Beschreibung

Freunde suchst du dir nicht aus. Freunde finden dich.
Sarah ist ein Kontrollfreak: Sie besitzt für jeden Anlass das perfekte Kleid, sie hat den perfekten Partner und nun auch endlich den perfekten Verlobungsring am Finger. Erst bei der Planung ihrer Hochzeit merkt sie, dass ihr die Trauzeugin fehlt – sie hat einfach keine beste Freundin.
Als dann die chaotische Pippa in ihr Leben stolpert, ändert sich alles. Pippa ist Automechanikerin und das genaue Gegenteil von Sarah: zu laut, zu widerspenstig, zu ehrlich. Aber kann so jemand wie Pippa auch Sarahs Herz retten?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 353


Britta Sabbag

Der Sommer mit Pippa

Roman

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Freunde suchst du dir nicht aus. Freunde finden dich.

Sarah ist ein Kontrollfreak: Sie besitzt für jeden Anlass das perfekte Kleid, sie hat den perfekten Partner und nun auch endlich den perfekten Verlobungsring am Finger. Erst bei der Planung ihrer Hochzeit merkt sie, dass ihr die Trauzeugin fehlt – sie hat einfach keine beste Freundin.

 

Über Britta Sabbag

Britta Sabbag, geboren in Osnabrück, studierte Sprachwissenschaften, Psychologie und Pädagogik an der Universität Bonn. Nach dem Studium arbeitete sie als Personalerin in verschiedenen Firmen. Seit 2009 widmet sie sich ausschließlich dem Schreiben. Ihr erster Roman «Pinguinwetter» wurde 2012 auf Anhieb zum Spiegel-Bestseller. Weitere Romane, Jugendbücher und Kinderbücher folgten. Zuletzt stand «Die kleine Hummel Bommel» wochenlang auf Platz 1 der Bestsellerliste.

Inhaltsübersicht

MottoWidmungProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. KapitelEpilogDanksagung

Manchmal versperrt der richtige Mensch den falschen Weg.

Britta Sabbag

Diese Geschichte ist für alle, die wissen,

dass man sich seine Freunde nicht aussucht,

sondern dass sie einen finden.

Und dass es oft genau die Menschen sind,

von denen man es am wenigsten erwartet hätte,

die einen retten.

Prolog

«Du isst erst deinen Teller auf, dann kannst du nach draußen spielen gehen.»

Der Blick meiner Mutter streifte mich kurz und mahnend, dann stand sie vom Tisch auf, strich ihre geblümte Küchenschürze glatt, krempelte sich die Blusenärmel hoch und machte sich an den Abwasch.

«Man kann den Teller nicht essen», verbesserte ich sie murrend mit Blick auf eine viel zu große Portion Erbsen und Möhren. Es kam mir wie eine ganze Armada Erbsen und Möhren vor.

«Du musst immer das letzte Wort haben», entgegnete meine Mutter kopfschüttelnd, «ich weiß wirklich nicht, von wem du das hast. Von deinem Vater und mir jedenfalls nicht.»

Natürlich nicht, dachte ich, meine Eltern waren keine großen Sprachkünstler, das mussten sie auf unserem Schweinehof auch nicht sein. Und das war nur einer der Gründe, warum ich mich hier so oft fehl am Platz fühlte, wie in eine falsche Welt hineingestellt.

«Ich muss jetzt aber wirklich raus, es ist wichtig. Mia wartet am Zaun auf mich.»

Es stimmte, es war ein besonderer Tag für mich. Mia hatte sich zum allersten Mal mit mir verabredet. Sie war eines der Mädchen, mit dem jeder befreundet sein wollte. Sie lächelte den ganzen Tag, ihr Gesicht tat es praktisch immer, ohne dass es angestrengt oder künstlich wirkte. Ihre blauen Augen strahlten permanent, und wenn ihr Blick auf mich fiel, fühlte ich mich auf eine besondere Weise gesehen. Sie gab mir das Gefühl, erkannt zu werden. Als sie in unsere 4. Klasse kam, wollte ich sofort Mias Freundin werden. Heute waren wir endlich verabredet.

Ich war ziemlich aufgeregt. Ob ich auch interessant genug für sie wäre, sie bloß nicht langweilen würde? Dass ich das Mädchen vom Schweinebauernhof war, wusste sie, und es hatte sie anscheinend nicht gestört. Trotzdem hielt ich es für schlauer, mich mit ihr am Grundstückszaun zu verabreden. Denn sie musste ja nicht unbedingt durch die ganzen Schlammpfützen vorbei an den Schweineställen bis zu unserer Haustür stapfen. Wenn ich mich hier schon deplatziert fühlte, dann würde jemand wie Mia auf einem Schweinebauernhof wie eine glitzernde Fee aus einem Märchen in einem Schlammloch wirken.

«Ich kann nicht mehr!» Ich begann, wild mit den Beinen unter dem Tisch hin und her zu baumeln.

«Du hast fast nichts gegessen, das kann nicht sein.»

Die Diskussion mit meiner Mutter kostete mich wertvolle Zeit, Mia wurde sicher ungeduldig. Dazu kam, dass Nicole vom Hühnerhof nebenan jeden Tag nach der Schule um eine ähnliche Zeit zum Spielen kam. Nicole war nicht besonders gesprächig und zog es vor, Holzsachen still vor sich hin zu schnitzen oder die Hühner zu versorgen. Ich half ihr ab und zu und gab den kranken oder schwachen Tieren, die in extra Käfigen außerhalb des großen Legestalls gehalten wurden, dann immer besondere Namen. Ich nannte sie Schneewittchen oder Aschenputtel, um sie zu motivieren, schnell wieder gesund zu werden. Ich mochte diese Art des Zeitvertreibs, aber ich hatte so ein Gefühl, dass es mit Mia anders sein würde. Mit Mia würde ich Geheimnisse austauschen, den ganzen Tag kichern und auf der Wiese liegen und die Wolken betrachten. Wir würden uns ausmalen, wie wir einmal leben würden. Natürlich zusammen in der Stadt, wie beste Freundinnen eben. Auf keinen Fall hier auf dem Land, das stand außer Frage.

«Ich ka-han nicht mehr!»

Meine Mutter stützte ihre nassen Hände auf das Spülbecken. «Dann geh, in Gottes Namen!»

«Danke!», rief ich noch, während ich schon aus der Küche rannte. Ich hatte Mia sicher zehn Minuten warten lassen. Kein optimaler Start für eine Freundschaft. Aber ab heute würde Mia meine beste Freundin sein.

Am Treppenabsatz standen schlammbespritze Gummistiefel in so ziemlich jeder Größe. Rechts und links der letzten fünf Stufen. Niemand auf dem Hof – weder meine Eltern noch ich, noch unsere Angestellten – hatte jeweils eigene Stiefel. Es wurden die angezogen, die gerade da waren. Doch ich rannte an ihnen vorbei, die Treppe hoch, um meine schicken Riemchensandalen aus dem Schrank zu holen, die ich zur Konfirmation bekommen hatte. Nach dem Festtag hatte es keine weitere Gelegenheit mehr gegeben, sie zu tragen. Man konnte spüren, wie hart das Leder noch war. Da mir die Geduld fehlte, den zierlichen Verschluss zu öffnen und wieder zu schließen, zwängte ich meine nackten Füßen so hinein. Das Riemchen am rechten Schuh schnürte ein, weil es zu eng eingestellt war, aber ich hatte keine Zeit mehr für einen solchen Schnickschnack. Mit der Hand am Geländer rannte ich die Treppe wieder runter und nahm gleich zwei Stufen auf einmal. Die Eingangstür war immer auf, damit jeder in die Küche gelangen konnte, wann er wollte. Ich überquerte den Hof in einem Tempo, das mich fast über die Schlammpfützen fliegen ließ. Nur eine erwischte ich ungünstig und spürte den kühlen Matsch an meinem Unterschenkel. Nur noch um die nächste Ecke, dann würde ich den Hofzaun bereits sehen können.

In dem Moment drang ein schrilles Kichern in meine Ohren. Es war ein Kichern von zwei unterschiedlichen Stimmen, die eine Art Gleichklang bildeten, weil sie dieselbe Höhe hatten. Es war das vertraute Kichern, das nur beste Freundinnen miteinander teilten.

Ich rannte jetzt direkt auf den Zaun zu, an dem eine helle Gestalt lehnte. Mia! Sie hatte gewartet – so ein Glück!

Ich lief noch schneller und nahm die Abkürzung über die Wiese. Das harte Schuhleder schnitt am kleinen Zeh ein, und die von der Sonne ausgetrockneten Wiesengräser peitschten auf meine nackten Waden unter dem Sommerkleid.

Da sah ich noch etwas, neben Mia. Eine dunklere, gedrungene Gestalt mit Zöpfen. Nicole.

«Hallo Mia!», keuchte ich vollkommen außer Atem, nachdem ich vor dem Zaun eine Vollbremsung hingelegt hatte. «Entschuldige, dass du warten musstest!» Ich stützte meine Arme auf die Knie, um wieder Luft zu bekommen.

«Du hast Matsch am Bein.»

Nicole nickte verschwörerisch. «Schweinematsch.»

Ich sah betreten an mir herunter. Meine neuen Schuhe waren tatsächlich voller Matschspritzer, ebenso wie meine linke Wade.

«Wir haben außerdem etwas beschlossen», sprach Mia weiter.

«Oh», sagte ich kurzatmig, «was denn?»

«Dass wir dich nicht dabeihaben wollen», kam es von Nicole wie aus der Pistole geschossen.

«Waas?»

Nicole sah mich eindringlich an. «Mia und ich wollen was alleine machen.»

Mein Brustkorb, der sich eben noch zum Luftholen aufgebläht hatte, erstarrte blitzartig, wie abgeschnürt.

«Wie meint ihr das?», fragte ich mit angehaltener Luft und merkte, wie dünn meine Stimme klang.

«Wir spielen ohne dich», erklärte Mia. «Heute und … für immer.»

Ihr Mund lächelte wie immer. Aber das, was sie sagte, und die Art, wie sie mich dabei ansah, passten einfach nicht zusammen.

«Aber … warum?»

Was hatte ich falsch gemacht? Ich begriff es nicht. Ich war zu spät, ja, aber das war doch noch lange kein Grund, mich so abzuservieren.

Ohne ein weiteres Wort drehten Mia und Nicole sich um, und entfernten sich Hand in Hand vom Hof.

«Ihr könnt doch nicht einfach …!», rief ich und machte Anstalten, über den Zaun zu klettern.

Dann drehte sich Mia um. Ihr blondes Haar wehte leicht im Wind, und ihr Mund war wegen ihres immer noch breiten Lächelns weit geöffnet. «Wir wollen dich nicht dabeihaben, Schweinematschmädchen. Kapier das einfach.»

Schweißgebadet wachte ich auf. Es war nur ein Traum gewesen. Ein Albtraum! Trotzdem fühlte ich mich total gerädert. Langsam hievte ich mich im Bett auf. Meine Stirn war nass, und meine Klamotten klebten förmlich an meinem Körper. Meine Klamotten?! Im schwachen Mondlicht, das durchs Fenster fiel, konnte ich erkennen, dass ich noch Hose und Oberteil trug. Beides hatte ich gestern schon angehabt. Ich musste weggenickt sein. Mein Blick wanderte zum Handy, das auf der Bettkante lag. Ich drückte auf das Display: 05:45 Uhr. Samstag. Der Tag, der alles unumkehrbar verändern würde. Ich hätte es nie so weit kommen lassen dürfen. Ich hatte meine beste Freundin verloren.

Und es war meine Schuld.

Ich griff nach der Flasche Wasser neben dem Bett und trank gierig mehrere Schlucke. Wasser sortiert die Gedanken, schoss es mir durch den Kopf. Aber klarer konnten sie kaum sein, denn ich wusste, was ich zu tun hatte. Und mir blieb dazu noch genau eine Stunde und fünfundvierzig Minuten.

1. Kapitel

«Und Sie sind sicher, dass das für eine Klage reicht?»

Der Blick der jungen Frau streifte mich nur für einige Sekunden, dann wich sie nervös aus, nestelte an ihrer Handtasche und sah wieder aus dem Fenster.

«Ich meine, ich will ja eigentlich gar nicht vor Gericht», fuhr sie fort. «Ich hatte mich nur so erschrocken, als Lillys Mund voller Blut war. Dass so ein Plastikverschluss so gefährlich sein kann! Na ja, im Endeffekt war es nur ein kleiner Kratzer. Es sah sicher schlimmer aus, als es war …»

«Keine Sorge», unterbrach ich sie scharf. Ich klappte den weichen Aktenumschlag zu und zog das Gummiband längs über den Einband. «Das ist mehr als genug, um sie dranzukriegen. Ein blutendes Kind wird von so ziemlich gar nichts übertroffen. Noch nicht einmal von Hundebabys.» Ich machte eine kleine Pause. «Außer wenn es viele Hundebabys sind, dann vielleicht.»

Meine neue Mandantin nickte. «Ach so …»

«Wir leiern der Firma eine ordentliche Summe aus den Rippen. Die werden einen Teufel tun und das an die große Glocke hängen. Ich bin mir sicher, dass sie sich sehr schnell und sehr gütlich einigen wollen. Das erste Angebot kann ich Ihnen sicher schon nächste Woche schicken. Das lehnen wir aber natürlich ab. Egal wie hoch es ist.»

«Wir lehnen es ab?»

Ich stand auf, zog meinen engen Blazer glatt und streckte der Frau meine Hand entgegen.

«Never accept the first offer. Alte Anwaltsregel.»

«Aha …»

Ihr Handdruck war weich und warm, es fehlte ihm komplett an Spannung. Ich hatte das Gefühl, statt einer Hand ein Milchbrötchen zu drücken, und ließ sofort selbst an Druck nach, damit ich ihr nicht weh tat.

«Ich melde mich. Und Sie streichen Sorgen und ungute Gedanken jetzt aus Ihrem Kopf. Ab sofort bin ich Ihr Kopf. Und Ihre Waffe.»

«Das hört sich irgendwie … einschüchternd an», antwortete sie mit einem Blick, der halb verängstigt, halb irritiert wirkte. «Wissen Sie, ich brauchte noch nie einen Anwalt …»

«Okay. Anders gesagt», korrigierte ich mich, «sehen Sie mich als jemand, der Ihnen ab sofort mit Rat und Tat zur Seite steht. Klingt das besser für Sie?»

Meine neue Klientin wandte sich auf Höhe des Türrahmens noch mal um. «Ah, Sie meinen … so in etwa wie eine … Freundin?»

«Das ist eine sehr eigenwillige Interpretation, aber wenn Ihnen das hilft, soll mir jedes Mittel recht sein.»

Ich sah aus dem Fenster. Es war ein strahlender Freitagnachmittag, das erste warme Sommerwochenende stand vor der Tür.

«Jemand hat mal gesagt», fügte ich noch hinzu. «Freundschaft ist, wenn zwei Feinde sich auf dieselbe Beute einigen.»

Aber als ich mich wieder zur Tür drehte, war die junge Frau bereits verschwunden.

Krampfhaft versuchte ich den Schlüssel ins Schloss unserer Eingangstür zu stecken, ohne die vielen Einkaufstüten, die ich rechts und links in beiden Händen hielt, fallen zu lassen. Die Post hatte ich gerade schon aus dem Briefkasten manövriert und zusammen mit einem frischen Strauß weißer Callas unter den Arm geschoben. An meinem rechten Handgelenk hing meine Aktentasche, links baumelte meine Handtasche. So vollbepackt war es ein Wunder, dass ich die Tür überhaupt aufbekam. Für mein Handy hatte ich keinen freien Platz mehr gefunden und es mir kurzerhand zwischen die Zähne geklemmt.

Das war nur eine bedingt gute Idee, wie ich feststellte, als es jetzt zu vibrieren begann.

«Mmmmhhoooment!», nuschelte ich, was keinen Sinn machte, denn es hörte ja niemand. Die Vibration erschütterte mein gesamtes Gebiss, sogar meine Wangen wackelten.

Ein letzter Versuch mit dem Schlüssel, dann stieß ich die Haustür mit dem Knie so ruckartig auf, dass ich samt meiner Packesel-Beladung sprichwörtlich mit der Tür in unseren Hausflur fiel. Vor lauter Schreck vergaß ich weiter die Zähne zusammenzubeißen. Mein Smartphone segelte im großen Bogen vor mir auf den gekachelten Fußboden.

«Herrje!», fluchte ich, befreite mich von den Taschen und ließ Blumen und Post einfach fallen. Dann beugte ich mich über das noch immer vibrierende Handy, das nun einen Riss quer über das gesamte Display aufzeigte.

«Oh nein!»

Hinter dem Riss leuchtete Philips Nummer mitsamt einem Profilbild auf, das uns Kopf an Kopf lächelnd vor einem Sonnenuntergang zeigte. Ein Selfie, das ich in einem unserer ersten Urlaube auf Sardinien geschossen hatte. Ich drückte auf ‹Annehmen›.

«Hey, Schatz», brüllte Philip wie immer ein wenig zu laut in seine Freisprechanlage. Im Hintergrund war das typische Verkehrsrauschen zu hören. «Ich dachte schon, ich erwische dich nicht mehr, bevor ich aufbreche.»

«Wohin willst du denn aufbrechen?», fragte ich statt einer Begrüßung: Ich war zum einen sauer über den Riss, zum anderen erleichtert, dass das Telefon noch zu funktionieren schien.

«Na, zur Segeltour. Ich hatte dir doch davon erzählt, Liebes, dass mir der alte Kahn zu schwerfällig geworden ist. Heute will ich eine schnittige Lady ausprobieren. Bin gerade auf dem Weg zum Sportboothafen in Porz, da liegt die Schönheit schon und wartet auf mich.»

Ich durchforstete mein Hirn nach weiteren Informationen, aber mir fiel nur ein gemeinsames Abendessen ein, das wir für heute geplant hatten – und für das ich mich gerade nach Feierabend noch durch die Läden geschleppt hatte.

Ich konnte meine Überraschung nicht verbergen. Philip hatte also ein neues Boot gekauft. Er ging mit seinem Geld oft ein wenig leichtsinnig um, aber da wir beide gut verdienten, mischte ich mich nie ein. Geldprobleme würde Philip ohnehin nie bekommen, weil ein enormes Familienerbe auf ihn wartete. Aber das spielte für mich keine Rolle – ich war selbst erfolgreich und unabhängig.

«Wollten wir nicht zusammen kochen?», intervenierte ich und dachte an das romantische Dinner, auf das ich mich schon gefreut hatte.

«Arschloch!»

«Was?!»

«Nicht du, der unfähige Rentner im Wagen vor mir!», brüllte Philip wieder in die Freisprechanlage. Ich hörte am Heulen des Motors, wie er einen Gang zulegte. Seine Fahrweise war schon immer aggressiv gewesen, und nicht selten hatte er sich mit anderen Autofahrern auf offener Straße angelegt.

«Dann komm doch auch einfach her, und wir testen das leichte Mädchen zusammen», sagte er, diesmal deutlich leiser.

«Ja, also, ich hab eigentlich …»

«Sarah, gib dir einen Ruck!»

«Aber heute ist doch …»

«Ach, komm schon, das wird doch sicher nett: Wir beide, das Boot, wir beide, das Boot … wir beide …»

Philips Art, mich um den Finger zu wickeln, war unschlagbar. So taff und resolut ich im Job war, so weich wie Butter wurde ich, wenn er diese besondere Tonart anschlug. Das funktionierte schon seit über vier Jahren.

«Natürlich komme ich», seufzte ich, «ich bin so gegen …», ich schaute auf meine Armbanduhr, «so gegen 19 Uhr da. Wie heißt das Boot, sagtest du?»

«Es heißt Ella», antwortete Philip. «Ich freu mich auf dich.»

Noch bevor ich antworten konnte, dass ich mich auch freute – was nur zur Hälfte stimmte, denn auf die schaukelnde Spritztour freute ich mich nicht –, hatte Philip bereits aufgelegt.

Philip wusste nicht, dass ich Boote nicht leiden konnte, und erst recht keine Segelboote, da mir von dem Geschaukel selbst bei leichtem Wellengang permanent übel wurde. Ich hatte es ihm nie gesagt, weil ich wusste, wie viel Freude ihm sein Hobby machte. Ein Segeltörn mit Blick auf irgendeine schöne mallorquinische Bucht wäre die Tortur vielleicht wert gewesen, aber dem Segeln auf dem Rhein mit Blick auf Köln-Porz konnte ich beim besten Willen nichts abgewinnen.

Während ich die Einkäufe schnell im Kühlschrank verstaute – es hätte Lammlendchen mit Rosmarinkartoffeln und einem leichten Salat geben sollen –, dachte ich an meinen verpassten romantischen Freitagabend, den ich mir so ganz anders ausgemalt hatte. Zudem sollte es ein besonderer Abend werden, denn heute waren Philip und ich auf den Tag genau vier Jahre zusammen. Ich zog ein kleines, quadratisches Schächtelchen aus einer der Tüten, das die Verkäuferin auf mein Anraten hin mit einer silbernen Schleife versehen hatte, nachdem ich ihr eine goldene ausreden konnte. Lächelnd betrachtete ich die hübsche Schachtel und drehte sie zwischen Zeigefinger und Daumen hin und her. Es waren Manschettenknöpfe darin, die ich extra zu unserem Jahrestag für Philip mit unseren Initialen hatte gravieren lassen. So trug er uns immer bei sich – er würde sich sicher freuen, das wusste ich genau. Ich stellte das Schächtelchen vor mir auf die frisch polierte Küchenablage und seufzte.

Was war schon eine kleine Segeltour, ein winziger Kompromiss, gegen unser perfektes Leben? Denn das hatten Philip und ich.

Kurzerhand schnappte ich mir das Kästchen und stieg die geländerlose Schwebetreppe zum Schlafzimmer hoch, dem unser gemeinsames Ankleidezimmer vorgelagert war. Eine leichte, weiße Caprihose, eine blau-weiß gestreifte Bluse und ein dunkelblauer Pullover würden den perfekten Look für unseren Ausflug bilden. Wenn mir schon schlecht wurde, wollte ich wenigstens gut dabei aussehen.

«Ist sie nicht hinreißend?»

Mit ausgebreitenden Armen stand Philip vor mir wie die Christusstatue auf dem Corcovado in Rio de Janeiro.

«Ja, natürlich.» Ich blickte mich um. Das Boot war gut erhalten und innen komplett holzvertäfelt. Die Sitzbänke aus weißem Leder ähnelten unserer Einrichtung zu Hause. In der Mitte des Raumes war eine Stange angebracht, deren Zweck ich noch nicht durchschaut hatte.

«Wofür braucht es die Stange hier?», fragte ich.

«Man kann sich entweder bei Seegang dran festhalten …» Philip umfasste meine Hüfte von hinten und schmiegte sich an mich. «… oder man tanzt daran für seinen Mann zum Hochzeitstag!»

Ich drehte mich um und sah ihn irritiert an.

«Das war selbstverständlich nur ein Scherz, meine Maus», erklärte Philip schnell und ließ mich los.

«Und ich dachte schon, du hättest unseren Tag vergessen.» Ich zog das kleine Päckchen aus der Tasche und legte es auf den schmalen Holzklapptisch vor uns.

«Ist das für mich? Ach, meine Maus!» Hastig öffnete er das Schächtelchen. «Knöpfe!» Er strahlte mich an. «Du weißt immer, was mir gefällt.»

Er drehte die Manschettenknöpfe im sonnenunterganggetränkten Licht, das durch die insgesamt sechs ovalen Fenster den Raum in ein warmes Rosa hüllte.

«Sehr schön!» Dann legte er die Knöpfe zurück in das Kästchen und nahm meine Hand. «Ich habe natürlich auch ein Geschenk für dich.»

Mein Herz machte einen kleinen Sprung. Auch wenn ich wusste, dass es albern war, so hoffte ich doch auf den einen, perfekten Moment für den Antrag, der unser Leben vollkommen machen würde.

«Tadaaaaa!» Feierlich zog Philip eine Champagnerflasche unter der Sitzbank hervor. «Es gibt noch einen Grund zu feiern.»

«Ja?»

Ich konnte meine Aufregung kaum verbergen und legte beide Handflächen über Mund und Nase, was ich immer tat, wenn ich aufgewühlt war.

«Ich möchte … dass du Ella taufst. Denn natürlich steche ich keinen Meter in See ohne einen neuen Namen.»

«Oh.» Ich ließ meine Hände sinken und bemühte mich zu lächeln. «Wie … soll es denn heißen?»

«Sie, mein Schatz. Es ist eine SIE. Und das ist ja genau mein Geschenk für dich.» Er sah mich eindringlich an. Dann fügte er noch hinzu: «Natürlich wählt ein guter Sohn – und das bin ich, wie du ja weißt – den Namen seiner wunderbaren Mutter: Liz.»

Liz!? Wie hätte es auch anders sein können. Wenn ich nicht genau gewusst hätte, dass er mit leuchtenden Augen von seiner eigenen Mutter sprach, ich wäre glatt eifersüchtig gewesen.

«Aber weil du seit vier Jahren so wunderbar an meiner Seite stehst und weil ich mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen kann … Und weil du einfach perfekt bist, Sarah, deswegen …»

Mein Herz klopfte so heftig, dass ich glaubte, meine maritime Bluse müsse sich bewegen. Dies war der Moment, ich spürte es. Endlich.

«… deswegen werde ich dir den Vortritt geben.»

Wie bitte?

«Welchen Vortritt?» Ich sah meinen Noch-immer-nicht-Verlobten irritiert an.

«Ich werde das Boot nach dir nennen. Also, mit erstem Namen Sarah. Ich weiß, dass es Liz treffen wird. Aber ich hoffe, mit Sarah Liz kann sie auch leben.»

Philip zog mich an sich, strich meine Haare aus der Halsbeuge und küsste mich genau dort. «Die beiden wichtigsten Frauen in meinem Leben auf meinem Boot vereint. Ist das nicht genial?»

Es war nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte, schoss es mir durch den Kopf. Aber Philip liebte Boote, dieses ganz speziell, und er liebte seine Mutter. Und er liebte mich. Es brauchte eben drei Frauen für sein Glück.

«Und jetzt machen wir es uns so richtig nett, hm? Komm, du hast den Schlafraum ja noch gar nicht gesehen!»

Ich nickte und ließ mich mitziehen.

Wenig später waren wir dabei, den Schlafraum gründlich zu inspizieren.

«Oh jaaaaaa …» Philip stöhnte.

Ich öffnete seine Hose mit der einen Hand, während ich mit der anderen über seine Brust streichelte. Dann spürte ich plötzlich einen leichten Druck auf meinen Kopf, der mich nach unten schob.

«Bitte Baby, nur heute, weil … ohh jaaaa … Jaaahrestag ist!»

Ich wusste in etwa, was er meinte, aber ich hatte keine Lust darauf und hielt dem Druck stand.

«Bitte, Baby …»

Baby nannte mich Philip nur im Bett, sonst war ich unter uns seine Maus und in der Öffentlichkeit Schatz. Aber hier galten andere Gesetze.

«Komm schon …»

Ich wollte nicht, dass er bettelte, denn das passte nicht zu ihm. Und es passt erst recht nicht in meine Vorstellung vom Ablauf unseres vierten Jahrestages. Ich hatte mich nie sonderlich für Blowjobs interessiert, weil es nicht dem Bild entsprach, das ich von mir haben wollte. Ich assoziierte Blowjobs eher mit wilden, tätowierten Frauen, die sich auf Autos rekeln. Ich dagegen trug lieber Seidenbluse zur beigen Chino und versuchte, meinen blonden Bob während des Liebesakts vorzeigbar zu halten.

«Sarah, bitte, Baby … Nur heute!» Philips Stimme war ungewohnt sanft und fordernd zugleich. «Du und ich … wir sind perfekt füreinander.»

«Ja, das sind wir», flüsterte ich und schob mich nach oben, um Philip zu küssen.

Er sah mich mit verklärtem Blick an. «Es wäre der absolute Höhepunkt dieses grandiosen Tages, wenn du es doch nur versuchen würdest.»

Woher kam denn auf einmal diese Dringlichkeit?

«Ich meine», fuhr er fort, «wenn wir erst Mann und Frau sind …»

Ich horchte auf. «Was sind?»

«Heirate mich», flüsterte Philip.

Ich sah ihn an, aber seine Augen waren geschlossen.

War das jetzt ein Antrag gewesen? War das dieser EINE Moment?

Philip schob mich sanft wieder nach unten, ohne auf eine Antwort zu warten.

Ich flüsterte trotzdem ein leises «Mhmja!» nach oben. Dann sind wir jetzt verlobt, dachte ich noch, bevor ich endgültig abtauchte.

«Ich bin verlobt!»

Diesen Satz auszusprechen, hatte ich mir schon gewünscht, seit ich ein kleines Mädchen war. Aber als ich es jetzt tat, hatte es im wahrsten Sinne des Wortes einen seltsam schalen Beigeschmack.

«Oh, là, là, laaaaahhhh, chérie!» Sébastien sah mich mit aufgerissenen Augen an. Seine Tonlage war generell etwas höher, als das menschliche Ohr es gemeinhin gut verkraftete, aber diesmal war sein Kreischen wirklich besonders schrill. «Ah! Ah! Ah!»

Sébastien war mein Lieblings-Verkäufer bei Armani. Wir kannten uns schon ewig. Eigentlich war er Belgier und hieß Seppe. Aber beruflich und zu besonderen Anlässen sowie an Feiertagen gab er den echauffierten Franzosen.

Er wedelte mit den Händen und drückte mich an sich, wobei er zwischen unseren Oberkörpern die obligatorischen zehn Zentimeter Abstand hielt. Das tat er immer und unter allen Umständen. Dann deutete er ein Küsschen auf meiner linken und rechten Wange an.

«Das wurde ja auch mal Zeit, Liebchen! Alors, wie hat er es gemacht? Romantisch bei Sonnenuntergang? Im Restaurant auf den Knien? Mit Riesenbuchstaben aus Menschengruppen am Strand? Marry me! – Was war es? Los, sag schon!»

Ich räusperte mich. «Na ja, Sonnenuntergang gab es schon …»

«Ich sehe es vor mir: Du mit deinen goldenen Haaren im gleißenden Sonnenlicht, alles in Glitzern getaucht, er kniet vor dir und –»

«Na ja, er lag.»

«Mon dieu! Er lag! Er schmeißt sich für dich in den Staub, Chérie! Du bist es einfach wert, ich sag’s dir!»

«Hm.»

«Ich werde dich ausstatten, dass das mal klar ist. Oh, mon dieu, du wirst die schönste Braut aller Zeiten sein! Champagnerfarben … nein, cremeweiß, alles cremeweiß! Oder perlglanzweiß? Nein, du bist der Creme-Typ. Ich sehe es vor mir! Ein Meer cremeweißer Blüten, und du mittendrin, die schönste Blüte von allen!»

Er verdrehte verzückt die Augen und klatschte in die Hände.

«Das Trauzeuginkleid werde ich selbstverständlich auch machen. Wer ist deine Trauzeugin?»

Ich stockte. «Was?»

«Mais qui, wer wird deine Trauzeugin sein? Deine beste Freundin? Wer ist es? Ich hoffe, sie hat so eine tadellose Figur wie du, chérie. Nicht auszudenken, wenn ich ein Kleid machen müsste für ein Elefantenmädchen!»

Seit der Kindheit wusste ich, dass die Blumen bei meiner Hochzeit weiße Callas und weiße Lilien sein würden. Ich wusste, dass ich ein Kleid in A-Form mit einem schwingenden Rock tragen würde, und ich wusste auch, in welcher Kirche ich meinem Mann fürs Leben das Ja-Wort geben wollte. Aber wer meine Trauzeugin war, das wusste ich nicht.

Ich zuckte mit den Schultern. «Na ja, ich habe noch keine.»

«Dann wird es höchste Zeit, Chérie! Natürlich muss es die beste Freundin sein. Wer ist das denn bei dir? Hm … Du kommst immer alleine shoppen. Oder mit deinem Philip-Schatz. Ich habe tatsächlich noch nie eine von deinen Freundinnen kennengelernt! Incroyable, eine Schande, wenn du mich fragst!»

«Ach, Freundinnen beraten einen beim Shoppen doch immer völlig falsch», winkte ich ab. «Da verlasse ich mich lieber auf meinen eigenen scharfen Blick.» Und dann fügte ich noch wohlwollend hinzu: «Und auf deinen, natürlich, lieber Sébastien.»

Er formte Mittel- und Zeigefinger zu einem V und deutete erst auf seine Augen, dann auf mich.

«Sag nichts Falsches, ma Chérie. Du weißt, ich halte den wichtigsten Tag in deinem Leben in meinen zarten Händen!»

Es stimmte, Sébastien hatte für einen Mann äußerst zarte Hände. Das lag wahrscheinlich daran, dass er mit seinen Fingern den ganzen Tag entweder reine Seide oder ein Champagnerglas hielt.

«Also, raus mit der Sprache: Wer ist es?»

Ich hob die Schultern.

Sébastien drehte sich im Kreis. «Blond! Brünett! Rot? Oh, là, là! Rot zu cremeweiß geht gar nicht! Brünett wäre im Kontrast zu dir dagegen nahezu genial!»

Ich beobachtete ihn wortlos und dachte dabei fieberhaft nach, wer als Trauzeugin in Frage kommen könnte. Schließlich hörte Sébastien auf, sich zu drehen, und stützte sich mit dem Zeigefinger an meiner Schulter ab.

Ich lächelte verlegen. «Wie wäre es, wenn ein äußerst attraktiver, dunkelhaariger, frankophiler Belgier mein Trauzeuge wird?», sagte ich und sah ihn gespannt an. «Hast du Lust?»

Sébastien erwiderte meinen Blick mit einem derartigen Entsetzen, dass ich schon fürchtete, ihn gefragt zu haben, ob er Komplize bei einem Doppelmord werden wollte.

«Waaas?»

«Du kannst doch mein Trauzeuge sein. Ich meine, das ist wirklich keine schlechte Idee, immerhin wirst du sowieso dabei sein und mich ausstatten.»

Sébastiens Ausdruck veränderte sich schlagartig. Sein gespieltes Entsetzen wich einem Blick, der unfassbar weich war. Fast sogar ein bisschen mitleidig.

«Sag mir nicht, chérie, du hast keine Freundin. Niemand, der als Trauzeugin in Frage kommt? Jedes Mädchen bestimmt doch seine Trauzeugin, noch bevor es den richtigen Mann hat! Ich meine, gerade du: Du hast doch einfach alles! Du bist perfekt, chérie! Absolument parfaite! Ich wette, du hast hundert Freundinnen, die sich darum reißen, und kannst dich gar nicht entscheiden, nicht wahr?»

Ich schüttelte den gesenkten Kopf. Ein dicker Kloß hatte sich in meinem Hals festgesetzt, und ich versuchte, ihn mit aller Gewalt hinunterzuschlucken.

«Ich hol uns erst mal ein Glas Champagner!»

Mit diesen Worten verschwand Sébastien und ließ mich inmitten der neuen Frühjahr-Sommer-Kollektion auf dem glänzend weiß polierten Marmorboden stehen.

Ich sah mich um. Die Verkaufsräume hier waren so etwas wie die heiligen Hallen. Die weißen Säulen im Jugendstil verliehen dem Raum etwas Erhabenes und schienen die aufwendige Stuckdecke mit dem riesigen, goldenen Kronleuchter in der Mitte zu stützen. In den Regalen waren die Kleidungsstücke fein säuberlich und nahezu perfekt – wie nach einer unsichtbaren Schablone – zusammengelegt. Ich war gerne hier, denn diese Perfektion wirkte beruhigend auf mich. Hier war alles immer in Ordnung, hier stimmte die Welt. Jedes Teil lag an dem für ihn vorgesehenen Platz, und wann immer ich mich unruhig oder aufgewühlt fühlte, kam ich hierher. Schon beim Eintreten setzte die beruhigende Wirkung ein.

Ich ließ meinen Blick über die neue Kollektion schweifen. Edle, aber schlichte Schnitte, Schwarz-Weiß und ein starkes Apricot als Highlight waren im Kommen. Ich würde mir gleich noch einmal alles genauer anschauen, vielleicht fand ich noch etwas fürs Büro.

«Voilà!» Sébastien kredenzte mir eine Champagnerflöte, die besondere Gäste bei guten Einkäufen hier immer gereicht bekamen. Ich war eine von den Stammgästen, denen immer ein gutes Schlückchen angeboten wurde. Aber oft genug lehnte ich ab, weil ich meine Einkäufe meistens in die Mittagspause legte.

«Das habe ich nach dieser Schreckensmeldung jetzt auch nötig!», sagte Sébastien und sah mich an, mit einem Blick, der mittlerweile richtig mitleidig geworden war. «À la tienne!»

Das eigentliche Problem lag woanders. Wie war ich nur in diese Situation gekommen? Wie konnte mir so etwas passieren? In Gedanken hatte ich meine Hochzeit, seit ich denken konnte, immer und immer wieder geplant, aber eine Trauzeugin war niemals in diesen Überlegungen vorgekommen.

Ich nahm einen großen Schluck, obwohl mir Champagner um diese Tageszeit immer stark zusetzte.

«Uih! Das kenne ich ja gar nicht von dir!» Sébastien musterte mich verblüfft.

«Vielleicht hilft es ja bei der Suche nach einer Trauzeugin …» Ich war überrascht, wie dünn meine Stimme klang.

Sébastien seufzte, als würde die gesamte Last der Erde auf seinen Schultern liegen. Dann legte er seine Hand sanft an meine rechte Wange.

«Chérie, ich glaube, in diesem Fall hilft nicht mal Champagner. Obwohl der bei fast allem hilft.»

«Was meinst du?», fragte ich, und hielt ihm mein leeres Glas hin. «Noch einen Schluck, bitte.»

Er nahm mir das Glas ab und stellte es zusammen mit seinem auf einer Ablage ab, auf der die neuen, schmalen Sommergürtel lagen, die ich bereits ins Auge gefasst hatte.

«Du brauchst keinen Champagner, chérie. Was du brauchst, ist eine Freundin.»

Sébastien legte seine Arme um mich wie eine Mutter, die ihr Kind trösten will, das sich gerade das Knie aufgeschlagen hatte.

Da stand ich nun, Montagmittag um halb eins, in einem Meer weißer, fließender Stoffe, feiner Gürtel und zarter Schuhe, inmitten von alledem, was sich ein Mädchenherz nur wünschen kann – und wurde von einem belgischen Verkäufer getröstet, der sich als Franzose ausgab. Und das nur, weil ich das eine, das nicht im Regal zu finden war, nicht hatte: eine Freundin.

Die obligatorischen zehn Zentimeter zwischen Sébastien und mir waren verschwunden, es passte kein Blatt mehr zwischen uns.

2. Kapitel

Ich wickelte den weißen Seidenbademantel um meinen Oberkörper, ging mit verschränkten Armen zum Sofa und ließ mich in den Schneidersitz neben Philip fallen. Es lief irgendeine Sportsendung, und vor uns standen zwei Gläser Pinot grigio.

«Lass uns anstoßen», sagte er und gab mir ein Glas. «Auf uns!»

«Auf … uns», wiederholte ich. Doch statt zu trinken, entfuhr mir ein schwerer Seufzer.

«Was ist denn los?», fragte Philip und legte seine Hand liebevoll auf mein Knie.

«Ach», murmelte ich, «ich war vorhin bei Sébastien und –»

«Und meine Maus hat nichts Passendes gefunden?» Philip zog mich an sich, um mich zu umarmen. «Das kann ich nicht glauben! Dir steht doch einfach alles!»

«Das ist es nicht», sagte ich und legte meinen Kopf auf seine Schulter. «Sébastien hat mich gefragt, wer meine Trauzeugin sein wird.»

«Und, wer wird es?», fragte Philip. Ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: «Also ich für meinen Teil werde wohl Marc fragen. Guter Kerl. Fragst du Celine?»

«Celine ist meine Assistentin», antwortete ich entrüstet, «und Marc ist dein Geschäftspartner. Sollte der Trauzeuge nicht … irgendwie enger sein?»

«Wie meinst du das?» Philip strich mir über die Stirn, während er noch einen Schluck von dem Weißwein nahm.

«Sébastien meinte, ich müsse doch eine beste Freundin haben, die meine Trauzeugin wird. Ich hatte nie so richtig darüber nachgedacht, aber … mir fällt niemand ein. Ich meine, er hat vielleicht recht, und mir fehlt so eine nahestehende Person einfach?»

«Wir haben fast jeden Freitag und Samstag eine Einladung zu irgendeinem schicken Event, wir treffen uns jeden Mittwoch im Rotary Club, und letztes Wochenende waren wir mit Antonia und Paul golfen.»

«Das meine ich nicht. Das ist alles eher unverbindlich.»

Es fiel mir schwer, die Tatsache auszusprechen, denn das Gefühl von Scheitern und Versagen schwang in jedem Wort mit.

«Und es funktioniert wunderbar.»

«Ja, das schon …»

«Hast du denn bis jetzt etwas vermisst?», fragte Philip.

Ich schüttelte den Kopf. «Eigentlich nicht.»

«Na siehst du. Lass dich doch nicht von so einem oberflächlichen Franzosen durcheinanderbringen. Unser Leben ist perfekt, so wie es ist. Wir haben uns.»

«Eigentlich ist er Belgier», verbesserte ich ihn.

«Pralinenbäcker, Froschsuppenkasper, was auch immer! Das kann dir doch egal sein. Außerdem weiß ich schon, welche nahestehende Person deine Trauzeugin wird. Sie ist nahezu perfekt! Ach, was sag ich! Sie IST perfekt!»

«Wer?» Neugierig sah ich Philip an.

«Meine Mutter!»

«Was?!» Erschrocken löste ich mich aus Philips Arm. «Ist das dein Ernst?»

«Warum denn nicht? Liz steht uns so nahe wie sonst niemand, und sie betont wirklich immer, wie gerne sie mehr Zeit mit dir verbringen würde. Ich glaube, sie weiß, dass sie sich keine bessere Schwiegertochter wünschen könnte. Als ich ihr von unserer Verlobung erzählt habe, hat es ihr glatt die Sprache verschlagen.»

«Ich dachte, wir sagen es ihr zusammen?»

Philips Vorgriff ärgerte mich. Solche Nachrichten überbrachte man doch nicht zwischen Tür und Angel, und vor allem nicht allein.

«Na ja, sie war in der Mittagspause im Büro. Sie wollte mir ein paar Snacks bringen, du kennst sie ja, immer darauf bedacht, dass ich bloß genügend Vitamine zu mir nehme.» Philip lachte laut auf. «Sie ist wirklich eine Göttin. Sie hatte da schon 40 Minuten hartes Cardio-Training hinter sich und eine Stunde Yoga. In ihrem Alter sieht wirklich niemand so blendend aus, findest du nicht?»

«Ich finde es schade, dass wir es ihr nicht zusammen gesagt haben», erklärte ich bedauernd. «Wie hat sie denn genau reagiert?»

«Na ja, überrascht eben. Also, im Großen und Ganzen sagte sie nicht viel. Sie war natürlich … erstaunt. Das musst du verstehen, Schatz, ich bin ihr einziges Kind. Bis jetzt waren wir immer ein Zweier-Team, nachdem mein Erzeuger sich von heute auf morgen in Luft aufgelöst hatte. Pech und Schwefel, das weißt du ja. Aber selbstverständlich hat sie sich gefreut und sofort mit dem Pläneschmieden für unsere Hochzeit begonnen.»

«Was?»

Ich saß auf einmal kerzengerade auf dem Sofa. «Sie hat noch kein einziges Wort mit mir darüber gesprochen und schmiedet bereits Pläne?»

«Na ja, nur so kreatives Brainstorming, denke ich. Also, was hältst du von dem Vorschlag?»

Philip nahm sein Smartphone von der Sofalehne und suchte unter Favoriten die Nummer seiner Mutter. Seine Favoriten-Adressliste umfasste genau drei Nummern: Büro, Liz und S. B., das war ich: Sarah Bender. Warum er mich unter meinen Initialen abgespeichert hatte, blieb mir ein Rätsel. Er meinte mal, dass er anfangs alle Bekanntschaften so abspeichere und später einfach zu faul gewesen sei, es zu ändern. Dass er es in vier Jahren nicht geschafft hatte, zwickte immer noch wie ein kleiner Stein im Schuh, aber ich wollte ihm damit nicht auf die Nerven gehen.

Schnell legte ich meine Hand über das Display. «Nein!»

«Was? Wieso denn nicht?»

«Nie und nimmer wird Liz meine Trauzeugin!», schoss es aus mir heraus. Ich war so ruckartig aufgestanden, dass ich um ein Haar den Tisch mit den Gläsern gerammt hätte.

«Was ist denn auf einmal los mit dir?» Philip sah mich entgeistert an. «Du bist doch sonst nicht so schwierig. Was spricht denn bitte gegen meine Mutter?»

«Nichts, nichts», versuchte ich zu schlichten. «Nur sieh mal, sie muss dich ja schon zum Altar führen, sie ist schließlich die Einzige, die dafür in Frage kommt. Und da will ich ihr nicht noch einen Job aufhalsen.»

Das war gelogen. Es war vielmehr so, dass die Vorstellung, meine eigene Schwiegermutter – die meine Existenz höchstens tolerierte, weil sie ihren Sohn nicht verlieren wollte – zur Trauzeugin zu machen, einer emotionalen Katastrophe gleichkam. So dürftig konnte mein Leben nicht sein. Oder? Ich war kein gefühlsmäßig gesteuerter Mensch, aber was zu viel war, war zu viel.

«… finden Sie den perfekten Partner bei der Online-Suche. Sie geben an, was Sie suchen, und wir machen das perfekte Match für Sie!»

«Mach das doch bitte etwas leiser, ja?», sagte ich, als die Sportsendung von Reklame unterbrochen wurde. «Ich werde nie verstehen, warum Werbung immer lauter ist als der Rest des Programms.»

Philip nahm die Fernbedienung vom Tisch und schaltete den Fernseher leiser.

Das perfekte Match … echote es in meinem Kopf.

«Was hältst du eigentlich von Online-Dating?», murmelte ich eher vor mich selbst hin als Richtung Philip.

«Online-Dating? Was meinst du?» Unruhig rutschte er auf dem Sofa hin und her.

«Ich meine, wenn sie ein perfektes Match für Paare anhand von Vorlieben und Eigenschaften bilden können, dann müsste so was doch auch für gleichgeschlechtliche Beziehungen gehen, oder?»

«Lesben und Schwule werden sicher auch auf ihre Kosten kommen», stimmte Philip fachmännisch zu und wirkte schon wieder etwas ruhiger.

Ich schüttelte den Kopf. «Nein, ich meine, wenn man so was sucht wie ich. Eine Trauzeugin.»

«Du willst eine Trauzeugin per Online-Dating suchen?» Philip sah mich entgeistert an. «Aber du meinst doch nicht über diese Agentur da, oder?» Unsicher deutete er auf den Flachbildschirm, auf dem mittlerweile Werbung für kalorienreduzierten Sahneersatz lief.

«Doch. Genau die meine ich.» Ich schwang mich energisch vom Sofa auf. «Für alles im Leben gibt es Strategien. Und diese hier wird meine für die Mission: Trauzeugin gesucht!»

Zielstrebig lief ich nach oben in Richtung Arbeitszimmer und setzte mich vor den Laptop, der 24 Stunden sieben Tage die Woche angeschaltet da stand. Ich würde eine Trauzeugin finden. Und zwar eine, die ganz genau zu mir passte. Eine, wie sie perfekter nicht sein könnte. Eine, die alle Kriterien einer guten Trauzeugin erfüllte.

Da erst fiel mir ein, dass ich mir über diese Kriterien noch nie Gedanken gemacht hatte. Ich klappte den Laptop auf und öffnete eine Excel-Tabelle. Es wäre doch gelacht, wenn ich nicht in spätestens dreißig Minuten eine konkrete Liste mit den wichtigsten Eigenschaften einer Trauzeugin erstellt hätte.

Ich wusste genau, wie sie sein sollte.

So wie ich.

«Und Sie suchen also eine Freundin?»

«Ehrlich gesagt, eher eine … Trauzeugin.»

Ich ließ meinen Blick über die ganz in Schwarz gekleidete Frau mir gegenüber schweifen. Sie trug eine Art Catsuit, der in der Taille von einem eng geschnürten Lackgürtel zusammengehalten wurde. Ihre Nägel waren ebenfalls schwarz lackiert, und ihr Make-up konnte man ohne Übertreibung als karnevalistisch bezeichnen.

Es war nicht sonderlich schwer gewesen, nach der Anmeldung Kontakte zu knüpfen. Ich hatte angegeben, dass ich ausschließlich platonischen Kontakt zu Frauen suchte, und schon nach wenigen Stunden bekam ich die ersten Anfragen. Natürlich waren auch einige Männer dabei, die mir freundlich ihre Hilfe bei der Suche anboten oder mir netterweise die Zeit vertreiben wollten, aber die ignorierte ich einfach.

Vier Tage später hatte ich drei Verabredungen nacheinander und war deswegen sogar etwas früher aus dem Büro gegangen.

«Trauzeugin, wie niedlich. Also eine Bondage-Braut. Na ja, Heiraten ist ja auch total hardcore.»

«Bitte?»

Mein Gegenüber setzte ein geheimnisvolles Lächeln auf.

«Sie haben da etwas auf Ihrem Schneidezahn», erklärte ich und zeigte auf ihren Mund. «Lippenstift.»

«Das wird nachher abgeleckt …»

«Ich verstehe nicht ganz?»

«Komm einfach mit, Baby, du wirst es nicht bereuen.»

«Ich glaube, wir verstehen uns nicht richtig. Ich hatte doch angegeben, dass ich eine platonisch orientierte Frau suche.»

«Die suche ich auch.»

Die Frau, ich schätzte sie auf Anfang vierzig, sah mich auffordernd an. Sie trug aufgeklebte Wimpern, wie ich jetzt feststellte, und ihre stark hervortretenden Augen erinnerten mich an einen Kugelfisch, den ich einmal während eines Tauchgangs mit Philip auf den Malediven gesehen hatte.

«Dann verstehe ich die Andeutungen nicht», erklärte ich und verschränkte die Arme vor meiner Brust. «Wenn man das überhaupt noch so nennen kann.»

«Keine Angst, Baby. Ich will nicht mit dir schlafen. Ich suche nur jemanden an meiner Seite, als Verstärkung, wenn du so willst. Ich bin bis September ausgebucht und schaffe das alleine nicht mehr. Wie stehst du zu BDSM?»

«Bitte?»

«Die meisten Kunden stehen auf softe Sachen, die kann ich dir schnell zeigen. Bei den Hardcore-Geschichten müsste ich dich anlernen. Aber wenn ich mir dich so anschaue, glaube ich nicht, dass du mit den härteren Sachen Probleme haben wirst.»

Ich bin im falschen Film, dachte ich.

«Kann es sein, dass Sie eine … Prostituierte sind?», schoss es aus mir heraus.

«Na, na, na. Wer wird sich denn hier gleich so ordinär ausdrücken? Man kennt mich als Meisterin Rose. Domina meines Zeichens. Eigentlich gelernte Fleischfachverkäuferin, hab beim besten Metzger der Stadt gelernt. Na ja, und beim Fleisch bin ich dann ja auch irgendwie geblieben. Hahaha!»

«Verstehe.»

«Also, was ist jetzt? Ich mach dir deine Hochzeit nett und versohle deinem Angetrauten vor versammelter Mannschaft mal so richtig den Hintern. Und dann steigst du bei mir im Studio ein. Deal?»