man »in der City«. In der City wohnt man in der Woche. Am Wochenende fährt man aufs Land. Für diese Städter liegen schon Vororte wie Larchmont und Scarsdale auf dem Land, erst recht also Southampton, East Hampton und Westhampton. Das waren die kleinen Unterschiede, die ich zum Entsetzen meiner Schwester nicht kannte.

»In der Tat«, das war auch so ein Lieblingsausdruck von Peck. Eine ansteckende Macke. Peck gab Gas, ging gleich wieder in die Eisen und verfluchte den Fahrer vor uns. »Ich verstehe in der Tat nicht, wie wir verwandt sein können. Du kannst einfach keine Prioritäten setzen.«

Das war ein Thema, auf das sie immer wieder zurückkam. Peck war der festen Überzeugung, wir sollten uns über Lydias Wünsche hinwegsetzen – »schließlich kriegt sie es ja nicht mehr mit« – und das geerbte Haus behalten. Aus dem Hausverkauf Geld herauszuschlagen war für sie, als schaute man einem geschenkten Gaul ins Maul, und das gehörte sich einfach nicht. Ich neigte weit weniger zu festen Überzeugungen, aber in dieser Hinsicht war Lydias Testament unmissverständlich gewesen. Und ich hatte absolut keine Lust, etwas zu behalten, was mich immer nur daran erinnern würde, dass sie alle fort waren: mein Vater, meine Mutter und meine Tante, diese ganze Generation der Moriartys. Nur Pecks Mutter lebte noch, sie wohnte in Palm Springs, »und da gehört sie auch hin«, sagte Peck, die ihre Mutter vergötterte.

Ihrer Meinung nach gab es für mich überhaupt nur eine Lösung: Ich hatte nach New York zu ziehen, denn da lebte schließlich jeder, und das Haus in Southampton behielten wir für gemeinsame Wochenenden und Sommer. Oder ich kehrte in die Schweiz zurück, wo der Hampton Jitney – ein beziehungsreicher Name für einen großen grünen Bus, der die Leute aus Manhattan in die Dörfer der Hamptons und zurück brachte – ihres unmaßgeblichen Wissens nach keine Haltestelle hatte, und überließ das Haus in Southampton einfach ihr. Sie sah nicht ein, warum sie gezwungen sein sollte, es zu verkaufen, bloß weil ich mich so anstellte.

»Lydias Testament ist ziemlich eindeutig«, sagte ich. »Sie hat nicht erwartet, dass wir es behalten. Ich möchte nur ihrem Wunsch entsprechen.« Wenn ich Peck darauf aufmerksam machte, dass sie sich den Unterhalt des Hauses gar nicht leisten konnte, dass wir uns das nicht leisten konnten – auch zusammen konnten wir den Anwälten zufolge nicht mal die Grundsteuer aufbringen, geschweige denn den Unterhalt finanzieren –, seufzte sie theatralisch und wechselte das Thema. »Weißt du, was dein Problem ist?«, fragte sie und legte eine Pause ein, als erwartete sie eine Antwort. »Du hast Angst vor dem Leben.«

Jetzt klang es, als räusperte sie sich. »Warst du schon immer so unterwürfig?«

»Ich nehm’s mal an«, sagte ich.

Sie sah mich länger an, als mir lieb war, schließlich brauste sie gerade mit neunzig Sachen durch eine geschlossene Ortschaft. »Siehst du, genau das meine ich. Du musst mehr aus dir herausgehen. Das Leben ist viel zu kurz für so eine Einstellung.«

Am Vormittag hatte ich die Lage durch die möglicherweise leicht sarkastische Bemerkung verschlimmert, sie wolle Miles Noble ja bloß wiedersehen, weil sie herausgefunden hätte, dass der inzwischen stinkreich geworden war und sich in Bridgehampton dieses Riesenhaus hatte bauen können; ein Haus, dessen Wohnfläche  – »zweitausend Quadratmeter«, »dreitausend Quadratmeter, mindestens« – jedes Mal wuchs, wenn Peck ihrer Begeisterung Ausdruck verlieh.

Meine Darlegungen darüber, dass meine Halbschwester von dieser extravaganten Zurschaustellung von Reichtum stärker gefesselt war als von dem Mann selbst, wäre nicht unbedingt nötig gewesen, das gebe ich zu. Aber seit meiner Ankunft hatte sie sich dermaßen endlos über genau dieses Thema ausgelassen – »Ich kann es in der Tat nicht fassen, dass er so … so erfolgreich ist!« –, dass ich mir den Satz einfach nicht verkneifen konnte. Ich wollte mich bloß davor drücken, ein Kleid anziehen, einen Hut aufsetzen und sie begleiten zu müssen.

Seitdem behandelte sie mich mit noch größerer Ungeduld und schnaubte nur, als ich jetzt die Armlehne umklammerte, weil sie um eine Frau herumkurvte, die mit drei Labradors Gassi ging. »Herrgott noch mal«, murmelte ich, als wir gerade noch um Haaresbreite einem Range Rover ausweichen konnten, der in die Gegenrichtung unterwegs war.

»Nun sei doch nicht so nervös«, sagte Peck in einem Ton, der im Lauf des Tages immer gereizter geworden war. Sie war wohl schon immer von mir genervt gewesen, aber seit meiner Ankunft in Southampton hörte ich aus ihrer Stimme etwas heraus, das ich nur als Enttäuschung deuten konnte. »Ich sollte hier schließlich nervös werden. Immerhin ist es das erste Mal, dass ich Miles Noble wiedersehe, seit er mir schlicht und einfach das Herz brach.«

Ich kurbelte das Fenster runter. Die hereinströmende Luft duftete betörend nach Salz und Jelängerjelieber, außerdem roch ich eine Note, die Ehrgeiz sein mochte. Ich atmete tief ein.

»Pass doch auf, mein Haar«, warnte Peck. Sie hatte fantastische Haare, rotgoldene Kaskaden, die sie gern ihr Gesicht umwallen ließ. »Sonst seh ich ja wie der letzte Schwachkopf aus«, fügte sie mit der Selbstverleugnung aller wahrhaft eitlen Menschen hinzu.

Sie hatte einen Hut von Philip Treacy in die Locken geklemmt – dass es ein Philip Treacy war, wusste ich, weil sie es immerzu wiederholte, als müsste mir der Name etwas sagen – und trug ein elegant dekolletiertes Kleid im Stil der zwanziger Jahre. Es war natürlich weiß und brachte ihre spektakulären Brüste zur Geltung, die sie »die Zwillinge« nannte. »Ich sehe völlig ruiniert aus«, jammerte sie, aber das stimmte natürlich gar nicht. Sie hatte sich gewaltige Mühe gegeben und sah großartig aus; apart, cool und chic zugleich.

»Schau dir meine Nägel an«, rief sie und wedelte mir mit der Hand vor dem Gesicht herum. »Die hab ich mir schon bis aufs Fleisch abgeknabbert, so fertig bin ich mit den Nerven. Und das Kleid ist natürlich völlig falsch. Alles ist falsch.«

Peck bezeichnete sich als Fashionina. »Der Begriff ist von mir«, erklärte sie jedem, ob er es nun hören wollte oder nicht. »Leute wie ich werden immer Fashionistas genannt. Aber die Fashionina ist ein ganz anderes Geschöpf.« Laut Peck ist eine Fashionina eleganter als eine Fashionista; eine Fashionina hat Geschmack und Stil, während sich für eine Fashionista alles nur um Trends dreht. Peck beschreibt ihren Modesinn als »Rock ’n’ Roll Tante Mame«. Sie nahm derlei Dinge ernst, wie es sich für eine Modediva gehörte, und im Lauf der Jahre war ihr Stil zu ausgewachsenem Glamour mit einem Flair der eleganten Dreißiger herangereift. Es zeuge von schlechten Umgangsformen, sagte sie, wenn man sich keine Mühe gebe.

Über mein Kleid – aus langer weißer Baumwolle – hatte sie nur die Nase gerümpft: »Hippie-Chic.« Und dann: »Du solltest wirklich etwas mit deinen Haaren machen«, weil ich gerade aus der Dusche kam und sie mir nass auf den Rücken hingen. Ich war sicher, dass in Wirklichkeit ich »völlig ruiniert« aussah. Ich fühlte mich abgespannt und erschöpft, und auch meine Nägel waren abgeknabbert. »Obwohl  … vielleicht lieber nicht.« Sie hatte es sich anders überlegt. »Ich bin bloß eifersüchtig. Ich war schon immer wahnsinnig eifersüchtig auf dich. Ich wünschte, ich könnte hier ohne Make-up in einem alten Nachthemd, die Haare klitschnass und strähnig, reingerauscht kommen und so aussehen.«

Sie sagte das nur so dahin, meinte es aber nicht so. Oder nur halbherzig. Vielleicht nahm sie es mir immer noch ein bisschen übel, dass unser Vater ihre Mutter (und sie) wegen meiner Mutter (und ein paar Monate später mir) verlassen hatte. Aber unser Dad war seit fünfundzwanzig Jahren tot, und eigentlich war sie nicht die Spur eifersüchtig auf mich. Sie hatte in den letzten paar Tagen oft genug betont, dass es für niemanden einen Grund geben konnte, auf mich eifersüchtig zu sein. Ich hatte einen langweiligen Job in einem langweiligen Land, das nicht New York war. (Die Schweiz wird von ihresgleichen oft mit Schweden verwechselt.) Peck dagegen war Schauspielerin. (Sie gehörte zu diesen Theatermenschen, die einem von ihrem Metier erzählen und niemals den Glauben an sich verlieren.) Und sie wohnte in Manhattan, »der großartigsten Stadt der Welt«, wie sie es meistens nannte. (Genau, sie war eine von diesen New Yorkern.)

»Vielleicht solltest du nicht zu viel in diese Party hineinlesen«, riet ich ihr, als wir an dem Feld vorbeikamen, auf dem Tante Lydia und ich bei meinem ersten Besuch in Southampton Erdbeeren gepflückt hatten, wie mir jetzt wieder einfiel. Ich wollte mich mit Peck gutstellen, aber das bekam sie wie so viele meiner Kommunikationsversuche in den falschen Hals. Sie hatte Miles Nobles Einladung als Vorladung verstanden, als Ruf des Schicksals aus ihrer Vergangenheit. Ich pflegte Menschen und ihren Absichten gegenüber mehr auf der Hut zu sein. Viel zu sehr auf der Hut, fand sie.

»Vielleicht ist es einfach nur irgendein Motto«, fuhr ich fort. »Du weißt schon, weiße Kleider, grüner Rasen, Champagnerschalen, und alles will dir nun bedeutsam, elementar und tiefgründig erscheinen.« Ich zitierte aus dem Roman; eine schlechte Angewohnheit, wenn ich nervös war, aber anscheinend merkte sie es gar nicht. »Gatsby ist so ein Buch.«

Sie blaffte mich bloß an: »Erzähl du mir nicht, was das für ein Buch ist. Du kanntest Der große Gatsby doch gar nicht, bevor ich ihn dir gegeben hab.«

Das stimmte. Im Sommer, in dem ich zum ersten Mal Gatsby las, war ich einundzwanzig. Das war 2001, mein dritter Sommer im Haus von Tante Lydia, zusammen mit meiner älteren Halbschwester, die mich einschüchterte. Im Alter von einundzwanzig auf die Geschichte von James Gatz und seiner Liebe zu der flatterhaften Daisy zu stoßen ist reichlich spät, aber ich hatte eine unstete Kindheit in Europa, und dieser klassische amerikanische Roman hatte an keiner der Schulen, die meine Mutter für mich gefunden hatte, auf dem Lehrplan gestanden.

Viele amerikanische Klassiker wären mir entgangen, wenn Tante Lydia nicht gewesen wäre, die an der Sankt-Irgendwas-Academy, einer reinen Jungenschule in Manhattan, Englisch unterrichtete. Lydia war die Erste, die mich zum Schreiben angehalten hatte. »Je früher du anfängst«, hatte sie mir geraten, »desto eher hast du den ersten Roman in der Tasche.« Ich war neun Jahre alt und verbrachte meinen ersten Sommer bei ihr in Southampton. Von da an schickte sie mir jedes Jahr die Leseliste, die sie vor den Sommerferien in ihrer Klasse austeilte, und ein Bücherpaket. Manchmal kam sie auch zu Besuch und brachte die Bücher und die Liste persönlich vorbei. Immer mehr ordnete ich die Sommer den Büchern zu, die sie mir schenkte. Da gab es den Sommer mit Nancy Drew, den Sommer mit dem Fänger im Roggen, den Sommer mit Edith Wharton und den Sommer mit Catch 22.

Der Sommer 2001 wurde der Sommer mit Gatsby. Meine Tante dachte, ich hätte den Roman längst gelesen, und da sie ihn mit ihrer Klasse im Schuljahr besprach, tauchte er nicht auf ihren Sommerleselisten auf. Peck gab mir dann das Buch. In jenem Sommer machte sie mich nicht nur mit F. Scott Fitzgerald bekannt: Ich lernte auch den Garderobendrink kennen, die Topspin-Vorhand, Stringtangas, Kiffen und Woody Allen. Ich begegnete Woody Allen in Form von Der Stadtneurotiker und Manhattan, nicht dem wahrhaftigen Mr. Allen, aber starken Einfluss hatte auch das.

Peck war damals schon fünfundzwanzig, hatte eine füllige Statur und eine Stimme, mit der man Aale räuchern konnte, und sie erholte sich gerade auf ihre theatralische und obsessive Art vom »Dénouement der großartigsten Liebesgeschichte aller Zeiten«, wie sie es ausdrückte. Ihre Erholung ging mit Kettenrauchen und dem Verschlingen von Cupcakes einher, und außerdem tat sie so, als lese sie schmachtend Der große Gatsby, den Miles Noble ihr beim ersten Rendezvous geschenkt hatte. »Ich bin völlig besessen«, sagte sie und wedelte mit dem Taschenbuch herum. »Ich bin ganz verrückt nach dem Buch. Weißt du, ein literarischer Fetisch ist jetzt absolut im Trend.«

Miles hatte ihr erzählt, er kenne jedes Wort, das Fitzgerald je geschrieben hatte. »Wie in dem Song von Bob Dylan«, sagte ich, als sie wieder einmal erzählte, wie sie sich kennen gelernt hatten, und erneut auf dieses Detail zu sprechen kam. Sie verstand die Anspielung nicht und murmelte nur gereizt: »Bob Dylan? Der interessiert mich ungefähr so sehr, wie wenn in China ein Reissack umfällt.«

In jenem Sommer 2001 empfing sie mich mit den Worten »Ich hasse dich«, klang dabei aber geradezu fröhlich, was mich verwirrte, eine blasse und anfällige Studentin, die noch um ihre eben verstorbene Mutter trauerte und von der zufällig waltenden Ironie des Schicksals überwältigt war. Peck war gerade an der New York University fertig – sie hatte keinen Abschluss gemacht, sondern war einfach fertig – und plante ihren Weg zum Ruhm, und mit einem Finger als Lesezeichen im Buch sah sie mich neugierig an. »Nur ein Scherz«, sagte sie nach ein paar Sekunden. »Bloß, weil du so monstermäßig dünn bist. Und du siehst Daddy total ähnlich.«

Daddy? Der war damals seit achtzehn Jahren tot. Aber ich ähnelte ihm tatsächlich, jedenfalls nach den wenigen Fotos zu urteilen, die ich von ihm besaß. Ich hatte seine dunklen welligen Haare, die braunen Augen und brachte etwas Knochiges mit, während Peck nach ihrer Mutter kam: Sie hatte die zu Sonnenbränden neigende Haut einer Irin und weit auseinanderstehende blaue Augen.

Miles Noble sah aus wie Jim Morrison, behauptete Peck. Er war geistreich, sexy und der witzigste Mann, den sie je getroffen hatte. Sein Name wurde nach und nach zur Chiffre für den Traumprinzen, zum Insiderwitz zweier Halbschwestern, die von einem Ozean getrennt aufgewachsen waren, aber er bedeutete nichts Konkretes. Als sich Jean-Paul, mein heutiger Exmann, den meine Freundinnen nur »den scheußlichen Jean-Paul« nannten – als wäre das sein voller Name: Der-scheußliche-Jean-Paul –, tatsächlich als genau das entpuppte: nämlich scheußlich, meinte Peck: »Der war ja auch nie dein Miles Noble, oder?«

Die Männer verliebten sich dauernd in Peck, oder jedenfalls behauptete sie das. Sie hatte auch wirklich etwas Apartes, das noch in den unscheinbarsten Kreaturen Leidenschaft entfachte. Aber unweigerlich fanden sich irgendwann diverse Gründe, warum Peck enttäuscht war. Beispielsweise eine Liebe zu Katzen. Oder Salat zum Abendessen. Oder die falschen Schuhe. »Slipper mit Quasten«, flüsterte sie ins Telefon, als dürfe man eine solche Scheußlichkeit gar nicht laut aussprechen. Das erklärte alles. Hinterher hieß es dann immer: »Na, der war auch kein Miles Noble.«

»Wenn du wirklich Schriftstellerin werden willst, solltest du mehr Verständnis für dieses Buch aufbringen«, nörgelte sie jetzt und trat vor einer roten Ampel voll auf die Bremse. Wir waren auf der Route 27 unterwegs, dem verstopften Highway, der über ganz Long Island bis nach Montauk führt, und fuhren von Southampton nach Bridgehampton. »Gerade du solltest das doch am besten wissen. Wenn ein Buch eine solche Bedeutung für einen hatte, dann schickt man nach sieben Jahren Funkstille nicht einfach so die Einladung zu einer Mottoparty, sondern dann bedeutet das etwas.«

»Stimmt«, gab ich zu. »Fragt sich bloß, was.«

»Meiner Meinung nach bedeutet es, dass er zur Besinnung gekommen ist und mich zurückhaben will. Aber dafür ist es zu spät. Und weißt du was? Du hattest Recht.«

Das überraschte mich. Es passte nicht zu Peck, mir Recht zu geben.

»Heute Morgen«, sagte sie mit erhobenem Zeigefinger. »Als du unterstellt hast, ich wollte ja bloß das Haus sehen. Das stimmt. Ich will meine Neugier befriedigen.« Sie nickte, als bräuchte sie eine Bestätigung. »Nie wieder möchte ich so etwas durchmachen. So eine Liebe. Das wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht. Das wünsche ich nicht mal dir.

Es ist eine Krankheit. Diese Besessenheit, dieses alles verzehrende, intensive Gefühl, wenn man nicht mehr essen und nicht mehr schlafen kann. Und meine Güte, weißt du noch, wie ich mich in dem Sommer nach der Trennung aufgeführt habe? Den ganzen Sommer hab ich Trübsal geblasen und immer wieder Gatsby gelesen, als stünden da die Lösungen aller Rätsel des Lebens drin.«

Ja, das wusste ich noch. Es war ziemlich beeindruckend gewesen, diese tragische Darbietung von Trauer und Selbstmitleid, die ich mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Belustigung verfolgt hatte. Ich hatte immer geglaubt, derart intensive Gefühle gäbe es nur in Romanen, Filmen und Songs, und hielt sie daher für völlig unwirklich. Ich hätte nie gedacht, dass Menschen wirklich so stark füreinander empfinden können, daher kam mir die dramatische Entfaltung meiner Halbschwester völlig übertrieben vor.

»Was glaubst du denn, was er dann will?«, fragte ich, als ein atemberaubender Sonnenuntergang das weite Firmament rosarot einfärbte, das berühmte »Malerlicht«, das Lydia so bewundernd heraufbeschwören konnte, und wir bogen vom Highway in Richtung der ehemaligen Kartoffelfelder ab, die über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg in Miles Nobles Vorstellung von einem Landgut verwandelt worden waren.

»Er will das, was jeder will, der sich ein Haus gebaut hat«, sagte sie. »Er will es voll haben.« Wir schlossen uns einer langen Autokolonne an, die sich die Auffahrt hinaufschlängelte.

»Er hat in Hongkong und Dubai gelebt«, artikulierte sie sorgfältig. »Ein Mann weltumspannender Geheimnisse, nach allem, was man so hört. Und jetzt will er sich revanchieren. Ein Apartment in New York hat er auch, hab ich mir sagen lassen. Ein Penthouse, das noch auf den Innenarchitekten wartet. Jetzt fehlt ihm nur noch eine Frau.«

Ich hatte Pecks Gabe immer bewundert, mit solcher Autorität über die verborgenen Wünsche anderer Menschen sprechen zu können. Sie fällte ihre Urteile, als wäre sie einer göttlichen Weisheit teilhaftig geworden, die ihr mitteilte, sie hätte Recht, auch wenn der Augenschein oder die Logik dagegen sprachen.

Im Takt zu »Eyes of the World« von der Grateful-Dead-CD, die ich mitgebracht hatte, trommelte sie mit den Fingern aufs Lenkrad. »Ich bin gespannt, wie er heute aussieht.«

Seit nur einem Sommer wohnte Miles Noble in etwas, das sich mit Fitzgeralds Worten nur als absurde Verfehlung von einem Haus beschreiben ließ. Es war das größte Privathaus, das ich je gesehen hatte. Und das hässlichste. Es hatte kleine Fenster an den verrücktesten Stellen, einen riesigen gewölbten Eingang und zwei türmchenähnliche Gebilde, an jedem Ende eines, wodurch das Ganze an eine verrückte Burg erinnerte, die aber irgendwie misslungen war. Während wir in der Kolonne die Auffahrt entlang zum Parkservice vorrückten, starrten wir fassungslos an dem Haus vor uns empor. An der Fassade waren in viel zu viel Mulch rosa- und purpurrote Hortensien gepflanzt worden, leuchtend rote Pflanzen, für die man eine ganze Gärtnerei geplündert haben musste. Wie ein unbeholfenes, pubertierendes Mädchen, dem seine neugewonnene Größe und mangelnde Schönheit peinlich ist, erhob sich das Haus ungelenk aus seinen landschaftlich gestalteten Rasenflächen.

»Ist das nicht fantastisch?«, fragte Peck mit erstickter Stimme.

Ich warf ihr einen Blick zu. Das musste sie sarkastisch meinen. Ich wollte gerade sagen, das sei wirklich das hässlichste Haus aller Zeiten, als ich merkte, dass der Anblick des Hauses sie auf andere Art fassungslos machte. In ihren Augen lag Ehrfurcht.

»Ganz schön groß«, meinte ich.

Sie nickte. »Mindestens viertausend Quadratmeter. Hallenbad und Swimmingpool. Die Gärten sind einem Park in Irland nachempfunden.«

Wir stiegen aus dem Wagen, und ein Mann vom Parkservice gab Peck einen Parkschein. Dann wurden wir von fünf oder sechs sehr attraktiven Frauen in engen schwarzen Kleidern an einer langen Tafel erwartet. Peck ergriff mich aufgeregt am Arm und konstatierte majestätisch: »Pecksland Moriarty. Und Begleitung.«

Wir reihten uns hinter anderen weißgekleideten Neuankömmlingen ein und gingen einen von Sturmlaternen gesäumten Pfad entlang, der hinters Haus führte. »Ich fass es nicht, dass Miles hier wohnen soll«, flüsterte Peck mir zu und hielt mich immer noch am Arm. »Das ist doch wie im Film, oder?«

»Shining?«, flüsterte ich zurück, aber sie war zu aufgeregt, um eine bissige Bemerkung zu erkennen.

»Alle Welt ist da«, sagte sie, als wir um die Ecke bogen und uns auf einer riesigen Terrasse fanden, auf der schon großer Andrang herrschte. Alle Welt trug pflichtschuldigst Weiß. Und Hut. Manche Leute waren von piekfeiner Eleganz. Andere wirkten nüchtern und gelangweilt. An ihnen sahen die weißen Kleider und Smokings billig aus. Aber eins musste ich ihnen lassen: Die meisten waren außerordentlich attraktive Menschen. Das sind also die Hamptons, dachte ich und ließ mich von meiner Schwester ins Festgetümmel hineinziehen.

»Schau dir das an«, sagte ich und zeigte auf die Lichter, die am Boden des Swimmingpools drei Buchstaben bildeten. »Was steht da? MAN?«

»Das sind seine Initialen«, stieß Peck aus. »Miles Adam Noble. Wie cool.«

»Wie existenziell«, bemerkte ich, und wir gingen auf eine der vielen kleinen, erleuchteten Bars zu, die auf dem Rasen errichtet worden waren. Alles erstrahlte im Licht, vom Monogramm im Pool, das jetzt die Farbe wechselte, über die Bäume, in denen Lampions hingen, bis hin zu den kerzenbesetzten Tischen. Selbst die Fahnenstange am hinteren Rasenrand war von mindestens vier oder fünf Lichtern umgeben, die von unten das in der Brise flatternde Sternenbanner anstrahlten.

Während wir darauf warteten, dass ein Paar in aufeinander abgestimmten weißen Smokings und Filzhüten eine Auswahl aus dem großen Cocktail-Angebot traf, klopfte Peck eine American Spirit aus dem Päckchen in der kleinen weißen Box, die ihr als Handtasche diente. Sie rauchte mit der Grandezza, mit der elegante Frauen früher rauchten, den rechten Ellbogen in die linke Hand gestützt und die langen Finger der rechten Hand ans Gesicht geschmiegt. Sie nahm einen tiefen Zug und ließ die rechte Hand mit der Zigarette dann in einer großen Geste sinken.

Das gemischte Doppel im Smoking wandte sich ab und wedelte mit den Händen vor den Gesichtern herum, fächelte ostentativ den Rauch fort. »Wie unkultiviert«, stieß Peck hervor, als sich die beiden rasch von uns entfernten, und blies ihnen noch eine Rauchwolke in die Nacken.

Sie bestellte zwei Dirty Martinis, und als ich sie unterbrechen und den einen zu einer Cola machen wollte, rief sie: »Komm schon, das Leben ist zu kurz, um was Schlechtes zu trinken!« Peck wandte sich wieder an den Barkeeper, einen gut aussehenden älteren Mann, Typ Charakterdarsteller mit Smoking und weißer Fliege, und stellte klar: »Für sie einen Doppelten.«

Der Barmann sah sie ausdruckslos an und schenkte den Wodka ein. Kleine Schilder an der Bar wiesen darauf hin, dass die Bar von dieser Marke »gesponsert« war.

»Sie ist divorcé«, glaubte Peck erklären zu müssen. Sie sprach das Wort französisch aus, mit rollendem r und Betonung auf der letzten Silbe – de-vorr-SAY.

Er reichte jeder von uns einen Martini mit drei Riesenoliven am Spießchen und zwinkerte mir zu, als Peck klirrend mit mir anstieß. »Groß und steif«, verkündete sie so laut, dass weder der Barmann noch ein Umstehender sie überhören konnte. »So mag ich sie am liebsten.«

Sie stellte mich aller Welt vor und umfasste mich an der Hüfte, während sie mit mir angab. Sie schwirrte von einem Grüppchen zum anderen und erzählte hier ein bisschen Klatsch und Tratsch über die einen und hörte sich dort spitze Bemerkungen über die anderen an. Alle waren auf Anhieb freundlich zu mir und bezogen mich in den Smalltalk ein, der ihnen so mühelos über die Lippen ging. Manche Gäste zerrissen sich die Mäuler über die opulente Party, fielen aber gleichzeitig über die Kaviardosen auf Eis her, die aufgehäuften Kumamoto-Austern und die zu Skulpturen angeordneten Shrimps am Spieß, stellten sich beim Nobu-Küchenchef an, der Sushi zubereitete, und dem Chinesen mit dem hohen Kochhut, der Pekingente in Pfannkuchen wickelte. Es gab winzig kleine Cheeseburger, aus denen Saft und Ketchup auf weiße Seide tropfte, und kleine Späne Toro, den fettigen Teil vom Thunfischbauch, der so frisch schmeckte, als wäre er am Nachmittag erst aus dem Meer gezogen worden. Es gab Gänseleberpastete auf Toast und Räucherlachs mit Crème fraîche, und an einem Tisch mit hunderten von Avocados stand ein Mann im weißen Anzug und mit Sombrero und bereitete auf Wunsch Guacamole zu.

Peck war die Ruhe selbst, obwohl sie behauptet hatte, wegen des Wiedersehens mit Miles Noble nervös zu sein, und sie zog bewundernde Blicke besonders der männlichen Gäste auf sich, die es nicht lassen konnten, voller Verehrung ihre spektakulären Brüste anzustarren.

»Das ist meine Halbschwester«, sagte sie stolz, als wäre eine solche halbe Schwester etwas so Besonderes, dass nur sie das Glück gehabt hatte, eine abzubekommen. »Das ist Stella Blue.«

Streng genommen stimmte das. Meine Eltern hatten mich nach dem Song von den Grateful Dead so getauft. (Was einiges über meine Mutter verrät.) Stella Blue Cassandra Olivia Moriarty. Geht einem doch leicht über die Lippen, nicht wahr? Die Dead hatten in der Nacht meiner Geburt »Stella Blue« gespielt, so jedenfalls hatte meine Mutter es mir erzählt, die Königin der unzuverlässigen Erzähler. Ihre Geschichten waren immer unterhaltsam und immer ausgeschmückt. Nur wahr waren sie nicht immer.

Die Cassandra Olivia hatten sie angehängt, weil ich später mal die Wahl haben sollte. Mit vier Jahren hatte ich meine Wahl getroffen und alle gebeten, mich Cassie zu nennen. Nur Peck konnte einfach nie der Gelegenheit widerstehen, mich an meine Hippiewurzeln zu erinnern. Für sie war ich Stella Blue. Oder nur Stella. Oft sprach sie den Namen mit dem vollen Marlon-Brando-Pathos aus: STELLAAAH! Besonders wenn sie mich aus Übersee anrief.

Nicht nur sie weigerte sich, mich Cassie zu nennen. Der-scheußliche-Jean-Paul hielt es genauso. Er hatte sich meist für Cassandra und manchmal für Cassandra Olivia entschieden, denn Der-scheußliche-Jean-Paul war Schweizer und glaubte nicht an Spitznamen oder Namen, die Deadhead-Mütter aus Songs bezogen.

Ich wurde ein Deadhead, als meine Mutter mich zu einem Konzert in Deutschland mitnahm. Da war ich zehn. Ein paar Jahre danach entdeckte ich eine Website mit den Setlists jedes einzelnen Konzerts, das die Dead je gegeben hatten. Die Konzerte waren nach Jahren geordnet, und am Tag meiner Geburt waren sie in Hartford, Connecticut, aufgetreten. Sie hatten »Peggy-O.« gespielt. Und »Althea«. Beides Namen, auf die man ein Mädchen taufen konnte, fand ich. Nur »Stella Blue« war an dem Abend nicht gespielt worden.

Als ich meine Mutter auf die Unstimmigkeit in ihrer Geschichte hinwies, sagte sie: »Wir begegnen den fiktionalen Erzählungen, die zu unseren Erinnerungen werden, mit schöpferischer Freiheit. Zu einer Anthologie zusammengestellt, bilden diese Erzählungen deine Lebensgeschichte.« Genau. So verquast drückte sie sich aus, mit grotesken Weiterentwicklungen einer der vielen Lebensphilosophien, die sie sich auf ihrer spirituellen Reise zusammengeschustert hatte und die mir keine Hilfe waren, wenn mich die Widersprüche ihrer Erzählungen ärgerten. Aber wenn ich meine Abneigung gegen meinen Namen in Worte fasste, antwortete meine Mutter immer nur: »Es hätte schlimmer kommen können. Sie hätten ›Bertha‹ spielen können.«

Peck und ich wurden von der Menge aufgesogen und begrüßten einen endlosen Strom immer derselben eifrig bemühten Männer und geselligen Frauen. Man küsste sich, quiekste ein bisschen, schüttelte Hände, und schon schwemmte uns die Dünung ihrer Bekanntschaften weiter. Wir waren bei unserem zweiten Martini angelangt und hatten Miles Noble noch immer nicht zu Gesicht bekommen, als Peck für eine kleine Zuhörerrunde mit der Geschichte ihrer Bekanntschaft loslegte. Im Rückblick war dies der Augenblick, der mich irgendwie wachrüttelte und den Wunsch in mir entfachte, mir eine andere Geschichte zu schreiben.

»Als ich Miles Noble erstmals erblickte«, hob sie an, »stand ich kurz vor einem Kuss.« Ich hatte schon immer gewusst, dass Peck sich aufs Geschichtenerzählen verstand, aber als sie uns jetzt mit ihren Worten umgarnte, merkte ich, dass ich mir von ihrem Talent noch eine Scheibe abschneiden konnte. Sie stockte einen Sekundenbruchteil und landete dann die Pointe: »Dem Kuss eines anderen.« Wieder eine kurze Pause. »Und ich wusste es. Ich wusste auf Anhieb Bescheid. Es war ein coup de foudre.« Das sprach sie mit dickem französischem Akzent aus, und die Worte kamen mit geübter und vollkommener Aussprache, als hätte sie diesen Text schon tausendmal gesprochen und beherrschte Timing, Aussprache und Pose in- und auswendig.

»Er trug ein gestärktes weißes Hemd und war Jim Morrison wie aus dem Gesicht geschnitten. Er hatte dichtes, welliges Haar, das man sofort durchwuscheln wollte. Und er hatte eine athletische Statur und dunkle Haut, die im Sonnenschein einen Bronzeton bekam. Mein Gott, sah er gut aus. Aber es war mehr als das. Er hatte dieses gewisse Etwas, Charisma oder so, das einen einfach in den Bann schlug. Und als ich mit Küssen fertig war – ein Erstsemester, dessen unwichtigen Namen ich mir nie merken konnte  –, sah ich, dass er auf mich wartete. Das war auf so einer Fete mit Fassbier und zu vielen Dichtern und Schauspielern, die dringend mal zum Friseur mussten. Ich fragte ›Kennen wir uns?‹, und er versetzte, ›ich habe dich mein Leben lang gekannt‹.«

An diesem Punkt der Geschichte lachte sie kurz und geziert auf und zündete sich eine Zigarette an.

Während sie langsam und gedehnt eine Rauchwolke ausstieß, suchte ich die Menge nach Finn Killian ab. Peck hatte erwähnt, der Architekt und Freund von Lydia, der in dem Sommer, als ich einundzwanzig gewesen war, im Atelier über der Garage gewohnt hatte, könne ebenfalls auf der Party auftauchen. Wir wollten ihn fragen, ob er wüsste, wie man den verschlossenen Safe in Lydias Kabinett öffnete. Seit dem Sommer nach dem Tod meiner Mutter, als ich mich durch einen Trauernebel bewegte, hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Ich konnte mich kaum an ihn erinnern. Er schien auf Distanz zu bleiben, tauchte aber an den Wochenenden auf und versuchte dann ärgerlicherweise, mich in Gespräche zu verwickeln, wenn ich gerade Hunter S. Thompson spielte und mir das Schreiben beibrachte, indem ich Gatsby abtippte. (Irgendwo hatte ich gelesen, Thompson hätte das Schreiben gelernt, indem er immer wieder Gatsby abgeschrieben hätte, und das musste ich unbedingt auch ausprobieren, schon weil es eine so kinderleichte Methode zu sein schien, Schriftsteller zu werden.)

Ich hatte Finn in jenem Sommer nicht gemocht. Ich wusste noch, dass er viel älter als Peck und ich zu sein schien. Er hatte einen Bart und kannte sich mit Wein aus. Seine Persönlichkeit lernte ich erst später kennen, in Lydias Briefen, die sie mit der unverkennbaren Handschrift einer katholischen Schülerin auf steifem weißem Briefpapier mit roten Rändern schrieb und in Umschlägen mit rotem Innenfutter verschickte. Sie schrieb, der Architekt Finn, mit dem sie eng befreundet war, sei sarkastisch. Eine Eigenschaft, die allgemein unterschätzt werde, schrieb sie.

Er war groß; so viel wusste ich noch. Er spielte Gitarre, wusste mehr über Grateful Dead als ich und schien sich ständig über einen raffinierten Cabernet oder einen mürben Sancerre auszulassen. Er nannte mich »Kid«, was ich eher unangemessen fand. Und er hatte einen Bart. Sagt das nicht alles? Wie kamen Männer bloß auf die Schnapsidee, Frauen könnten dieses komische Schamhaar-Gewölle in ihren Gesichtern mögen? Habe ich schon erwähnt, dass sich mein Exmann Jean-Paul im letzten Jahr unserer unglückseligen Ehe einen Bart stehen ließ? Später reimte ich mir zusammen, dass seine Affäre mit der drallen Geschäftsstellenleiterin genau in diese Zeit datierte. Er behauptete, ihm gefiele es, wie sein Bartwuchs sein Kinn hervorhebe.

Während ich die Menge nach einem hochgewachsenen Mann mit Bart absuchte, wurde mir klar, dass ich eigentlich nicht mehr wusste, wie Finn Killian eigentlich aussah. Egal, sagte ich mir, wenn ich ihn sähe, würde ich ihn schon erkennen.

»Hör zu«, mahnte Peck mich und nahm den Faden ihrer Geschichte wieder auf, wobei sie erneut Rauch ausstieß. »Der Raum versank um uns. Und die ernsthaften Studenten, die all ihr Potenzial noch gar nicht entdeckt hatten. Und wir redeten die ganze Nacht. Ich weiß gar nicht mehr, worüber wir uns unterhielten, aber die ganze Zeit sahen wir uns unverwandt an, und bei Sonnenaufgang gingen wir durch die Straßen, den ganzen Weg zum Hudson River und dann nach Norden. Eine Brise umfächelte uns, und die Luft schmeckte nach dem Salz des Meeres.«

Sie unterbrach ihre Erzählung. »Ist er das?«, rief sie aus.

Erst dachte ich, sie wollte damit nur zum Ausdruck bringen, wie sie sich an jenem Abend gefühlt hatte, als sie mit einem attraktiven älteren Mann durch die West Side spaziert war, der im Vergleich zu den Studenten, mit denen sie sonst abhing, schon etwas vorzuweisen hatte. Aber Peck packte mich am Arm und zeigte mit der Zigarette auf einen Menschen, der auf einem Balkon über uns erschienen war.

Wenn Jim Morrison nicht so jung gestorben wäre, hätte er später sicher nicht mehr wie Jim Morrison ausgesehen. Aber Miles Noble war schlichtweg hässlich. Das klingt fieser, als ich es meine, aber anders kann man es nicht sagen. Er sah einfach wie ein Frosch aus. Alles an ihm – leider bis auf seine Haare – war dicker als auf dem Foto, das Peck mir am Vormittag viermal gezeigt hatte.

Er stand auf dem Balkon und ließ den Blick über die luxuriöse und immer lautere Party schweifen, die sich auf der Gartenterrasse und dem Rasen ausbreitete. Er trug eine weiße Nehru-Jacke, wie sie für den Chefkoch eines angesagten asiatischen Restaurants entworfen worden sein mochte. Galt so etwas als cool? Oder war er ein Modefreak? Ich konnte mir kein Urteil anmaßen, immerhin war ich mit einem Europäer verheiratet gewesen, der zu Herrensandalen braune Socken trug, aber selbst ich wusste, dass dieser Mann übers Ziel hinausgeschossen war.

Das Grüppchen, das sich um Peck geschart hatte, folgte ihrer Geste, und wir alle sahen zu dem Mann auf dem Balkon hoch. Er schien das gar nicht zu merken.

»Ich glaube, das war keine gute Idee.« Peck drückte die Zigarette an der Schuhsohle aus und schnippte sie dann ins Blumenbeet. »Wir sollten nichts wie weg hier.« Aber sie drückte das Kreuz durch und marschierte ins Haus, als Miles den Balkon über uns verließ. Das Grüppchen zerstreute sich, als Schauspieler auf Stelzen Reagenzgläser mit Schnaps anboten. Einen Augenblick stand ich allein am einen Ende einer weitläufigen Steinterrasse mit Springbrunnen, einem flachen Kalksteinbecken mit Wasser speienden Cherubim und riesigen tanzenden Fischen, die durch dicke, unansehnliche Lippen Wasser spritzten.

Als mein Glas leer war und ich mich fragte, ob ich mir noch einen Drink gönnen solle, trat ein Mann an mich heran, den ich für den typischen gut aussehenden, jungenhaften Amerikaner hielt. Er hatte die vor Gesundheit strotzende Haltung eines ehemaligen Sportlers und das charismatische Kennerlächeln eines Charmeurs, der weiß, dass er Eindruck macht.

Ich war fest entschlossen, ihm die kalte Schulter zu zeigen. Aber ich spürte seine Anwesenheit wie einen Schock, eine urplötzliche intensive körperliche Reaktion, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Infolge der starken Drinks, die ich einfach nicht gewohnt war, verpuffte meine Entschlossenheit schlagartig, und sein Blick – oh, diese blassbraunen, karamellfarbenen Augen – ging mir durch und durch.

Er trug seinen weißen Smoking, als wäre er so auf die Welt gekommen, und er drückte mir sein Beileid aus. Er stellte sich nicht vor, aber so wie er klang, hatte er Tante Lydia gut gekannt, und er sagte, er sei traurig über ihren Verlust. Er hatte längere, sonnengebleichte Haare, die ihm in die Stirn fielen und sich über seinem Kragen kräuselten. Sein Auftreten war das eines gepflegten und kultivierten Sportlers, der die Sonnenseite des Lebens kannte. Er strahlte ein ungeheures Selbstvertrauen aus, das nur leicht an Arroganz grenzte, und machte auf mich den Eindruck eines Menschen, der einfach schon immer cool gewesen war und bereits in der Kindheit mit den anderen Sportskanonen im Speisesaal am richtigen Tisch gesessen hatte.

Ich war viel zu zynisch veranlagt, um an Liebe auf den ersten Blick oder einen coup de foudre zu glauben, wie Peck so sorgfältig artikuliert hatte. Außerdem hatte ich diesen idiotischen Hut auf dem Kopf. Aber als er mich ansah, rastete in mir etwas ein, wie ich das noch nie erlebt hatte. Es raubte mir den Atem.

Er hatte zwei Martinis in den Händen und hielt mir einen hin. »Drink?«

Ich muss ein paar Sekunden lang wie ein Fisch mit offenem Mund nach Luft geschnappt haben. Aber dann nahm ich den nächsten Martini, den ich definitiv nicht mehr brauchte, und sagte in einem koketten Ton, der normalerweise überhaupt nicht meine Art war: »Sie reden ja mit Engelszungen.«

»Mit Engelszungen, ja?« Er lächelte, und die intelligenten Augen zeigten Fältchen. Er hob das andere Glas wie zur Begrüßung und sagte: »Flirten Sie mit mir?«

»Ich flirte nie.« Was auch stimmte. Der-scheußliche-Jean-Paul war alles andere als ein Charmebolzen gewesen. Seine Vorstellung vom Süßholzraspeln hatte sich auf ein »Ich zahl fürs Essen« beschränkt. Wobei er das natürlich auf Französisch gesagt hatte. Aber mit echtem Flirten kannte ich mich nicht aus. Ich neigte mehr zu sarkastischen Bemerkungen, die die meisten Leute in den falschen Hals bekamen.

Dieser Mann dagegen war es offenbar gewohnt, dass man mit ihm flirtete. Die meisten Frauen finden einen Mann mit so einem Lächeln einfach unwiderstehlich. Aber in dem strengen Ton, der mir zur Gewohnheit geworden war, sagte ich mir, dass es eine strikte Regel geben musste – so wie man nach dem Essen zwei Stunden lang nicht schwimmen gehen soll –, dass nach einer Scheidung mindestens zwei Jahre vergehen mussten, bevor man wieder zu flirten begann.

»Wirklich nicht?« Er klang ehrlich überrascht. »Ich hatte Sie eher für eine subtile Expertin gehalten.«

Ich muss sinngemäß geantwortet haben: »Wenn ich gerne flirten würde, was ich nicht tue, würde ich mich garantiert nicht für etwas so Naheliegendes entscheiden.« Ich sag ja, ich kann das nicht besonders.

Er wirkte nicht geknickt wie andere Männer in den Dreißigern, wenn die Jugendträume ausgeträumt sind und sie sich mit der Realität abfinden müssen. Anders als mein Exmann, für den das Leben eine einzige Abfolge von Enttäuschungen war, und schuld waren immer die anderen.

»Ich bin also naheliegend, ja?«, hakte er nach, und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er hatte das ungezwungene Selbstvertrauen, das ich mit Menschen verband, die mit vielen Geschwistern aufgewachsen waren, und er grinste mich an, als könne er meine Gedanken lesen.

Ich nippte an dem Drink, den er mir gereicht hatte, und hatte das Gefühl, durch den Alkohol die Selbstkontrolle verloren zu haben. Ich nickte, grinste und errötete wahrscheinlich sogar, als ich merkte, dass ich Sachen sagte, die nicht von mir zu sein schienen.

»Was ist denn so naheliegend an mir?« Er hatte eine unverwechselbare Stimme, eine tiefe Reibeisenstimme, die mein Zwerchfell vibrieren ließ. Ich dachte mir Dinge aus, die er sagen sollte, bloß damit ich hören konnte, wie sie aus seinem Munde klangen.

Noch ein Schluck Martini. »Also, erstens sind Sie unverhohlen charmant. Eindeutig ein Herzensbrecher. Also eine naheliegende Wahl, wenn man gerne flirtet. Was ich nicht tue.«

Plötzlich gab es eine Explosion, und ich zuckte zusammen. »Was war das?«

Er deutete auf eine Farborgie am Himmel. »Feuerwerk.«

Die Gäste ließen das Reden, Tanzen und Herumstehen sein und sahen mit kindlichem Entzücken auf den Gesichtern zum Himmel. Der attraktive Fremde, dessen Name ich nicht kannte, stand neben mir, und wir verfolgten gemeinsam das Spektakel, die Köpfe himmelwärts gedreht.

Wir verbrachten den restlichen Abend auf der Terrasse. Ich musste unwillkürlich an Jordan Baker denken, die im Gatsby bemerkte, sie möge große Partys, weil sie so intim seien. Er war ausgesprochen komisch. Humor fand ich schon immer wichtig. Meine Mutter war ein ziemlicher Witzbold, und sie sagte immer, auch in meinen Vater hätte sie sich verliebt, weil er sie zum Lachen bringen konnte. »Such dir einen Mann, der dich zum Lachen bringen kann«, schärfte sie mir ein, als wäre das so einfach, als lungerten Komiker an jeder Straßenecke herum und warteten nur auf junge Frauen, die sie mit ihren Sprüchen blenden konnten. Stattdessen landete ich irgendwie bei Jean-Paul, der mich nur zum Lachen brachte, wenn ich aus seinen haarsträubendsten egoistischen Bemerkungen amüsante Anekdoten für meine Freundinnen machte.

Im letzten Jahr hatte ich nicht viel zu lachen gehabt, aber an diesem Abend holte ich auf und keckerte wie eine Hyäne über diesen seltsamen Scherzkeks, dessen Namen ich nie erfuhr. Als ich später längst Peck hätte suchen sollen, um mit ihr aufzubrechen, gab es einen Tumult. Ich hörte Plätschern und wieherndes Gelächter und drehte mich um. Peck tanzte im Springbrunnen. Sie hatte sich Miles Nobles Nehru-Jacke um die Schultern drapiert und schwang die formschönen Beine, legte einen Cancan hin und bespritzte die klatschenden Zuschauer mit Wassertropfen, die ihr von den Füßen flogen.

»Das ist meine Schwester«, sagte ich, und mir dämmerte – langsam, wie einem die Dinge nach mehreren Martinis dämmern –, dass dies ein sehr seltsamer Sommer werden würde.

2

Am Morgen begrüßten mich nicht nur Brummschädel, Sodbrennen und ein trockener Mund. Scham begleitete sie, der schlimmste Teil eines jeden Katers. Ich lag in dem Zimmer, in dem ich immer geschlafen hatte, wenn ich meine Tante besuchte, wickelte mich in die weiße Häkeldecke mit Popcornmuster und wünschte mir, eine Weile in ein Koma zu fallen, ich bekam die Augen eh kaum auf. Ich schwor mir, nie wieder einen Tropfen zu trinken.

Lydias Haus – für mich würde es immer Lydias Haus sein, auch wenn es nun zur Hälfte mir gehörte – war das, was man nicht nur in Maklerkreisen eine Bruchbude nennt: ein zerbröckelnder, schindelgedeckter Bau mit Schlagseite, wie eine alternde Witwe, die bei einer Cocktailparty den Absprung verpasst hat. Seine Rettung war seine Lage in Southampton, einem schmucken Küstenstädtchen mit gepflegten Rasenflächen, das zu einer ganzen Reihe von Städten gehörte, die die südliche Landzunge von Long Island säumen und zusammen »die Hamptons« bilden. Das Haus lag im begehrten Gebiet »südlich des Highways«, in der Nachbarschaft der größeren und eleganteren Sommervillen, versteckt hinter endlosen Hecken, die an den breiten Straßen zum Meer hinab Wache standen. Es war mit einer durchhängenden Rundumveranda bestückt, die für das kleine Haus viel zu groß und hoch war. Der Legende zufolge hatte Lydia das Haus bei einer Partie Backgammon gewonnen. Meine Mutter sagte aber, mein Vater, der immerhin Lydias jüngerer Bruder war, habe diese Geschichte nie geglaubt.

Lydia, eine gefeierte Schönheit, deren Haare schon vor der Zeit schlohweiß geworden waren, hatte eine fesselnde Geschichte aber schon immer der Wahrheit vorgezogen, und in ihrer Version hatte sie das Haus dank einer Serie von Sechserpäschen gewonnen. In ihrer Version war der Mann, von dem sie das Haus gewonnen hatte (einer ihrer vielen Liebhaber, hatte sie immer angedeutet), eines Abends im Ozean verschwunden und nie wieder aufgetaucht – oder nur als freundliches Hausgespenst, das Gegenstände verlegte und unfertige Backgammon-Partien beendete. Die Geistergeschichte gefiel ihr so gut, dass sie sie in ein Buch namens Gespenster am East End aufnehmen ließ, das dann immer auf dem Couchtischchen im Wohnzimmer lag.

Mein Zimmer hatte Lydia »das weiße Zimmer« genannt, um es von Pecks »rosa Zimmer« zu unterscheiden. Es enthielt ein schmiedeeisernes Doppelbett und zwei weiß gestrichene Möbelstücke. Es gab eine Kommode und einen kleinen Schreibtisch, an dem mein »Opus« entstehen sollte, wie Lydia fand. Das Zimmer war minimalistisch und spärlich eingerichtet, und die Fenster gingen auf den ungepflegten, unkrautüberwucherten Rasen und einen verfallenden Tennisplatz hinaus. Pecks Zimmer dagegen hatte eine üppige Blumentapete und ein Himmelbett mit einer rosaroten Steppdecke. Vor ihrem Fenster lag der welke Garten hinter dem Haus.

Ein Klopfen zwang mich, die verklebten Lider zu öffnen. »Zimmerservice«, rief Peck auf dem Flur. Als ich nicht reagierte, stieß sie die Tür auf und schwenkte eine Bloody Mary mit Selleriestängel sowie einen Hund, eine scheinheilige Promenadenmischung, deren Mopsgesicht großstädtische Blasiertheit zeigte. In der einen Hand hielt Peck den Drink. Die andere hatte sie unter den Hund geschoben, der mich scheel ansah.

Ich war die »Patentante« des Hundes, wenn der Begriff für unsere vierbeinigen Freunde gelten darf, und daher hatte mir das Taufrecht zugestanden. Aus Jux – denn leider gehörte ich zu den Leuten, denen immer der Schalk im Nacken saß – hatte ich Trimalchio vorgeschlagen. Vorlage war der vulgäre Emporkömmling im Satyricon, nach dem F. Scott Fitzgerald seine Figur Jay Gatsby modelliert hatte. Einer der Arbeitstitel seines Romans hatte Trimalchio in West Egg gelautet, und als ich den Gatsby durchhatte, gab Lydia mir den Trimalchio zu lesen, die erste Version des Buchs, aus dem Fitzgerald dann Der große Gatsby gemacht hatte. Ich hätte nie gedacht, dass Peck ihren Hund ernsthaft so taufen würde. Aber ihr gefiel der Name.

Jetzt kam sie in mein Zimmer gerauscht – Pecksland Moriarty war eine geborene Rauscherin –, sie trug einen seidenen Herrenmorgenrock mit Paisleymuster und Samtkragen, als hätte sie Hugh Hefners Kleiderschränke im Playboy Mansion ausgeräumt, und ließ Trimalchio, der nach Hundemaßstäben ins gesetzte Alter kam, kurzerhand zu Boden fallen, von wo er ermattet zu mir hochsah. Das Posieren hatte die Töle echt drauf.

Peck nippte an der Bloody Mary, von der ich angenommen hatte, sie wäre für mich, und jetzt sah sie mich scheel an. Sie brachte für Kater nie großes Mitleid auf, wohl weil sie diesbezüglich nicht sehr anfällig war, bildete sich aber ein, mit der Linderung von Katern intim vertraut zu sein. »Wusstest du, dass die Bloody Mary im Pariser Ritz erfunden wurde, als Hemingway mit Mary, seiner vierten Frau, verheiratet war? Sie hatte was gegen sein Trinken, also erfand der Barkeeper das hier« – sie rührte mit dem Selleriestängel im Drink –, »den geruchlosen Cocktail. Er trank ihn, und als der Barkeeper ihn am Tag darauf fragte, wie’s gelaufen wäre, sagte er: ›Meine Bloody Mary hat absolut nichts gemerkt‹.« Sie nippte wieder. »Die Elf-Uhr-Bloody ist hier in Fool’s House eine altehrwürdige Tradition.«

Natürlich hatte das Haus einen Namen. Die besten Häuser haben alle einen. Lydia hatte ihres nach dem Bild von Jasper Johns benannt. Das war eine graue Fläche, die Gegenstände aus einem Maleratelier zeigte: An einem Scharnier hing ein Besen mit Holzstiel, an einem Haken eine Tasse, außerdem zeigte es einen Bilderrahmen und ein Handtuch. Fool’s House nannte Johns den Ort, an dem er Inspirationen suchte. Peck nannte das Haus grundsätzlich bei seinem vollen Namen Fool’s House, wie sie auch sich selbst ausschließlich Pecksland, eine Kathy nur Katherine und eine Lizzie nur Elizabeth nannte. Peck bildete sich etwas auf ihre Kultiviertheit ein, auch wenn die oft an Unverschämtheit grenzte.

Wir sind eine kunstsinnige Familie, sollte der Hausname implizieren, der die Bohème der Hamptons anklingen ließ, all die kreativen Seelen, die in der romantischen Landschaft mit dem unendlichen Meer, dem offenen Himmel und den weiten weißen Stränden Zuflucht und Inspiration gesucht hatten. Das baufällige Bauernhäuschen mit der großen Veranda passte nicht in diesen Teil von Southampton. Oder nicht mehr. Die meisten wurmstichigen kleinen Häuschen waren abgerissen und durch überdimensionierte Bauten ersetzt worden. Aber Lydia hatte Fool’s House zum Mittelpunkt einer fröhlichen Künstlergemeinschaft gemacht, aus der zu ihrer Überraschung niemand je berühmt geworden war.

Meine Tante erzählte uns immer, Fool’s House sei bekannt für seine kreative Energie, obwohl die Namen der Menschen, die sich hier angeblich hatten inspirieren lassen, niemandem etwas sagten. »Dick Montpelier schrieb hier das ganze Feuer bei Sonnenuntergang, und John Tallucci beendete die letzten zwanzig Kapitel von Mister Nirgends auf meiner Veranda«, erzählte Tante Lydia nur zu gern jedem, der es hören wollte. »Ach, und Rusty Cohen und seine Muse Esme haben im Atelier den Sommer verbracht, in dem er seine sechs Meisterwerke gemalt hat.«

Da sie selbst keine Begabung habe, fördere sie sie eben, pflegte Lydia zu sagen. Sie sah sich als Mäzenin und Sammlerin, allerdings richtete sich ihr Geschmack eher auf Werke, die in ihrer Gegenwart entstanden waren, als auf große Kunstwerke, die sie sich mit ihrem Lehrerinnengehalt auf einer Auktion wohl auch kaum hätte leisten können. Ich war nicht gerade eine Connoisseurin und hatte mit Farben und Leinwänden und Wörtern selbst genug zu kämpfen, um zu wissen, wie schwer es ist, da Schönheit herauszuholen, aber das Zeug, das in Fool’s House sämtliche Winkel vollmüllte, gehörte zur hässlichsten Kunst, die ich je gesehen hatte.

Alle Wände waren mit schlechten Gemälden bedeckt, im Salonstil in drei bis vier Reihen übereinander gehängt, meistens abstrakte Werke oder dicke, ölige Seestücke und wässrige Sonnenuntergänge mit allzu runden orangegelben Bällen in der Mitte. Ein billiges Poster von Jasper Johns’ Fool’s House hatte Lydia nie auftreiben können, also hatte sie eine inzwischen ausgefranste und abblätternde Reproduktion seiner bekanntesten Arbeit Flag im Esszimmer aufgehängt, wo an einem verzogenen runden Tisch mit bunt zusammengewürfelten Stühlen viele lärmende Gelage stattgefunden hatten.

Über dem Kaminsims im Wohnzimmer nahm ein abstraktes Werk den Ehrenplatz ein, nichts als Kleckse und Spritzer aus brauner, schwarzer und silberner Farbe. Weder Peck noch ich hatten uns je danach erkundigt, und Lydia hatte es nie zur Sprache gebracht. Es gab auch viele gerahmte Fotografien von Lydia mit ihren ausgeprägten Wangenknochen und in verschiedenen Graustufen, umgeben von Freunden und Geliebten, Aufnahmen von ihr und den Gästegrüppchen bei den unzähligen Partys, die sie im Lauf der Jahre hier veranstaltet hatte. Auch Peck und ich waren zu sehen, Fotos aus der Schulzeit, die unsere Mütter ihr geschickt hatten, und Schnappschüsse, die uns einzeln mit Tante Lydia in Paris und vor dem römischen Kolosseum und zusammen während unserer gemeinsamen Sommer in Fool’s House zeigten.